Sonntag, 20. April 2008

Beziehungsknatsch oder …

Der unbewußte Paß in die Tiefe des Raumes

[…] Dabei ist die Freundin, ähnlich wie der Kurschatten, zunächst nur ein Selbsthilfeversuch und eine taktische Möglichkeit im Ehekrieg. Merkwürdiger- und bezeichnenderweise sorgt nämlich derjenige, der fremd geht, unbewußt dafür, daß der Partner das erfährt: Durch einen Brief, ein Bild oder eine Telefonnummer, die man »versehentlich« in der Tasche oder sonstwo liegen läßt, durch angeblich anonyme Telefonanrufe, merkwürdige Zeitplanungen, phantasiereiche aber durchsichtige Alibis … Neue oder außereheliche Partnerschaften sind einerseits der Versuch, die eigenen Schwierigkeiten mit einem anderen Partner zu lösen, gleichzeitig aber auch eine sehr indirekte und mißverständliche Liebeserklärung an den »alten« Partner (»Kümmere dich mehr um mich! So geht es nicht weiter!«). Sie sind aber oft nur eine Wiederholung der alten Schwierigkeiten, eine unveränderte Neuauflage, »mehr Desselben« (nach Watzlawick). So wie es eine Patientin ausdrückte, nachdem sie während einer stationären Psychotherapie ihre vierte Scheidung hinter sich gebracht hatte: »Merkwürdig - es waren immer die gleichen Typen!« Am Anfang der Partnerschaft gab es noch Unterschiede zwischen den vier Partnern, am Ende der Beziehung, wenn sie mit ihren Männern vor dem Scheidungsrichter stand, waren sie gleich geworden. Jeder schafft sich eben immer wieder mit den verfügbaren Partnern und Möglichkeiten seine eigene Welt!


Geheime Schwierigkeiten und Hoffnungen

Die Schwierigkeiten in der Partnerschaft liegen oft nicht am Partner, sondern tiefer, sozusagen in einer gemeinsamen Tiefe. Der Züricher Paartherapeut Jürg Willi hat in seinen Büchern über die Zweierbeziehung Partnerschaften als Kollusionen beschrieben (nach lat. colludere: spielen mit …, unter einer Decke stecken mit …), als ein geheimes Zusammenspiel zur Lösung eines gemeinsamen unbewußten Grundkonfliktes. Das bedeutet, daß beide Partner, beide Eheleute eine gemeinsame Schwierigkeit haben, die ihnen aber unbewußt ist. Bei Adam und Eva ging es um die gemeinsame Aufgabe, ganz Mensch in der Zweisamkeit zu werden. Bei der Kollusion, dem geheimen Zusammenspiel, übernimmt und lebt einer der Partner die aktive Rolle, der andere die passive. Das erklärt auch, warum der Volksmund meint: »Gleich und Gleich gesellt sich gern« und »Gegensätze ziehen sich an!« Gleich ist in der Partnerschaft der Grundkonflikt, gegensätzlich sind die gelebten Lösungsmöglichkeiten. Dabei kann – wie bei Adam und Eva – die vermeintlich schwache Frau insgeheim die Führung übernehmen, und der vermeintlich starke Mann ist vorwiegend das, was seine Frau aus ihm macht (Ich weiß, wovon ich rede!). Diese nach vorwärts oder rückwärts gerichteten Selbstheilungsversuche scheitern schließlich doch durch die Wiederkehr und die Dennochdurchsetzung des Verdrängten. Partnerschaftliche Schwierigkeiten können dann zu psychosomatischen Symptomen und Erkrankungen führen oder zu schwerwiegendem »krankhaften« Verhalten.


Partner sind bedarfsgerecht

Im Rahmen der Neurosenlehre hat man sogar von »neurotischer Partnerwahl« gesprochen. Dabei ist das vermeintlich Neurotische etwas zutiefst Menschliches. Jeder Partner sucht sich seine Ergänzung, sucht seine (bessere) Hälfte. Von der Neurosenlehre her gesehen bedeutet das, daß z. B. vorwiegend schizoid Strukturierte von vorwiegend depressiv Strukturierten angezogen werden und umgekehrt. Denn jeder hat das, was dem anderen fehlt. Der kühle zurückhaltende Schizoide sucht die Wärme und Gebefreudigkeit des Depressiven, der überanstrengte Depressive sucht die Abgrenzungsfähigkeit und Sicherheit des Schizoiden. Ähnlich ist es bei Partnerschaften zwischen vorwiegend zwanghaft Strukturierten und vorwiegend hysterisch Strukturierten. Der Zwanghafte soll in das Chaos des hysterischen Partners mehr Ordnung bringen, der hysterische Partner soll mehr Leben und Farbe in die im Ordnungssinn erstarrte Welt des Zwanghaften bringen. Andererseits ist die Partnerin, der Partner im narzißtischen Bereich (im Bereich der eigenen Großartigkeit) eine lebensnotwendige Aufwertung. Der von seiner Großartigkeit überzeugte Narzißt heiratet den ihn bewundernden Komplementär-Narzißten, also seine eigene Fan-Gemeinde, die die schmerzliche Lücke im Selbst füllt. Wenn dieser im Grunde gesichtslose Lückenfüller eigene Bedürfnisse entwickelt, wird er für den Narzißten unbrauchbar.
An diesen Beispielen wird deutlich, daß es in der Partnerschaft um gegenläufige Wünsche geht, deren gleichzeitige Erfüllung unmöglich ist. So gesehen ist jede Partnerschaft ein Selbsthilfeversuch. Gelingt er, dann nennt man das eine glückliche Ehe, gelingt er nicht, dann wird daraus ein manchmal behandlungsbedürftiger Partnerkonflikt. In der Behandlung dieser Partnerkonflikte wird dann oft deutlich, daß es gleichzeitig geheime und geheimste Zusätze zum Ehevertrag gibt, die sich gegenseitig ausschließen und zu allem Unglück auch noch unbewußt sind. Es kann also nicht darüber gesprochen werden, aber jeder besteht auf der Erfüllung seiner unbewußten und (damit) unerfüllbaren Forderungen.


Geheime und streng geheime Zusätze zum Ehevertrag

Die geheimen Forderungen, die geheimen Zusätze zum Ehevertrag haben etwa folgenden Wortlaut: »Ich will Dich als Partner oder Ehepartner, weil du … und damit du…«. Die streng geheimen Zusätze lauten dann: »Ich mache Dir die Erfüllung meiner Forderungen so schwer wie möglich oder sogar unmöglich, weil ich Angst vor dieser neuen Erfahrung habe.« Bei Adam könnte der geheime Zusatz in etwa so gelautet haben: »Ich will Dich als meine Partnerin, weil du ein Geschenk des Himmels bist und damit du mir im Paradies den Himmel auf Erden bereitest.« Der streng geheime Zusatz wäre dann gewesen: »Ich werde Dir dabei überhaupt nicht helfen. Wenn Du mich brauchst, bin ich nicht da. Wenn es schwierig wird, sage ich kein Wort. Wenn du abrutschst, mache ich daraus einen Absturz.« Evas geheimer Zusatz zum Ehevertrag hätte lauten können: »Ich will dich als Partner, weil du männlich und stark bist und damit du mir die Sterne vom Himmel holst.« Der streng geheime Zusatz in ihrem Vertrag: »Ich neige zu Alleingängen. Ich werde dich oft überfahren, ich werde dich nicht fragen, ich werde bestimmen. Ich werde dich scheitern lassen, ohne daß du ein Wort zu sagen brauchst!«
Was ist aus diesen gegenläufigen, widersprüchlichen, unerfüllbaren Forderungen bei Adam und Eva geworden? Der Sündenfall, die Vertreibung aus dem Paradies, ein mühevolles Leben nach dem Absturz. Wie viele Ehepaare beklagen, daß sie gerade das Gegenteil dessen erreicht haben, was sie wollten. Dabei haben sie es mit Hilfe der geheimen und der streng geheimen Zusätze zum Ehevertrag fast unausweichlich angesteuert. […]

aus einem Vortrag von Dr. med. Wolfgang Scherf, gehalten auf dem 54. Psychotherapie-Seminar in Freudenstadt, 1997
(auf seiner Seite kann man sich auch den ganzen Text ansehen)


Samstag, 19. April 2008

Psychotherapie? Geiz ist ja sooo geil …

Da ist mir doch grad nochmal eine Rede von Prof. Geyer in die Hände gefallen. Hier ein Ausschnitt, ziemlich lang, doch er dürfte sich für Psychotherapie-Interessierte lohnen:

… Als heilkundliche Disziplin trägt die Psychotherapie immer noch schwer an ihrer langen randständigen, um nicht zu sagen, exotischen Existenz außerhalb der medizinischen Wissenschaft und der dort geltenden ökonomischen Kreisläufe (Geyer 1996). Es ist naheliegend, daß angesichts begrenzter materieller Ressourcen jene Therapieformen, die nicht zu den etablierten gehören, unter Verweis auf nicht geklärte Effektivität (also ihre Eignung. ein gesetztes Behandlungsziel zu erreichen) und mangelnde Effizienz (also die Relation von Aufwand und Nutzen) von den Fleischtöpfen ferngehalten werden. Dieser ökonomisch begründete Zwang zur wissenschaftlichen Legitimierung einer vergleichsweise jungen Disziplin war zunächst für die Disziplin selbst vorteilhaft. Ihre Verfahren gehören hebe zu den um besten untersuchten in der Medizin überhaupt und das bezieht sich auch auf die ökono-mischen Aspekte der Psychotherapie (Lamprecht 1996). Die wissenschaftlichen Hauptverfahren der Psychotherapie – psychoanalytisch begründete Psychotherapie und Verhaltenstherapie – haben in über 4000 klinisch kontrollierten Studien ihre Wirksamkeit bewiesen. Je nach Störungstyp rangieren die Heilungsraten zwischen 80 bis 95% bei funktionellen Störungen, zwischen 75 und 85% bei Neurosen und 60 bis 70% bei psychosomatischen Krankheiten und Persönlichkeitsstörungen. Besserungen in Symptomatik und im Verhaltensbereich sind bei mehr als 85% der Patienten aller Störungsgruppen nachzuweisen. Vergleicht man Kosten und Nutzen von Psychotherapie auf der Wirksamkeitsebene (Break Even d = .22) liegt für ambulante Psychotherapie die Effektstärke bei d = .80 (Smith et al. 1980), bei der stationären Psychotherapie bei d = 1,20, d.h. das Ergebnis übersteigt den Kosteneinsatz bei stationärer Psychotherapie um das Fünffache (Wittmann 1996). Die von der BfA durchgeführten Untersuchungen bezüglich der poststationären Leistungsfähigkeit im Erwerbsleben weisen auf respektable Langzeitergebnisse stationärer Psychotherapie hin. In dieser Statistik erreichten Patienten mit der Diagnose Neurose (n = 12.511 Patien-ten) in 85,1% ein vollschichtiges Leistungsbild im zuletzt ausgeübten Beruf. Von den Patienten mit funktionellen Syndromen (n = 4.438 Patienten) wurden 91,4% als vollschichtig leistungsfähig eingeschätzt. Die Rehabilitationsverlaufsstatistik (EU/BU – Berentung) bei psychischen Erkrankungen zeigt, daß von den behandelten Fällen mit funktionellen Syndromen als Erstdiagnose nur 7,9% und bei den Psychoneurosen 12 % der Patienten innerhalb von 5 Jahren vorzeitig aus dem Arbeitsleben ausscheiden (Zielke 1993; 1999). Psychotherapie ist nicht nur eine der effektivsten Therapiemethoden in der Medizin. Sie gehört darüber hinaus zu den Maßnahmen mit der besten Kosten Nutzenrelation (Zielke 1999).

Trotzdem betrachten nicht nur ihre direkten Konkurrenten die Psychotherapie als ein Ort, von dem aus sich epidemisch der Virus ungezügelter Ansprüchlichkeit ausbreitet. Der ungehinderte, d.h. unmittelbare Zugang zur Psychotherapie war auch in besseren Zeiten nicht einmal Privatversicherten erlaubt. Wer dieses Luxusgut direkt und ungeprüft konsumieren will, wie es mit Leistungen lang etablierter Fächern selbstverständlich ist, soll es gefälligst selbst bezahlen. Die moderne Psychotherapie hat es also bislang weder in der Medizin noch der übrigen Gesellschaft geschafft, wenigstens die offensichtlichen und greifbaren Mißverständnisse auszuräumen, die ihre bessere Behandlung in der Öffentlichkeit behindern. Ich möchte nur zwei Fehleinschätzungen nennen, die sich in folgenden landläufigen Meinungen zeigen. 1 . Die Notwendigkeit von Psychotherapie entstehe – so heißt es – erst in Gesellschaften, die wohlhabend sind, entsprechend auch erst in Bevölkerungsgruppen, deren existentielle Grundsicherung nicht mehr in Frage steht. 2. Psychotherapie sei eine teure und – vom Nutzen her betrachtet – eher unsichere Behandlungsmethode, die sich auch nur reiche Gesellschaften bzw. Bevölkerungsgruppen leisten können bzw. sollten. Kurz: Psychotherapie habe mit der medizinischen Grundversorgung nichts zu tun und sei eher eine zusätzliche Methode.

