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Dienstag, 7. Januar 2020

Materialsammlung: Spannungsfeld Freud – Sartre – Laing

Seit es sie gibt, wird die Psychiatrie kritisiert – von Außenstehenden und von Psychiatern selbst. So schlossen sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts Laien zusammen und protestierten gegen die offensichtlichen Missstände in psychiatrischen Anstalten. 1894 etwa verfassten die Teilnehmer einer Konferenz in Göttingen die „Göttinger Leitsätze“. 1909 formierte sich eine Bewegung mit dem Ziel, „wahrheitsgetreue und beweisbare Mitteilungen über schlechte Behandlung, ungerechtfertigte Internierungen angeblich Geisteskranker, Entmündigungsangelegenheiten et cetera zu sammeln“. Den Anlass lieferte ein erregter Kranker, den man nach der Aufnahme in einer Anstalt vier Wochen lang auf einem Bett festband, weil der zuständige Arzt im Urlaub war. Die Kritisierten reagierten vor allem entrüstet darüber, dass eine solche Kritik verbreitet wurde.

Bereits 1914 beklagte Carl Gustav Jung die einseitige naturwissenschaftliche Ausrichtung der psychiatrischen Ausbildung, welche in dem Leitsatz „Geisteskrankheiten sind Hirnkrankheiten“ gipfele. Er konstatierte: „(. . . ) dass die schlimmsten Katatonien und Dementia-Fälle vielfach Produkte der Irrenanstalt sind, hervorgerufen durch den psychologischen Einfluss des Milieus (. . . ) Alle Bedingungen, die einen normalen Menschen unglücklich machen würden, haben auf einen Kranken eine ebenso unheilvolle Wirkung.“ Fünfzig Jahre später findet man ähnliche Positionen in der „Antipsychiatrie“-Bewegung wieder. Ronald Laing und David Cooper gelten als ihre Begründer. Doch nur Cooper hat sein Konzept so genannt, Laing lehnte die Bezeichnung „Antipsychiater“ für sich ab. Denn er war der Ansicht, dass man den Vertretern der traditionellen Psychiatrie nicht das Monopol auf die Bezeichnung „Psychiater“ überlassen dürfe.

Zwar überschneidet die „Antipsychiatrie“-Bewegung sich mit der internationalen Studentenrevolte der 1960er Jahre. Doch Laing, Cooper und etwa Franco Basaglia entwickelten ihre ersten Modelle bereits 1961 und 1962, als von einer Emanzipationsbewegung der Jugend noch kaum etwas zu spüren war. Unter dem Einfluss der Studentenbewegung wurden ihre Schriften freilich ins Deutsche übersetzt und in der Bundesrepublik gelesen.

