Donnerstag, 27. Oktober 2016

Die Fähigkeit zur Selbstreflexion

In einem Interview äußert sich Gadamer über den Meister-Philosophen Heidegger: "Er war der unreflektierteste Mensch, den ich kannte. Er hat überhaupt nie über sich selber nachgedacht." Wer nicht über sich nachdenkt, kann auch sein eigenes Handeln nicht bewerten. So wartete alle Welt vergeblich darauf, dass Heidegger nach dem Krieg zu seiner zeitweiligen Kooperation mit dem NS-Regime ein selbstkritisches Wort äußern würde. So subtil er die Strukturen des Denkens und der Sprache zu analysieren vermochte, so wenig war er imstande oder willens, zu seiner eigenen Person und seinem eigenen Verhalten Stellung zu nehmen. Damit vermied er es auch, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, z. B. sich für eigene politische Entscheidungen und deren Folgen für andere zu entschuldigen.

Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob wir, Gadamer folgend, die hier angedeutete Situation aus heutiger Sicht richtig einschätzen. Was würde einen reflektierten Menschen ausmachen? Das lässt sich im psychodynamisehen Konzept recht gut beschreiben. Dieser würde sich im Nachdenken nicht nur mit den Dingen der Welt und ihren Erklärungen beschäftigen, sondern bei Gelegenheit mithilfe seines beobachtenden Ichs auch sein emotional bewegtes Selbst zur Kenntnis nehmen. Damit sein Ich das Selbst verstehen kann, benötigt es die Fähigkeit, die innerseelischen affektiven Vorgänge zu registrieren und in Worte zu fassen. Im ersten Schritt könnte er erfassen, dass er gefühlsmäßig beteiligt und berührt ist. Im zweiten Schritt gälte es, die Qualität der Empfindungen in Worte zu fassen: "In mir regt sich Furcht oder Enttäuschung oder Hoffnung oder Freude oder Ärger." Damit beginnt er die Situation zu verstehen und es tauchen Vorstellungen auf, wie er zweckmäßig auf sie reagieren könnte. Jeder Affekt schafft bezogen auf die äußere Situation, die nun innerlich reflektiert wird, eine propositionale Struktur, ein Handlungsschema bezogen auf die äußeren Objekte. Zugleich werden Erinnerungen wach an vorausgegangene Erfahrungen und es werden die darauf gegründeten Überzeugungen spürbar. Die Beziehung zwischen dem Ich und den äußeren Objekten kann auf diese Weise innerseelisch durchgespielt werden, als emotionale Erfahrung, als Erinnerung an Früheres, als Handlungsentwurf für zweckmäßiges Reagieren und alles dies in Bezug auf bereits vorhandene Überzeugungen und verinnerlichte Regeln und Normen. Dieses selbstreflexive Geschehen ist weniger aktives Tun als vielmehr Gewahrwerden der Vorgänge in einem "seelischen Binnenraum".

Es ist dies ein Denken, das nicht die Dinge der Welt, sondern die eigene Person zum Gegenstand nimmt. Wahrnehmen kann man das eigene Bild im Spiegel oder auf einem Foto, für das eigene Innen gibt es jedoch keine eigentlichen Sinnesorgane, sodass der Begriff Selbstwahrnehmung fraglich ist, worauf Bennen und Hacker (2010) hinweisen. Was als Selbstwahrnehmung bezeichnet wird, ist ein Gewahrwerden, Sich-bewusst-Machen von psychischen Zuständen und Abläufen, z. B. von Emotionen, Einfällen, Fantasien, Erinnerungen, Wünschen, Gedanken etc. Ein Mensch kann seinen bewussten Aufmerksamkeitsfokus auf sein Inneres ausrichten, sich dessen bewusst werden und sich dann darüber Gedanken machen, was in ihm abläuft und was das mit seinem selbst zu tun hat.

aus: Gerd Rudolf, Wie Menschen sind (Schattauer, 2015, S. 87f.)

siehe auch:
Link zum Aufsatz »Strukturbezogene Psychotherapie« von Prof. Rudolf in dem Buch von Cierpka und Rudolf »Die Struktur der Persönlichkeit«

