Freitag, 30. Dezember 2016

Eine neue Art politischen Denkens… von Foucault zu Eribon

Geistesleben Didier Eribon war der Intellektuelle des Jahres 2016. Er steht für eine neue Art politischen Denkens 

Didier Eribon besucht Berlin, und alle kommen. Vom Charlottenburger Bildungsbürger über den Neuköllner Hipster bis zum autonomen Aktivisten. Schaubühne, taz-Café, Rosa-Luxemburg-Stiftung und Hebbel am Ufer, vier Veranstaltungen in fünf Tagen, jedes Mal sind die Reihen voll: der Eribon-Effekt. 

Aber während sein in Deutschland sehr erfolgreiches Buch Rückkehr nach Reims von dem Zusammenspiel von autobiografischer Erzählung und soziologischer Analyse lebt, versteckt sich der Franzose als Person auf der Bühne lieber hinter dem Habitus des Berufssoziologen. Als Redner ist er zugleich ausschweifend und scheu. Alle Versuche der Moderatoren, ihm packende persönliche Anekdoten zu entreißen – „Wie war Foucault als Mensch? Haben Sie wieder Kontakt zu Ihren Brüdern?“ –, laufen ins Leere. Die Hoffnung, dass hier einer nicht nur aktuelle Konflikte analysiert, sondern sie auch selbst anschaulich verkörpert, wird enttäuscht. Eribon doziert, trägt eben die Thesen aus seinem Buch vor – und verweigert die Rolle des „Leibhaftigen“, die Aufführung des charismatisch herumpolternden Intellektuellen, auf den das Publikum in diesen aufgeheizten Tagen so dringend zu warten scheint.
mehr:
- Scham und Haltung (Peter Rehberg, der Freitag, 21.12.2016)

European Angst - Didier Eribon & Heinz Bude im IPW | 12.10.16 [1:08:31]

Pierre Werner
Veröffentlicht am 22.11.2016
Am 12. Oktober 2016 diskutierten im IPW zwei der renommiertesten Soziologen Europas, Didier Eribon und Heinz Bude, warum nationalistische und euroskeptische Parteien im Aufwind sind und wieso sich immer mehr Bürger verlassen, bevormundet oder übergangen fühlen.


Didier Eribon | Warum die Arbeiterklasse nach rechts rückt [13:01]

MarcGold - Der Nachhaltigkeitskanal
Veröffentlicht am 05.12.2016

Didier Eribon: Warum die Arbeiterklasse nach rechts rückt Deutschlandradio Kultur | Sein und Streit | 04.12.2016 Der französische Soziologe Didier Eribon beschäftigt sich in "Rückkehr nach Reims" mit der Frage: Warum wählen große Teile der Arbeiterschaft nicht mehr links sondern rechts? Er hält die linke Elite für mitverantwortlich: Diese habe den Klassenbegriff eliminiert - die Rechte besetze nun diese Thema. Die französische Linke hat den Klassenkampf abgeschafft Eribon sieht die Ursache vor allem bei der französischen linken Elite: Wenn man sich die französische – eigentlich die gesamt europäische Sozialdemokratie – der vergangenen Jahre anschaue, dann werde deutlich, dass diese, zusammen mit den Intellektuellen an Universitäten versucht hätten, "die Notion von Klassen abzuschaffen, das Vokabular abzuschaffen. Und das hat, meiner Meinung nach, dazu geführt, dass wir heute ganz andere Entwicklungen haben." Es sei wichtig, dieser sozialdemokratisch-intellektuellen Negierung von Klassenkampf etwas – eine neue intellektuelle Analyse - gegenüberzustellen, worüber man zu einer neuen Wahrnehmung sozialer Realitäten finde. "Die linke Sozialdemokratie hat in gewisser Weise etwas eliminiert, was jetzt von Rechts für sich beansprucht wird." Früher, während seiner eigenen Kindheit, stand der Begriff "wir Arbeiter" für die gemeinsame Opposition gegen kapitalistisch-bourgoise Fabrikbesitzer. "Wenn heute in meiner Familie von ‚wir Arbeiter‘ gesprochen wird, dann richtet sich das gegen Einwanderer und gegen politische Eliten", sagt der Soziologe. Front National bedient die Bedürfnisse Und leider müsse man feststellen, dass in dieser Situation die Front National als einzige Partei in Frankreich den Eindruck vermittle, als sie wolle etwas im Interesse der Arbeiter tun. Die regierenden Sozialisten hätten durch einige Gesetzesänderungen leider genau das Gegenteil signalisiert und getan. Die Folge: Bei den letzten Regionalwahlen hätten 51 Prozent der Arbeit Front National gewählt. Es sei eben kein Naturgesetz, dass die Arbeiterklasse automatisch links wähle. Im übrigen, betonte Eribon, müsse auch mit einigen anderen Mythen aufgeräumt werden – wie etwa dem, dass man die Arbeiterklasse automatisch für ihren aufrechten Kampf um soziale Gerechtigkeit für alle Zeit lieben müsse. So habe er bereits als Jugendlicher die Erfahrung gemacht, dass "aus dieser Klasse auch Rassismus, Homophobie und Sexismus kamen." Didier Eribon: Rückkehr nach Reims Suhrkamp edition, Berlin 2016 240 Seiten, 18 Euro

Dokumentation: Foucault gegen Foucault [HD] [53:18]

3mi
Veröffentlicht am 20.06.2014

Mit seinen desillusionierenden Gesellschaftsanalysen wurde Michel Foucault zu einem der bedeutendsten und umstrittensten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Foucault starb vor 30 Jahren, am 25. Juni 1984, im Alter von 57 Jahren an Aids. Zum 30. Todestag zeigt ARTE ein Porträt, das Foucaults unglaublich vielseitiges, in nur 20 Jahren geschaffenes Werk sowie seine Zeit beleuchtet. Origin: ARTE F Land: Frankreich Jahr: 2014 Als Live verfügbar: ja Tonformat: Stereo Bildformat: HD, 16/9 Arte+7: 18.06-25.06.2014 (Quelle: http://www.arte.tv/guide/de/050573-00...) - no copyrightinfrigdement intended, for noncommercial purposes only. contact me, if i should remove this video.

Die Wahrheit der Lüste. Zur Philosophie von Michel Foucault [43:44]

alexomat2
Veröffentlicht am 24.05.2012
Eine Dokumentation über Michel Foucault von Hanns-Christoph Koch und Jochen Köhler aus dem Jahr 1991.