mehr:
- Ronald D. Laing: Reise in den inneren Raum (Christof Goddemeier, aerzteblatt.de, Ausgabe September 2014, S. 410)
siehe auch:
[2] In Sartres Philosophie stehen das Subjekt und der Sinn, den das Subjekt seinen Handlungen und seinem Leben insgesamt gibt, im Zentrum. Die Existenzphilosophie i.w.S. seit Kierkegaard war die erste Philosophie, die das Subjekt so radikal ins Zentrum stellte. In einer Gegenbewegung zum Existenzialismus betonten die Strukturalisten (Foucault, Lévi-Strauss, Barthes, Althusser) die Bedeutung der unbewussten Strukturen. Für sie waren Subjekt und Sinn nur Schaumkronen, die über die alles entscheidenden Strukturen jedoch nichts aussagten. Sartre warf Foucault 1966 in Jean-Paul Sartre répond, entretien avec Bernard Pingaud vor, aus der Geschichte eine Geologie zu machen, in der der Mensch nicht mehr vorkommt. Sartre betonte zwar immer wieder, dass das An-sich resp. das Praktisch-Inerte sich gegen den Menschen und die Intention seiner Handlungen richten kann. Doch für ihn war das freie Subjekt mit seinen Handlungen das Schmieröl, das die Maschinerie der Geschichte am laufen hielt. Deshalb war für Sartre auch das (politische) Engagement des Individuums so wichtig – eine Ansicht, die Foucault, der punktuell politisch sehr aktiv war, wenn nicht theoretisch, so doch praktisch teilte. Mehrfach kam es zwischen Sartre und Foucault in den 70er Jahren zu politischer Zusammenarbeit (gegen Rassismus, für bessere Haftbedingungen, Gründung der Nachrichtenagentur Libération). Mit seinen Spätwerken L'Usage des plaisirs und Le Souci de soi (1984) rückte Foucault dann wieder das Subjekt und eine an der Selbsttechnik orientierte Ethik ins Zentrum seiner Betrachtungen.
Den Gegenschlag gegen die Strukturalisten führten ab Mitte der 70er Jahre die Nouveaux Philosophes (Glucksmann, Finkielkraut, B. H. Lévy), die radikal den Menschen und die Menschenrechte ins Zentrum ihrer politischen Philosophie stellten. Sie wandten sich auch gegen alle jene Linken, die zuliessen, dass zugunsten der Revolution über Leichen gegangen werden darf, und damit auch teilweise gegen Sartre und dessen Version der Verantwortungsethik.
Neben der spektakulären Nicht-Diskussion zwischen Sartre und Foucault, der oft als Sartres Nachfolger gesehen wurde, gab es jedoch eine wirklich, sich allerdings über mehrere Jahre (1960-71) hinweg ziehende echte Diskussion, jene zwischen Lévi-Strauss und Sartre. Lévi-Strauss kritisierte 1962 in La Pensée sauvage die Trennung zwischen analytischem und dialektischem denken. Für Lévi-Strauss gibt es letztlich nur analytisches Denken, und in diesem kann der Mensch nur Objekt sein. Entsprechend will Lévi-Strauss die Dialektik auch nicht auf den geisteswissenschaftlichen Bereich begrenzen. Demgegenüer hält Sartre daran fest, dass das analytische Denken, in dem der Mensch nur Objekt ist und das die Einzelwissenschaften auszeichnet, seine Vollendung erst im dialektischen Denken findet. In diesem ist der Mensch Subjekt-Objekt. Es fundiert in der Geschichte und der täglichen Praxis. Wie bei Heidegger hat es einen erlebnishaft-existentiellen Charakter. Dieses dialektische Denken ist die Besonderheit der Philosophie, womit Sartre auch die Philosophie gegen die Einzelwissenschaften behauptet. Dem Streit liegt letztlich die philosophische Unterscheidung zwischen Verstand und vernunft zugrunde. Von Platon bis Kant wurde der Verstand (noesis, intellectus, franz. entendement) als Wesenserkenntnis höher als die Vernunft (dianoia, ratio, franz. raison) als begriffliche-diskursive Bestimmung aufgefasst. Mit Kant dreht sich dieses Verständnis. Der Verstand als an Sinneseindrücke gebundenes Erkenntnisvermögen steht unter der Vernunft, die imstande ist, unabhängig von der Erfahrung Schlüsse zu ziehen. Hegel verband dann die Vernunft mit der Dialektik. Der Verstand steht für das positive, bestimmende Denken, die Vernunft für das negativ- dialektische, das sich in der Geschichte verwirklicht. In der Diskussion mit Lévi-Strauss übernahm Sartre Hegels Grundpositionen (wenn auch in der marxistischen Version) gegen dessen positivistische, szientistische Haltung.
[3] Das Aufkommen der Naturwissenschaften im 19. Jh. bildet eine schwere Bedrohung für die Philosophie als „Mutter der Wissenschaften“. Diese droht auf den Status einer Hilfswissenschaft abzusinken. Der Psychologismus verneint radikal die Möglichkeit eines unabhängigen, freien Denkens. Denken kann nicht mehr wahr oder falsch sein, sondern ist nur durch Motivationen begründet. Der Neukantianismus versucht die Selbständigkeit der Philosophie zu retten, indem er auf Kant und seine Trennung zwischen sinnlicher Wahrnehmung und Verstandesvorstellungen zurückgreift. Zu letzteren gehören die Kategorien der Quantität, Qualität, Relation und Modalität, die erst All-Sätze, Verneinung, Kausalität, Möglichkeit oder Notwendigkeit zulassen.  
[Alfred Betschart, Alfred Dandyk, Unaufrichtigkeit: Die existentielle Psychoanalyse Sartres im Kontext der Philosophiegeschichte, Würzburg: Königshausen & Neumann, 2002SartreOnline.com, undatiert – PDF, Fußnoten 2 und 3]
Jean-Paul Sartres Blick auf die Psychoanalyse des Sigmund Freud (Astrid Kanne, Nea Agora, 2001 – PDF)
- Existenzialismus und Transaktionsanalyse (Claudie Raimond, Deutsche Gesellschaft für Transaktionsanalyse, gekürzte Übersetzung, Oktober 1980 – PDF)
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Dienstag, 1. Mai 2018

Beziehungstrauma und Identitätsverlustangst

»Sie haben ein Beziehungstrauma«, offenbarte mir meine Therapeutin. Statt schockiert oder wütend zu sein, war ich sehr froh und erleichtert und wusste gleich, dass sie Recht hat. Endlich sagt mir mal jemand, was mit mir los ist, dachte ich und fühlte mich das erste Mal im Leben so richtig wahrgenommen und erfühlt. Bei meiner Therapeutin, die mit mir nach der NARM-Methode (dem Neuroaffektiven Beziehungsmodell nach Heller und Lapierre) arbeitet, hole ich das nach, was ich nie gelernt habe: Kontakt zum eigenen Körper aufnehmen, die Wahrnehmung und das Äußern eigener Bedürfnisse, Vertrauen zu gesunder wechselseitiger Abhängigkeit aufbauen, authentischen Selbstausdruck äußern und zu guter Letzt die Verbindung von Liebe und Sexualität zulassen. 

Ich habe kein Urvertrauen entwickeln können, für mich ist jede Begegnung mit einem Menschen mit Stress und Unsicherheit verbunden. Da ich von meinen primären Bezugspersonen ein unsicher-ambivalentes Verhalten übernommen habe (Kinder lernen durch Nachahmung), bin auch ich ein unsicher-ambivalenter Bindungstyp geworden. Unsicher-ambivalente Bindungstypen (nach dem Bindungsforscher John Bowlby gibt es noch unsicher-vermeidend und desorganisierte Bindungstypen) haben gleichzeitig zwei einander widersprechende Gefühle: Auf der einen Seite habe ich eine große Sehnsucht nach Nähe, auf der anderen Seite eine große Angst vor Autonomieverlust, ja Identitätsverlust, wenn ich der Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit nachgebe. Das führt zu einem dauernden lähmenden inneren Konflikt, der zu einer entsprechenden Handlungsunfähigkeit mit Gefühlen von Ohnmacht und Hilflosigkeit führt. Ich fühle eine große innere Leere, die ich mit Süchten voll stopfe, um den Schmerz nicht spüren zu müssen, der sich gebildet hat, weil ich nicht der sein durfte, der ich bin.
mehr:
- Beziehungstrauma (olli2308, welt.de/angst/community, Mai 2018)

Sonntag, 25. Februar 2018

Der depressive Mensch als Problemfall: Wer isoliert wird, isoliert sich

Österreich Ein Experiment im Oberen Waldviertel befreit Arbeitslose von ständiger Drangsalierung und Depression

