Sonntag, 5. Dezember 2010

Matthias Horx erforscht das Liebesleben der Deutschen

Immer weniger Menschen sind heutzutage bereit, in ihrer Partnerschaft auf guten Sex zu verzichten. Aber was passiert, wenn sich Gewohnheiten einspielen und die Erotik im Laufe der Jahre nachlässt? Wie gelingt es, eine lange Beziehung dauerhaft gelungen zu machen? Mann und Frau müssen sich etwas einfallen lassen, rät Trendforscher Matthias Horx im Interview mit n-tv.de. Sex werde heute mehr und mehr zelebriert oder wie ein Gourmet-Menü zubereitet. Dafür würden Kulturtechniken eingesetzt, die es früher nicht gab. Heute setzt man sich mit seinen "individuellen Wünschen und Lüsten auseinander".

n-tv.de: Vor drei Jahren haben sie das Liebesleben der Deutschen erforscht. Sehen Sie ihre vorhergesagten Trends in der "Sexstyle-Studie 2010" bestätigt?

Matthias Horx: Man kann Trends grundsätzlich nicht vorhersagen, sondern nur diagnostizieren und von da aus bestimmte Aussagen in Richtung Zukunft machen. Wir haben vor drei Jahren eine Art Diagnose oder Analyse des Wandels der erotischen Kultur gemacht, im Auftrag der Firma Beate Uhse. Dafür haben wir eine Menge Material aus der Lebensweltforschung ausgewertet und auch eigene Interviews gemacht. Drei Jahre später hat sich daran natürlich noch nicht viel verändert.


Sie sagten damals voraus, dass "Inszenierung und Individualisierung zu wichtigen Komponenten des Liebeslebens" werden – verschwindet damit der Glaube an die Liebe auf Lebenszeit? 

Nein, der wird niemals verschwinden, weil das ja einer der tiefsten inneren Impulse des Menschen ist. Inszenierung und Individualisierung sind auch nicht, wie Sie es in der Frage suggerieren, ein Gegensatz dazu, sondern die Bedingung. Unsere Beobachtung war ja folgende: Um eine lange Beziehung gelungen zu machen, ist Erotik von entscheidender Bedeutung. Denn immer weniger Menschen sind bereit, in ihrer Partnerschaft auf guten Sex zu verzichten. Das ist die Spätauswirkung der sexuellen Revolution: Ein erfülltes Sexleben gehört zu einer erfüllten Liebe einfach dazu. Um das hinzubekommen, müssen sich Mann und Frau etwas einfallen lassen. Da es eine Tendenz zur Abflachung der erotischen Spannung im Lauf der Jahre gibt, muss man inszenieren. Sex wird heute mehr und mehr zelebriert oder wie ein Gourmet-Menü zubereitet. Man nutzt viel mehr Verkleidung, Spiele, Verabredung. Man setzt sich mit seinen individuellen Wünschen und Lüsten auseinander und redet auch mehr darüber. Junge Paare gehen heute zusammen in den Sexshop und kaufen ungezwungen Dildos oder Reizwäsche. Man experimentiert im Bett, versucht Rollenspiele oder was auch immer. So entsteht eine erotische "Gourmet"-Kultur, aber nicht, weil man sich nicht treu sein will, sondern weil man sich treu sein will! Man ist romantisch, aber man weiß auch, dass erotische Gefühle wachgehalten werden müssen. Am besten durch differenzierte Praxis.
mehr:
- Sex und Liebe – "Gevögelt wird immer" (n-tv, 02.12.2010)

Matthias Horx - Future Love {42:12}

Business Circle
Am 15.01.2018 veröffentlicht 
"Ich kenne niemanden in meinem Umfeld, der nicht unter ständigem Liebeskummer leidet."
Future Day Vienna 2017 (er)fühlte die Zukunft neu
Dabei sein, wenn Zukunft passiert. Wir bringen für dich Mind-Changer und Zukunftsgestalter, Bestseller-Autoren, CEOs, Philosophen und Weltveränderer auf die Bühne. Sie geben Einblick in die Logik der Zukunftsgefühle, den Wandel durch die Generation Global, das Gespenst der Digitalisierung und zeigen, wie die Erregungskultur das Geschäft von morgen prägen wird.
Was die Zukunft bringt interessiert dich? Dann schau doch bei unserem nächsten Future Day vorbei!
https://businesscircle.at/fuehrung-ko...

Matthias Horx über Europas ganz normale Krisen + deren verzerrte Wahrnehmung der Mediengesellschaft {7:31}

heinrich quernheim
Am 11.01.2017 veröffentlicht 
aus 3Sat Kulturzeit

Samstag, 6. November 2010

Wie wird eine öffentliche Debatte verhindert? – Das Vier-Phasen-Modell

Sarrazin beim Club SF1 Wie Gutmenschen auf Kritiker losgehen {8:12}

Veröffentlicht am 15.11.2010
Plain Citizen
Ausschnitt aus der Diskussion mit Sarrazin am Schweizer Fernsehen (2.11.2010). Der Lehrer Alain Pichard erläutert, wie Gutmenschen auf Kritker losgehen und wie sie reagieren, wenn die Kritik unwiderlegbar ist.
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Die Phasen, wie Alain Pichard sie vorstellt:
1. »Deckel drauf!« (ab 3:10)
2. Öffentliche Diffamierung (3:30)
Hinter vorgehaltener Hand: »Danke, daß Du das sagst!«
3. Diffamierung der Sympathisanten durch Einordnung in Schubladen (4:20)
4. Abwiegelung von oben: »Das haben wir schon lange gesagt!« (5:00)

siehe dazu auch:
- 4-Phasen-Reduit-Denken der Linken (Alexander Müller, DailyTalk.ch, 06.11.2010)

Mittwoch, 26. Mai 2010

Das Grübeln stoppen – Neuer Therapieansatz bei Depressionen

Bochumer Psychologen kämpfen gezielt gegen das Grübeln an – und verbessern so die Stimmung ihrer Patienten.

Das Grübeln gehört häufig zu den Symptomen einer Depression und begünstigt Rückfälle. Auch wenn es auf die quälenden Fragen keine Antwort gibt, so fällt es den Patienten trotzdem schwer, sich davon zu lösen. Je länger sie grübeln, desto düsterer erscheint alles.

Die Wissenschaftler bieten Hilfestellung, damit diese inneren Auseinandersetzungen überwunden werden können. Die Patienten lernen, wie sie ihre Aufmerksamkeit wieder eigenständig lenken können und selbst entscheiden, worauf sie sich konzentrieren wollen.

„Wir setzen uns im Gegensatz zu anderen Therapien mehr mit dem Prozess des Grübelns selbst auseinander als mit den Inhalten der Grübelei“, erklärte Dr. Tobias Teichmann das Konzept. Gemeinsam mit Professor Dr. Ulrike Willutzki leitet er die Untersuchungen.


Bislang wurden 40 Patienten in die Untersuchungen aufgenommen, bei ungefähr 80 Prozent von ihnen besserte sich die depressive Symptomatik durch den Therapieansatz deutlich. Dabei blieben Stimmung, Selbstwertgefühl und Antrieb auch über das Behandlungsende hinaus stabil.
Quelle: Ruhr-Universität Bochum

aus der niedergelassene arzt 5/2010

siehe auch:
Zitat Dr. Silke Huffziger:
„Bei Menschen, die generell mehr grübeln, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, in eine Depression zu rutschen. Und Menschen, die bereits eine Depression erlebt haben, bleiben häufiger in dieser Art des Denkens und sind dadurch eher gefährdet, eine Rückfall zu erleiden.“
Eine erstaunliche Methode gegen Ängste, Sorgen und Grübeln (Persönlichkeits-Blog, 16.06.2012)
Zitat:
Warum ist es so schwer, mit dem "unnötigen" Grübeln und Sorgenmachen aufzuhören? In einem ruhigen Moment erinnern wir uns daran, dass als wir uns das letzte Mal über etwas wahnsinnige Sorgen machten, das befürchtete Ereignis nicht eintrat. Warum können wir daraus nicht lernen? Hier kommt die Antwort:
Sich Sorgen machen, gibt uns in einer
unsicheren Situation die
Illusion von Kontrolle.
Ein Beispiel: Samstagmittag finden Sie eine Benachrichtigung über ein Einschreiben im Briefkasten. Sie haben keine Ahnung, um was für einen Brief es sich handeln könnte. Die Post hat schon zu. Sie müssen bis Montag warten, um zu erfahren, um was es sich handelt.