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  • Foucaults Denken wird von Marxisten – wohl auch wegen Foucaults Kritik am Marxismus – einer Logik des fortgeschrittenen Kapitalismus zugeschrieben.[30] Gleichzeitig kritisierte man, er stelle das kritische Denken durch ein fiktionalistisches Festschreiben subjektiven Erkennens, also durch Ununterscheidbarkeit, in Frage.
  • Nach dem Erfolg von Die Ordnung der Dinge attackierte Jean-Paul Sartre in einer aufsehenerregenden Rezension Foucault. Sartre, der sich als Vertreter des Existenzialismus dem Humanismus gegenüber verpflichtet sah, richtete seine Kritik auf Foucaults Absage an den Humanismus. Aus der Perspektive Foucaults ist der Humanismus im 20. Jahrhundert theoretisch unfruchtbar und praktisch-politisch - im Osten wie im Westen - eine reaktionäre Mystifikation. Insbesondere im Erziehungssystem schneide er den Menschen von der Realität der technisch-wissenschaftlichen Welt ab.[31] Zu beachten ist dabei allerdings, dass Foucault bei seiner Kritik weniger den Humanismus an sich, sondern eher die Humanwissenschaften in den Fokus nahm.[31]
  • In der Foucault-Habermas-Debatte sieht der Philosoph Jürgen Habermas Foucault in der Tradition einer radikalen Vernunftkritik, die von Nietzsche ausgehend zu den französischen Neostrukturalisten führe. Foucaults Machttheorie verfange sich dabei in unauflösbare Selbstwidersprüche.[32]
  • Der Linguist, Sozial- und Sprachphilosoph Noam Chomsky, der wie Foucault über die französische Grammatik und Logik der Barockzeit gearbeitet, gleichartige Themen der politischen Philosophie behandelt hatte und mit diesem u. a. 1971 eine Fernsehdebatte über Anthropologie führte,[33] gestand Foucault zu, noch der verständlichste und gehaltvollste der französischen Poststrukturalisten und Postmodernisten zu sein; jedoch seien weite Teile seiner Arbeiten unklar, falsch oder wiederholten nur in prätentiöser rhetorischer Aufbereitung bereits bekannte, eher triviale Gedanken und Forschungsergebnisse anderer.[34]
  • 1998 belegte der deutsche Historiker Hans-Ulrich Wehler Foucault und sein Werk mit harscher Kritik.[35] Wehler sieht in Foucault einen schlechten Philosophen, der sich in den Geistes- und Sozialwissenschaften zu Unrecht großer Resonanz erfreue. Seine Arbeiten seien nicht nur in ihren empirisch-historischen Aspekten unzulänglich, sondern auch an zahlreichen Stellen von begrifflichen Konfusionen und inneren Widersprüchen durchzogen. Auch leide Foucaults Werk unter einem Frankozentrismus, was schon daran erkennbar sei, dass Foucault die Arbeiten zentraler Theoretiker der Sozialwissenschaften wie Max Weber und Norbert Elias nicht zur Kenntnis genommen habe.
An Foucaults Diskurstheorie kritisiert Wehler vor allem, dass sich die Diskurse verselbständigen würden. Subjekte seien aber nicht die Diskurse selbst, sondern die Träger der Diskurse, von denen bei Foucault keine Rede sei. Den Machtbegriff Foucaults hält Wehler für „zum Verzweifeln undifferenziert“.[36] Foucaults These der „Disziplinargesellschaft“ sei überhaupt nur dadurch möglich, dass Foucault keine Unterscheidung von Autorität, Zwang, GewaltMachtHerrschaft und Legitimität kenne. Hinzu komme, dass sich diese These auf eine einseitige Quellenauswahl (psychiatrische Anstalten, Gefängnisse) stütze und andere Organisationstypen wie beispielsweise Fabriken außen vor lasse.
Insgesamt kommt Wehler zu dem Ergebnis, dass Foucault „wegen der endlosen Mängelserie seiner sogenannten empirischen Studien […] ein intellektuell unredlicher, empirisch absolut unzuverlässiger, kryptonormativistischer ‚Rattenfänger‘ für die Postmoderne“ sei.[37]
  • Der Politikwissenschaftler Urs Marti, der 1999 ein Buch über Foucault veröffentlichte, meint, Foucault habe in Anlehnung an Friedrich Nietzsche einen anarchistischen Nihilismus vertreten.[38] Er würdigt aber die „befreienden Impulse“, die von seinem Werk ausgegangen seien, insbesondere seine „archäologisch-genealogischen“ Analysen der Humanwissenschaften und der Aspekte des Regierens.[39] Er sei kein Vertreter der Gegenaufklärung, sondern habe es für absurd gehalten, in der Aufklärung eine Ursache des Totalitarismus zu sehen.[39]
  • Klaus Dörner attestierte Foucault in Bürger und Irre 1969 eine beschränkende Wirklichkeitsstrukturierung. Es sei außerdem unzulässig, alle von der Aufklärung unternommenen Anstrengungen als ideologisch zu verwerfen, da dadurch keinerlei gesellschaftlich verändernde Praxis mehr entwickelt werden könne. Ähnlich argumentierte Sartre, als er Foucault ein fatalistisches Geschichtsbild vorwarf, das politische Praxis unmöglich mache.[40]
  • Foucault wurde auch ein allzu selektiver Umgang mit historischen Daten vorgeworfen, der es ihm erst ermögliche, seine Periodisierungen vorzunehmen.[41]
  • Michel de Certeau hat Foucaults Theorien in zahlreichen Schriften aufgegriffen und sowohl kritisiert, als auch weiterentwickelt. Insbesondere in Die Kunst des Handelns setzt er Foucaults Überwachungs-Konzept einen Fokus auf Alltagspraxis als kreativen Spielraum entgegen, worin sich eine Form von Freiheit formiert, die der soziologischen Forschung genauso wie den Kontrollmechanismen und Überwachern verborgen bliebe.[42]
 [Michel Foucault, Kritik an Foucault, Wikipedia, abgerufen am 30.12.2016]
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siehe auch:
- Geschichte der Psychiatrie: Wahnsinn ist keine Krankheit (Christof Goddemeier, Deutsches Ärzteblatt, 2011)

Americans are stupid and proud of it! (50) In America you have the right to be stupid! [4:59]



Lumea lui Gaita
Veröffentlicht am 01.12.2016
Sam Cooke: - What A Wonderful World Don't know much about history Don't know much biology Don't know much about a science book, Don't know much about the french I took. Don't know much about geography, Don't know much trigonometry. Don't know much about algebra, Don't know what a slide rule is for.


Die Preisfrage lautet:
Wer kommt weiter?
Wo ist weiter?

siehe dazu:

- Hilft Wissen? (Post, 30.11.2014)
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Freitag, 23. Dezember 2016

Sprachverarbeitung ist kulturabhängig

Erwachsenen Englisch-Muttersprachlern hilft der Blick auf den Mund beim Erkennen von Silben, bei Japanisch-Muttersprachlern ist das Gegenteil der Fall


In einer in Scientific Reports veröffentlichten Studie zeigen die an der japanischen Kumamoto-Universität forschenden Wissenschaftler Satoko Hisanaga, Kaoru Sekiyama, Tomohiko Igasaki und Nobuki Murayama, dass Englisch- und Japanisch-Muttersprachler Silben, die von anderen Personen gesprochen werden, auf unterschiedliche Weise verarbeiten, sobald sie ein Alter von sechs bis acht Jahren erreicht haben.

Nach Erreichen dieser Altersgrenze richten Englisch-Muttersprachler ihren Blick automatisch auf den Mund eines Video-Gegenübers, während ihn Japanisch-Muttersprachler umherschweifenden oder auf Augen oder Nase ruhen lassen. Englisch-Muttersprachlern hilft dieser Blick offenbar, um ähnliche Silben wie "ba" und "ga" zu unterscheiden. Japanisch-Muttersprachler verlassen sich bei der Silbenerkennung dagegen ausschließlich auf ihr Gehör. Bringt man sie dazu, ihren Blick auf den Mund ihres Gegenübers zu richten, dauert die Identifikation sogar etwas länger.

mehr:
- Sprachverarbeitung ist kulturabhängig (Peter Mühlbauer, Telepolis, 20.12.2016)
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Dienstag, 13. Dezember 2016

Geduld

Wir sind eine ungeduldige Gesellschaft. Alles muss schnell geschehen, die Ergebnisse müssen schnell vorliegen oder wir verlieren das Interesse. Und weil wir so ungeduldig sind, verstehen wir nicht, worum es bei der Geduld wirklich geht. Wenn man uns sagt, dass wir geduldig sein sollen, so denken wir häufig, es sei ein Zeichen dafür, dass wir uns nicht um das Ergebnis kümmern sollen, dass wir uns also der Praxis nicht so sehr widmen sollen und dass wir den Dingen ihren Lauf lassen können, wann immer sie es wollen. Wir denken, dass Geduld einen Mangel an Entschlusskraft bedeutet, dass man sorglos und dafür gleichgültig ist, wann denn nun die Dinge geschehen, wann sich die Resultate zeigen werden.