Heidenreichstein mit etwa 4.100 Einwohnern ist eine verletzte Kleinstadt. Vor allem nach dem Kollaps der Industrie Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre hat sich der Ort im Oberen Waldviertel in Niederösterreich nie mehr richtig erholt. Die Arbeitslosenrate ist entsprechend hoch. Seit einigen Monaten läuft hier nun das Projekt „Sinnvoll tätig sein“ (STS), das jenseits gängiger Disziplinierungsmuster versucht, über 40 Langzeitarbeitslosen (in etwa ein Prozent der Bevölkerung) Perspektiven zu eröffnen, die sich doch von obligaten Erwartungshaltungen unterscheiden. Geleitet wird dieses Projekt, das offiziell als Kurs des AMS (Arbeitsmarktservice, das österreichische Pendant zur Bundesagentur für Arbeit) firmiert, von Karl Immervoll und der „Betriebsseelsorge Oberes Waldviertel“, die mit ähnlichen Initiativen schon einschlägige Erfahrungen sammeln konnten. Arbeitslose sollen nicht als Fälle oder gar Problemfälle wahrgenommenen werden, sondern als Menschen. Natürlich geht es auch um Arbeit und Arbeitsplatz – vorrangig jedoch um die Personen selbst. Nicht Was sollen wir? ist die entscheidende Frage, sondern Was wollen wir? Was will ich?
mehr:
- Das Ende der Angst (Franz Schandl, der Freitag 5/2018)

Montag, 2. Oktober 2017

Über die Wirkung von Meditation

Klinische Studien zeigen, dass Meditation einen positiven Einfluss auf unser Gehirn hat. Die Wissenschaft erforscht, inwiefern die mentale Praxis wirksam bei Schmerzen, Depressionen und Ängsten ist. Kann die Meditation möglicherweise Krankheiten heilen oder uns gar ganz vor ihnen bewahren? 

Die Meditation ist längst nicht mehr nur eine religiöse Praxis. Heute wird ihre Wirkung medizinisch erforscht, was vielleicht bald neuen Behandlungsverfahren den Weg bahnen wird. Psychiater, Neurologen und Molekularbiologen wie Jon Kabat-Zinn haben eine Reihe positiver Auswirkungen des Meditierens auf die Funktion des menschlichen Gehirns und Organismus beobachtet. Dank der neuen Erkenntnisse hielten Meditationstechniken in Europa und den USA auch Einzug in den Krankenhausalltag. Sie werden begleitend bei der Behandlung verschiedener Krankheiten wie Depressionen, Angststörungen oder auch bei chronischen Schmerzen eingesetzt. Wie aber kann der Geist den Körper beeinflussen, und bis zu welchem Grad? Die Forscher beginnen, die biologischen Mechanismen zu verstehen, die dabei eine Rolle spielen. Durch regelmäßiges Meditieren lassen sich Gefühle besser regulieren, was wiederum dazu führt, dass die schädliche Wirkung von Stresshormonen auf unser Immunsystem vermindert wird. Auf diese Weise, so der derzeitige Forschungsstand, ist die Meditation in der Lage, entzündliche Erkrankungen, Abwehrkräfte und sogar die Zellalterung positiv zu beeinflussen. Außerdem verändert Meditieren nachweisbar die Hirnareale und verlangsamt möglicherweise die Hirnalterung. Die Dokumentation begleitet verschiedene wissenschaftliche Experimente, erläutert die komplexen physiologischen Zusammenhänge zwischen dem meditierenden Gehirn und dem Organismus und zeigt, welche medizinischen Anwendungen derzeit bereits möglich sind.
mehr:
- Die heilsame Kraft der Meditation (Arte-Sendung vom 23.09.2017)
verfügbar auf der arte-mediathek bis 13.10.2017
siehe auch:
- Ein Psychotherapeut über Meditation und Achtsamkeit (Post, 28.08.2017)
- Placebos – Nicht nur die Welt, auch der eigene Körper findet im Kopf statt (Post, 31.01.2016)
Nirwana im Kernspin (Post, 10.06.2015)
- Freiheit bedeutet Kontrolle (Post, 19.04.2015)

Sonntag, 10. Juli 2016

Gewaltakte in der US-amerikanischen Gesellschaft: gehen uns die Schubladen aus?

Vom Amoklauf zum Terrorakt: Reflexionen zum Durchbruch der molekularen Form eines autodestruktiven Terrorismus 

Orlando war Mitte Juni Tatort des blutigsten Massakers, das in der jüngsten Geschichte der Vereinigten Staaten verübt worden ist. 49 Gäste des bei der LBGT-Community sehr beliebten Nachtclubs wurden von einem Amokläufer ermordet, der anscheinend ein Mitglied des Islamischen Staates war. Doch Omar Mateen, der 29-jährige Täter, bekannte sich zwar während des Massenmordes zum Islamischen Staat, ohne aber jemals - wie die CIA im Nachhinein ermittelte - direkten Kontakt mit der Terrororganisation gehabt zu haben.

Der amerikanischen Öffentlichkeit fiel es schwer, den Massenmord in Orlando eindeutig einzuordnen. Handelte es sich hierbei um einen jener Amokläufe, die in den Vereinigten Staaten inzwischen zur blutigen Routine geworden sind? Oder ist der selbst- und massenmörderische Gewaltexzess gegen Homosexuelle als ein islamistischer Terrorakt zu begreifen, da sich der Täter zum Islamischen Staat bekannte?

