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Sonntag, 27. Mai 2018

Die deutsche Psychoszene im Visier des Verfassungsschutzes

Aus den Aufzeichnungen eines Geheimforschers (1)

Himmelfahrt 1985. – Der Chef muß wieder einmal ein Buch gelesen haben, aber ein falsches.[1]Kam angerannt und stauchte uns zusammen, weil wir die Psychoszene nicht im Auge hätten. Und das nach rund zehn Jahren Psychoboom! Meinen Einwand, der Höhepunkt sei wohl schon überschriteten, schmetterte er ab: das habe man vor 15 Jahren auch von der Protestbewegung gesagt, und dann ... (das alte Lied). Außerdem komme die Welle jetzt erst in der Provinz an (bei ihm). Ich versuchte es nochmals: da gehe es doch nur um individuelle Veränderung oder Erlösung. Er konterte: »Aber in Gruppen! Das ist konspirativ!« Der typische Polizistenblick, geschärft durch überholte Devianztheorien: soziales Milieu x plus kognitiver (konspirativer) Einfluß y gleich abweichendes Verhalten z. (Z wie Zufall: rot oder grün oder braun. Oder blau? Schwarz jedenfalls gilt als normal.) Tatsache ist: Wir ersticken in Daten und wissen nichts damit anzufangen. Es fehlt uns ein klares – Feindbild –, auch wenn der Minister das nicht einsehen will. Für ihn beginnt der »gesetzliche Beobachtungsauftrag« links von ihm selbst. Aber was ist links, was rechts, wenn sich K-Gruppen mit Heimatschützern und Naturfreunden gegen ein technisches Großprojekt verbünden? Oder wenn ein Franz Alt im Namen des Friedens gegen Pro familia zu Felde zieht? Mittlerweile ist die »Kartei 2 zur Identifizierung von Personen, die konspirativ tätig sind oder dessen verdächtig«, ins Unermeßliche angeschwollen. Über 16 ooo Personen werden observiert, und in der H-Skala (Persönlichkeitsmerkmale) häufen sich die Banalitäten, von den Trinkgewohnheiten über »gepflegt/ungepflegt/modisch/auffällig gekleidet« bis zum Sexualleben.[2]Warum nicht noch ein bißchen Psychokram dazupacken? Schaden kann’s ja nicht. Dann wissen wir in ein paar Jahren vielleicht, daß der » Westküstenstil« der Gestalttherapie eher Fundamentalisten erzeugt, der »Ostküstenstil« eher Realpolitiker - na bitte!
Ich kenne diese Unterscheidungen natürlich von Gerda, die seit einiger Zeit (englisch ausgesprochen) »Gestalt« macht. Sie betont allerdings, daß die unterschiedlichen Therapiemethoden – ein paar hundert sollen es sein – sich im Rahmen der Humanistischen Psychologie immer mehr vermischen. »Da wächst alles irgendwie zusammen«, sagte sie, »ganzheitlich eben.« Das sind ihre neuen Lieblingswörter: ganzheitlich und wachsen;heilige Namen für das, was in der Gestalt-Gruppe geschieht. Als ich sie kürzlich fragte, wohin sie eigentlich ganzheitlich wachsen wolle (sie ist über vierzig), las sie mir aus einem Buch vor: »Die Leere wich dem blühenden, fruchtbaren Lebensbaum – mit seinen Blüten, Blättern, Vögeln, Eichhörnchen –, und es entstand ein Gefühl des Erfülltseins, des lebendigen Friedens, des Rauschens einer inneren Quelle. Und dann in der Gegenwart zu sein, mit einem hier-und-jetzt daseienden anderen Menschen, der ebenfalls ... «[3]Hier brach sie unvermittelt ab. Klar, daß ich mit dem anderen Menschen nicht gemeint sein kann. Ich werde in ihrer Gruppe auf den ›leeren Stuhl‹, gesetzt und kleingemacht, damit Gerda wachsen kann. Also, das geht mir langsam gegen den Strich. Deshalb habe ich gestern dem Chef ein Psycho-Forschungsprojekt vorgelegt, das nicht nur seine, sondern auch meine Sorgen berücksichtigt: Ich werde Gerda beobachten lassen. Damit sie mir nicht ganz abdriftet in ihre innere Quelle. (Wie hieß doch gleich ihr Therapeut, der so »super« ist?)

[…]

Aus den Aufzeichnungen eines Geheimforschers (4)