Manche Menschen können jetzt diese Unsicherheit gut aushalten, indem sie sich sagen: "Mal schauen, was das ist. Kann ja nichts Schlimmes sein. Am Montag werde ich sehen, um was es sich handelt."

Menschen, die zum Grübeln neigen, verarbeiten diese unsichere Situation anders. Bei ihnen geht jetzt das Katastrophenkarrussel los: Der Vermieter hat die Wohnung gekündigt. Das ist eine Vollstreckungsbescheid wegen des noch nicht gezahlten Strafzettels. Oder eine Abmahnung aus der Firma. Vielleicht der Brief eines Rechtsanwalts wegen der Kündigung des Zeitschriften-Abos ...

Also eine ungewisse Situation, über die man keine Kontrolle hat. Menschen, die zum Grübeln neigen, machen sich jetzt einen Haufen Sorgen, um wenigstens etwas tun zu können. Sie haben das Gefühl, dass sie dadurch wenigstens auf alle Eventualitäten vorbereitet sind und so der Ungewissheit nicht mehr ganz so hilflos ausgeliefert sind.
The Tools by Phil Stutz & Barry Michels [9:38]

Veröffentlicht am 10.01.2015
More goodness: http://brianjohnson.me 
The Tools. It rocks. Here's my first video back after waaayyyyy too long away. Quick look at the 5 tools that can change your life. (Let's do this!! :)
Learn more from Stutz + Michels here: http://www.thetoolsbook.com/
Follow them on Twitter: https://twitter.com/thetoolsbook
Get the book on Amazon here: http://www.amazon.com/The-Tools-Minia...

Die fünf Schritte:
1. Umkehrung der Wünsche (Umpolung des Verlangens)
unbegenztes Potential befindet sich außerhalb unserer Komfortzone => Komfortzone verlassen (inneren Schweinehund überwinden)
2. Aktive Liebe
Imagination: der Person oder dem Umstand, die bzw. der uns mit Angst flutet, Liebe schicken
3. Innere Autorität entwickeln (über Fokussieren und Handeln)
4. Dankbarer Flow
aktualisiert am 12.06.2015

Montag, 17. Mai 2010

Aufklärung 2.0: Widerstand vs. Das Hypnoid von der Unveränderbarkeit der Verhältnisse

Kulturzeit -"Der Kampf geht weiter" Interview mit Karl-Heinz Dellwo 17.05.2010 [7:54]

Hochgeladen am 22.08.2010
Karl-Heinz Dellwo war als Mitglied der Roten Armee Fraktion 1975 an der Botschafts-Besetzung in Stockholm beteiligt, bei der die RAF zwei Gefangene erschoss. Dafür saß er 20 Jahre im Gefängnis. Jetzt gibt er eine "Bibliothek des Widerstands" heraus, eine Serie von Dokumentarfilmen über weltweite Protestbewegungen seit den 1960er Jahren, die er in einem Begleitbuch im Politjargon der radikalen Linken kommentiert.
Gegen die bürgerliche GeschichtsschreibungDer filmische Blick zurück als Erkenntnisträger für eine Revolte der Zukunft? Dellwos Filmreihe beginnt am 2. Juni 1967. Der Schah ist zu Besuch in Deutschland. Erst prügeln Perser, dann prügeln Polizisten, und schließlich ist Benno Ohnesorg tot. Der Rest ist Geschichte - linke Geschichte. Die will Dellwo auch so verstanden wissen und nicht der bürgerlichen Geschichtsschreibung überlassen. Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert auch die Zukunft. "Inzwischen dominiert eine bürgerliche Geschichtsinterpretation", sagt Dellwo. "Diese bürgerliche Geschichtsinterpretation hat einen zentralen Kern, der sagt: Die Verhältnisse, so wie sie sind, sind unveränderbar, man kann nur immanent, innerhalb dieser Verhältnisse agieren, und deswegen vergesst jeden Ausbruch aus diesen Verhältnissen."

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Die Geiselnahme am Norrmalmstorg (in Schweden hauptsächlich als Norrmalmstorg-DramaNorrmalmstorgsdramat, bezeichnet) ereignete sich vom 23. bis 28. August 1973 in der damaligen Kreditbanken auf dem Platz Norrmalmstorg in Stockholmund zog sich über 131 Stunden hin. Sie war einer der ersten Kriminalfälle, über den die schwedischen Medien live berichteten. In der Folge gab der Psychiater Nils Bejerot einer Überlebensstrategie der Geiseln den Namen „Stockholm-Syndrom“. [Geiselnahme am Norrmalmstorg, Wikipedia]
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Denis Diderot [dəni didʁo] (* 5. Oktober 1713 in Langres; † 31. Juli 1784 in Paris) war ein französischer SchriftstellerÜbersetzerPhilosophAufklärerLiteratur- und Kunsttheoretiker[1]Kunstagent für die russische Zarin Katharina II. und einer der wichtigsten Organisatoren und Autoren der Encyclopédie.Zusammen mit Jean-Baptiste le Rond d’Alembert war er Herausgeber der großen französischen Encyclopédie, zu der er selbst als Enzyklopädist etwa 6000 von insgesamt 72.000 Artikeln beitrug. Als Autor von Bühnenwerken hatte er großen Anteil am Entstehen des bürgerlichen Dramas. Seine Romane und Erzählungen – zumeist postum erschienen wie La ReligieuseJacques le fataliste oder Le Neveu de Rameau – leisteten in verschiedener Weise ihren Beitrag zu den großen Themen der Zeit der (französischen) Aufklärung, so zu den Fragen der Selbstbestimmung des Menschen, des Leib-Seele-Problems und des Gegensatzes von Determinismus und Willensfreiheit sowie zur Kritik an der Religion.
In seinen Werken wird eine deutliche Entwicklung von einer theistischen über eine deistische zu einer atheistischen Haltung erkennbar. Doch gibt es auch Hinweise darauf, dass seine materialistischen und atheistischen Vorstellungen schon in den frühen Werken, so z. B. in den Pensées philosophiques (1746),[2] kenntlich werden.[3] Nachgerade lässt sich Diderots Einstellung[4] die sich auf die Erfahrung individueller Sinneseindrücke oder Wahrnehmungen bezieht, in die Kategorie des Begriffs Sensualismus einordnen.[5]
Diderot trat in seinen Spätwerken für die Popularisierung des Geistes der Aufklärung, des Atheismus und gegen den aus seiner Sicht verbreiteten Aberglauben und Bigotterie ein. Diderot und seine Mitstreiter, die philosophes, überließen in ihren Werken nicht mehr den religiösen Institutionen und verschiedensten Agenturen die alleinige Deutungs- und Interpretationshoheit über die Welt und die Wissenschaften. Somit gab es für den Glauben an übernatürliche und irrationale Kräfte im unter aufklärerischen Einfluss stehenden Europa sowie in Nord- und Südamerika weniger Raum.[6]
Im Zentrum des diderotschen Denkens stand das Spannungsfeld – und dies mag auch für andere Denker des 18. Jahrhunderts gelten – zwischen Vernunft und Sensibilität, sens et sensibilité. Vernunft zeichnete sich für Diderot durch die Suche nach wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen und der Überprüfbarkeit der empirisch beobachteten und bewiesenen Fakten aus, ohne dabei in der rein quantitativen Erfassung der Wirklichkeit, in mathematischen Aussagen, verhaftet zu bleiben. In den Jahren 1754 bis 1765 entwickelte er die Lehre von der universellen Sensibilität, sensibilité universelle.
Für Diderot war Naturwissenschaft dadurch charakterisiert, dass sie nicht nach einem Warum fragen, sondern auf die Frage nach dem Wie eine Antwort finden solle. Er beschäftigte sich mit vielen Wissensgebieten, darunter Chemie, Physik, Mathematik, vor allem aber Naturgeschichte sowie Anatomie und Medizin.
Als philosophische Position erarbeitete er sich – so zu erkennen in seinen späteren Werken – eine (undogmatische) materialistische Geisteshaltung. Obgleich Diderot kein Philosoph war, der sich mit „begründungstheoretischen“ Problemen[7] oder systematisierenden, analytischen Reflexionen beschäftigte, zählt er zu den vielfältigsten und innovativsten philosophischen Autoren des 18. Jahrhunderts.
Diderot und seine Weggefährten waren mit ihren aufklärerischen Gedanken und Publikationen gegenüber den vorherrschenden Vorstellungen im Ancien Régime häufig Repressionen ausgesetzt. Seine Erfahrungen mit der Inhaftierung im Jahr 1749 ließen ihn gegenüber weiteren Kontrollen und Überwachungen durch die verschiedenen Agenturen aufmerksam sein, obwohl ihm und den Enzyklopädisten einige Personen aus dem Kreis der Einflussreichen und Herrschenden, so Mme de Pompadour, Mätresse von Ludwig XV., und auch einige Minister, aber vor allem der Chefzensor, Censure royale Chrétien-Guillaume de Lamoignon de Malesherbes, insgeheim zur Seite standen. So war den interessierten Zeitgenossen Diderots, die ihn ausschließlich über seine Publikationen kannten, nur eine begrenzte Auswahl an EssaysRomanenDramen zugänglich, wohl aber alle seine Beiträge zur Encyclopédie. [Denis Diderot, Wikipedia]
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Emanzipation stammt von dem lateinischen emancipatio, was „Entlassung aus der väterlichen Gewalt“ oder auch die „Freilassung eines Sklaven“ bedeutet.Im 17./18. Jahrhundert erfolgte eine Bedeutungsverschiebung: Aus dem Akt des Gewährens von Selbstständigkeit wurde eine Aktion gesellschaftlicher und insbesondere politischer Selbstbefreiung (siehe auch Mündigkeit (Philosophie)). Neben die äußere tritt die innere Emanzipation: als Befreiung aus eigener Unmündigkeit und den Fesseln von Tradition, gesellschaftlichen Normen und vorgegebener Weltanschauung. Ziel emanzipatorischen Bestrebens ist ein Zugewinn an Freiheit oder Gleichheit, meist durch Kritik an Diskriminierung oder hegemonialen z. B. paternalistischen Strukturen, oder auch die Verringerung von z. B. seelischer, ökonomischer Abhängigkeit, etwa von den Eltern. Heutzutage steht der Begriff häufig synonym für die Frauenemanzipation.Oft bezeichnet Emanzipation die Befreiung von Gruppen, die aufgrund ihrer RasseEthnizitätGeschlechtKlassenzugehörigkeitusw. diskriminiert und von politischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen waren (z. B. Judenemanzipation – siehe unten – oder Katholikenemanzipation). Für diesen weiteren Begriff politischer Emanzipation hat sich im US-amerikanischen Sprachgebrauch auch die Bezeichnung empowerment (wörtl. „Ermächtigung“) durchgesetzt. [Emanzipation, Wikipedia]
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IM DIALOG - Michael Krons im Gespräch mit Karl-Heinz Dellwo [31:05]

