Samstag, 28. Januar 2012

Morris Berman – Wiederverzauberung der Welt



Vielleicht ist es kein Zufall, daß die erste nichtenglische Ausgabe von The Reenchantment of the World eine deutsche sein wird. In der Tat wird der Titel des Buches besonders beim deutschen Leser auf Resonanz stoßen, handelt es sich doch um eine beabsichtigte Umkehrung von Max Webers berühmter Bemerkung, Wissenschaft sei "die Entzauberung der Welt". Und so ist Webers Sorge um das was er "Rationalisierung" nannte in diesen Seiten gegenwärtig, ebenso, wie eine ganze Anzahl anderer Themen, die zuerst in deutscher Sprache formuliert wurden: C.G. Jungs Interesse an der Alchemie und dem Traumsymbolismus (Kapitel 3), Goethes Kritik an Newton und am "faustischen Menschen" im allgemeinen (Kapitel 4), sowie Reichs Behauptung, daß die Verdrängung des Körpers unsere Wahrnehmung und Erfahrung der Welt verzerrt (Kapitel 6). Darüberhinaus wird meine Diskussion der holistischen Tradition - eine Art zu denken, die dem angelsächsischen Geist eigentlich fremd ist - einem deutschen Publikum wahrscheinlich nicht ganz unbekannt sein, obwohl mein "Paradigmenfall" hier (Kapitel 7 und 8) interessanterweise der angloamerikanische Anthropologe Gregory Bateson ist, dessen HoIismus wichtige neue Bereiche absteckt und gleichzeitig bestimmte klassische holistische Themen anklingen lagt.

Wiederverzauberung der Welt. - Am Ende des Newton'schen ZeitaltersTrotz einiger Kritiken, die dieses Buch auf sich gezogen hat, stellt es meiner Ansicht nach keinen simplistischen Angriff gegen die moderne Wissenschaft dar, wie auch keine aufgefrischte Version von Oswald Spenglers Klagelied auf das Abendland. Wenn man von dem Buch sagen kann, daß es ein einziges durchgängiges Thema habe, dann jenes, daß die Erfolge der modernen Wissenschaft dem Abendland nicht in den Schoß fielen, daß wir trotz (oder wegen) ihres immensen Wertes einen beachtlichen Preis dafür bezahlten, einen Preis, den wir bisher ignorierten; und daß dieser besondere, durch die moderne Wissenschaft repräsentierte Wissensmodus, als Resultat davon, eingebaute Grenzen besitzt, welche schließlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erreicht wurden. Die hier angebotene Lösung besteht nicht in einem "Abschaffen" der Wissenschaft, was zumindest in absehbarer Zukunft so unwahrscheinlich ist, daß es albern wäre, sondern eher darin, nach dem zu suchen, was dem Abendland im Verlauf der wissenschaftlichen Revolution verloren ging, um diese fehlenden Elemente in unser gegenwärtiges Wirklichkeitsmodell wiedereinzubauen. Soweit ich erkennen kann, hat dieser Prozeß in den Industrienationen bereits begonnen. Denn der teuerste Preis, den wir den Leistungen der modernen Wissenschaft zahlten, ist, um Herbert Marcuse zu paraphrasieren, eine eindimensionale Erfahrung des Lebens, eine psychische Entfremdung, die Millionen von Menschen immer weniger zu tolerieren bereit sind. Diese Entfremdung war es, die zur Hauptquelle einer signifikanten Art kultureller Transformation wurde, einer Reihe von Veränderungen, die auf so verschiedene Weisen reflektiert werden wie von der Frauenbewegung, der Ökologiebewegung und dem neuerwachten Interesse am Okkulten, um nur einige zu nennen. Und doch handelt es sich hier um Veränderungen, die typischerweise auf der persönlichen Ebene ihren Anfang nehmen und nicht auf der politischen. Sie entwickeln sich aus privaten Zwangslagen, die sich innerhalb der individuellen Psyche kristallisieren. Dies ist nicht unwichtig; ich vermute sogar, daß es sich dabei um einen absolut wesentlichen Bestandteil jener Veränderungen handelt, von denen ich spreche, denn solch ein Dilemma muß auf unmittelbare und persönliche Weise empfunden werden, um als real begriffen zu werden. Ich habe mir in diesem Buch zur Aufgabe gemacht, einige dieser Dilemmas aus historischer Perspektive aufzuzeigen und jene Optionen nahezulegen, die uns zur Verfügung stehen; eigentlich heißt das, jene Hoffnungen und Befürchtungen zu artikulieren, die bereits recht weit verbreitet sind. Letztlich muß der Leser für sich selbst entscheiden, in welchem Umfang eine Wiederverzauberung möglich oder wünscheswert ist und in welcher Form das geschehen sollte. 