Allerheiligen 1985. – Sechs Monate Forschung und Ermittlung haben uns nicht weitergebracht, und der Termin für den Zwischenbericht rückt bedenklich näher. Was soll ich dem Chef hinschreiben – daß das alles nichts bringt? Dann geht er an die Decke. Oder daß die ganze westdeutsche Psychoszene – ein paar Millionen Menschen, schätzungsweise – verdächtig ist? Dann kriegt er einen Infarkt.
Ich glaube immer weniger, daß das, was in der Therapie geschieht, nach außen irgendeine Wirkung hat. Die Leute gehen da hin, wie sie ins Kino oder in die Disko gehen – um etwas zu erleben. Aber was? Ihre Gefühle? In den Protokollen stehen dauernd die Aufforderungen »Geh da rein«, »Laß es raus«, »Du mußt da durch«, und das heißt: »Sei angstvoll«, »Sei wütend«, »Sei schwach«, ja sogar »Sei katatonisch« und »Stirb«. Und dann wird geflennt, getobt, gewinselt, gezittert, gekotzt. Aber geht es dabei um Gefühle oder vielmehr um deren Abschaffung zugunsten irgendwelcher Sensationen im Hier-und-Jetzt? Bei Arthur Janov las ich, daß das »wahre Selbst«, zu dem der Klient durch den Urschrei gelange, ohne jedes gesellschaftliche Interesse sei, indifferent gegenüber allem Streben, Mühen und Hoffen – Reaktionen, die für Janov »neurotisch« sind, »symbolischer Ersatz«.39 Die Therapie soll davon befreien, und solange man in Therapie ist, scheint man auch, indem man solche Gefühle nicht passiv erleidet, sondern aktiv »agiert«, von ihrem Druck befreit zu sein. Gefährlich (gefährdet) wären dann nur diejenigen, die aus der Therapie aussteigen – oder sich ihr überhaupt verweigern.
Aber wie sag ich das dem Chef? Am besten, ich lege ihm zur Illustration ein paar Protokolle bei. Etwa jenes Bekenntnis eines jungen Mannes, der freimütig erzählte – vor der Fernsehkamera!-, er habe in den vergangenen Jahren alles mitgemacht, habe demonstriert und blockiert und sabotiert, an der Startbahn West und anderswo – »und es hat alles nichts gebracht, die Startbahn wird doch gebaut«. Jetzt macht er körperorientierte Selbsterfahrung auf Tantra-Basis und ist heiter und lieb. Der für die junge Generation so typische » Terror des unmittelbaren Wertevollzugs« – ein Ausdruck von Carl Schmitt – wird am eigenen Leib exekutiert: das müßte ich dem Chef klarmachen können!
Was eignet sich sonst noch? Einen brauchbaren Bericht über die »Friedensmeditation« habe ich leider nicht. Unser freier Mitarbeiter war der Sache spirituell einfach nicht gewachsen. (Er behauptete, bei den »kosmischen Flammen« handle es sich um eine Art geistiger Laser-Strahlen zur Abwehr von Raketen – ist der Kerl übergeschnappt? Oder ist er schon infiziert? Schade um die Spesen.) Vielleicht eignet sich als zweites Dokument das Protokoll aus einer Trainingsgruppe »Selbsterfahrung und Menschenführung« (für Führungskräfte aus Wirtschaft und Politik), wo ein harter Boß buchstäblich verflüssigt wurde. Und als drittes ein ganz harmlos wirkender Fall aus einer Psychodrama-Sitzung, wo die Klientin so weit kommt, aus ihrer devoten Haltung ihrem Mann gegenüber auszubrechen – jedenfalls im Rollenspiel. Also wenigstens ein Beispiel für Widerstand, für Subversion, wie der Chef es sich wünscht! Ich mach gleich mal einen Auszug:
»Patientin klagt, daß sie sich von ihrem Mann völlig entmündigt fühle und daß sie das ganz fertig mache. Damit hänge es auch zusammen, sagt sie, daß sie so viele körperliche Beschwerden habe.
Therapeut fordert sie auf, eine typische Situation zu beschreiben.
Patientin berichtet: Morgens beim Frühstück habe ihr Mann ihr mitgeteilt, er werde heute seine Sekretärin beauftragen, im Reisebüro die Tickets für die geplante Urlaubsreise zu besorgen. Sie habe erwidert, das sei nicht nötig, da sie selbst am Nachmittag mit dem (achtjährigen) Sohn in die Stadt wolle, um Schuhe für ihn zu kaufen. Sie könne dann gleich zum Reisebüro gehen.
Therapeut bittet sie, diese Szene zu spielen. Ein Gruppenmitglied übernimmt die Rolle des Ehemannes. Dann wird ein Rollenwechsel vorgenommen.
Patientin (in der Rolle des Mannes): ›Du hast doch genug zu tun mit dem Schuhkauf. Wenn du weißt, daß du noch etwas anderes erledigen mußt, läßt du dir womöglich nicht-passende Schuhe aufschwätzen. Und wer weiß, wie lange es dauern würde, bis du im Reisebüro klarkamst, Dafür ist meine Sekretärin wirklich kompetenter als du, Schatz ... ‹
Therapeut fordert die Patientin auf, zu sagen, wie sie sich fühle.
Patientin: ›Immer wird mir unter die Nase gerieben, daß andere tüchtiger sind als ich ... Ich bin schon wieder ganz fertig ... ‹ Sie berichtet dann, daß sie sich als ihr Mann ganz anders gefühlt habe, nämlich selbstsicher und stark.
Therapeut führt einen Doppelgänger ein, der in der Rolle der Patientin mit dieser selbst einen Dialog führt.
Doppelgänger: ›Jetzt habe ich schon wieder Angst. Warum bloß?‹
Patientin: ›Ja, warum bloß? Mein Mann ist doch kein Ungeheuer.‹
Doppelgänger: ›Nein, wirklich nicht. Deshalb könnte ich doch jetzt mal offen mit ihm reden.‹
Patientin: ›Eigentlich schon ... ‹
Doppelgänger: ›Eigentlich schon, aber irgendwie schaffe ich es nicht. Vielleicht will ich auch nicht richtig ran. Es hat ja auch was für sich, wenn einem immer alles abgenommen wird.‹
Patientin(protestierend): ›Nein, davon habe ich genug.‹ (Zum imaginierten Ehemann gewandt:) ›Ich habe genug davon, von dir wie ein Kind behandelt zu werden, hörst du, endgültig genug.‹«[4]
Fragt sich nur, ob es dazu wirklich einer Therapie bedarf. Wenn ich da an Gerda denke! Übrigens habe ich über Gerdas Therapieleistungen immer noch kein Protokoll bekommen, sie wechselt ihre Leib- und Seelsorger zu oft. Im Sommer besuchte sie in Italien einen Workshop »Corpographic: Pantomime und Bioenergetik« und kam etwas verbogen zurück. Dann war plötzlich Bauchtanz das Heißeste. »Weißt du«, sagte sie fromm, »das ist auch ein Stück weit Therapie.« (Ich würde es bei ihr eher eine Mutprobe nennen.) Als nächstes kam ein Tarot-Kurs, angeregt durch die Lektüre von Timothy Learys Spiel des Lebens (1984), wo die 24 Tarot-Karten mit den 24 Aminosäuren des genetischen Codes, den zwölf Sonnenzeichen der Astrologie und einigen anderen Dutzendwaren analogisiert werden. Gerda liegt wirklich voll im Trend. Dann wollte sie – im »Mondjahr« – unbedingt noch eine »nasse Wiedergeburt« erleben (oder war es sogar eine Past-livesTherapie?), bekam aber keinen Geburtshelfer. Und jetzt hat sie, weil ihr alles andere zu labberig sei, eine »sehr harte« Primärarbeit begonnen. »Da kommt alles raus – über uns beide!« Hm. »Und wenn ich da durch bin«, schmeichelte sie, als ich den Scheck unterschrieb, »bin ich bestimmt wie neugeboren.« Naja.