Ein ähnliches Tatmuster, bei dem isolierte Täter kurz vor ihren Massakern sich dem Islamischen Staat quasi symbolisch anschließen, war auch beim Amoklauf im kalifornischen San Bernardino festzustellen, dem im vergangenen Dezember 14 Menschen zum Opfer fielen. Die Täter, das Terrorpaar Syed Rizwan Farook und Tashfeen Malik, haben ebenfalls dem Islamischen Staat kurz vor der Tat Gefolgschaft geschworen, ohne direkten Kontakt zu diesem Terrornetzwerk zu haben. Das FBI sprach in diesem Zusammenhang von "einheimischen Terroristen", die durch ausländische Terrororganisationen "inspiriert" worden waren.

mehr:
- Fluchtpunkt Amok (Tomasz Konicz, Telepolis, 10.07.2016)

Breivik weint vor Gericht - Breivik cries in court [1:48]

Veröffentlicht am 16.04.2012
Gefühlsausbruch

Beachte: »Präsentierte sich meist kühl und bedacht und nutzte den Prozessauftakt zur Selbstinszenierung.«
siehe auch:
- Heute vor 100 Jahren – 14.10.2006: Hannah Arendt wird in Linden geboren (Post, 14.10.2006)
Anders Breivik – zurechnungsfähig oder nicht? (Post, 13.01.2012)
- Heute vor 50 Jahren – 31. Mai 1962: Hinrichtung Adolf Eichmanns in Jerusalem (Post, 31.05.2012)

Soziopathen und gesellschaftlicher Erfolg (Post, 01.05.2015)
Die nebelige Banalität des Bösen: Donald Rumsfeld (Post, 07.07.2016)

Mittwoch, 25. Mai 2016

Warum zum Teufel dürfen wir keine Angst und Zweifel haben?


Klar erleben wir lieber Glück, Freude, Liebe und Leichtigkeit. Aber deshalb Ängste und Zweifel zu ungewünschten Gefühlen zweiter Klasse abstempeln und vor ihnen weglaufen? Nein! Wenn wir unsere Ängste aushalten, macht uns das stärker.

Karrierekiller Angst?

Später an diesem Abend im April kam eine Frau auf mich zu, nahm mich spontan in die Arme und sagte mit Tränen in den Augen: „Sie glauben gar nicht, wie sehr es mich erleichtert, von Ihnen zu hören, dass Ängste sein dürfen! Danke!“

Bei solch einem Feedback wird mir besonders warm ums Herz. Denn, um ehrlich zu sein: Mit diesem Thema bin ich schon ziemlich missionarisch unterwegs. So auch an diesem Abend in Wien – circa 100 Menschen, Geschäftsführer, Führungskräfte und Personaler waren mein Publikum – Titel meines Vortrags: „Karrierekiller Angst?“.

Seit ich mein Buch „Angstfrei arbeiten. Selbstbewusst und souverän im Job“ geschrieben habe, ist mir dieses Thema enorm wichtig. Vermutlich jedoch aus anderen Gründen, als ihr jetzt glauben werdet. Es geht mir nämlich nicht in erster Linie darum, Menschen möglichst schnell von allen Ängsten und Zweifeln zu befreien. Klar lebt es sich besser ohne Ängste. Das kann aber nicht bedeuten, dass wir unsere Ängste so behandeln sollen, wie es ein Kollege von mir in einem Vortrag einmal vorschlug:
„Behandle Deine Ängste so, als ob sie lästige, unsinnige, überflüssige und nervtötende 

Phobien sind.“ 
Find ich gruselig, ganz ehrlich. 
Weil Ängste Emotionen sind, die wir ernst nehmen und in gewisse Weise sogar wertschätzen sollten, so paradox es klingen mag! Klar erleben wir lieber Glück, Freude, Liebe und Leichtigkeit. Aber deshalb Ängste und Zweifel zu ungewünschten Gefühlen zweiter Klasse abstempeln und weglaufen, wegschauen und verleugnen? Nein! Das haben sie nicht verdient, die Ängste.

Ich mag viel lieber den Indianerspruch:

„Der Weg ist dort, wo die Angst ist.“

Halten wir die Angst aus!

Hören wir hin, was sie uns zu sagen hat. „Da bist du also. Wozu bist du hier? Wovor willst du mich beschützen, wovor möchtest du mich warnen – was kannst du tun für mich?“ Nehmen wir sie ernst.

Wenn wir nämlich wie die Kinder die Ohren zuhalten, die Augen zukneifen und laut pfeifend singen „Ich hab gar keine Angst, sie ist gar nicht da, lalala!“, dann muss sie lauter werden. Muss mehr stören, sich bemerkbarer machen. Bis wir endlich hinhören. Und dann kommt sie zur Ruhe, teilt sich uns mit. Und dann werden auch wir ruhiger und es dürfen Mut und Vertrauen kommen.
mehr:
- Warum zum Teufel dürfen wir keine Angst und Zweifel haben? (Bettina Stackelberg, editionf.com, 25.05.2016)
siehe auch:
- xxx (Post, )
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Samstag, 14. Dezember 2013

Marina Abramović and Ulay

Ich bin auf einen Artikel auf »Zen-Garage« hingewiesen worden:
- MARINA ABRAMOVIC AND ULAY (Justin Fox, Zen-Garage, 08.03.2013)

© 2010 Scott Rudd
www.scottruddphotography.com
scott.rudd@gmail.com
Marina Abramovic and Ulay started an intense love story in the 70s, performing art out of the van they lived in. When they felt the relationship had run its course, they decided to walk the Great Wall of China, each from one end, meeting for one last big hug in the middle and never seeing each other again. 

At her 2010 MoMa retrospective Marina performed ‘The Artist Is Present’ as part of the show, where she shared a minute of silence with each stranger who sat in front of her. Ulay arrived without her knowing and this is what happened.

How I Became The Bomb - Ulay, Oh | Music Video



Das Original-Video aus dem Post habe ich übernommen, auf youtube findet sich eine andere Version mit weiteren Infos.