Victoria, British Columbia, Morris Berman

Samstag, 14. Januar 2012

Lady in the Dark – unbedingt empfehlenswert

Lady in the Dark ist ein 1941 am Broadway uraufgeführtes Musical von Kurt Weill, der in Europa hauptsächlich durch seine Musik für die Dreigroschenoper (1928) von Brecht bekannt ist, mit dem er seit 1927 zusammenarbeitete. Die Texte stammen von George Gershwins Frau Ira, in der Originalbesetzung spielte Danny Kaye. Die Verfilmung aus dem Jahr 1944 mit Ginger Rogers verzichtet uf eienen Großteil der Weill’schen Musik.

Weill, dessen Bücher den Verbrennungen durch die Nazis zum Opfer fielen, floh nach der Machtergreifung der Nazis 1933 nach Paris und emigrierte 1935 in die USA. Über die Entstehungsgeschichte des Musicals ist bei Wikipedia nichts zu finden, überhaupt ist hierzulande der »amerikanische Weill« fast unbekannt, was wohl auch etwas mit der deutschen Mentalität zu tun hat: Nach der Dreigroschenoper Musicals zu schreiben, gehört sich anscheinend nicht. Dabei ist es hochinteressant, sich anzusehen, mit welchen Themen sich Weil in seiner amerikanischen Schaffensperiode auseinandersetzte: The Eternal Road (1937) ist ein Bibelspiel über die Geschichte des jüdischen Volkes, er schrieb die Musik zu Ben Hechts »We will never die«, das die Shoa thematisiert und 1943 – in diesem Jahr erhielt Weill die amerikanische Staatsbürgerschaft – uraufgeführt wurde. In seiner 1947 uraufgeführten Oper Street Scene thematisiert Weill die Apartheid.

Sein 1940 (andere Quellen: 1941) uraufgeführtes Musical »Lady in the Dark« hat die Psychoanalyse zum Gegenstand, und die Aufführung an der Staatsoper in Hannover kann es mit jedem Video, welches ich bei youtube gefunden habe, ganz locker aufnehmen.

Lady in the Dark - Staatsoper Hannover {3:04}

Am 18.10.2011 veröffentlicht
Staatsoper Hannover
LADY IN THE DARK
Musical von Kurt Weill
Buch von Moss Hart
Gesangstexte von Ira Gershwin
Deutsche Fassung von Roman Hinze
in deutscher Sprache
Premiere am 15. Oktober 2011
Eine undefinierbare Angst bringt das Selbstbild der erfolgreichen Geschäftsfrau Liza Elliott, Herausgeberin eines renommierten Modemagazins, gehörig ins Wanken. Und immer in ihren schwachen Momenten verfolgen sie die Fragmente eines Kinderliedes. In ihrer Verzweiflung begibt sie sich in Behandlung des Psychoanalytikers Dr. Brooks und durchlebt in mehreren surrealen Traumsequenzen die Abgründe ihres Unterbewusstseins. Mit dem 1940 entstandenen Musical »Lady in the Dark« gelang Kurt Weill der endgültige Durchbruch am Broadway. Die Idee zu der Story stammt von Moss Hart, dem Verfasser etlicher Textbücher zu erfolgreichen Musicals und überzeugten Anhänger von Sigmund Freuds Methode. Weill reizte an dem Projekt neben dem für ein Broadway-Musical unge-wöhnlichen Thema vor allem die originelle Dramaturgie. In die »reale« Handlung sind Traumsequenzen eingebettet, die Weill als durchkomponierte musikalische Großformen gestaltete. Weill selbst sprach von »einer völlig neuen Form: ein gesprochenes Schauspiel, unterbrochen von drei einaktigen Opern«.
Musikalische Leitung Mark Rohde | Inszenierung Matthias Davids | Bühne Heinz Hauser | Kostüme Judith Peter |Choreographie Melissa King | Licht Susanne Reinhardt | Chor Dan Ratiu | Dramaturgie Klaus Angermann

