Sonntag, 17. November 2019

Auf dem Weg zu Freud: Ribots Assoziationspsychologie und Charcots Hysteriker

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Die Geschichte der Psychoanalyse ist bisher vor allem aus der Perspektive ihres Begründers Sigmund Freud erzählt worden. Der renommierte, in New York lehrende Psychiater George Makari erweitert diesen Zugang: neues Archivmaterial und zehnjährige Forschungsarbeit haben es ermöglicht, unterschiedliche Sichtweisen zusammenzuführen und die Geburtsstunde der Psychoanalyse von 1870 bis 1945 nachzuvollziehen.

Makari ordnet Freuds frühe psychologische Arbeit in den Kontext der Zeit ein und zeigt Freud als kreativen, interdisziplinären Forscher, der auf der Grundlage bestehender Studiengebieten die weiterführende Freud´sche Theorie entwickelt hat. Der Autor folgt den heterogenen Wegen der jungen Psychoanalyse bis zum Weggang von Bleuler, Jung und Adler. Er schließt die Zeit der oft vernachlässigten Weimarer Phase ein und beschreibt ihren Versuch, eine pluralistischere psychoanalytische Gemeinschaft aufzubauen.

George Makari »Revolution der Seele« ist jetzt erstmals in deutscher Übersetzung beim Psychosozial-Verlag erschienen. Faust veröffentlicht einen Auszug aus dem ersten Teil.
KAPITEL-AUSZUG


Die Entstehung der Freud’schen Theorie

1. Die Wissenschaft im Sinn



Von George Makari

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»Es ist falsch zu sagen:
Ich denke: man müßte sagen:
Es denkt mich. […]
Ich ist ein anderer.«
Arthur Rimbaud (1979)


Als die Aufklärung den wissenschaftlichen Rationalismus nach oben auf die Himmelskörper ausdehnte und nach unten auf das Gewusel mikroskopischen Lebens, da gab es einen Gegenstand, zu dem scheinbar unmöglich vorgedrungen werden konnte: die Psyche. Der französische Verfechter der Wissenschaft und des rationalen Skeptizismus, René Descartes, begründete dies in seiner Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Wahrheitsforschung, indem er erklärte, dass das Ich jenseits einer rationalen Prüfung liege, denn es sei nichts anderes als die von den Kirchenvätern beschriebene immaterielle Seele (1637, S. 31–32). Religiöse Überzeugungen bezüglich des Seelenlebens erwiesen sich als langlebig und einflussreich, doch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen solche Vorstellungen etwas an Glaubwürdigkeit zu verlieren, und in dem verloren gegangenen Grund und Boden schlug eine Wissenschaft des Geisteslebens Wurzeln. Als Sigmund Freud 1885 in Paris eintraf, hatte sich Frankreich als Zentrum für innovative Forschung zu psychologischen Fragestellungen etabliert. In Berlin und Wien bemühten sich wenige Wissenschaftler um die Erforschung der Psyche, des Ichs, der Seele, des Selbst oder des Geistes – Bereiche, die mit Religion oder spekulativer Metaphysik behaftet waren. In Paris jedoch wurden die Wissenschaftler dank einer neuen Methode vom Studium des Seelenlebens angezogen. Diese Methode, die »psychologie nouvelle«, verwandelte Frankreich in eine Brutstätte des Studiums des Somnambulismus, menschlicher Automatismen, der multiplen Persönlichkeit, des doppelten Bewusstseins und des zweiten Selbst sowie von Dämonismus, Dämmerzuständen, Wachträumen und dem Gesundbeten. Die Wunderlichen und die Wundertätigen fanden den Weg von abgeschiedenen Dörfern, Klöstern und Jahrmärkten, von Exorzisten, Scharlatanen und betagten Heilmagnetiseuren in die Hallen der französischen Wissenschaft. Die Geburt dieser neuen Psychologie fand statt, als Frankreich selbst wiedergeboren wurde. Fast ein Jahrhundert nach der Revolution unterlagen die Franzosen 1870 schmachvoll den Preußen, was zum Sturz Kaiser Louis Napoleons III. und zur Gründung der Dritten Republik führte. Viele gaben die Schuld für dieses militärische Debakel der französischen Wissenschaft, da diese mit den Fortschritten, die in deutschen Ländern gemacht worden waren, nicht Schritt gehalten hatte. Der französische Republikanismus verband den Antiklerikalismus mit der Verpflichtung, die Wissenschaft neu zu beleben. Als die Autorität der französischen katholischen Kirche hinsichtlich der Bestimmung des Denkens über die Seele schwand, bildete sich eine kühne, neue wissenschaftliche Psychologie heraus.