Montag, 24. Oktober 2016

Dalí und Freud

Durch die Vermittlung von Edward James und Stefan Zweig kam es am 19. Juli 1938 zu der lang gewünschten Begegnung mit Sigmund Freud in dessen Londoner Haus, wo er seit kurzer Zeit im Exil lebte. Dalí erklärte Freud anhand des Gemäldes Metamorphose des Narziss, zu dem er ein Gedicht mit gleichem Titel geschrieben hatte, wie die surrealistische Malerei das Unbewusste vergegenwärtigt und malte das Bildnis Sigmund Freud. Gleich nach dieser Begegnung am 20. Juli 1938 schrieb Sigmund Freud an Stefan Zweig:
„Wirklich, ich darf Ihnen für die Fügung danken, die die gestrigen Besucher zu mir gebracht hat. Denn bis dahin war ich geneigt, die Surrealisten, die mich scheinbar zum Schutzpatron gewählt haben, für absolute (sagen wir zu fünfundneunzig Prozent wie beim Alkohol) Narren zu halten. Der junge Spanier mit seinen treuherzig-fanatischen Augen und seiner unleugbar technischen Meisterschaft hat mir eine andere Einschätzung nahegelegt.“[27] [Salvador Dali, Besuch bei Sigmund Freud, Wikipedia, abgerufen am 24.10.2016]
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zu seiner Kindheit
Salvador Dalí wurde als zweiter Sohn des Notars Salvador Dalí am 11. Mai 1904 in der kleinen katalonischen Stadt Figueras geboren. Neun Monate zuvor war der erstgeborene Sohn gestorben. In Erinnerung an ihn ging dessen Name auch auf den zweiten Sohn über, und Dalí hat sein ganzes Leben das Trauma nicht abgelegt, lediglich der "Ersatz" für seinen Bruder zu sein. Diese Kränkung machte ihn süchtig nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, so träumte er mit acht Jahren davon, Napoleon zu sein. Zugleich blieb er ein schüchterner Mensch, der von hysterischen Lachanfällen geplagt war. Seine schulischen Leistungen waren mangelhaft, und er wurde auf Privatschulen geschickt. Seine Kindheit erscheint behütet, vor allem zu seiner Mutter hatte er ein inniges Verhältnis. Mit zehn Jahren begann er zu malen und mit 14 besuchte er die Kunstschule in Figueras unter der Leitung des Malers Juan Nuñez, wurde dessen Meisterschüler und stellte im Stadttheater mit Erfolg mehrere Ölgemälde aus. Ein Jahr später veröffentlichte er Aufsätze über "Die großen Meister der Malerei", die zeitlebens seine Vorbilder blieben: Dürer, Michelangelo, da Vinci, Velàzquez, Goya, El Greco. 1921 starb unerwartet seine Mutter, mit ihr verlor er den Menschen, der ihn am bedingungslosesten geliebt hatte. […]
Nach seinem Erfolg in Frankreich kaufte Dalí 1930 eine winzige Fischerhütte in Port Lligat bei Cadaqués, einem kleinen Hafen an der Felsenküste seiner Kindheit. Diese ausgestorbene, abweisend schroffe und melancholische Gegend war immer ein bestimmendes Motiv in seinen Bildern. Seine Familie war jedoch mit Dalís Frauenwahl nicht einverstanden, immerhin war Gala noch verheiratet und Spanien ein streng katholisches Land. Schon zuvor hatte sich Dalí mit seinem Vater überworfen; zum endgültigen Bruch kam es, als er unter eine Zeichnung den Titel "Manchmal spucke ich mit Vergnügen auf das Portrait meiner Mutter" setzte. […]
Die Krisensituation Europas in den 30er-Jahren hat Dalí in vielen Bildern thematisiert, todesähnliche Wüstenszenarien bestimmen diese Bilder. Im Winter 1936 hat er schon in den beiden Gemälden "Herbstlicher Kannibalismus" und "Weiche Konstruktion mit gekochten Bohnen - Vorahnung des Bürgerkriegs" die bevorstehende Selbstzerfleischung Spaniens thematisiert. Allerdings ging es Dalí nicht um die ideologische Ebene, der aktuelle Anlass taucht in seiner Verarbeitung nicht auf. Er stellte viel mehr eine psychoanalytische Sicht auf den Krieg überhaupt dar und beschrieb ihn als Regression auf kannibalische Fantasien, auf Zerstörungslust und Todestrieb. Dabei schwingt auch immer eine orgiastisch-triebhafte sexuelle Ekstase in den Bildern mit. [Salvador Dalì - Sichtbarmachung des Unsichtbaren, Jörg Peter Urbach, Wissen.de, Datum unbekannt]
1921 stirbt seine Mutter was ihn den noch jungen Salvador sehr schmerzt. Er schreibt dazu: "Ich mußte es zu Ruhm bringen, um mich für die Kränkung zu rächen, die der Tod meiner Mutter, die ich hingebungsvoll verehrte, für mich bedeutete". [Salvador Dali - Sein Leben, Moderne Kunst … verstehen, Verfasser und Datum unbekannt]
Als Kind galt Salvador als schwererziehbar und bisweilen zeigte er sich gegenüber seinen Mitmenschen höchst aggressiv. Dabei fügte er nicht nur Tieren, sondern auch sich selbst körperlichen Schaden zu. Die väterliche strenge Erziehung rief indes in ihm ein starkes Sicherheitsbedürfnis und einen ausgeprägten Sinn für Ordnung hervor. Seine Mutter glich die Strenge des Vaters aus. Schon während der Schulzeit zeigte Dalí indes großes Interesse und Talent beim Zeichnen. Während eines Besuches bei Freunden der Familie in El Muli de la Torre, erhielt er erstmals Malunterricht. Die ersten Darstellungen Dalís waren Häuser und Landschaften der katalonischen Umgebung. Nach dem Volksschulunterricht erhielt er zusätzlich zum Besuch des Instituto de Figueres ab 1916 Unterricht im Kolleg der Maristen, einem privaten Gymnasium. Josep "Pepito" Pichot, ein Bruder von Ramon Pichot, hatte sein Maltalent erkannt, und auf dessen Anregung durfte er Abendkurse an der Städtischen Zeichenschule belegen. Sein Kunsterzieher war der Direktor des Instituts, Juan Núñez Fernández, der Dalís Kunstbegeisterung förderte. Bereits nach einem Jahr erhielt er dort ein "diploma de honor". [Biografie – Salvador Dalí, Who’s Who, Verfasser und Datum unbekannt]
"Mein ganzer Ehrgeiz auf dem Gebiet der Malerei besteht darin, die Vorstellungsbilder der konkreten Irrationalität mit der herrschsüchtigsten Genauigkeit sinnfällig zu machen."  [Dalí, zitiert in Salvador Dali - Sein Leben, Moderne Kunst … verstehen, Verfasser und Datum unbekannt]
„Neue Wesen, mit eindeutig böswilligen Absichten, haben sich soeben in Bewegung gesetzt. Mit finsterer Freude sieht man, wie auf ihrem Weg nichts mehr stattfindet als sie selbst." [André Breton, zitiert in Salvador Dali - Sein Werk, Moderne Kunst … verstehen, Verfasser und Datum unbekannt]
Salvador Dali wird zu seinen Lebzeiten und auch heute noch als Genie verehrt. Um seine Persönlichkeit ranken sich unzählige und teils sehr verwegen klingende Erzählungen. Kennzeichnend ist für ihn das Etikett eines „Wahnsinnigen“ und Paranoikiers. Diese Charakterisierung unterstützte Dali aktiv durch viele seiner Äußerungen und Schriften. Sie kennzeichnen ihn als einen Menschen, der besonders in der Öffentlichkeit mit den genannten Etiketten gerne spielte.

Salvador Dali selbst sagte von sich, dass er besonders in seiner Kindheit Tieren, sich und anderen Menschen gerne Schmerzen zugefügte habe. Als wahr oder falsch konnte sich dabei keine dieser „Berichte“ erweisen. Eine bekannte Anekdote aus Dalis Leben ist die, dass er sich um der Schmerzen willen, absichtlich auf einer Treppe hinunter warf.

