Dienstag, 24. März 2015

Reines Beobachten

Was ist Reines Beobachten? 
Reines Beobachten ist das klare, unabgelenkte Beobachten dessen, was im Augenblick der jeweils gegenwärtigen Erfahrung (einer äußeren oder inneren) wirklich vor sich geht. Es ist die unmittelbare Anschauung der eigenen körperlichen und geistigen Daseinsvorgänge, soweit sie in den Spiegel unserer Aufmerksamkeit fallen. Dieses Beobachten gilt als «rein», weil sich der Beobachter dem Objekt gegenüber rein aufnehmend verhält, ohne mit dem Gefühl, dem Willen oder Denken bewertend Stellung zu nehmen und ohne durch Handeln auf das Objekt einzuwirken. Es sind die «reinen Tatsachen», die hier zu Wort kommen sollen. Wenn sich nun aber an ein anfänglich reines Registrieren dieser Tatsachen aus alter Gewohnheit doch wieder gleich Bewertungen und andere Reaktionen anschließen, so sollen dann eben diese Reaktionen selber sofort wieder zum Gegenstand Reinen Beobachtens gemacht werden. Eine so gewonnene innere Freiheit dem Objekt gegenüber wird durch Einübung allmählich zu einer vertrauten Geisteshaltung, die leicht verfügbar ist, wenn sie benötigt wird.
Es braucht wohl kaum besonders bemerkt zu werden, dass dieses Reine Beobachten nicht etwa für alle Lebenssituationen empfohlen werden soll, und gewiss nicht für solche, die Entscheidungen in Wort und Tat sowie planendes Handeln erfordern. Hier ist der Platz für die Wissensklarheit. Doch gerade in Situationen, die einen aktiven Response verlangen, kann das Reine Beobachten eine wichtige vorbereitende Funktion erfüllen die den Entscheidungen eine größere Verlässlichkeit und den Handlungen eine größere Erfolgsaussicht verleiht. Das Reine Beobachten wird hier empfohlen als eine methodische Übung in dafür bestimmten kürzeren oder längeren Perioden der Freizeit; sowie zur Anwendung in jenen auch im geschäftigen Alltag möglichen Momenten, in denen man für eine Weile, und sei es nur für eine Minute, vom Getriebe zurücktritt oder auch vor wichtigen Entscheidungen einige Minuten der Besinnung einfügt.

(* 21. Juli 1901 in Hanau; † 19. Oktober 1994 in Forest Hermitage, Kandy) wurde als Siegmund Feniger in Hanau geboren und war 57 Jahre lang buddhistischer Mönch in der Theravada-Tradition.)
mehr:
- Satipathâna – III. Achtsamkeit und Wissensklarheit – A) Die Übung des Reinen Beobachtens (Tipitaka (Drei-Korb), der Pali Kanon des Theravāda-Buddhismus) 

Donnerstag, 19. März 2015

Stille

Wir haben in unserer heutigen Welt wenig Erfahrung mit der Stille, und unsere Kultur als Ganze scheint nur immer kompliziertere Töne und Klänge zu schätzen. Dennoch ist unsere Sitzpraxis still, und Retreats bringen eine sehr tiefgehende Stille mit sich. Erleuchtung ist auch die Große Stille genannt worden. In dieser Hinsicht widerspricht die buddhistische Praxis unserer Kultur. Sie widerspricht jeder Kultur.
Die meisten von uns schätzen bestimmte Arten von Stille. Wir sind alle schon einmal in einem Raum gewesen, in dem die Klimaanlage eingeschaltet war oder ein Kühlschrank brummte, und wenn das Gerät dann plötzlich abgeschaltet hat, haben wir erleichtert aufgeatmet. Eltern von Kleinkindern sprechen von der köstlichen (und häufig kurzlebigen) Stille am Ende des Tages, wenn die Kinder end-lich im Bett sind, der Fernseher ausgeschaltet und das Haus still ist. Einige von uns machen Urlaub an ruhigen Orten, und selbst in unserem Haus schätzen wir Momente, an denen wir allein in einen Raum gehen und ein Buch lesen oder einen Brief schreiben können.
Die Stille, von der ich spreche, ist tiefer als irgendeiner dieser Momente, und manchmal – wenn auch nicht aus schließlich – wird sie in tiefen Zuständen der Meditation erreicht. Sie reicht bis zu der tiefsten Stille, die Menschen in der Lage sind zu erleben.
Ich habe vor mehreren Jahren begonnen, mich für dieses Thema zu interessieren. Ein Grund dafür war, daß ich eine Reihe von Schülern hatte, die in ihrer Meditationspraxis ziemlich weit gekommen waren. Sie hatten die Schwelle einer profunden Stille erreicht, dann jedoch eine tiefe Angst erlebt und sich zurückgezogen. Mit dem Ziel, den Schülern größtmögliche Fortschritte zu ermöglichen, hatte ich mich gefragt, wie ich mit dem umgehen sollte, was sie zurückhielt.
Etwa zur selben Zeit sah ich einen Artikel in einer Zeitschrift, in dem es um die Erforschung der Ozeane ging. Dort hieß es, sie seien das letzte unerforschte Gebiet, das uns noch bliebe. Ich konnte nicht umhin zu denken, daß der Autor ein unerforschtes Gebiet ausgelassen hatte: das menschliche Bewußtsein.
Wir haben natürlich bestimmte Teile des Geistes erforscht und komplizierte Analysen dieser Berei-che durchgeführt. Aber es gibt immer noch riesige Bereiche, die in all den Jahrtausenden, die es nun Menschen gibt, unberührt geblieben sind. Einige wenige mutige Individuen sind dorthin vorgedrungen und zurückgekommen, um uns davon zu berichten, was sie gesehen haben. Aber die meisten Men-schen wissen nicht einmal, daß diese Orte existieren. Meditierende sind Psychonauten, um Robert Thurmans Ausdruck zu verwenden. Wir sind Forschende in dem faszinierendsten Bereich überhaupt. […]