Zur damaligen Zeit wurde die Psychologie als ein Ableger der Philosophie betrachtet und nicht als Naturwissenschaft, doch der Vorkämpfer der »psychologie nouvelle«, Théodule Ribot, schickte sich an, dies zu ändern (Nicolas & Murray 1999, 277–301). Théodule wurde 1839 als Sohn eines Kleinstadtapothekers geboren und später von seinem Vater gezwungen, in den Staatsdienst zu gehen. Nach drei Jahren Plackerei kündigte er an, dass er nach Paris gehen und versuchen würde, an der Elitehochschule École normale supérieure aufgenommen zu werden. Zwei Jahre später erhielt Ribot einen Platz an dieser Universität, wo er schnell eine Abneigung gegen die vorherrschende, von Victor Cousin vertretene spiritistisch orientierte Philosophie entwickelte. Cousins Psychologie – eine seltsame Mixtur aus Vernunft und Glauben – vermischte Vorstellungen von der Seele und von Gott mit naturalistischen Darstellungen des Geistes.

Ribot konnte das nicht ertragen. Trotz der Anprangerung durch den ortsansässigen Klerus machte er sich auf die Suche nach einer Methode, durch die die Psychologie für wissenschaftliche Untersuchungen voll zugänglich würde. Ribot tauchte in die Schriften britischer Denker ein und erschien 1870 mit La Psychologie anglaise contemporaine (école expérimentale) (1) auf der Bildfläche. Ungeachtet des nüchternen Titels wurde das Buch von einem kühnen Manifest eingeleitet, das die Psychologie in Frankreich über Jahrzehnte bestimmen würde.

Konventionelle Vorstellungen sowohl der Philosophie als auch der Naturwissenschaft machten das objektive Studium des Geistes unmöglich, erklärte Ribot. Er attackierte Philosophien wie die von Descartes und Cousin und beharrte darauf, dass sich die Psychologie von der Metaphysik und Religion befreien müsse. Psychologen könnten nicht zu metaphysischen Fragen Stellung nehmen oder offen von der Seele sprechen; und sie könnten sich nicht auf die praxisfernen Methoden der Philosophie stützen, sondern müssten die naturwissenschaftlichen Methoden anwenden (ebd., S. 21–22).

Für all das hatte Ribot ein begieriges Publikum. Viele seiner Zeitgenossen waren bereit, ältere Philosophien der Seele zugunsten der naturwissenschaftlichen Erforschung über Bord zu werfen. Doch wie sollte die Psychologie in eine Wissenschaft umgearbeitet werden? Um diese Frage zu beantworten, griff Ribot eine andere Gruppe Kritiker auf, angeführt von Auguste Comte, dem glühenden Vordenker der Wissenschaft (Guillin 2004, S. 165–181). Obwohl er ein unstetes Leben als gesellschaftlicher Außenseiter führte, errang Auguste Comte außerordentlichen Einfluss auf die Intellektuellen, Politiker und Wissenschaftler des späten 19. Jahrhunderts. 1855 legte der Franzose einen Werdegang der gesamten menschlichen Erkenntnis dar und erklärte, dass Theologie, Mythen und Belletristik das primitivste Stadium bildeten, welches sich dann zum zweiten Stadium weiterentwickelte, das der metaphysischen Abstraktion. Schließlich würden die philosophischen Vorstellungen vom vollendeten Wissensstand übertroffen, der wissenschaftlich und »positiv« war. Comtes Konzept erhielt daher die Bezeichnung »Positivismus« (s. Comte 1855). Mit dem Aufkommen der Dritten Republik im Jahr 1870 wurde Comtes Vorstellung von der Entwicklung der politischen Elite Frankreichs als Muster sowohl für die Wissenschaft als auch für die soziale Reform angenommen.