Betrachten wir die Fakten, die dem widersprechen. Von der nachgewiesenen Wirksamkeit der wissenschaftlichen Methoden habe ich schon gesprochen. Glücklicherweise gibt es aber inzwischen auch wissenschaftlich aussagekräftige epidemiologische Studien über die weltweite Verbreitung psychotherapiebedürftiger Störungen und Krankheiten. Im Gegensatz zu dem, was die meisten Politiker und Ärzte glauben, gehören über 90% der Störungen, die uns beruflich beschäftigen – also Neurosen, Somatisierungsstörungen, Psychosen etc. – offensichtlich zu den Universalien menschlicher Existenz und sind demzufolge nicht nur kulturunspezifisch, sondern auch schichtunspezifisch. Sie kommen also gleichermaßen in armen wie in reichen Ländern, in armen wie in reichen Bevölkerungsschichten, in allen Kulturen und auf allen zivilisatorischen Entwicklungsniveaus in etwa der gleichen Häufigkeit vor (Sartorius et al. 1996). Nur wenige psychogene Störungen – z.B. die Bulimie – zeigen eine gewisse kulturelle Spezifität. Es gibt zwar zwischen Erdteilen manche deutliche Unterschiede in der Häufigkeit einzelner Diagnosen, andererseits aber auch bemerkenswerte Übereinstimmungen.

Die Übersichten (Sartorius et al. 1998) zeigen schlüssig, daß nicht davon ausgegangen werden kann, daß psychotherapiebedürftige Krankheiten etwas mit dem Wohlstand von Bevölkerungen zu tun haben. Man kann aus diesen Ergebnissen der weltweiten epidemiologischen Forschungen schlußfolgern, daß nicht der Psychotherapiebedarf, sondern allein die Zugänglichkeit zur Psychotherapie von ökonomischen Faktoren abhängig ist. Ein zweites gesundheitspolitisches Grundmißverständnis von Psychotherapie betrifft deren Kosten. In manchen Regionen Deutschlands bekommt ein Patient unkomplizierter ein neues Herz implantiert als daß er eine Psychotherapie erhält. Dabei stehen die Kosten der Psychotherapie als Versorgungsleistung – sei diese ambulant oder stationär – in einem geradezu idealen Verhältnis zu ihrem Nutzen. Betrachten wir zunächst die Kosten: Die durchschnittliche ambulante Psychotherapie, die in Deutschland um 40 – 50 Stunden dauert, kostet je nach Punktwert zwischen 1.200,– und 6.000,– DM. Für die stationäre Psychotherapie bezahlen die Kassen im Reha–Bereich und der Akutversorgung zwischen 11.000 und 25.100 DM. Diese Ausgaben könnten von den Kassen als Rationalisierungsausgaben verbucht werden, denn Psychotherapie ist in den meisten Fällen keine Maßnahme, die eine zusätzliche Leistung darstellt, sondern die andere und zwar meist teurere medizinische Leistungen, verdrängt bzw. ersetzt. Entsprechende volkswirtschaftliche Untersuchungen und Berechnungen zeigen nämlich, daß z.B. durch eine stationäre Psychotherapie je nach Berechnungsweise zwischen 13.000,– DM und 42.240,– DM volkswirtschaftlicher Nettonutzen entsteht, d.h. für eine durchschnittlich 15.000,– DM kostende Therapie werden Kosten für Medikamente, Operationen, Pflegeleistungen, Produktivitätsverluste und Arbeitsunfähigkeit gespart, die über das Doppelte der Therapiekosten hinausgehen (Wittmann 1996, Zielke 1999). Betrachtet man nüchtern diesen unabweisbaren Sachverhalt, wird unverständlich, warum der allgemeine Rationalisierungsdruck im Gesundheitswesen sich besonders stark auf psychotherapeutische Leistungen auswirkt. Wäre es nicht volkswirtschaftlich wie versicherungsökonomisch vernünftig, Psychotherapie in der Medizin in großem Umfang als Kostendämpfungsfaktor zu nutzen? Diese Frage wird uns beschäftigen müssen, weil sie uns zu den realen Machtverhältnissen in Medizin und Gesellschaft führt. Die derzeitige Situation in den USA führt uns teilweise groteske Auswirkungen eines Rationalisierungsprozesses vor Augen, der Krankheitskosten dämpfen soll, in Wirklichkeit aber den Versicherungskonzernen dazu verhilft, auf Kosten von Ärzten und Patienten enorme Gewinne zu erwirtschaften. Die Versicherer bzw. die als Kostenträger auftretenden Gesellschaften, die in den USA die sogenannte Managed care – Medizin betreiben, also sich die billigsten Leistungsanbieter suchen und ihre Mitglieder zwingen, nur diese Angebote zu nutzen, genehmigen Psychotherapie in maximal 3 Stundenpaketen. Nach jeweils 3 Stunden wird erneut die Frage der Notwendigkeit und Nützlichkeit diskutiert, was im positiven Falle zur Gewährung weiterer 2 bis 3 Stunden führt und generell bei einem Kontingent von 20 Stunden aufhört. Vereinzelt werden Kontrolleure der Nützlichkeit und Notwendigkeit direkt in die psychotherapeutischen Sitzungen plaziert (Iglehart 1994). Diese Restriktionen verweisen auf die Ohnmacht der Psychotherapeuten als Leistungsanbieter und die Macht der sogenannten Kostenträger. Sie sind jedoch nicht nur mit Demütigungen der Psychotherapeuten und ihrer Patienten verbunden. Wie die große Consumers Report–Studie (Seligman 1995) deutlich ausweist, sind die im Rahmen des Managed care durchgeführten Psychotherapien deutlich weniger effektiv als die Psychotherapien anderer Versicherer ohne diese Restriktionen. Hier haben wir den eher seltenen Fall einer direkten gesundheitsschädlichen Auswirkung einer von bestimmten ökonomischen Interessen gesteuerten Versorgungspraxis. Wie in der Industrie, so gelingt auch in der Medizin die Rationalisierung am schnellsten über den Abbau der menschlichen Arbeitskraft. Das gibt den Care Managern zunächst einmal recht. Kurzfristig wird Geld gespart. Diese Gesellschaften werden auf diese Weise sehr profitabel. Aber es existiert noch ein anderer ökonomischer Effekt: Die rigorose Verdrängung der Psychotherapie aus der Grundversorgung sichert die Pfründe des medizinischindustriellen Komplexes, also der Pharmaindustrie und Medizintechnik. Deren Wachstum muß und darf Medizin immer teurer machen. Ihre Aktien kann man mit der sicheren Erwartung auf etwa doppelt so hohe Wertsteigerungen kaufen wie alle anderen.


Aus einem Vortrag von Prof. Michael Geyer auf den Lindauer Psychotherapiewochen, 25. 30.4.1999 Lindau. Seit 1990 ist Michael Geyer er Professor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Direktor der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatische Medizin der Universität Leipzig.

Freitag, 18. April 2008

Immer wieder die Männer …

Angeregt durch die Diskussion in der letzten Sendung des »philosophischen Quartetts« vom 29.10.06 mit dem Thema »Weltproblem Radikalismus«, an dem auch Gunnar Heinsohn teilnahm, hier einige Links zu seinem Buch »Söhne und Weltmacht« aus dem Jahr 2003:

bei single-generation
zum Artikel »Machen junge Männer Krieg« in der Literaturabteilung der Zeit
bei learnline (da gibt’s auch einen Vortrag zum Thema zum Runterladen)

und noch ein Artikel von Heinsohn selbst: »Finis Germaniae?« aus dem Zeit-Feuilleton

Zum Schluß sei auch auf eine Gegenmeinung verwiesen: bei perlentaucher

Mittwoch, 16. April 2008

Aggressive Gesellschaften auf der Psychocouch


Terror und Krieg, Unterdrückung und Gewaltausbrüche sind nicht die Ursachen, sondern sind die Symptome für gesellschaftliche Krankheitszustände. So sehen es die kritische politische Psychologie und die mit ihr verbundene Psychohistorie. Typische Vertreter dafür sind Arno Gruen, Horst-Eberhard Richter, Alice Miller und – als Begründer der Psychohistorie – der amerikanische Politikwissenschaftler und Psychoanalytiker Lloyd deMause. Er kritisiert die traditionelle Geschichtswissenschaft und das traditionelle Denken in den Sozialwissenschaften, DeMause will historische Vorgänge durch eine methodisch begründete Analyse der bewußten und unbewußten psychologische Motive der geschichtlich Handelnden begreifen. Das bringt ihm von Seiten der etablierten Wissenschaften, die sein Vorgehen unwissenschaftlich finden, heftige Kritik und Ablehnung der Psychohistorie ein. Doch wer die Herangehensweise, die Erkenntnisse und die Perspektiven verfolgt, die deMause entwickelt, wird seinen psychohistorischen Ansatz zweifellos ergiebig und bereichernd finden.

In seinem neuen Buch über »Das emotionale Leben der Nationen«, das sein Denken glänzend zusammenfaßt, beantwortet deMause die Frage, warum es zu kriegerischen und terroristischen Ereignissen kommt und wie Kriege und Gewaltpotential überwunden werden können. Der Golfkrieg wird von ihm als »emotionale Störung« beschrieben. Sie hat damit zu tun, daß eine bestimmte in der Nation untergründig vorhandene Bereitschaft auf einen ebenso gewaltbereiten Anführer trifft. Die nationale Bereitschaft wird dabei durch den gleichen Anführer oder seine Vorgänger herbeigeführt. Ronald Reagans Kindheit war »ein Albtraum von Vernachlässigung und Mißbrauch, in seinem Fall beherrscht von einer religiös besessenen Mutter und einem gewalttätigen Alkoholiker-Vater«, der ihn mit dem Stiefel zu treten pflegte und ihn und seinen Bruder verdrosch. George H. Bush wurde von seinem Vater regelmäßig mit einem Gürtel oder Rasierabziehriemen auf den Hintern geschlagen. Permanente Angst vor dieser Situation wurde zum ständigen Lebensbegleiter. Dieser Disposition von Persönlichkeiten entspricht auf der anderen Seite eine vorhandene oder herbeigeführte Disposition der nationalen Stimmung. So gehen bestimmte Formen der Kindererziehung und ihre Traditionen mit bestimmten kollektiven Stimmungen und Gefühlen der Depression, der Schuld, der Angst, der Panik vor der Strafe eine Verbindung ein, die in Krieg, Terror und Gewaltanwendung ihr Ventil und ihre Fortsetzung finden. Sie wurzeln ihrerseits in schweren Defekten, Belastungen und Mißbräuchen, also in seelischen Verwundungen (Traumata) der Kindheit.

DeMause beschreibt die «Wiederaufführung früher Traumata in Krieg und sozialer Gewalt« eingehend und überzeugend. Passagenweise erspart deMause den Lesern nicht eingehende Beschreibungen körperlicher und seelischer Gräuel, die in der Vergangenheit bis heute Kindern angetan werden. Das Votum für Hitler wird begreifbar als Wahl eines phallischen Führers in einer depressiven Zeit. Das Töten von Behinderten, Juden, Sinti und Sozialisten versteht deMause als Ausdruck einer manischen Phase, in der »nutzlose Esser« beseitigt werden, damit die Täter von nichts und niemandem aufgehalten und verunsichert werden können. So ziehen Gruppen und Nationen in den Krieg, um sich für erlittene Kindheitstraumata zu rächen und sich von Gefühlen eigener Sündhaftigkeit zu befreien – »in der Hoffnung auf Reinigung und Wiedergeburt durch die Opferung dessen, was den ›schlechten‹ Teil ihres Selbst repräsentiert«. Auch das Christentum spielt hier eine unrühmliche Rolle. Wenn es gelänge, Eltern darin zu unterstützen, ihren Kindern liebevoller und einfühlender zu begegnen, dann ließe sich die Gewalt eindämmen und die Ablehnung von Krieg und Terror vermitteln. Doch das verlangt »Investitionen in das wahre Vermögen der Nationen«. Kostenlose Elternschaftszentren, kostenlose universale Schulen, Respekt vor Kindern: Das und nicht der Antiterrorkrieg würde unsere Welt sicherer machen.

Norbert Copray

Das Buch ist über den Publik-Forum-Bücherdienst zu beziehen, Best.-Nr. 7368

Dienstag, 15. April 2008

Mama, darf ich weg?