In diesen beiden Bereichen ist unsere westliche Kultur – im Vergleich zu anderen heutigen Kultu-ren, und insbesondere im Vergleich zu Kulturen der Vergangenheit – reich. Wir besitzen mehr Dinge und haben mehr Dinge zu tun, wir gebrauchen Gedanken und Sprache in vielfältigerer Weise, als es zu irgendeiner Zeit in der menschlichen Geschichte der Fall war. Wir sind mehr als reich. Wir leben in außerordentlicher Fülle.
Innerlich jedoch sind wir verarmt. Unsere Kehle ist ausgedörrt und unser spiritueller Körper abge-magert. Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, warum wir so viele äußere Dinge haben. Wir ver-wenden sie, um einen Hunger zu stillen, der nie aufzuhören scheint. Er scheint unstillbar zu sein.
Stille ist kein vollkommen geeigneter Begriff für das, was ich zu beschreiben versuche. Es gibt kei-nen vollkommenen Begriff dafür. Ich benutze gewissermaßen Worte für etwas, das genau das Gegen-teil des Sprechens ist (auch wenn es ebenso richtig ist, zu sagen, daß alles Sprechen daraus hervor-geht). Andere Lehrer und andere Kulturen haben Worte wie Nichts oder Leere dafür benutzt, aber auch diese Begriffe haben ihre Nachteile. Stille, so wie ich den Begriff verwende, ist eine Dimension der Existenz. Man kann in ihr leben. Sie ist das, worum es beim spirituellen Leben eigentlich geht. Sie ist ganz wörtlich unauslotbarer, grenzenloser Raum, der von einer unermeßlich weiten Stille durchdrungen ist. Sie ist in gewisser Wei-se in uns – dort suchen wir sie –, auch wenn an irgendeinem Punkt in unserer Erforschung Begriffe wie innen und außen, all die räumlichen Begriffe, die ich gezwungen bin zu benutzen, überhaupt nichts bedeuten.
Die gesamte Geschichte der menschlichen Zivilisation zusammengenommen – Sprache, Kultur, Denken, Wirtschaft – ist relativ unbedeutend, verglichen mit dem, was hinter ihr steht. Stille ist eine Dimension der Existenz, und für einige Menschen – die es wahrscheinlich zu allen Zeit der Geschichte gegeben hat – war sie die Hauptdimension. Diese Menschen waren die außergewöhnlichsten Men-schenwesen. Sie haben gelernt, die Welt der Stille zu bewohnen und aus ihr heraus in die Welt des Handelns hinauszugehen.
Die erste Hilfe, die ich in dieser Richtung erhielt, stammte von meinem ersten buddhistischen Leh-rer, dem Ehrwürdigen Seung Sahn. Er war aus Korea in die Vereinigten Staaten gekommen und schien nur zehn bis fünfzehn englische Sätze zu sprechen, als er hier ankam. Aber er war im Gebrauch jener Sätze außerordentlich geschickt, ein Meister der dharmischen Klangbytes. Nach seiner Ankunft in Amerika reparierte er zunächst Waschmaschinen für Waschsalons, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und er schien mit nur zwei Sätzen auszukommen. „Das kaputt? Ich repariere.“ Aber schon nach kurzer Zeit hatte er einen Ruf als Zen-Meister, und an Freitagabenden kamen bis zu hundert Menschen, von denen viele einen Universitätsabschluß hatten, um ihn Vorträge mit jenen fünfzehn Sätzen halten zu hören.
In der Tradition, in der ich jetzt lehre, sind die Einzelgespräche recht informell, aber in seiner Zen-Tradition waren sie sehr formell, und jedesmal, wenn ich zu ihm kam, antwortete er, unabhängig von dem, was ich sagte, immer in derselben Weise. „Zuviel Denken!“ Er läutete die Glocke, und ich mußte gehen. Es war außerordentlich demütigend. Eines Tages hatte ich schließlich ein stilles Sitzen – wenn man uns nur genug Zeit gibt, dann erlebt jeder von uns Momente der Stille –, und ich kam zu ihm, um ihm aufgeregt von dieser Neuigkeit zu berichten. Während der ganzen Sitzung, so erzählte ich ihm, hatte ich nur einige wenige schwache Gedanken gehabt. Er sah mich völlig ungläubig an. „Was ist verkehrt am Denken?“ sagte er.