Veröffentlicht am 08.05.2016
Die tödliche Gewalt der RAF lehne er inzwischen ab, sagt Karl-Heinz Dellwo. Er bereue seine Gewalttaten. Einen ideologischen Schlussstrich will er aber auch nicht unter das Kapitel der „Rote Armee Fraktion“ ziehen. In der Sendung Im Dialog mit Michael Krons äußert sich Dellwo zum ersten Mal seit über zehn Jahren über seine Zeit als Terrorist und Gewalt als Irrweg. Das Gespräch ist Teil des Themenschwerpunktes „Rätsel RAF-Terror“.

„Das Gespräch kam erst nach intensiven Bemühungen zustande“, sagt Moderator Michael Krons zu den Vorbereitungen des Exklusivinterviews. „Dellwo wollte eigentlich nicht mehr im Fernsehen auftreten, sah aber in unserem Dialog-Format eine Möglichkeit, die ideologischen Hintergründe der Entstehung der RAF zu kommentieren.“

Karl-Heinz Dellwo ist 22 Jahre, als er sich der Roten Armee Fraktion anschließt. Er habe sich damals überhaupt nicht vorstellen können, sich in die Gesellschaft zu integrieren, erklärt Dellwo rückblickend, er habe unbedingt außerhalb des „Systems“ bleiben wollen. Nach Tätigkeiten als Seemann und Briefträger wird er wegen Hausbesetzung in Hamburg ein Jahr inhaftiert. 1975 beteiligte sich Dellwo an der Botschaftsbesetzung in Stockholm, mit der die RAF ihre inhaftierten Mitglieder freipressen will. Die Aktion scheitert, die Botschaftsangehörigen Andreas von Mirbach und Heinz Hillegaart werden von der RAF ermordet. Die genauen Umstände der Tat sind bis heute nicht aufgeklärt. Dellwo, wegen gemeinschaftlichen Mordes und Geiselnahme zu zweimal lebenslänglich verurteilt, verbüßte eine zwanzigjährige Gefängnisstrafe. Von der damaligen Gewalt distanziert sich Karl-Heinz Dellwo später öffentlich, als links bezeichnet er sich nach wie vor. Dellwo arbeitet heute als Autor, Filmemacher und Verleger. 2010 gründet er den Laika-Verlag und ist Herausgeber der „Bibliothek des Widerstands“.

Über die Bibliothek des Widerstands [9:30]

Hochgeladen am 02.03.2011
Autorin: Heike Demmel

Dienstag, 01 März 2011
Die "Bibliothek des Widerstands" will zu Umwälzungen anregen, zu Revolten aufstacheln und die linke Geschichte ins heutige Bewusstsein rücken. In einer Kombination aus Buch und Filmen blickt sie auf soziale Kämpfe und schärft den Blick für heute.
Der US-amerikanische Weather Underground, die Revolte in Griechenland, Rebellen und Aufrührerische - das sind die Akteure in der "Bibliothek des Widerstands". Das sind Bücher und Filme, die soziale Kämpfe dokumentieren - aber durchaus auch im Hinblick auf den Widerstand heute und morgen. Heike Demmel hat sich die Reihe angesehen.
http://goo.gl/AM700
http://www.laika-verlag.de/

Karl-Heinz Dellwo spricht über die "Bibliothek des Widerstands'' [9:24]

Hochgeladen am 20.07.2010
Interview Karl-Heinz Dellwo mit http://www.weltnetz.tv/ weltnetz tv ist eine Seite für alternativen Videojournalismus mit einem interessanten und unterstützenswerten Konzept.
Karl-Heinz Dellwo spricht über ''Die Bibliothek des Widerstands''
In der „Bibliothek des Widerstands", herausgegeben im Laika-Verlag, werden 100 oder mehr Dokumentarfilme und Bücher über Kämpfe in der Welt veröffentlicht, die deren soziale Veränderung zum Ziel haben. Diese Kämpfe sollen für jeden erreichbar dokumentiert und reflektiert werden. Die Bibliothek beginnt ab Mitte der 60er-Jahre und geht bis heute fort. Sie zeigt auf, dass es Niederlagen und Rückschläge im Kampf um die soziale Befreiung der Menschen gibt, aber ebenso eine Kontinuität immer wieder neu entstehender Befreiungskämpfe.

zum politischen Hintergrund:
68er-Revolte und Ukraine-Krise: Die Identität des Westens und der Kampf um die Deutunghoheit oder Der Unterschied zwischen Pudding und Sprengstoff (27.06.2015)