Als die Analytiker begannen, sich von Papa Freud zu emanzipieren, sagten sie: "Im Mittelalter haben sie immer Aristoteles zitiert anstatt wissenschaftliche Beobachtungen zu machen. Wir machen das besser und hören auf, immer den Alten zu zitieren und gucken selbst mal nach, was bei den Kindern los ist." So begann die Säuglingsforschung und damit auch ein Teilgebiet derselben, die Bindungsforschung.
Bei der Bindungsforschung werden Säuglinge einige Zeit lang unter genau festgelegten Untersuchungsbedingungen allein gelassen. Dann schaut man, wie sie sich verhalten, wenn Mama wieder da ist. Aus dem Verhalten der Säuglinge läßt sich dann auf die Art der Beziehung zwischen Mutter und Kind (die Art der Bindung) schließen.
Die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist nämlich mal zuerst eine, die durch die völlige Abhängigkeit des Säuglings gekennzeichnet ist. (Das wird jetzt auch nicht mehr so absolut gesehen, ich lasse es der Einfachheit halber mal so stehen.) Das, was der Säugling und später das Kleinkind tut, wir nämlich in hohem Maße davon geprägt, ob Mama und Papa das o.k. finden oder nicht. Denn nur, wenn die das o.k. finden, wird das Kind ja mit Zuneigung belohnt. (Dabei spielt keine Rolle, ob wir das gut finden oder nicht.) Jetzt stellen wir uns eine Mutter vor, die mit ihrem Mann Probleme hat, und zwar dergestalt, daß sie den Eindruck hat, daß sie von ihm nicht so viel Liebe und Zärtlichkeit bekommt, wie sie das gerne hätte. Jetzt könnte sie versuchen, das mit ihrem Mann zu klären, aber die Versuche, an der Situation etwas zu ändern, zeigen nicht den gewünschten Erfolg. Dann ist da ja noch das Kind. Gottseidank! Das kann man knuddeln, so oft man möchte, das reagiert – zumindest am Anfang – dankbar auf jegliche Zuwendung, und bei dem Kind hat frau ja auch nicht in dem Maße das Gefühl, Bettler zu sein und was zu wollen. Dem Kind kann frau (jawohl, hier geht es meist um Frauen) ja jede Menge Zuwendung und Zärtlichkeit geben (und bekommen) und sich dabei noch als wohlmeinende und fürsorgliche Mutter fühlen. Wir haben also eine Frau, die das Kind als sogenanntes Ersatzobjekt mißbraucht. (Aufgepaßt: Hier sind die Grenzen fließend, und wir tun das wohl alle mal!) Aber trotzdem, möglichst einfach weiter: Die Mutter möchte also ein immer verfügbares Liebesobjekt haben, und vom Mann kriegt sie nicht, was sie haben möchte. Was liegt dann also näher, als sich dem Kind zuzuwenden. Das fängt irgendwann aber mal an zu krabbeln, kommt in die Schule, will bei Freunden übernachten, kurz: es wird selbständiger. Da müssen wir ja was gegen unternehmen, sonst kommt uns unser frei verfügbares Kuscheltier abhanden. Also entwickeln wir Ängste, es könnte was passieren, z.B. daß das Kind von der Schaukel oder der Rutsche fällt oder das es von der Mauer runterplumpst oder sonstwas. (Das Ganze geschieht natürlich, wie sollte es auch anders sein, unbewußt.) Was passiert nun mit dem Kind? Es sieht, wenn es von der Schaukel oder der Rutsche oder der Freundin zurückkommt (und auch schon viel früher!), daß Mama ein besorgtes oder traurig-verletztes oder überängstliches Gesicht macht. Aha, hier war was nicht o.k. Wahrscheinlich ist die Welt gefährlicher als ich das mitkriege mit meinem kleinen Gehirn oder ich tu’ der Mama weh, dabei will ich doch ein liebes Kind sein.
Die Art also, wie unsere Eltern mit unserem Selbständiger-Werden umgehen, hat Auswirkungen darauf, wie wir später mit der Welt umgehen: freudig-gespannt und erwartungsvoll oder ängstlich und zögerlich, weil es ja da draußen sehr rauh zugeht und ich nur im Schutz meiner Eltern die Chance habe, in dieser feindlichen Umgebung zu überleben.

So, daß war der Versuch Bindung und Bindungsforschung zu erklären. Mit wissenschaftlich korrekter Sprache geht es in dem Artikel "Kindheit bestimmt das Leben" weiter.

Montag, 14. April 2008

Therapievergleich: Wirkungsvolle Langzeittherapien

Längere Psychotherapien sind noch wenig erforscht. Deshalb haben die Autoren sich mit den Langzeitwirkungen von Psychotherapie befasst. Verglichen wurden Verhaltenstherapien (VT) und Psychoanalysen (PA) von insgesamt 62 Patienten mit Angststörungen und/oder Depressionen. Die Therapien dauerten im Mittel 2,4 Jahre und 63 Stunden (VT) beziehungsweise 3,6 Jahre und 209 Stunden (PA). Obwohl die PA-Patienten im Mittel einen mehr als dreifachen Behandlungsaufwand hatten, standen für sie Aufwand und Nutzen der Therapie in einer vernünftigen Beziehung. Zwölf erfahrene Psychoanalytiker und vier Verhaltenstherapeuten mit Kassenzulassung führten die Therapien in der eigenen Praxis durch. Die Forscher prüften zu Behandlungsbeginn, nach einem, nach 2,5, nach 3,5 und nach sieben Jahren das Ausmaß der Symptombelastung. Beide Behandlungsformen waren erfolgreich. Die Patienten zeigten nach 3,5 Jahren signifikante Symptomveränderungen, die bis zur letzten Messung stabil blieben. Auf die signifikante Verringerung der Symptome folgten in einer der beiden Gruppen noch weitere Fortschritte: "Bei den psychoanalytisch behandelten Patienten verbesserte sich die interpersonale Problematik nach 3,5 Jahren noch weiter, während die verhaltenstherapeutisch behandelten Patienten keine weiteren Verbesserungen bei sich beobachteten", so die Autoren. Trotz dieser Erfolge begannen 31 Prozent der PA-Patienten, aber nur zwölf Prozent der VT-Patienten nach der Behandlung eine neue Therapie.

aerzteblatt.de, PP 5, Ausgabe März 2006, Seite 112

Sonntag, 13. April 2008

Freuds strukturelles Modell

Bekannter als das jungianische Persönlichkeitsmodell ist das psychoanalytische Modell nach Sigmund Freud: es wird als strukturelles Modell bezeichnet und besteht aus den drei Instanzen Es, Ich, und Über-Ich.

Der Bereich der primären Impulse, der triebhaften Grundbedürfnisse wird als Es bezeichnet. Neben den körpernahen Bedürfnissen wie Hunger, Durst, Ausscheidung sind hier vor allem die emotionalen Grundbedürfnisse nach Abhängigkeit und nach Autonomie, die sexuellen und aggressiven Bedürfnisse sowie die narzißtischen Bedürfnisse (nach stabiler und akzeptabler Identität) maßgeblich. Das Es wird regiert durch das Lustprinzip, es ist auf Lustgewinn und Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet, ohne die Barrieren zu beachten, die die Realität oder die Moral setzen. Die Inhalte des Es sind unbewußt und lassen sich beim Erwachsenen nur indirekt erschließen. Sie entstammen teilweise den körperlichen und angeborenen Quellen, teilweise sind sie über Verdrängung erworben. Anschaulich gemacht werden können die Inhalte des Es im Verhalten des Kleinkindes, sofern es seine elementaren Bedürfnisse noch relativ unzensiert ausleben darf. Beim Erwachsenen zeigen sie sich vorwiegend in seinen Träumen, Phantasien, Erinnerungen, Fehlleistungen („Freud’scher Versprecher“) oder in der spezifischen neurotischen Symptomatik.


Das Über-Ich umfaßt den normativen Bereich des Menschen, die - meist durch die Eltern vermittelten - Normen und Wertvorstellungen. Es enthält auch das Ich-Ideal, also die Werte und Ziele der individuellen Persönlichkeitsentwicklung, das innere Vorbild. Diese Normen und Ideale wirken teils bewußt, teils unbewußt (z. B. unbewußte Schuldgefühle).


Das Ich hat den Kompromiß zwischen den emotionalen Grundbedürfnissen (Es), den Einschränkungen durch die eigene Moral (Über-Ich) und den Erfordernissen und Realitäten der sozialen und materiellen Umwelt zu leisten. Es stellt den Brückenbauer zwischen den Gegensätzen dar, findet sich aber auch in der Schraubzwinge zwischen Es und Über-Ich wieder. Das Ich ist am Realitätsprinzip orientiert, das heißt es wählt solche Handlungen aus, die unter den gegebenen Bedingungen ein möglichst hohes Ausmaß an Lust und möglichst minimale Unlust (z. B. als schlechtes Gewissen) versprechen, um so die Impulse des Es befriedigen zu können. Weitere Funktionen des Ich sind die Kontrolle der körperlichen Funktionen (speziell der Motorik) und das Denken. Das Ich ist dabei überwiegend bewußt oder vorbewußt, in Bezug auf die Abwehr dagegen meist unbewußt. Die Impulse des Es werden durch das Ich an den Wertmaßstäben des Über-Ich bewertet und zensiert, wenn sie als zu fremdartig, bedrohlich oder ängstigend erscheinen, müssen sie vom Ich abgewehrt werden.


Diese Abwehr findet in jedem Menschen tagtäglich statt und ist per se nicht als krankhaft zu bezeichnen. Bei einer neurotischen Erkrankung wird man allerdings eine stark verfestigte, rigide und lebenseinschränkende Abwehr vorfinden. Verschieden Formen der Abwehr werden als unbewußte Abwehrmechanismen bezeichnet, einige sollen hier beschrieben werden: der wohl bekannteste Abwehrmechanismus ist der der Verdrängung: eine innere angstmachende Vorstellung, Trieb- oder Affektregung wird ins Unbewußte abgewehrt (z. B. werden Haßgefühle gegenüber den Eltern verdrängt, wenn das Über-Ich entsprechend rigide ausgeformt ist). Die Verleugnung dagegen betrifft die zeitweilige Abwehr äußerer angstauslösender Vorkommnisse (z. B.: ein schwer erkrankter und aufgeklärter Patient gibt vor einer Operation an, niemals aufgeklärt worden zu sein). Bei der Projektion werden eigene unerwünschte Impulse und Gefühle unbewußt anderen Personen zugeschrieben. Dieses ist besonders gut in Paarstreitigkeiten zu beobachten, wo dem jeweils anderen Partner die aggressiven Seiten zugeschrieben werden. Wenn inakzeptable Regungen entgegengesetzte Verhaltensweisen auslösen, spricht man von Reaktionsbildung. Ein Beispiel ist das betont freundlich-interessierte Verhalten gegenüber dem Prüfer im Physikum, den man eigentlich in Grund und Boden wünscht. Wird der konfliktmachende Impuls auf eine weniger bedrohliche Person gerichtet, wird dieser Vorgang Verschiebung genannt (z. B. wenn der vom Praktikumsleiter gerügte Medizinstudent später seine Freundin ohne Anlaß zurechtweist). Bei der Rationalisierung wird für die eigene Verhaltensweise eine rationale Rechtfertigung gegeben, die gefühlsmäßigen Beweggründe bleiben unbewußt (wenn beispielsweise der Psychologiestudent als Motiv seiner Studienwahl die zunehmende seelische Verrohung der Menschen angibt, sich aber durch das Studium eigentlich die Lösung der eigenen Neurose erhofft). Schließlich die Regression: vor dem unlustvollen Impuls wird auf eine Wiederbelebung früherer Entwicklungsstufen ausgewichen (z. B. zu beobachten bei deutlich gesundenden Krankenhauspatienten, die sich weiterhin füttern oder anziehen lassen wollen). Die Regression spielt bei der Entstehung einer neurotischen Symptomatik eine entscheidende Rolle, wie auch bei deren Veränderung im Rahmen einer Psychoanalyse.


Aus Tewes Wischmann, Was wirkt aus der Tiefe der Seele? - Eine Einführung in tiefenpsychologisches Denken


Samstag, 12. April 2008

Realitätsinterpretation: Das Unwetter an der Theiß

Im Jahre 1728 berichtete die Berliner „Vossische Zeitung“ (Nr. 105) aus Ungarn (Szegedin):
„Eines Schusters Sohn spielte mit anderen Knaben auf der Gasse und ließ verlauten, daß er Wetter [Unwetter] machen könne, welches ein anderer Knabe zu Ohren faßte; und da noch selbigen Tages ein hartes Wetter kam, welches alle dortigen Weingärten zu Boden schlug, erzählte es der eine Knabe seinem Vater, daß des Schusters Sohn gesagt, er könne Wetter machen. Dieser zeigte es sofort bei der Obrigkeit an, woraufhin nicht nur der Knabe, sondern noch viele, die er angab, verhaftet wurden. Man verhörte sie wegen ihrer Hexerei auf der Folter [‚entsetzlich scharf'’], wodurch sie bewogen wurden, horrende Sachen zu bekennen, daher das Urteil erging, daß 13 von ihnen, 6 Hexenmeister und 7 Hexen, verbrannt werden sollten … jetzt sitzen noch 28 im Gefängnis.“
Dazu der „Hamburgische Correspondent“ (1728, Nr. 139):
„Es wurden drei Scheiterhaufen eine Stunde vor der Stadt an der Theiß aufgerichtet, allwo in der Mitte eines jeden ein großer Pfahl eingegraben stand; an jeden Pfahl wurden auf einem jeden Haufen 4 Malefikanten mit Stricken angebunden … Darauf wurden alle drei Haufen zugleich angezündet und in volle Flammen gesetzt; und obwohl die Malefikanten eine starke Viertelstunde in den umgebenden Flammen gelebt, so hat man dennoch nicht das geringste Geschrei von ihnen gehört … Es sind noch 8 in Haft … Gestern sind weitere 20 gefangen worden.“
aus Orthband, Geschichte der großen Philosphen, Verlag Werner Dausien,  Hanau, 1979?, S. 311

Freitag, 11. April 2008

Wer ist hier der Chef?

… Der Engländer … schrieb folgendes alte Distichon auf und gab es mir zu lesen:

›Discite grammatici cur mascula nomina cunnus
Et cur femineum mentula nomen habet.‹

(Sagt mir, Grammatiker, warum ›cunnus‹ [weibliche Scham] männlichen Geschlechts, während ›mentula‹ [männliches Glied] weiblich ist)*

Ich las es laut vor und sagte, diesmal sei es wirklich Latein. »Das wissen wir«, erwiderte meine Mutter, »aber du mußt es uns erklären.« Darauf meinte ich, anstatt es zu erklären, wolle ich lieber die Frage beantworten; und nachdem ich eine Weile überlegt hatte, schrieb ich diesen Pentameter auf:

›Disce quod a domino nomina servus habet.‹
(Wisse, daß immer der Sklave von seinem Herrn den Namen hat).

* Anfangsverse eines Epigramms des niederländischen neulateinischen Dichters Johannes Secundus (1511–1536)

aus dem ersten Band, 2. Kap. der »Geschichte meines Lebens« von Giacomo Casanova, Chevalier de Seingalt



Das (also die ganzen Links) war jetzt ein Beispiel für »Analyse«, aber man(n) kann es natürlich auch übertreiben.