Ich empfehle, sich den Post einen Tag lang durch den Kopf gehen zu lassen und sich den zweiten Post über Marina Abramović erst dann anzusehen…

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Sonntag, 14. Juli 2013

Marina Abramović

Hier einige weitere Videos über Marina Abramović, die ich auf youtube gefunden habe:

Lady Gaga, die ich bisher als unter meiner Würde befindlich betrachtete, nahm an der gleichen Performance teil.


Lady GaGa talks about Marina Abramović {4:46}

Hochgeladen am 30.05.2010
Lady GaGa talks about Serbian artist Marina Abramović.


Relation in Time. Marina Abramović and Ulay {2:28}

Hochgeladen am 26.11.2010
Marina Abramović was born in 1946 in Belgrade, Yugoslavia. Since the beginning of her career, during the early 1970s where she attended the Academy of Fine Arts in Belgrade, Abramović has pioneered the use of performance as a visual art form. The body has been both her subject and medium. Exploring the physical and mental limits of her being, she has withstood pain, exhaustion and danger in the quest for emotional and spiritual transformation. As a vital member of the generation of pioneering performance artists that includes Bruce Nauman, Vito Acconci and Chris Burden, Abramović created some of the most historic early performance pieces and continues to make important durational works.

Abramović has presented her work with performances, sound, photography, video, sculpture and Transitory Objects for Human and Non Human Use in solo exhibitions at major institutions in the U.S. and Europe. Her work has also been included in many large-scale international exhibitions including the Venice Biennale (1976 and 1997) and Documenta VI, VII and IX, Kassel, Germany (1977, 1982 and 1992). In 1998, the exhibition Artist Body - Public Body toured extensively, including stops at Kunstmuseum and Grosse Halle, Bern and La Gallera, Valencia. In 2004, Abramović also exhibited at the Whitney Biennial in New York and had a significant solo show, The Star, at the Maruame Museum of Contemporary Art and the Kumamoto Museum of Contemporary Art, Japan.

Abramović has taught and lectured extensively in Europe and America. In 1994 she became Professor for Performance Art at the Hochschule fur Bildende Kunst in Braunschweig where she taught for seven years. In 2004 she was awarded an Honorary Doctorate from the Art Institute in Chicago.

She was awarded the Golden Lion for Best Artist at the 1997 Venice Biennale for her extraordinary video installation/performance piece Balkan Baroque‚ and in 2003 received the Bessie for The House with the Ocean View‚ a 12-day performance at Sean Kelly Gallery.

In 2005, Abramović presented Balkan Erotic Epic at the Pirelli Foundation in Milan, Italy and at Sean Kelly Gallery, New York. That same year, she held a series of performances called Seven Easy Pieces at the Guggenheim Museum in New York. She was honored for Seven Easy Pieces by the Guggenheim at their International Gala in 2006 and by the AICA USA with the "Best Exhibition of Time Based Art" award in 2007. Abramović's work is included in numerous major public and private collections worldwide. She was the subject of a major retrospective at the MoMA - The Artist is Present - from March 14 through May 31, 2010.

Marina Abramović lives and works in New York.


Art Marina Abramović Rhythm 0  {1:38}
 
Veröffentlicht am 04.08.2013

VIDEO OF THE ARTIST .....MARINA ABRAMOVIC
RHYTHM 0...1974

Marina Abramovic on Belgrade culture and her roots {10:26}

Veröffentlicht am 29.09.2012
Bonus footage taken from the 2012 documentary "Marina Abramovic. The Artist Is Present"

“An artist’s life Manifesto”, by Marina Abramovic. {3:15}

Veröffentlicht am 25.10.2015
1. An artist’s conduct in his life:  
– An artist should not lie to himself or others
– An artist should not steal ideas from other artists
– An artist should not compromise for themselves or in regards to the art market
– An artist should not kill other human beings
– An artist should not make themselves into an idol
2. An artist’s relation to his love life:
– An artist should avoid falling in love with another artist
3. An artist’s relation to the erotic:
– An artist should develop an erotic point of view on the world
– An artist should be erotic
4. An artist’s relation to suffering:
– An artist should suffer
– From the suffering comes the best work
– Suffering brings transformation
– Through the suffering an artist transcends their spirit

5. An artist’s relation to depression:
– An artist should not be depressed
– Depression is a disease and should be cured
– Depression is not productive for an artist
6. An artist’s relation to suicide:

– Suicide is a crime against life
– An artist should not commit suicide
7. An artist’s relation to inspiration:
– An artist should look deep inside themselves for inspiration
– The deeper they look inside themselves, the more universal they become
– The artist is universe
8. An artist’s relation to self-control:
– The artist should not have self-control about his life
– The artist should have total self-control about his work
9. An artist’s relation with transparency:
– The artist should give and receive at the same time
– Transparency means receptive
– Transparency means to give

10. An artist’s relation to symbols:
– An artist creates his own symbols
– Symbols are an artist’s language
– The language must then be translated
– Sometimes it is difficult to find the key

11. An artist’s relation to silence:
– An artist has to understand silence
– An artist has to create a space for silence to enter his work
– Silence is like an island in the middle of a turbulent ocean
12. An artist’s relation to solitude:
– An artist must make time for the long periods of solitude
– Solitude is extremely important
– Away from home
– Away from the studio
– Away from family
– Away from friends
– An artist should stay for long periods of time at waterfalls
– An artist should stay for long periods of time at exploding volcanoes
– An artist should stay for long periods of time looking at the fast running rivers
– An artist should stay for long periods of time looking at the horizon where the ocean and sky meet
– An artist should stay for long periods of time looking at the stars in the night sky

13. An artist’s conduct in relation to work:
– An artist should avoid going to the studio every day
– An artist should not treat his work schedule as a bank employee does
– An artist should explore life and work only when an idea comes to him in a dream or during the day as a vision that arises as a surprise
– An artist should not repeat himself
– An artist should not overproduce
– An artist should avoid his own art pollution