Er ließ mich wissen, daß nicht das Denken das Problem darstellt. Es ist unser Mißbrauch des Den-kens und unsere Abhängigkeit davon.
Der Weg in die Stille ist mit Hindernissen gepflastert. Das Haupthindernis ist Verblendung bezie-hungsweise Nichtwissen. Wir erleben Stille nicht, weil wir nicht wissen, daß sie existiert. Und auch wenn ich die Schwierigkeiten betone, ist es wichtig zu verstehen, daß Stille ein Zustand ist, der allen Menschen zugänglich ist. Sie ist nicht nur für die Einsiedler bestimmt, die hoch oben im Himâ1aya in Höhlen leben. Sie steht jedem zur Verfügung.
Der erste Teil der Reise besteht in der Übung des Atembewußtseins. Wenn Anfänger sich hinsetzen, um der Atmung zu folgen, dann nehmen sie typischerweise ungeheuer viel Lärm wahr, der ziemlich weit von der exquisiten Stille entfernt zu sein scheint, von der ich hier spreche. Die Tibeter haben für diese Phase der Praxis einen Ausdruck: "den kaskadenartig herabstürzenden Geist erreichen". Das klingt nicht gerade nach einer besonderen Errungenschaft. Sie nehmen wahr, daß sich Ihr Geist wie ein kaskadenartig herabstürzender Wasserfall verhält; er macht Lärm und fließt die ganze Zeit über.
Tatsache ist jedoch, das jedermanns Geist so beschaffen ist, nur wissen die meisten Menschen das nicht. Das zu sehen ist ein äußerst wichtiger Schritt. Unsere Welt wird sehr wahrscheinlich von Menschen regiert, denen nicht bewußt ist, daß ihr Geist wie ein Großstadtbahnhof unmittelbar nach Büroschluß ist. Ist es da etwa ein Wunder, daß sich unsere Welt in dem Zustand befindet, in dem sie sich nun einmal befinden?
Wir wundern uns nicht mehr über den Zustand, in dem sich die Welt befindet, sobald wir einmal unseren kaskadenartig herabstürzenden Geist gesehen haben und uns bewußt wird, wer in unserer Welt das Sagen hat. Wir müssen jedoch unserem Geist gegenüber nicht ungeduldig sein. Ungeduld hilft ohnehin nicht. Wenn Sie eine Weile still sitzen und ver suchen, mit Ihrer Aufmerksamkeit bei der Ein und Ausat mung zu bleiben, dann wird sich der Geist schließlich beru higen, und Sie werden Momente erleben, in denen der Atem seidig und weich ist und Sie einfach bei ihm bleiben können. Vielleicht nehmen Sie auch die Stille in der Pause zwischen den Atemzügen wahr. Das ist ein erster Geschmack der Stille, und vielleicht finden Sie sogar eine gewisse Erfrischung darin. Es ist eine Begegnung mit einer sehr reinen Art von Energie. Es wird noch so viel mehr kommen. Aber solche frühen kurzen Begeg nungen geben Ihnen das Vertrauen, weiterzumachen. Und im Umgang mit der Stille ist ein gewisses Maß an Vertrauen außerordentlich wichtig.
Wir können noch viel tiefere Arten von Stille erfahren, aber nicht, indem wir danach streben, sie zu erreichen. Sobald Sie einmal mit Hilfe der Samatha-Praxis eine gewisse Ruhe erreicht haben, ge-schieht der Weg in die Stille dadurch, daß Sie sich mit Ihrem Lärm anfreunden und ihn wirklich ken-nenlernen. Der größte Krachmacher ist Ihr Ego, Ihre Neigung, sich an Dinge als Ich oder Mein zu hef-ten. Das Ego weiß, daß es in der Welt der Stille nichts zu suchen hat, denn die Stille gehört nieman-dem. Da gibt es nichts, was es sich aneignen könnte. Die Stille ist dort, wo das Ego nicht ist.
Daher ist eine viel bessere Herangehensweise an tiefe Stille – wenn Sie bereit dafür sind – das nichtwählende Gewahrsein. Ein gewisses Maß an Stille ist durch Konzentration zu erreichen, aber es entsteht eine andere Qualität von Stille durch das Begreifen, das keine Stille schafft, sondern diejenige entdeckt, die bereits vorhanden ist. Eine solche Stille werden Sie wahrscheinlich eher während eines langen Retreats entdecken, wenn Ihr Geist eine längere Phase der Verlangsamung erlebt hat.
