Sonntag, 17. November 2019

Auf dem Weg zu Freud: Ribots Assoziationspsychologie und Charcots Hysteriker

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Die Geschichte der Psychoanalyse ist bisher vor allem aus der Perspektive ihres Begründers Sigmund Freud erzählt worden. Der renommierte, in New York lehrende Psychiater George Makari erweitert diesen Zugang: neues Archivmaterial und zehnjährige Forschungsarbeit haben es ermöglicht, unterschiedliche Sichtweisen zusammenzuführen und die Geburtsstunde der Psychoanalyse von 1870 bis 1945 nachzuvollziehen.

Makari ordnet Freuds frühe psychologische Arbeit in den Kontext der Zeit ein und zeigt Freud als kreativen, interdisziplinären Forscher, der auf der Grundlage bestehender Studiengebieten die weiterführende Freud´sche Theorie entwickelt hat. Der Autor folgt den heterogenen Wegen der jungen Psychoanalyse bis zum Weggang von Bleuler, Jung und Adler. Er schließt die Zeit der oft vernachlässigten Weimarer Phase ein und beschreibt ihren Versuch, eine pluralistischere psychoanalytische Gemeinschaft aufzubauen.

George Makari »Revolution der Seele« ist jetzt erstmals in deutscher Übersetzung beim Psychosozial-Verlag erschienen. Faust veröffentlicht einen Auszug aus dem ersten Teil.
KAPITEL-AUSZUG


Die Entstehung der Freud’schen Theorie

1. Die Wissenschaft im Sinn



Von George Makari

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»Es ist falsch zu sagen:
Ich denke: man müßte sagen:
Es denkt mich. […]
Ich ist ein anderer.«
Arthur Rimbaud (1979)


Als die Aufklärung den wissenschaftlichen Rationalismus nach oben auf die Himmelskörper ausdehnte und nach unten auf das Gewusel mikroskopischen Lebens, da gab es einen Gegenstand, zu dem scheinbar unmöglich vorgedrungen werden konnte: die Psyche. Der französische Verfechter der Wissenschaft und des rationalen Skeptizismus, René Descartes, begründete dies in seiner Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Wahrheitsforschung, indem er erklärte, dass das Ich jenseits einer rationalen Prüfung liege, denn es sei nichts anderes als die von den Kirchenvätern beschriebene immaterielle Seele (1637, S. 31–32). Religiöse Überzeugungen bezüglich des Seelenlebens erwiesen sich als langlebig und einflussreich, doch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen solche Vorstellungen etwas an Glaubwürdigkeit zu verlieren, und in dem verloren gegangenen Grund und Boden schlug eine Wissenschaft des Geisteslebens Wurzeln. Als Sigmund Freud 1885 in Paris eintraf, hatte sich Frankreich als Zentrum für innovative Forschung zu psychologischen Fragestellungen etabliert. In Berlin und Wien bemühten sich wenige Wissenschaftler um die Erforschung der Psyche, des Ichs, der Seele, des Selbst oder des Geistes – Bereiche, die mit Religion oder spekulativer Metaphysik behaftet waren. In Paris jedoch wurden die Wissenschaftler dank einer neuen Methode vom Studium des Seelenlebens angezogen. Diese Methode, die »psychologie nouvelle«, verwandelte Frankreich in eine Brutstätte des Studiums des Somnambulismus, menschlicher Automatismen, der multiplen Persönlichkeit, des doppelten Bewusstseins und des zweiten Selbst sowie von Dämonismus, Dämmerzuständen, Wachträumen und dem Gesundbeten. Die Wunderlichen und die Wundertätigen fanden den Weg von abgeschiedenen Dörfern, Klöstern und Jahrmärkten, von Exorzisten, Scharlatanen und betagten Heilmagnetiseuren in die Hallen der französischen Wissenschaft. Die Geburt dieser neuen Psychologie fand statt, als Frankreich selbst wiedergeboren wurde. Fast ein Jahrhundert nach der Revolution unterlagen die Franzosen 1870 schmachvoll den Preußen, was zum Sturz Kaiser Louis Napoleons III. und zur Gründung der Dritten Republik führte. Viele gaben die Schuld für dieses militärische Debakel der französischen Wissenschaft, da diese mit den Fortschritten, die in deutschen Ländern gemacht worden waren, nicht Schritt gehalten hatte. Der französische Republikanismus verband den Antiklerikalismus mit der Verpflichtung, die Wissenschaft neu zu beleben. Als die Autorität der französischen katholischen Kirche hinsichtlich der Bestimmung des Denkens über die Seele schwand, bildete sich eine kühne, neue wissenschaftliche Psychologie heraus.

Zur damaligen Zeit wurde die Psychologie als ein Ableger der Philosophie betrachtet und nicht als Naturwissenschaft, doch der Vorkämpfer der »psychologie nouvelle«, Théodule Ribot, schickte sich an, dies zu ändern (Nicolas & Murray 1999, 277–301). Théodule wurde 1839 als Sohn eines Kleinstadtapothekers geboren und später von seinem Vater gezwungen, in den Staatsdienst zu gehen. Nach drei Jahren Plackerei kündigte er an, dass er nach Paris gehen und versuchen würde, an der Elitehochschule École normale supérieure aufgenommen zu werden. Zwei Jahre später erhielt Ribot einen Platz an dieser Universität, wo er schnell eine Abneigung gegen die vorherrschende, von Victor Cousin vertretene spiritistisch orientierte Philosophie entwickelte. Cousins Psychologie – eine seltsame Mixtur aus Vernunft und Glauben – vermischte Vorstellungen von der Seele und von Gott mit naturalistischen Darstellungen des Geistes.

Ribot konnte das nicht ertragen. Trotz der Anprangerung durch den ortsansässigen Klerus machte er sich auf die Suche nach einer Methode, durch die die Psychologie für wissenschaftliche Untersuchungen voll zugänglich würde. Ribot tauchte in die Schriften britischer Denker ein und erschien 1870 mit La Psychologie anglaise contemporaine (école expérimentale) (1) auf der Bildfläche. Ungeachtet des nüchternen Titels wurde das Buch von einem kühnen Manifest eingeleitet, das die Psychologie in Frankreich über Jahrzehnte bestimmen würde.

Konventionelle Vorstellungen sowohl der Philosophie als auch der Naturwissenschaft machten das objektive Studium des Geistes unmöglich, erklärte Ribot. Er attackierte Philosophien wie die von Descartes und Cousin und beharrte darauf, dass sich die Psychologie von der Metaphysik und Religion befreien müsse. Psychologen könnten nicht zu metaphysischen Fragen Stellung nehmen oder offen von der Seele sprechen; und sie könnten sich nicht auf die praxisfernen Methoden der Philosophie stützen, sondern müssten die naturwissenschaftlichen Methoden anwenden (ebd., S. 21–22).

Für all das hatte Ribot ein begieriges Publikum. Viele seiner Zeitgenossen waren bereit, ältere Philosophien der Seele zugunsten der naturwissenschaftlichen Erforschung über Bord zu werfen. Doch wie sollte die Psychologie in eine Wissenschaft umgearbeitet werden? Um diese Frage zu beantworten, griff Ribot eine andere Gruppe Kritiker auf, angeführt von Auguste Comte, dem glühenden Vordenker der Wissenschaft (Guillin 2004, S. 165–181). Obwohl er ein unstetes Leben als gesellschaftlicher Außenseiter führte, errang Auguste Comte außerordentlichen Einfluss auf die Intellektuellen, Politiker und Wissenschaftler des späten 19. Jahrhunderts. 1855 legte der Franzose einen Werdegang der gesamten menschlichen Erkenntnis dar und erklärte, dass Theologie, Mythen und Belletristik das primitivste Stadium bildeten, welches sich dann zum zweiten Stadium weiterentwickelte, das der metaphysischen Abstraktion. Schließlich würden die philosophischen Vorstellungen vom vollendeten Wissensstand übertroffen, der wissenschaftlich und »positiv« war. Comtes Konzept erhielt daher die Bezeichnung »Positivismus« (s. Comte 1855). Mit dem Aufkommen der Dritten Republik im Jahr 1870 wurde Comtes Vorstellung von der Entwicklung der politischen Elite Frankreichs als Muster sowohl für die Wissenschaft als auch für die soziale Reform angenommen.

Comtes Denken brachte Ribot in eine schwere Zwickmühle, denn der Begründer des Positivismus glaubte, dass der psychologischen Erkenntnis ein unlösbares Problem zugrunde lag. Psychologen bauten auf Selbstbeobachtungen, um Dinge wie Gedanken, Gefühle und Begehren aufzudecken. Genau solche innere Beobachtungen – das Wissen, das von einem sich selbst beobachtenden Geist stammte – erzeugten Subjektivität. Daher kam Comte zu dem Schluss, dass die Psychologie niemals objektiv sein könne, und seine kurze Bestandsaufnahme früherer Bemühungen schien diese vernichtende Feststellung zu stützen:

»Nach zweitausend Jahren des psychologischen Strebens ist kein einziges für ihre Anhänger befriedigendes Theorem aufgestellt worden. Bis zum heutigen Tag spalten sie sich in eine Vielzahl von Schulen auf und streiten sich noch immer über die absoluten Grundbegriffe ihrer Lehre. Diese innere Beobachtung lässt fast so viele Theorien entstehen, wie es Beobachter gibt« (ebd., S. 33).
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts musste jeder, der versuchte, die Grundlagen für eine wissenschaftliche Psychologie zu schaffen – John Stuart Mill in England, Franz Brentano in Österreich und William James in den Vereinigten Staaten eingeschlossen –, gegen Auguste Comtes niederschmetternde Anklage antreten.
mehr:
- George Makari, Revolution der Seele – Die Geburt der Psychoanalyse (FaustKultur, 21.12.2011)
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Der Text-Ausschnitt entspricht den Buchseiten 17–42, Kapitel 1.1.1 und 1.1.2. 
© Psychosozial Verlag
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siehe auch:
Kurzüberblick Psychologische Schulen (arbeitsblaetter.stangl-taller.at, undatiert)
Kleine Psychologiegeschichte 1000-1900 (Mueller Science, undatiert)
Die Theorie der Psychoanalyse (Post, 09.03.2018)
Sigmund Freud, Das Unbewußte (1915) (Post, 09.03.2018)
Gustave Le Bon – Psychologie der Massen (Post, 29.01.2018)
Sigmund Freud: » Ihm verdanken wir die umfassendste Theorie der Seele.« (Post, 31.01.2017)
Vor 116 Jahren: Sigmund Freud veröffentlich »Die Traumdeutung« (Post, 05.11.2015)
Bizarre Forschung – Showtime in der Nervenklinik (Fabienne Hurst, SPON, 22.01.2013)
- Charcot und die Ätiologie der Neurosen (Esther Fischer-Homberger, fischer-homberger.ch.galvani.ch-meta.net, 1971 – PDF)
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Mittwoch, 30. Oktober 2019

Matthieu Ricard: «Suchen Sie das Glück dort, wo es ist.»