Im Jahr 1949 veröffentlicht seine Schwester Ana Maria ein Buch über ihren Bruder, "Dali as Seen by His Sister". In dem Buch wird Dali von seiner Schwester als ein normaler Junge beschrieben, der eine glückliche Kindheit verbrachte. Dali soll daraufhin empört und wütend reagiert haben. In einem Interview eines bekannten Nachrichtenmagazins mit seinem langjährigen Sekretär Robert Descharnes, bezeichnete ihn dieser als einen verhältnismäßig normalen Menschen. 
[Salvador Dali - Sein Werk, Moderne Kunst … verstehen, Verfasser und Datum unbekannt]

siehe auch:
- Salvador Dali: Avida Dollars (SPIEGEL, 01.01.1961)
- The influence of Sigmund Freud for Salvador Dalí (A silent Understanding, 02.05.2010)
- Time and Change in 10 Dali Paintings (Angie Kordic, Widewalls, Datum unbekannt)
- Dalí’s paranoisch-kritische Methode (Dr. Marcuse, Kultur und Lifestyle, 01.09.2008)
- Die Welt im Kopf ist die einzige, die wir kennen! Dalis paranoisch-kritische Methode, Immanuel Kant und die Ergebnisse der neueren Neurowissenschaft (Beatrice Nunold, Image, Januar 2007)
»Eines Tages wird man zugeben müssen, dass das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traums. Um meinen Gedanken zu Ende zu führen, möchte ich sagen, dass das, was wir Traum nennen, als solches gar nicht existiert, denn unser Geist ist auf Sparflamme eingestellt; die Wirklichkeit ist eine Begleiterscheinung des Denkens – eine Folge des Nichtdenkens, eine durch Gedächtnisschwund hervorgerufene Erscheinung. Die wahre Wirklichkeit ist in uns, und wir projizieren sie nach außen durch die systematische Auswertung unserer Paranoia, die eine Antwort und Reaktion auf den Druck – oder Unterdruck der kosmischen Leere ist […] Im Übrigen drückt sich die Paranoia nicht nur durch eine systematische Projektion aus, sie ist auch ein gewaltiger Lebenshauch.« [ Perinaud 1978, 158 f.] […]
Galt die Welt in unserem Kopf bisher wenigstens als vernünftig, so konnte jetzt nicht mehr ohne Weiters davon ausgegangen werden. Wir können nicht erkennen, dass wir erkennen, aber auch nicht, dass wir Wahnbilder produzieren. In der Fremde des eigenen Kopfes gefangen haben wir keine verlässlichen Koordinaten, an denen wir uns orientieren können. Die Folge ist Konfusion, Verwirrung. Für Wittgenstein wird alle Philosophie zur Sprachkritik. Es geht nur noch um das Verstehen, nicht mehr um Wissen. Sprache können wir versuchen zu verstehen, die Sprache der Kunst oder der Wissenschaft oder auch des Unbewussten. Dali wählt die Sprache des Unbewussten und er sucht sie an den Scharnierstellen auf, wo die Bilder umklappen und der Interpretationsfuror beginnt.  
Angeblich soll das Bild auf die Verworrenheit der damaligen Zeit hinweisen. Es ist ebenso Ausdruck der von Wittgenstein etwa um die gleiche Zeit allgemein formulierten Konfusion. Niemand kennt sich mehr aus. Was können wir überhaupt noch verstehen? Was ist Wahn, was Wirklichkeit? Willkommen in Absurdistan!
Mag sein, dass Dalis Bewunderung für Hitler, Stalin, Franco und andere Diktatoren daher rührte, dass er in ihnen die produktivsten Paranoiker sah. Diese verwirklichten ihren Wahn, wenn auch auf grausamste Weise. Sie nötigten ihn den Menschen als „einzig mögliche und beste und wahrste aller Welten“ auf und verfolgten alle systematisch, die diesem Wahnsinn ihre eigenen Ideen, Welten, Wirklichkeiten oder auch ihre eigene Paranoia entgegensetzten. Dali gratulierte in einem Telegramm aus New York Franco zur Hinrichtung von Regimegegnern. Vermutlich waren Diktatoren für ihn so etwas wie paranoische Genies.
Lacan stellt eine Verbindung her zwischen dem „Genie und der anomalen Entwicklung der Persönlichkeit“. Er meint den Paranoiker. Er erkennt den „Wert der schöpferischen Imagination in der Psychose und die Beziehung zwischen Psychose und Genie“.
Dali, Bescheidenheit war nie eine seiner Tugenden, hielt sich selbst für das größte Genie aber eben nicht für Verrückt. Vermutlich hielt er sich für eine Art Metagenie, oder Metaparanoiker, für übergenial und überparanoid. insofern er nicht nur wie die für ihn genial Verrückten (Hitler, Stalin, Franco), die die Welt nach ihrem (Wahn)bilde formen wollten, aber gewissermaßen ihrem eigenen Wahn erlegen waren, ihn unreflektiert auslebten, während er, Dali, das paranoische Prinzip verstand und es frei handhaben konnte. Selbst die schlimmsten Diktatoren waren Sklaven ihres Wahns. Aber das ist nur ein Versuch Dalis Bewunderung für Diktatoren zu verstehen.
Dali demonstrierte in immer neuen Bildern und Skulpturen, dass er sein Handwerk verstand und die paranoisch-kritische Methode meisterhaft zu gebrauchen wusste. Er wollte die Wahnbilder ebenso genau und präzise zeichnen, wie sich uns unsere Wirklichkeit darstellt. Sie sollten sich uns als Wirklichkeitsäquivalent aufdrängen. Hier einige Beispiele, die zugleich die Mehrdeutigkeit dessen aufzeigen, was wir Wirklichkeit nennen (Abb. 8, 9, 10, 11, 12). [Die Welt im Kopf ist die einzige, die wir kennen! Dalis paranoisch-kritische Methode, Immanuel Kant und die Ergebnisse der neueren Neurowissenschaft, Beatrice Nunold, Image, Januar 2007]

Salvador Dalí - Beständigkeit der Erinnerung [1:13:46]

Hochgeladen am 03.05.2011
Eine Dokumentation über das Leben von Salvador Dalí.

- Salvador Dalí über Assoziologie: 1935 Die kritisch paranoische Methode (Kusanowsky, 06.05.2012)
- Salvador Dalí: Die Welt schuldete ihm seine Verrücktheit (Wieland Schmied, Süddeutsche Zeitung, 17.05.2010)
- Freuds Traumdeutung und dessen Einfluss auf die Kunst des Surrealismus (Julia-Michelle D., prezl, 26.04.2015, Transkript)
- Salvador Dalí (Kapitel aus Nathalia Brodskaïa, Surrealismus – Die Geschichte einer Revolution, Parkstone, 2009?, GoogleBooks, 195ff.)

Sonntag, 23. Oktober 2016

Muss man Donald Trump hassen?