Was mich als Therapeut am meisten beeindruckt hat und auf dessen Intensität ich durch meine Ausbildung nicht vorbereitet war, ist die abgrundtiefe Angst der beiden Geschlechter voreinander, die ebenso groß ist wie die zwischen ihnen bestehende Anziehungskraft. (Bei Erde und Sonne – oder emanzipatorisch ausgedrückt: bei einem Doppelsternsystem – muß ja die Fliehkraft ebensogroß sein wie die Anziehungskraft, sonst wäre das System instabil.) Ich bin sicher, daß mit Problemen in einer Partnerschaft letztlich nicht konstruktiv umgegangen werden kann, wenn sich die Partner nicht vor sich selbst und einander ihre Angst gestehen.
(Dazu fällt mir ein Satz von Peter Scholl-Latour ein, den der mal – im Zusammenhang mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt – in einer Talkshow gesagt hat: »Wir Europäer meinen natürlich, es müsse für jedes Problem auch eine Lösung geben.«)


Man(n) – aber der macht’s nur offensichtlicher und plumper – kann natürlich auch so damit umgehen:


Aber wie wir inzwischen gelernt haben, ist das nichts anderes als die Abwehr von Angst. Zu klären wäre dann, wovor, und die Antwort liegt in der Kindheit.

Das wäre ein Beispiel für Verleugnung:

(… oder ist es nur einfach die Wahrheit?)


So kann frau (ich weiß, das ist gemein, viele Männer können das genauso gut) es natürlich auch machen:


Und für viele Männer ist es am einfachsten, wenn sie es so machen:


… und kaum zu glauben: für die Frauen auch!


Und hier wird jedem klar, daß die ein Problem haben:


Aber wie die systemisch arbeitenden Therapeuten ja wissen: Probleme sind Lösungsstrategien. Die Frage wäre jetzt: 1. Was haben die beiden für ein Problem? und 2. Für was wäre dann dieses »Problem« die bessere der beiden schlechten Möglichkeiten? (Auf umgangssprachlich: Welche Art von Nähe ist für die beiden so unangenehm, daß ihnen der Streit* als die bessere Strategie erscheint?)

* Streit: Eine sehr kontrollierte Form von Nähe mit eingebautem Recht zum Rückzug.

Eigentlich haben wir also keine Chance. Deshalb ist es gut, wenn man nicht zuviel drüber nachdenkt:

Donnerstag, 10. April 2008

Der gelbe Teufel

Vor ungefähr zweihundert Jahren ging einmal ein Herr, der nicht weit von hier allein in einem großen Haus wohnte, auf den Markt und sah dort einen Teufel in einem Käfig. Es war ein Teufel mit Schwanz, gelbem Fell und zwei langen, scharfen Fangzähnen. Er war ungefähr so groß wie ein kräftiger Hund. Der Teufel hockte ruhig in seinem Käfig aus starkem Bambusrohr und nagte an einem Knochen. Neben dem Käfig stand ein Marktverkäufer, und der Herr fragte ihn, ob der Teufel zu kaufen sei.
„Aber ja”, sagte der Händler, „sonst wäre ich ja nicht hier. Das ist ein vortrefflicher Teufel. Er ist stark und fleißig und kann alles, was Ihr von ihm verlangt. Er versteht zu zimmern, er ist ein guter Gärtner, er kann kochen, flicken, Holz hacken, vorlesen, und was er nicht kann, das kann er lernen. Und ich verlange nicht viel dafür. Wenn Ihr mir 5o ooo Yen gebt, gehört er Euch.“
Der Herr handelte nicht und zahlte bar, denn er wollte den Teufel sofort mit nach Hause nehmen.
„Einen Augenblick”, sagte der Händler. „Weil Ihr nicht mit mir gefeilscht habt, will ich Euch etwas sagen. Schaut, er ist natürlich ein Teufel, und Teufel sind schlecht, das ist ja bekannt.“
„Und du hast gesagt, er sei ein vortrefflicher Teufel”, sagte der Herr empört.
„Jaja”, sagte der Händler, „und das stimmt auch. Er ist ein vortrefflicher Teufel, aber er ist schlecht. Er wird ewig ein Teufel bleiben. Ihr könnt an ihm viel Freude haben, aber nur unter einer Bedingung: Ihr müßt ihn die ganze Zeit beschäftigen, jeden Tag müßt Ihr ihm sein Tagewerk aufgeben: Von dann bis dann mußt du Holz hacken, dann mußt du zu kochen anfangen, nach dem Essen kannst du dich eine halbe Stunde ausruhen, aber du mußt dich wirklich hinlegen und entspannen, und danach kannst du den Garten umgraben, und so weiter. Wenn er frei hat, wenn er nicht weiß, was er tun soll, dann ist er gefährlich.“
„Wenn's nicht mehr ist”, sagte der Herr und nahm den Teufel mit. Und alles verlief nach Wunsch. Jeden Morgen rief der Herr den Teufel zu sich; der Teufel kniete gehorsam nieder, der Herr gab ihm sein Tagewerk auf, und der Teufel machte sich an die Arbeit und schuftete den ganzen Tag. Wenn er nicht arbeitete, ruhte oder spielte er, aber stets befolgte er die Befehle.
Dann, einige Monate später, traf der Herr in der Stadt einen alten Freund, und über der Freude des unverhofften Wiedersehens mit seinem früheren Gefährten vergaß er alles andere. Er nahm den Freund mit in ein Wirthaus, beide tranken Sake, einen kleinen Steinkrug nach dem anderen, dann aßen sie ein gutes Mahl und tranken noch mehr, und schließlich landeten sie im Weidenviertel, Die Frauen hielten die beiden Freunde beschäftigt, und spät am nächsten Morgen wachte der Herr in einer fremden Kammer auf. Zuerst wußte er nicht, wo er war, aber allmählich dämmerte ihm alles, und sein Teufel fiel ihm wieder ein. Sein Freund war gegangen. Er bezahlte die Frauen, die auf einmal ganz anders aussahen, als er sie vom vergangenen Abend in Erinnerung hatte, und eilte nach Hause. Als er an seinem Garten ankam, roch er Feuer und sah Rauch aus der Küche aufsteigen. Er stürmte ins Haus und sah den Teufel auf dem Holzfußboden der Küche sitzen. Er hatte ein offenes Feuer entfacht und röstete das Nachbarskind an einem Spieß.

aus Janwillem van de Wetering, Der leere Spiegel

Mittwoch, 9. April 2008

Freu dich auf die nächste Krise

»Katastrophen können eine Ehe retten. Man muss sich trauen, alles zusammenbrechen zulassen.« Ein Gespräch mit den Bestseller-Autoren Eva-Maria und Wolfram Zurhorst
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Von Christoph Quarch

Publik-Forum: Frau Zurhorst, Sie haben ein Buch geschrieben, das zu einem großen Erfolg wurde: »Liebe dich selbst, und es ist egal, wen du heiratest«. Warum ist es egal, wen ich heirate, wenn ich mich nur selbst liebe?
Eva-Maria Zurhorst: Am Ende ist es natürlich nicht egal, wen ich heirate. Der Titel ist eine Provokation. Ich möchte mit diesem Titel dazu einzuladen, den Fokus zu ändern. Bei den meisten Partnerschaften richten wir unsere Aufmerksamkeit ganz auf den Partner. Wir erwarten, dass er mir ein schönes Leben macht und gute Gefühle bereitet, dass er zärtlich zu mir ist und die Leidenschaft in mir entfacht. Man stelle sich vor: Das alles soll dieser arme Mensch leisten! Und gesetzt den Fall, er leistete es tatsächlich, wäre ich selbst mit großer Wahrscheinlichkeit gar nicht in der Lage, all das entgegenzunehmen; weil es in mir -wie bei so vielen anderen Menschen auch – tief in der Seele das Gefühl gibt, wertlos zu sein, aus dem heraus die Sehnsucht danach wächst, vom Partner alles geboten zu bekommen.

Publik-Forum: Und deswegen empfehlen Sie, sich zunächst einmal selbst zu lieben?
Eva-Maria Zurhorst: Genau. Denn schauen Sie, bei vielen Frauen ist es so: Da kommt ihr Mann und sagt ihnen, dass er sie über alles liebt und sie schön findet – und dann schauen sie in den Spiegel und finden sich gar nicht so schön.Was passiert? Sie glauben ihrem Mann nicht, können seine Liebe nicht annehmen. Und deswegen sage ich: Was mich wirklich für die Liebe öffnet, das ist, den Blick von außen nach innen zu kehren und sich zu fragen: Wer bin ich eigentlich? Rabe ich es verdient, geliebt zu werden? Bin ich liebenswert?

Eva-Maria Zurhorst
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war ursprünglich Journalistin und Buchautorin. Später wechselte sie als Coach und Kommunikationsberaterin in die Wirtschaft. Heute arbeitet sie als Beziehungs- und Karrierecoach. 2004 erschien ihr Bestseller »Liebe dich selbst, und es ist egal, wen du heiratest«. 2007 folgte zusammen mit ihrem Mann das Buch »Liebe dich selbst, und freu dich auf die nächste Krise«.

Wolfram Zurhorst
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ist von Hause aus Kaufmann. Als Manager machte er Karriere in führenden Unternehmen der Textilbranche, bis er vor einigen Jahren entschied, sich als Beziehungscoach ganz dem Projekt »Liebe dich selbst« zu widmen.


Publik-Forum: Und dann?
Eva-Maria Zurhorst: Wenn ich mir diese Fragen vorlege und ihnen nachgehe, dann kann das Wunder geschehen, dass ich mit meinem Partner- auch wenn er kein Prinz ist-zu einer ganz neuen Beziehung finden kann. Denn entscheidend für das Gelingen einer Beziehung ist, sich selbst anzunehmen.

Publik-Forum: Herr Zurhorst, können Sie das bestätigen?
Wolfram Zurhorst: Absolut. Ich selbst bin jahrelang mit einer klaren Vorstellung davon durch die Gegend gelaufen, wie meine ideale Partnerin auszusehen hat. Ich war mir anfangs dessen nicht bewusst, aber heute kann ich sagen, dass diese Bilder völlig oberflächlich waren: Sie sollte hübsch anzuschauen sein, leicht in ihremWesen, fröhlich im Gemüt. Je mehr ich dann im Laufe unserer Beziehung genötigt wurde, mich in meiner Oberflächlichkeit zu durchschauen, desto mehr habe ich mich nach der tieferen Ebene gesehnt, die mir meine Frau anfangs zwar gezeigt hatte, die mich damals aber irgendwie genervt und überfordert hatte.

Publik-Forum: Auch hier der Perspektivwechsel von außen nach innen?
Wolfram Zurhorst: Ich war – wie so viele Männer – ganz auf den beruflichen Erfolg fixiert. Mir ging es um Anerkennung von außen. Und dabei habe ich mich komplett vergessen.

Publik-Forum: Da ist eine persönliche Erfahrung im Hintergrund.
Wolfram Zurhorst: Wir haben sehr früh geheiratet und sind früh Eltern geworden. Was habe ich getan? Ich bin nicht etwa neugierig in die Ehe hineingegangen, sondern habe mich aus dem Staub gemacht und in die Arbeit gestürzt. Tja, und das ging so lange, bis meine Frau und ich an dem Punkt waren, an dem wir definitiv keine Möglichkeit mehr hatten, miteinander zu reden. Wir sahen uns schlicht nicht mehr. Und dann kam es zum Crash. Es war an einem runden Geburtstag von mir, Ich wollte es besonders nett haben, und alle geladenen Freunde sollten sich wohlfühlen. Na ja, da ist meiner Frau der Kragen geplatzt.

Publik-Forum: Was war los?
Eva-Maria Zurhorst: Ich konnte nicht mehr. Ich konnte diese Rolle nicht mehr spielen: die Gastgeberin, die Ehefrau, die Mutter – all diese Hüllen. Ich hatte das Gefühl, eine einzige Aufeinanderschichtung von Hüllen zu sein. Und dann musste ich auch noch nett sein: Küsschen hier, Küsschen da …
Wolfram Zurhorst: Bis dann eine Freundin zu ihr in die Küche ging und fragte, was denn los sei. Und dann platzte es aus ihr heraus. In diesem Augenblick begann ein Prozess, bei dem wir uns beide gnadenlos die Wahrheit aufgetischt haben.
Eva-Maria Zurhorst: Für mich war klar: Jetzt geht nur noch Scheidung.
Wolfram Zurhorst: Und ich hatte zum ersten Mal den Mut zu sagen: Ich will schon lange nicht mehr.
Eva-Maria Zurhorst: Heute wissen wir aus vielen Gesprächen mit Paaren, dass das, was uns widerfahren ist, nicht ungewöhnlich ist: dass viele erst eine Leere zwischen ',ich spüren und sich dann davonstehlen: in Affären, Job, Kinder, egal was; und dass sie die Partnerschaft durch bloßes Funktionieren aufrechterhalten. Und genau das ist fatal. Was ich an diesem Abend gelernt habe, ist: Man muss sich trauen, alles zusammenbrechen zu lassen.

Publik-Forum: Warum?
Eva-Maria Zurhorst: Weil durch den Zusammenbruch des Falschen das Echte und Wahre eine Chance hat, zum Vorschein zu kommen. Wir haben das erst später verstanden, aber an diesem Abend war zum ersten Mal seit Jahren so etwas wie Nähe spürbar. Sie war zwar nicht schön, aber sie war wahr.
Wolfram Zurhorst: Da war klar: Jetzt beginnt eine Phase, wo jeder nur noch mit sich beschäftigt ist und klarkriegt, wer er ist und was er will. Und wissen Sie, was das mit mir gemacht hat? Ich habe gemerkt: Da ist überhaupt nichts. Ich weiß überhaupt nicht, wer ich bin!