Matthieu Ricard – vom Wissenschaftler zum buddhistischen Mönch | Sternstunde Philosophie, SRF Kultur {57:31}

SRF Kultur
Am 16.07.2015 veröffentlicht 
Er stand vor einer glänzenden Karriere als Wissenschaftler, doch er zog dieser das spartanische Mönchsleben im Himalaja vor. Seine Wahl gab ihm Recht: Neuropsychologen sagen, keiner habe ein so heiteres Gemüt wie er. Barbara Bleisch fragt den berühmten buddhistischen Mönch Matthieu Ricard nach seinem Rezept.
Sternstunde Philosophie vom 05.07.2015

siehe auch:
Mark Epstein – Buddhismus und Psychoanalyse (Post, 13.06.2015)
Matthieu Ricard: Das Glück als Lebenskunst (Post, 07.01.2015)
- Die fünf Hemmungen (Post, 06.11.2014)


Unsere Aktivitäten zu vereinfachen,
das bedeutet nicht,
in Trägheit zu verfallen,
sondern sich im Gegenteil von dem subtilsten Aspekt der Trägheit zu befreien:

Dem,
was uns tausend unwichtige Dinge tun lässt.  

Dienstag, 29. Oktober 2019

Psychoanalyse


"Eine Psychologie, für welche dies Buch (der vergegenständlichen Wesenskräfte des Menschen), also gerade der sinnlich gegenwärtigste, zugänglichste Teil der Geschichte zugeschlagen ist, kann nicht zur wirklich inhaltvollen und reellen Wissenschaft werden. Was soll man überhaupt von einer Wissenschaft denken, die von diesem großen Teil der menschlichen Arbeit vornehm abstrahiert und nicht in sich selbst ihre Unvollständigkeit fühlt, solange ein so ausgebreiteter Reichtum des menschlichen Wirkens ihr nichts sagt, als etwa, was man in einem Wort sagen kann: "Bedürfnis", "gemeines Bedürfnis"?" (MEW 40, S. 543).
Psychoanalyse will durch eine Beziehung zwischen Therapeut und Patient in einer analytischen Selbstreflexion Verdrängungen und Widerstände aufarbeiten und auflösen, die als individualpsychologisch begriffene Ursache von psychischen Störungen angenommen werden. Durch Einsicht in die Abwehrmechanismen der Psyche sei eine verbesserte Kontrolle der "Ich-Leistungen" möglich und durch diese eine Emanzipation aus einer psychischen Abhängigkeit zu ermöglichen.
"Wo ES war, soll ICH sein" (Sigmund Freud)
Psychoanalyse ist von daher eine "introspektive" Richtung der Psychologie, die sich von positivistischen, konstruktivistischen, interaktiven oder systemischen Ansätzen zur Erklärung der Psyche unterscheidet. Sie begründet sich im Erkenntnisinteresse der Aufklärung und will von daher einen "Irrationalismus" eines unbewussten psychischen Strebens aufdecken und erklären.
mehr:
- Psychoanalyse (Wolfram Pfreundschuh, Kulturkritik.net, undatiert)
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Inkompetenzkompensationskompetenz

Wer mit Humor denkt, darf sich auch Wortungetüme ausdenken: Zum Tod des Philosophen Odo Marquard


Ein Konservativer, das war Odo Marquard, rückwärtsgewandt ganz sicher nicht. Dass wir viel mehr von Traditionen als von Experimenten bestimmt sind, schien ein leitendes Prinzip der Karriere dieses Denkers zu sein, der bekannte, „Philosophie nach dem Ende der Philosophie“ zu betreiben: 1928 in Pommern geboren, ging Marquard 1965 gleich nach der Habilitation bei Joachim Ritter von Münster nach Gießen, wo er die nächsten 28 Jahre lang lehren sollte.

Auch Marquards Betonung der „Unvermeidbarkeit der Geisteswissenschaften“ mag manchem anachronistisch erscheinen, der diese Fächer, die „nicht oder noch nicht experimentieren“ – kurz die „erzählenden Wissenschaften“ – in Zeiten von Technoscience und empirischen Humanwissenschaften nur mehr als museale Veranstaltung ansieht.

Das aber würde verkennen, was Marquard als Grund für das absolut Zeitgemäße der philosophischen Fakultät ausmacht: Zwar waren die experimentellen Naturwissenschaften dem Philosophen historisch eine Herausforderung, und die Geisteswissenschaften zunächst nur eine Antwort. Dass es hier aber nicht um eine simple Reaktion, um Rückzugsgefechte gehen konnte, war die leitende Überzeugung Marquards: „Die Genesis der experimentellen Wissenschaften ist nicht die Todesursache, sondern die Geburtsursache der Geisteswissenschaften.“

Für den Postphilosophen sind sie nicht Opfer, sondern Resultat der Modernisierung und deshalb „unüberbietbar modern“. Keine Rückkehr hinter das, was verwaltete Welt und instrumentelle Vernunft aus dem Menschen gemacht haben, sondern ihre „Kompensation“. Kompensation sah Marquard überhaupt als zentrale Aufgabe der eigenen Zunft.

mehr:
- Inkompetenzkompensationskompetenz (Mladen Gladic, Welt, 13.05.2015)
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siehe auch:
- lnkompetenzkompensationskompetenz? Ober Kompetenz und Inkompetenz der Philosophie (Odo Marquard, Vortrag im Kolloquium »Philosophie - Gesellschaft - Planung«, Hermann Krings zum 60. Geburtstag, am 28.9.1973 in München, Giessener Elektronische Bibliothek, PDF)
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Samstag, 26. Oktober 2019

Gefühle sind nur Gefühle

Die Meditation hat zwei Aspekte: Der erste ist das Innehalten und zur Ruhe kommen, der zweite das tiefe, transformierende Schauen. Wenn Sie genügend Achtsamkeitsenergie besitzen, können Sie tief in jedes Gefühl hineinschauen und seine wahre Natur erkennen. Dann werden Sie in der Lage sein, es zu verwandeln.
Natürlich sind die Gefühle tief in uns verwurzelt.
Sie sind so stark, dass wir glauben, es nicht zu überleben, wenn wir sie einfach zuließen. Wir verleugnen und unterdrücken sie, bis sie schließlich explodieren und uns und andere verletzen. Aber ein Gefühl ist nur ein Gefühl. Es kommt, bleibt eine Weile und geht dann wieder. Warum sollten wir uns oder andere nur wegen eines Gefühls verletzen? Wir sind so viel mehr als unsere Gefühle.
Wenn wir tief schauen können, können wir die Ursachen unserer schmerzlichen Gefühle erkennen und mit der Wurzel ausreißen. Es kann bereits sehr hilfreich sein, uns lediglich darin zu üben, unsere Gefühle zu umarmen. Wenn wir in dem kritischen Augenblick, in dem wir das Gefühl empfinden, wissen, wo wir Zuflucht nehmen können, wenn wir ein- und ausatmen und unsere Aufmerksamkeit fünfzehn oder zwanzig oder gar fünfundzwanzig Minuten auf das Heben und Senken unserer Bauchdecke richten können, wird der Sturm vorüberziehen, und wir werden wissen, dass wir überleben werden. Gelingt es uns, starke Gefühle zu überwinden, erleben wir einen unerschütterlicheren Geistesfrieden. Sobald wir diese Praxis beherrschen, legt sich die Angst. Beim nächsten starken Gefühl wird es leichter. Wir wissen bereits, dass wir es überleben können.
Können wir entspannen, wenn starke Gefühle aufkommen, geben wir sie nicht an unsere Kinder und künftige Generationen weiter. Bleiben wir bei unserer Angst und unterdrücken sie, um sie dann explodieren zu lassen, geben wir sie an die jungen Menschen in unserer Umgebung weiter, die sie aufnehmen und ebenfalls weitergeben werden. Wissen wir dagegen mit ihr umzugehen, werden wir auch den geliebten und den jungen Menschen eher helfen können, ihre Angst zu bewältigen. Wir können ihnen zur Seite stehen und sagen: »Mein Liebling, atme mit mir ein und aus. Achte auf das Heben und Senken deiner Bauchdecke.« Weil sie Sie dabei beobachten können, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie Ihnen zuhören werden. Weil Sie da sind und Achtsamkeitsenergie und Festigkeit bieten, wird auch Ihre Tochter oder Ihr Partner die emotionalen Stromschnellen durchqueren können. Sie werden wissen, mit dem geliebten Menschen an ihrer Seite können sie das starke Gefühl überstehen – genau wie Sie. Sie leben vor, wie man im Angesicht der Angst ruhig bleibt, und lehren junge Menschen, ihre eigenen Stürme zu überstehen. Dadurch vermitteln Sie ihnen eine wertvolle Fähigkeit, die ihnen irgendwann vielleicht sogar das Leben retten wird.

[Thich Nhat Hanh, Der furchtlose Buddha, Arkana 2013, 3. Aufl. S. 116ff.] 