Kisslers Konter: An der Person und am Programm des Präsidentschaftskandidaten gäbe es viel auszusetzen. Die Abscheu aber hat das Argument besiegt, die Abneigung die Auseinandersetzung. Eine fatale Entwicklung, gerade in Deutschland

Am 8. November entscheidet sich, ob der nächste amerikanische Präsident Hillary Clinton oder Donald Trump heißen wird. Es ist also höchste Zeit, an einige offenbar unbekannte Selbstverständlichkeiten zu erinnern: Wahlberechtigt sind ausschließlich US-Bürger. Kein deutscher Leitartikler hat eine Stimme, kein EU-Politiker darf mitwählen, nordrhein-westfälische Landesvorsitzende müssen draußen bleiben. Das mag schmerzen, ist aber so. Gewinnen wird, wer die meisten Stimmen der Wahlleute auf sich vereint, nicht, wer jenseits des Atlantiks die größte Fangemeinschaft bilden konnte. Und drittens ist Hass auch hässlich, wenn es der Hass der Mehrheit ist – dann vielleicht sogar besonders.

mehr:
- US-Wahlkampf – Muss man Donald Trump hassen? (Alexander Kissler, Cicero, 13.10.2016)

siehe auch:
- "Weil es mir reicht!" – Trump-Fans haben die Nase gestrichen voll (n•tv, 23.10.2016)
- Von der Gefahr einer hysterischen Opposition gegen Trump (Post, 22.11.2016)
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Samstag, 22. Oktober 2016

Freuds Widmung

Vergangenheit Ein italienischer Forscher geht in seinem Buch der Frage nach, wie nah sich Sigmund Freud und Benito Mussolini standen

Der Historiker Roberto Zapperi publizierte kürzlich im Berenberg Verlag eine Studie zum Verhältnis zwischen Sigmund Freud und Benito Mussolini. Anlass hierzu gab ihm eine schriftliche Widmung Freuds an Mussolini, in der Freud den italienischen Machthaber schmeichelnd als „Kultur-Heros“ bezeichnet. Die Befürchtung, dass Freud Sympathien für Mussolini hegte, wird mit dieser detaillierten Studie jedoch in schnellen Schritten widerlegt.

Zapperi deckt schrittweise auf, wie es zur Entstehung der Widmung kam, zu der Freud von Personen, die Mussolini nahestanden, eher genötigt wurde, als dass er sie aus freien Stücken verfasst hätte. Zudem hatte Freud die Widmung in das Buch „Warum Krieg? Ein Briefwechsel“ geschrieben. Dass Freud gerade seinen publizierten Briefwechsel mit dem Pazifisten Albert Einstein zur Widmung an Mussolini auswählte, ist sicherlich als bewusst gewählte Entscheidung und Hinweis an Mussolini zu deuten. Nachdem Zapperi überraschender Weise schon im ersten Kapitel seines Werkes die Ausgangsfrage (Wie und warum kam es zu der Widmung?) geklärt hat, widmet er sich einem weiter gefassten Thema, nämlich der Situation italienischer Psychoanalytiker in der Zeit des Faschismus. (Insofern ist der Titel des Buches etwas irreführend gewählt, da es den Anschein erweckt, als würde es sich sehr tiefgehend nur um diese beiden Figuren drehen, wohingegen das Buch vielmehr das größere Netzwerk aus Personen der Kultur- und Psychologenszene und ihre jeweiligen Verstrickungen beschreibt.)

Die Psychoanalyse ist zu dieser Zeit in Italien nur wenig bekannt oder anerkannt, gleichwohl werden den praktizierenden Vertretern von der Verwaltung und der Polizei Steine in den Weg gelegt. Teilweise erscheinen die Schikanen lächerlich, wie zum Beispiel das Verbot für italienische Psychoanalytiker, von der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung aufgenommen zu werden. Nicht wenige Psychoanalytiker mussten Italien später aufgrund ihres jüdischen Hintergrundes verlassen. Auch Freud selbst wurde von der italienischen Polizei streckenweise mit Haftbefehl gesucht. Der schon an Krebs erkrankte Erfinder der Psychoanalyse wusste jedoch nichts davon und bedauerte zeitgleich in Briefen an den Psychoanalytiker Edoardo Weiss, nicht wie sonst den September in Rom verbringen zu können.

mehr:
- Freuds Widmung (Marie Mohrmann, Freitag-Community, 20.10.2016)
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Freitag, 21. Oktober 2016

Terror als Populisten-Porno

»Terror« von Ferdinand von Schirach – Trailer [2:08]

Veröffentlicht am 19.04.2016
Premiere am 16. April 2016

Inszenierung und Bühne: Patrick Schlösser
Kostüme: Uta Meenen
Licht: Christian Franzen
Dramaturgie: Thomaspeter Goergen

Besetzung
Vorsitzende: Eva-Maria Keller
Lars Koch, Angeklagter: Franz Josef Strohmeier
Biegler, Verteidiger: Christoph Förster
Nelson, Staatsanwältin: Sabrina Ceesay
Christian Lauterbach, Vorgesetzter: Bernd Hölscher
Franziska Meiser, Ehefrau eines Opfers: Ingrid Noemi Stein
Wachtmeister: Dankwart Pankow-Horstmann
Protokollführerin / Soufflage: Britt Astrid Bauer

Terroristen kapern ein Flugzeug mit 164 Passagieren. Sie nehmen Kurs auf die Allianz-Arena in München, Austragungsort eines Spiels England/Deutschland mit 70.000 Besuchern. Die Jagdflugzeuge der Bundeswehr können das Flugzeug nicht abdrängen. 25 Kilometer vor dem Ziel aktiviert Major Koch einen Lenkflugkörper seines Kampfjets. Um 20.21 Uhr trifft dieser die Lufthansamaschine. Lars Koch steht heute vor Gericht, die Anklage lautet Mord in 164 Fällen.

Ferdinand von Schirach, für seine glasklare Justiz-Prosa unter anderem mit dem Kleist-Preis und dem japanischen Honya Taishō geehrt, lässt ein 9/11 in Deutschland verhandeln, als Szenario, das uns über die (mal seriösen, mal sensationellen) Spekulationen der Medien durchaus näher gerückt scheint. Wo der attische Staat sich be/gründete, zwischen Theater und Gericht, prüft er die provokante These seines Essays »Die Würde ist antastbar«, dass Terrorismus über Demokratie entscheide. Und zwar als interaktives Spiel zwischen Bühne und Publikum.