[…]

Aus den Aufzeichnungen eines Geheimforschers (5)

Heiliger Abend 1985. – Großer Krach im Amt. Der Chef hat mich zu sich bestellt und mir meinen Zwischenbericht um die Ohren gehauen. Ob ich denn von allen guten Geistern verlassen sei, ein Managerseminar beobachten zu lassen! Daß da nichts Subversives geschehe, zeigten doch schon die hohen Kursgebühren. Meinen Einwand, auch eine ordentliche Wiedergeburt sei nicht eben billig, wischte er knurrend weg: ich hätte wohl noch nie etwas davon gehört, daß Sensitivity-Trainingsgruppen in den USA schon seit langem von der Großindustrie und der Regierung gefördert würden und jetzt endlich auch in der Bundesrepublik Fuß faßten. (Er sagte zünftig ›T-groups‹ und dachte dabei sicher an Tee.) »Aber das ist keineswegs alles«, schnaubte er weiter. »Hier: die Frau eines Ministers zu bespitzeln – das ist ja der Gipfel! Könnte mich meine Stellung kosten. Und Sie natürlich auch.« Er meinte die Psychodrama-Dame, die sich aus der Bevormundung durch ihren Mann befreien will. Anscheinend hat er in ihr jemand wiedererkannt. Aber Frauen, auf die die erwähnten Merkmale zutreffen, gibt es sicher wie Sand am Meer. Ich stotterte, ich hätte keine Ahnung gehabt, daß ... »Keine Ahnung? Dann forschen Sie gefälligst nach!« Das war ein Eigentor, er merkte es und polterte weiter. Als ich schließlich fragte, ob wir die Beobachtung der Psychoszene einstellen sollten, trotz Friedensmeditation usw., sagte er: »Natürlich, die sind doch alle verrückt – äh, ich meine harmlos, ganz normal! Beobachten Sie lieber die anderen, die nicht zur Therapie gehen. Davon wird es ja auch noch welche geben!« – »Ja«, sagte ich beschämt, »eine ganze Menge.« – »Na also – das ist doch verdächtig!« Damit war ich in die Weihnachtsferien entlassen. Ich habe die gesammelte Psycho-Literatur ins Auto gepackt und nach Hause gefahren, für Gerda. Und nachher, wenn am Baum die Kerzen brennen, werde ich sie mit einer Frohbotschaft überraschen: daß ich jetzt auch eine Therapie brauche. Beim selben Therapeuten wie sie, Primärarbeit, aber in einer anderen Gruppe (hoffentlich ist bald ein Platz frei). Dann werden wir vielleicht gemeinsam gesund werden. Oder verrückt.

gnadenlos abgeschrieben aus:
Karl Markus Michel, Im Bauch des Wals – Abgesang auf die gesunde Persönlichkeit in: Kursbuch 82, Die Therapie-Gesellschaft, Kursbuch / Rotbuch Verlag, November 1985



[1] Möglicherweise handelt es sich bei dieser Lektüre um ein zehn Jahre altes Kultbuch aus Amerika, das 1982 auch auf deutsch erschienen ist: Theodore RoszakDas unvollendete Tier. Im letzten Abschnitt schwärmt Roszak von der »echten Freundschaft der Seelen ... , deren Ziel die gegenseitige Erleuchtung ist ... In manchen Fällen ist in unserer Gesellschaft das Verhältnis zum Ashram oder zu der entsprechenden therapeutischen Gruppe aufrichtiger und herzlicher als zu jeder anderen Sozialform ... Ob diese Konstellation im Einzelfall zu einer Hinwendung zum Sufismus oder Mystizismus, zur Psychosynthese oder zum Zen führt, ist nebensächlich. Das ist eine Frage des persönlichen Stils, die an der Tatsache nichts ändert, daß hier eine allgemeine Kultur als einzigartige politische Kraft auf unsere Welt einwirkt: als die Kraft der kreativen Desintegration, die aus menschlichen ›Restbeständen‹ und dem Tode geweihten Institutionen gesunde Gemeinschaften macht.« (rororo-Ausgabe 1985, S. 304f., 308).
[2]  Vgl. Der Spiegel Nr. 25, 1985, S. 22f.
[3]  So schildert Ruth Cohn, die Erfinderin der Themenzentrierten Interaktion, ihren Zustand nach einem Impass-Erlebnis mit Fritz Perls, dem Vater der Gestalt-Therapie; in: Alfred Farau / Ruth C. Cohn, Gelebte Geschichte der Psychotherapie, Stuttgart 1984, S. 308.
[4]  Hier liegt eine Fälschung vor. Dieses angebliche »Protokoll« hat ein V-Mann ungeniert (mit gewissen Veränderungen) aus einem Aufsatz von Helga Heike Staub abgeschrieben: »Was ist Psychodrama?«, in Neue Formen der Psychiatrie, psychologie-heute-Sonderband, Winheim 1980, S. 127 f.