Comtes Denken brachte Ribot in eine schwere Zwickmühle, denn der Begründer des Positivismus glaubte, dass der psychologischen Erkenntnis ein unlösbares Problem zugrunde lag. Psychologen bauten auf Selbstbeobachtungen, um Dinge wie Gedanken, Gefühle und Begehren aufzudecken. Genau solche innere Beobachtungen – das Wissen, das von einem sich selbst beobachtenden Geist stammte – erzeugten Subjektivität. Daher kam Comte zu dem Schluss, dass die Psychologie niemals objektiv sein könne, und seine kurze Bestandsaufnahme früherer Bemühungen schien diese vernichtende Feststellung zu stützen:

»Nach zweitausend Jahren des psychologischen Strebens ist kein einziges für ihre Anhänger befriedigendes Theorem aufgestellt worden. Bis zum heutigen Tag spalten sie sich in eine Vielzahl von Schulen auf und streiten sich noch immer über die absoluten Grundbegriffe ihrer Lehre. Diese innere Beobachtung lässt fast so viele Theorien entstehen, wie es Beobachter gibt« (ebd., S. 33).
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts musste jeder, der versuchte, die Grundlagen für eine wissenschaftliche Psychologie zu schaffen – John Stuart Mill in England, Franz Brentano in Österreich und William James in den Vereinigten Staaten eingeschlossen –, gegen Auguste Comtes niederschmetternde Anklage antreten.
mehr:
- George Makari, Revolution der Seele – Die Geburt der Psychoanalyse (FaustKultur, 21.12.2011)
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Der Text-Ausschnitt entspricht den Buchseiten 17–42, Kapitel 1.1.1 und 1.1.2. 
© Psychosozial Verlag
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siehe auch:
Kurzüberblick Psychologische Schulen (arbeitsblaetter.stangl-taller.at, undatiert)
Kleine Psychologiegeschichte 1000-1900 (Mueller Science, undatiert)
Die Theorie der Psychoanalyse (Post, 09.03.2018)
Sigmund Freud, Das Unbewußte (1915) (Post, 09.03.2018)
Gustave Le Bon – Psychologie der Massen (Post, 29.01.2018)
Sigmund Freud: » Ihm verdanken wir die umfassendste Theorie der Seele.« (Post, 31.01.2017)
Vor 116 Jahren: Sigmund Freud veröffentlich »Die Traumdeutung« (Post, 05.11.2015)
Bizarre Forschung – Showtime in der Nervenklinik (Fabienne Hurst, SPON, 22.01.2013)
- Charcot und die Ätiologie der Neurosen (Esther Fischer-Homberger, fischer-homberger.ch.galvani.ch-meta.net, 1971 – PDF)
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Mittwoch, 30. Oktober 2019

Matthieu Ricard: «Suchen Sie das Glück dort, wo es ist.»

Matthieu Ricard – vom Wissenschaftler zum buddhistischen Mönch | Sternstunde Philosophie, SRF Kultur {57:31}

SRF Kultur
Am 16.07.2015 veröffentlicht 
Er stand vor einer glänzenden Karriere als Wissenschaftler, doch er zog dieser das spartanische Mönchsleben im Himalaja vor. Seine Wahl gab ihm Recht: Neuropsychologen sagen, keiner habe ein so heiteres Gemüt wie er. Barbara Bleisch fragt den berühmten buddhistischen Mönch Matthieu Ricard nach seinem Rezept.
Sternstunde Philosophie vom 05.07.2015

siehe auch:
Mark Epstein – Buddhismus und Psychoanalyse (Post, 13.06.2015)
Matthieu Ricard: Das Glück als Lebenskunst (Post, 07.01.2015)
- Die fünf Hemmungen (Post, 06.11.2014)


Unsere Aktivitäten zu vereinfachen,
das bedeutet nicht,
in Trägheit zu verfallen,
sondern sich im Gegenteil von dem subtilsten Aspekt der Trägheit zu befreien:

Dem,
was uns tausend unwichtige Dinge tun lässt.  