Wenn Richter, Staatsanwalt, Zeugen, Anwälte der Verteidigung und der Opfer sowie der Angeklagte die Bühne der Justiz betreten, entfaltet sich ein Diskurs über Qualität und Quantität von Justiz, Opferzahlen gegen Opferzahlen, Gehorsam gegen Befehle und Verfassungsgerichtsurteile, aber auch über den Willen eines Staates, Tod zu veranlassen – bis hin zur Auswahl jener Piloten, welche die tödlichen Eurofighter befehligen.
Von Schirach spielt die klar zu verantwortende Entscheidung der Allgemeinheit zu, ernennt das Publikum zu einer Gemeinschaft von Schöffen. Welches Urteil gefällt wird, ist somit jeden Abend offen und ist jedes Mal die Frage an uns selbst: Denn im Maß der Strafe, so erklärt der Rechtsphilosoph Hegel, enthüllt sich nichts Geringeres als das Schwanken oder die Festigkeit einer Gesellschaft!


Die Zuschauer wurden im Film "Terror" dazu verleitet, die Menschenwürde zu verraten. Wie die ARD sie in die Amtsanmaßung und in ein Fehlurteil getrieben hat.


Der ARD-Themenabend zu Terror - Ihr Urteil hat sein Thema nicht verfehlt; er hat es verstörend gut getroffen; er hat das Thema so gut erklärt, wie man es besser kaum erklären kann - fesselnd und bedrückend zugleich.

Der Fernsehfilm nach dem Theaterstück Ferdinand von Schirachs hat die Fragen so gestellt, dass sie das Herz zugeschnürt, den Kopf gemartert und das Gewissen geschüttelt haben: War es Recht oder Unrecht, ein von Terroristen entführtes Verkehrsflugzeug abzuschießen? Hat sich der Todesschütze, Kampfpilot der Bundeswehr, schuldig gemacht? Muss er bestraft werden, und wenn ja, wie? Was sagt das Bundesverfassungsgericht, was der Befehl, was das Gewissen?

Eineinhalb Stunden lang hat der Film Gründe und Abgründe einer tragischen Entscheidung ausgeleuchtet.

Zu schlechter Letzt aber, nach den Plädoyers von Staatsanwältin und Verteidiger, haben Ferdinand von Schirach (der unter Mitwirkung von Regisseur Lars Kraume und Produzent Oliver Berben auch das Drehbuch geschrieben hat) und die ARD das Thema und den Film in bewusstem und gewolltem Zusammenwirken missbraucht, um des billigen Plots und des interaktiven Effekts willen.

Nur angeblich nämlich hat der Themenabend die Zuschauer besonders ernst genommen, indem er sie zu Laienrichtern erklärte und zu einer Abstimmung drängte. Abgesehen von der unanständig kurzen Zeit, in der sie ihr Urteil fällen sollten, verschwammen hier die fiktionale und die reale Ebene.

mehr:
- Terror als Populisten-Porno (Heribert Prantl, der Freitag, 18.10.2016)

siehe auch:
- Die Psychologie von "Terror" (Stephan Schleim, Telepolis, 25.10.2016)

Ferdinand von Schirachs "Terror" im Expertengespräch [1:00:06]


Veröffentlicht am 14.12.2015
Der spitze Kreis

Berliner Kritiker im Gespräch über aktuelle Produktionen aus Oper, Ballett, Schauspiel und Konzert. Talk mit Gästen und Kostproben aus aktuellen Aufführungen. Heute u.a. Deutsches Theater "Terror" und Komische Oper "Schneewittchen und die 77 Zwerge".

Was geschieht, wenn ein Passagierflugzeug von Terroristen entführt wird und auf ein ausverkauftes Fußballstadion zurast? Was geschieht, wenn der Terror unseren Alltag beherrscht? Welche juristischen, moralischen und philosophischen Mittel hat unsere Gesellschaft in solch einer Ausnahmesituation? Darf die Würde des Menschen angetastet werden, wenn dadurch vermeintlich mehr Menschen gerettet werden können?

Anhand eines juristischen Konstrukts werden diese Fragen in Ferdinand von Schirachs erstem Theaterstück plastisch: An Bord von Flug LH 2047 von Berlin-Tegel nach München sind 164 Menschen. Die Maschine, von einem Terroristen entführt, nimmt Kurs auf die Allianz Arena. Major Lars Koch, Pilot eines Kampfjets der Bundeswehr, muss reagieren. Wie lauten seine Befehle? Soll er, darf er die Passagiermaschine abschießen, wenn die Terroristen nicht einlenken? Die Uhr tickt, und Lars Koch trifft eine Entscheidung. Wenige Wochen später muss er sie vor einem Schöffengericht rechtfertigen.
Quelle: https://www.deutschestheater.de/progr...

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siehe auch:
- Die ARD, das Recht und die Kunst : "Terror" – Ferdinand von Schirach auf allen Kanälen! (Thomas Fischer, ZON, 18.10.2016, Hervorhebung in folgendem Zitat von mir)
Wenn man, wie der Kolumnist, seit vielen Jahrzehnten in der Justiz arbeitet, Tausende von "Fällen", Zehntausende von Schicksalen und ebenso viele Meinungen dazu gelesen, gehört, bedacht und entschieden hat, erscheint es einem faszinierend, mit welcher Bedingungslosigkeit und auf welch bedrückend niedrigem Niveau sich Menschen in Schlachten um "Wahrheiten" im Einzelfall stürzen, obwohl nichts auf der Welt sie dazu legitimiert und befähigt als ihre eigene Selbstgewissheit. Mit solchen Menschen über heilige Wahrheiten zu streiten, hat keinen Sinn: Man muss den Chefredakteur von auto motor und sport nicht fragen, ob er für Tempo 100 ist. Und man ahnt, wie die Beurteilung der Chancengleichheit in Deutschland ausfällt, wenn man wahlweise die Arbeitsloseninitiative Duisburg-Nord, den Verband der Jungen Unternehmer Baden-Württemberg, den Bezirksvorstand der GEW oder den Betriebsrat der RWE fragt. Geschenkt!
siehe auch:
- "Terror" im Fernsehen (Stephan Schleim, Telepolis, 24.10.2016)

mein Kommentar:
Ich möchte mir nicht vorstellen, was in Deutschland los wäre, würde Major Koch, also der, der – so setzt das Theaterstück voraus – die gekaperte Lufthansa-Maschine abgeschossen hat (und nun deswegen vor Gericht steht), hätte also dieser Major Koch, obwohl er die Maschine hätte abschießen können, sie nicht abgeschossen hätte. 
Da wäre was los! 

A two-year-old's solution to the trolley problem [0:26]

Veröffentlicht am 31.08.2016
I'm teaching a moral psychology class this semester, and we spent part of the first day discussing the trolley problem, which is a frequently used ethical dilemma in discussions of morality. When I returned home that night and was playing trains with my son, I thought it would be interesting to see his response to the trolley problem. I recorded his response so that I could share and discuss it with my class, given especially that we also will be discussing moral development from birth onward. My wife and I are constantly talking with our son about how properly to treat others -- so this has been teachable moment both for my class and for our son!