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Axel Honneth (* 18. Juli 1949 in Essen) ist ein deutscher Sozialphilosoph und Direktor des Instituts für Sozialforschung (IfS) an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.
Leben
Honneth studierte 1969–1974 Philosophie, Soziologie und Germanistik in Bonn und Bochum und schloss das Studium mit einem Magister in Philosophie ab. 1977 wurde er wissenschaftlicher Assistent am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin. Dort wurde er 1983 bei Urs Jaeggi mit der Arbeit „Foucault und die Kritische Theorie“ promoviert (später unter dem Titel „Kritik der Macht“ veröffentlicht). Es folgte ab 1983 eine Anstellung als Hochschulassistent am Fachbereich Philosophie der Goethe-Universität in Frankfurt am Main sowie eine parallele Tätigkeit als „Fellow“ am Wissenschaftskolleg zu Berlin.Im Juni 1990 habilitierte sich Honneth mit der Arbeit „Kampf um Anerkennung“ am Fachbereich Philosophie in Frankfurt. 1991 erhielt er seine erste C3-Professur für Philosophie an der Universität Konstanz, nur ein Jahr später erfolgte der Ruf auf eine Professur für politische Philosophie am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin. Von September 1995 bis April 1996 war Honneth zudem Theodor-Heuss-Gastprofessor an der New School for Social Research in New York, bevor er 1996 als Professor für Philosophie an die Goethe-Universität in Frankfurt berufen wurde. Hier gehörte er auch dem Kollegium des „Instituts für Sozialforschung“ an.1999 vertrat er für einige Monate den Spinoza-Lehrstuhl am Fachbereich Philosophie der Universität von Amsterdam. Es folgte die Berufung auf den Lehrstuhl für Philosophie mit dem Schwerpunkt Sozialphilosophie an der Universität Frankfurt. 2001 wurde Honneth zum geschäftsführenden Direktor des Instituts für Sozialforschung bestellt.Seit Herbst 2011 lehrt er an der Columbia University.[1]Axel Honneth ist mit der Journalistin und Philosophin Christine Pries verheiratet. 
Forschungsschwerpunkte
Honneths Forschungsgebiet ist die Sozialphilosophie. Im Zentrum seiner Arbeiten steht eine an die Jenenser Schriften des jungen Hegel und den symbolischen Interaktionismus George Herbert Meads anknüpfende Theorie der Anerkennung, die er in seinem bekanntesten Buch, „Kampf um Anerkennung“, entfaltet. In seinem Werk „Verdinglichung“ versucht er diesen marxistischen Schlüsselbegriff anerkennungstheoretisch zu reformulieren. Ein verwandtes Thema Honneths ist, ähnlich wie bei Habermas, die Rekonstruktion der Moralität interpersoneller Beziehungen. Moralische Entwicklung setzt interpersonale Beziehungen voraus und in deren Zentrum stehen Anerkennungsbeziehungen. Unter dem Stichwort „Pathologien der Vernunft“ strebt Honneth die Vergegenwärtigung und Weiterentwicklung einer kritischen Gesellschaftstheorie im Sinne der Frankfurter Schule an. Er greift dabei explizit auf psychologische und psychoanalytische Theorien und die zeitgenössische soziologische Theorie und Sozialontologie zurück. [Axel Honneth, Wikipedia]

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Axel Honneth entwirft in seiner Aktualisierung des Sozialismus ein Konzept kommunikativer Demokratie, das eine internationale NGO umsetzen soll. Eine steht schon bereit

Mehr als 25 Jahre nach dem Zerfall des Ostblocks und damit des sogenannten realexistierenden Sozialismus zumindest in Europa muss man sich in der Tat fragen, warum zugleich mit diesem gescheiterten Projekt auch beinah die gesamte ideelle Stoßkraft des Sozialismus überhaupt verschwunden ist. Die totalitären sozialistischen Systeme scheinen die ihnen zugrunde liegende Vision dermaßen diskreditiert zu haben, dass ein ernsthaftes Wiederanschließen an diese Vision heute geradezu unmöglich geworden ist.

Dem Frankfurter Sozialphilosoph Axel Honneth reicht diese Erklärung in seinem Buch Die Idee des Sozialismus. Versuch einer Aktualisierung allerdings keineswegs aus. Er attestiert unserer Gegenwart vielmehr eine grundsätzliche Utopielosigkeit, ja eine Fetischisierung gesellschaftlicher Verhältnisse, die trotz weiter wachsender Empörung über skandalöse soziale Ungleichheiten eine radikale Veränderbarkeit dieser Verhältnisse für schlichtweg unmöglich hält. Die vielbeschworene Politik, oder besser Ideologie der Alternativlosigkeit hat hier ganze Arbeit geleistet.

Dennoch gibt es für Honneth auch dem Sozialismus selbst inherente Gründe, die seinen utopischen Kern heute noch zusätzlich anschlussunfähig gemacht haben. Ironischerweise kann man diese als ähnliche Fetischismen auffassen, nämlich zum einen ein Determinsimus zwar nicht in Bezug auf die Gegenwart, aber auf die Geschichte: der Glaube an das historisch notwendige Eintreten einer sozialistischen Revolution, oder zumindest an die zwangsläufige Selbstzerstörung des Kapitalismus. Damit zusammen hängt zum zweiten die unhinterfragte Voraussetzung des Proletariats als geschichtlichem Subjekt dieser Revolution.

Vor allem aber konstatiert Honneth eine Beschränkung der sozialistischen Vision auf den Bereich der Ökonomie, dessen radikale Umgestaltung allein auch die Gesellschaft im Ganzen verändern sollte, weil er allein auch für ihr gesamtes Übel verantwortlich sei. Alle diese Punkte, historischer Determinismus, Voraussetzung eines revolutionären Subjekts und ökonomischer Monismus bezeugen die Verhaftung des Sozialismus in ihrem historischen Entstehungskontext, dem Beginn und der ersten Hochphase der Industrialisierung.

mehr:
- Sozialphilosophie: Soziale Freiheit und kommunikative Demokratie (Tom Wohlfahrt, Le Bohémien, 25.02.2016)

Axel Honneth: Den Sozialismus zur Vollendung bringen (Sternstunde Philosophie, 17.1.2016) [58:25]

Veröffentlicht am 19.01.2016

Marx ist tot, aber der Sozialismus lebt - zumindest als Idee. Der renommierte Philosoph Axel Honneth spricht von einem unvollendeten Projekt und entwirft einen Sozialismus für die Gegenwart. Im Gespräch mit Barbara Bleisch verteidigt er seine gesellschaftskritische Vision.

Homepage Sternstunde Philosophie: http://www.srf.ch/sendungen/sternstun...
Mehr Kultur: http://www.srf.ch/kultur

BRUNO-KREISKY-PREIS FÜR DAS POLITISCHE BUCH: Axel Honneth Die Idee des Sozialismus, Suhrkamp 2015 [37:46]

Veröffentlicht am 18.04.2016

Axel Honneth und der Sozialismus – Sozialismus / Kommunismus reloaded? (04.12.2015 Kulturzeit) [28:38]

Veröffentlicht am 03.04.2016
0:00 Axel Honneth und der Sozialismus – Sozialismus reloaded?
Hat die Idee des Sozialismus ausgedient? Trotz einer wachsenden Kritik an den Auswüchsen einer ungezügelten Wirtschaft hat der Sozialismus keine Konjunktur. Wie ist das rapide Veralten dieser einst so faszinierenden Idee zu erklären? Der Soziologe Axel Honneth hat eine Neudefinition versucht. Für ihn stammt die Theorie des Sozialismus aus der Zeit des Industrialismus, deren Annahmen heute, im 21. Jahrhundert, keine Überzeugungskraft mehr besitzen. Diese müssten ersetzt werden durch Bestimmungen von Geschichte und Gesellschaft, die unserem heutigen Erfahrungsstand angemessen sind. Wenn das gelänge, könne das Vertrauen in ein Projekt zurückgewonnen werden, das nach wie vor zeitgemäß wäre und auch zum Inhalt hätte, die Wirtschaft nach Maßgabe einer solidarisch verstandenen Freiheit zu gestalten.