Das bedeutet Geduld aber nicht. Geduld heißt, mit den Ursachen unserer Praxis auszuharren, gleichgültig wie lange es dauert bis zu den Resultaten. Mit anderen Worten, führt ihr entschlossen eure Praxis durch, ihr beharrt dabei, langsam und beständig. Khanti, das Pâli-Wort, das wir oft als Geduld übersetzen, bedeutet auch Ausdauer. Das heißt, dass ihr zu der Sache steht, selbst wenn es lange dauern sollte, bis sich Ergebnisse zeigen. Ihr werdet dabei nicht frustriert. Erinnert euch daran: Dies ist ein Pfad, der Zeit beansprucht. Schließlich gewöhnen wir uns ja eine Menge Gewohnheiten ab, die wir für eine sehr lange Zeit hatten. Es ist also nur vernünftig, anzunehmen, dass es einige Zeit dauern wird, bis wir uns entwöhnt haben. Der einzige Weg, um sie uns abzugewöhnen, ist, sich tatsächlich an die Praxis zu halten und bei unserem Tun Entschlossenheit zu üben. Diese feste Entschlossenheit wird den Unterschied ausmachen.

Ajahn Thate spricht davon, so geduldig zu sein wie die Bauern. Selbst, wer von euch niemals auf einem Bauernhof gelebt hat, weiß, dass Bauern kein leichtes Leben haben. Sie arbeiten schwer, besonders in Thailand, wo sie kaum arbeitserleichternde Hilfsmittel besitzen. Wenn die Zeit kommt, das zu tun, was getan werden muss, so müssen sie es schnell tun. Wenn also die Reiskörner reif sind, muss man sie schnell ernten, bevor sich die Mäuse daran machen. Man muss sich schnell darum kümmern und die Körner von der Spreu trennen, noch ehe der Regen der späten Saison sie verdirbt. Die Geduld eines Bauern bedeutet also nicht, sich einfach Zeit zu lassen und Dinge nebenher zu erledigen. Eher ist sie von einer Art, die weiß, dass man nicht heute den Reis pflanzen und morgen die Körner reifen sehen kann. Es wird Zeit nötig sein und während dieser Zeit wird Arbeit erforderlich sein.

Glücklicherweise haben die Bauern Erfahrung. Sie wissen aus der Erfahrung der vergangenen Jahre, wie lange es dauern wird. Wir haben diese Erfahrung aber nicht. Wir arbeiten an etwas Neuem, wir entwickeln neue Gewohnheiten in unserem Geist. Manchmal lesen wir den Abschnitt in der Satipaúúhâna Sutta darüber, wie man in sieben Tagen das Erwachen erlangen kann, wenn man wirklich den rechten Eifer auf- bringt, und wir ziehen daraus unrealistische Vorstellungen, wie schnell wir zu Resultaten kommen sollten, um unsere Praxis als erfolgreich anzusehen. Damit soll nicht gesagt werden, dass es nicht möglich ist, sondern nur, dass die meisten der Leute, welche in sieben Tagen zu Resultaten gelangen konnten, diese auch schon erlangt haben und ins Nibbâna gegangen sind. Damit bleibt der Rest von uns, die wir so dahinwursteln, übrig – was aber nicht heißt, dass wir uns deshalb unserer Praxis weniger widmen sollten. Wir sollten uns nur bewusst sein, dass es Zeit erfordern wird.

Gute Dinge brauchen immer Zeit. Die Bäume mit dem stabilsten Kernholz sind jene, die am längsten zum Wachsen benötigen. Wir praktizieren also und konzentrieren uns auf das, was wir gerade tun, statt einen inneren Dialog darüber zu führen, wann denn nun die Resultate erscheinen werden, wie sie aussehen werden und wie wir die Praxis beschleunigen können. Häufig erweisen sich unsere Bemühungen, die Dinge zu beschleunigen tatsächlich aber als Hindernis. Unsere Praxis ist doch wirklich einfach: Bleibt beim Atem, lasst den Geist mit dem Atem zur Ruhe kommen, seid Freunde des Atems. Gestattet dem Atem, sich zu öffnen und immer sanfter zu werden, immer durchlässiger, so dass eure Achtsamkeit in den Atem einsickern kann. Das ist alles, was ihr tun müsst.

Natürlich wollen wir den Prozess am liebsten beschleunigen, damit die Resultate schneller kommen, aber was wir auch hinzu addieren, es wird zum Hindernis. Versucht also alles ganz einfach zu halten. Bleibt einfach nur beim Atem. Wenn der Geist einen Dialog beginnt, dann lasst euch nur darauf ein, wenn es darum geht, wie sich der Atem eben jetzt anfühlt und erinnert euch daran, beim Atem zu verharren und den Geist einzufangen, wenn er entschlüpfen will. Selbst wenn ihr versucht, alles einfach zu halten, den Geist beim Atem zu festigen, bleibt doch noch eine Menge zu tun. Ob nun die Resultate so schnell kommen, wie ihr es gerne hättet, oder ob sie so lange anhalten, wie ihr es wünscht, wenn sie schließlich kommen, das hängt davon ab, was ihr eben jetzt mit dem Atem macht. Unser Wunsch nach schnellen Resultaten und unser Wunsch nach bleibenden Ergebnissen wird sie hier nicht halten. Das tatsächliche Tun in der Praxis wird den Unterschied ausmachen.

Es gibt eine Stelle in den Texten, an der der Buddha über eine Henne spricht, die ihre Eier ausbrütet. Ob die Henne nun das Verlangen hat, die Eier zu bebrüten oder nicht, sie werden sich dennoch entwickeln. Ob sie nun einen kleinen Dialog darüber führt, wie schnell sie möchte, dass sie schlüpfen und warum sie denn nicht schneller kommen oder ob sie das nicht tut, all diese kleinen Fragen, zu denen ihr wahrscheinlich das Hirn fehlt ... Unser Problem ist, dass wir das Hirn haben, diese Fragen zu stellen und sie werden uns hinderlich. Wenn ihr also Fragen stellt, dann fragt danach, was ihr gerade tut: „Bist du dabei, dich wegzuschleichen? Wo gehst du hin? Suchst du Schwierigkeiten? Oder harrst du genau hier aus?“ Das ist schon alles, was ihr zu fragen habt. Seid einfach wirklich beharrlich und entschlossen, bei dem zu bleiben, von dem ihr wisst, dass ihr es tun müsst. Wenn ihr merkt, dass ihr nachlasst, so lernt, wie man sich auf dem Weg selber mit Worten aufmuntert und ermutigt. Tut alles, was ihr nur könnt, um den Geist so beständig und ausdauernd wie mög- lich genau hier zu halten. Beständigkeit ist es, die den Schwung aufbaut. Wir wünschen uns zwar, dass dieser Schwung schnell zustande kommt, manchmal ist aber unser Geist zu schwerfällig und ein schwerfälliger Geist braucht Zeit zur Beschleunigung. Versucht also, so gut ihr könnt, Ballast abzubauen und die Dinge schlicht zu halten. Haltet die Konzentration auf dem Atem und bleibt in eurem Tun entschlossen.

Was die Resultate betrifft, habt Geduld! Gestattet euch aber nicht, gegenüber irrenden Gedanken, die euch vom Atem abbringen, Geduld oder Toleranz zu zeigen. Geduld bezieht sich auf den Kausalitätsprozess in dem Sinne, dass ihr das Erscheinen der Resultate nicht vorantreiben könnt, wenn die Ursachen nicht stimmen. Manchmal dauert es einige Zeit bis die Ursachen zusammenwirken. Ihr könnt aber sicher sein, dass sie, wenn sie es dann tun, die Resultate hervorbringen werden, ohne dass ihr eine Menge voreingenommener Annahmen darüber zusammenbrauen müsst.