Publik-Forum: Wie haben Sie es angestellt, in einer so schmerzvollen Situation so etwas wie Selbstliebe zu entwickeln?
Eva-Maria Zurhorst: Selbstliebe ist nicht ein euphorisierter Zustand, in dem ich selig vor mich hintaumle. Selbstliebe ist Selbsterkenntnis: in diesem Falle die Erfahrung, selbst den totalen Zusammenbruch zu überstehen: und in dem Zusammenbruch das Bewusstsein für eine echte und tiefe Verbundenheit unter all den falschen Rollen und Bildern zu entwickeln.
Wolfram Zurhorst: Für mich war es völlig neu, innezuhalten und in mich hineinzuhorchen, das anzunehmen, was sich in mir zeigen wollte, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen. Das war nicht schön, aber es stimmte.
Eva-Maria Zurhorst: Und das ist Selbstliebe!

Publik-Forum: Nun haben Sie beide diesen Prozess durchgemacht und sitzen als Ehepaar vor mir …
Eva-Maria Zurhorst: Sorry, wenn ich Sie unterbreche, aber hier muss ich Einspruch einlegen: Es geht hier nicht um einen Prozess, den Sie irgendwann durchgemacht haben. Es ist ein lebenslanger Prozess. Ich stelle mir das Leben vor wie eine Rose, die ihre Blätter entfaltet. Jedes Blatt zeigt eine neue, bisher unbekannte Seite von mir. Je mehr dieser Seiten sich zeigen dürfen, desto schöner wird es. Und desto aufregender: Denn je mehr ich mich auf das Abenteuer der Selbstentfaltung einlasse, desto reicher und spannender wird das Beziehungsleben. Das erfordert auch den Mut, nicht irgendwo ankommen zu wollen – nach dem Motto: »So, Schatz, jetzt haben wir's geschafft« –, sondern immer weiterzugehen. Das Leben stellt uns permanent neue Aufgaben. Gerade das heißt lebendig sein.
Wolfram Zurhorst: Wir haben die Erfahrung gemacht, in einer scheinbar ausweglosen Situation doch einen Weg zu finden, wie es weitergehen konnte: einen Weg, der mitten durch die Krise hindurchgeführt hat einen Weg, den wir erst jeder für sich selbst, dann aber auch miteinander gegangen sind.

Publik-Forum: Darf ich kurz einhaken? Sie haben zueinandergefunden, indem jeder von Ihnen zunächst für sich und in sich gegangen ist?
Wolfram Zurhorst: Das ist so. Entscheidend dafür war der Punkt, an dem wir beide uns eingestanden haben: Wir können nicht mehr! An diesem Punkt, als alles ausgesprochen war und ich nur noch Schwarz sah, entdeckte ich ein kleines, glimmendes Gefühl tiefer Verbundenheit. Diese Verbundenheit war mir vorher überhaupt nicht bewusst. Aber das Gefühl war echt. Ihm verdanken wir, dass wir heute zusammen sind. Denn wir sind der Spur dieses Gefühls nachgegangen – haben uns gleichsam auf die Lauer gelegt, ganz vorsichtig und zart.
Eva-Maria Zurhorst: Das ist schön, was du da sagst. Da war dieses kleine Gefühl, das jeder von uns beiden gespürt hat, auch wenn wir es anfangs nicht benennen konnten. Aber es war da, und nun konnten wir damit arbeiten.


»Wir haben die Erfahrung gemacht,
in einer scheinbar ausweglosen Situation
doch einen Weg zu finden,
wie es weitergehen konnte.«


Publik-Forum: Das klingt so, als sei die Krise eine Art Dusche, die alle Schlacken unserer Bilder und Ideale abträgt, bis am Ende der wahre Kern der Liebe freigelegt ist.
Eva-Maria Zurhorst: Dazu fällt mir die Geschichte einer spirituellen Autorin namens Marianne Williamson ein. Die Frau hatte jede Menge Probleme: Alkoholexzesse, Männergeschichten, Drogen. Bis irgendwann ihre Freunde ihr sagten: »Miane, du musst dein Leben ändern. Du musst Gott in dein Leben lassen. Dann wird sich Ruhe über dich senken.« Sie hat sich aber nicht darum geschert, bis sie irgendwann mit einem Nervenzusammenbruch im Krankenhaus gelandet ist. Sie war so am Ende, dass sie sich sagte: »Okay, dann werde ich wohl beten müssen und Gott zu mir einladen!« Sie tat es, und offenbar kam Gott wirklich zu ihr. Aber nicht so, wie ihre Freunde es ihr in Aussicht gestellt hatten. Der Gott, der zu ihr kam, hatte eine große Abrissbirne dabei und hat auch noch die letzten Trümmer, die von ihrem alten Leben übrig geblieben waren, in Schutt gelegt.

Publik-Forum: Was bleibt uns da zu tun?
Eva-Maria Zurhorst: Wichtig ist es, ein Gespür dafür zu entwickeln, wann und wo Kurskorrekturen nötig sind: in meiner Beziehung, mit meinem Körper, mit meiner Seele. Ich weiß es, aber ich traue mich nicht, das Wissen umzusetzen. Weil ich Angst vor den Konsequenzen habe: vor Einsamkeit, Mangel an Sicherheit, Ungewissheit. Und dann kommt die Krise und hilft mir. Denn sie zwingt mich, mich in Bewegung zu setzen. Wie der liebe Gott mit der Abrissbirne.

Publik-Forum: Aber müssen wir es denn immer gleich zur Krise kommen lassen? Gibt es nicht auch andere Wege zu einem gelingenden Leben?
Eva-Maria Zurhorst: Ein Zehn-Punkte-Programm gibt es nicht. Worauf es ankommt, ist, immer wieder im Augenblick anzukommen. Auch wenn es wehtut. Denn je sensibler ich für mich werde, desto schmerzhafter fühlt es sich an, wenn ich mich verliere. Die Gefahr ist immens, denn wir bewegen uns dauernd in medial vermittelten Vorstellungen, die nicht von uns kommen. Deswegen: Bei sich bleiben, zu sich kommen. Wahrnehmen, was ich tue: bewusst das Essen genießen, in die Natur gehen. Das hört sich vielleicht kitschig an, aber es entspricht meiner Erfahrung. Denn wer ist schon noch bei der Sache? Wer genießt sein Essen? Alles passiert gleichzeitig und automatisch: Fernsehen, Telefonieren, Kaffeetrinken, Rauchen. Und jetzt kommt das Entscheidende: Wenn ich mich an diesen Punkten nicht ändere, habe ich auch keine Chance, meine Partnerschaft zu ändern. Wenn ich wirklich zu mir kommen will, kann das brutale Einschnitte in mein ganzes Leben fordern.
Wolfram Zurhorst: Es klingt vielleicht komisch, aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass ich mich über Krisen freuen kann. Denn sie zeigen mir genau, worum es im nächsten Schritt geht. Ich bin nicht immer achtsam im Augenblick. Ich werde immer auch aufbrausend oder traurig sein. Die Kunst besteht für mich dann darin, das anzunehmen, dem nicht davonzulaufen, sondern ihm nachzugehen.
Eva-Maria Zurhorst: Und sich davor zu hüten, zu glauben, man sei irgendwo angekommen – wisse Bescheid und mehr als die anderen. Hier lauert eine Falle für viele Frauen, die all die Bücher lesen und Seminare besuchen: »Ich weiß, wie's geht, aber mein Mann – der kriegt das gar nicht gebacken!« So läuft das nicht. Am Ende stehen nur drei Dinge: Achtsamkeit, Demut und die Fähigkeit, sich immer wieder vergeben zu können.

Publik-Forum: Wie meinen Sie das?
Eva-Maria Zurhorst: Ich vermassele es doch auch dauernd. Ich bin doch auch unaufmerksam, ich streite doch auch mit meinem Mann. Der Trick ist gerade nicht, ideal sein zu wollen, sondern sich anzunehmen und zu vergeben, demütig und sensibel zu sein.

Publik-Forum: Demut und Sensibilität sind Eigenschaften, die bei Männern nicht so ausgeprägt zu sein scheinen. Wie bringen Sie es Männern nahe, sich dafür zu öffnen?
Wolfram Zurhorst: Zunächst: Ich musste auch erst eins auf die Glocke bekommen, bevor ich gelernt habe, auf meine Gefühle zu achten. Immer hatte ich das Bild von mir vor Augen, als Ehemann und Familienvater nicht traurig oder verletzbar zu sein. Ich weiß noch genau, wie unsere Tochter mir eines Tages sagte: »Papa, ich hab dich noch nie heulen sehen.« Und in diesem Augenblick brach es aus mir heraus. Sie glauben nicht, wie wohltuend und heilsam diese Tränen für mich waren. Heute sage ich: Sensibel zu sein bedeutet, wahrhaftig zu sein. Durch meine wiederentdeckte Sensibilität bekomme ich viel mehr mit, entdecke ich viel mehr Feinheiten.

Publik-Forum: Werden Sie da nicht auch mal als Weichei denunziert?
Wolfram Zurhorst: Aber hallo, natürlich. Als ich durch die ganze Geschichte mit Eva auf meine Gefühle gebracht wurde und diese auch nicht mehr versteckt habe, hat das in meinen Umfeld große Irritation ausgelöst.
Eva-Maria Zurhorst: Mein Mann hatte Karriere gemacht. Das ging bei ihm ganz glatt. Aber für mich und meine Tochter stand er immer weniger zur Verfügung. Nach außen war das alles glänzend und herrlich. Aber wir spürten, dass es ihm nicht guttat. Und dann kam der Rausschmiss, der ihn in den Grundfesten seines Mannseins erschütterte. Ein Mann, der vor Erfolg strahlte, wurde über Nacht zu einer Wurst.
Wolfram Zurhorst: Nach der Riesenkrise mit Eva wurde ich so von heute auf morgen vor die Frage gestellt: Was will ich eigentlich beruflich erreichen? Was soll ich tun?
Eva-Maria Zurhorst: Damals brach äußerlich alles weg. Mein Mann war der große Verdiener. Uns brach die Sicherheit weg, ihm die Karriere. Und plötzlich hatten wir einen Mann zu Hause! Damit begann ein großartiger Prozess, denn nun stand ein Mann, der bis dahin alle Energie für seine Firma aufgewandt hatte, plötzlich seiner Familie zur Verfügung. Das bedeutete nicht nur eine Revolution für unsere Familie das ist für mich eine Revolution für die ganze Gesellschaft. Denn mir ist klar geworden, dass die Männer bei uns gezwungen sind, all ihre Kraft, die die Welt so dringend braucht, irgendwelchen Produkten und Firmen zur Verfügung zu stellen: und dass unsere Familien von dieser männlichen Kraft oft ganz entleert sind. Das Schlimme ist, dass dann oft Frauen in diese Rolle gehen und zu verzickten Bessermännern werden. Die Kinder haben meist keinerlei Ahnung von der Berufswelt, in der sich ihre Väter bewegen. Auf dieses gigantische Problem bin ich erst dadurch aufmerksam geworden, dass bei uns mit einem Schlag wieder ein Mann zu Hause war.

Publik-Forum: Das hat Ihnen gutgetan?
Eva-Maria Zurhorst: Und wie. Ich habe mich verändert, unsere Tochter ist aufgeblüht, und auch er hatte nun das Umfeld, aus dem heraus er neue Aufgaben angehen konnte.

Publik-Forum: Durch die große Krise ist also nicht nur Ihrer beider Partnerschaft echter geworden, sondern Sie beide haben auch Ihre Geschlechteridentität neu entdeckt?
Eva-Maria Zurhorst: Absolut. Wissen Sie, wir Frauen legen heute ein Verhalten an den Tag, das mich an die Nachkriegsfrauen erinnert. Wir gehen voll in die Rolle von Männern und reden uns ein, alles allein hinzubekommen: »Karriere, Kinder – kein Thema, das schaffe ich!« Das ist der Horror. Ich selbst habe auch so gelebt. Und die Männer sind in ihrer Männlichkeit vollkommen verirrt.

Publik-Forum: Und wie erleben Sie sich heute in Ihrer Weiblichkeit?
Eva-Maria Zurhorst: Heute habe ich gelernt, meine Grenzen – gerade auch meine Grenzen als Frau – anzuerkennen und wahrzunehmen. Ich bin wahrlich kein Heimchen am Herd, aber als mein Mann wieder zu Hause war, habe ich erstmals gefühlt, wie überfordert, wie überlastet und einsam ich früher war.
Wolfram Zurhorst: Mein Mannsein war zu dieser Zeit eine absolut leere Hülle. Heute kann ich sagen, dass ich eine ganz andere Form von Mannsein entdeckt habe. Ich habe diese Hülle heruntergerissen und gemerkt, dass darunter meine wirkliche Kraft verborgen war. Ich hatte immer viel Energie in den Job gesteckt. Heute arbeite ich phasenweise sogar mehr, aber ich arbeite mit einer ganz anderen inneren Kraft. Ich bin viel präsenter – und erfolgreicher. Wobei das nicht ein Erfolg ist, der sich in Zahlen ausdrücken lässt, sondern der wahre Erfolg, der darin besteht, dass eine neue Qualität ins Leben kommt.

Publik-Forum: Das heißt konkret?
Wolfram Zurhorst: In meiner neu entdeckten Männlichkeit darf ich Schwächen zeigen und verletzlich sein. Und trotzdem bekomme ich die Dinge geregelt. Ich würde sogar sagen: besser und erfolgreicher als in meinem alten Muster.
Eva-Maria Zurhorst: Mir geht es genauso. Ich traue mich jetzt, Dinge zu sagen, bei denen ich früher gedacht hätte, dass mich alle für ein Heimchen oder eine Mutti halten.

Publik-Forum: Man hat Ihr Buch auch als ein Plädoyer für die Ehe bezeichnet. Zu Recht?
Eva-Maria Zurhorst: In gewisser Hinsicht ja. Aber nicht in dem Sinne, dass Sie in einer Beziehung um jeden Preis durchhalten und alles mitmachen müssen. Was ich sagen will, ist, dass Sie auf dem Weg echter Liebe zuweilen ein deutliches Nein sagen müssen – dass Sie Grenzen setzen müssen. Und dass Sie, wenn Sie das tun, entdecken werden, dass Sie etwas wert sind. Und dass Sie vielleicht ganz anders sind als das, was Ihre Eltern, Ihr Partner, Ihre Kollegen immer von Ihnen erwartet haben. Sie werden ein Gefühl für sich entwickeln. Und dieses gar nicht euphorische, sondern eher stille Gefühl ist es, das ich meine, wenn ich von Selbstliebe rede.