Kurt Weill (με ελληνικούς υπότιτλους) {1:38:00}

Am 17.05.2016 veröffentlicht
Free Vasscon
Πολύ καλό ντοκυμανταίρ για τον Kurt Weill σε σκηνοθεσία του Sven Düfer. Με τους Kathrin Angerer, Blixa Bargeld, Willem Breuker κ.ά.
http://www.imdb.com/title/tt0305739/
Εκτός από την ιστορική αφήγηση, ακούγονται τραγούδια του σε σπάνιες κλασικές αλλά και νέες πρωτότυπες ηχογραφήσεις. Η μετάφραση των υποτίτλων και η επεξεργασία του βίντεο έγινε από vasscon.

Rezension in der HAZ und bei WELT Online
Termine bei Bühnen.net
Darsteller bei Matthias Davids

Zum Schluß das zentrale Stück des Musicals: My Ship   Text (lyricsplayground)
From Lady in the Dark! - My Ship - Lovely Dawn Upshaw {2:52}

Am 08.08.2009 veröffentlicht
varadero1839
This charming performer is a "dream singer!" What a talent! Pardon the visual "artifacts!"

Freitag, 13. Januar 2012

Anders Breivik – zurechnungsfähig oder nicht?

Auszüge aus dem Artikel »Verrückte Welt« (Süddeutsche 11.01.12, S. 2; weitgehend wörtlich zitiert)

Johan Cullberg (78-jähriger hoch angesehener schwedischer Psychiater und Psychoanalytiker): Anders Breivik hat eine Persönlichkeitsstörung, keine paranoide Schizophrenie; die Gutachter haben es nicht geschafft, sich von ihrer Abscheu vor Breiviks Taten zu befreien. Für sie war schon vor der Untersuchung klar, daß er ein mentales Monstrum sein muß - weil er sonst nicht getan hätte, was er getan hat. Breiviks Gerede von einem unterschwelligen Bürgerkrieg sei zwar eine Wahnvorstellung aber nicht bizarr: »Diese Idee wird durchaus auch von anderen Menschen geteilt.«

Daniel Pohl, Chefredakteur der angesehenen Expo – vom 2004 verstorbenen Bestsellerautor Stieg Larsson gegründet: »Wenn Breiviks politische Vorstellungen geisteskrank sind, dann gibt es eine Menge geisteskränker Menschen in Europa.« Man dürfe die Anschläge nicht einfach als Werk eines Irren abtun: »Damit geraten wir auf einen gefährlichen Pfad.« Man verliere den Blick dafür, daß es sich um eine politische Tat handelt, ausgeführtvon einem Extremisten, gerichtet gegen die.norwegische Arbeiterpartei. Es sei generell bedenklich, politische Meinungen als Symptome von Geisteskrankheit zu werten: »Das erinnert mich an die Sowjetunion. Da hat man auch Andersdenkende für geisteskrank erklärt. In einer Demokratie muß man sich mit diesen
Meinungen auseinandersetzen, auch wenn sie falsch sind. Breiviks Ideen von einer »Islamisierung« und einem Bürgerkrieg seien im Gund Wahnvorstellungen, »genauso wie jüdische Weltverschwörung eine Wahnvorstellung ist. Aber als Ideen sind diese Vorstellungen ein Teil der politischen Realität. Sie können das Denken und Handeln von vielen Menschen beeinflussen.«
Staatswälte und Angeklagter – dieser hält sich für gesund – sind gegen neue Gutachten.