Dienstag, 29. Oktober 2019

Psychoanalyse


"Eine Psychologie, für welche dies Buch (der vergegenständlichen Wesenskräfte des Menschen), also gerade der sinnlich gegenwärtigste, zugänglichste Teil der Geschichte zugeschlagen ist, kann nicht zur wirklich inhaltvollen und reellen Wissenschaft werden. Was soll man überhaupt von einer Wissenschaft denken, die von diesem großen Teil der menschlichen Arbeit vornehm abstrahiert und nicht in sich selbst ihre Unvollständigkeit fühlt, solange ein so ausgebreiteter Reichtum des menschlichen Wirkens ihr nichts sagt, als etwa, was man in einem Wort sagen kann: "Bedürfnis", "gemeines Bedürfnis"?" (MEW 40, S. 543).
Psychoanalyse will durch eine Beziehung zwischen Therapeut und Patient in einer analytischen Selbstreflexion Verdrängungen und Widerstände aufarbeiten und auflösen, die als individualpsychologisch begriffene Ursache von psychischen Störungen angenommen werden. Durch Einsicht in die Abwehrmechanismen der Psyche sei eine verbesserte Kontrolle der "Ich-Leistungen" möglich und durch diese eine Emanzipation aus einer psychischen Abhängigkeit zu ermöglichen.
"Wo ES war, soll ICH sein" (Sigmund Freud)
Psychoanalyse ist von daher eine "introspektive" Richtung der Psychologie, die sich von positivistischen, konstruktivistischen, interaktiven oder systemischen Ansätzen zur Erklärung der Psyche unterscheidet. Sie begründet sich im Erkenntnisinteresse der Aufklärung und will von daher einen "Irrationalismus" eines unbewussten psychischen Strebens aufdecken und erklären.
mehr:
- Psychoanalyse (Wolfram Pfreundschuh, Kulturkritik.net, undatiert)
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Inkompetenzkompensationskompetenz

Wer mit Humor denkt, darf sich auch Wortungetüme ausdenken: Zum Tod des Philosophen Odo Marquard


Ein Konservativer, das war Odo Marquard, rückwärtsgewandt ganz sicher nicht. Dass wir viel mehr von Traditionen als von Experimenten bestimmt sind, schien ein leitendes Prinzip der Karriere dieses Denkers zu sein, der bekannte, „Philosophie nach dem Ende der Philosophie“ zu betreiben: 1928 in Pommern geboren, ging Marquard 1965 gleich nach der Habilitation bei Joachim Ritter von Münster nach Gießen, wo er die nächsten 28 Jahre lang lehren sollte.

Auch Marquards Betonung der „Unvermeidbarkeit der Geisteswissenschaften“ mag manchem anachronistisch erscheinen, der diese Fächer, die „nicht oder noch nicht experimentieren“ – kurz die „erzählenden Wissenschaften“ – in Zeiten von Technoscience und empirischen Humanwissenschaften nur mehr als museale Veranstaltung ansieht.

Das aber würde verkennen, was Marquard als Grund für das absolut Zeitgemäße der philosophischen Fakultät ausmacht: Zwar waren die experimentellen Naturwissenschaften dem Philosophen historisch eine Herausforderung, und die Geisteswissenschaften zunächst nur eine Antwort. Dass es hier aber nicht um eine simple Reaktion, um Rückzugsgefechte gehen konnte, war die leitende Überzeugung Marquards: „Die Genesis der experimentellen Wissenschaften ist nicht die Todesursache, sondern die Geburtsursache der Geisteswissenschaften.“

Für den Postphilosophen sind sie nicht Opfer, sondern Resultat der Modernisierung und deshalb „unüberbietbar modern“. Keine Rückkehr hinter das, was verwaltete Welt und instrumentelle Vernunft aus dem Menschen gemacht haben, sondern ihre „Kompensation“. Kompensation sah Marquard überhaupt als zentrale Aufgabe der eigenen Zunft.