Sie sitzen mit dem Atem und erlauben allem, zu kommen und zu gehen – Gedanken, Gefühlen, Klängen, Empfindungen, geistigen und physischen Zuständen. Zunächst wird Ihre Aufmerksamkeit zwangsläufig Vorlieben aufweisen; Sie werden sie auf dieses oder jenes richten. Aber mit der Zeit wird jene Neigung wegfallen; ja, sogar der Atem wird nicht mehr besonders hervorgehoben, und Sie werden alles, was ist, auf eine vollkommen absichtslose Weise wahrnehmen. Sie werden mit ungeteilter Präsenz in einem Zustand vollkommener Empfänglichkeit sitzen. Sie sind nicht für oder gegen etwas von dem, was aufsteigt; Sie nehmen dem gegenüber einfach eine freundliche, interessierte und annehmende Haltung ein.
Wenn der Geist die Erlaubnis hat, auf diese Weise frei umherzustreifen, dann wird er schließlich seiner selbst müde. Schließlich sagt er ja doch immer und immer wieder dieselben Dinge. Er wird all des Lärms müde und beginnt, sich zu setzen. Wenn er das tut, dann stehen Sie an der Schwelle zur un-ermeßlich weiten Welt der Stille. Manchmal kommen bei Retreats Meditierende, die gerade in das Konzept des nichtwählenden Ge-wahrseins eingeführt worden sind, zu den Einzelgesprächen und sagen: "Es passiert nichts." Wir sind so sehr daran gewöhnt, daß Dinge in unserem Leben passieren, daß wir den Wert dieses "nichts" nicht kennen. Dieser erste Schritt in das Reich der Stille ist jedoch äußerst wertvoll. Es ist dann kein Be-dürfnis vorhanden, irgend etwas anderes zu tun, als einfach dabeizubleiben.
Es stimmt, daß wir an der Schwelle zur Stille häufig Angst erfahren. Es ist das Ego, das Angst hat. In der allumfassenden Aufmerksamkeit, die man dem nichtwählenden Gewahrsein widmet, steht das Ego nicht im Mittelpunkt, wo es hinzu gehören glaubt, und es beginnt sich zu fragen, wie es wohl in der Stille sein wird, wo es überhaupt nicht mehr dasein wird. Diese Angst ähnelt der Angst vor dem Tode, denn das Ein treten in die Stille ist ein vorläufiger Tod für das Ego. Die Große Stille wäre sein dauerhafter Tod. Es ist ganz natürlich, daß es davor Angst hat.
Wenn diese Angst hochkommt, muß sie kein Hindernis darstellen. Sie ist einfach nur ein weiterer Aspekt des Lärms. Ihre Begegnung mit jener Angst ist sehr wertvoll, und die Geschicktheit, die hier erforderlich ist, besteht einfach darin, dabeizubleiben. Mit der Zeit wird sie – wie jede andere Er scheinung – vergehen. Wenn sie es tut, dann bleibt Stille übrig.
In meiner eigenen Praxis und Lehrtätigkeit habe ich bemerkt, daß das Erreichen von Stille irgend-wie mit der Fähigkeit verbunden ist, mit Einsamkeit umzugehen und den Tod akzeptieren zu lernen. Insbesondere für das Ego sind diese beiden Dinge eng miteinander verbunden. Wir haben Angst davor, allein zu sein, und wir haben Angst vor dem Sterben; also erschaffen wir uns mit Hilfe unserer Gedanken Gesellschaft, und die hält uns davon ab, in die Stille zu gelangen.
Daher ist es für jemanden, der sich auf einem kontemplativen Weg befindet, hilfreich, eine Zeitlang mit dem Todesbewußtsein zu praktizieren. Abgesehen von dem Wert, den diese Praxis bereits für sich genommen besitzt, hilft sie uns, in das Reich der Stille einzutreten, das wir fürchten, weil es – wie der Tod – unbekannt ist. Tatsächlich ist dieses Reich jedoch ganz wunderbar; es ist eine immense Erleichterung, aber der Geist weiß das nicht. Wenn sich ein Meditierender dazu bereit fühlt, dann könnte es auch hilfreich sein, sich in eine längere private Klausur zu begeben, wo man tiefgreifende Einsamkeit erfährt. Sobald wir uns einmal mit unserer Einsamkeit angefreundet haben, wird uns Stille sehr viel leichter zugänglich sein.