Wenn sie also kommen, dann gebt die Ursachen nicht auf. Sobald der Geist schließlich das Gefühl hat, dass er sich niederlässt und sich behaglich fühlt, verlasst nicht den Atem, um euch auf die Behaglichkeit zu konzentrieren. Die Behaglichkeit ist da und ihr könnt daran denken, sie durch den Körper auszubreiten, tut dies aber mit Hilfe des Atems. Wenn ihr den Atem verlasst, so ist das, als würde man das Fundament eines Hauses verrotten lassen. Ihr mögt das Haus, es ist ein behaglicher Ort, wenn ihr euch aber nicht um das Fundament kümmert, werdet ihr bald keinen Aufenthaltsort mehr haben.

Die Aufmerksamkeit sollte also immer auf die Ursachen gerichtet sein und ihr solltet euch den Ursachen mit so viel Zuwendung und Entschlossenheit widmen, wie ihr nur aufbringen könnt. Lasst die Gedanken darüber, wie lange ihr schon praktiziert und welche Resultate es in der Ver- gangenheit gab, los. Konzentriert euch darauf, was ihr jetzt tut, ausschließlich auf das, was ihr eben jetzt tut.


aus: Meditationen, Vierzig Dhamma-Gespräche von Ajahn Ṭhanissaro Bhikkhu, 
Buddhistische Gesellschaft München, 2011

Montag, 28. November 2016

Hirn und Schwanz…

Forscher vermuten, dass intelligentere Tiere unerwünschte Begattungen besser vermeiden können
Die an den Universitäten Stockholm, Zürich und Canberra forschenden Biologen Alexander Kotrschal, Niclas Kolm, Séverine Buechel, Isobel Booksmythe und Michael Jennions haben in der aktuellen Ausgabe der Proceedings of the Royal Society einen Aufsatz mit Ergebnissen einer Studie mit amerikanischen Moskitofischen (Gambusia holbrooki) veröffentlicht, der den aufmerksamkeitstauglichen Titel "Artificial selection on male genitalia length alters female brain size" trägt.

Um herauszufinden, welche Männchen Moskitofischweibchen bevorzugen, züchteten die Wissenschaftler gezielt zwei unterschiedliche Gruppen von Moskitofischmännchen: Für die erste, wurden Tiere ausgewählt, die einen besonders langen Flossenpenis hatten - für die andere solche, bei denen das Geschlechtsorgan besonders kurz war. Damit konfrontiert, zeigten die Weibchen keine erkennbare Vorliebe für eines der beiden Modelle - dafür konnten die Forscher einen anderen Effekt beobachten:

Die Weibchen, die mit Moskitofischen mit langen Penissen konfrontiert wurden, entwickelten mit der Zeit durchschnittliche größere Gehirne. Aufgrund der statistischen Ausprägung sehen die Forscher diese Entwicklung nicht als Zufall an, sondern glauben an einen evolutionären Hintergrund: Intelligentere Weibchen mit größeren Gehirnen können ihrer Meinung nach unerwünschten Begattungen besser ausweichen. Solche Begattungen nehmen Moskitofischmännchen überraschend von hinten vor, weshalb ein längerer Penis dabei potenziell von Vorteil ist.

mehr:
- Bei Moskitofischen wächst das Gehirn der Weibchen mit der Penislänge der Männchen (Peter Mühlbauer, Telepolis, 28.11.2016)

Affenweibchen fördern aggressives Verhalten von Männchen

Beobachtung von Grünmeerkatzen zeigt, dass die weiblichen Tiere positive und negative Verstärker einsetzen, um die männlichen zur Teilnahme an Gruppenkämpfen zu bewegen
In einer in der aktuellen Ausgabe der Proceedings of the Royal Society erschienenen Studie mit dem Titel "Female monkeys use both the carrot and the stick to promote male participationin intergroup fights" zeigen die Schweizer Forscher Jean Marie Arseneau-Robar, Anouk-Lisa Taucher, Eliane Müller, Carel van Schaik, Redouan Bshary und Erik Willems, dass Grünmeerkatzenweibchen in Südafrika Kämpfe zwischen männlichen Artgenossen nicht nur passiv dulden, sondern Männchen aktiv dazu motivieren, mit anderen Männchen zu kämpfen.

Friedliebende Männchen werden demonstrativ ignoriert oder aggressiv zurückgewiesen
Diesen Anreiz schaffen sie sowohl mit "Zuckerbrot", als auch mit der "Peitsche": Als positiven Verstärker widmen sie Männchen, die sich an solchen Kämpfen beteiligen, bei der Fellpflege und bei anderen sozialen Aktivitäten deutlich mehr Aufmerksamkeit als solchen, die sich heraushalten. Letztere werden mit negativen Verstärkern konfrontiert, indem man sie demonstrativ ignoriert oder aggressiv zurückweist. Dadurch sinkt ihr Status innerhalb der Gruppe.

Beides scheint den Wissenschaftlern zufolge "ein sozialer Anreiz zu sein, der die Teilnahme der Männchen in Kämpfen zwischen Gruppen antreibt". Daran nehmen dann nicht nur solche Männchen überdurchschnittlich oft teil, die vorher besondere Zuwendung von Weibchen erfuhren, sondern auch solche, die man aggressiv zurückgewiesen hatte.

Anders als bei individuellen Revierkämpfen zwischen Hirschen oder Löwen geht es bei diesen Kämpfen zwischen Grünmeerkatzengruppen nicht direkt um einen Begattungszugang, sondern um Nahrung. Waren die Nahrungsressourcen, um die es ging, besonders wertvoll, setzten die Affenweibchen dem Eindruck der Wissenschaftler nach positive und negative Verstärker besonders oft ein.

mehr:
- Affenweibchen fördern aggressives Verhalten von Männchen (Peter Mühlbauer, Telepolis, 26.11.2016)

Sonntag, 27. November 2016

"Befriedigst du dich besser?"

Fast alle Männer masturbieren, nun holen auch die Frauen auf: Wie gut kann Solosex sein und wo ist die Gefahr zur Sexsucht? Der Sexualtherapeut Ulrich Clement klärt auf.
mehr:
- "Befriedigst du dich besser?" (Wenke Husmann im Gespräch mit Sexualtherapeut Ulrich Clement)