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aktualisiert am 28.10.2016

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Der Neoliberalismus macht einsam und krank

Entfremdung Der Neoliberalismus macht einsam und krank. Das zeigen jüngste Erhebungen zu psychischen Störungen bei Kindern einmal mehr
Kann man sich eine schwerwiegendere Anklage gegen ein System vorstellen als eine epidemische Ausbreitung psychischer Erkrankungen? Heute leiden Menschen auf der ganzen Welt unter Angststörungen, Stress, Depressionen, sozialen Phobien, Essstörungen, dem Zwang, sich selbst zu verletzen und Einsamkeit. Die jüngsten Zahlen über die psychische Gesundheit von Kindern in England geben ein schreckliches Bild ab machen deutlich, dass es sich um eine globale Krise handelt.

Es mag dafür viele Gründe geben, aber mir scheint, dass ein grundelegende Ursache überall dieselbe ist: Menschliche Wesen, diese ultrasozialen Säugetiere, deren Gehirne darauf ausgerichtet sind, auf andere Menschen zu reagieren, werden systematisch auseinandergetrieben. Wirtschaftliche und technologische Veränderungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie erzählen uns beständig, dass wir unser Glück im kompetetiven Eigeninteresse finden, und in einem grenzenlosen Individualismus.

Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Der Konkurrenzdruck im Bildungssystem wird immer härter. Die Jobsuche grenzt oft genug an eine Nahtoderfahrung, bei der immer verzweifeltere Menschen immer weniger Stellen hinterherjagen. Endlose Wettbewerbe und Castingshows im Fernsehen fördern völlig unrealistische Erwartungen, während die realen Möglichkeiten immer weniger werden.

Die wachsende soziale Lücke wird mit Konsum gestopft. Doch er heilt nicht die Krankheit der Isolation, sondern verstärkt den Hang unseren sozialen Status zu vergleichen – bis wir alles andere verschlungen haben und anfangen, uns selbst zu zerfleischen. Die sozialen Medien bringen uns zusammen und treiben uns gleichzeitig auseinander, indem sie uns ermöglichen, unser soziales Ansehen genau zu quantifizieren. Sie zeigen uns, dass andere mehr Freunde und Follower haben als wir.

Wie Rhiannon Lucy Cosslett sehr gut gezeigt hat, verändern Mädchen und junge Frauen routinemäßig ihre geposteten Fotos, um schlanker zu wirken. Manche Handys machen das mit ihren Beauty-Settings ganz automatisch, ohne ihre Besitzerinnen überhaupt zu fragen. So kann man heute zu seiner eigenen Dünnspiration werden. Willkommen in der nächsten Stufe der Hobb'schen Dystopie: ein Krieg aller gegen sich selbst.

Ist es verwunderlich, dass in diesen einsamen Innenwelten, in denen Berührung durch einen Klick auf die Filterfunktion ersetzt werden, junge Frauen massenhaft an psychischen Störungen leiden? Eine neue Studie in England legt nahe, dass jede vierte Frau zwischen 16 und 24 sich schon einmal selbst verletzt hat und jede achte an posttraumatischen Belastungsstörungen leidet. 26 Prozent der Frauen dieser Altersgruppe sind von Angst, Depression, Phobien oder Zwangsstörungen betroffen. So sieht eine öffentliche Gesundheitskrise aus.

mehr:
- Alle gegen sich selbst (George Monbiot, der Freitag, 19.10.2016)

siehe auch:
- "Niemand hatte einen Vertrag" (Anna Bordel, ZEIT campus, 10.10.2016)
- 4,50 Euro Stundenlohn (Katharina Meyer zu Eppendorf, ZEIT campus, 18.10.2016)
Realität ist, was wir glauben wollen oder Hirnströme von Friseurpuppen (Post, 29.08.2013)

Dienstag, 11. Oktober 2016

Was tue ich gerade jetzt? – eine erste Annäherung an die unangenehmen Seiten der Erleuchtung

„Tage und Nächte fliegen vorüber: Was tue ich denn gerade jetzt?“

Der Buddha lässt euch diese Frage jeden Tag stellen, damit ihr nicht selbstgefällig werdet und um euch daran zu erinnern, dass die Praxis im Tun besteht. Obwohl wir hier sehr still sitzen, gibt es dennoch Tätigkeit in unserem Kopf. Da ist der Wunsch, sich auf den Atem zu konzentrie-ren, der Wunsch nach dem Aufrechterhalten dieser Konzentration und schließlich die Absicht, über das Verhalten von Atem und Geist zu wachen. Meditation als Ganzes ist eine Tätigkeit. Selbst wenn ihr „Nicht- Reaktivität“ oder „Das Wissen sein“ praktiziert, so ist da noch das Element der Absicht, des Wunsches. Auch das ist Tätigkeit.

Es war eine der wichtigsten Einsichten des Buddhas: Selbst wenn ihr vollkommen still sitzt, mit der Absicht, überhaupt nichts zu tun, so ist da doch die Absicht und diese Absicht selbst ist eine Tätigkeit. Sie ist ein saíkhâra, etwas Hervorgebrachtes, Gestaltetes. Wir leben ständig damit. Tatsächlich basiert ja all unsere Erfahrung auf Hervorgebrachtem. Die Tatsache, dass ihr euren Körper spüren könnt: die Gefühle, Wahrnehmungen, Gedanken-Gebilde und das Bewusstsein – all diese Daseinsgruppen: Um fähig zu sein, sie in diesem Augenblick zu erfahren, müsst ihr ein entsprechendes Potential zu einer tatsächlichen Daseinsgruppe gestalten. Ihr fabriziert aus dem Potential für Form die tatsächliche Erfahrung von Form, aus dem Potential für Gefühl die tatsächliche Erfahrung von Gefühl, etc. Dieses Element des Gestaltens ist im Hintergrund immer vorhanden. Es ist wie die Hintergrundfrequenz des Urknalls, der durch das gesamte Universum tönt und nicht verschwindet. Das Element des Gestaltens ist immer da, formt unsere Erfahrung und ist so beharrlich gegenwärtig, dass wir es manchmal aus den Augen verlieren. Wir erkennen gar nicht, was wir da tun.