siehe auch:
- Verpasste Chance, verlorenes Jahrzehnt (Uwe Wittstock, Welt, 03.02.2001)
Karl-Markus Michel: Ein critischer Geist (Michael Naumann, Tagesspiegel, 15.11.2000)

Mittwoch, 13. Dezember 2017

Widerstand in der Psychoanalyse

Widerstand
engl.: resistance – frz.: résistance – ital.: resistenza – port.: resistência – span.: resistencia.
Im Verlaufe der psychoanalytischen Behandlung nennt man all jenes ›Widerstand‹, was in den Handlungen und Worten des Analysierten sich dem Zugang zu seinem Unbewußten entgegenstellt. In Ausweitung des Begriffs hat Freud von Widerstand gegen die Psychoanalyse gesprochen, um eine Oppositionshaltung gegen deren Entdeckungen zu bezeichnen, soweit diese die unbewußten Wünsche wachrufen und dem Menschen eine »psychologische Kränkung« auferlegen (α).
Der Widerstandsbegriff wurde von Freud frühzeitig eingeführt; man kann sagen, daß er am Beginn der Psychoanalyse eine entscheidende Rolle gespielt hat. Tatsächlich hat Freud auf die Hypnose und die Suggestion hauptsächlich deshalb verzichtet, weil der massive Widerstand mancher Patienten gegen diese Methoden ihm legitim erschien (ß), andererseits weder überwunden, noch gedeutet werden konnte (y), was dagegen durch die psychoanalytische Methode möglich wird, soweit sie das progressive Erhellen der Widerstände erlaubt, die sich besonders durch die verschiedenen Weisen ausdrücken, auf die der Patient die Grundregel verletzt. In den Studien über Hysterie (1895) findet sich eine erste Aufzählung verschiedener klinischer Widerstandsphänomene, evidenter oder diskreter Natur (Ia).
Der Widerstand wurde als ein Hindernis für die Erhellung der Symptome und das Fortschreiten der Behandlung entdeckt. »Der Widerstand, der endlich das [therapeutische] Arbeiten versagt ... « (2a; δ). Dies Hindernis sucht Freud zunächst durch Beharrlichkeit – die dem Widerstand entgegengesetzte Kraft – und Überredung zu überwinden, bevor er im Widerstand ein Mittel erkannte, um den Zugang zum Verdrängten und zum Geheimnis der Neurose zu erlangen. Tatsächlich sind es die gleichen Kräfte, die man beim Widerstand und der Verdrängung am Werk sieht. In diesem Sinne bestand jeder Fortschritt der analytischen Technik, was Freud in seinen technischen Schriften betont, in einer richtigeren Einschätzung des Widerstandes, nämlich der klinischen Gegebenheit, daß es zur Aufhebung der Verdrängung nicht genügt, den Patienten den Sinn ihrer Symptome mitzuteilen. Wir wissen, daß Freud die Deutung des Widerstandes und der Übertragung immer als die spezifischen Eigentümlichkeiten seiner Technik betrachtet hat. Mehr noch, die Übertragung* muß teilweise selbst als ein Widerstand angesehen werden, insofern sie die verba­lisierte Erinnerung durch die agierte Wiederholung ersetzt. Man muß hinzufügen, daß der Widerstand die Übertragung benutzt, sie aber nicht konstituiert.
Zur Erklärung des Widerstandsphänomens sind Freuds Ansichten schwieriger herauszuarbeiten. In den Studien über Hysterie formuliert er die folgende Hypothese: Man kann die Erinnerungen je nach dem ihnen anhaftenden Widerstandsgrad in konzentrischen Schichten um einen zentralen, pathogenen Kern gruppiert sehen; im Laufe der Behandlung vermehrt so jeder Übergang von einem Kreis zu einem dem Kern nähergelegenen den Widerstand (Ib). Bereits damals macht Freud aus dem Widerstand eine Manifestation, die zur Behandlung und zur Erinnerung gehört, die die Behandlung fordert. Eine Manifestation, deren Kraft die gleiche ist wie diejenige, die vom Ich auf die peinlichen Vorstellungen ausgeübt wird. Er scheint den eigentlichen Ursprung des Widerstandes dennoch in einem Abstoßen zu sehen, das von dem Verdrängten als solchem herrührt, von seiner Schwierigkeit, zum Bewußtsein zu gelangen und besonders vom Subjekt akzeptiert zu werden. So finden wir hier beide Erklärungselemente: Der Widerstand wird durch seine Entfernung zum Verdrängten bestimmt; andererseits entspricht er einer Abwehrfunktion. In den technischen Schriften wird diese Doppeldeutigkeit beibehalten.
Aber mit der zweiten Topik wird der Akzent auf den Abwehraspekt gelegt, eine, wie Freud in mehreren Arbeiten betont, vom Ich ausgeübte Abwehr. »Das Unbewußte, das heißt das ›Verdrängte‹, leistet den Be­mühungen der Kur überhaupt keinen Widerstand, es strebt ja selbst nichts anderes an, als gegen den auf ihm lastenden Druck zum Bewußtsein oder zur Abfuhr durch die reale Tat durchzudringen. Der Widerstand in der Kur geht von denselben höheren Schichten und Systemen des Seelenlebens aus, die seinerzeit die Verdrängung durchgeführt haben« (3). Diese beherrschende Rolle der Ichabwehr hält Freud bis zu einer seiner letzten Schriften aufrecht: »… die Abwehrmechanismen gegen einstige Gefahren (kehren) in der Kur als Widerstände gegen die Heilung wieder. Es läuft darauf hinaus, daß die Heilung selbst vom Ich als eine neue Gefahr behandelt wird« (4a). Die Analyse der Widerstände unterscheidet sich aus dieser Perspektive nicht von der Analyse der permanenten Abwehrmechanismen des Ichs, wie sie in der analytischen Situation unterschieden werden (Anna Freud).
Freud behauptet ausdrücklich, der offenkundige Ich-Widerstand genüge nicht, um die beim Fortschritt und der Vollendung der analytischen Arbeit auftretenden Schwierigkeiten zu erklären. Der Analytiker trifft in seiner Erfahrung auf Widerstände, die er nicht auf Ich-Veränderungen* zurückführen kann (4b).
Am Ende von Hemmung, Symptom und Angst (1926) unterscheidet Freud fünf Widerstandsformen. Davon hängen drei mit dem Ich zusammen: die Verdrängung, der Übertragungswiderstand und der sekundäre Krankheitsgewinn, der sich »… auf die Einbeziehung des Symptoms ins Ich gründet«. Weiter muß man noch mit dem Widerstand des Unbewußten oder des Es und dem des Über-Ichs rechnen. Der Widerstand des Unbewußten, »… die Macht des Wiederholungszwanges, die Anziehung der unbewußten Vorbilder auf den verdrängten Triebvorgang…«, macht technisch das Durcharbeiten* notwendig. Der Über-Ich-Widerstand schließlich leitet sich von dem unbewußten Schuldgefühl und dem Strafbedürfnis ab (5a) (siehe: Negative therapeutische Reaktion).
Der Versuch der metapsychologischen Gliederung des Widerstandes befriedigte Freud nicht, macht aber wenigstens deutlich, daß er sich immer geweigert hat, das inter- und intrapersonale Phänomen des Widerstandes den der Ichstruktur inhärenten Abwehrmechanismen gleichzusetzen. Die Frage: wer widersteht, bleibt offen und problematisch für ihn (ε). Über das Ich hinaus, »… das an seinen Gegenbesetzungen festhält…« (5b), muß man als letztes Hindernis für die analytische Arbeit einen radikalen Widerstand anerkennen, über dessen Natur Freuds Hypothesen variierten, der aber jedenfalls nicht auf die Abwehroperationen reduzierbar ist (siehe: Wiederholungszwang).