Für mich gilt nach Lektüre dieses Artikels als gesichert: Breivik hat eine Persönlichkeitsstörung und ist damit unzurechnungsfähig. Inzwischen hat das Gericht ein neues Gutachten angeordnet.

siehe auch:
Anders Breivik: Psychogramm eines Massenmörders (Gerald Traufetter, SPON, 09.08.2011)

Artikelübersicht der Süddeutschen Zeitung zum Thema Anders Breivik (beachte auch »Was bedeutet ›unzurechnungsfähig‹?«, ebenfalls bei der Süddeutschen)
aktualisiert am 18.10.2015

Donnerstag, 12. Januar 2012

Erfindung des Vibrators: Bsssssssssssssssss

Er nannte ihn "Hammer": Ende des 19. Jahrhunderts ließ sich ein britischer Mediziner den ersten elektrischen Vibrator patentieren und beglückte damit vor allem seine männlichen Kollegen. einestages erzählt die Erfolgsgeschichte des surrenden Freudenspenders - und zeigt die sperrigen Modelle der Frühzeit.

Plötzlich bekam der erfinderische Doktor Angst vor dem ungeahnten Erfolg seiner Erfindung: Nein, er habe das Gerät niemals bei Frauen ausprobiert und werde dies auch in Zukunft nicht tun, schrieb Joseph Mortimer Granville 1883 in seinem Büchlein über "Nerven-Vibration". Das Gerät sei vielmehr dazu gedacht, die verspannten Muskeln männlicher Patienten zu lockern, fügte er hinzu.

Allein, seine Kollegen pfiffen auf die Bedenken des Briten. Scharenweise eilten die Mediziner herbei und rissen ihm die soeben kreierte Wunderwaffe aus der Hand: eine Art Bohrer mit einer kleinen Kugel an der Spitze. Auf Knopfdruck begann diese sanft zu ruckeln. Der Strom hierfür stammte aus einer koffergroßen Batterie, die per Kabel mit dem Gerät verbunden war.

Ausgerechnet im viktorianisch-prüden England entwickelte Mortimer Granville den weltweit ersten elektrischen Vibrator. Und beglückte damit allen voran - die männliche Mediziner-Zunft.

mehr:
- Erfindung des Vibrators: Bsssssssssssssssss (Katja Iken, SPON, 12.01.2012)

Dienstag, 3. Januar 2012

Wartenkönnen auf Erfahrung…


… daß eine der überraschendsten Erfahrungen
in der Erkenntnis liegt,
daß Verstehen nicht willentlich ist
(obwohl es guten Willen dazu braucht),
Einsicht nicht erobert werden kann,
sondern von allein kommt.
Und zwar nicht, wann wir wollen,
sondern wann sie will.
Gelassenheit und Wartenkönnen
zählen daher zu den
hermeneutischen Kardinaltugenden.
Und auch
das Wartenkönnen auf Erfahrung.

S. Kleinschmidt: Gegenüberglück

Sonntag, 1. Januar 2012

Neujahrsgrüße eines Psychotherapeuten

Ich habe mir über einen einen Monat lang überlegt, ob ich folgendes Video in meinen Blog stelle. Wir Psychotherapeuten wollen ja als seriös gelten…

Ja, ich gebe gern zu: Folgendes Video soll eine Augenweide sein. Aber die Augenweide verfolgt einen Zweck, oder besser gesagt: Ursula Martinez verfolgt einen Zweck. Und was Ursula Martinez beabsichtigt, hat ganz viel mit Psychotherapie, so wie ich sie verstehe, zu tun. Für mich ist Psychotherapie angewandte Aufklärung, (englisch: Age of Enlightenment) ist gelebte, ist arbeitende Philosophie (oder philosophische Arbeit). Es ist das professionell begleitete Entdecken des Selbst im Widerstand gegen die Bewußtwerdung der Selbstähnlichkeit (siehe Matrjoschka und Fraktale).