Publik-Forum: Vieles von dem, was Sie sagen, erinnert an das, was auch spirituelle Lehrer sagen. Und die Titel ihrer Bücher lassen das biblische Wort anklingen, wonach wir unseren Nächsten lieben sollen wie uns selbst. Hat diese religiöse Dimension für Sie eine Bedeutung?
Eva-Maria Zurhorst: Wo Sie das so sagen, da kommt mir die Vorstellung, dass es dem lieben Gott gefallen hat, mich in eine Frau zu verkleiden, die gerne Schuhe kauft, die einen Mann aus der Modebranche geheiratet hat und auch sonst völlig unverdächtig ist, im Auftrag des Herrn unterwegs zu sein. Will sagen: Ich fühle mich wie eine Undercoveragentin Gottes. Ich glaube, er hat mir die Chance gegeben, auf eine Weise von ihm zu reden, mit der ich die vielen Menschen nicht verschrecke, die Berührungsängste gegenüber Gott haben. Aber ich sage Ihnen auch: Ich fühle mich in der normalen Welt oft ganz verloren weil ich mich in dieser Agentenrolle einsam fühle und manchmal wütend bin, dass ich sie spielen muss. Doch tief in mir weiß ich, dass es am Ende nur um Gott geht.

Publik-Forum: Nur um Gott?
Eva-Maria Zurhorst: Ja, dieser ganze Weg, von dem wir reden: Ich kann ihn gut beschreiben, aber ich kann ihn nicht machen. Ich kann darauf vertrauen, dass ich durch Krisen hindurchkomme, aber ich schaffe es nicht aus eigener Kraft. Früher war ich eine glühende Gegnerin der Kirche. Ich hatte dort als Kind jede Menge Schlechtes erlebt. Aber als ich mitten in der Krise steckte, da habe ich angefangen zu beten. Und von da an habe ich meinen Weg wieder gefunden.
Wolfram Zurhorst: Auch ich fand Kirche, so wie ich sie als Kind kennenlernte, total unattraktiv – als leeres Ritual, das nichts mit mir zu tun hatte. Aber dann kam ich an diesen Punkt, an dem ich auf mich zurückgeworfen wurde und dadurch diese tiefe Verbindung zu meiner Frau entdeckte. Diese Entdeckung hatte für mich etwas mit dem Göttlichen zu tun. Wo alles, was ich mir aufgebaut hatte, zum Einsturz kam, blieb nur diese tiefe göttliche Verbundenheit. Nun erlebte ich zum ersten Mal, dass ich nie alleine bin, sondern dass da immer eine stille Kraft wirkt, die bei mir ist. Und es ist dieses Etwas, das es mir heute erlaubt, viele Dinge loszulassen. Heute kann ich mich fallen lassen.
Eva-Maria Zurhorst: Wir beten täglich. Wir suchen täglich nach diesem Raum der Verbindung mit Gott.

Publik-Forum: Was heißt das konkret?
Eva-Maria Zurhorst: Ich bin im Gespräch mit Gott, bitte dauernd um Führung – darum, dass er mir zeigt, was ich als Agentin für ihn tun kann; und darum, dass er mich zurückholt, wenn ich mich verirre. Während ich hier im Interview sitze, schmunzle ich innerlich und denke: »Okay, jetzt hast du mir alle Antworten gegeben.« Ich habe mir in diesem Interview selbst gesagt, was ich in den letzten Tagen vergessen hatte. Ich sage das scheinbar Ihnen oder anderen Leuten, aber in Wahrheit schmunzle ich und weiß, dass durch mich Gott zu mir selbst spricht. Ist das nicht schön?

Die Bücher von Eva-Maria und Wolfram Zurhorst sind über den Publik-Forum Shop zu beziehen: »Liebe dich selbst, und es ist egal, wen du heiratest«, Bestell-Nr. 7724; »Liebe dich selbst, und freu dich auf die nächste Krise«, Bestell-Nr. 7723

aus Publik-Forum Nr. 1 • 2008

Ich zucke immer zusammen, wenn sich die Dinge so gut anhören. Hier noch zwei Links:
zu myself.de und
zu Maischberger


Neurobiologische und experimentelle Befunde der Zen-Meditation

Eine Übersicht

N.-U. Neumann, K. Frasch
Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Bezirkskrankenhaus Günzburg, Abteilung Psychiatrie II der Universität Ulm (Leitung: Prof. Dr. T. Becker)


Zusammenfassung


Schon vor mehr als 15 Jahren fanden Meditation und das meditative Moment der Achtsamkeit Einzug in psychotherapeutische Konzepte. Vornehmlich wird auf Elemente des Zen-Buddhismus zurückgegriffen. Es kommen aber auch zahlreiche andere Meditationsarten zur Anwendung. Bisher fehlt allerdings eine verbindliche und objektive Definition dessen, was Meditation in seiner psychischen und neurophysiologischen Dimension ist. Die fehlende Operationalisierung des Phänomens Meditation ist auch der entscheidende methodische Mangel der bisherigen Untersuchungen. Die Zen-Meditation (Zazen) ist eine definierte Methode mit langer Tradition. Unter dem Gesichtspunkt der neurobiologischen Grundlagenforschung finden sich nur wenige Studien und es liegt nur eine fMRI-Studie vor. Bei sehr unterschiedlichem Design liefern die EEG-Studien keine spezifischen und replizierbaren Ergebnisse. Acht Untersuchungen befassen sich mit psychischen bzw. physiologischen Effekten der Zen-Meditation unter experimentellen Bedingungen Als Ergebnisse finden sich wiederholt Verbesserung von Aufmerksamkeitsleistungen, Förderung emotionaler Stabilität und Milderung stressbedingter psycho-vegetativer Reaktionen. Die weitere experimentelle Meditationsforschung bedarf vor allem einer verbindlichen Definition dessen, was Meditation ist. Außerdem muss klar zwischen neurobiologischen und klinischen „states“ und „traits“ der Meditation unterschieden werden.


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Seit mehr als zehn Jahren befassen sich Grundlagenforschung und Therapie (Psychotherapie) mit Meditation bzw. dem Phänomen des meditativen Zustandes. Ausgehend von den Arbeiten von Kabat-Zinn (1, 2) hat z. B. das „mindfulness-based-stress-reduction“-Programm („achtsamkeitsbasierte Streßreduktion“ – MBSR) große Verbreitung erfahren. Krebskranke, chronische und akute Schmerzpatienten. Anfallskranke, Patienten mit Immunschwäche, Herzkranke, Suchtkranke, Patienten mit Angststörungen, Depression und speziellen Hauterkrankungen, aber auch die allfällig Stressgeplagten sollen von dieser Methode profitieren (3-5). Die Qualitilt der entsprechenden Therapiestudien wird allerdings auch kritisch beurteilt (6).

Insgesamt sprechen die vorliegenden Untersuchungsergebnisse dennoch für eine gewisse therapeutische Effizienz der Meditation, insbesondere auch in Hinblick auf psychische Störungen. Was die neurobiologische Grundlagenforschung betrifft, so liegen mehr als 60 Arbeiten vor, die sich mit elektrophysiologischen Parametern bei Meditierenden beschäftigten und ein Dutzend Arbeiten berichtet über die Ergebnisse bildgehender Verfahren (7).


Meditation ist ein höchst subjektives Phänomen. Die bisher vorliegenden Studien beschäftigten sich mit mehr als einem Dutzend verschiedener Meditationsarten (7, 8). Entsprechend unterschiedlich sind die Ergebnisse. Damit Forschung zu Erkenntnis führt, bedarf es aber der Replizierbarkeit und Vergleichbarkeit von Untersuchungsergebnissen. Es ist beispielsweise nicht geklärt, was genau man unter Meditation – im Hinblick auf die Art der Übung und die subjektive psychische Dimension – zu verstehen hat. Auch ist nicht verstanden, welche spezifischen neuronalen bzw. neurophysiologischen Zustände und Abläufe mit Meditation korrelieren und welche kurz- (states) und langfristigen (traits) psychischen und somatischen Effekte daraus resultieren.


Um Vergleichbarkeit der Befunde zu gewährleisten und die genannten Probleme zu erhellen. werden in dieser Übersicht nur jene Untersuchungen berücksichtigt, welche die gleiche Meditationsart, nämlich Zen-Meditation, zugrunde legten. Therapiestudien mit achtsamkeitsbasierten Methoden sind nicht Gegenstand der Arbeit.



Definition und Tradition der Zen-Meditation

Die Sitzmeditation (Zazen) ist seit Jahrhunderten die elementare und wichtigste Übung im Zen-Buddhismus. Wenn es im Zen überhaupt eine Regel oder Vorschrift gibt, so ist es Zazen. Die Körperhaltung – der Lotussitz (Kekka-Fusa) – und Hilfsmittel wie Sitzkissen (Zafu) und Matte (Zabuton) sind genau beschrieben. Die gesamte Zen-Philosophie und Zazen im Besonderen sind mit der abendländischen intentionalen Lebenshaltung nicht zu vergleichen. Zazen findet nicht statt, um irgendetwas zu bezwecken oder zu erreichen. Es geht „nur“ um das stille Sitzen an sich (Shikantaza). Während der Meditation kann sich ein absichtsloser, emotionsloser, zeitloser, gedankenfreier „ichloser“ Zustand einstellen. Mit der Zen-Praxis wird das Leben von (und in) Stille und Leere möglich. In diesem „gesammelten“ (stillen und leeren) Zustand kann auch eine plötzliche mystische Erfahrung – Satori eintreten. Satori kann als Erleben ursprünglicher universeller Einheit oder als die Aufhebung aller Gegensätze, insbesondere der Trennung von Subjekt und Objekt, verstanden werden (9-12).


Methode

Eine Medline-Recherche der Jahrgänge 1980 bis 2006 lieferte unter den Stichwörtern „zen-meditation, neurophysiology, neuroimaging, psychological, clinical, effects“ sechs Arbeiten zur Neurophysiologie und Bildgebung und acht Arbeiten zu klinischen Effekten, die für unsere Fragestellung verwertbar waren.


Ergebnisse

EEG-Studien

Becker und Shapiro (13) untersuchten den Zusammenhang zwischen Meditation (Transzendentale Meditation, Zen-Meditation, Yoga Mantra Meditation) und Alphawellen-Blockade bzw. Alphawellen-Habituation. In den Untersuchungsgruppen befanden sich Meditationspraktiker mit langjähriger Erfahrung. Die Probanden der beiden Kontrollgruppen wurden zum einen aufgefordert, das Ticken einer Uhr sehr bewusst zu verfolgen („pay strong attention“) zum anderen nicht zu beachten („try not to let the clicks disturb your relaxed state“). Die Meditierenden erhielten keine Anweisung. In der Ausgangssituation bestanden zwischen den Hirnstromkurven der verschiedenen Gruppen keine Unterschiede.

Auf das Experiment bezogen fanden sich Unterschiede zwischen den Kontroll- und den Meditationsgruppen einerseits, aber auch zwischen Yoga-Meditierenden und Zen-Meditierenden andererseits. Yoga-Meditierende zeigten eine vollständige Habituation (fehlende Alphablockierung), Zen-Meditierende keinerlei Habituation. Die Ergebnisse wurden dahingehend interpretiert, dass die Yoga-Meditation zu besonders konzentrierter „Versenkung“ und Abwendung von sensorischen Reizen ,,deeply immersed and removed from sensory experience“) führt und die Zen-Meditation bewirkt, „gesammelt und hellwach von Augenblick zu Augenblick“ zu sein („being more present to the ongoing moment-to-moment sensory experience“). Der „zenmeditative“ Zustand wäre also nicht von „Entrückung“, Weltabgewandtheit und sensorischer Depravation, sondern von hellwacher Präsenz gekennzeichnet. Die Ergebnisse obwohl in einer ähnlichen Studie nicht replizierbar, weisen auch auf den Umstand hin, dass Meditation nicht gleich Meditation ist (14).


Die Kasuistik on Lehmann und Kollegen (15) berichtet über einen Fall, der mittels der „low-resolution electromagnetic tomography algorithm"-Technik (LORETA) untersucht wurde. Beobachtet wurden vier verschiedene meditative Zustände: Visualisation, Mantra (verbalisation), Self-dissolution und Self-reconstruction. Die Gamma-Aktivität zeigte während der verschiedenen Zustände unterschiedliche räumliche Verteilung. In der Visualisierungs- und Verbalisierungsphase nahm das Gamma-Spektrum in der rechten hinteren Okzipitalregion und linken zentral-temporalen Regionen zu. Während der „Self-dissolution-Meditationsphase“ war eher Zunahme der Gamma-Aktivität auch im rechten oberen Frontalgyrus zu beobachten. Experimente zu cannabinoidinduzierte Depersonalisation deuten hin, dass diese Hirnregion für veränderte Beswusstseinszustände und Selbstwahrnehmung von Bedeutung ist (16, 17).