(α) Ein Gedanke, der bereits 1896 auftaucht: »…Ich […] habe aber Anfeindungen und lebe in solcher Isolierung, als ob ich die größten Wahrheiten gefunden hätte« (2b).
Zu »Kränkung« vgl. Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse (1917) (6).
(ß) » Wenn ein Kranker, der sich nicht gefügig zeigte, angeschrieen wurde: Was tun Sie denn? Vous vous contrcsuggestionnez!, so sagte ich mir, das sei offenbares Unrecht und Gewalttat. Der Mann habe zu Gegensuggestionen gewiß ein Recht, wenn man ihn mit Suggestionen zu unterwerfen versuche« (7).
(γ) Freud macht der Suggestionstechnik »… den Vorwurf, daß sie uns die Einsicht in das psychische Kräftespiel verhüllt, z.B. uns den Widerstand nicht erkennen läßt, mit dem die Kranken an ihrer Krankheit festhalten, mit dem sie sich also auch gegen die Genesung sträuben ... « (8).
(δ) Vgl. die Definition des Widerstands in Die Traumdeutung (1900): »Was immer die Fortsetzung der Arbeit stört, ist ein Widerstand, (9).
(ε) Man kann sich auf die Arbeit von E. Glover, The Technique of Psycho-Analysis (1955) beziehen. Nach einer methodischen Aufstellung der durch die Analyse zutagetretenden Widerstände und der permanenten Abwehrmechanismen des seelischen Apparates erkennt der Autor die Existenz eines Residuums an: »Nachdem die Möglichkeiten des Ich- und Über-Ich-Widerstandes ausgeschöpft sind, müssen wir erkennen, daß eine ganze Skala von Verhaltensweisen immer wieder dargeboten wird […] Zunächst erwarteten wir, daß durch Beseitigung der Ich- und Über-Ich-Widerstände so etwas wie eine automatische Druckentlastung eintreten würde, daß die Entlastung entweder explosiv und offen einsetzen, oder daß eine andere Manifestation der Abwehr die freigesetzte Energie sofort binden würde, wie es bei übergangsbildungen geschieht. Statt dessen scheinen wir dem Wiederholungszwang ein Schnippchen geschlagen zu haben und das Es hat sich der geschwächten Ichabwehr bedient, um eine steigende Anziehung auf vorbewußte Darstellungen auszuüben« (10).

