Sonntag, 2. Dezember 2012

Meine Anfänge in Soji-ji



Meine Anfänge in Soji-ji


Diese Geschichte nahm schließlich eine völlig unerwartete Wendung. Ich kochte vor Ungeduld und mußte den Meister so schnell wie möglich wiedersehen. Endlich kam der sehnlichst erwartete Sonntag. Ich ging sehr früh los und begab mich direkt in seinen Raum. Diesmal war er umgeben von einer Gruppe von Mönchen und Laienschülern.
„Ah, da bist du ja!” Er stellte mich lächelnd der Versammlung vor: „Er ist ein Schüler, der aus Saga kommt. Während eines Sesshins in Enkaku-ji, hat er einen Junko durchgeprügelt. Ich bitte euch also, ihn mit Vorsicht zu behandeln.” Er sprach über mich, wie wenn ich ein gefährlicher Bursche gewesen wäre. Dann ließ er mich mit einem gewissen Abe Yutaka Bekanntschaft schließen, der sehr schlau aussah. Zweifellos dachte er, daß unsere Charaktere zueinander passen würden. Er irrte sich nicht.
Abe Yutaka wurde später einer meiner intimsten Freunde; nach seinem Tode kümmerte ich mich um seine Kinder. Ich beobachtete mit Neugier die Art und Weise, wie Meister Sawaki die Achtung seiner Umwelt gewann, ohne je aufzuhören zu lachen und sich für jedermanns Wohlergehen zu sorgen. Abe scherzte ununterbrochen. Aber jemand anders, ein gewisser Saito, stellte endlich eine ernste Frage: „Ist die Seele unsterblich oder nicht?”
„Was die Seele[1] ausmacht, kann man nicht in Worte fassen, der Geist aber, der jedem Menschen innewohnt, kann verschiedene Aspekte annehmen. Der Urbuddhismus brauchte übrigens kein solches Konzept für Seele wie der Begriff „Reikon” es andeutet”, antwortete er mit Ernst.
Die Zeit für das Zazen war gekommen – alle standen auf, nur ich blieb sitzen.
Meister Sawaki wandte sich mir zu: „Vielleicht magst du Khakis essen und mein Notizbüchlein durchblättern?”
„Nein, nein Meister, heute will ich um jeden Preis Zazen üben.”
„Na, worauf wartest du dann noch, um ihnen zu folgen? Schau ihnen zu und ahme sie in allem nach! Auch wenn dir die Beine weh tun, bleibe deiner Haltung gewahr – sie muß aufrecht bleiben.”
„Einverstanden, ich gehe sofort mit”, antwortete ich ungeduldig, die anderen einzuholen. Abe kam neben mich und erklärte mir liebevoll allerlei Dinge, als wir durch den Gang gingen. Wir gelangten in die große Halle, wo die Meditationen stattfanden. Jeder legte die Hände zu einem Gassho[2] zusammen und neigte den Kopf vor dem rangältesten Mönch, dann setzten wir uns auf die linke Seite der Halle. Nun kam Meister Sawaki herein, verneigte sich mit gefalteten Händen vor dem rangältesten Mönch, zündete Weihrauch an, vor dem er drei Verbeugungen machte, und begann, im Saal herumzugehen, um die Sitzhaltungen zu prüfen. Schließlich setzte er sich und läutete dreimal die Glokke, um anzukündigen, daß das Zazen begonnen hatte.
Die Atmosphäre war hier vollkommen verschieden von der in Enkaku-ji. Sicher war die Stille voller Spannung und beeindruckend, aber sie war auch beruhigend. Sie wurde nicht durch das ununterbrochene und irritierende Hämmern der Kyosakuschläge gestört. Nach dreißig Minuten erklang das Kusen[3] das vom Meister gesprochene” Wort” durch die ganze Halle. Wie eine in das stille Wasser eines Teiches geworfene Münze, weckte diese Stimme mein Bewußtsein in konzentrischen Kreisen. Die Biegsamkeit seiner Stimme, die aus der Tiefe der Brust heraufklang, verlieh der Satzmelodie eine besondere Intensität:
„Zazen heißt: mit sich selbst in aller Intimität umzugehen.
Es befähigt, mitten im Universum allein zu sein, sich selbst zu erkennen und sich vollkommen auf sich selbst einzulassen.
Im Zazen hofft man nicht, irgendetwas zu erreichen, man ist absolut mushotoku.[4] Man strebt weder nach Satori, noch schiebt man seine Zweifel beiseite; man bemüht sich auch nicht darum, störende Gedanken wegzujagen, denn – nichts ist von Bedeutung.
Zazen besteht nicht darin, Gedanken im Kopf zu wälzen!
Es ist eine Disziplin, in die der ganze Körper einbezogen ist. Mit allen Sinnen und nicht mit dem Intellekt soll man Buddhas Weg wahrnehmen.
Diese körperliche Disziplin ist in sich selbst Satori.[5] Die Zazen Haltung genügt, Satori zu erlangen.
Während des Zazen begegnet jeder dem Universum und erreicht in der Kontemplation den Punkt, an dem es mit einem Blick erfaßt wird.
Während Dutzenden von Jahren Zazen zu üben, ohne dessen Essenz zu verstehen, ist ein wertloses Unterfangen, das in keiner Beziehung zu Buddhas Weg steht.
Schales Bier ist ungenießbar. Das gilt auch für die Zazen Haltung. Sie ist nicht weich, sondern erhaben und eindrücklich; sie gleicht nicht der von Papiertigern, deren Köpfe in allen Richtungen wackeln.”