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Im Jahr 1712 erschien in England das vermutlich von dem geschäftstüchtigen Quacksalber und Schriftsteller John Marten geschriebene und anonym veröffentlichte Pamphlet Onania: or, the Heinous Sin of Self-Pollution[23] („Onanie oder die abscheuliche Sünde der Selbstbeschmutzung“), das nach und nach in alle europäischen Sprachen übersetzt wurde und große Verbreitung erfuhr. Darin wurde behauptet, dass exzessive Masturbation vielfältige Krankheiten wie Pocken und Tuberkulose verursachen könne. Bezeichnend ist, dass John Marten gleichzeitig zahlreiche kleinere softpornografische Schriften veröffentlichte und in Onania eine von ihm erfundene „Medizin“ gegen die angeblich aus der Masturbation resultierenden Krankheiten anbot. Selbst die großen Aufklärer der Zeit glaubten dem anonym veröffentlichten Werk. Denis Diderot nahm die fragwürdigen Thesen unter dem Artikeltitel Manstupration ou Manustupration[24] sogar in seine Encyclopédie auf.
Im 18. und 19. Jahrhundert fand in der Folge in ganz Europa geradezu ein „Feldzug gegen die Masturbation“ statt. Es erschienen unzählige wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Veröffentlichungen, die die angeblichen Gefahren der Masturbation anprangerten und Methoden zu ihrer Verhinderung anboten. Als Standardwerk kann die ab 1760 in unzähligen Auflagen verbreitete Schrift L'Onanisme. Dissertation sur les maladies produits par la masturbation.[25] (Die Onanie. Abhandlung über Krankheiten durch Masturbation) des Lausanner Arztes Simon-Auguste Tissot gelten.Erst von jener Zeit an wurde die betreffende Bibelstelle über Onan nicht mehr als Coitus interruptus begriffen.
Falsche Vorstellungen kursierten über Jahrhunderte, dass „Selbstbefleckung“[26] die gesunde geschlechtliche Entwicklung eines Knaben behindere und zur Gehirnerweichung und zum Rückenmarksschwund führe. Auch KrebsWahnsinn oder Lepra sollten angeblich die Folge der Masturbation sein. Erst nachdem Robert Koch 1882 den Tuberkelbazillus entdeckte, behaupten die Mediziner nicht mehr, dass Masturbieren Tuberkulose hervorrufe.Neben gesundheitlichen Gefahren wurden auch moralische Argumente gegen die Masturbation vorgebracht: sie sei egoistisch, verleite zur Disziplinlosigkeit, stelle ein „nutzloses Vergnügen“ dar und wurde mitunter als „sexueller Missbrauch“[27] bezeichnet. Die Masturbation fördere die Abkapselung des Masturbators von der Gesellschaft, da er zu seiner sexuellen Befriedigung keinen Partner benötigt.
Sigmund Freud befasste sich eingehend mit der Masturbation als Ursache neurotischer Erkrankungen, insbesondere der Neurasthenieals sogenannter Aktualneurose. Kindliche Masturbation sah er je nach Stand seiner Theorieentwicklung als Ausdruck einer vorhergehenden Verführung des Kindes oder im Rahmen der Theorie der infantilen Sexualität als spontanes, entwicklungsbedingtes Geschehen an. Gelegentlich bezeichnete er die Masturbation als die Ursucht, an deren Stelle später andere, erwachsenentypische Süchte wie das Rauchen etwa träten. Als suchthaftes Verhalten aber spiele sie auch eine ungeheure Rolle im Verständnis der (als Psychoneurose beurteilten) Hysterie.[28] Die Frage der Schädlichkeit der Onanie war um 1912 Gegenstand einer Debatte der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung; Freud wendete sich resümierend gegen eine grundsätzliche Verharmlosung: In der Neurasthenie als direkte Folge, aber auch durch Verminderung der Potenz, Verweichlichung des Charakters durch Fixierung auf phantasierte Befriedigung statt realer Anstrengung und Stagnation der allgemeinen psychosexuellen Entwicklung disponiere die Selbstbefriedigung zur Neurose.[29]
Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war der Glaube weit verbreitet, dass Akne durch Masturbation hervorgerufen werde. Die Hypothese konnte sich wohl deshalb so lange halten, weil Jugendliche in der Pubertät fast immer unter Akne leiden und gleichzeitig in der Pubertät auch häufig masturbieren (siehe auch Cum hoc ergo propter hoc). Bis in die 1980er Jahre wurde Masturbation auch in medizinischen Kreisen gelegentlich als unreife, im Erwachsenenalter als pathologische Form der Sexualität betrachtet.[30] [Masturbation, Medizingeschichtlich, Wikipedia, abgerufen am 27.11.2016]
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siehe auch:
- Die Verteufelung der Masturbation (Anonymous, DasBiber, 18.03.2010)
- Die konstitutionelle Neurasthenie (G. Aschaffenburg in: Hans Curschmann, Lehrbuch der Nervenkrankheiten, Springer, 1909, S. 778ff., GoogleBooks)
Ätiologie.   Die allgemeine Nervosität beruht auf einer angeborenen Disposition. Dieser Tatsache wird man sich in den meisten Fällen schwerlich verschließen können, wenn man die Lebensgeschichte der nervösen bis in die früheste Kinderzeit hinein verfolgt. Wir finden dann fast regelmäßig schon in einem sehr frühen Alter, in dem äußere Schädigungen ausgeschlossen sind, nervöse Symptome, deren Auftreten nur verständlich ist, wenn wir annehmen, dass der Nervosität dieser Kinder eine konstitutionelle Eigenart darstellen. Sehr viel schwerer ist es, den statistischen Nachweis der angebotenen Degeneration aus der Vorgeschichte der Eltern zu führen. Zu absolut brauchbaren Zahlen wird man nie kommen können. Nur zu häufig stellen die Angehörigen nervöse Erkrankungen in Abrede, auch da, wo in reichlischstem Maße Erkrankungen vorgelegen haben.
Mit der einfachen Feststellung, dass in einer Familie nervöse Erkrankungen vorgekommen sind, ist das Rätsel der psychopathischen Konstitution noch nicht gelöst. Dafür sehen wir zu oft in schwer degenerierten Familien einzelne Glieder sich völlig normal entwickeln, und umgekehrt stammen aus scheinbar gesunden Familien oft schwer entartete Menschen. In manchen dieser Fälle wird man nicht fehlgehen in der Annahme, dass zur Zeit der Zeugung irgendwelche schädigenden Ereignisse sich abgespielt haben. Ich erinnere hier nur an den gefährlichen Einfluss eines Rausches zur Zeit der Konzeption. Auch während der Schwangerschaft können Erkrankungen die Gesundheit der Mutter zu untergraben, dass die Entwicklung der Frucht darunter notleidet.

 - Christians Explain the Dangers of Masturbation (AtheistMediaBlog, 02.08.2015)

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Der Philosoph der Aufklärung Immanuel Kant sah Selbstbefriedigung als eine sittliche Verfehlung. Für ihn war der natürliche Zweck des Sexualtriebes, dem nicht zuwider gehandelt werden dürfe, die Fortpflanzung. In seiner Metaphysik der Sitten legt er dar, dass die „wohllüstige Selbstschändung“ (d. h. die Masturbation) eine Verletzung der Pflicht des Menschen gegen sich selbst sei, weil er seine eigene Persönlichkeit aufgebe, indem er sich selbst als reines Mittel zur Befriedigung seiner Triebe gebrauche.[5]Diese Selbstaufgabe erfordere nicht einmal Mut, sondern nur ein Nachgeben gegenüber dem Trieb, und wird deshalb von Kant als noch schlimmeres moralisches Vergehen bewertet als der  Selbstmord [Selbstbefriedigung, Philosophisch, WikiBooks, abgerufen am 27.11.2016]
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- Masturbation, Viele machen’s, keiner sagt’s (Ottilia Becker, Top-Impotenz-Hilfe, 20.02.2014)
- Onans Sünde und die Bekämpfung des Lasters (Riccardo Castrovilli, LenkerundDenker, 20.08.2010)
- Kinsey, mein Held (Oswalt Kolle, n24, 18.03.2005)

Günther Amendt R.I.P [2:39]

FeuerloescherTV Networx Hochgeladen am 15.03.2011 
Zur Erinnerung an Günter Amendt: ein Videoschnipsel aus dem Jahre 2000 im Schanzenpark auf dem Hamburger Hanffest.(im Anschluss an seinen Vortrag "No Drugs - No Future" im Museum für Völkerkunde.) Günter Amendt starb am 11.03.2011
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Freitag, 25. November 2016

Stop The Bullying

Is Barron Trump Autistic? #StopTheBullying [7:05]

James Hunter Veröffentlicht am 11.11.2016 
Donald Trump's youngest son Barron Trump might be autistic, and it's time for people to stop bullying him for his "strange" behavior. Let's follow Melania Trump and #StopTheBullying.

Donnerstag, 24. November 2016

Von wegen: "Spatzenhirn"

Dass Vögel erstaunliche Intelligenzleistungen vollbringen, verdanken sie einem effizient konstruierten Gehirn
Diogenes war kein Biologe, aber er hatte einen Blick für das Wesentliche. Als Platon definierte, der Mensch sei ein "Zweibeiner ohne Federn", rupfte er einen Hahn und präsentierte ihn als "Platons Menschen" (woraufhin Platon seinerseits einen beachtlichen Blick für biologische Merkmale bewies und ergänzte: "mit flachen Nägeln" - solche kennzeichnen tatsächlich die Primaten).