In diesem Zusammenhang ist es vielleicht angebracht, daß ich eine recht persönliche Geschichte erzähle. Mein Vater ist vor kurzem nach langer Krankheit gestorben. Wir haben uns mein ganzes Le-ben lang nahegestanden, und ich mußte sehr viel Trauerarbeit leisten. Manchmal dachte ich, das ginge recht gut, zu anderen Zeiten ging es nicht so gut. Ich bin ein Mensch wie jeder andere und stelle in Bezug auf die Tendenz, zu leugnen, zu verdrängen, zu intellektualisieren und vor Dingen wegzulaufen, keine Ausnahme dar.
Ich habe seine Asche nach Newburyport in Massachusetts gebracht, wo ich häufig eigene Retreats durchführe, und habe sie über den Parker-Fluß in den Atlantischen Ozean (den er liebte) gestreut. An-schließend bin ich in das Haus gegangen, wo ich meine Retreats durchführe. Ich hatte bereits sehr viel mit meiner Trauer gesessen, aber auf einer anderen Ebene hatte ich anscheinend noch nicht einmal damit begonnen, denn an jenem Tag erlebte ich mehr Trauer, als mir menschenmöglich erschien.
Es hatte in meinem Trauerprozeß zuvor Elemente von Selbstmitleid sowie auch Elemente von Mit-leid für meinen Vater gegeben. Meine Ichbezogenheit war da und erlaubte es der Trauer nicht, voll-ständig aufzublühen. Aber jetzt war eine direkte Erfahrung von Trauer da, ohne jegliches Zurückhal-ten – ich drang über längere Zeit direkt in sie ein und erlebte wirkliche Nähe mit ihr. Schließlich endete die Trauer. Jenseits davon lag eine unglaubliche Stille. Ich habe an jenem Tag sehr viel über die Art und Weise gelernt, wie uns Elemente des Ich davon abhalten, vollständig zu fühlen, und darüber, was uns möglich ist, wenn wir sie loslassen. Ein anderer Ausdruck für eine solche Stille ist absolute Präsenz, die nur möglich ist, wenn das Ich vollkommen abwesend ist.
Meditierende fragen häufig, was sie tun sollen, wenn sie zur Stille gelangen. Typischerweise haben wir verschiedene Pläne. Manchmal haben wir im wesentlichen immer noch Angst vor der Stille; wir möchten einen flüchtigen Einblick in sie erhaschen und ihr dann wieder entkommen. Zu anderen Zei-ten sitzen wir voller Erwartung in der Stille und warten darauf, daß etwas passiert. Wir sehen die Stille als Tür zu etwas anderem an. Sie ist eine Tür zum Unbedingten, aber wenn wir versuchen, diese Tür zu benutzen, um dorthin zu gelangen, dann bleibt sie verschlossen.
[…]
Wenn wir zu sehr danach trachten, daß etwas Besonderes passiert, dann wird die Stille zusammen-brechen. Wir können sie auch dadurch zum Verschwinden bringen, daß wir sie zu einer persönlichen Erfahrung machen - sie benennen, sie abwägen, sie bewerten, sie mit anderen Erfahrungen verglei-chen, die wir gemacht haben, und uns fragen, was wir unseren Freunden über sie erzählen sollen oder wie wir sie in einem Gedicht zum Ausdruck bringen können. Wir sollten uns ihr statt dessen einfach überlassen. Erlauben Sie es ihr, dazusein. Das klingt so, als ob sie einfach Leere wäre, eine Pause vom wirklichen Leben, aber hier versagt die Sprache. Stille ist viel mehr als das.
Wir können nicht nach diesem Zustand verlangen. Wir alle werden lernen, frei zu sein, und der einzige Weg, das zu tun, besteht darin, zu sehen, auf welche Weise wir uns selbst versklaven. Gele-gentlich haben wir große Einsichten, aber häufiger sind es nur kleine. Momente der Sorge um uns selbst sind zu Momenten der Freiheit geworden, wenn wir in sie hinein, und durch sie hindurchsehen.