Während ihr meditiert, versucht ihr, die Dinge auf das Wesentliche zu reduzieren, um die elementaren Gestaltungen sehen zu können, die im Geist vor sich gehen, das kamma, welches ihr jeden Augenblick bewirkt. Wir machen unseren Geist nicht einfach nur still, um einen netten, erholsamen Ort des Verweilens zu erhalten, oder eine angenehme Erfahrung von Entspannung zu schaffen, die unsere Nerven beruhigt. Dies mag Teil davon sein, aber es ist nicht die gesamte Praxis. Der andere Teil ist klare Erkenntnis, die Erkenntnis dessen, was vor sich geht, das Potential menschlichen Handelns zu sehen: Was tun wir denn die ganze Zeit über? Welche Potentiale enthält dieses Tun? Dann wenden wir dieses Verständnis menschlichen Handelns an, um zu sehen, wie weit wir dabei gehen können, all den unnötigen Stress und das Leid abzustreifen. Stress und Leid, die vom Handeln auf ungeschickte Weise herrühren.


Es ist wichtig, dass uns dies im Geist gegenwärtig bleibt, während wir meditieren. Denkt daran: Wir sind hier, um menschliches Handeln zu verstehen und dabei ganz besonders unser eigenes. Ansonsten sitzen wir hier, hoffen, überhaupt nichts tun zu müssen und einfach nur zu warten bis überwältigende Erfahrungen in unserem Kopf aufsteigen oder ein warmes Gefühl des Einsseins in uns emporquillt. Und manchmal können solche Dinge ja tatsächlich ganz unerwartet geschehen. Wenn dies jedoch passiert, ohne dass ihr versteht wie und warum sie aufsteigen, dann ist dies gar nicht hilfreich. Für eine Weile sind sie entspannend oder erstaunlich, aber dann verschwinden sie wieder und ihr müsst mit eurem Verlangen nach ihnen fertig werden. Natürlich kann sie kein noch so großes Verlangen zurückholen, wenn es nicht vom rechten Verständnis begleitet wird.


Ihr könnt menschliches Handeln nicht völlig ablegen, bevor ihr nicht die Natur des Handelns versteht. Das ist entscheidend. Wir denken gerne, dass wir ganz einfach aufhören können zu handeln und dann die Dinge zur Ruhe kommen, still werden und sich der Leerheit öffnen. Aber das ist mehr ein Sich-ausblenden statt Meditation. In der Meditation ist ja tatsächlich ein Element des Beendens vorhanden, ein Element des Gehenlassens, aber ihr könnt es nicht wirklich beherrschen, bis ihr ver- steht, was ihr da zu beenden versucht. Achtet darauf. Wenn ihr aus einer guten Meditation zurückkommt, steht nicht einfach auf und begebt euch in die Küche, trinkt einen Kakao und legt euch schlafen. Denkt darüber nach, was ihr getan habt, um das Muster von Ursache und Wirkung zu verstehen und genau zu sehen, was ihr im Verlauf des Prozesses, den Geist in einen Ruhezustand zu versetzen, hervorgebracht habt. Schließlich ist der Pfad ja ein hervorgebrachter Weg, das höchste Gestaltete. Wie der Buddha sagte, ist von allen gestalteten Phänomenen, die es in der Welt gibt, der Edle Achtfache Pfad das Höchste. Dies ist der Pfad, dem wir eben jetzt zu folgen versuchen. Er ist etwas, das sich aus ver- schiedenen Teilen zusammensetzt und ihr werdet ihn nicht verstehen, bis ihr seht, wie ihr selbst das Gefüge beeinflusst.


Behaltet also immer im Hinterkopf, dass ihr hier etwas tut. Manchmal mag es recht frustrierend erscheinen, eine ganze Stunde damit zuzubringen, den Geist wieder und wieder zum Atem zurückzuholen. Er wandert davon, also holt ihr ihn zurück, dann wandert er erneut – wann kommt denn nun Frieden und Ruhe? Bevor sie kommen können, müsst ihr einiges Verständnis entwickeln. Wenn ihr den Geist zurückholt, so versucht zu verstehen, was ihr da tut. Wenn er davon wandert, versucht zu verstehen, was geschieht, was ihr getan habt, um ihn zu ermutigen oder ihn wandern zu lassen. Versucht besonders, all die geschickten und ungeschickten Absichten aufzudecken, die in diesen Prozess eingehen. Wenn ihr versteht, wie der Geist hin und her geht, werdet ihr einen Punkt erreichen, an welchem ihr ihn davon abhalten könnt. Gleichzeitig werdet ihr die Art von Einsicht entwickeln, die wir in der Meditation haben wollen: Einsicht in das Handeln.



aus: Meditationen, Vierzig Dhamma-Gespräche von Ajahn Ṭhanissaro Bhikkhu, Buddhistische Gesellschaft München, 2011


Der aus Hanau stammende hochangesehene Theravada-Mönch Nyanaponika zitiert in seiner Schrift Das Reine Beobachten und die Hauptquellen seiner Wirkungskraft in der Sattipatthāna-Übung Schu Gua (auf der Seite des Fördervereins Theravada-Buddhismus Berlin, PDF, S. 11):
„Unter allem, was die Dinge endet und die Dinge anfängt, gibt es nichts Herrlicheres als das Stillehalten.“  

Dies muß an Castanedas »Anhalten der Welt« (bzw. das Anhalten des inneren Dialogs) erinnern:
 - Die Welt anhalten (Castaneda, Die Lehre, Chello.at, Datum unbekannt)

Dies wiederum erinnert an Meister Eckhart

Du brauchst Gott weder hier noch dort suchen;
er ist nicht ferner als vor der Tür des Herzens.
Da steht er und harrt und wartet,
wen er bereit finde,
der ihm auftue und ihn einlasse.
Du brauchst ihn nicht von weit her herbeizurufen;
er kann es weniger erwarten als du,
dass du ihm auftust.
Es ist ein Zeitpunkt:
Das Auftun und das Eingehen.


und an Rumi:
Ich habe die ganze Welt
auf der Suche nach Gott durchwandert
und ihn nirgendwo gefunden.
Als ich wieder nach Hause kam,
sah ich ihn
an der Türe meines Herzens stehen.
Und er sprach:
"Hier warte ich auf Dich
seit Ewigkeiten."
Da bin ich mit ihm
ins Haus gegangen.


und an Hakuin:
Wie grenzenlos frei
der Himmel der Versenkung!
Wie hell
der volle Mond
der vierfachen Weisheit!
In diesem Augenblick
- was mangelt Dir?
Das gelobte Land
vor unseren Augen.
Das gelobte Land
an diesem Ort.
Dieser Leib
das Leben des Höchsten.