Sonntag, 20. Oktober 2019

50 Jahre "Dr. Sommer" Liebeskummer, Brüste und das erste Mal

Werde ich vom Küssen schwanger? Ist mein Penis zu klein? Fragen, die Teenager brennend interessieren, die sie ihren Eltern aber nie stellen würden, beantwortet seit 50 Jahren "Dr. Sommer". Zum Jubiläum verrät Klaus Mauder vom "Dr. Sommer"-Team n-tv.de, welche die drängendsten Fragen sind, wie Pornos das Sexleben der Jugendlichen verändern und wer sich hinter "Dr. Sommer" verbirgt.

n-tv.de: "Dr. Sommer" beantwortet jetzt bereits seit 50 Jahren Fragen in der "Bravo". Haben Teenager im Jahr 2019 die gleichen Probleme wie Teenager 1969?
Klaus Mauder: Die Fragen haben sich im Wesentlichen nicht verändert. Jugendliche haben während der Pubertät Probleme, die sich in jeder Generation wiederholen. Sie stellen vor allem Fragen zur körperlichen Entwicklung, der ersten Liebe oder zur Verhütung. Mit der Digitalisierung und dem Internet kamen natürlich neue Fragen dazu. Online flirten, sich im Internet verlieben - das sind ganz neue Möglichkeiten für Jugendliche, die aber auch wieder neue Fragen aufwerfen. Hinzu kommen Themen wie Sexting oder Cybermobbing.

Stichwort Internet: Sexuelle Inhalte sind heute viel leichter zugänglich als noch vor einigen Jahrzehnten. Führt das dazu, dass die Jugendlichen früher aufgeklärt sind oder verunsichert es eher?
Ich denke, das trifft beides zu. Dank des Internets kennen sich viele Teenager mit Verhütung und Co gut aus, sind aufgeklärt und informiert, aber auch verunsichert - und zwar immer dann, wenn es um sie persönlich geht, um ihre Fragen, um ihre Pubertät. Die können sie oft schwer ergoogeln. Denn wann ist denn nicht für irgendwen, sondern für mich persönlich der richtige Zeitpunkt für das erste Mal? Dazu kommt, dass Inhalte im Internet zum Thema Sexualität oft nicht altersgerecht aufbereitet sind. Vieles verwirrt dann eher, als dass es für Aufklärung sorgt.

mehr:
- 50 Jahre "Dr. Sommer" Liebeskummer, Brüste und das erste Mal (n-tv, 20.10.2019)

Mittwoch, 9. Oktober 2019

Linda Hamilton: "Ich bin bipolar, mein Gehirn läuft ohne Pause auf Hochtouren"

Ich bin im Haus meiner Eltern. Durch das Fenster sehe ich Arnold Schwarzenegger als Terminator auf das Haus zukommen, die Waffe im Anschlag. Schreiend vor Angst wache ich auf. Diesen Alptraum hatte ich nach den Dreharbeiten für den ersten Terminator-Film häufig. Ich war eine junge Schauspielerin und wusste nicht, wie ich die Gefühle meiner Figur wieder loswerden sollte.

Mein Traumleben war schon immer sehr intensiv. In meinen Träumen werde ich schikaniert, misshandelt oder bedroht, ich muss Tote essen oder habe Menschen ermordet. Und auch wenn die Träume nicht real sind – die Gefühle, die sie in mir auslösen, sind es sehr wohl.

Ich bin bipolar, mein Gehirn läuft ohne Pause auf Hochtouren. In meinem Kopf laufen dauernd Wortgefechte ab. Die überschüssige Energie in mir bricht sich auch in meinen Träumen Bahn. Ich glaube, sie haben mir geholfen, halbwegs gesund zu bleiben. Meine Träume sind eine Art nächtlicher Reinigung. Das Gift in mir, die Angst, die Wut, die Verletzlichkeit – all das fließt in meine Träume ein. Danach muss ich diese Gefühle nicht mehr im Alltag ausleben.

mehr:
- Linda Hamilton: "Ich bin bipolar, mein Gehirn läuft ohne Pause auf Hochtouren" (Protokoll: Jörg Böckem, ZON, 09.10.2019)

Dienstag, 17. September 2019

„Da geht er dann, dein Traum, normal zu sein“

Porträt Judith Visser wollte ihr Leben lang sein wie alle anderen. Als sie dachte, sie hätte es geschafft, bekam sie ihre Diagnose

Es ist ein diesiger Vormittag in Rockanje, einem Kaff an der Rotterdamer Riviera, wo sich jenseits der Saison wenig regt. Über Nacht ist die Temperatur gefallen, der Wind hat zugelegt, und im Badhotel am äußersten Rand des Dorfs ist wenig los. Soeben wurde das Frühstück abgeräumt, der hellblaue Pool vor der Terrasse ist verwaist. Dann biegt Judith Visser um die Ecke, in kurzem, ärmellosem Jeanskleid und schwarzen All Stars, in den Händen drei Leinen, an jeder einen großen Wolfshund – so läuft sie auf den Eingang zu.

Judith Visser, 41 Jahre alt, ist eine der bemerkenswertesten Schriftstellerinnen der Niederlande. Und sie ist Autistin. Als Thriller-Autorin hat sie es zu einigem Ansehen gebracht, samt Preisnominierungen und einer Verfilmung. Später sattelt sie auf Romane um. Als 2018 Zondagskind erscheint, wird es ein Bestseller. Das Buch (deutsch: Mein Leben als Sonntagskind) handelt vom Aufwachsen des Mädchens Jasmijn Vink, sie hat das Asperger-Syndrom, doch das weiß sie noch nicht. Sie erfährt es erst als Erwachsene. Der Roman ist stark autobiografisch, Jasmijn Vink ist Judith Visser. Wie ihr ist ihrer Protagonistin der Lärm in der Vorschule zu laut, traut sie sich nicht, mit der Lehrerin zu sprechen, und hat größte Probleme mit Situationen, die sie nicht vorhersehen kann. Sie lebt in einer Welt, die sie immer wieder überfordert.

Ihre zuverlässigen Stützen, das sind ihre Hündin Senta, immer an ihrer Seite, der Reitunterricht, aber eben nur, solange sie ihr Lieblingspony Cilly zugeteilt bekommt, und Elvis Presley. Dessen sanfte Stimme spricht sie auf ungekannte Weise an. Bei Senta, Cilly und Elvis weiß sie immer, woran sie ist. Noch eine andere Konstante bildet sich im Laufe von Kindheit und Adoleszenz heraus: die sogenannte „normale Jasmijn“, die Welten entfernt scheint, aber doch ein Alter Ego ist und eine Projektionsfläche, auf der sie in ihrem Tagebuch all das entwirft, was hätte passieren können, wenn sie wäre wie die anderen Kinder. Die „normale Jasmijn“ ist kontaktfreudig, beliebt, sie hat Freunde und weiß immer, wie sie sich zu verhalten hat. Den Namen Jasmijn habe sie gewählt, weil er an eine Blume erinnert, sagt Judith Visser. „Und je älter ich wurde, desto besser wurde ich darin, allerlei Eigenschaften auf blumige Weise zu verstecken.“

In ihrem Buch greift sie das verbreitete Halbwissen über Autismus auf, analysiert es und fügt es ein in die Welt der jungen Protagonistin. Vom Weglaufen aus der Kita, deren Gewusel und Geräuschpegel Jasmijn nicht erträgt, bis zum Einschlafen am Steuer des Fahrschulwagens, weil alles um sie herum sie überfordert. „Normal“, eine Referenz, die die Autorin selbst immer wieder benutzt, ist das alles nicht. Nur weiß sie lange Zeit einfach nicht, was sie hat. Es sind die 1980er, in einer Arbeiterfamilie in einem armen Viertel von Rotterdam, von Autismus hat dort noch nie jemand was gehört.

mehr:
- „Da geht er dann, dein Traum, normal zu sein“ (Tobias Müller, der Freitag, 17.09.2019)

Samstag, 14. September 2019

Sonntag, 11. August 2019

Die 4 Phasen nach einer Trennung und was am Ende am meisten hilft

Eine Trennung und die drauf folgende Achterbahnfahrt an Gefühlen von Wut, Trauer, Enttäuschung, Angst bis hin zur Erleichterung ist eine Herausforderung. Wie wir eine Trennung erleben und damit umgehen hängt dabei von vielen Faktoren ab: Habe ich mich getrennt oder sich der Partner von mir? Ist es die Trennung der ersten großen Liebe oder habe ich mehrere durchlebt? Was für eine Rolle spielten Trennungen in meiner Kindheit und wie stabil ist mein Selbstwert.
In der Trennungszeit ist es hilfreich zu wissen, welche Phasen es gibt – und vor allem die Sicherheit: Nach einer gewissen Zeit geht es immer wieder Bergauf, garantiert! In diesem Beitrag beschreibe ich die vier Trennungsphasen, welche wir durchlaufen werden. Die Reihenfolge kann variieren, wie auch die Dauer und Intensität der einzelnen Abschnitte bei jedem Menschen unterschiedlich sein können.
mehr:
- Die 4 Phasen nach einer Trennung und was am Ende am meisten hilft (Wieland Stolzenburg, auf seiner Seite, undatiert)
siehe auch:
Trennung verarbeiten: Die 5 Phasen einer Trennung + 8 Heilmittel (Lernen.net)
Die fünf Phasen einer Trennung (welt.de)
Aus und vorbei – Diese 6 Phasen macht jeder nach einer Trennung durch (Sarah Peters, Express.de, 15.02.2017)
- Die 7 Phasen der Trennung (Vera Matt, Praxis für Paartherapie Berlin, 05.05.2019)
- Trennungsschmerz: "Man muss seine Leidenspower nutzen" (Karin Spitra, Stern)
Nach der Trennung: Wie werde ich mit meinen Gefühlen fertig? (Doris Wolf, Familien-Handbuch)
- Der Schmerz nach der Trennung (Interview: Tilmann Botzenhart und Bertram Weiss, Geo.de)
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Samstag, 10. August 2019

Von der Lust am Dialog – der Hermeneutiker Hans-Georg Gadamer

Am 11. Februar 1900 begann das Lebens eines Mannes, dessen über hundertjähriges Bemühen stilbildend werden sollte: Sein Bemühen um das Verstehen, um das Wort, und darin begründet seine Fähigkeit zum offenen Dialog.

Seine „philosophischen Lehrjahre“ verbrachte Hans-Georg Gadamer in Breslau, Marburg, München und Freiburg; als Hochschullehrer wirkte er danach bis zum Jahre 1968 in Marburg, Leipzig, Frankfurt am Main und Heidelberg. Und erst dann, als „emeritus“ trat er mit großen schriftlichen Arbeiten an die Öffentlichkeit – Fortsetzungen, ja Entfaltungen jenes Werkes aus dem Jahre 1960, dessen Titel programmatisch bleibt: „Wahrheit und Methode“.