Dienstag, 10. März 2015

»Laßt euch nicht länger von den Hühnern beschämen.«

Als ich zum ersten Mal nach Thailand ging, um dort in den Waldklöstern zu üben, dachte ich, ich würde mich an einen ruhigen, idyllischen Ort begeben. Tatsächlich war es dort lauter als in den verkehrsreichsten Gegenden von Boston, hauptsächlich wegen der wilden Hühner. Sie sind sehr laut und machen fortwährend Radau. Dabei scheinen sie sich köstlich zu amüsieren.
Mein dortiger Lehrer, Ajahn Buddhadasa, mochte die Menschen aus dem Westen wirklich, aber es machte ihm auch Spaß, uns manchmal zu schelten. Er pflegte zu sagen:

„Schämt ihr euch nicht vor den Hühnern? Sie leiden nicht an Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen, noch bekommen sie Geschwüre. Sie sind frei von nervöser Anspannung und neurotischen Störungen. Menschen nehmen tonnenweise Medikamente zu sich, während die Hühner ohne sie auskommen. Und doch sind es die Hühner, die mit einem friedlichen Geist tief schlafen, Daß wir als Menschen geboren sind, gibt uns ein Recht darauf, neurotisch zu sein, aber ist das ein Segen oder ein Fluch? Bitte findet eine Methode im Dharma, wie die des Ânâpânasati, bevor es zu spät ist. Lebt glücklicher und laßt euch nicht länger von den Hühnern beschämen.“
Ajahn Buddhadasa, zit. nach Larry Rosenberg (in Mit jedem Atemzug, Arbor Verlag – Leseprobe)
Diese Freude kann nicht erzwungen werden; sie entsteht einfach, wenn die Bedingungen stimmen – so wie wenn eine Blume erblüht, wenn die entsprechenden Bedingungen gegeben sind. Zum Teil hat das mit der Tatsache zu tun, daß Sie Ihre Sorgen hinter sich gelassen haben, aber zu einem anderen Teil ist sie eine natürliche Eigenschaft eines gesammelten Geistes. Seinen Geist schnell und leicht sammeln zu können ist eine wundervolle Fähigkeit, die man üben kann.

Larry Rosenberg, Mit jedem Atemzug, Arbor Verlag
zum letzten Zitat siehe auch:

Du brauchst ihn nicht von weit her herbeizurufen; 
er kann es weniger erwarten als du, 
dass du ihm auftust. 
Es ist ein Zeitpunkt: 
Das Auftun und das Eingehen. 
Wo und wann Gott dich bereit findet, 
so muss er wirken und sich in dich ergiessen; 
in gleicher Weise, 
wie wenn die Luft klar und rein ist, 
die Sonne sich ergießen muss 
und sich nicht zurückhalten kann. 
Es wäre sicherlich ein sehr großer Mangel an Gott, 
würde er nicht große Werke in dir wirken 
und großes Gut in dich eingießen, 
wenn er dich so ledig und so frei findet. 
Es ist ein Augenblick: 
das Bereitsein und das Eingießen.

Sonntag, 8. März 2015

Das Fundament von Angstlosigkeit ist die Angst selbst.