14. An artist’s possessions:
– Buddhist monks advise that it is best to have nine possessions in their life:
1 robe for the summer
1 robe for the winter
1 pair of shoes
1 begging bowl for food
1 mosquito net
1 prayer-book
1 umbrella
1 mat to sleep on
1 pair of glasses if needed
– An artist should decide for himself the minimum personal possessions they should have
– An artist should have more and more of less and less

15. A list of an artist’s friends:

– An artist should have friends that lift their spirits

16. A list of an artist’s enemies:
– Enemies are very important
– The Dali Lama has said that it is easy to have compassion with friends but much more difficult to have compassion with enemies
– An artist has to learn to forgive

17. Different death scenarios:
– An artist has to be aware of his own mortality
– For an artist, it is not only important how he lives his life but also how he dies
– An artist should look at the symbols of his work for the signs of different death scenarios
– An artist should die consciously without fear

18. Different funeral scenarios:
– An artist should give instructions before the funeral so that everything is done the way he wants it
– The funeral is the artist’s last art piece before leaving

Ulay & Marina [PT-BR subs] {22:13}

Veröffentlicht am 18.03.2013
'Marina Abramović: The Artist is Present' (http://imdb.to/XLiapa) four excerpts, with Марина Абрамовић (http://www.marinaabramovicinstitute.org/) and Frank Uwe Laysiepen (http://www.ulay.si/). 
"Nightsea Crossing/Conjunction. 1981-1987/1983": http://j.mp/11b9pYE | "The Great Wall Walk. 1988/2008": http://j.mp/11b9xaG | "The Artist is Present. 2009": http://j.mp/11b67EH
"Walking through walls -- Marina Abramović's performance art" (by Judith Thurman): http://nyr.kr/WRWdGxhttp://j.mp/11b003k

Marina Abramovic - ARTIST IS PRESENT (La muraglia cinese) {3:44}


Veröffentlicht am 19.09.2012
Marina Abramovic - ARTIST IS PRESENT (La muraglia cinese)

Marina Abramovic: The Abramovic Method, my body, my performance, my testament | Exclusive interview {9:16}

Veröffentlicht am 20.03.2012
Watch Lady Gaga performing the Abramovic Method - http://vimeo.com/71919803 
The Abramovic Method is the artist's will, the climax of an awesome career, which leads Marina Abramovic to Milan for an exhibition and an unmissable live performance. Check out our exclusive interview with Marina!

Check out Bonsai TV on YouTube: www.youtube.com/bonsaitv


Marina Abramovic | Interview | TimesTalks {10:40}


Veröffentlicht am 05.04.2013
Marina Abramovic talks about her work, her collaborations and the future of performance art with New York Times culture reporter Patricia Cohen -- www.timestalks.com. Marina Abramovic has used her own body as a medium, pushing herself beyond her limits. After her landmark retrospective at MoMA in 2010, she collaborated with director Robert Wilson, singer-composer Antony Hegarty and performer Willem Dafoe, to create an experimental opera based on her biography. The work, "The Life and Death of Marina Abramovic," will be performed at Luminato in Toronto June 14-17.

weitere Teile des Interviews

Das Einbetten des Videos »Marina Abramović at the Smithsonian's Hirshhorn Museum and Sculpture Garden« [Link] wurde auf Anfrag deaktiviert.


Marina Abramović with Sir Norman Rosenthal (FULL) | 92Y Talks [1:24:21]

Veröffentlicht am 27.06.2013
http://92Y.org/Talks | Marina Abramović spoke with Sir Norman Rosenthal at 92Y on Jun 26, 2013. 

On performance art, Marina explained: "It's all about energy. And energy is something which is invisible. You can't hang it like a painting on a wall. You have to feel it."

Does she describe herself as a political artist? Mr. Rosenthal asked at one point. "No, I don't want to be in any category," Marina told him. "I'm not political artist. I'm not a social artist. I'm not this, I'm not that. You know, the art has to have complexity and have many, many layers at the same time. Otherwise there will be just one. If it's political, it's like old newspaper; you read today and tomorrow it's old."

For more videos like this, subscribe to our channel here: http://www.youtube.com/subscription_c...

Marina Abramovic - A Conversation {1:35:42}


Hochgeladen am 21.11.2011
Informal discussion with the performance artist for GSD students, led by Sanford Kwinter.

11/17/11

Marina Abramović: Advice to the Young {8:45}

Veröffentlicht am 27.10.2013
Follow your intuition. Have courage. Do what you imagine. And always be completely present in the moment. Marina Abramović on what it really means to be an artist: "A great artist has to be ready to fail."

Meet the charismatic performance artist Marina Abramović in this interview on what it means to be an artist, waking up each morning with an urge to be creative.

Abramović says that the most courageous act in the history of mankind was Christopher Columbus discovering America, which was in fact a mistake, since they went into the unknown believing they would reach India. She also explains how the best advice she received as a student was to never allow things to become routine.

A good artist will have one really good idea in their life, while a brilliant artist may have two, so one has to be careful with the ideas, Abramović says. She explains that she always does the work she is most afraid of, which is most different to what she has done before. Finally Abramović adds that the performing artist has to be completely present in the moment, and cannot be thinking of the next step. You have to follow intuition, have courage and do what you imagine.

Marina Abramović (1946) became world famous after her retrospective 'The Artist is Present' at MoMA in 2010, which was followed by a documentary film premiering in 2013. Abramović began her career in the early 1970s and has recently begun to describe herself as the 'grandmother of performance art'. Abramović's work explores the relationship between performer and audience, the limits of the body and the possibilities of the mind. To Ambramovic the purpose of art is the transformation of the artist and of the viewer.