Wieder und wieder kreist Hans-Georg Gadamer in Schrift und Wort – und da besonders in der freien Rede – um die Fragen, was gemeint ist und was verstanden wird, versucht in sokratischer Tradition dialogisch zu erheben, was Wahrheit ist. 

In Reden und Gesprächen nähert sich die Lange Nacht dem Jahrhundertleben von Hans-Georg Gadamer.

mehr:
- Von der Lust am Dialog – Eine Lange Nacht mit dem Hermeneutiker Hans-Georg Gadamer (Bernd H. Stappert, Deutschlandfunk, 20.02.2010)
siehe auch:
Philosophie heute: Warten auf den großen Sprung ( Marion Kretz-Mangold interviewt Wolfram Eilenberger, WDR Wissen, 09.06.2017)
Was ist eigentlich Hermeneutik? (Philosophisches Kopfkino, 3sat-Mediathek, 25.01.2012)
Video-Transkriptionen zu Gadamer (PhilosophieRaum, 19.12.2009)
- Interpretation zu Hans-­Georg Gadamers "Mensch und Sprache" (Christian Heller, Hausarbeit, SoSe 2006)
Hans-Georg Gadamer: "Suchende sind wir im Grunde alle" (Farkas-Zoltán Hajdú’s Gespräch mit dem Heidelberger Philosophen, Veröffentlicht in Aufklärung & Kritik 2/2002, S. 141-149, Gesellschaft für kritische Philosophie Nürnberg)
Der ununterbrochene Dialog: Hans-Georg Gadamer und Jacques Derrida (Martin Gessmann, Uni Heidelberg, Ruperto Carola Ausgabe 3/2004)
"Wer eine Frage stellt, auf die er die Antwort weiß, lügt doch!" (Gespräch mit dem Philosophen Hans Georg Gadamer vom 02.08.2001 [Kurzfassung eines Interviews von Sigrid Beckmann-Lamb])
Über das Leben von Hans Georg Gadamer (Hans-Georg Gadamer im Gespräch mit Cato Wittusen über die Philosophie Ludwig Wittgensteins, 1997, siehe Fußnote 1 im verlinkten Text)
- Sprache als Medium der hermeneutischen Erfahrung (Hans-Georg Gadamer, Auszug aus: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, 1960, Tübingen – Die erste Seite ist sehr empfehlenswert)
- Die Kontinuität der Geschichte und der Augenblick der Existenz (Hans-Georg Gadamer, Auszug aus: Wahrheit und Methode. Ergänzungen, Register, Gesammelte Werke Band 2, Mohr 1993, Tübingen)
Hans-Georg Gadamer - Portrait & Gespräch {28:29}

PhilosophieKanal
Am 22.08.2012 veröffentlicht 
"Ein Philosoph wird 100 Jahre" (Stefano Tognoli, 2000)
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Montag, 8. Juli 2019

David Chalmers: Bin ich mein Gehirn?

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David Chalmers hat 1995 den Ausdruck vom „schwierigen Problem des Bewusstseins“ (the hard problem of consciousness) geprägt. Darunter versteht er die Frage, warum es überhaupt Erlebnisgehalte – oder Qualia – gibt. Warum tut es etwa weh, wenn ich mir mit einer Nadel in den Finger steche? Wir verstehen einiges von den internen Prozessen, die in einer solchen Situation ablaufen: Von unserem Finger werden Signale ins Gehirn geleitet, dort finden komplexe Verarbeitungsprozesse statt. Mit Hilfe von bildgebenden Verfahren können wir sogar herausfinden, welche Prozesse im Gehirn ablaufen, wenn wir Schmerzen im Finger erleben. Nur, so Chalmers, wir haben dennoch nicht die geringste Ahnung, warum es dabei weh tut! Warum passieren all diese Prozesse nicht, ohne dass dabei auch nur ein Funken Bewusstsein entsteht? Dies ist das harte Problem des Bewusstseins und auch das klassische Qualiaproblem, wie es von Thomas NagelFrank Cameron Jackson und Joseph Levine formuliert wurde.
Dem schwierigen Problem stellt Chalmers ein „einfaches“ (the easy problem of consciousness) Problem gegenüber. Dieses einfache Problem umfasst all die psychischen Phänomene, die nicht direkt von der Frage nach dem Erlebnisinhalt bzw. den Qualia abhängen. Also etwa LernenGedächtnisDenken oder Problemlösen. Es sind solche Themen, bei denen die neuro- und kognitionswissenschaftliche Forschung viele Fortschritte macht. Nun will Chalmers mit seiner etwas provokanten Rede vom „einfachen Problem“ keineswegs sagen, dass die Ergebnisse dieser Wissenschaften trivial sind. Nur im Vergleich mit der Frage nach dem Erlebnisgehalt handelt es sich um einfache Probleme, da sie sich mittels funktionalistischer Methoden lösen lassen. Die Naturwissenschaften (und mit ihnen die Neurowissenschaften) bedienen sich solcher Erklärungsmodelle, die mit Strukturen, Funktionen und Vergleichen arbeiten. Diese Methoden scheitern (bislang), wenn es um eine „objektive“ bzw. allgemeingültig-wissenschaftliche Erklärung der Qualia geht. Demzufolge wissen wir sehr grob, wie z. B. eine Erklärung des Lernens aussehen könnte, wir haben aber nicht den Hauch einer Ahnung, wie eine Erklärung unserer Erlebnisse aussehen könnte.
Die Annahme des „hard problems“ wird von einigen Materialisten abgelehnt. Einer der vehementesten Widersacher Chalmers ist hierbei Daniel Dennett, dem zufolge sich Qualia mittels einer „Heterophänomenologie“ objektiv erklären lassen, wohingegen Dennett laut Chalmers das Problem damit nur „weg definieren“ aber nicht in der Realität lösen würde.
[David Chalmers, Das schwierige Problem des Bewusstseins, Wikipedia, abgerufen am 09.10.2019]
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David Chalmers: Bin ich mein Gehirn? | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur {1:00:30}

SRF Kultur
Am 08.07.2019 veröffentlicht 
Er ist ein hochdekorierter Philosophieprofessor und singt in einer Rockband. Er hat mit Bestnoten Mathematik studiert und glaubt an eine Art Beseelung der Welt. Und er hält die Frage nach dem Bewusstsein für das schwierigste Problem der Philosophie. Barbara Bleisch im Gespräch mit David Chalmers.
Wir alle haben ein grossartiges Kino im Kopf: Es passiert nonstop eine Menge, es gibt Farbe, Ton und sogar Geruch und Geschmack, wir können zurückspulen und uns erinnern und vorspulen und etwas planen. Das Beste daran: Wir erleben den Film. Die Frage ist nur: Was genau heisst das eigentlich? Ist das Ich, das den Film erlebt, Teil des Films – oder ausserhalb und etwas ganz anderes? Ist unser Bewusstsein letztlich nur ein Effekt einer grossartigen Filmmaschinerie, die wir Gehirn nennen?
Physikalisten meinen tatsächlich, auch das Bewusstsein lasse sich rein naturwissenschaftlich erklären. Der australische Philosoph David Chalmers ist anderer Meinung. Für ihn ist die Frage nach dem Bewusstsein nach wie vor ungelöst. Barbara Bleisch im Gespräch mit einem der kreativsten Philosophen unserer Zeit.
Literatur:
David J. Chalmers: «The Character of Consciousness (Philosophy of Mind)». Oxford University Press, 2010
David J. Chalmers (Herausgeber.): «Philosophy of Mind. Classical and Contemporary Readings». Oxford University Press, 2002
English version: https://youtu.be/LkLxuREOwok
Sternstunde Philosophie vom 30.06.2019
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SRF Kultur:
► http://srf.ch/kultur

siehe auch:
Wie kommt der Geist in die Materie? (Post, 25.01.2018)
- Sind wir wie Roboter? (Post, 08.05.2015)

Freitag, 14. Juni 2019

Zen im Schwarzwald – Heidegger und der Rashomon-Effekt

Versuche, Heideggers Denken angemessen zu verstehen, verweisen im Falle von Sein und Zeit auf Aristoteles, Luther oder die Marburger Theologie.1 Beim späten Heidegger beginnt indes die Suche nach Quellen, die außerhalb dessen stehen was Heidegger als «die abendländische Metaphysik» adressierte: die von ihm selbst interpretierten Vorsokratiker oder gar die hebräi- sche Tradition.2 Auch die Konvergenz zwischen der Spätphilosophie Heideggers und zentralen Motiven des ostasiatischen Denkens ist seit langem Gegenstand der Forschung.3 Reinhard May hat zu belegen versucht, dass vor allem Heideggers ausführliche Auseinandersetzung mit dem taoistischen Denken, das ihm durch Bubers Tschuang-Tse-Ausgabe von 1910 und Richard Wilhelms Übersetzung des Tao Te King bekannt war und mit dem er sich unter Anleitung von Paul Hsiao intensiv beschäftigte, einen wichtigen Einfluss auf sein Denken ausübte.4 May kommt zu dem Ergebnis, dass Heideggers Begriff des Nichts, ja die idiosynkratisch anmutende und stets mit Verweis auf Hölderlin hergeleitete Fusion von Dichten und Denken wesentlich durch den Einfluss des Taoismus zu erklären sei. Heideggers Spätwerk werde nur verständlich auf Basis einer gründlichen Auseinandersetzung mit dem «nichtabendländischen Denken».5 