Die Meditationsmeister im alten Indien beschrieben die Angst oft mit folgendem Bild: Wir befinden uns in einem nur schwach beleuchteter Raum, wo wir ein Seil auf dem Boden liegen sehen, das wir für eine Schlange halten. Genauso ist es oft mit unserer Angst. Sie beginnt mit einer falschen Wahrnehmung, und dann führt ein ängstlicher Gedanke zum nächsten. Die Praxis beginnt damit, klar zu sehen: Ein Seil ist ein Seil, und eine Schlange ist eine Schlange. Wenn wirklich ein Schlange im Raum ist, dann wäre Furcht eine durchaus angebrachte Reaktion. Aber vielfach geht es bei unseren Ängsten um Seile, die wir nie genau angesehen haben, und wir verbringen unser Leben damit, sie kontrollieren zu wollen, vor ihnen wegzurennen, sie zu verbergen, zu verdrängen, komplizierte begriffliche Erklärungen auszutüfteln.
Unsere gewöhnliche Reaktion auf Angst besteht darin, daß wir ein Schlachtfeld erzeugen. Unsere Angst steht auf Kriegsfuß mit unserer großen Sehnsucht, frei von ihr zu sein, und der Schauplatz der Schlacht sind Geist und Körper, wo dieser Prozeß stattfindet. Während der Schlacht verknoten wir uns und kehren unser Inneres nach außen. Das Ziel der Praxis liegt darin, diesen Prozeß offenzulegen und zu sehen, daß all seine Elemente ein Teil von uns sind: die Angst, der Wunsch davon frei zu sein, der Geist und der Körper, die Achtsamkeit, die alles beobachtet, das bewußte Atmen, das die Achtsamkeit unterstützt. Wir sitzen mit all dem, und all das ist eins.
Wenn Sie ein starkes Gefühl der Angst betrachten, kann es sein, daß Sie zuerst vor allem sehen, auf welchen Wegen Sie vor ihr flüchten. Auch das kann etwas sehr Wertvolles sein. Sie sehen, wie Sie verdrängen, unterdrücken, erklären, wegrennen, phantasieren. Sie betrachten diese Dinge vielleicht wieder und immer wieder, bis der Geist schließlich - weil Sie nicht länger darauf hereinfallen - müde wird. Dann eines Tages, und das können Sie nicht erzwingen, entsteht Angst und trifft auf Achtsamkeit, wird eins mit ihr und kann dadurch in ihrer vollen Gestalt erblühen, so wie sie es schon immer wollte.
„Die Welt besteht aus vielen blühenden Blumen in einem blühendem Universum“, pflegte ein Zen-Meister zu sagen. Das klingt zuckersüß und sentimental, aber so hat er es nicht gemeint. Er zählte auch Angst, Zorn, Einsamkeit, Haß und Neid zu den blühenden Blumen. Das ist das, was alle Erscheinungen wollen, sie wollen die Erlaubnis haben, zu erscheinen und zu ihrer eigenen Zeit wieder zu verschwinden.
Wenn wir dieses Erblühen verhindern, indem wir die Angst ignorieren oder unterdrücken, dann bleibt sie und drückt uns nieder, weil so viel Energie darauf verwendet werden muß, sie fernzuhalten. Wenn wir sie aber erblühen lassen, dann kann sie leben und wieder verschwinden. Dann behalten wir all die Energie, die wir sonst für die Flucht oder den Kampf mit ihr verbraucht hätten. Uns bleibt auch die Energie der Angst selbst erhalten. Wir gewinnen sehr viel Energie, wenn wir die Dinge einfach geschehen lassen.
Das Fundament von Angstlosigkeit ist die Angst selbst.
Um furchtlos werden zu können, müssen Sie mitten in Ihrer Angst stehen. Wir sollten keiner Angstlosigkeit trauen, die dies nicht als Grundlage hat. Der Anfang der Angstlosigkeit ist, daß Sie Ihre Angst sehen und sie sich eingestehen. Geben Sie zu, daß Sie Angst haben, und haben Sie dann den enormen Mut – und die Demut –, diese Angst zu erforschen. Das kann ein langer Prozeß sein.
In unserer Übung gehen wir – wie in unserem Leben – oft von der Meinung aus, Meditation sollte aus einer stets warmen, erfüllenden Erfahrung bestehen. Ständig sollten Verzückung und Glückseligkeit in uns herrschen und ein warmer Glanz auf unserem spirituell und erfüllt anmutenden Gesicht liegen. Es ist ganz natürlich, daß wir uns diese Dinge wünschen, aber sie werden leicht zu einer Falle. Dann stolziert man umher, zeigt eine Fassade und leugnet tatsächlich seine wahren Gefühle.
Wenn Sie todunglücklich sind und wirklich bei ihrem Unglücklichsein sind, dann entspricht das mehr dem, worum es hier geht, als wenn Sie vor Glück strahlen und innerlich taub sind. Ersteres ist die echtere Praxis. Achtsamkeit führt nicht dazu, daß Sie unablässig glücklich sind. Wenn Sie Angst oder blankes Entsetzen erleben – und niemand möchte diese Gefühle erfahren –, dann empfinden Sie eine bestimmte Art der Befriedigung, wenn Sie wirklich dabeibleiben. Es ist nicht gerade das Gefühl, daß Sie damit etwas erreichen. Sie leben einfach nur Ihr Leben, so wie es jetzt gerade ist.
Das ist mit „die geistigen Aktivitäten zur Ruhe kommen lassen“ gemeint. Ein Gefühl, und sei es ein so starkes wie Angst, entsteht, und Sie bleiben bei dem Gefühl, indem Sie das Atembewußtsein zu Hilfe nehmen – Sie bleiben dabei, Sie bleiben dabei. Sie lassen es einfach sein. Bewußtes Atmen und die Achtsamkeit nehmen dem Gefühl seine Macht, so daß es Ihren Geist nicht mehr dazu bringen kann, hysterisch zu reagieren. Unsere Gefühle verlieren das Potential, uns in diese unweisen Geisteszustände hineinzuschleudern.