Einig scheinen sich die beiden Streithähne immerhin darin gewesen zu sein, dass man die Unterschiede zwischen Menschen und Vögeln vorwiegend in den hornigen Anhängen der Haut zu suchen habe. Und damit waren sie, vor ungefähr 2400 Jahren, bemerkenswert modern.

Denn während einerseits Primatenforscher wie Michael Tomasello laufend ungeahnte Lücken in den geistigen Fähigkeiten unserer nächsten äffischen Verwandten aufdecken, nutzen die geflügelten Zweibeiner ebenso regelmäßig die aufkommende peinliche Stille, um sich mit ihren Fähigkeiten zu profilieren. Zum Beispiel das Zeigen: Es gilt als grundlegende Fähigkeit für die Entstehung von Sprache und einer "Theory of Mind", also einer Vorstellung davon, dass und was ein Anderer denkt. Menschenaffen zeigen nie etwas, außer allenfalls die Stelle auf ihrem Rücken, an der sie gekratzt werden wollen. Wenn sie etwas wollen, holen sie es sich. Wenn ihnen jemand etwas zeigt, trauen sie ihm nicht.

Elstern hingegen - unter Menschen nicht eben als vertrauenswürdig bekannt - zeigen einander einen Feind. Raben zeigen einander Nistmaterial. Der bemerkenswerte Graupapagei Alex war sogar imstande, die Farbe eines Gegenstandes zu nennen, den seine Trainerin Irene Pepperberg ihm zeigte.

mehr:
- Von wegen: "Spatzenhirn" (Konrad Lehmann, Telepolis, 22.11.2016)

Dienstag, 1. November 2016

Liebe muß zwangsläufig frustriert werden…

Aus Versuchen, Möbelstücke eines schwedischen Einrichtungshauses zusammenzubauen, weiß man, dass der Texttypus der Gebrauchsanleitung im Prinzip der Peripetie wurzelt: Übersichtlichkeit schlägt vor dem geistigen Auge von einer Sekunde zur nächsten in Gewusel um. Sonnige Ordnung in den Sturm des reinsten Chaos. Man hat am Ende kein Möbel. Aber die Erkenntnis gewonnen, dass der Grad der Systematik einer Gebrauchsanleitung nichts anderes ist als ein Barometer für das Durcheinander, das man sich ins Haus geholt hat.

Auffallend ähnlich verhält es sich mit mit Sachbüchern über die Liebe. Je enger sie sich an die Form der Gebrauchsanleitung halten, desto stärker erwecken sie den Verdacht, zu diesem Mittel gliedernder Vernunft nur deshalb zu greifen, weil sie fürchten, von der Anarchie ihres Themas überrollt zu werden. Ein Buch, das den Titel Der Beziehungsführerschein. Mit Simply Love auf Dauer glücklich trägt und ein ausgefeiltes psychologisches Curriculum der Eherettung enthält, kommt im Grunde genommen als Kampfansage gegen den Kollaps im emotionalen Verkehrswesen daher, ohne den es die Liebe aber nun mal nicht gäbe.


Es ist ein Buch, das Anleitung und Ratschlag zum Dogma erhebt: Jeder Trottel kann einen Ikea-Schrank zusammenbauen. Er muss nur wollen! Jede Ehe kann funktionieren. Die Eheleute müssen nur dauerhaft, konsequent und effizient an ihr und ihrer Liebe arbeiten! Das kann ja sein. Viele der Ratschläge, die die Autorin Katja Sundermeier, eine Psychologin mit reichlich Erfahrung im Beraten, Coachen, Therapieren von (Ehe-)Paaren, unterbreitet, sind für Leute, die beim morgendlichen Zähneputzen schon mit der Brüllerei anfangen, bestimmt sehr gesund. Nur zieht die Sprache der Erfolgsrationalität, die von Haus aus jede Gebrauchsanleitung beherrscht, der Liebe, von der auf jeder Buchseite die Rede ist, und ihren speziellen Obsessionen den Boden unter den Füßen weg.
mehr:
- Bringen Sie Ordnung in Ihr Gefühlsleben! (Ursula Maerz, ZON, 27.10.2005)

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Die Fähigkeit zur Selbstreflexion

In einem Interview äußert sich Gadamer über den Meister-Philosophen Heidegger: "Er war der unreflektierteste Mensch, den ich kannte. Er hat überhaupt nie über sich selber nachgedacht." Wer nicht über sich nachdenkt, kann auch sein eigenes Handeln nicht bewerten. So wartete alle Welt vergeblich darauf, dass Heidegger nach dem Krieg zu seiner zeitweiligen Kooperation mit dem NS-Regime ein selbstkritisches Wort äußern würde. So subtil er die Strukturen des Denkens und der Sprache zu analysieren vermochte, so wenig war er imstande oder willens, zu seiner eigenen Person und seinem eigenen Verhalten Stellung zu nehmen. Damit vermied er es auch, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, z. B. sich für eigene politische Entscheidungen und deren Folgen für andere zu entschuldigen.

Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob wir, Gadamer folgend, die hier angedeutete Situation aus heutiger Sicht richtig einschätzen. Was würde einen reflektierten Menschen ausmachen? Das lässt sich im psychodynamisehen Konzept recht gut beschreiben. Dieser würde sich im Nachdenken nicht nur mit den Dingen der Welt und ihren Erklärungen beschäftigen, sondern bei Gelegenheit mithilfe seines beobachtenden Ichs auch sein emotional bewegtes Selbst zur Kenntnis nehmen. Damit sein Ich das Selbst verstehen kann, benötigt es die Fähigkeit, die innerseelischen affektiven Vorgänge zu registrieren und in Worte zu fassen. Im ersten Schritt könnte er erfassen, dass er gefühlsmäßig beteiligt und berührt ist. Im zweiten Schritt gälte es, die Qualität der Empfindungen in Worte zu fassen: "In mir regt sich Furcht oder Enttäuschung oder Hoffnung oder Freude oder Ärger." Damit beginnt er die Situation zu verstehen und es tauchen Vorstellungen auf, wie er zweckmäßig auf sie reagieren könnte. Jeder Affekt schafft bezogen auf die äußere Situation, die nun innerlich reflektiert wird, eine propositionale Struktur, ein Handlungsschema bezogen auf die äußeren Objekte. Zugleich werden Erinnerungen wach an vorausgegangene Erfahrungen und es werden die darauf gegründeten Überzeugungen spürbar. Die Beziehung zwischen dem Ich und den äußeren Objekten kann auf diese Weise innerseelisch durchgespielt werden, als emotionale Erfahrung, als Erinnerung an Früheres, als Handlungsentwurf für zweckmäßiges Reagieren und alles dies in Bezug auf bereits vorhandene Überzeugungen und verinnerlichte Regeln und Normen. Dieses selbstreflexive Geschehen ist weniger aktives Tun als vielmehr Gewahrwerden der Vorgänge in einem "seelischen Binnenraum".