6:50 Polizei- und Justizwillkür in den USA
In wohl keinem anderen Land sitzen so viele Bürger im Gefängnis wie in den USA. Aktuell sind es rund 2,3 Millionen Menschen, darunter viele Kinder und Jugendliche. Der Anteil junger Schwarzer ist überproportional hoch. Die meisten haben nur pro forma einen Rechtsbeistand, werden zu maßlosen Strafen ohne Bewährung verurteilt und verbringen oft Jahre in Isolationshaft. Willkürliche Festnahmen und rassistische Vorurteile gehören in den USA zum Alltag. Bryan Stevenson, Harvard-Absolvent und Professor an der juristischen Fakultät der New York University, kämpft seit Jahren für diese Menschen. Dutzende Verfahren hat er gewonnen und viele Unschuldige vor der Vollstreckung der Todesstrafe gerettet. Im September 2015 ist sein Buch "Ohne Gnade - Polizeigewalt und Justizwillkür in den USA" erschienen.

13:10 Kinderbuchtipps

http://www.3sat.de/page/?source=/kult...

16:28 Die Singer-Songwriterin Schmieds Puls
Sie hat eine Stimme, wie man sie noch nicht gehört hat, und macht Musik, die in keine Schublade passt: Fragil und doch eindringlich hat sich die junge österreichische Singer-Songwriterin Schmieds Puls zum Shooting Star entwickelt. Mit ihrem zweiten Album hat sie diesen Ruf jetzt weiter gefestigt: Für "I Care A Little Less About Everything Now" hat die Solo-Künstlerin, die mit bürgerlichem Namen Mira Lu Kovacs heißt, eine Band gegründet. Es handelt von Verlust, von Apathie. Dabei ist Kovacs ein positiver Mensch - auch von dieser Ambivalenz handelt die Musik. Schmieds Puls ist jetzt in Österreich und Deutschland auf Tour.

21:31 Vasari - Vater der modernen Kunstgeschichte
Er ist der Vater der modernen Kunstgeschichte: der Italiener Giorgio Vasari. Er lebte im 16. Jahrhundert, war ein miserabler Maler, aber ein begnadeter Erzähler, unterhaltsames Schandmaul und ein sensibler Bildbeschreiber. Vieles, was wir über Großkünstler wie Da Vinci, Michelangelo, Raffael oder Tizian wissen, verdanken wir ihm. Jetzt liegen seine Schriften über die Kunst in neuer Übersetzung vor: 45 Bände, fast 9000 Seiten - ein eigener Kontinent in der Welt der Kunst.

26:54 Musik: Rock the Classic - Eluveitie

https://www.youtube.com/watch?v=P7gsF...
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Dienstag, 4. Mai 2010

Rot ist die Liebe …aber nur am Anfang

Rot ist die Liebe ... vor allem am Anfang der Liebesbeziehung, wenn die Natur auf ihr Recht pocht, sich zu vervielfältigen.

Lavaströme der Leidenschaft drängen alle trennenden Einwände zur Seite. Keine Ängste und Zweifel können die aufgeregten Gefühle mehr in Zaum halten. „Du bist der Wahnsinn!“ und „Ich werde Dich für immer lieben!“ beherrschen unsere Gedankenwelt. Kontrolle hat Urlaub, Hoffnung durchtränkt die Luft, selbstständiges Atmen fällt schwer.

Leider führen diese Frühlingsgefühle sehr unliebsame Überraschungen im Schlepptau mit. Dann heißt es plötzlich, meist freundlich, aber immer bestimmt: „Du gehörst mir!“ Und wenn die Fesseln stramm genug sitzen: „Ich liebe dich nur, wenn du machst, was ich will!“ – in allen Variationen. Werden die Forderungen nicht zufriedenstellend erfüllt, schickt die Finsternis ihre Kreaturen in die Arena – Eifersucht und Lüge, Neid und Gier, Gewalt, Hass, Kälte. Sie sollen die Schulden eintreiben. Oft tragen sie Tarnmäntel, kommen besonders aufopfernd, höflich, bescheiden und fürsorglich daher, doch in Wirklichkeit machen sie mit ihrem Eifer alle Freiheit und Würde kaputt. Zurück bleiben Abhängigkeit, Zwietracht und vergiftete Herzen. Im Namen der Liebe: Gefangenschaft im Ich und Du! Und dabei sehnt sich doch jeder nur nach wahrer Liebe!

Wahre Liebe ist anders: Alle Herzen schlagen höher bei ihrem Anblick. Durch ihre heilenden Zauberkräfte findet alles Zerrissene wieder zusammen. Weich und mitfühlend, mit anmutiger Hand, fängt sie uns auf.

Die Uhr steht still. Kindertränen trocknen. Kein „Ich“ und kein „Du“ mehr, alles ergibt einen Sinn: Die Einheit ist da. Sie ist ein Mysterium. Sie ist unglaublich zart und zugleich unglaublich stark. Schon kleinste Grobheiten verletzen sie tief. Andererseits zögert sie nie, auch schlimmste Qualen mit einem Lächeln auf sich zu nehmen, wenn es nicht anders geht. Sie sagt immer Ja zum Leben und doch macht ihr der Tod nichts aus.

Die Wissenschaft kann sie nicht nachweisen, denn sie geht über unseren Verstand hinaus. Trotz aller Anstrengungen lässt sie sich weder herbeizitieren noch verjagen. Im Gegenteil – je mehr man macht und tut, umso entfernter scheint sie zu sein.

Was SIE will, ist Gesetz! Ein unerbittlicher Lehrmeister, der nichts durchgehen lässt und uns mit Engelsgeduld darauf vorbereitet, uns in aller Unschuld dem Göttlichen zu ergeben.

Osho: „Ihr müsst erst den Zustand des meditativen Wartenkönnens erlernen. Dann ist Liebe keine Leidenschaft, kein Verlangen. Dann ist Liebe nicht sexuell; dann ist Liebe das Gefühl zweier Herzen, die im gleichen Rhythmus schlagen. Da geht es nicht um schöne Gesichter oder schöne Körper, sondern um etwas ganz Tiefes ... nämlich um Harmonie.“ Und: „Was höher ist als der Mensch, geschieht immer von selber, ist für euch außer Reichweite. Da seid ihr nur die Empfangenden, da braucht ihr nur offen und empfänglich zu sein – der Existenz dankbar.“
Editorial der Osho-Times Mai 2010

Sonntag, 4. April 2010

Vor 100 Jahren – 1910: Sigmund Freud, Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci

Nur wenige Texte von Sigmund Freud haben vergleichbar heftige Kontroversen ausgelöst wie seine Studie zu Leonardo da Vinci. Um zu verstehen, wie Freud zu seinem Urteil gelangt, muss man sich noch einmal Freuds Argumentation vergegenwärtigen und sich fragen, welches wissenschaftliche und persönliche Interesse er in seiner Studie verfolgte.
mehr:
- Sigmund Freuds Studie «Eine Kindheitserinnerung des da Vinci»: Brillant misslungen (Manfred Clemenz, Neue Zürcher Zeitung, 26.07.2008)

- Sigmund Freud: Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci - Kapitel 1 
(Projekt Gutenberg)

siehe auch:
- Freud Selbstportrait als Leonardo da Vinci – Eine moderne Variante der „Legende vom Künstler“ (Andreas Hauser, Archiv Uni Heidelberg, 2006, PDF)

Montag, 29. März 2010

Schöne Bescherung

Natürlich lieben wir sie.
Irgendwie. Die Eltern, die Geschwister, Onkel und Tanten und auch die Oma aus Kiel, kurz: die Familie. Und doch fürchten wir uns ein wenig vor jedem Treffen, wie jetzt zu Weihnachten. Warum bloß? Therapeuten jedenfalls raten zu „resignativer Reife“

Text STEFANIE ROSENKRANZ Illustrationen GERHARD HADERER

Längst sind die Strohsterne gebügelt, und die Gans aus Polen ruht auf dem eisigen Grunde der Tiefkühltruhe. Weihnachten steht vor der Tür, und nicht wenige Menschen werden wieder „im Kreise ihrer Lieben” feiern, wie es so schön heißt.