(1) Freud, S.,
a) G. W., 1, 280; S. E., II, 278; frz., 225.
b) G. W., 1, 284; S. E., II, 289; frz., 234.
(2) Freud, S., Aus den Anfängen der Psychoanalyse, 1887-1902.
a) Brief vom 27.10.97: dtsch., 240; engl., 226; frz., 200.
b) Brief vom 13.3.1896: dtsch., 172; engl., 161; frz., 143.
(3) Freud, S., Jenseits des Lustprinzips, 1920. G. W., XIII, 17: S. E., XVIII, 19; frz., 19.
(4) Freud, S., Die endliche und die unendliche Analyse, 1937.
a) G. W., XVI, 84; S. E., XXIII, 238; frz., 24-25.
b) Vgl. G. W., XVI, 86; S. E., XXIII, 241; frz., 27.
(5) Freud, S.,
a) Vgl. G. W., XIV, 191-193; S. E., XX, 158-160; frz., 87-89.
b) G. W., XIV, 191-193; S. E., XX, 158-160; frz., 87-89.
(6) Vgl. Freud, S., G. W., XII, 1-26; S. E., XVII, 137-144; frz., 137-147.
(7) Freud, S., Massenpsychologie und Ich-Analyse, 1921. G. W., XIII, 97; S. E., XVIII, 89; frz., 99.
(8) Freud, S., Über Psychotherapie, 1904. G. W., V, 18; S. E., VII, 261; frz., 14.
(9) Freud, S., G. W., II-III, 521; S. E., V, 517; frz., 427.
(10) Glover, Ed., Baillière, London, 1955, 81.

aus: J. Laplanche, J.-B. Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse,Suhrkamp, Frankfurt am Main, 15. Aufl. 1999, S. 622ff.

Von einer Patientin.
 Danke!



Donnerstag, 23. März 2017

Psychotherapie im Neoliberalismus

Psychotherapie ist hocheffektiv. Ihre Effektstärken übertreffen beispielsweise diejenigen von Bypass-Operationen (Nübling, 2011) und vielen anderen medizinischen Verfahren. Das gilt besonders für die kürzeren verhaltenstherapeutischen und tiefenpsychologischen Therapien, weil hier zur allgemeinen Effektivität noch die Wirtschaftlichkeit hinzukommt.

Nichtsdestoweniger wird die Lage der Psychotherapie und der Psychotherapeuten in Deutschland immer schlechter. Gleichzeitig steigt die Zahl psychischer Erkrankungen dramatisch. Armut und Unsicherheit greifen um sich und diejenigen, die noch einen Arbeitsplatz haben, werden als 'Menschenmaterial' durch 'zahlenorientierte Führungsstile' zu Leistungen angetrieben, die mit psychischer (und physischer) Gesundheit zunehmend unvereinbar sind.

mehr:
- Die Lage der Psychotherapie: eine Katastrophe (Hans Metsch, psyon.de, Dezember 2012)
Dieser ökonomisch begründete Zwang zur wissenschaftlichen Legitimierung einer vergleichsweise jungen Disziplin war zunächst für die Disziplin selbst vorteilhaft. Ihre Verfahren gehören heute zu den um besten untersuchten in der Medizin überhaupt und das bezieht sich auch auf die ökonomischen Aspekte der Psychotherapie (Lamprecht 1996).
Die wissenschaftlichen Hauptverfahren der Psychotherapie – psychoanalytisch begründete Psychotherapie und Verhaltenstherapie – haben in über 4000 klinisch kontrollierten Studien ihre Wirksamkeit bewiesen. Je nach Störungstyp rangieren die Heilungsraten zwischen 80 bis 95 % bei funktionellen Störungen, zwischen 75 und 85 % bei Neurosen und 60 bis 70 % bei psychosomatischen Krankheiten und Persönlichkeitsstörungen. Besserungen in Symptomatik und im Verhaltensbereich sind bei mehr als 85 % der Patienten aller Störungsgruppen nachzuweisen. Vergleicht man Kosten und Nutzen von Psychotherapie auf der Wirksamkeitsebene (Break-Even d = 0,22) liegt für ambulante Psychotherapie die Effektstärke bei d = 0,80 (Smith et al. 1980), bei der stationären Psychotherapie bei d = 1,20, d. h. das Ergebnis übersteigt den Kosteneinsatz bei stationärer Psychotherapie um das Fünffache (Wittmann 1996). [Michael Geyer, Die Macht der Ökonomie in der Psychotherapie in: P. Buchheim M. Cierpka (Hrsg.), Macht und Abhängigkeit, Lindauer Texte, Kongressband April 2000, S. 32ff., PDF, Hervorhebung von mir]
dazu auch:
- Psychologe Paul Verhaeghe: „Sinngebung ist ein kollektives Geschehen“ (aus „Tijdschrift voor Sociale Vraagstukken“, Interview: Jan van Dam & Marcel Ham, Verlag Antje Kunstmann, Datum unbekannt, PDF)
- Privatisierung in Psychiatrie und Psychotherapie – zwischen Shareholder Value und öffentlich-rechtlicher Gesundheitsfürsorge (Fritz Hohagen, Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, Kongressvortrag 2006, PDF)
- Über die Verletzung der Menschenwürde in unseren Tagen oder:
»Nur weil man Analphabet ist, fehlt ist einem nicht an Würde« (in: Luise Reddemann, Würde – Annäherung an einen vergessen Wert in der Psychotherapie, Klett-Cotta, Stuttgart, 2008, S. 86ff., GoogleBooks)
- Psychotherapie unter Effizienzdruck (Rolf Haubl in: Marianne Leuzinger-Bohleber, Rolf Haubl (Hg.), Psychoanalyse: interdisziplinär – international – intergenerationell, Vandenhoeck & Ruprecht, 2011, S. 390ff., GoogleBooks)
Die Neoliberalisierung der Universität (Post, 24.08.2016)
- Das neoliberale Narrativ: Wir sind verkehrt! (Post, 05.10.2016)
- Möglichkeiten und Grenzen des psychotherapeutischen Angebots (in: Alfred Pritz, Thomas Wenzel (Hrsg.), Weltkongreß Psychotherapie. Mythos - Traum - Wirklichkeit, Facultas Universitätsverlag 2002, S. 269ff., GoogleBooks)
- Heimlicher Wertewandel (in Marie-Luise Althoff, Macht und Ohnmacht mentalisieren: Konstruktive und destruktive Machtausübung in der Psychotherapie, Springer, 2017, S. 7ff.)
- »Muss Psychotherapie politisch werden?« Podiumsdiskussion (AK Kritische Psychologie Klagenfurt/Celovec, 29.03.2017)
- Macht der Kapitalismus depressiv? (Werner Eberwein, werner-eberwein.de, Datum unbekannt) 