Immanuel Kant, ein Vordenker der Aufklärung, wie ihn Wikipedia nennt, definiert in seinem berühmt gewordenen Aufsatz »Was ist Aufklärung?« [Berlinische Monatsschrift, 1784,2, S. 481–494] Aufklärung folgendermaßen:

»Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude [wage es verständig zu sein]! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.«

Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung. Beginn des Traktats. (EA 1784)


Ursula Martinez provoziert mit ihrem Striptease-Auftritt einen Moment des Nicht-Weiterdenkens, einen kurzen Moment der Verblüffung, der »obszönen« Ratlosigkeit (oder besser: angesichts der Ratlosigkeit ob der nicht-denkbaren Obszönität). Einen Moment, in dem wir weiterdenken könnten, es aber nicht tun, in dem wir wissen könnten, es aber nicht tun. Einen Moment des »Hab ich’s mir doch gedacht«, der aber auch »Habe ich mir nicht denken können« genannt werden könnte. Dieses Wissen im augenscheinlichen Nicht-Wissen zu finden, ist Aufgabe psychotherapeutischer Arbeit.

Es ist in diesem Zusammenhang erst einmal müßig darüber nachzudenken, weshalb wir an diesem Punkt nicht weiterdenken, Tabu-Brecher gibt es genug.
(Der Tabu-Bruch hat sich ja seit Fritz Teufels Zeiten [»Na, wenn’s der Wahrheitsfindung dient…«] zum Volkssport entwickelt, ohne allerdings – so jedenfalls meine Sicht – die notwendige geistige Entwicklung –  nach sich zu ziehen…)

Ich schlage vor, folgenden Satz von Albert Camus(, der völlig unverdient im Schatten des knalligeren Jean-Paul Sartre sein Dasein fristet,) zu genießen und in die Agenda 2012 zu übernehmen:

»Ein Intellektueller ist ein Geist, der sich selbst beobachtet.« 

Also: das folgende Video ist für uns alle, die das Offensichtliche in dem scheinbar Realen nicht zu sehen imstande sind, die auf der bereitliegenden Bananenschale ausrutschen und sich selbst dabei ertappen. Nehmen wir unsere  Verblüffung ob der Begrenztheit unseres Denkens (Richard Baker Roshi [Dharma-Nachfolger von Shunryu Suzuki]: »Um über unseren Verstand hinauszugehen, müssen wir ihn erst an seine Grenzen bringen.«) – oder unseres Vorstellungsvermögens – mit ins Neue Jahr!

Ich wünsche uns allen ein verblüffendes (Osho: »What wonders mit most is, that nobody seems to wonder!«), aber auch achtsames Neues Jahr!!


Ursula Martinez von illusionmagique


Prosit Neujahr!!




Ich schließe diesen Post mit zwei Zitaten, die ich anbiete, die nächsten 365 Tage – und Nächte – mit sich herumzutragen:

Wahr sind nur die Erinnerungen, die wir mit uns tragen,
die Träume, die wir spinnen
Und die Sehnsüchte, die uns treiben.
Damit wollen wir uns bescheiden.

Schlußwort Johannes Pfeiffers (gespielt von Heinz Rühmann) in »Die Feuerzangenbowle«,
einem deutschen Spielfilm aus dem Jahre 1944 von Helmut Weiss nach dem gleichnamigen Roman von Heinrich Spoerl (auch Drehbuch) und Hans Reimann. Dem Film ist ein Zitat aus dem Roman vorangestellt:
„Dieser Film ist ein Loblied auf die Schule, aber es ist möglich, dass die Schule es nicht merkt.“

und…

Wenn du eine Garantie brauchst, dann kaufe einen Toaster.