Aber sind die Lieben wirklich so lieb?

Denken wir uns einfach irgendeine Familie, und nennen wir sie Sturm. Sagen wir mal, dass sie in Bremen wohnt. Jedes Mal wenn die 36jährige Bankerin Anna am 26. Dezember ihr Elternhaus an der Weser verlässt, um zurück nach Frankfurt zu fahren, schwört sie sich: „Nie wieder!” Sie träumt von Mauritius, S
üdafrika, einer einsamen Skihütte in den Dolomiten – und landet doch wieder unterm Christbaum in Bremen. Denn jedes Mal wenn ihre Mutter sie Mitte November anruft, um zu fragen, ob sie kommt, lässt sie sich breitschlagen.

Weihnachten bei den Sturms funktioniert so: Die verwitwete Großmutter mütterlicherseits kommt schon am 1. Dezember bei ihrer Tochter an, weil sie findet, dass Reisen, die unter vier Wochen dauern, sich nicht lohnen. Am 23. erscheint Annas drei Jahre ältere Schwester Christine mit ihrem Mann und drei Söhnen und wird von der Oma mit den Worten begrüßt: „Gott, wie siehst du denn schon wieder aus!“ Zu diesem Zeitpunkt ist Annas Mutter bereits ein Wrack und ihr Vater längst in den Hobbykeller umgezogen, wo er ununterbrochen Eurosport guckt.

Annas Vater, Rechtsanwalt von Beruf, stammt aus Köln. Wenn seine Schwiegermutter ihn sieht, sagt sie immer: „Ach, hier kommt ja die rheinische Frohnatur!“ Nach 25 Jahren kann er das nicht mehr ertragen; jetzt tut er zu Weihnachten einfach so, als wäre er nicht da. Kaum ist Christine angekommen, verdrückt sich auch deren Mann Jan in den Hobbykeller. Er ist Kunstschreiner und wird von der Großmutter nur „der Tischler“ genannt.

Am 24. Dezember trudelt dann noch Onkel Wilfried ein, der jüngere Bruder von Annas Mutter und absoluter Star der Oma. Er ist Arzt, lebt in Bayern und ist perfekt, wenn da nicht Tante Anneliese wäre, seine bildschöne Frau, von ihrer Schwiegermutter indes nur „die Metzgertochter“ genannt. Von sich selbst sagt sie, sie sei „Ökotrophologin“. Die Oma dagegen knurrt: „Sie hat nur ein Puddingabitur, und danach hat sie Bügeln studiert. Der arme Wilfried!“

Irgendwann kommt dann auch Anna an, zusammen mit ihrem indischen Mann Atal, der Investmentbanker ist, und der fünfjährigen Tochter Kanika. Zu ihrer Enkelin sagt die Großmutter: „Du hast aber ganz schön zugelegt.“ Zu ihrer Urenkelin sagt sie. „Du bist aber groß geworden, Hanuta!“ Worauf die sagt: „Ich heiße Kanika.“ – „Kaninchen, Kanuta, hätten deine Eltern dir nicht irgendeinen normalen Namen geben können?“ Dann erblickt sie Atal und ist glücklich. Überraschenderweise liebt sie Annas Mann, und er liebt sie, was vermutlich daran liegt, dass er nur die Hälfte dessen versteht, was sie sagt.

Sind erst einmal alle da, beginnt eine Art Bosnienkrieg im Wohnzimmer. Von außen betrachtet, ist alles wunderbar: Mit Hingabe werden Weihnachtslieder gesungen, zuvorderst natürlich „0 du fröhliche” und zum Schluss „Alle Jahre wieder“. Atal und Jan spielen Christkind und zünden die Kerzen an. Dann gibt es einen kurzen Moment der wahren Freude: Bescherung. Die Tür geht auf, und alle sind glücklich. Doch schon wenige Minuten später verwandelt sich die Großmutter in Radovan Karadžić. Der Rest der Familie teilt sich zu etwa gleichen Teilen in verfolgte Bosnier und UNBlauhelmtruppen.

Oma: „Wer hat mir diesen grässlichen Beutel geschenkt?“ Onkel Wilfried: „Den hat Anneliese ausgesucht.“ Anneliese: „Es ist eine Reisetasche von Mulberry aus echtem Leder!“ Oma: „Danke, Anneliese, ich mag leider kein Schwarz. Aber macht nichts, mit der kann meine Putzfrau die leeren Flaschen zum Container tragen.“

Annas und Christines Vater eröffnet einen Nebenkriegsschauplatz. Mit Blick auf die Nintendos, die die Enkelsöhne bekommen haben, merkt er an: „Ich will ja nichts sagen, aber lesen eure Kinder eigentlich nie ein Buch?“ Christine: „Wir sind eben kein Akademikerhaushalt.“ Ihr Vater: „Was soll das denn jetzt heißen?“ – „Ja, wer wollte denn, dass ich Krankengymnastin werde?“ – Wir haben dich nie zu etwas gezwungen!“ – „Nein, das nicht. Aber Anna durfte BWL studieren! Und außerdem gucken wir nicht den ganzen Tag Eurosport!“

Familie ist neben der Religion die einzige gesellschaftlich sanktionierte Form von Wahnsinn

Da grätscht Oma wieder rein: „Schaut, was ich von Adrian bekommen habe!“ Adrian ist der schwule Sohn von Wilfried und Anneliese und Omas Lieblingsenkel, der sich aber schon seit Jahren bei Familienfeiern nicht mehr blicken lässt. Die Großmutter schwenkt ekstatisch ein Taschenbuch mit dem Titel „Fulda-Werra-Rhön: Radwandern im Herzen Deutschlands“ und sagt gerührt: „Der gute Junge!" Wilfried, der sich von seinem Sohn wegen dessen sexueller Orientierung längst abgewandt hat, fragt: „ Seit wann fährst du Rad? Das hat er sicher irgendwo im Ramsch gekauft.“ Oma: „Und was hast du mir geschenkt?“ Wilfried. „,Small World’ von Martin Suter.“ Anna: „Das ist ein tolles Buch, ein Krimi über Alzheimer.“ Oma, mit bebender Stimme: „Ein Buch über Alzheimer? In meinem Alter? Ist euch denn gar nichts heilig? Das hat sicher Anneliese ausgesucht!“

Worauf Wilfried abzieht, Annas Vater im Schlepptau, Eurosport gucken, und Anneliese in die Küche geht, um in die Spüle hineinzuweinen. Christine zu Anna: „Omas Beerdigung wird klasse.“ Annas Mutter: „Jetzt haltet aber an euch, Kinder! Gleich gibt es die Gans. Lasst uns alle noch mal den Baum anschauen. Ist er nicht wunderschön?“

Zugegeben: Nicht alle fallen zur Bescherung so übereinander her wie die Sturms. Und es geht in Familien zum Glück selten so dramatisch zu wie im mäßig glücklichen griechischen Götterhaushalt von Kronos und Rhea: Die gebar ihrem Gatten fünf Kinder, die Kronos gleich nach der Geburt verschlang. Das sechste war ein Sohn namens Zeus, der von seiner Mutter versteckt wurde, überlebte und seinen Vater entmachtete, indem er ihn für alle Ewigkeit verbannte. Immerhin entmannte er ihn nicht mit einer Sichel, so wie es Kronos einst mit Zeus’ Großvater Uranus getan hatte.

Auch kommen die wenigsten auf die Idee, ihren nervtötenden jüngeren Bruder einfach zu erschlagen; dieses unerfreuliche Schicksal ereilte Abel, der von Kain aus Eifersucht beiseitegeschafft wurde. Und doch sind viele Geschwister lebenslänglich Rivalen, einander in inniger Hassliebe verbunden. Wer zuerst geboren wird, empfindet häufig wie der verstorbene schwedische Regisseur Ingmar Bergman: „Ich bin vier Jahre alt, und eine fette, missgestaltete Person spielt plötzlich die Hauptrolle“, erinnerte er sich in seinen Memoiren an die Geburt seiner Schwester. Anschließend habe er lange darüber nachgedacht, „wie man das abscheuliche Geschöpf auf verschiedene Weisen umbringen kann“.

