Freitag, 27. Juni 2014

Christliche »Nabelschau« und Zen

[…] Lange Zeit unterstand der Athos der türkischen Regierung, aber obwohl diese mohammedanisch ist, hat sie das Mönchsleben nie gestört, sondern sogar protegiert. […]. 

Da es oft lange dauert, bis man die Erlaubnis vom Patriarchen auf schriftlichem Wege bekommt, flog ich (am 8. Juli 1962) von Rom direkt nach Konstantinopel und suchte die Residenz des Patriarchen auf. Ich fand dort großes Entgegenkommen und erhielt die Erlaubnis noch am selben Tage. Der Besuch dort hat sich auch noch aus einem anderen Grunde gelohnt, insofern nämlich, als ich dort den Metropolit Konstantinidis kennenlernte und von ihm wertvolle Informationen für den Besuch auf dem Athos erhielt. Der Metropolit hat übrigens, trotz seiner Zugehörigkeit zur orthodoxen Kirche, in Rom am Päpstlichen Orientalischen Institut studiert und hat deswegen auch gegenüber der katholischen Kirche eine weitherzige Einstellung. Ich sagte ihm, daß es mir bei meinem Besuch auf dem Athos besonders daran liege das »Jesus-Gebet«, auch »Hesychasmus« genannt, besser kennenzulernen, weil es mich wegen gewisser Ähnlichkeiten mit den ostasiatischen Meditationsmethoden, Yoga und Zen, interessiere. 

Bekanntlich besteht jene Gebetsweise darin, daß man bei jedem Atemzug den Namen Jesu anruft. Genaueres darüber wollte ich nachher aus dem Munde der Hesychasten selbst hören. Es wäre mir am liebsten gewesen, eine praktische Einführung in das Gebet zu bekommen, um seine Wirkungen aus Erfahrung kennen zulernen. Aber schon in Konstantinopel sagte man mir, daß der Erfolg dieses Experiments von der Körperbeschaffenheit des einzelnen abhinge und wenigstens 6 Wochen in Anspruch nähme, da diese Zeit notwendig sein, um mit dem geistlichen Führer eine innere Beziehung herzustellen. Es blieb mir daher nichts übrig, für dieses Mal auf das Experiment zu verzichten. 

Am Morgen des 15. Juli bestiegen wir das Schifflein in Ierissos, das uns zum Ziel unserer Reise bringen sollte. 

Blicken wir zusammenfassend zurück auf alles, was wir in mehrtägigen Gesprächen über den Hesychasmus gehört haben, so können wir uns fragen, ob diese Gebetsweise eine Beziehung zu den östlichen Meditationsmethoden, zu Yoga bzw. Zen, hat. Wenn man die Gebetstechnik, zumal die Verbindung zwischen Gebet und Atmung vergleicht, so sind gewisse Ähnlichkeiten nicht zu verkennen. Das Jesusgebet geschieht in der Weise, daß beim Einatmen der Name Jesu, nämlich »Jesus Christus, Sohn und Wort des lebendigen Gottes und Maria's« und beim Ausatmen »Erbarme dich meiner, des Sünders« gesprochen wird. Das Denken (den Geist) aus dem Kopf in das Herz verlegen, schließt notwendig ein, daß man das diskursive Denken ganz aufgibt; denn das ist nach unserer menschlichen Vorstellung nur im Kopf möglich. In Yoga und Zen wird großer Wert auf das richtige Atmen gelegt. Auch dort soll man die Gedanken aus dem Kopf nach unten verlegen, freilich nicht in das Herz sondern in den Unterleib unterhalb dies Nabels. Es scheint, daß man ursprünglich auch auf dem Athos sich auf diese Stelle des Körpers konzentriert hat und diese Technik Nabelbeschauung (von daher der griech. Name: Hesychasmus) nannte. Da ist freilich längst ein Wandel eingetreten. Man sagte mir ausdrücklich, dass die Nadelbefall »nicht mehr« gemacht würde. Es dürfte nicht leicht sein festzustellen, wann diese Umstellung stattgefunden hat. 