Es ist dies ein Denken, das nicht die Dinge der Welt, sondern die eigene Person zum Gegenstand nimmt. Wahrnehmen kann man das eigene Bild im Spiegel oder auf einem Foto, für das eigene Innen gibt es jedoch keine eigentlichen Sinnesorgane, sodass der Begriff Selbstwahrnehmung fraglich ist, worauf Bennen und Hacker (2010) hinweisen. Was als Selbstwahrnehmung bezeichnet wird, ist ein Gewahrwerden, Sich-bewusst-Machen von psychischen Zuständen und Abläufen, z. B. von Emotionen, Einfällen, Fantasien, Erinnerungen, Wünschen, Gedanken etc. Ein Mensch kann seinen bewussten Aufmerksamkeitsfokus auf sein Inneres ausrichten, sich dessen bewusst werden und sich dann darüber Gedanken machen, was in ihm abläuft und was das mit seinem selbst zu tun hat.

aus: Gerd Rudolf, Wie Menschen sind (Schattauer, 2015, S. 87f.)

siehe auch:
Link zum Aufsatz »Strukturbezogene Psychotherapie« von Prof. Rudolf in dem Buch von Cierpka und Rudolf »Die Struktur der Persönlichkeit«

Montag, 24. Oktober 2016

Dalí und Freud

Durch die Vermittlung von Edward James und Stefan Zweig kam es am 19. Juli 1938 zu der lang gewünschten Begegnung mit Sigmund Freud in dessen Londoner Haus, wo er seit kurzer Zeit im Exil lebte. Dalí erklärte Freud anhand des Gemäldes Metamorphose des Narziss, zu dem er ein Gedicht mit gleichem Titel geschrieben hatte, wie die surrealistische Malerei das Unbewusste vergegenwärtigt und malte das Bildnis Sigmund Freud. Gleich nach dieser Begegnung am 20. Juli 1938 schrieb Sigmund Freud an Stefan Zweig:
„Wirklich, ich darf Ihnen für die Fügung danken, die die gestrigen Besucher zu mir gebracht hat. Denn bis dahin war ich geneigt, die Surrealisten, die mich scheinbar zum Schutzpatron gewählt haben, für absolute (sagen wir zu fünfundneunzig Prozent wie beim Alkohol) Narren zu halten. Der junge Spanier mit seinen treuherzig-fanatischen Augen und seiner unleugbar technischen Meisterschaft hat mir eine andere Einschätzung nahegelegt.“[27] [Salvador Dali, Besuch bei Sigmund Freud, Wikipedia, abgerufen am 24.10.2016]
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zu seiner Kindheit
Salvador Dalí wurde als zweiter Sohn des Notars Salvador Dalí am 11. Mai 1904 in der kleinen katalonischen Stadt Figueras geboren. Neun Monate zuvor war der erstgeborene Sohn gestorben. In Erinnerung an ihn ging dessen Name auch auf den zweiten Sohn über, und Dalí hat sein ganzes Leben das Trauma nicht abgelegt, lediglich der "Ersatz" für seinen Bruder zu sein. Diese Kränkung machte ihn süchtig nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, so träumte er mit acht Jahren davon, Napoleon zu sein. Zugleich blieb er ein schüchterner Mensch, der von hysterischen Lachanfällen geplagt war. Seine schulischen Leistungen waren mangelhaft, und er wurde auf Privatschulen geschickt. Seine Kindheit erscheint behütet, vor allem zu seiner Mutter hatte er ein inniges Verhältnis. Mit zehn Jahren begann er zu malen und mit 14 besuchte er die Kunstschule in Figueras unter der Leitung des Malers Juan Nuñez, wurde dessen Meisterschüler und stellte im Stadttheater mit Erfolg mehrere Ölgemälde aus. Ein Jahr später veröffentlichte er Aufsätze über "Die großen Meister der Malerei", die zeitlebens seine Vorbilder blieben: Dürer, Michelangelo, da Vinci, Velàzquez, Goya, El Greco. 1921 starb unerwartet seine Mutter, mit ihr verlor er den Menschen, der ihn am bedingungslosesten geliebt hatte. […]
Nach seinem Erfolg in Frankreich kaufte Dalí 1930 eine winzige Fischerhütte in Port Lligat bei Cadaqués, einem kleinen Hafen an der Felsenküste seiner Kindheit. Diese ausgestorbene, abweisend schroffe und melancholische Gegend war immer ein bestimmendes Motiv in seinen Bildern. Seine Familie war jedoch mit Dalís Frauenwahl nicht einverstanden, immerhin war Gala noch verheiratet und Spanien ein streng katholisches Land. Schon zuvor hatte sich Dalí mit seinem Vater überworfen; zum endgültigen Bruch kam es, als er unter eine Zeichnung den Titel "Manchmal spucke ich mit Vergnügen auf das Portrait meiner Mutter" setzte. […]
Die Krisensituation Europas in den 30er-Jahren hat Dalí in vielen Bildern thematisiert, todesähnliche Wüstenszenarien bestimmen diese Bilder. Im Winter 1936 hat er schon in den beiden Gemälden "Herbstlicher Kannibalismus" und "Weiche Konstruktion mit gekochten Bohnen - Vorahnung des Bürgerkriegs" die bevorstehende Selbstzerfleischung Spaniens thematisiert. Allerdings ging es Dalí nicht um die ideologische Ebene, der aktuelle Anlass taucht in seiner Verarbeitung nicht auf. Er stellte viel mehr eine psychoanalytische Sicht auf den Krieg überhaupt dar und beschrieb ihn als Regression auf kannibalische Fantasien, auf Zerstörungslust und Todestrieb. Dabei schwingt auch immer eine orgiastisch-triebhafte sexuelle Ekstase in den Bildern mit. [Salvador Dalì - Sichtbarmachung des Unsichtbaren, Jörg Peter Urbach, Wissen.de, Datum unbekannt]
1921 stirbt seine Mutter was ihn den noch jungen Salvador sehr schmerzt. Er schreibt dazu: "Ich mußte es zu Ruhm bringen, um mich für die Kränkung zu rächen, die der Tod meiner Mutter, die ich hingebungsvoll verehrte, für mich bedeutete". [Salvador Dali - Sein Leben, Moderne Kunst … verstehen, Verfasser und Datum unbekannt]
Als Kind galt Salvador als schwererziehbar und bisweilen zeigte er sich gegenüber seinen Mitmenschen höchst aggressiv. Dabei fügte er nicht nur Tieren, sondern auch sich selbst körperlichen Schaden zu. Die väterliche strenge Erziehung rief indes in ihm ein starkes Sicherheitsbedürfnis und einen ausgeprägten Sinn für Ordnung hervor. Seine Mutter glich die Strenge des Vaters aus. Schon während der Schulzeit zeigte Dalí indes großes Interesse und Talent beim Zeichnen. Während eines Besuches bei Freunden der Familie in El Muli de la Torre, erhielt er erstmals Malunterricht. Die ersten Darstellungen Dalís waren Häuser und Landschaften der katalonischen Umgebung. Nach dem Volksschulunterricht erhielt er zusätzlich zum Besuch des Instituto de Figueres ab 1916 Unterricht im Kolleg der Maristen, einem privaten Gymnasium. Josep "Pepito" Pichot, ein Bruder von Ramon Pichot, hatte sein Maltalent erkannt, und auf dessen Anregung durfte er Abendkurse an der Städtischen Zeichenschule belegen. Sein Kunsterzieher war der Direktor des Instituts, Juan Núñez Fernández, der Dalís Kunstbegeisterung förderte. Bereits nach einem Jahr erhielt er dort ein "diploma de honor". [Biografie – Salvador Dalí, Who’s Who, Verfasser und Datum unbekannt]
"Mein ganzer Ehrgeiz auf dem Gebiet der Malerei besteht darin, die Vorstellungsbilder der konkreten Irrationalität mit der herrschsüchtigsten Genauigkeit sinnfällig zu machen."  [Dalí, zitiert in Salvador Dali - Sein Leben, Moderne Kunst … verstehen, Verfasser und Datum unbekannt]
„Neue Wesen, mit eindeutig böswilligen Absichten, haben sich soeben in Bewegung gesetzt. Mit finsterer Freude sieht man, wie auf ihrem Weg nichts mehr stattfindet als sie selbst." [André Breton, zitiert in Salvador Dali - Sein Werk, Moderne Kunst … verstehen, Verfasser und Datum unbekannt]
Salvador Dali wird zu seinen Lebzeiten und auch heute noch als Genie verehrt. Um seine Persönlichkeit ranken sich unzählige und teils sehr verwegen klingende Erzählungen. Kennzeichnend ist für ihn das Etikett eines „Wahnsinnigen“ und Paranoikiers. Diese Charakterisierung unterstützte Dali aktiv durch viele seiner Äußerungen und Schriften. Sie kennzeichnen ihn als einen Menschen, der besonders in der Öffentlichkeit mit den genannten Etiketten gerne spielte.