Wer zuletzt kommt, dem kann es hingegen wie dem 47jährigen Rechtsanwalt Sven ergehen, dessen drei Jahre älterer Bruder Ingenieur ist. „Ich konnte meine Eltern nie überraschen, sie haben bei allem, was ich tat, eigentlich immer nur gegähnt. Ich machte Abitur, mein Bruder hatte ein besseres Abitur gemacht. Ich fuhr nach Thailand, er war inzwischen in Grönland gewesen. Ich wohnte in einer WG in Tübingen, er hatte in einer Kommune in Kalifornien gelebt. Jetzt bin ich Partner in einer riesigen Kanzlei und verdiene viel mehr Geld als mein Bruder. Der sagt trotzdem zu mir: ‚Na, Kleiner?’ Und mein Vater findet nach wie vor: ‚Nimm dir ein Beispiel an ihm!’“ Und wen das Schicksal in die Mitte verbannt hat, der glaubt manchmal bis ins hohe Alter, er komme grundsätzlich zu kurz.

Auch das Verhältnis zu den Großeltern ist nicht immer von inniger Zuneigung geprägt. Manche von uns, etwa diejenigen, die gerade Opas 75. Geburtstag hinter sich haben, können nur froh sein, dass der nicht so reich ist wie weiland der amerikanische Öl-Tycoon Jean Paul Getty, sodass niemand sie entführen möchte. Als Gettys Enkel 1973 in Rom gekidnappt wurde, weigerte sich der Patriarch zunächst, das Lösegeld zu zahlen. Erst als Monate später ein Umschlag mit dem Ohr des 16-Jährigen bei einer italienischen Tageszeitung eintraf und die Entführer damit drohten, auch den Rest des Teenagers portioniert hinterherzuschicken, lieh der geizige Senior seinem Sohn die Millionen und verlangte dafür vier Prozent Zinsen.

Leider geht es in den wenigsten Familien zu wie in „Unserer kleinen Farm“, nämlich allzeit gottesfürchtig und harmonisch. Natürlich lieben wir unsere Eltern und Geschwister irgendwie, und manchmal auch Oma Adelheid, trotz ihres schrecklichen Geruchs, und sogar Onkel Justus, obwohl der in seiner Freizeit den Schiefen Turm von Pisa aus Streichhölzern zusammenklebt. Doch zugleich ist fast jede Mischpoke auch eine Brutstätte des Irrsinns und neben der Religion die einzige gesellschaftlich sanktionierte Form von Wahnsinn.

Da geraten Sitzordnungen bei Hochzeiten zu diplomatischen Hochseilakten, die nicht immer gelingen. „Sie heißen also Maik“, fragt Tante Hiltraut ihren Tischherrn. „Dann kommen Sie sicher aus dem Osten und sind mit dem Bräutigam verwandt. Denn das ist ein Name, den man bei uns gar nicht kennt. Waren Sie bei der Stasi?“ Später, nach Maiks spurlosem Verschwinden, sagt sie gekränkt: „Man wird doch wohl noch fragen dürfen!“

Manchmal entfallen die Trauungen auch ganz, aus familienpsychologischen Gründen. „Das letzte Mal, dass ich meine Eltern zusammen gesehen habe, war an dem Abend vor 25 Jahren, als mein Vater das Ehebett zersägte“, erzählt der 37-jährige Jochen. „Ich glaube, die Angst, dass sich das wiederholen könnte, hält mich davon ab, meine Freundin zu heiraten.“ Seine Furcht ist nicht unberechtigt. Denn die Familie ist die Matrix unserer Identität, und durch das, was Wissenschaftler „Transmission“ und „Delegation“ nennen, gibt eine Generation Verhaltensmuster und Wertvorstellungen an die nächste weiter, und seien sie noch so zerstörerisch oder spießig. Oder sie delegiert unbewusst Aufträge an die Sprösslinge, die dann gewissermaßen fremdbestimmt sind. Sie sollen Erwartungen und Wünsche ihrer Eltern erfüllen, die diese nicht verwirklichen konnten, und fechten manchmal ein Leben lang Kämpfe aus, die gar nicht die ihren sind.

Familien sind bizarre Gebilde, bei denen selbst freudige Ereignisse wie die Geburt des ersten Enkelkindes zur Härteprüfung werden können. „Ich habe bis zum vierten Monat gewartet, um meiner Mutter zu sagen, dass ich schwanger bin“, sagt Katrin. Deren Reaktion übertraf noch ihre schlimmsten Erwartungen: „Nach der Geburt komme ich!“, jubelte sie. „Am besten gleich für einen Monat! Denn du brauchst dann Hilfe und Schonung!“

Den Rest ihrer Schwangerschaft verbrachte Katrin damit, darüber zu grübeln, wie sie ihrer alleinstehenden Mutter ans Herz legen könnte, möglichst nur ganz kurz zu kommen ohne ihr dabei allzu wehzutun. „Sie hat ja nur mich. Als ich sie dann endlich angerufen habe, hatte ich fast schon Wehen. ‚Eine Woche reicht völlig aus, Mama.’ – ‚Wenn du meinst’, sagte sie und legte beleidigt auf.“

24 Stunden später brachte Katrin einen kleinen Jungen zur Welt, und kurz darauf saß nicht nur ihre überängstliche Mutter neben dem Stubenwagen, sondern auch die Schwiegermutter, eine naturverbundene Anthroposophin. Wenn das Baby länger als zehn Minuten schrie, sagte die eine: „Ich glaube, du solltest jetzt doch in die Notaufnahme fahren.“ Darauf die andere: „Papperlapapp, das sind nur Blähungen. Ich habe vier Kinder zur Welt gebracht. Gib mal her, wir massieren dem kleinen Kerl jetzt ganz sanft den Rücken.“ Der schrie daraufhin noch mehr. Die eine: „Wenigstens solltest du im Kinderkrankenhaus anrufen!“ Die andere: „Ich glaube, du legst ihn nicht richtig an.“ Die eine: „Vielleicht ist ihm kalt?“ Die andere: „Unsinn, er ist viel zu warm angezogen.“ Nach zwei Tagen war Katrin bereit, Mann und Sohn zu verlassen, nur um den Furien zu entkommen, die es beide schrecklich gut mit ihr meinten.

Auch Testamentseröffnungen können einen im Nu über das Ableben des gerade noch geliebten Verstorbenen hinwegtrösten. Selbst der größte Umweltschützer ist tief beleidigt, wenn er erfährt, dass Erbonkel Alfred sein gesamtes Anlagevermögen Greenpeace hinterlassen hat, das Haus auf Sardinien der kleinen Schwester und die drei Mietshäuser in Düsseldorf dem Cousin aus Jena, während man selbst nur mit seiner Briefmarkensammlung sowie 71 zerfledderten Bänden von Karl May bedacht wurde.

Gleichwohl wird die eigentümliche Gruppe von Menschen, durch die, mit der und in der wir alle gediehen sind, bei jeder Gelegenheit beweihräuchert und emotional überfrachtet. Das war nicht immer so. Das Wort „Familie“ stammt aus dem Lateinischen, bedeutet „Hausgemeinschaft“ und wurde abgeleitet von „famulus“, zu Deutsch „der Haussklave“. Gemeint war mit der „familia“ schlicht der gesamte Besitz eines Mannes: sein Weib, seine Sprösslinge, seine Sklaven, seine Freigelassenen, sein Vieh.