mehr:
- Inkompetenzkompensationskompetenz (Mladen Gladic, Welt, 13.05.2015)
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siehe auch:
- lnkompetenzkompensationskompetenz? Ober Kompetenz und Inkompetenz der Philosophie (Odo Marquard, Vortrag im Kolloquium »Philosophie - Gesellschaft - Planung«, Hermann Krings zum 60. Geburtstag, am 28.9.1973 in München, Giessener Elektronische Bibliothek, PDF)
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Samstag, 26. Oktober 2019

Gefühle sind nur Gefühle

Die Meditation hat zwei Aspekte: Der erste ist das Innehalten und zur Ruhe kommen, der zweite das tiefe, transformierende Schauen. Wenn Sie genügend Achtsamkeitsenergie besitzen, können Sie tief in jedes Gefühl hineinschauen und seine wahre Natur erkennen. Dann werden Sie in der Lage sein, es zu verwandeln.
Natürlich sind die Gefühle tief in uns verwurzelt.
Sie sind so stark, dass wir glauben, es nicht zu überleben, wenn wir sie einfach zuließen. Wir verleugnen und unterdrücken sie, bis sie schließlich explodieren und uns und andere verletzen. Aber ein Gefühl ist nur ein Gefühl. Es kommt, bleibt eine Weile und geht dann wieder. Warum sollten wir uns oder andere nur wegen eines Gefühls verletzen? Wir sind so viel mehr als unsere Gefühle.
Wenn wir tief schauen können, können wir die Ursachen unserer schmerzlichen Gefühle erkennen und mit der Wurzel ausreißen. Es kann bereits sehr hilfreich sein, uns lediglich darin zu üben, unsere Gefühle zu umarmen. Wenn wir in dem kritischen Augenblick, in dem wir das Gefühl empfinden, wissen, wo wir Zuflucht nehmen können, wenn wir ein- und ausatmen und unsere Aufmerksamkeit fünfzehn oder zwanzig oder gar fünfundzwanzig Minuten auf das Heben und Senken unserer Bauchdecke richten können, wird der Sturm vorüberziehen, und wir werden wissen, dass wir überleben werden. Gelingt es uns, starke Gefühle zu überwinden, erleben wir einen unerschütterlicheren Geistesfrieden. Sobald wir diese Praxis beherrschen, legt sich die Angst. Beim nächsten starken Gefühl wird es leichter. Wir wissen bereits, dass wir es überleben können.
Können wir entspannen, wenn starke Gefühle aufkommen, geben wir sie nicht an unsere Kinder und künftige Generationen weiter. Bleiben wir bei unserer Angst und unterdrücken sie, um sie dann explodieren zu lassen, geben wir sie an die jungen Menschen in unserer Umgebung weiter, die sie aufnehmen und ebenfalls weitergeben werden. Wissen wir dagegen mit ihr umzugehen, werden wir auch den geliebten und den jungen Menschen eher helfen können, ihre Angst zu bewältigen. Wir können ihnen zur Seite stehen und sagen: »Mein Liebling, atme mit mir ein und aus. Achte auf das Heben und Senken deiner Bauchdecke.« Weil sie Sie dabei beobachten können, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie Ihnen zuhören werden. Weil Sie da sind und Achtsamkeitsenergie und Festigkeit bieten, wird auch Ihre Tochter oder Ihr Partner die emotionalen Stromschnellen durchqueren können. Sie werden wissen, mit dem geliebten Menschen an ihrer Seite können sie das starke Gefühl überstehen – genau wie Sie. Sie leben vor, wie man im Angesicht der Angst ruhig bleibt, und lehren junge Menschen, ihre eigenen Stürme zu überstehen. Dadurch vermitteln Sie ihnen eine wertvolle Fähigkeit, die ihnen irgendwann vielleicht sogar das Leben retten wird.

[Thich Nhat Hanh, Der furchtlose Buddha, Arkana 2013, 3. Aufl. S. 116ff.] 