Marina Abramovic was interviewed by Christian Lund in New York, September 2013.

Photography by René Johansen.

Editing by Kamilla Bruus.

Produced by Christian Lund, 2013.

Copyright: Louisiana Channel, Louisiana Museum of Modern Art.

Supported by Nordea-fonden.
aktualisiert am 11.06.2017

Sonntag, 9. Dezember 2012

Die Steinpalme

Es war Spätnachmittag, und es war ein Wind aufgekommen, der leise über die Haare streicht und auf dem Gesicht eine Ahnung von Kühle hinterläßt.


Es war die Zeit, die zum Erzählen verführt, ja, die Lust auf Märchen wurde so zwingend, daß alle den weisen Rahman baten, doch eine seiner wundervollen Geschichten zu erzählen. Der kluge alte Mann lächelte. Er überlegte einen Augenblick und rief dann: "Wir treffen uns an der Steinpalme, wenn die Feuer angezündet werden"

"Steinpalme? Was bedeutet das?" riefen sie hinter dem Alten her.

"Sucht sie!" Er sagte dies schon im Fortgehen. "Sucht sie. Der Baum ist nicht zu verfehlen."

Noch ehe die Nacht plötzlich hereinfiel, hatten sie den Baum gefunden. Neben den vielen Palmen am Strand, die in ihrer schlanken Schönheit wie winkende Frauen zu sein schienen, stand diese eine etwas abseits, doch so, daß ihre starken, dunkelgrünen Blattfächer die neben ihr stehenden Bäume leicht berührten.

Es war eine eigenartig geformte Palme! Sie wirkte gedrungen, mit einem mächtigen Stamm und starken Fächern, die in ihren Bewegungen sichtbare Mäßigung zeigten und nichts von der Heiterkeit hatten, die alle anderen Palmen so weiblich machte.

Das Merkwürdigste aber war die Krone der Palme! Der Baum neigte sich mit seinen Blattfächern zur Mitte hin.

"Seht nur genau hin", sagte der alte Erzähler, der sich in ihre Mitte gesetzt hatte, "achtet auf das nächste Wehen des Windes."

Und sie konnten es sehen!

Als der Wind die Fächer der Bäume etwas auseinanderwehte, da sahen sie es: im Herzen der Palme, dort, wo sonst die neuen, hellgrünen Triebe aus der Mitte des Stammes nach oben drängten, lag ein mächtiger, rötlicher Stein, ein Stein, wie unzählige am Strand herumlagen.

Rahman ließ keine Zeit zum Fragen. Mit einer weiten Armbewegung zeigte er, daß sich alle im Kreis setzen sollten. Ein Feuer wurde in der Mitte angezündet, und.die Nacht kam schnell und fiel über alles wie ein dunkles Tuch.

Der Schein des Feuers erreichte den Stamm der großen Palme und malte auf den Schuppen bizarre Zeichen: Wenn eine Flamme hell aufflackerte, konnte man die Krone des mächtigen Baumes ahnen.

"Ihr wollt wissen, wie der große Stein dort oben hinaufgekommen ist?" begann Rahman seine Erzählung. "Nun, dies geschah vor vielen, vielen Jahren, als diese mächtige Palme noch ein winziger Bäumling war. Hier waren damals noch keine Häuser, und es gab auch noch keinen Brunnen. Nur einige Palmen standen am Strand. Ihnen und dem kleinen Palmbaum genügte das, was sie aus dem Sandboden an Nahrung und vom Himmel an Feuchtigkeit bekamen.

Die kleine Palme liebte das Meer und die Musik des Wassers. Sie liebte den leisen Wind an den Spätnachmittagen und die plötzlich hereinbrechende, oft kalte Nacht mit ihrer schattenlosen Dunkelheit. Und sie liebte den Mond in den klaren Nächten, dessen Licht harte Umrisse malt und auf dem Meer lange Streifen zieht; die eine Ahnung von Unendlichkeit geben.

Der kleine Baum wußte, daß wenige Meter hinter ihm die Wüste war. Aber er hatte keine Vorstellung von ihr, er wußte nicht, was wasserlos und leer bedeutete. Er war ein kräftiger, glücklicher Palmenschößling.

Bis zu dem Tag, an dem der Mann kam!

Er kam durch die Wüste. Er war tagelang umhergeirrt, hatte sein Hab und Gut verloren und war vor Durst und Hitze fast um den Verstand gekommen. Seine Hände brannten wund vom vergeblichen Graben nach Wasser, und alles an ihm war grenzenloser Schmerz. So stand er vor dem Wasser, vor dem endlosen, weiten, salzigen Wasser.

Der Mann warf seinen ausgedörrten Körper in das Wasser hinein, aber in seinem Mund mit den aufgerissenen Lippen und der dickpelzigen Zunge brannte der Durst, den das Salzwasser nicht stillen konnte. Da packte ihn ein rasender Zorn. "Ich habe Anspruch auf Wasser!" schrie er. "Ich will leben, weil ich einen Anspruch darauf habe!"

Er griff nach einem großen Stein. Sein Zorn gab ihm Kräfte, die sein ausgedörrter Körper kaum noch hergeben konnte, und er schrie, schrie über die Grenzenlosigkeit des Wasser, schrie gegen die Unauslöschbarkeit der Sonne, schrie gegen die Wüste und hinauf zu den unerreichbaren Kronen der Palmen. Drohend hatte er den Stein erhoben. Seine Arme zitterten, und es schien, als wolle alle Kraft ihn endgültig verlassen. Da sah er neben den großen Palmen, zwischen Geröll und Sand, den Palmenschößling stehen in hellem Grün und voller Hoffnung auf jeden neuen Tag.

