Montag, 4. Juni 2018

Die Schönheit des Abgrunds

Die Christine-Westermannisierung der Literatur hat ihren Siegeszug angetreten. Erstens durch Buchverkäufe. Kitsch verkauft sich besser als Qualität. Denken ist anstrengend, tut bisweilen weh, Kitsch funktioniert wie Pornographie, allerdings nicht in der Hose, sondern links unter dem Hemd. Was sich verkauft, wird auch massenhaft produziert. 


#metoo

Bei diesem Thema kann man sich wunderbar die Finger verbrennen. Mangelnde Empathie wird der erste Vorwurf sein. Als vor einem halben Jahr die #metoo-Debatte durch die Welt schwappte, blieb ein Aspekt unbeantwortet, der aber sehr maßgeblich ist: könnte es sein, dass brillante Menschen eine dunklere Seite haben als Normalos?

Seit Jahren geistert ständig eine Statistik durch die Gazetten, dass nämlich unter Spitzenmanagern der Anteil von Soziopathen übermäßig hoch sei. Dies bestätigt die Klischees vom herzlosen Kapitalisten.

Aber Künstler?

Besonders interessant erscheint mir der Fall Kevin Spacey. Die Empörung schlug Wellen, dass er augenblicklich die Serie House of cards verlassen musste.



Das Genie und das Böse

Spacey dürfte, was den Legendenstatus angeht, zu den allergrößten Namen in der Geschichte von Hollywood gehören. Er spielte in the usual suspects ein sich als Trottel gebendes kriminelles Superhirn, das die verhörenden Polizisten mit erfundenen Geschichten manipuliert. In Se7en verkörperte er einen unauffälligen, aber brillant perversen Serienmörder und in American Beauty stellte er einen frustrierten Vorstadt-Papi in der Midlifecrisis dar. Der gemeinsame Nenner: seine Rollen waren immer von manipulativer Intelligenz, auch schon vor Darstellung des fiktionalen Präsidenten Underwood.

Und jetzt die #metoo-Debatte. Was hatten wir doch für ein Vergnügen, wenn die von Spacey dargestellten Figuren ihren dummen Kontrahenten den Schneid abgekauft hatten. Es war beinahe so schön, wie wenn Robert de Niros Antihelden anderen die Knochen brachen, ihren Kopf in einem Schraubstock zerquetschten oder ihnen Teile des Gesichts wegbissen. Da schmecken die Nachos, und die Brause auf dem Schoß waberte launig hin und her. Privat sind Schauspieler ja ganz bodenständige nette Kerle, oder? Wenn nicht, wären wir dann etwa Komplizen?



Was erlauben Spacey?

Ist eine charakterliche Düsterheit vielleicht gar ein struktureller Vorteil des Genies, nicht nur fiktional, sondern real?


Felder der vielschichtigen Genies

Neben dem auffällig langen Wegsehen in Hollywood – die Liste der mutmaßlich Übergriffigen wird länger, wobei die Vorfälle wahrscheinlich über Jahrzehnte reichen – ist für mich gar nicht die geheuchelte Empathie seitens des Publikums von Belang. Es interessiert mich nicht, ob Spacey schuldig ist. Empathie wird nie meine Sache sein, das vorweg. Auch die Binsenweisheit, dass große Erfolge immun gegen Kritik machen, scheint mir nur bedingt interessant zu sein. Es erscheint viel interessanter und vordergründig erschreckender, dass eben nicht nur in den hohen Etagen deutscher Unternehmen, sondern gerade auch im Bereich der Kreativen, der Künstler und Erfinder, Wunderbares auf dem Mist des Schrecklichen besser wächst. Verdanken wir vielleicht Erbauung und Fortschritt vornehmlich dunklen Neigungen? Was, wenn ja? War Einstein treu? Diente ihm seine Promiskuität als Triebfeder in Denkprozessen gar?

mehr:
- Die Schönheit des Abgrunds - Empathie Pornos (Hans-Martin Esser, The European, 04.06.2018)

Gruber: "Will am liebsten schwulen Männern gefallen" | Nuhr im Ersten {5:51}

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"Nuhr im Ersten" vom 15. Februar 2018
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siehe auch:
- Ein wirklich netter Kerl, oder? (Arwa Mahdawi, der Freitag, 25.09.2018)
- „Wir wollen die Möpse sehen…!“ (Clemens Lukitsch, The European, 05.09.2014)
aktualisiert am 25.09.2018