Salvador Dali selbst sagte von sich, dass er besonders in seiner Kindheit Tieren, sich und anderen Menschen gerne Schmerzen zugefügte habe. Als wahr oder falsch konnte sich dabei keine dieser „Berichte“ erweisen. Eine bekannte Anekdote aus Dalis Leben ist die, dass er sich um der Schmerzen willen, absichtlich auf einer Treppe hinunter warf.

Im Jahr 1949 veröffentlicht seine Schwester Ana Maria ein Buch über ihren Bruder, "Dali as Seen by His Sister". In dem Buch wird Dali von seiner Schwester als ein normaler Junge beschrieben, der eine glückliche Kindheit verbrachte. Dali soll daraufhin empört und wütend reagiert haben. In einem Interview eines bekannten Nachrichtenmagazins mit seinem langjährigen Sekretär Robert Descharnes, bezeichnete ihn dieser als einen verhältnismäßig normalen Menschen. 
[Salvador Dali - Sein Werk, Moderne Kunst … verstehen, Verfasser und Datum unbekannt]

siehe auch:
- Salvador Dali: Avida Dollars (SPIEGEL, 01.01.1961)
- The influence of Sigmund Freud for Salvador Dalí (A silent Understanding, 02.05.2010)
- Time and Change in 10 Dali Paintings (Angie Kordic, Widewalls, Datum unbekannt)
- Dalí’s paranoisch-kritische Methode (Dr. Marcuse, Kultur und Lifestyle, 01.09.2008)
- Die Welt im Kopf ist die einzige, die wir kennen! Dalis paranoisch-kritische Methode, Immanuel Kant und die Ergebnisse der neueren Neurowissenschaft (Beatrice Nunold, Image, Januar 2007)
»Eines Tages wird man zugeben müssen, dass das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traums. Um meinen Gedanken zu Ende zu führen, möchte ich sagen, dass das, was wir Traum nennen, als solches gar nicht existiert, denn unser Geist ist auf Sparflamme eingestellt; die Wirklichkeit ist eine Begleiterscheinung des Denkens – eine Folge des Nichtdenkens, eine durch Gedächtnisschwund hervorgerufene Erscheinung. Die wahre Wirklichkeit ist in uns, und wir projizieren sie nach außen durch die systematische Auswertung unserer Paranoia, die eine Antwort und Reaktion auf den Druck – oder Unterdruck der kosmischen Leere ist […] Im Übrigen drückt sich die Paranoia nicht nur durch eine systematische Projektion aus, sie ist auch ein gewaltiger Lebenshauch.« [ Perinaud 1978, 158 f.] […]
Galt die Welt in unserem Kopf bisher wenigstens als vernünftig, so konnte jetzt nicht mehr ohne Weiters davon ausgegangen werden. Wir können nicht erkennen, dass wir erkennen, aber auch nicht, dass wir Wahnbilder produzieren. In der Fremde des eigenen Kopfes gefangen haben wir keine verlässlichen Koordinaten, an denen wir uns orientieren können. Die Folge ist Konfusion, Verwirrung. Für Wittgenstein wird alle Philosophie zur Sprachkritik. Es geht nur noch um das Verstehen, nicht mehr um Wissen. Sprache können wir versuchen zu verstehen, die Sprache der Kunst oder der Wissenschaft oder auch des Unbewussten. Dali wählt die Sprache des Unbewussten und er sucht sie an den Scharnierstellen auf, wo die Bilder umklappen und der Interpretationsfuror beginnt.  
Angeblich soll das Bild auf die Verworrenheit der damaligen Zeit hinweisen. Es ist ebenso Ausdruck der von Wittgenstein etwa um die gleiche Zeit allgemein formulierten Konfusion. Niemand kennt sich mehr aus. Was können wir überhaupt noch verstehen? Was ist Wahn, was Wirklichkeit? Willkommen in Absurdistan!
Mag sein, dass Dalis Bewunderung für Hitler, Stalin, Franco und andere Diktatoren daher rührte, dass er in ihnen die produktivsten Paranoiker sah. Diese verwirklichten ihren Wahn, wenn auch auf grausamste Weise. Sie nötigten ihn den Menschen als „einzig mögliche und beste und wahrste aller Welten“ auf und verfolgten alle systematisch, die diesem Wahnsinn ihre eigenen Ideen, Welten, Wirklichkeiten oder auch ihre eigene Paranoia entgegensetzten. Dali gratulierte in einem Telegramm aus New York Franco zur Hinrichtung von Regimegegnern. Vermutlich waren Diktatoren für ihn so etwas wie paranoische Genies.
Lacan stellt eine Verbindung her zwischen dem „Genie und der anomalen Entwicklung der Persönlichkeit“. Er meint den Paranoiker. Er erkennt den „Wert der schöpferischen Imagination in der Psychose und die Beziehung zwischen Psychose und Genie“.
Dali, Bescheidenheit war nie eine seiner Tugenden, hielt sich selbst für das größte Genie aber eben nicht für Verrückt. Vermutlich hielt er sich für eine Art Metagenie, oder Metaparanoiker, für übergenial und überparanoid. insofern er nicht nur wie die für ihn genial Verrückten (Hitler, Stalin, Franco), die die Welt nach ihrem (Wahn)bilde formen wollten, aber gewissermaßen ihrem eigenen Wahn erlegen waren, ihn unreflektiert auslebten, während er, Dali, das paranoische Prinzip verstand und es frei handhaben konnte. Selbst die schlimmsten Diktatoren waren Sklaven ihres Wahns. Aber das ist nur ein Versuch Dalis Bewunderung für Diktatoren zu verstehen.
Dali demonstrierte in immer neuen Bildern und Skulpturen, dass er sein Handwerk verstand und die paranoisch-kritische Methode meisterhaft zu gebrauchen wusste. Er wollte die Wahnbilder ebenso genau und präzise zeichnen, wie sich uns unsere Wirklichkeit darstellt. Sie sollten sich uns als Wirklichkeitsäquivalent aufdrängen. Hier einige Beispiele, die zugleich die Mehrdeutigkeit dessen aufzeigen, was wir Wirklichkeit nennen (Abb. 8, 9, 10, 11, 12). [Die Welt im Kopf ist die einzige, die wir kennen! Dalis paranoisch-kritische Methode, Immanuel Kant und die Ergebnisse der neueren Neurowissenschaft, Beatrice Nunold, Image, Januar 2007]

Salvador Dalí - Beständigkeit der Erinnerung [1:13:46]

Hochgeladen am 03.05.2011
Eine Dokumentation über das Leben von Salvador Dalí.

- Salvador Dalí über Assoziologie: 1935 Die kritisch paranoische Methode (Kusanowsky, 06.05.2012)
- Salvador Dalí: Die Welt schuldete ihm seine Verrücktheit (Wieland Schmied, Süddeutsche Zeitung, 17.05.2010)
- Freuds Traumdeutung und dessen Einfluss auf die Kunst des Surrealismus (Julia-Michelle D., prezl, 26.04.2015, Transkript)
- Salvador Dalí (Kapitel aus Nathalia Brodskaïa, Surrealismus – Die Geschichte einer Revolution, Parkstone, 2009?, GoogleBooks, 195ff.)