Sonntag, 20. Oktober 2019

50 Jahre "Dr. Sommer" Liebeskummer, Brüste und das erste Mal

Werde ich vom Küssen schwanger? Ist mein Penis zu klein? Fragen, die Teenager brennend interessieren, die sie ihren Eltern aber nie stellen würden, beantwortet seit 50 Jahren "Dr. Sommer". Zum Jubiläum verrät Klaus Mauder vom "Dr. Sommer"-Team n-tv.de, welche die drängendsten Fragen sind, wie Pornos das Sexleben der Jugendlichen verändern und wer sich hinter "Dr. Sommer" verbirgt.

n-tv.de: "Dr. Sommer" beantwortet jetzt bereits seit 50 Jahren Fragen in der "Bravo". Haben Teenager im Jahr 2019 die gleichen Probleme wie Teenager 1969?
Klaus Mauder: Die Fragen haben sich im Wesentlichen nicht verändert. Jugendliche haben während der Pubertät Probleme, die sich in jeder Generation wiederholen. Sie stellen vor allem Fragen zur körperlichen Entwicklung, der ersten Liebe oder zur Verhütung. Mit der Digitalisierung und dem Internet kamen natürlich neue Fragen dazu. Online flirten, sich im Internet verlieben - das sind ganz neue Möglichkeiten für Jugendliche, die aber auch wieder neue Fragen aufwerfen. Hinzu kommen Themen wie Sexting oder Cybermobbing.

Stichwort Internet: Sexuelle Inhalte sind heute viel leichter zugänglich als noch vor einigen Jahrzehnten. Führt das dazu, dass die Jugendlichen früher aufgeklärt sind oder verunsichert es eher?
Ich denke, das trifft beides zu. Dank des Internets kennen sich viele Teenager mit Verhütung und Co gut aus, sind aufgeklärt und informiert, aber auch verunsichert - und zwar immer dann, wenn es um sie persönlich geht, um ihre Fragen, um ihre Pubertät. Die können sie oft schwer ergoogeln. Denn wann ist denn nicht für irgendwen, sondern für mich persönlich der richtige Zeitpunkt für das erste Mal? Dazu kommt, dass Inhalte im Internet zum Thema Sexualität oft nicht altersgerecht aufbereitet sind. Vieles verwirrt dann eher, als dass es für Aufklärung sorgt.

mehr:
- 50 Jahre "Dr. Sommer" Liebeskummer, Brüste und das erste Mal (n-tv, 20.10.2019)

Mittwoch, 9. Oktober 2019

Linda Hamilton: "Ich bin bipolar, mein Gehirn läuft ohne Pause auf Hochtouren"

Ich bin im Haus meiner Eltern. Durch das Fenster sehe ich Arnold Schwarzenegger als Terminator auf das Haus zukommen, die Waffe im Anschlag. Schreiend vor Angst wache ich auf. Diesen Alptraum hatte ich nach den Dreharbeiten für den ersten Terminator-Film häufig. Ich war eine junge Schauspielerin und wusste nicht, wie ich die Gefühle meiner Figur wieder loswerden sollte.

Mein Traumleben war schon immer sehr intensiv. In meinen Träumen werde ich schikaniert, misshandelt oder bedroht, ich muss Tote essen oder habe Menschen ermordet. Und auch wenn die Träume nicht real sind – die Gefühle, die sie in mir auslösen, sind es sehr wohl.

Ich bin bipolar, mein Gehirn läuft ohne Pause auf Hochtouren. In meinem Kopf laufen dauernd Wortgefechte ab. Die überschüssige Energie in mir bricht sich auch in meinen Träumen Bahn. Ich glaube, sie haben mir geholfen, halbwegs gesund zu bleiben. Meine Träume sind eine Art nächtlicher Reinigung. Das Gift in mir, die Angst, die Wut, die Verletzlichkeit – all das fließt in meine Träume ein. Danach muss ich diese Gefühle nicht mehr im Alltag ausleben.

mehr:
- Linda Hamilton: "Ich bin bipolar, mein Gehirn läuft ohne Pause auf Hochtouren" (Protokoll: Jörg Böckem, ZON, 09.10.2019)