Eine Variante dieser Verknüpfung Heideggers mit außereuropäischem Denken stellt Willfred Hartigs ausführliche Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Buddhismus und Heidegger dar. Er kommt auf der Basis persönlicher Begegnungen mit Heidegger indes zu dem Ergebnis, dass die Konvergenz mit der indischen Kultur entscheidend sei. Über sich selbst in der dritten Person schreibt Hartig: «Ihm wurde bewußt, daß viel stärker als das Altgriechische eigentlich das Alt- und Mittelindische, in denen ja Sein und Wahrheit in ein- und demselbem Wort (sk. sat-ya, Palisacca) zusammenfallen, sich als die phänomenologischen Sprachen des ost-westlichen Altertums erweisen.»6 Hätte Heidegger seine Spätphilosophie also viel weniger umständlich, viel eleganter auf Sanskrit formulieren können?
mehr:
- Zen im Schwarzwald – Heidegger und der Rashomon-Effekt (Felix Heidenreich, Zeitschrift für Ideengeschichte, Heft XIII/2 Sommer 2019)
siehe auch:
- Ein Meister aus Deutschland: Heidegger und seine Zeit (Rüdiger Safranski, Amazon)
- Wittgenstein und Heidegger: Die letzten Philosophen (Manfred Geier, Amazon)
Zeit der Zauberer: Das große Jahrzehnt der Philosophie (Wolfram Eilenberger, Amazon)
Hannah Arendt und Martin Heidegger (Antonia Grunenberg, EINBLICKE Nr. 44 / Herbst 2006, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – PDF)
- Eine unmögliche Liebe (Klaus Naumann, ZON, 18.08.1995)
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Sonntag, 2. Juni 2019

Die Politisierung der Psychotherapie

Wilhelm Reich, das «Kränzli» um Paul Parin und das Psychoanalytische Seminar Zürich (PSZ).
Wilhelm Reich war ein Schüler von Sigmund Freud. Doch mehr als Freud war der österreichisch-US-amerikanische Arzt, Psychiater, Psychoanalytiker und Sexualforscher auch ein politisch radikaler Mensch. Reich war in den 1920er-Jahren der kommunistischen Partei Österreichs beigetreten und entwickelte Freuds Libidotheorie zur Orgasmustheorie. Darin untersuchte und beschrieb er die «vollständige orgastische Potenz». Dabei richtete er den Blick auf körperliche Vorgänge und entfernte er sich vom klassischen Vorbild Freuds. Anders als dieser lehrte Reich nicht die seelische Verarbeitung, nicht die Sublimierung sexueller Triebe, sondern ihr ungehemmtes Ausleben. In der orgastischen Potenz sah Reich den Schlüssel für einen erfolgreichen Kampf gegen die Neurose. Dazu sollte auch der von ihm in Berlin gegründete Reichsverband für proletarische Sexualpolitik, kurz Sexpol, dienen, in dessen Arbeit Psychoanalyse und Marxismus kurzgeschlossen werden sollten. 
Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus
Denn Reich vertrat inzwischen die Überzeugung, dass die Befreiung der genitalen Sexualität von allen Einschränkungen und Tabus die beste Voraussetzung dafür sei, Individuen für den Kampf gegen politische Repression, gegen die bürgerliche Gesellschaft zu befähigen. Er war einer der ersten, der Psychoanalyse mit den sozialpolitischen Theorien von Karl Marx verknüpfte. Aber seine politische und psychotherapeutische Radikalität führten auch zum Bruch mit Sigmund Freud und zum Ausschluss aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 
Das hinderte Reich nicht daran, den aufkommenden Nationalsozialismus psychoanalytisch zu deuten. Sein Buch «Massenpsychologie des Faschismus» publizierte er 1933. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die im Jahr von Hitlers Machtergreifung in Deutschland erschien, führten auch zum Ausschluss aus der Kommunistischen Partei Deutschlands und aus der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft. Als Jude, Kommunist und Psychoanalytiker nun dreifach gefährdet, musste er 1933 Deutschland verlassen. Die Schrift erreichte damals nur interessierte Kreise und wurde erst ab den 1960er-Jahren von einem breiteren, linksintellektuellen Publikum entdeckt. In diesem Buch beschrieb Reich grundlegende Zusammenhänge zwischen autoritärer Triebunterdrückung und faschistischer Ideologie. 
Bis heute verbinden sich mit dem Namen des Arztes und Psychoanalytikers Wilhelm Reich sehr gegensätzliche Urteile zwischen Genialität und Scharlatanerie. Mit allen Formen der modernen Sexual- und Körpertherapie in der westlichen Welt bleibt er jedoch untrennbar verbunden. Wilhelm Reich starb am 3. November 1957 mit 60 Jahren in seiner Gefängniszelle in Lewisburg im US-Bundesstaat Pennsylvania an plötzlichem Herztod. Ein amerikanisches Gericht hatte ihn zu zwei Jahren Haft verurteilt. Er hatte sich dem Verbot widersetzt, ein von ihm selbst entwickeltes medizinisches Gerät zu vertreiben.
Eine wesentliche Politisierung der Psychotherapie geschah jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Kriegsgräuel der Nationalsozialisten, deren traumatische Nachwirkungen und die Bewältigungsstrategien der Gesellschaft beeinflussten nun eine breitere Diskussionen in der Psychotherapie. Die Diskurse waren nicht mehr beschränkt auf Methoden und Theorien, sondern um eine gesellschaftspolitische Dimension erweitert. Martin Heidegger war dem Denken der Nationalsozialisten bedenklich nah gerückt. Carl Gustav Jung sah im Nationalsozialismus gar eine «mächtige Eruption» des kollektiven Unbewussten, den Aufstand der germanischen Seele gegen den «areligiösen Rationalismus». Das brachte Schulen, die sich zuvor auf Heidegger oder Jung bezogen hatten, in Erklärungsnot und machte sie angreifbar. Und es stärkte die klassische Psychoanalyse.
mehr:
- Die Politisierung der Psychotherapie (Walter Aeschimann, InfoSperber, 02.06.2019)
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Donnerstag, 16. Mai 2019

Die Geschichte der Psychotherapie

Ein kurzer historischer Abriss der verschiedenen psychotherapeutischen Strömungen, Denkrichtungen und Methoden von 1900 bis 1970.
Die moderne Psychotherapie beginnt um 1900 mit der Psychoanalyse. Sie wurde vom Wiener Neurologen Sigmund Freud begründet. Er entdeckte und beschrieb die Psychodynamik des Unbewussten und entwickelte daraus eine psychotherapeutische Theorie und Behandlungsmethode. Aus der Psychoanalyse bildeten sich später die verschiedenen Schulen der Tiefenpsychologie heraus. Anfang des 20. Jahrhunderts praktizierte Freud in Wien. Bald sollte sich Zürich als wichtigster Ort für die Rezeption und Ausbreitung der Psychoanalyse etablieren. Auch Freud zog eine Weile in Betracht, seinen Mittelpunkt dorthin zu verlegen, wie er 1910 in einem Brief an den Zürcher Psychiater Carl Gustav Jung schrieb. 
In Zürich hatte sich unter Eugen Bleuler eine Gruppe von Ärzten gebildet, die sich in der klinischen Arbeit mit der Psychoanalyse auseinandersetzte. Der Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli zeigte sich gegenüber der neuen tiefenpsychologischen Theorie aufgeschlossen. Er wandte die Psychoanalyse auf Patienten mit psychotischen Symptomen an. So wurde Zürich zu einem wichtigen Ort für die Beziehung zwischen Psychiatrie und Psychoanalyse und für die Diskussion über das Verständnis seelischen Leidens und menschlicher Existenz. 
Die Psychoanalyse verbreitete sich weltweit und hatte grossen Einfluss auf die psychiatrische Praxis. Die ersten Psychotherapeuten waren Ärzte. Freud selber war daran gelegen, der Psychoanalyse eine institutionelle Verankerung und eine wissenschaftliche Anerkennung zu verschaffen und eine klare therapeutische Vorgehensweise zu entwickeln. Dies führte unter ihren eigenständigen Rezipient*innen und Anwender*innen zu leidenschaftlichen Diskussionen. In vielen Vereinigungen, Gruppen und Ausbildungsseminaren, die in den folgenden Jahrzehnten entstanden, stritten die Mitglieder heftig um Grundsatzfragen der Psychoanalyse, die nicht selten in weltanschauliche Glaubensstreitigkeiten mündeten. Dabei entwickelte sich auch eine Kultur und Dynamik von Integration und Ausgrenzung.
Differenzen zwischen Freud und Jung
1910 hatte Freud die Internationale Psychoanalytische Vereinigung gegründet. 1919 bildete sich die Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse (SGPsa), die sich als Zweig der internationalen Vereinigung verstand. Inhaltliche Differenzen zwischen Freud und den ersten Psychoanalytiker*innen führten zur Entwicklung eigenständiger Richtungen der psychodynamischen Therapie. Carl Gustav Jung wollte seelische Probleme nicht nur im Kontext der individuellen Geschichte deuten, sondern erweiterte Freuds Unbewusstes um die Dimension des kollektiven Unbewussten. Als dessen Inhalte bestimmte er so genannte Archetypen. Bei seelischen Störungen würden nicht nur persönliche Erlebnisse eine Rolle spielen, sondern auch die Archetypen, die grundsätzlich das Seelische strukturieren. Ein weiterer Aspekt der Differenz zwischen den beiden Pionieren der Psychoanalyse war, dass Jung im Unterschied zu Freud die Sexualität nur als Teiltrieb der Libido anerkannte und diese als allgemeine Lebensenergie verstand.
mehr:
- Die Geschichte der Psychotherapie (Walter Aeschimann, InfoSperber, 16.05.2019)

Mittwoch, 3. April 2019

Was ist Wahrheit, was ist »wirklich«?