(siehe dazu: Nabelschau, Hesychasmusstreit, Wikipedia)

Sicher ist gegenwärtig ein großer Unterschied in dieser Beziehung vorhanden. Denn jetzt kommt es beim Jesus Gebet für die Anfänger darauf an, den »Ort des Herzens« zu finden, während es in Yoga und Zen darauf ankommt, den Ort des »Hara« zu finden im Sinne des Schwerpunktes im Körper. Von den Hesychasten wird, wie ich in mehreren Gesprächen gehört habe, behauptet, dass schließlich das Herz selbst das Jesusgebet spricht, und zwar ununterbrochen bei Tag und bei Nacht, so dass man vom Hinhorchen auf das Herz reden kann. Was die Kontinuität betrifft, so finden wir, wenn man vom Inhalt des Gebietes absieht, eine Parallele im Zen. Es gibt dort z.B. das Koan »Mu«, bei denen in bestimmte Verbindung mit dem Atem das »Mu« (= Nichts) beständig wiederholt wird. Erfahrenen Zenmeister aber wissen, dass diese Übung mit dem Mu Tag und Nacht, und selbst im Schlafe fortgesetzt werden kann. Die Tatsache, dass man manchmal meint, Ikonen zu sehen bei der Übung des Hesychasmus, hat seine genaue Parallele in Yoga und Zen. In Hesychasmus nennt man das Teufelswerk, im Zen »Makyō« d.h. Teufelswelt. Beide lehren, dass man sich nicht auf solche »Visionen« einlassen darf. 
[Quelle: Kyani Akti]
Für unsere Frage ist auch die Geschichte des Jesusgebetes sehr wichtig. Darüber ist bereits viel studiert und auch geschrieben worden. Um nur einiges anzuführen von den Ergebnissen dieser Forschungen: Es steht fest, daß die Ursprünge dieses Gebetes, was den psychisch-physischen Teil betrifft, sich bereits bei den »Vätern in der Wüste« des 4. und 5. Jahrhunderts nachweisen lassen. Sobald die Anrufung des Namens Jesu hinzukam, war das Jesusgebet geschaffen. Das geschah spätestens zur Zeit des Johannes Klimakus († 649); denn dieser hat dieses Gebet bereits propagiert. Es wurde viel geübt von den Mönchen auf dem Sinai. Von dort kam es durch Gregorius Sinaita (1346) zum Athos, wo es weiter entwickelt wurde. Die Frage ist also, ob die Väter in der Wüste den psychophysischen Teil dieses Gebetes von Vertretern des Yoga oder Zen direkt oder indirekt übernommen haben, oder ob diese Technik auf einer allgemeinen religiösen Erfahrung der Menschheit beruht. Vieles spricht für das Erstere, aber ein zwingender historischer Beweis liegt meines Wissens nicht vor. 
Kloster Simonos Petras [Quelle: Constantine Alexander’s Blog]
Eine weitere Frage, die uns in diesem Zusammenhang interessieren könnte, ist, ob das Taborlicht, von dem traditionsgemäß einer der Einsiedler sprach, mit der Erleuchtung von Yoga und Zen zusammenfällt. Es ist wohl anzunehmen, daß weit fortgeschrittene Hesychasten eine der Erleuchtung ähnliche innere Erfahrung haben. Aber damit ist noch nicht alles verwirklicht, was mit dem Taborlicht gemeint ist. Es heißt darüber: »Die Gnade des hl. Geistes ist ein Licht, das den Menschen durchleuchtet. So erscheint denn die Gnade des Allerheiligsten Geistes im unbeschreiblichen Licht allen denen, denen Gott ihr Wirken offenbart«. Mit anderen Worten: Die Gnade des hl. Geistes erhält der Christ in der Taufe. Aber sie ist etwas Geistiges und normalerweise nicht sichtbar. Wenn sie jedoch mehr und mehr wächst und den Menschen ganz durchdringt, dann wirkt sie auch auf den Körper ein und macht ihn schließlich leuchtend. Es ist sozusagen eine Vorwegnahme der Verklärung, wie sie nach christlicher Lehre den Leibern der Gerechten nach der Auferstehung von den Toten zukommt. 
Mount Athos [Quelle: allnumissiehe auch: 
Heiliger Berg, Heilige Berge in verschiedenen Regionen, Europa, (Wikipedia)]

Text aus: Hugo M. Enomiya-Lassalle, Mein Weg zum Zen, Kap. V – Zen für Christen – Besuch auf dem Athos, 1962, S. 92 ff. 


Einfuehrung in ZEN Meditation P Enomiya Lassalle SJ Teil 1 [13:07]
Veröffentlicht am 04.10.2012
Einführung in ZEN Meditation von Pater Enomiya Lassalle SJ aus dem Jahr 1985

Einfuehrung in ZEN Meditation P Enomiya Lassalle SJ Teil 2 [14:22]

Veröffentlicht am 04.10.2012
Einführung in ZEN Meditation von Pater Enomiya Lassalle SJ aus dem Jahr 1985