Die definitive Aussage Buddhas über die Gefühle ist: „Der Erleuchtete hat Freiheit gefunden und wurde von allem Anhaften befreit, indem er betrachtete, wie die Gefühle sich wirklich verhalten, daß sie kommen und gehen. Er erfuhr den Genuß, den sie bereiten, die Gefahr, die von ihnen ausgeht, und die Erlösung von ihnen.“
»Der Punkt, wo sich gewöhnlich das Konzept von Erfolg und Mißerfolg und damit etwas Zwanghaftes in die Übung einschleicht, liegt in der Aufgabe, beim Atem zu bleiben. Aus dieser Aufforderung machen wir ein Drama von Erfolg und Mißerfolg: Wir sind erfolgreich, wenn wir beim Atem bleiben können, wir versagen, wenn wir nicht dabei bleiben können. In Wahrheit besteht die Meditation in dem gesamten Ablauf: mit dem Atem sein, abschweifen, sehen, daß wir abgeschweift sind, sanft zum Atem zurückkehren. Es ist außerordentlich wichtig, daß wir zurückkommen, ohne uns selbst Vorwürfe zu machen, uns zu verurteilen oder ein Gefühl des Versagens aufkommen zu lassen. Wenn Sie während einer Sitzperiode innerhalb von fünf Minuten tausendmal zum Atem zurückkehren müssen, dann tun Sie es einfach. Das ist kein Problem, es sei denn, Sie machen eines daraus.«

"Wenn Dein Herz wandert oder leidet, bring es behutsam an seinen Platz zurück und versetze es sanft in die Gegenwart Deines Herrn. Und selbst, wenn Du in Deinem Leben nichts getan hast außer Dein Herz zurückzubringen und wieder in die Gegenwart unseres Gottes zu versetzen, obwohl es jedes mal wieder fortlief, nachdem Du es zurückgeholt hattest, dann hast Du Dein Leben wohl erfüllt."  (Franz von Sales)

Sonntag, 1. März 2015

Projektive Identifizierung

Manchmal löst ein anderer immer wieder dasselbe Gefühl in uns aus: Wir fühlen uns im Kontakt mit ihm hilflos, wütend, ohnmächtig oder schuldig. Kleine Kinder können uns “wütend machen”, wenn sie selbst wütend sind. Patienten in der Psychoanalyse, denen noch die Worte für Erlebtes und innere Nöte fehlen, “machen”, dass der Therapeut sich plötzlich so (traurig, neidisch, verzweifelt, stark) fühlt, wie sich selbst unbewusst fühlen. Wenn der andere “macht”, dass ich mich so fühle, wie er, dann spricht man von “Projektiver Identifizierung”. Der andere “legt” dann sein Gefühl, seine Eigenschaft oder Phantasie “in mich hinein”. (Text: © Dunja Voos, Bild: © Water-Joy, Pixelio)
mehr:
- Projektive Identifizierung (Dunja Voos, Medizin im Text)

“Andere Personen werden durch Manipulation dazu gebracht, sich so zu fühlen, wie man sich selbst fühlt.” (“Psychosomatische Medizin und Psychotherapie”, Kohlhammer 2004)