Wir fragen nach den Konsequenzen dieser Auffassung für den Wahrheitsbegriff. Aus der Grundannahme des Konstruktivismus, daß die Wirklichkeit ein Konstrukt des Gehirns ist, ergibt sich, daß man eine Welt annehmen muß, in der dieser Konstrukteur existiert. Gerhard Roth unterscheidet deshalb eine objektive, bewußtseinsunabhängige, transphänomenale Realität von der Wirklichkeit, die unser Gehirn konstruiert. (Vgl. z.B.: Gerhard Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit, S. 288) Hier wird Roths Unterscheidung übernommen: "Realität" bedeutet damit nichts anderes als Kants "Ding an sich", sie ist also prinzipiell unerkennbar. Ihre Existenz anzunehmen, garantiert mir die Gemeinsamkeit mit anderen. Allerdings darf das Verhältnis zwischen Realität und Wirklichkeit nicht kausal gedacht werden, Realität bringt also nicht die Wirklichkeit hervor (wie bei Kant das Ding an sich die Erscheinung), sondern eher so, wie Schopenhauer das Verhältnis zwischen Wille und Vorstellung sieht, nämlich als "ein Vollzug in zwei Bereichen" (Zitiert nach: Gottfried Gabriel, Grundprobleme der Erkenntnistheorie. Von Descartes zu Wittgenstein, Paderborn 1993, S. 122 f.).
mehr:
- Beiträge zum Wahrheitsproblem (Verfasser unbekannt, userpages.uni-koblenz.de, undatiert)
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Montag, 18. März 2019

Loslassen und Stabilität

Im Loslassen steckt Weisheit. Wenn wir zu stark festhalten, verlieren wir die Hoffnung. Der wichtigste Teil der Übung, bei der wir den Geist von Samsara abwenden und Nirwana zuwenden, ist, das Festhalten zu unterlassen. Wenn wir feststellen, dass nicht unser Haus und unser prestigeträchtiger Job die größten Hindernisse für unser Glück sind, sondern unsere Anhaftung und unser Festhalten daran, können wir das als große Erleichterung empfinden. Etwas loslassen ist aber nicht so, wie wenn man den Müll wegbringt oder einem Obdachlosen einen gebrauchten Mantel schenkt. Uns von den Dingen des Sarnsara zu lösen mag sich eher so anfühlen, als ob wir uns selbst das Fleisch von den Knochen ziehen würden.
Generell kann man nicht einfach von einem Moment auf den anderen in einen Geisteszustand des Nichtfesthaltens eintreten, ohne auf der äußeren Ebene irgendetwas aufzugeben. Deshalb enthält der Weg Praktiken, die uns ermutigen, in unterschiedlichem Maße Verzicht zu üben. Schon die Meditation selbst ist ein Ausdruck von Entsagung: Ganz gleich ob in unserem Geist Chaos herrscht, ob er an etwas festhält oder von Verlangen ver­zehrt wird – wir sind immerhin von dem Druck der gewöhnlichen Aktivitäten einen Schritt zurückgetreten und versuchen, mit unserer geistigen Verwirrung zu arbeiten. Das ist ein großer Schritt. Ein weiterer großer Schritt ist zu lernen, wie wir unseren Geist von den Gewohnheiten der Verwirrung abwenden – so wie wir es in der Ngöndro-Praxis tun –, um Zugang zu den wahren Quellen der Befreiung in unserem Inneren zu erhalten.
Sowohl mein Vater als auch Saljay Rinpoche sagten immer wieder: »Wir haben schon alles, was wir für unsere Reise brauchen.« Warum wiederholten sie das nur immerzu? Weil wir die Worte zwar verstehen, ihnen aber nicht glauben. Niemand glaubt zu hundert Prozent daran. Das ist auch in Ordnung, weil wir ja irgendwo anfangen müssen.
Das freizulegen, was wir bereits haben, mag einfach klingen – ist es aber nicht. Die Anhaftung an Samsara ist wirklich tiefgreifend. Sie geht so tief, dass sie von keiner äußeren Kraft gebrochen werden kann. Der Bruch muss von innen kommen. Das fangt damit an, dass wir alle Projektionen, gedanklichen Konstrukte und gewöhnlichen Vorstellungen von uns selbst loslassen und lernen zu erkennen, wer wir wirklich sind. Die Meditation ist das wirksamste Werkzeug, mit dem wir das erreichen können.

Eine Meditation, die wir bei der Ngöndro durchgängig praktizieren, heißt Shamata, Sanskrit für »ruhiges Verweilen«. Auf Tibetisch heißt es Shine. Mit der Shamata-Praxis werde ich mich im nächsten Kapitel befassen, doch einige Punkte möchte ich hier schon erläutern. »Ruhiges Verweilen« beschreibt einen Geist, der in seiner eigenen Stabilität ruht, einen Geist, der nicht andauernd von irgendwelchen Gegebenheiten hin- und hergerissen wird.

Werde ruhig wie ein tiefer See: Vorbereitende Übungen des tibetischen Buddhismus (Yongey Mingyur Rinpoche, Arkana, 2015)
Nur mit einer Meditationstechnik allein ist es aber nicht möglich, die Instabilität des Geistes dauerhaft zu entfernen. Erst wenn der Geist sein eigenes Wesen erkennt, kann er wahre Stabilität erreichen. Da der Geist sich aber selbst direkt erleben kann, ist er auch fähig, seine wahre Natur zu erfahren: Ungehindert, frei von Haften und Fixierung auf den endlosen Strom der geistigen Inhalte, nämlich der Gedanken, Wahrnehmungen und Vorstellungen. Aus Gewohnheit greifen wir nach den Erscheinungen im Geist, als seien sie solide und real. Wir verlieren dadurch den Blickwinkel, aus dem wir die ungehinderte Qualität des Geistes erkennen können. Wir sagen auch, dass die wahre Natur des Geistes Leerheit sei und meinen damit, dass der Geist klar ist. Er ist leer davon, etwas Solides, Dauerhaftes oder in sich selbst Existierendes zu sein.

Wenn wir aber auf den Geist meditieren so wie er im Moment ist, also auf unser derzeitiges persönliches Erleben unseres Geistes, dann werden wir erkennen wie aufgewühlt er ist und wie er ständig von einem Strom von Gedanken abgelenkt wird. Wenn wir das tun, erkennen wir, dass wir zurzeit nicht in der Lage sind, einen stabilen Geist zu erfahren und so wird uns die Notwendigkeit klar, unseren Geist zu trainieren. Wir wollen ihn "zähmen", um ihn in einen Zustand der Ruhe und Stabilität zu bringen. Dafür geben wir ihm einen Bezugspunkt, etwas, worauf er sich ausrichten kann. In Buddhas Lehren gibt es Erklärungen über verschiedene Stützen oder Bezugspunkte, die für die Stabilisierung des Geistes hilfreich sind. Buddha hat insbesondere die Methode betont, dass man den Geist auf dem Atem ruhen lässt. Er erklärte, dass der Geist von fühlenden Wesen eng mit dem Körper verbunden ist. Geist und Körper befinden sich in einer nahen Beziehung miteinander, insbesondere Geist und die subtilen Energien im Körper. Deswegen ist ein Weg zur Erfahrung von Geistesruhe mit dem Atem zu arbeiten, denn der Atem steht sowohl mit dem Körper als auch mit den subtilen Energien in Verbindung.
[Meditation, Shamar Rinpoche, Buddhismus Heute Nr. 51, Sommer 2012]

Psychoanalyse und Politik: Ambivalenz seit Freud

Horst-Eberhard Richter beklagt die ambivalente Haltung der Psychoanalytiker zur Politik und plädiert für Nutzung der Psychoanalyse für Politik. Die ambivalente Haltung führt er auf unzureichende Konsequenz der Psychoanalytiker zurück. Die ambivalente Haltung ist jedoch nicht erst das Ergebnis hinsichtlich Politik nicht zureichender Psychoanalytiker, sondern induzierte bereits der Initiator der Psychoanalyse, Freud, selbst. In den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde an geistig führende Persönlichkeiten die Frage nach ihrem Verhältnis zum Krieg gerichtet, mit der Absicht, eine prominente Ächtung des Krieges zu erreichen. Fast alle, darunter auch Einstein, antworteten positiv: gegen Krieg. Als einziger machte Freud eine Ausnahme. Er gab an, sich nicht äußern zu können, da er Psychoanalytiker und nicht Politiker sei.
[Quelle: Kommenrar von Hans Kaegelmann zu dem Beitrag „Das Unbehagen für kritische Aufklärung nutzen“ von Prof. Dr. med. Dr. phil. Horst-Eberhard Richter in Heft 20/2004, Dtsch Arztebl 2004; 101(25): A-1804 / B-1500 / C-1446]

siehe dazu:
- Psychoanalyse und Politik: Das Unbehagen für kritische Aufklärung nutzen (Horst-Eberhard Richter, Dtsch Ärzteblatt, PP 3, Ausgabe Juni 2004, Seite 275)
Ein historischer Abriss über das ambivalente Verhältnis der Psychoanalytiker zu Gesellschaft und Politik

Psychoanalyse hat, ob sie es will oder nicht, von vornherein mit Politik zu tun. Das weiß die Politik oft besser als die Psychoanalyse. So dulden Diktaturen nirgends auf der Welt Psychoanalyse, da sie ihr Verlangen nach gefügigen Untertanen gefährden könnte. Auch in Demokratien wirken sich politische Einflüsse restriktiv aus. Die Menschen sollen sich mit Sozialabbau, viele mit Arbeitslosigkeit, beschwerdenfrei zurechtfinden, die Umbrüche und Unverlässlichkeiten der modernen Ökonomie sollen sie mit robuster psychischer Flexibilität bewältigen. Wenn Jugendliche mit negativen Zukunftserwartungen nachweislich vermehrt psychosomatische Beschwerden äußern, so soll Psychotherapie helfen, diese Beschwerden wegzubringen. Diese selbst wird nach dem Druck des Kosten-Nutzen-Prinzips bewertet. Sie soll mit geringstem Zeitaufwand maximale Gesundheit produzieren, das heißt Unauffälligkeit und im arbeitsfähigen Alter hohe Leistungsfähigkeit. Der aus der Betriebswirtschaftslehre entlehnte Begriff der Effizienz ist das entscheidende Kriterium. Letztlich geht es um die Brauchbarkeit und die Handhabbarkeit des Menschen.

