Donnerstag, 6. Dezember 2012

Ram Dass – Angewandtes Mitgefühl

Ein der schönsten Geschichten, die ich kenne ist die von Ram Dass über angewandtes Mitgefühl. Ich liebe und bewundere ihn, weil er einer der ganz wenigen spirituellen »Meister« ist, die völlig unprätentiös über ihren Weg berichten und sich nicht schämen, von eigenen Fehltritten zu berichten. 



ANGEWANDTES MITGEFÜHL 

 Es gab 1972 einen Zeitraum von mehreren Wochen in dem mich mein Guru, Maharajji, mehrmals am Tag zu sich rief. Jedesmal beeilte ich mich, zu ihm zu kommen, setzte mich vor ihm hin und wartete. Dann sagte er entweder, »Ram Dass, sage immer die Wahrheit«, oder »Ram Das, liebe jeden!« Ich gab dann irgendeine lahme Antwort wie »Ich werd’s versuchen« und er schickte mich wieder weg. Das geschah Tag für Tag, und ich wurde immer mehr aufgewühlt, weil ich in Wahrheit nicht jeden liebte. Was sollte ich tun? Mir den Anschein geben, daß ich jeden liebte oder die Wahrheit sagen? Ich gestand mir ein, daß ich in der Vergangenheit mir eher den Anschein gegeben hätte als die Wahrheit zu sagen. Also, zur Abwechslung, warum nicht einmal die Wahrheit sagen? Und die Wahrheit war, daß ich niemanden der Leute um mich herum wirklich mochte, sei es aus einem gerechten oder einem anderen Grund. 

Zu jener Zeit experimentierte ich damit, kein Geld bei mir zu haben. Wenn ich also mit einem Bus fuhr, diente mir einer meiner Freunde als »Geldbeutel-Mann« und zahlte für mich. Aber da ich jetzt auf alle anderen böse war, hatte ich auch keinen Geldbeutel-Mann mehr. Wenn alle anderen den Bus bestiegen, um die acht Meilen zum Tempel von Maharajji zurückzulegen, ging ich zu Fuß. Ich benötigte Stunden, um auf einem Bergpfad dahin zu gelangen. Wenn ich schließlich ankam, aßen alle zu Mittag, und sie hatten offensichtlich viel Zeit mit Maharajji verbracht. Das machte mich nur noch wütender. Als mir einer der Leute, den ich besonders verachtete, einen Teller mit Essen anbot, warf ich ihm das Essen ins Gesicht. 

Das nächste, was ich hörte, war Maharajji’s Ruf »Ram Dass!« Ich wurde mir bewußt, daß er gesehen hatte, was ich getan hatte, und während ich zu ihm hinging, fühlte ich mich richtig erbärmlich. Nachdem ich mich vor ihn hingesetzt hatte, fragte er mich: »Etwas bereitet Dir Kummer?« Das war alles, was mir noch gefehlt hatte: Ich brach in Tränen aus. Maharajji tätschelte mir den Kopf und zog an meinem Bart, und auch er weinte. Er ließ Milch bringen und flößte sie mir ein. Als ich schließlich in der Lage dazu war, zu sprechen, platzte es aus mir heraus: »Ich hasse alle diese Leute«, und ich zeigte auf die Westler auf dem Hof, »und ich hasse mich auch.« 

 »Ich dachte, ich hätte Dir gesagt, du sollst jeden lieben.« 
»Du hast mir gesagt, ich soll die Wahrheit sagen. Die Wahrheit ist, daß ich nicht jeden liebe.« 

Dann zog Maharajji mich nahe heran, Nase an Nase, sah mich äußerst gelassen an und sagte: »Liebe jedermann und sage die Wahrheit.« 

In diesem Moment sah ich vor mir einen Sarg, in welchem die Person lag, die ich zu sein dachte. Ich hörte Maharajji, wie er mir genau erzählte, wer ich sein würde, wenn ich damit fertig sein würde, derjenige zu sein, der ich zu sein glaubte. Ob er mich damit antreiben wollte, indem er mir einen Gefallen tat oder ob er eine neue Realität konstruierte, egal, was es war, es wirkte. Jetzt, fast zwanzig Jahre später, erkenne ich mich kaum wieder, weil meine Wahrheit zunehmend die wird, daß ich tatsächlich jeden liebe. Nun gut, nicht wirklich jeden, aber ich arbeite dran. 

Es gab eine Zeit, zu der sich mein Ärger auf das System auf Caspar Weinberger fokussierte, dem Verteidigungsminister. Ich bin sicher, er war nicht schlimmer als viele andere, aber es gab da etwas an seiner kalten Arroganz und seinem offensichtlichen Mangel an Weisheit, das mich wütend machte. So besorgte ich mir ein Bild von Caspar und stellte es auf meinen Puja- (Andachts-) Tisch. Und dann, jeden Morgen, wenn ich mein Räucherstäbchen entzündete und den Wesen, die auf dem Puja-Tisch versammelt waren, meine Ehre erwies, fühlte ich Wogen der Liebe und Wertschätzung gegenüber meinem Guru, Buddha, Christus, Anandamay Ma, Ramana Maharshi und Hanuman. Ich wünschte jedem von ihnen zärtlich einen guten Morgen. Dann kam ich zu Caspars Bild, und ich fühlte, wie sich mein Herz zusammenzog, und ich hörte die Kälte in meiner Stimme, wenn ich sagte: »Guten Morgen, Caspar.« Jeden Morgen sah ich, was für einen langen Weg ich noch vor mir hatte. 

Aber war Caspar nicht einfach ein anderes Gesicht Gottes? Konnte ich seinen Aktionen nicht entgegentreten und trotzdem noch mein Herz für ihn offen halten? War es nicht schwieriger für ihn, sich von dieser Rolle zu befreien, in der er offensichtlich gefangen war, wenn ich in meinem Geist die Fallen für ihn dadurch verstärkte, daß ich ihn mit seinen Taten identifizierte? Ich konnte mir meinen Guru vorstellen wie er durch die Kleiderkammer eines Theaters stürmte, eine Maske nach der anderen aufsetzte und mich anschrie: »Ich wette, Du kannst mich hinter dieser nicht entdecken! Ich wette, die hier wird dich richtig reinlegen!« Nicht die Caspar-Maske, Maharajji. Nein! Oh, nein! 

Der indische Dichter Kabir sagte, und Maharajji wiederholte oft: »Tu einer anderen Person an, was du ihr antust, aber wirf sie nicht aus Deinem Herzen heraus.« Es ist ein großer Befehl. Aber was kann anderes getan werden? Manchmal gibt es wirklich nichts, was getan werden kann. Wir können nur an uns arbeiten, um eine andere Person in unserem Herzen halten zu können: da sein, offen, wartend, liebend, Raum gebend, nicht richtend, verständnisvoll... und zuhörend. 
Ram Dass 
 übersetzt von mir 
siehe auch:
- Neem Karoli Baba – Maharajji (Post, 12.07.2012)