siehe auch einige Videos mit 
Gert Postel
(nach dem Motto: Die Welt könnte so schön einfach sein!)

Vorsitzender Richter am BGH Armin Nack lobt Gert Postel {7:02}


Veröffentlicht am 16.05.2013
Werner Fuss
Vorsitzender Richter am BGH Armin Nack lobt Gert Postel
Zur "Schuldfähigkeit":
BGH: Armin Nack, Vorsitzender Richter des 1. Strafsenats am Bundesgerichtshof, zum Begriff der Schuldfähigkeit.
Am 31. Mai 2012 in Passau auf Einladung der studentischen Fachzeitschrift Der Jurist.
!!!!!!!!! !!!!!!!!!!!
Origingalbeschreibung des ganzen Videos (1h:4min):
"BGH: Armin Nack, Vorsitzender Richter des 1. Strafsenats am Bundesgerichtshof, erklärte am 31. Mai 2012 in Passau auf Einladung der studentischen Fachzeitschrift Der Jurist die revisionsgerichtliche Urteilsprüfung durch den Strafsenat des BGH."
Quelle und vollständiger Vortrag - Video (1h:4min):
http://video.uni-passau.de/video/Vort...
BEMERKUNG: Die Kurzversion ist das Ende des langen Videos ab Minute 57:04

Gert Postel: Ich war ein Hochstapler unter Hochstaplern (Lesung & anschließende Diskussion). {1:59:10}

Veröffentlicht am 24.05.2016
Deutscher Verband für Hypnose e.V. (DVH)
Gert Postel hatte schon viele Positionen inne: Leitender Oberarzt, Weiterbildungsbeauftragter der Landesärztekammer, Vorsitzender des Facharztprüfungsausschusses.
Viele Jahre lang hat er als Oberarzt in psychiatrischen Fachkliniken gearbeitet, Patienten behandelt und etliche Gerichtsgutachten erstellt. Dann platzte die Bombe: Der hochdotierte Facharzt war in Wirklichkeit Postbote!
Ein Skandal, der Deutschland bewegte – und in einer schonungslosen Abrechnung mit der Welt der Psychiatrie endete.
Am 17./18. Oktober 2015 fand bei München die Konferenz des Deutschen Verbands für Hypnose e.V. (DVH) statt. Gert Postel hielt am Samstag Abend der Konferenz eine Lesung aus seinem autobiographischen Buch "Doktorspiele" mit anschließender Diskussion. Anhand seiner Story lässt sich sehr deutlich ablesen, welche Rollen Glaubenssätze, Erwartungen, Überzeugungen (und nicht zuletzt ein starkes Selbstbewusstsein) im Leben häufig spielen.
Der Vortrag bewegte das Publikum sichtlich, und die emotionalen Reaktionen schwankten über die volle Bandbreite - von Zustimmung bis hin zu kategorischer Ablehnung.
Als Veranstalter war es uns wichtig, hier eine neutrale Möglichkeit der Auseinandersetzung zu bieten: Unser Ziel war es nicht, Stellung gegen oder für die Psychiatrie zu beziehen, sondern die Teilnehmer dazu einzuladen, (auch unbequeme) Fragen mal für sich selbst reflektieren zu dürfen, und diese auch gemeinsam diskutieren und ausloten zu können - von der Freiheit des Willens über die Rolle von Ethik und Moral, bis hin zur Wertigkeit von Etiketten und Diagnosen. Dafür bot der Abend eine ganz hervorragende Möglichkeit.