(Rookie – Der Anfänger)


Clint Eastwood, US-amerikanischer Komponist, Politiker und Schauspieler und einer der renommiertesten Filmregisseure (1992 [»Erbarmungslos«] und 2004 [»Million Dollar Baby«] Oscar für die beste Regie und den besten Film) und Filmproduzenten (*31. Mai 1930)

gewidmet allen, denen ich im vergangenen Jahr begegnet bin und 
in Dankberkeit gewidmet allen, die mich in diesem vergangenen Jahr 2011 begleitet haben




Mittwoch, 21. Dezember 2011

Auf dem Weg zu Freud: Ribots Assoziationspsychologie und Charcots Hysteriker

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Die Geschichte der Psychoanalyse ist bisher vor allem aus der Perspektive ihres Begründers Sigmund Freud erzählt worden. Der renommierte, in New York lehrende Psychiater George Makari erweitert diesen Zugang: neues Archivmaterial und zehnjährige Forschungsarbeit haben es ermöglicht, unterschiedliche Sichtweisen zusammenzuführen und die Geburtsstunde der Psychoanalyse von 1870 bis 1945 nachzuvollziehen.

Makari ordnet Freuds frühe psychologische Arbeit in den Kontext der Zeit ein und zeigt Freud als kreativen, interdisziplinären Forscher, der auf der Grundlage bestehender Studiengebieten die weiterführende Freud´sche Theorie entwickelt hat. Der Autor folgt den heterogenen Wegen der jungen Psychoanalyse bis zum Weggang von Bleuler, Jung und Adler. Er schließt die Zeit der oft vernachlässigten Weimarer Phase ein und beschreibt ihren Versuch, eine pluralistischere psychoanalytische Gemeinschaft aufzubauen.

George Makari »Revolution der Seele« ist jetzt erstmals in deutscher Übersetzung beim Psychosozial-Verlag erschienen. Faust veröffentlicht einen Auszug aus dem ersten Teil.
KAPITEL-AUSZUG


Die Entstehung der Freud’schen Theorie

1. Die Wissenschaft im Sinn



Von George Makari

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»Es ist falsch zu sagen:
Ich denke: man müßte sagen:
Es denkt mich. […]
Ich ist ein anderer.«
Arthur Rimbaud (1979)


Als die Aufklärung den wissenschaftlichen Rationalismus nach oben auf die Himmelskörper ausdehnte und nach unten auf das Gewusel mikroskopischen Lebens, da gab es einen Gegenstand, zu dem scheinbar unmöglich vorgedrungen werden konnte: die Psyche. Der französische Verfechter der Wissenschaft und des rationalen Skeptizismus, René Descartes, begründete dies in seiner Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Wahrheitsforschung, indem er erklärte, dass das Ich jenseits einer rationalen Prüfung liege, denn es sei nichts anderes als die von den Kirchenvätern beschriebene immaterielle Seele (1637, S. 31–32). Religiöse Überzeugungen bezüglich des Seelenlebens erwiesen sich als langlebig und einflussreich, doch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen solche Vorstellungen etwas an Glaubwürdigkeit zu verlieren, und in dem verloren gegangenen Grund und Boden schlug eine Wissenschaft des Geisteslebens Wurzeln. Als Sigmund Freud 1885 in Paris eintraf, hatte sich Frankreich als Zentrum für innovative Forschung zu psychologischen Fragestellungen etabliert. In Berlin und Wien bemühten sich wenige Wissenschaftler um die Erforschung der Psyche, des Ichs, der Seele, des Selbst oder des Geistes – Bereiche, die mit Religion oder spekulativer Metaphysik behaftet waren. In Paris jedoch wurden die Wissenschaftler dank einer neuen Methode vom Studium des Seelenlebens angezogen. Diese Methode, die »psychologie nouvelle«, verwandelte Frankreich in eine Brutstätte des Studiums des Somnambulismus, menschlicher Automatismen, der multiplen Persönlichkeit, des doppelten Bewusstseins und des zweiten Selbst sowie von Dämonismus, Dämmerzuständen, Wachträumen und dem Gesundbeten. Die Wunderlichen und die Wundertätigen fanden den Weg von abgeschiedenen Dörfern, Klöstern und Jahrmärkten, von Exorzisten, Scharlatanen und betagten Heilmagnetiseuren in die Hallen der französischen Wissenschaft. Die Geburt dieser neuen Psychologie fand statt, als Frankreich selbst wiedergeboren wurde. Fast ein Jahrhundert nach der Revolution unterlagen die Franzosen 1870 schmachvoll den Preußen, was zum Sturz Kaiser Louis Napoleons III. und zur Gründung der Dritten Republik führte. Viele gaben die Schuld für dieses militärische Debakel der französischen Wissenschaft, da diese mit den Fortschritten, die in deutschen Ländern gemacht worden waren, nicht Schritt gehalten hatte. Der französische Republikanismus verband den Antiklerikalismus mit der Verpflichtung, die Wissenschaft neu zu beleben. Als die Autorität der französischen katholischen Kirche hinsichtlich der Bestimmung des Denkens über die Seele schwand, bildete sich eine kühne, neue wissenschaftliche Psychologie heraus.