Die Arbeitsgruppe um Murata und Takahashi (18, 19) befasste sich mit Zusammenhängen zwischen EEG-Parametern, vegetativen Funktionen und Persönlichkeitsmerkmalen bei Meditationsanfängern. In der älteren Arbeit (21) wird über 22 gesunde Probanden ohne jegliche Meditationserfahrung berichtet, bei denen neben der Hirnstromkurve die Pulsvariabilität gemessen und eine Angst-Selbstbeurteilungsskala (Spielberger’s State-Trait Anxiety Inventory) angewandt wurde. Während der Meditation zeigte sich bei allen Probanden eine Abnahme langsamer Alphaaktivität in frontalen Abschnitten, eine Zunahme schnellerer Wellen und eine Abnahme des Verhältnisses langsamer zu schnellen Wellen, gepaart mit verlangsamter Pulsfrequenz. Langsamer Alpharhythmus wird als Hinweis für Entspannung, die Zunahme schneller Wellen als Hinweis für vermehrte Aufmerksamkeit interpretiert. Der Angstindex korrelierte negativ mit der prozentualen Abnahme der frontalen Alphaaktivität und positiv mit der prozentualen Zunahme schneller Wellen. Daraus ergibt sich, dass niedrige Angstscores (baseline) eher mit dem meditativen Zustand der Aufmerksamkeit und hohe Scores mehr mit dem Zustand der Entspannung korrelieren. Die psychische Grunderfassung (trait) nimmt demnach Einfluss sowohl auf neurophysiologische Parameter, die während der Zen-Meditation entstehen, als auch auf den resultierenden psychischen Status (state; mehr Aufmerksamkeit oder mehr Entspannung).


Die zweite Untersuchung (19) befasst sich ebenfalls mit jungen gesunden Probanden (n = 20) ohne Meditationserfahrung. Die EEG-Befunde wurden mit den Ergebnissen eines Persönlichkeitsfragebogens (Cloninger’s Temperament and Character Inventory) und Pulsfrequenzen in Korrelation gesetzt. Hohe „novelty seeking scores“ (NS) korrelierten mit der Zunahme frontaler Alphaaktivität (entsprechend dem Status vermehrter Aufmerksamkeit) und relativ hoher Pulsfrequenz, während hohe „harm avoidence scores“ (HA) mit der Abnahme frontaler Thetaaktivität (entsprechend dem Status vermehrter Achtsamkeit – mindfulness“) und niedrigen Pulsfrequenzen korrelierte (immer im Vergleich mit den Ausgangswerten). Die Autoren schließen aus ihren Ergebnissen, dass die subjektiven Phänomene der Achtsamkeit und Aufmerksamkeit zwei wesentliche Merkmale des meditativen Zustands – auf sehr unterschiedlichen psychophysiologischen Vorgängen und Persönlichkeitsmerkmalen basieren können Anders formuliert heißt dies, dass die subjektiven Phänomene Achtsamkeit und Aufmerksamkeit kaum objektivierbar sind.



Event-related-potential Studien

Becker und Shapiro (20) prüften in der bereits zitierten Untersuchung nicht nur EEG-Befunde, sondern – unter dem gleichen experimentellen Setting – auch akustisch evozierte Potenziale. Bezüglich der P300 Amplituden fanden sich zwischen den Gruppen (transzendentale Meditation TM, Zen-Meditation und Yoga-Meditation) keine Unterschiede. Die N100 Amplituden waren bei TM- (transzendentale Meditation) und Yoga-Meditation während der ersten 30 Stimuli erhöht, glichen sich aber nach 40 bis 50 Stimuli den in allen Gruppen gemessenen Amplituden an. Die Autoren vermuten, dass die geschärfte Aufmerksamkeit der entsprechenden Meditationsprobanden diesem vorübergehenden Phänomen größerer sensorischer Empfindlichkeit zugrunde lag (Tab. 1).


Tab. 1: Untersuchungen der Zen-Meditation mit apparativen Methoden: EEG, AEP und fMRI; Abkürzungen: EEG = Elektroenzephalografie, AEP = akustisch evozierte Potenziale, fMRI = functional Magnetic Resonance Imaging, SSTAI = Spielberger’s State-Trait Anxiety Inventory, CTCI = Cloninger’s Temperament and Character Inventory, NS = novelty seeking, HA = harm avoidance, TM = transzendentale Meditation





Bildgebende Verfahren

Mittels fMRI (functional magnetic resonance imaging) untersuchten Ritskes und Koautoren (21) elf zen-meditierende Probanden in Ruhe und während der Meditation. Ruhezustand und Meditation unterschieden sich dahingehend, dass während der Meditation eine Aktivierung im dorsolateralen präfrontalen Kortex (DLPFC), insbesondere rechts und in den bilateralen Basalganglien auftrat. DLPC-Aktivierungen sind nicht meditationsspezifisch. Sie finden sich in den verschiedensten Untersuchungen zu psychischen Funktionen (7, 22, 23). Aktivitätsminderung fand sich im rechten anterior-superioren Okzipitalgyrus und im anterioren Zingulum. Die Aktivitätsminderung im anterioren Zingulum war weniger ausgeprägt als die Aktivitätszunahme im DLPFC und wurde mit dem meditativen (psychischen) Status der Absichtslosigkeit („decreased experience of will“) in Zusammenhang gebracht. Der Befund der zingulären Aktivitätsminderung steht im Gegensatz zu den Ergebnissen nahezu aller anderen Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren bei Meditation (7,8). Diesem Befund dürfte eher methodische als meditationsspezifische Besonderheiten zugrunde liegen (7). Aktivitätssteigerung in präfrontalen kortikalen Arealen hingegen ist ein konsistenter Befund der meisten entsprechenden Untersuchungcn (7). Präfrontale Aktivität als Ausdruck vermehrter Aufmerksamkeit (Konzentration) findet sich auch in Untersuchungen. die sich nicht mit Meditation befassten (22, 23). Untersuchungen über neuronale Korrelate willentlicher Beeinflussung emotionaler Zustände deuten auch darauf hin, dass Zusammenhänge zwischen präfrontaler Aktivierung und emotionaler Ausgeglichenheit bzw. verminderter emotionaler Reagibilität (Gleichmütigkeit) bestehen 24, 25). Gleichmütigkeit ist ein zentrales Phänomen (zen-)buddhistischer Geisteshaltung (10-12).


Untersuchungen zu physiologischen und psychologischen Effekten

Tlocznski und Mitarbeiter (26) untersuchten bei Meditationsanfängern, Meditationserfahrenen und Kontrollpersonen die Wahrnehmung optischer Täuschungen (Poggendorf- und Müller-Lyer-lllusion) und die Ausprägung ängstlicher (Taylor Manifest Anxiety Scale) und depressiver Symptome (Beck Depression Inventory). In allen Gruppen nahmen die Fehleinschätzungen mit der Anzahl vorgelegter Abbildungen – insgesamt je fünf Präsentationen – signifikant ab. Meditationserfahrene fielen der optischen Täuschung signifikant seltener zum Opfer als die Probanden der anderen Gruppen, und wenn Korrekturen bei Wiederholungen vorgenommen wurden, so fielen diese moderat aus. Schließlich wiesen die Meditationserfahrenen niedrigere Angst- und Depressionsscores auf. Es wird diskutiert, dass Langzeitmeditation die sensorische Wahrnehmung schärfen und zu emotionaler Ausgeglichenheit führen kann.

Gillani und Smith (27) prüften 59 Probanden mit mindestens sechsjähriger Praxis in Zen-Meditation und 24 Kontrollpersonen mittels verschiedener Inventare (Smith Relaxation States Inventor – SRSI, Smith Relaxation Dispositions/Motivations Inventory – SRD/MI und Smith Relaxation Beliefs Inventory – SRBI). Die Kontrollpersonen hatten die Aufgabe, 60 Minuten in Stille Zeitschriften zu lesen, die Dauer der Meditation betrug ebenfalls 60 Minuten. Danach war das SRI erneut zu bearbeiten. Die Meditierenden zeichneten sich grundsätzlich durch mehr Gelassenheit, Sorglosigkeit und Dankbarkeit aus und tendierten in der Selbsteinschätzung (SRSI) nach der Meditation zu noch mehr Ruhe, Stille, Entspannung und Gelassenheit. Die Autoren sehen durch diese Ergebnisse ihre „ABC-Relaxation Theory“ bestätigt. Diese Theorie impliziert, dass es 15 verschiedene mit Entspannung assoziierte psychische Zustände („R-States“) gibt und dass das Auftreten und die Ausprägung dieser Zustände von individuellen biologischen und psychologischen Parametern abhängt (31). Auch wird betont, dass Zen-Meditation offenbar zu emotionaler Stabilität im Allgemeinen und Entspannung und Gelassenheit im Besonderen beiträgt (Tab. 2).


Tab. 2: Experimentelle Studien zu psychischen und physiologischen Effekten der Zen-Meditation; SRSI = Smith Relaxation States Inventory, SRD/MI = Smith Relaxation Dispositions/Motivations Inventory, SRBI = Smith Relaxation Beliefs Inventory, SSTAI = Spielberger’s State-Trait Anxiety Inventory, CTCI = Cloninger's Temperament and Character Inventory, MDA = Malondialdehyd; NO = Nitratoxid












Im Hinblick auf psychische Parameter sind noch einmal die Untersuchungen von Murata, Takahashi und Kollegen (18, 19) zu erwähnen. In diesen Untersuchungen konnte bekanntlich gezeigt werden, dass einerseits bestehende Persönlichkeitsmerkmale Einfluss auf die Qualität des meditativen Zustands und neurobiologische Parameter nehmen und Meditation andererseits zumindest kurzfristig zu individuell unterschiedlichen psychischen Effekten führt.

Peng und Koautoren (29) untersuchten, welchen Einfluss unterschiedliche Atemtechniken (während der Meditation) auf die Herzfrequenz nehmen. Pulsfrequenz und Atemexkursionen der zehn meditationserfahrenen Probanden wurden simultan aufgezeichnet. Die verschiedenen Atemtechniken waren „relaxation response“ (RR), „breath of fire“ (BF) und „segmented breathing“ (SB). „RR“ und „SB“ sind langsame, gleichmäßige und sehr konzentrierte Atemtechniken, die der für Zen-Meditation typischen Atmung entsprechen. Puls- und Atemaufzeichnungen waren bei RR und SB nahezu identisch. Die Frequenzen nahmen ab, die respiratorische Arrhythmie und die kardiorespiratorische Synchronisation nahmen zu. Unter BF nahm die Herzfrequenz zu und die Puls-Atem-Synchronisation deutlich ab. Änderungen der Atemtechnik während der Meditation nehmen also Einfluss auf Herzfrequenz, Sinusrhythmus und kardiorespiratorische Synchronisation. Nicht die Art der Meditation, sondern die Atmung bestimmt diese Parameter und Zusammenhänge.


Eine ähnliche Studie führten Cysarz und Bussing (30) durch. Auch sie untersuchten den Einfluss der Zen-Meditation auf die kardiorespiratorische Synchronisation und die respiratorische Sinusarrhythmie (RSA). Die Versuchspersonen (n = 9) hatten keine Meditationserfahrung. EKG-Ableitung und Atemfrequenzbestimmung erfolgten simultan unter vier verschiedenen Bedingungen: Spontanatmung, mentale Aufgabe, Sitzmeditation (Zazen) und Gehmeditation (Kinhin). Während der Sitz- und Gehmeditation kam es, neben einer deutlichen Abnahme von Puls- und Atemfrequenz, auch zu einer ausgeprägten Synchronisation von Herzschlag und Atmung. Mit Verlangsamung der Atemfrequenz nahm die respiratorische Arrhythmie zu. Eine kardiorespiratorische Synchronisation ebenso wie Puls- und Atemverlangsamung stellen sich offenbar während der Zen-Meditation auch bei Ungeübten rasch ein.


Kim und Kollegen (31) prüften den Einfluss der Zen-Meditation auf die Serum-Nitratoxid-Aktivität (NO) und den oxidativen Stress (Lipidperoxidation). Es wurden zwei nach Alter und Geschlecht angeglichene Gruppen (n = 20) – eine mit erfahrenen Meditationspraktikern und eine mit Kontrollpersonen gebildet. Im Serum der Meditierenden fanden sich signifikant höhere Nitrat- und Nitritkonzentrationen und niedrigere Malondialdehydkonzentrationea (MDA) als bei den Kontrollen. Hohe MDA- und niedrige NO-Konzentrationen als Folgen des oxidativen Stress gelten unter anderem als Risikofaktoren für Alterungsprozesse und kardiovaskuläre Erkrankungen. Die Befunde deuten darauf hin, dass Zen-Meditation zur Risikominimierung (Prävention) von Alterungsprozessen, Krebserkrankungen und Herz-Kreislauferkrankungen beitragen könnte.



Diskussion

Zur experimentellen Meditationsforschung und zu Untersuchungen mit elektrophysiologischen und bildgebenden Verfahren im Allgemeinen liegen mehrere Publikationen vor (7). Der spezifische meditative Zustand wird ganz allgemein auch als veränderter Bewusstseinszustand („altered state of consciouness“) bezeichnet (32-36). Mit dieser Umschreibung sind die Besonderheiten des „meditativen Status“ (der meditativen Erfahrung) jedoch nicht hinreichend charakterisiert. Seit jeher wird betont, dass sich die psychische Dimension der meditativen Erfahrung der Beschreibung mit bekannten Begriffen entzieht. Es heißt, Zen-Meditation kann nur subjektiv erfahren, nicht objektiv dargestellt werden (10, 11, 35, 36). Zen-Meditation ist die am wenigsten untersuchte der verschiedenen Methoden. Zen-Meditation ist ein uraltes, spirituelles Ritual. Dass dieses Verhalten mit spezifischen zumindest speziellen – neuronalen Funktionen und einer besonderen Wahrnehmung des Selbst und der Außenwelt einhergeht, scheint selbstverständlich und bedürfte an sich nicht der wissenschaftlichen Überprüfung. Wissenschaftliche Überprüfung kann jedoch zu Erkenntnisgewinn führen und eventuell können diese Erkenntnisse für medizinische Zwecke nutzbar gemacht werden. Es sei aber – noch einmal – darauf hingewiesen, dass solche Überlegungen in keiner Weise dem Geist der Zen-Philosophie entsprechen. Zazen ist absichtsloses „nur Sitzen“. Es geht dabei nicht um Heilung, Besserung, Erkenntnis, Erfahrung oder irgendeine Absicht (9, 10, 35, 37). Die Meditation, während der ein spezifischer Bewusstseinszustand (meditative Erfahrung) eintreten kann, muss – jahrelang – geübt werden. In diesem Punkt scheinen sich alle Meditationsexperten, gleich welcher spirituellen Richtung sie angehören, einig zu sein. Allerdings ist mit nichts belegt, dass Einzelne nicht schon nach kurzer Zeit zur „meditativen Erfahrung“ gelangen können. So kann das zentrale Phänomen des „Satori“ (Erleuchtung) nach Zen-buddhistischer Überzeugung nicht nur in vollkommener Meditation, sondern in jedem beliebigen Augenblick erfahren werden (11, 35). Für wissenschaftliche Fragestellungen sollte bei der Auswahl der Probanden allerdings auf langjährige Meditationserfahrung geachtet werden (38). Wenn man auf neurofunktioneller und psychischer Ebene nach dem „Spezifischen“ des meditativen Zustandes sucht, wird man es nur finden, wenn es tatsächlich vorliegt.