"Warum lebst du?" schrie der Mann. "Warum findest du Nahrung und Wasser, und ich verdurste hier? Warum bist du jung und schön? Warum hast du alles und ich nichts? Du sollst nicht leben!"

Mit aller noch vorhandenen Kraft preßte er den Stein mitten in das Kronenherz des jungen Baumes. Es knirschte und brach. Es war, als vervielfachte sich das Knirschen und Brechen bis in die Unendlichkeit der Wüste und des Meeres. Und dann kam eine entsetzliche Stille!
Der Mann brach neben der kleinen Palme zusammen. Zwei Tage später fanden ihn Kameltreiber – man erzählt, daß er gerettet wurde.

Von den Treibern hatte sich keiner um den kleinen, zerschmetterten Palmbaum gekümmert. Er war unter der Last des Steines fast begraben, sein Tod schien unausweichlich. Seine hellgrünen Fächerblätter waren abgebrochen, und in der heißen Glut der Sonne verdorrten sie schnell. Sein weiches Palmenherz war gequetscht, und der große Stein lastete so schwer auf dem zierlichen Stamm, daß er bei jedem leisen Windhauch abzubrechen drohte.

Doch der Mann hatte die kleine Palme nicht töten können. Er konnte sie verletzen, aber nicht töten.

Als sich in dem jungen Baum das entsetzliche Geräusch der brechenden Zweige, das Zerfasern der jungen Triebe und der brennende Schmerz zusammenballten, als alles eine ungeheure, wolkenähnliche Masse von Schmerz und immer wieder Schmerz war, da regte sich gleichzeitig, daneben, ohne Verbindung zum Schmerz und allen zerstörenden Geräuschen, eine erste kleine Welle von Kraft. Und diese Welle vergrößerte sich, fiel in die Wellenbewegung des Schmerzes, wuchs, machte die Pausen zwischen Schmerz und wieder Schmerz länger und länger, bis die Kraft größer wurde als der Schmerz. Der Baum versuchte, den Stein abzuschütteln. Er bat den Wind, ihm zu helfen. Aber es gab keine Hilfe. Der Stein blieb in der Krone, dem Herzen der kleinen Palme, und rührte sich nicht.

"Gib es auf sagte sich die kleine Palme, "es ist zu schwer. Es ist dein Schicksal, so früh zu sterben. Füge dich! Laß dich selber los. Der Stein ist zu schwer."

Aber da war eine andere Stimme, die sagte: "Nein, nichts ist zu schwer. Du mußt es nur versuchen, du mußt es tun."

"Wie soll ich es tun?" fragte die Palme, "der Wind kann mir nicht helfen. Ich stehe allein in meiner Schwachheit. Ich kann den Stein nicht abwerfen."

"Du mußt ihn nicht abwerfen", sagte wieder die andere Stimme, "du mußt die Last des Steines annehmen. Dann wirst du erleben, wie deine Kräfte wachsen."

Und der junge Baum nahm in all seiner Not seine Last an und verschwendete keine Kraft mehr an das Bemühen, den Stein abzuschütteln. Er nahm ihn in die Mitte seiner Krone. Er klammerte sich mit langen, kräftiger werdenden Wurzeln in den Boden, denn er brauchte mit seiner doppelten Last einen doppelten Halt.

Dann kam der Tag, an dem sich die Wurzeln der Palme so tief gesenkt hatten, daß sie auf eine Wasserader stießen. Befreit schoß eine Quelle nach oben, und sie hat diesen Platz hier zu einem Ort der Freude und des Wohlstands gemacht.

Nun, als der Baum festen Halt im Grund hatte und dort dauernde Nahrung fand, begann er, nach oben zu wachsen. Er legte breite, kräftige Fächerzweige um den Stein herum. Man konnte manches Mal meinen, daß er den Stein beschütze.

Sein Stamm gewann mehr und mehr an Umfang, und mochten auch alle anderen Palmen am Strand höher und lieblicher sein, der Palmbaum, den die Leute bald die Steinpalme nannten, war unbestritten der mächtigste Baum. Seine Last hatte ihn herausgefordert, und er hatte den Kampf gegen seinen Kleinmut aufgenommen. Er hat diesen Kampf gewonnen. Er hat eine Quelle freigelegt, die seither den Durst vieler löscht, und, was sicher das Wichtigste ist, der Baum hat seine Last angenommen und hoch hinausgetragen. Sie liegt auch heute noch auf seinem Herzen, aber sie ist in seinem Dasein an eine Stelle gerückt, die sie tragbar macht. Nur die äußere Last erscheint uns untragbar. Ist sie angenommen, wird sie ein Teil von uns selbst."

Rahman, der Erzähler, legte beide Hände an den Stamm der großen Palme. Das Feuer war fast niedergebrannt. Die Zuhörer verließen einer nach dem anderen den Platz. Nur einer blieb noch. Er war spät gekommen und hatte etwas abseits gesessen.

Er setzte sich nun zu Rahman, und beide saßen lange ohne Worte.

"Ich bin der Mann, der den Stein auf die Palme gedrückt hat" sagte der Mann. Ich hatte es vergessen, doch deine Erzählung weckte alles wieder auf. Was soll ich tun? Ich fühle Schuld."

"Dann trage diese Schuld, wie der Baum den Stein", antwortete Rahman. "Nimm die Schuld an. Versuche, soviel du vermagst, davon in Liebe zu verwandeln. Vergiß dabei nicht, daß Liebe etwas ist, das man tun muß. Es nützt nichts, sie nur zu erkennen, und um ihre Notwendigkeit zu wissen. Liebe ist Leben und wächst allein aus dem Tun."

Die Männer saßen noch lange unter der Palme, und es war ein leichter Wind, der das Feuer wieder zum Brennen brachte.