Zur damaligen Zeit wurde die Psychologie als ein Ableger der Philosophie betrachtet und nicht als Naturwissenschaft, doch der Vorkämpfer der »psychologie nouvelle«, Théodule Ribot, schickte sich an, dies zu ändern (Nicolas & Murray 1999, 277–301). Théodule wurde 1839 als Sohn eines Kleinstadtapothekers geboren und später von seinem Vater gezwungen, in den Staatsdienst zu gehen. Nach drei Jahren Plackerei kündigte er an, dass er nach Paris gehen und versuchen würde, an der Elitehochschule École normale supérieure aufgenommen zu werden. Zwei Jahre später erhielt Ribot einen Platz an dieser Universität, wo er schnell eine Abneigung gegen die vorherrschende, von Victor Cousin vertretene spiritistisch orientierte Philosophie entwickelte. Cousins Psychologie – eine seltsame Mixtur aus Vernunft und Glauben – vermischte Vorstellungen von der Seele und von Gott mit naturalistischen Darstellungen des Geistes.

Ribot konnte das nicht ertragen. Trotz der Anprangerung durch den ortsansässigen Klerus machte er sich auf die Suche nach einer Methode, durch die die Psychologie für wissenschaftliche Untersuchungen voll zugänglich würde. Ribot tauchte in die Schriften britischer Denker ein und erschien 1870 mit La Psychologie anglaise contemporaine (école expérimentale) (1) auf der Bildfläche. Ungeachtet des nüchternen Titels wurde das Buch von einem kühnen Manifest eingeleitet, das die Psychologie in Frankreich über Jahrzehnte bestimmen würde.

Konventionelle Vorstellungen sowohl der Philosophie als auch der Naturwissenschaft machten das objektive Studium des Geistes unmöglich, erklärte Ribot. Er attackierte Philosophien wie die von Descartes und Cousin und beharrte darauf, dass sich die Psychologie von der Metaphysik und Religion befreien müsse. Psychologen könnten nicht zu metaphysischen Fragen Stellung nehmen oder offen von der Seele sprechen; und sie könnten sich nicht auf die praxisfernen Methoden der Philosophie stützen, sondern müssten die naturwissenschaftlichen Methoden anwenden (ebd., S. 21–22).