[Die beiden letzten Gedichte hab ich gefunden auf: Einkehr-in-Stille]

In allen obigen Texten wird eine Art Verzückung ob der Begegnung mit etwas Numinosem zum Ausdruck gebracht.

Doch was passiert, wenn wir die Welt bzw. den inneren Dialog anhalten – oder Gott begegnen? (ich erlaube mir, dies gleichzusetzen)

Als Psychotherapeut frage ich mich immer: Über was wird nicht gesprochen?
Erleuchtung bzw. die Begegnung mit Gott  wird in allen Texten als etwas Erstrebenswertes dargestellt.

Wenn ich den Freud-Schüler C. G. Jung richtig interpretiere, darf der Innere Dialog dagegen auch als eine Art Schutzwall gegen das Unbewußte verstanden werden. Wenn diese Interpretation richtig ist, würde das Beenden des inneren Dialogs eine Art »Vakuum der Stille« herstellen und das Einströmen dessen bewirken, was wir – psychologisch betrachtet – bisher nicht wissen wollten: nämlich des Unbewußten.

1. Der Begriff »Erleuchtung« macht nur im Kontext des Wissenserwerbs einen Sinn (siehe Platons Höhlengleichnis). Das Wissen, um das es da geht, geht weit über rein intellektuelles Wissen hinaus. Die entstehende Frage lautet: Was macht unser Geist mit der riesigen Menge an Wissen, die wahrscheinlich auf ein Verstehens- und Ordnungssystem trifft, welches neu organisiert werden muß?

Während die obigen drei mehrere hundert Jahre alten Gedichte auf die Großartigkeit des Ereignisses der Begegnung mit etwas abheben, das weit über uns hinausgeht, berichtet der Maler Kandinsky Anfang des 20. Jahrhunderts von seinem Gefühl der Verunsicherung nach der Begegnung mit neuen physikalischen Modellen:
 [In seinem 1905 erschienenen Bestseller „L'Evolution de la Matière".] behauptete der Autor Gustave Le Bon, jede Art von Strahlung sei auf den Zerfall von Atomen zurückzuführen, es gebe gar keine stabile Materie. Auch dies verunsicherte die Menschen. „Das Zerfallen des Atoms war in meiner Seele dem Zerfall der ganzen Welt gleich. Alles wurde unsicher, wackelig und weich", erinnerte sich der Maler Wassily Kandinskyin seinem Buch „Rückblicke". Die Schockwellen der neuen Physik waren bis in die Künstlerzirkel eingedrungen und bereiteten den Boden für eine weitere Revolution: die Entdeckung vierdimensionaler Räume und nicht-euklidischer Geometrien. [Thomas Bührke, Picasso, Einstein und die vierte DimensionBild der Wissenschaft, 15.03.2005, Hervorhebung von mir]

Die heute weltberühmte mexikanische Malerin Frida Kahlo spricht von etwas Furchtbarem:


aufgehübschter Screenshot aus dem Film »Bei Frida Kahlo«


Wenige Wochen nach ihrem furchtbaren Straßenbahnunfall 1925 schrieb die damals 18jährige Frida Kahlo:
»Ich weiß bereits alles! Ohne Lesen und Schreiben. Vor wenigen Tagen noch war ich ein kleines Mädchen […] Alles war ein Geheimnis, alles verbarg irgendetwas. Es machte Spaß, es zu entschlüsseln und zu lernen. Wenn Du wüßtest, wie furchtbar es ist, plötzlich alles zu wissen, so, als hätte ein Blitz die Erde erhellt.« [zitiert im Film »Bei Frida Kahlo« (ab Min. 05:10), noch bis 16.08.2016 in der Arte-Mediathek abrufbar]

C. G. Jung warnt: 
Die Auseinandersetzung mit den archaischen kollektiven Bildern des Unbewußten als Aufgabe der [Individuation] kann also Gefahr laufen, daß die archetypischen Komplexe aufgrund ihrer "Numinosität" das Ich-Bewußtsein inflationieren. "Die Individuation wäre eine geordnet verlaufende ,Psychose', die Psychose eine mißglückte Individuation" (Blomeyer 1975, S. 260). "Wie die Neurose, so ist auch die Psychose in ihrem inneren Verlauf ein Individuationsprozeß, der aber nicht ans Bewußtsein angeschlossen ist und darum als Ouroboros im Unbewußten verläuft" (Jung, in Jacobi 1971, S. 44 f). Daraus ergibt sich allerdings auch der positive Aspekt zumindest der neurotischen Störung eines Menschen, denn "seine Neurose hat den Sinn daß er zu einer vollständigen Persönlichkeit wird, und das schließt Anerkennung seines ganzen Wesens, seiner guten und schlechten Seiten, seiner entwickelten und minderwertigen Funktionen ein, sowie die Fähigkeit, selbst die Verantwortung dafür zu übernehmen" (Jung 1975, S. 167)[24]. [aus: Der Individuationsprozeß in der analytischen Psychologie C.G. Jungs (Tewes Wischmann, Datum unbekannt)]

2. Erleuchtung ist also nicht unbedingt das – oder noch viel mehr als das, – was wir uns gemeinhin darunter vorstellen…

Siehe dazu den 
nicht ganz unproblematischen Einsichtsprozeß von Henry und Malv (merke: Erleuchtung kann wie die Begegnung mit einem fallenden Zementsack sein):


Kevin allein in New York [2:52]
Hochgeladen am 08.09.2008
Verdammt lustig! 
viel spaß beim anschauen
wenn ihr gute Musik wollt schaut mal bei diesem Kanal vorbei :)
http://www.youtube.com/user/phil97ism

und 
3. Die Realität (sowohl außen wie auch innen) ist nicht vollständig kontrollierbar (siehe dazu das Interview mit Bazon Brock in: Anerkennen, daß man selber der Fall ist!, Post, 25.06.2015, erstes Video), da sie chaotisch (fraktal) organisiert ist, was bedeutet, daß unser Handeln möglicherweise Ergebnisse zeigt, die sich von unserer Absicht stark unterscheiden bzw. weit darüber hinausgehen…

Scrat muß immer wieder die Erfahrung machen, daß selbst recht einfach erscheinende Handlungen weitreichende und unangenehme Auswirkungen haben können:

Scrat - Gone Nutty [4:13]

Veröffentlicht am 01.11.2012
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Feuerzangenbowle [1:09]

Hochgeladen am 01.01.2008
Es ist die letzte Szene eines wunderbaren Filmes