Ich hatte den Eindruck, daß seine Bemerkungen mir galten, also berichtigte ich meine Haltung so gut ich konnte. Meine gekreuzten Beine ließen mich ein Martyrium durchmachen. Zum Glück läutete die Glocke. Es war das Ende der Meditation. Ich beeilte mich, hinauszukommen. Ich hatte keinen einzigen Schlag mit dem Kyosaku bekommen. Vielleicht schonte der Meister Neuankömmlinge. So war ich also ein bißchen enttäuscht, denn ich hätte von ihm alles in Kauf genommen.
Wir begaben uns dann in einen Hörsaal, in dem der Meister einen Vortrag über das Shodoka hielt. Die Worte flossen ganz natürlich aus seinem Mund, er mußte nicht einmal nach ihnen suchen. Die unerwartetsten Stoffe inspirierten ihn. Die vollkommene Leichtigkeit, mit der er vortrug, verblüffte mich.
„Lernt aus der Geschichte, indem ihr über sie hinausgehend auf das Wesentliche zielt. Weder besitzt ein Mensch Größe, weil er eine hohe Stellung hat, noch Weisheit, weil er viel Geld verdient. Oft besitzt ein bescheidener und unscheinbarer Mensch mehr Weisheit, als ein Direktor einer großen Firma oder ein Ministerpräsident.
Weder guter Ruf noch Geld bestimmen den wirklichen Wert eines Menschen.
,Warum glauben Sie?’ frage ich die Leute gewöhnlich.
Meistens antwortet man mir: ,Weil ich es vermeiden möchte, in die Hölle zu kommen.’ – ,Aber woher wissen Sie, daß man es im Himmel besser hat als in der Hölle?’ An diesem Punkt weiß mein Gegenüber meistens nicht mehr, was es antworten soll. ‚Alles in allem ist die Hölle sehr entspannt’, sage ich, ,dort können Sie mit Ihren Brüdern, den Teufeln anstoßen!’“ Dies brachte mir zu Bewußtsein, daß ich am vorigen Sonntag auch einer von diesen Teufelsbrüdern gewesen war, mit dem Sawaki angestoßen hatte.
„Dämonen und Engel haben dieselbe Herkunft, ebenso Bäume, Blumen, Flüsse und Berge. Das Heilige hat kein begrenztes Ich, aber es fehlt ihm trotzdem nicht an Persönlichkeit. Himmel und Erde sind eins und unendlich, niemand existiert außerhalb seiner selbst, und das Ich existiert nicht ohne die anderen. In unserer Zeit ziehen die Menschen das Geld der Religion vor. Es ist unmöglich, ihre Einstellung zu ändern. Worin ihre Bemühungen auch immer bestehen, es genügt, daß sie nach Gewinn oder einem persönlichen Vorteil trachten, um unweigerlich den Sturz in die Hölle zu machen.
Die Haltung eines Menschen, der versehentlich in einen Fluß fällt und mit aller Kraft zappelt, um darin nicht zu ertrinken, ist ganz verschieden von der eines Menschen, der in den Fluß springt, um ihn zu retten. Dasselbe gilt für die Hölle. Derjenige, der aus Unachtsamkeit hineinfällt, und derjenige, der ihn daraus herausrettet, sind in ihrer inneren Ausrichtung völlig entgegengesetzt. Dies lehrt der Weg des Bodhisattva[6] im Mahayana Buddhismus. Es gibt kein vorteilhafteres Betragen, als sich in Selbstvergessenheit den anderen restlos hinzugeben.
Bis jetzt habe ich Berühmtheit gemieden. Denn was ist Erfolg? Geld brauche ich nicht, mein Leben übrigens auch nicht! Trotzdem habe ich leidenschaftlich gekämpft. Ich habe es abgelehnt, aus meinem Leben ein rein intellektuelles Abenteuer zu machen. In der Anstrengung habe ich mein Maß gefunden. Ich habe Lob genau so wie Eifersucht gemieden. Ich weiß nicht, was Eifersucht ist.
Bevor er von einem Tiger zerfleischt wurde, sprach Prinz Satta folgende Worte:
,Jede Tat ist vergänglich. Jedes Lebewesen ist unausweichlich zum Verschwinden verdammt. Wir entrinnen diesem Gesetz nicht. Die Einsamkeit des Todes soll unsere Freude werden.’
Diese Worte mögen für eure Ohren seltsam klingen, aber sie bestätigen die Leidenschaft, mit der Satta nach Wahrheit suchte. Sein Streben war für ihn so dringend, daß ihm wenig an seinem Leben lag.
Der Prinz Fuse Daishi, einer von Buddhas Schülern, verließ eines Tages seine Frau und seine Söhne, gab seine Stellung und sein ganzes Vermögen auf und zog sich in die Berge zurück. Das alles wegen eines einzigen Zieles – ganz einfach, um zu entdecken, was er in der Tiefe seiner selbst war, denn er hatte sich bis dahin nie wirklich gekannt.”

aus Taisen Deshimaru, Autobiographie eines Zen-Mönchs






[1] Seele, im Japanischen besteht dieses Wort aus zwei Schriftzeichen: REI für Seele, und KON für Geist. Daher die Antwort von Meister Sawaki.
[2] Gassho, Geste des Grüßens, die darin besteht, daß man die Hände senkrecht vor der Brust zusammenlegt. Diese Geste kann als Symbol der Einheit von Existenz und Geist gedeutet werden.
[3] Kusen, kleine Predigt, die während des Zazen gehalten wird und die die mündliche Unterweisung durch den Meister beinhaltet.
[4] Mushotoku: absichtslos und ohne Streben nach Verdienst.
[5] Satori: Erwachen.
[6] Weg des Bodhisattva oder Bosatsu Do, Doktrin, die lehrt, daß die persönliche Vollkommnung von universellem Mitleid begleitet werden muß.