Psychoanalytiker können sich diesen Zwängen, wie sie es zum Teil auch tun, gefügig anpassen und die Bedeutung dieser Selbsteinschränkung verleugnen. Aber sie bezahlen solches Nachgeben insbesondere, wenn sie es nicht reflektieren, mit Einbußen an sozialer Potenz, an Kreativität sowie mit Rigidisierung ihrer eigenen Strukturen. Die Geschichte der Psychoanalyse stellt diese Problematik anschaulich dar:


Offensichtlich war es Freuds Hoffnung, die Psychoanalyse könne durch Eingrenzung auf eine Art Naturwissenschaft von der Seele sogar unter dem sich verschärfenden politischen Druck überleben. Auf dieser Linie lag 1936 auch die grundlegende Arbeit Heinz Hartmanns über „Psychoanalyse und Weltanschauung“, in welcher dieser lapidar erklärte, der Psychoanalyse stehe keinerlei Urteil über den Wert oder Unwert einer Weltanschauung zu. Sie offenbare nur eine wissenschaftliche Wahrheit und könne in diesem Sinne die kulturgeschichtliche Entwicklung fördern. So verständlich dieser Versuch in der Notsituation war, die Psychoanalyse durch Biologisierung und totale Entpolitisierung vor dem Zugriff der Nazis zu schützen, – die Folgen waren und sind bis heute schwerwiegend.
Ein weitgehend apolitisches Selbstverständnis charakterisiert seitdem den Mainstream der Psychoanalyse. Das machte sich bald auch dadurch bemerkbar, dass die Institute gut angepasste Kandidaten für die Ausbildung bevorzugten. Im angepassten Kandidatentyp spiegelte sich eine angepasste Psychoanalyse wider, die auf ihren internationalen Kongressen jedes gesellschaftskritische Thema vermied.
[Quelle: obiger Artikel von Horst-Eberhard Richter]

zum Thema Psychoanalyse und Politik:

Psychoanalyse: Auch Freudianer sind gut im Verdrängen (Salomon Korn, ZON, 06.02.2019)
Geschickt hat die deutsche Psychoanalyse in der BRD am Mythos gearbeitet, im "Dritten Reich" ein Ort des Widerstands gewesen zu sein. Das Gegenteil stimmt: Die "Seelenheilkunde" arbeitete freudig ihrer Gleichschaltung entgegen.
Im Jahr 2004 erschien eine zweibändige Edition des Briefwechsels zwischen Sigmund Freud und Max Eitingon, einem außerhalb der Fachwelt kaum noch bekannten Psychoanalytiker. Der Herausgeber, der Historiker Michael Schröter, erkannte in den 800 Briefen aus den Jahren 1906 bis 1939 eine herausragende Quelle für die Geschichte der Psychoanalyse in der Zeit des Nationalsozialismus – genauer gesagt: für die erfolgreiche Arisierung und freiwillige Selbstgleichschaltung der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, deren Vorsitzender Max Eitingon bis 1933 war.
Denn anders als es die antifaschistische Legende aus den Sechziger- und Siebzigerjahren der Bundesrepublik wollte, war die Psychoanalyse keineswegs ein natürlicher Gegner des Nationalsozialismus, jedenfalls nicht im Verständnis ihrer deutschen Anhänger, denen es mühelos gelang, ihre Disziplin als kriegswichtig einstufen zu lassen. Nachdem Eitingon und die jüdischen Kollegen aus ihren Ämtern entfernt worden waren, wurde auch ihr berühmtes Berliner Psychoanalytisches Institut einem – tatsächlich so genannten – Göring-Institut einverleibt (dazu gleich mehr). Erst Anfang der Achtzigerjahre waren die deutschen Psychoanalytiker bereit, sich von ihrem Selbstbild als kritische Forscher zu verabschieden und der historischen Wahrheit ins Auge zu blicken.

1881 im russischen Mogilew als Sohn des jüdischen Kaufmanns Chaim Eitingon geboren, in Leipzig aufgewachsen, vom wohltätigen Engagement seiner sehr religiösen Familie geprägt, beschäftigte er sich erstmals 1905, als Medizinstudent in Zürich, mit der Psychoanalyse. An der psychiatrischen Uni-Klinik Burghölzli arbeiteten damals führende Köpfe der noch jungen Disziplin wie Carl Gustav Jung und Karl Abraham. Während seiner ersten therapeutischen Analysen kam Eitingon in Kontakt mit Freud, Resultat war die 1910 gemeinsam mit anderen Kollegen gegründete Berliner Psychoanalytische Vereinigung. Eitingons Engagement, einschließlich seiner verschwenderischen Bereitschaft zur finanziellen Förderung der neuen Disziplin, rettete den chronisch unterfinanzierten, für Lehre und Forschung aber unverzichtbaren Internationalen Psychoanalytischen Verlag und ermöglichte die Gründung des Berliner Psychoanalytischen Instituts, der ersten psychoanalytischen Poliklinik und Lehranstalt überhaupt, die zum internationalen Vorbild wurde. Er werde nie vergessen, so Freud in seinem Brief zum 50. Geburtstag Eitingons, "was Sie in diesen Jahren auch nach der Gründung des mustergültigen Berliner Instituts für unsere Sache, die ja uneingeschränkt die Ihre ist, in Ihrer stillen und dabei unwiderstehlichen Art geleistet haben. Niemand außer mir weiß es und niemand vielleicht dankte Ihnen dafür. Es gab doch keine noch so schwierige und undankbare Aufgabe, die Sie in der Zeit Ihrer Präsidentschaft nicht auf sich genommen und glücklich erledigt hätten. Am liebsten sähe ich Sie als Präsident auf Lebenszeit, um die Zukunft meines Schmerzenskindes (...) zu sichern."

- Warum Psychoanalyse unsere Chance auf Befreiung sein kann (Julius Zukowski-Krebs, Die Freiheitsliebe, 04.12.2018)
Die Psychoanalyse fristet heute auch in der linken Bewegung ein Schattendasein. Kaum an Unis oder therapeutischen Praxen vertreten, verschwindet sie nach und nach aus dem Bewusstsein der Menschen und wird zu einer Randwissenschaft, die nur für wenige zugänglich ist. Sie ist schlicht zu einem Mythos geworden. Dabei steckt in der Psychoanalyse vieles davon was wir dringend in der linken Bewegung brauchen und was ein Teil unserer Befreiung vom Kapitalismus und anderen Widersprüchen sein kann. Darum wird es Zeit die Debatte wiederzubeleben.

Viele haben schon Mal in ihrem Leben von der Psychoanalyse gehört, können sich aber selten was darunter vorstellen außer, dass es um den Sex mit der Mutter und anderes verrücktes Zeug geht. Freuds Theorie ist zugegebenermaßen etwas crazy und nicht grade leicht zu verstehen aber sie ist nicht abgedreht. Freud und anderen Psychoanalytiker*innen ging es immer darum die menschliche Seele und ihre Funktionen zu verstehen, anstatt bessere Wege zu finden diese zu „heilen“. Mit der Traumdeutung hat Freud einen Grundstein für das Verständnis des Unbewussten gelegt der bis heute eigentlich gängig ist. Kurz gesagt geht es darum, dass das was wir uns wünschen oder wollen nicht immer mit dem übereinstimmt was real ist. Deswegen müssen wir unsere Wünsche verdrängen, das zu verschiedensten Problemen führt und auch dazu, dass wir es trotzdem sagen nur eben durch die Blume. Und es geht genau darum zu verstehen wie diese Blume funktioniert.


- Interview: "Die AfD soll in Misskredit gebracht werden" – Psychoanalytiker: Medien und Merkel treiben Ostdeutsche in Arme der AfD (Interview mit Hans-Joachim Maaz, Hessisch-Niedersächsische Allgemeine, 10.09.2018)
Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz gilt seit seinem Buch "Der Gefühlsstau" als Experte für ostdeutsche Befindlichkeiten. Nach den ausländerfeindlichen Vorfällen in Chemnitz verteidigt er den Osten.
Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat zu den Demos von Chemnitz gesagt, die Migration sei die Ursache aller Probleme und dass er als Chemnitzer auch auf die Straße gegangen wäre. Versteht Seehofer die Ostdeutschen besser als andere Politiker?
Dr. Hans-Joachim Maaz: Mit dieser Bemerkung ganz bestimmt. Die Aussage stimmt ja leider, wobei ich sie weiter differenzieren würde: Die Migration ist ja auch nur Symptom eines tieferliegenden weltweiten Problems. Auffällig ist jedenfalls die ziemlich hassvolle, feindselige Abwertung seiner Meinung – einer Meinung, die die Ostdeutschen ganz besonders berührt. Das hat man ja jetzt in Chemnitz erlebt.


Warum Psychoanalytiker*innen politisch nicht schweigen sollten – Zum Verhältnis Politik und Psychoanalyse (Esther Hutfless, queeringpsychoanalysis, 27.02.2018)
Als Psychoanalytiker_innen sind wir von der Wirkkraft der psychoanalytischen Methode als Behandlungstechnik überzeugt und glauben an die Bedeutsamkeit und die Radikalität, die der Psychoanalyse und der Freud’schen Theorie noch heute zukommen. Zugleich möchten wir das schwierige Verhältnis zwischen queeren Lebens- und Begehrensweisen und der Psychoanalyse problematisieren und Vorurteile abbauen. Diese Vorurteile bestehen auf beiden Seiten und führen dazu, dass einerseits die Psychoanalyse in den aktuellen Debatten um Geschlechtsidentität, sexuelle Orientierung, Transidentitäten etc. nicht als adäquater theoretischer wie klinischer Zugang wahrgenommen wird, und andererseits dazu, dass viele potentiell an der Psychoanalyse Interessierte aus Angst vor Diskriminierung und Stigmatisierung den Schritt nicht wagen, eine Psychoanalyse für sich in Betracht zu ziehen oder sich weiter und eingehender mit der Psychoanalyse zu beschäftigen. Diese Angst ist oft nicht unbegründet. Stereotypien über LGBTIQs werden in Vorträgen, Ausbildungsseminaren und Supervisionen weithin unhinterfragt reproduziert. In psychoanalytischen Erstgesprächen müssen sich potentielle nicht eindeutig heterosexuelle Analysand_innen mitunter kritische Bemerkungen zur ihrer Geschlechtsidentität, ihrem Begehren und ihrer Objektwahl gefallen lassen. Umgekehrt scheint dies nicht der Fall: eine heterosexuelle Orientierung wird nicht weiter hinterfragt.