Auch später war die Familie hauptsächlich ein ökonomischer Bund fürs Leben, in dem Eltern ihre Kinder großzogen und im Gegenzug später von ihnen versorgt wurden. In vielen Kulturen ist sie das noch immer. Doch mit dem Aufstieg des Bürgertums wurde sie in der westlichen Welt ab Ende des 18. Jahrhunderts zusehends zu einer Gefühlseinheit verklärt: Vater, Mutter und Kinder sollten ab jetzt nicht nur in einer funktionierenden Arbeitsgemeinschaft die Aufzucht von Nachkommen und die Vermehrung des Vermögens gewährleisten, sondern einander auch Wärme, Wohlgefühl, Geborgenheit, Harmonie und insbesondere Glück geben. Dass dies nicht immer klappt, wissen wir von Familie Ewing aus Dallas, von Familie Mann aus Lübeck, von Familie Feuerstein aus der Steinzeit, von Familie Windsor aus London, von Familie Duck aus Entenhausen. Und aus eigener Erfahrung.

Und doch: Ob Klopapier, Nudeln, Tütensuppen oder Waschpulver, sie kommen in Werbefilmen allesamt nicht ohne glückliche Familien aus, die zumeist aus zwei allerliebsten Kindern – sportlich und zugleich musisch, draufgängerisch, aber auch nachdenklich – nebst einem knuddeligen Labrador bestehen. Aufs Possierlichste tollen die in Wohnstätten herum, die das Beste von Villa Kunterbunt und edlen Lofts vereinen, während ihre entzückenden Väter und Mütter und ihre silberhaarigen Großeltern sich liebevoll ihrer Aufzucht widmen und dabei Berge von Klopapier, Nudeln, Tütensuppen, Autos oder Waschpulver verbrauchen.

Die Familie steht gewissermaßen unter Artenschutz, nämlich laut Artikel sechs des Grundgesetzes „unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung“. Sie sei „die Keimzelle der Gesellschaft“, so lernt man es in der Schule. Und wenn man gerade einen Urlaub mit Eltern und Schwiegereltern hinter sich hat – „Sie gehen also regelmäßig kegeln? Wie interessant. Also wir spielen da lieber Bridge! Und was lesen Sie da? Rosamunde Pilcher? Ja, ich habe von ihr gehört. Ich lese gerade ‚Dreams from My Father’ von Barack Obama, ein faszinierendes Buch, ich würde es Ihnen gerne leihen, aber es ist leider auf Englisch, das verstehen Sie ja nicht so gut, oder?“ –, wundert einen der betrübliche Zustand der Gesellschaft überhaupt nicht mehr.

Das Wort „Familie ist abgeleitet von „famulus“, „Haussklave“

Hartz IV? Nahost-Konflikt? Afghanistan? Darfur? Klimawandel? Schuld an allem kann nur die Familie haben. Man ist geradezu geneigt, Marxist zu werden und für ihre Aufhebung zu plädieren.

Doch sämtliche dahin gehende Versuche sind bislang gescheitert. Selbst im Kibbuz wurde die Erziehung im Kollektiv längst abgeschafft; seither können sich dort nicht nur jeden Freitagabend alle Familienmitglieder rund um Hühnersuppe und Gefilte Fisch gegenseitig vorwerfen, dass sie einander das Leben ruiniert hätten, sondern täglich.

„Alle Familien und Ehen haben einen unlösbaren Konflikt, nämlich den zwischen Freiheit und Gebundenheit, zwischen Selbstständigkeit und dem Wunsch nach Geborgenheit“, sagt der Psychologe und Paartherapeut Arnold Retzer*, der das Systemische Institut in Heidelberg leitet. „Wenn man ihn lösen will, kann man Probleme bekommen.“ Er plädiert für mehr Vernunft. „Vernunft ist, wenn man trotzdem denkt und unlösbare Dinge in einer Beziehung weglässt. Dazu gehören etwa die Vorstellung von der Herstellbarkeit des Glücks und die Idee, dass alle Probleme lösbar wären. Denn am Ende ist der Versuch, ein unlösbares Problem zu lösen, ein größeres Problem als das Problem an sich.“

Retzer empfiehlt: „Pfeifen Sie auf das Glück! Genießen Sie stattdessen den großen Bereich der Banalität des Guten, der zwischen Glück und Unglück liegt!“ Und verweist darauf, dass die Lage „so schlecht nicht ist“.

Zwar beschleicht einen angesichts von weltweit über hundert Fachzeitschriften zum Thema „Familie“ und einem planetaren Heer von Therapeuten, die sich ausschließlich um sie kümmern, das Gefühl, dass die schlichte biologische Tatsache, dass alle Menschen eine Mutter und einen Vater haben, längst ein Fall für die geschlossene Abteilung geworden ist.

Indes, der Patient lebt, die Leute heiraten und bekommen Kinder. „60 Prozent aller erwachsenen Deutschen leben in einer Ehe, und 70 Prozent sind mit ihr sogar zufrieden, und das oft schon seit Jahrzehnten“, so Retzer. Natürlich werde die Familie einerseits „hoffnungslos überbewertet in der Vorstellung, dass in ihr Gleichheit, Gerechtigkeit und Glück herrschen müssen“. Zugleich aber „ist sie bis auf Weiteres der Ort, wo man das bekommt, was man nirgendwo sonst erhält, nämlich Zusammensein, Konstanz und Verlässlichkeit, und zwar zeitlich unbegrenzt. Zur Familie gibt es keine Alternative.“ Um sie zu genießen, sei allerdings „resignative Reife“ gefordert.

Von der sind die meisten von uns leider Lichtjahre entfernt. Da können wir Physik, Theologie oder Rechtswissenschaften studiert haben – unsere Verwandten können uns in Windeseile in Vollidioten transformieren. Nirgendwo bleibt der gesunde Menschenverstand so schnell auf der Strecke wie innerhalb des „engsten sozialen Nahraums“, wie Fachleute die Familie nennen. Und zwar zugunsten der Bescheuertheit.

Über die Familie schreibt der Soziologe Rainer Paris in einem so wunderbaren wie hochwissenschaftlichen Essay im „Merkur“, eines ihrer Grundelemente seien Beziehungsfallen, in denen jede mögliche Reaktion negativ sanktioniert wird und der Betroffene die Zwickmühle weder durch Metakommunikation noch durch Verlassen des Handlungsfeldes auflösen kann“. Ein Beispiel hierfür sei die Schwiegermutter, die der Frau ihres Sohnes zum Geburtstag zwei Pullover schenkt. Als sie sich einige Wochen später erneut zu Besuch ankündigt, zieht die Schwiegertochter einen davon an. Noch vor der Begrüßung herrscht die Schwiegermutter sie an: „Der andere gefällt dir wohl nicht!“

Diese Art von „Double-Bind-Kommunikation“ – egal, was man macht, es ist grundfalsch – „kommt in Familien häufiger vor, als man denkt“, so Manfred Cierpka, Psychiater und Ärztlicher Direktor des Instituts für psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie am Universitätsklinikum Heidelberg.

„Die Vorstellung, dass man es dem anderen nie recht machen kann, führt manchmal dazu, dass man geradezu meschugge wird“, sagt er. „Denn das Beziehungssystem, in dem wir aufwachsen, wird ein Teil von uns, und diese Erfahrungen führen auch zu neuronalen Verknüpfungen im Gehirn. Wir sind gewissermaßen verschaltet.“ Die Familie bestehe aus „primären Bindungspersonen. Sie ist das Netz, das einen trägt, sie gibt einem Sicherheit und Schutz, sie erlaubt Regression, das heißt, dass man sich auch mal gehen lassen kann. Und auch wenn sie einen nicht trägt, hofft man ein Leben lang, dass sich das ändern könnte.“

Da hoffen viele vergebens. Anna Sturm wird dieses Jahr wieder nach Bremen fahren. Das Weihnachtsgeschenk für ihre Großmutter hat sie schon gekauft, „Der Pate“, auf DVD, Teil eins bis drei. Die Corleones lösen ihre Familienprobleme sizilianisch, am Ende sind die Reihen gelichtet.

Mitarbeit: Takis Würger

*Arnold Retzer: „Lob der Vernunftehe“, S. Fischer Verlag, 304 Seiten. 18,95 Euro
aus dem Stern Nr. 52, 17.12.2009