Die verschiedenen elektrophysiologischen Untersuchungen haben ein völlig unterschiedliches Design und unterschiedliche Fragestellungen, entsprechend unter schiedlich sind die Ergebnisse. An psychologischen und physiologischen Besonderheiten liefern die Studien, dass Zen-Meditation mit akzentuierter Vigilanz (13, 18, 19) bzw. mit erhöhter Aufmerksamkeit einhergeht und – in einem Fall – Gammawellenaktivität über einer Hirnregion produziert wurde, die – wie aus anderen Untersuchungen bekannt – bei veränderten Bewusstseinszuständen aktiv sein soll (IS). Die Studien von Murata, Takahashi und Koautoren (18, 19) lassen Schlüsse über die Zen-Meditation nur bedingt zu, da ausschließlich Meditationsnovizen untersucht wurden. Zumindest kann über „traits“ der Meditation nichts gesagt werden. Die gefundenen „states“ decken sich mit den Ergebnissen von Becker und Shapiro (13) insofern, als dominierender Alpharhythmus offenbar mit dem psychischen Status vermehrter Aufmerksamkeit korrespondiert. Erstaunlicherweise scheinen Persönlichkeitsmerkmale Einfluss auf die Qualität des meditativen Status, die damit einhergehende Hirnstromkurve und die Herzfrequenz zu nehmen.


Hohe Angst-Spannungs-Scores führten während der Meditation eher zu Entspannung, schnelleren EEG-Wellen und Pulsverlangsamung, niedrige Scores zu verstärkter Aufmerksamkeit, ausgeprägtem Alpharhythmus und Pulsbeschleunigung. Auch die Merkmale „novelty seeking“ und „harm avoidance“ wirkten sich auf den psychischen Status, das EEG und die Herzfrequenz aus. „NS“ soll während der Meditation eher mit geschärfter Aufmerksamkeit, höherer Ausprägung des Alpharhythmus und schnellerer Pulsfrequenz, „HA“ mit Abnahme frontaler Thetaaktivität, Achtsamkeit („mindfulness“) und Pulsverlangsamung korrelieren. Die subjektive Wahrnehmung während der Meditation war durchgehend bei allen Probanden von Wachheit, Aufmerksamkeit und Entspannung charakterisiert, obwohl sich Hirnstromkuren und Herzfrequenzen zum Teil deutlich unterschieden. Subjektives Empfinden kann demnach von sehr unterschiedlichen objektiven Messgrößen begleitet werden. Diese Ergebnisse sprechen unter anderem dafür, dass die psychische Dimension der meditativen Erfahrung sehr schwer zu operationalisieren ist. Auf dieses Problem haben auch Cahn und Polich in ihrer umfangreichen Übersichtsarbeit hingewiesen (7). In der fehlenden Definition dessen, was Meditation ist, sehen sie die entscheidende Schwäche der bisherigen Meditationsforschung, „given the wide range of possible meditation methods and resulting states, it seems likely that different practices will produce different psychological effects and that different psychological types will respond with different psychobiological alterations“ (7).


Die EEG-Befunde bei Zen-Meditation decken sich im Wesentlichen mit denen, die bei anderen Meditationstechniken gefunden wurden. Konsistente Befunde sind Zunahme von Theta- und Alphaaktivität und generell verstärkte Ausprägung langsamer Frequenzen (7). Meditationsspezifisches ist damit nicht erfasst, denn diese Muster finden sich typischerweise auch in der Einschlafphase (38, 39). Ein Unterschied besteht freilich im Bereich der psychischen Dimension schläfrig versus hellwach, während sich die neurophysiologischen Parameter (Hirnstromkurven) erstaunlicherweise nicht unterschieden. Vermutlich ist die feine Differenzierung und Lokalisation (topograhic mapping) der Frequenzen zwischen Meditations-EEG und Einschlaf-EEG noch nicht gelungen (7).


Die Ergebnisse der fMRI-Studie von Ritskes und Mitarbeitern (21) lassen mit Sicherheit keine Verallgemeinerungen zu. Aber auch, wenn man die Ergebnisse aller Studien (mit bildgebenden Verfahren) der verschiedensten Meditationstechniken betrachtet, ist festzustellen, dass kein Ansatz die neurophysiologischen Besonderheiten charakterisiert und identifiziert hat, die verständlich machen würden, wie und warum Meditation die (Selbst-)Wahrnehmung verändert (7). Meditationsspezifische neuronale Aktivitätsmuster konnten mit Hilfe bildgebender Verfahren bisher nicht identifiziert werden. Als konsistenter Befund ist vermehrte präfrontale Aktivität beschrieben worden (7, 8). Dieser Befund, der mit dem psychischen Status der Aufmerksamkeit korreliert, ist aber nicht nur bei Meditation, sondern auch bei anderen psychischen Funktionen zu beobachten (23-25). Das neuronale Muster der „typischen meditativen Erfahrung“, nämlich verändertes Bewusstsein („Erleuchtung“), Grenzenlosigkeit, Zeitlosigkeit und Ichlosigkeit ist damit nicht identifiziert.


Die Ergebnisse der experimentellen Untersuchungen zu psychologischen und physiologischen Aspekten tendieren vor allem in die Richtung, dass Zen-Meditation mit Parametern der psycho-vegetativen Entspannung (state) korreliert (18, 19, 27, 29, 30). Langjährige Übung scheint daräberhinaus mit grundsätzlich niedrigen Angst- und Depressionsscores (trait) zu korrelieren. Die Ergebnisse der Studie von Tlocznski und Kollegen (26) sind mit denen von Becker und Shapiro vergleichbar (13). Geschärfte sensorische Wahrnehmung und geschärfte Aufmerksamkeit scheinen nicht nur ein „state“ der Zen-Meditation zu sein, sondern auch ein „trait“.


Design und Fragestellung der Arbeiten von Kim und Kollegen (31) sind spezieller Natur. Dass Meditation Einfluss auf biochemische Parameter des oxidativen Stress nimmt, erscheint nachvollziehbar und eröffnet prinzipiell therapeutische Aspekte mit Blick auf Herz-Kreislauferkrankungen. Die Ergebnisse wurden jedoch nicht repliziert und bedürfen einer Überprüfung.


Zen-Meditation korreliert erwartungsgemäß mit einigen typischen, aber nicht spezifischen neurophysiologischen und physiologischen Effekten und Messgrößen. Ganz allgemein gelingt bisher aber weder mit Hilfe elektrophysiologischer noch bildgebender Verfahren eine Differenzierung zwischen meditativem Status und Einschlafphase bzw. meditativem Status und Aufmerksamkeit (7). Dies überrascht, da Zen-Meditation weder etwas mit Schläfrigkeit noch mit Aufmerksamkeit und Konzentration (zumindest sind diese nicht beabsichtigt) zu tun hat. Man würde also vermuten, dass sich Zen-Meditation sehr wohl von Schläfrigkeit differenzieren lässt und in bildgebenden Verfahren würde man eine Abnahme neuronaler Aktivität in Arealen erwarten, die mit bewusstseinsnahen intentionalen – motorischen und psychischen – Vorgängen korrespondieren. Die bisherigen Untersuchungsbefunde entsprechen diesen Erwartungen jedoch nicht.


Das Forschungsproblem liegt sicher nicht nur darin, geeignete Untersuchungstechniken zu finden, sondern vor allem in der schwierigen Definition dessen, was unter Meditation aus phänomenologischer Sieht zu verstehen ist. Meditation ist nicht in dem Sinne zu objektivieren wie andere psychische Zustände oder geistige Leistungen. Der Untersucher kann sich nicht sicher sein, ob das untersuchte Individuum im „meditativen Zustand“ ist, was auch immer aus subjektiver Sicht darunter verstanden mit. Möglicherweise gibt es auch sowohl aus Sicht subjektiver Erfahrung als auch aus Sicht identifizierbarer neuronaler Aktivität verschiedene meditative Zustände. Die Untersuchung der Zen-Meditation muss nicht zwangsläufig zu den Ergebnissen führen. wie z. B. die Untersuchung der Kriya Yoga-, Raj Yoga-, Sahaja Yoga- und Kundalini Yoga-Meditation oder der transzendentalen Meditation. Spezielle (aber nicht spezifische) Muster neuronaler Aktivität und spezielle physiologische Parameter der Körperperipherie, z. B. der Atmung und Herzfrequenz, finden sich bei allen Meditationsarten, deren genaue Bedeutung unter therapeutischen Gesichtspunkten ist jedoch nicht geklärt (7). Dennoch sind Meditation und Elemente zen-buddhistischer Lebenspraxis (Achtsamkeit) schon seit längerer Zeit wesentliche Bestandteile westlicher verhaltenstherapeutischer Methoden (1, 2, 4, 41-43). Die (neuro)biologische Grundlagenforschung der Meditation hinkt hinter der empirisch basierten therapeutischen Implementierung her und bedarf weiterer kluger Untersuchungen.


Literatur




























aus Nervenheilkunde 3/2008
(die Rechtschreibung habe ich vorsichtig verbessert)


Es tut sich was: Als ich 1987 bei den Lindauer Psychotherapiewochen in einer Veranstaltung das Wort Meditation erwähnte, guckten mich Leiter und Teilnehmer an, als ob ich ein Junkie wäre, der sich unberechtigterweise reingeschlichen hätte. Damals wurde Meditation einzig als Regressionsversuch verstanden: Weltflucht, zurück in den Uterus, unendliche Glückseligkeit als Versuch, der Verantwortung für sich selbst zu entfliehen. Wiewohl es nach so vielen Jahren gar nicht mehr der Punkt ist: Wenn durch ein EEG (fehlende Habituation, siehe oben unter EEG-Studien) nachgewiesen werden kann, daß der Bewußtseinszustand des Probanten »hellwach« ist, kann man ihm nicht mehr Trancegier oder sonst eine »Republikflucht aus der Realität« vorwerfen. Es wird auch deutlich, daß sich auf unbekannte Phänomene, die Angst hervorrufen, unter dem Deckmantel von Wissenschaftlichkeit beliebige Etiketten draufkleben lassen, um sich nicht mit ihnen beschäftigen zu müssen. Eine alte Regel bewahrheitet sich: Die Alten müssen aussterben, damit das Neue seinen Platz findet. Die Leute, mit denen damals zu diskutieren war, hatten in ihren Koordinatensystemen keinen Platz und keine Kriterien für das Neue. Jetzt sind andere Leute da. In einem Interview sagte Satyananda über Osho: »Er ist seiner Zeit um mindestens 50 Jahre voraus. Aber immer mehr Menschen sehen in ihm das, was er von Anfang an war: einen Weisen, der die Antworten auf viele existenzielle Fragen unserer Zeit hat. Seine Bücher erzielen weltweit Millionenauflagen. Sein Gesamtwerk ist vor zwei Jahren in die Bibliothek des indischen Parlaments aufgenommen worden - eine Ehre, die bisher nur noch Mahatma Gandhi zuteil geworden ist. Ein deutliches Zeichen dafür, dass Osho zumindest in Indien angekommen ist und ernst genommen wird.« (www.oshofreiburg.de)

So hilflos obiger Artikel auch erscheinen mag, er ist mutig dahingehend, etwas mit Hilfe der zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Kriterien bewerten zu wollen und nun nicht den alten Weg geht, darin einen Mangel des Untersuchungsobjekts zu sehen, sondern die Eingeschränktheit der wissenschaftlichen Kriterien konstatiert. Das nenne ich Wissenschaft: Mutig genug zu sein, seine Hilflosigkeit zugeben zu können. Das ist klares Denken, das ist Objektivität! Unser Denken hat sich der Realität anzupassen und nicht umgekehrt.

Anfang der 80er nadelte mich ein inzwischen verstorbener Gießener Orthopäde wegen einer schon seit drei Monaten andauernden therapieresistenten Achillodynie. Nachdem er die Nadeln nach einer Viertelstunde aus meinem Bein rausgezogen hatte, hüpfte ich lachend im Therapiezimmer herum: sämtliche Beschwerden waren wie weggeblasen (und blieben es auch). Daraufhin er: »Erzählen Sie’s nur nicht weiter, Herr Kollege!«




Das Wirken der Natur zu kennen, und zu erkennen, in welcher Beziehung das Menschliche Wirken dazu stehen muss: Das ist das Ziel.

Tschuang Tse (Zhuangzi)
chinesischer Philosoph und Schriftsteller, daoistischer Heiliger (ca. 365 – 290 v. Chr.)
(angeregt zu dem Zitat hat mich konfusius, Danke!)