Politik und Seelenkunde – Zurück auf die Couch, Deutschland! (Andrea Dernbach, Tagesspiegel, 29.11.2013)
Psychoanalyse half viele Jahre lang, auch Politik zu verstehen. Das sollte sie wieder tun. Dazu müsste sie aber die Einwanderungsgesellschaft entziffern können - und Merkels Muttikratie.
Der einst berühmte Psychoanalytiker Tilmann Moser bemerkte kürzlich im Gespräch mit dem Journalisten Wolfgang Storz, seine Disziplin sei nicht mehr gefragt, Psychoanalyse in der Öffentlichkeit „fast out“. Alexander und Margarete Mitscherlich analysierten in den 60er Jahren „Die Unfähigkeit zu trauern“ der Nachkriegsdeutschen, Horst-Eberhard Richter legte erst die deutsche Familie auf die Couch und entdeckte in den rebellischen 70er Jahren dann „Die Gruppe“ als hierarchiearmes Alternativmodell zum institutionellen Politbetrieb. Ihre Bücher waren sämtlich Bestseller. Doch diesen Besteckkasten, sagt Moser, wolle heute keiner mehr.
Man stutzt kurz und muss dann zustimmen. Ja, warum eigentlich? Nicht dass es da nichts gäbe: Moser selbst nennt den Kollegen Thomas Auchter, der ein dickes Buch „zur Psychoanalyse sozialer und politischer Konflikte“ vorgelegt hat, und Hans-Jürgen Wirth, Professor in Frankfurt am Main. Das Kapitel „Masse und Macht“ in dessen Buch „Narzissmus und Macht“ nannte ein langjähriger Mitstreiter Helmut Kohls einmal die beste Analyse des ewigen Kanzlers, die er je gelesen habe. Doch auch die gelangte praktisch nicht in die breitere Öffentlichkeit. 

- Weitere Bemerkungen zum Problemkreis „Psychoanalyse und Politik“ (Nisan, haGalil, 10.04.2010)
»Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, erst geht der Führer, dann geht die Partei.« Wer das 1944 laut und zum Falschen sagte, der konnte darüber sein Leben verlieren. Wer hätte damals geglaubt, dass auch 40 Jahre später weder Führer noch Partei »vorüber« sind. Das Gespenst Hitlers und der Alptraum, den er für zwölf Jahre über Europa brachte, sollten nun, so meint eine neue Generation von Deutschen, endlich durchgearbeitet und überwunden werden, um, so denken sie, eine Wie­derholung unmöglich zu machen…
Eine Vorbemerkung von Roland Kaufhold



„… Um noch einmal auf den Beitrag von Eissler (1963) zurückzukommen, so verdanke ich ihm, dass ich nun endlich verstehe, warum man mich niemals nach meinen Erfahrungen im KZ gefragt hat. Unter dem Vorwand, meine Gefühle schonen zu wollen, verbarg sich die Angst vor eigenen Konflikten, die durch die Berichte über die Schrecken des Lagerlebens ausgelöst werden konnten.“ 
Ernst Federn (1986, S. 466)

Ernst Federns Biographie ist in jeglicher Hinsicht höchst außergewöhnlich und „kontrovers“. Federn war sehr früh und äußerst mutig im österreichischen Untergrund im Kampf gegen den Faschismus engagiert, wurde deshalb mehrfach inhaftiert und aus der Universität ausgeschlossen. Er arbeitete daraufhin, das Beste aus der Not machend, als Sekretär seines Vaters, war an der Entstehung einiger psychoanalytischer „Klassiker“ unmittelbar beteiligt – seine Studien und sein Wirken sollte jedoch, gerade bei Psychoanalytikern, über Jahrzehnte hinweg keinerlei Resonanz erfahren – weder in den USA noch im deutschsprachigen Raum. Im Konzentrationslager wurde er als Jude und Stalin-Gegner sowohl von den Nationalsozialisten als auch von führenden Kommunisten – Mitglieder der sogenannten „Häftlingsselbstverwaltung“ – existentiell bedroht.
Der Anlass für Ernst Federns nachfolgend publizierte Studie: Paul Federn sprach ein – bis heute politisch sehr umstrittenes – Verbot für psychoanalytische Kandidaten aus, sich in dieser Phase der politischen Verfolgung politisch an „illegalen“ Untergrundaktivitäten zu engagieren – während sein eigener Sohn zeitgleich intensiv an Untergrundaktivitäten beteiligt war, einer Gruppe von sieben „Schutzbündlern“ Unterschlupf im elterlichen Haus bot.
[…]
Als Anfang der 1980er Jahre innerhalb der deutschen psychoanalytischen Verbände erstmals (!) intensiv und kontrovers das Thema „Psychoanalyse und Nationalsozialismus“ diskutiert wurde verteidigte Ernst Federn 1985 in einem in der Psyche publizierten Beitrag die damalige Entscheidung seines Vaters bzgl. eines „Unvereinbarkeitsbeschlusses“ – womit er erneut „zwischen allen Stühlen“ saß.
Nachfolgend wird Ernst Federns 25 Jahre alter, sehr kontroverser Beitrag „Weitere Bemerkungen zum Problemkreis `Psychoanalyse und Politik´“ als zeitgeschichtliches Dokument publiziert: Er hat dieses Thema hierdurch angeregt – „bewältigt“ ist es bis heute in keinster Weise, wie man den neuesten Ausgaben der Psyche (Stellungnahmen von David Becker, Psyche 3/2010 sowie von Elisabeth Brainin/Samy Teicher, Psyche 4/2010, als Replik auf eine Studie von Michael Schröter, Psyche 11/2009) entnehmen kann.


Die Zeitschrift „Psyche“ erscheint weiter: ein Blick in die Geschichte der Psychoanalyse aus aktuellem Anlaß: Phönix aus der Asche - mit weniger Federn (Bernd Nitzschke, ZON, 03.04.1992)
Im ersten Heft des laufenden Jahrgangs durfte Helmut Dahmer, der langjährige und mittlerweile abgelöste Redaktionsleiter von Psyche, auf Anweisung des Verlegers der Zeitschrift Michael Klett kein Editorial mehr an seine Leser richten (siehe ZEIT 1/1992). Die beiden nächsten Hefte erschienen – bei fortlaufender Seitenzahl und identischem Layout – unter neuer Leitung und mit neuem Titel: Psychoanalyse – Klinik und Kulturkritik.
Das April-Heft wird nun wieder den alten Namen Psyche tragen, den Klett von den früheren Mitherausgebern Dahmer und Rosenkötter zurückkaufen konnte, nachdem diese einsahen, ohne Abonnentenkartei keinen anderen Verlag zu finden, der die Psyche mit ihnen gemeinsam zu den alten Konditionen weitergeführt hätte.Damit ist, zumindest formal, ein Konflikt beendet, der vorübergehend die Existenz der führenden psychoanalytischen Fachzeitschrift bedroht hatte. Kaum zu glauben, daß eine andere scientific Community in ähnlich rabiater Weise mit ihrem publizistischen Forum umgehen würde. Unter Psychoanalytikern haben solch destruktive Umgangsweisen jedoch Tradition. 
In einem Beitrag für die Zeitschrift konkret (Februar 1992) hat Helmut Dahmer, dessen Feder Psyche auf absehbare Zeit womöglich nicht mehr zur Verfügung steht, zum Konflikt Stellung genommen.
Dahmers Prognose fällt eher düster aus: Demnach wäre zu erwarten, daß das unter seiner Leitung erworbene kritische Engagement der Zeitschrift künftig verspielt werden könnte. Und tatsächlich hat Dahmer, der die Inhalte von Psyche in den siebziger und achtziger Jahren entscheidend mitbeeinflußte, ein qualitativ hochwertiges Erbe hinterlassen, das zu übernehmen und fortzusetzen seinen Nachfolgern selbst bei größter Anstrengung nicht ganz leicht fallen könnte.

Zum Thema Ambivalenz:
- Die Ambivalenz (Eugen Bleuler, 1914, gefunden bei psyalpha.net)
Eine internierte Geisteskranke verlangt jahrelang mit viel Affekt und noch mehr Schimpfen, aus der Anstalt zu kommen; es nützt nichts, ihr täglich zu sagen, sie könne ja gehen, man habe ihr eine Unterkunft besorgt und bezahle ihr noch die Reise; man bringt sie nicht fort, aber auch nicht zum Schweigen.

Eine an der nämlichen Geisteskrankheit leidende Mutter hat ihr Kind vergiftet; aber nachträglich ist sie in Verzweiflung über ihre Tat; nur fällt auf, daß auch beim ärgsten Jammern und Weinen der Mund ganz deutlich lacht. Letzteres ist der Kranken unbewußt. Die erste Patientin aber weiß so gut wie irgend jemand, daß sie austreten kann, wann sie will, und sie weiß, daß es ihr in der Anstalt nicht gefällt, aber sie bringt beides nicht in logische Verbindung. Obgleich sie über beides im gleichen Zusammenhang sprechen kann, zieht sie weder den einen Schluß, daß sie gehen wolle, noch den andern, daß sie keinen Grund habe, zu schimpfen, wenn sie doch gehen könne. Es ist, wie wenn ihre Person zwischen den beiden zusammengehörigen Gedanken einen Riß hätte. Sie betont die Idee der Entlassung mit zweierlei Gefühlen; einerseits möchte sie gern wieder ihr eigener Meister sein; anderseits weiß sie sich in der Anstalt vor allen Schwierigkeiten des Lebens geschützt. Der Gesunde würde nun in bewußter Überlegung oder instinktiv die Vorteile und Nachteile gegeneinander abwägen und dann in der Richtung handeln, wo nach seiner subjektiven Wertung die Unannehmlichkeiten am geringsten und das Angenehme am größten ist. Die gespaltene Psyche der Kranken aber führt Buch über Aktiven und Passiven, vermag aber die beiden Wertungsreihen nicht zu einer einheitlichen Bilanz zu verdichten. Die Idee des Austritts bleibt von zwei widersprechenden, aber unverbunden nebeneinander existierenden Gefühlen betont; sie ist ambivalent.

Ganz gleich die Mutter, die ihr Kind getötet hat und nun trotz aller Verzweiflung mit dem Munde lacht. Sie hat das Kind nicht aus Versehen umgebracht, sondern nach langem Kampf. Sie mußte also einen Grund haben, das Kind zu töten. Sie liebt ihren Mann nicht, und das Kind dieses Mannes ist ihr ein Greuel; deshalb hat sie es getötet und lacht darüber; es ist aber auch ihr Kind, und deshalb liebt sie es und weint über seinen Tod.


siehe auch:
- Ambivalenz – Erfindung und Darstellung des Begriffs durch Eugen Bleuler –  Bericht 1911 vom Vortrag 1910 und Veröffentlichung 1914 (mitgeteilt von Rudolf Sponsel, Erlangen, Internet Publikation für Allgemeine und Integrative Psychotherapie, Erstausgabe 28.3.2002)
Psychoanalyse und Politik – Kritische Studien zur Philosophie (Herbert Marcuse, 1968?)
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