Gert Postel analysiert Bushido, Schwesta Ewa, Karate Andi uvm. im Interview {50:58}

Veröffentlicht am 24.01.2016
Heckmeck.TV
Gert Postel ist einer der bekanntesten Hochstapler Deutschlands. Zwischen 1980 und 1995 gab sich der eigentliche Briefzusteller als Arzt aus. In manchen psychiatrischen Kliniken war er sogar in leitenden Positionen tätig und hielt seine Kollegen damit zu Narren. Sogar bei Gerichtsprozessen stellte Postel psychologische Gutachten über die Angeklagten aus und wurde dafür von Armin Nack, dem Vorsitzenden Richter des 1. Strafsenats des Bundesgerichtshofs gelobt. Und das nur mit einem Hauptschulabschluss. Postel selbst mag diese Ettiketierung jedoch nicht und geht darauf in unserem Interview ein.
Durch die für ihn äußerst positive Begegnung mit Kollegah bei Schulz und Böhmermann erklärte er sich bereit, anhand von Videos von Prinz Pi, Karate Andi, Bushido, Schwesta Ewa, SSIO und Toony ein kurzes (pseudo-)psychologisches Gutachten über deren Images abzugeben.
Postel im Netz: www.gert-postel.de
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PS:
Gutes Trinkspiel: Ein Shot für jeden Busen-Blicker von Postel.

mein Kommentar:
Ich kann mich ja eines Schmunzelns nicht erwehren. Auch wenn Postel auf mich ziemlich unsympathisch wirkt, ist er nicht nur der Beweis dafür, daß unser System sehr angreifbar ist sondern zeigt auch auf, wie!

Sonntag, 1. Januar 2017

Sonntag, 17. Juli 2016

Kunstwerke und Realität – richtig oder falsch?

"Insert Words" stand auf dem Kreuzworträtsel-Kunstwerk. Eine 91-jährige Besucherin nahm das wörtlich und zückte ihren Kugelschreiber. Sie konnte auch mehrere Felder ausfüllen. Aber jetzt hat sie Ärger mit dem Neuen Museum Nürnberg und der Polizei. 

Nürnberg. Das englische Wort für Mauer wurde gesucht. Die 91-jährige Besucherin habe nicht lange überlegen müssen, berichteten die "Nürnberger Nachrichten" am Donnerstag. Die Frau habe einen Kugelschreiber herausgeholt und "Wall" eingetragen. Auf dem Bild stand schließlich: "Insert Words" – auf deutsch: "Setze Wörter ein". Wenig später wurde die Frau trotzdem von zwei Polizisten abgeführt. Denn das Kreuzworträtsel, das die Seniorin lösen wollte, war ein Kunstwerk.
mehr:
- Rentnerin füllt Kreuzworträtsel-Kunstwerk aus (dpa/afp/RND/wer, HAZ, 14.07.2016)

What Is The Treachery of Images? [6:31]

Veröffentlicht am 02.09.2015
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Montag, 16. Mai 2016

Helikopter-Eltern – Per Anwalt gegen Lehrer

Eltern tyrannisieren Lehrer per Anwalt - bisweilen wegen eines einzigen Punktes in einer Klausur. Wenn es um Bildung geht, setzt bei manchen Vätern und Müttern offenbar der Verstand aus.

Ein Fachmann für Schulrecht aus Bayern berichtet von "unglaublichen Exzessen", weil Eltern im Streit um einzelne Punkte in Klassenarbeiten vor Gericht ziehen. Stimmt das Klischee von den "Helikopter-Eltern" also doch? Das Bild von den übereifrigen Müttern und Vätern aus dem Bildungsbürgertum, die alles überwachen wollen, vor allem die Schullaufbahn ihres Kindes? Und vor denen sich Lehrer und andere Eltern gruseln?

Neu ist das Phänomen nicht. Die Metapher von den "Hubschrauber-Eltern" tauchte schon vor Jahrzehnten auf. Aber heute sind diese Mütter und Väter stark von Angst getrieben, glauben Fachleute wie der britische Soziologe Frank Furedi, der 2008 in seinem Buch "Paranoid Parenting" ("Die Elternparanoia") von einer weiter wachsenden Verunsicherung schrieb. Eltern sehen ihre Kinder demnach ständig bedroht.

Wenn es um Bildung und Erziehung geht, setzt bei einigen der Verstand aus - und die Panik ein. Aber wovor eigentlich? Ist es die Angst, das eigene Kind könnte in unserer Leistungsgesellschaft den Anschluss verlieren, wenn es nicht den Sprung aufs Gymnasium schafft oder den Numerus Clausus für den gewünschten Studienplatz knackt?

Hat die Panik mit Abstiegsängsten und Existenzsorgen einer Elterngeneration zu tun, die in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und der Einführung von Hartz IV aufgewachsen ist? Wer heute Kinder im Schulalter hat, ist oft selbst nur über unbezahlte Praktika oder befristete Stellen ins Erwerbsleben gelangt. Nachvollziehbar, dass man sich da um die Zukunft der Kinder sorgt.

Die große Verunsicherung

Furedi hat noch eine andere Erklärung: Unzählige Ratgeber, Psychologen und Pädagogen, die sich allesamt zu Experten für Kindererziehung erklärt hätten, verunsicherten Mütter und Väter massiv und schürten bei ihnen die Angst, Fehler zu machen. Auch Journalisten tragen demnach mit hämischen Berichten über "Helikopter-" oder "Curling-Eltern" dazu bei, dass Elternschaft als uncool und vor allem schwierig gilt. Das verunsichert Mütter und Väter weiter. Das Phänomen reproduziert sich selbst.
mehr:
- Per Anwalt gegen Lehrer: Liebe Eltern, chillt mal! (Silke Fokken, SPON, 15.05.2016)
- Eltern verklagen Lehrer: "Es kommt zu unglaublichen Exzessen" (Silke Fokken, SPON, 16.05.2016)