Für all das hatte Ribot ein begieriges Publikum. Viele seiner Zeitgenossen waren bereit, ältere Philosophien der Seele zugunsten der naturwissenschaftlichen Erforschung über Bord zu werfen. Doch wie sollte die Psychologie in eine Wissenschaft umgearbeitet werden? Um diese Frage zu beantworten, griff Ribot eine andere Gruppe Kritiker auf, angeführt von Auguste Comte, dem glühenden Vordenker der Wissenschaft (Guillin 2004, S. 165–181). Obwohl er ein unstetes Leben als gesellschaftlicher Außenseiter führte, errang Auguste Comte außerordentlichen Einfluss auf die Intellektuellen, Politiker und Wissenschaftler des späten 19. Jahrhunderts. 1855 legte der Franzose einen Werdegang der gesamten menschlichen Erkenntnis dar und erklärte, dass Theologie, Mythen und Belletristik das primitivste Stadium bildeten, welches sich dann zum zweiten Stadium weiterentwickelte, das der metaphysischen Abstraktion. Schließlich würden die philosophischen Vorstellungen vom vollendeten Wissensstand übertroffen, der wissenschaftlich und »positiv« war. Comtes Konzept erhielt daher die Bezeichnung »Positivismus« (s. Comte 1855). Mit dem Aufkommen der Dritten Republik im Jahr 1870 wurde Comtes Vorstellung von der Entwicklung der politischen Elite Frankreichs als Muster sowohl für die Wissenschaft als auch für die soziale Reform angenommen.

Comtes Denken brachte Ribot in eine schwere Zwickmühle, denn der Begründer des Positivismus glaubte, dass der psychologischen Erkenntnis ein unlösbares Problem zugrunde lag. Psychologen bauten auf Selbstbeobachtungen, um Dinge wie Gedanken, Gefühle und Begehren aufzudecken. Genau solche innere Beobachtungen – das Wissen, das von einem sich selbst beobachtenden Geist stammte – erzeugten Subjektivität. Daher kam Comte zu dem Schluss, dass die Psychologie niemals objektiv sein könne, und seine kurze Bestandsaufnahme früherer Bemühungen schien diese vernichtende Feststellung zu stützen:

»Nach zweitausend Jahren des psychologischen Strebens ist kein einziges für ihre Anhänger befriedigendes Theorem aufgestellt worden. Bis zum heutigen Tag spalten sie sich in eine Vielzahl von Schulen auf und streiten sich noch immer über die absoluten Grundbegriffe ihrer Lehre. Diese innere Beobachtung lässt fast so viele Theorien entstehen, wie es Beobachter gibt« (ebd., S. 33).
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts musste jeder, der versuchte, die Grundlagen für eine wissenschaftliche Psychologie zu schaffen – John Stuart Mill in England, Franz Brentano in Österreich und William James in den Vereinigten Staaten eingeschlossen –, gegen Auguste Comtes niederschmetternde Anklage antreten.
mehr:
- George Makari, Revolution der Seele – Die Geburt der Psychoanalyse (FaustKultur, 21.12.2011)
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Der Text-Ausschnitt entspricht den Buchseiten 17–42, Kapitel 1.1.1 und 1.1.2. 
© Psychosozial Verlag
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siehe auch:
Kurzüberblick Psychologische Schulen (arbeitsblaetter.stangl-taller.at, undatiert)
Kleine Psychologiegeschichte 1000-1900 (Mueller Science, undatiert)
Die Theorie der Psychoanalyse (Post, 09.03.2018)
Sigmund Freud, Das Unbewußte (1915) (Post, 09.03.2018)
Gustave Le Bon – Psychologie der Massen (Post, 29.01.2018)
Sigmund Freud: » Ihm verdanken wir die umfassendste Theorie der Seele.« (Post, 31.01.2017)
Vor 116 Jahren: Sigmund Freud veröffentlich »Die Traumdeutung« (Post, 05.11.2015)
Bizarre Forschung – Showtime in der Nervenklinik (Fabienne Hurst, SPON, 22.01.2013)
- Charcot und die Ätiologie der Neurosen (Esther Fischer-Homberger, fischer-homberger.ch.galvani.ch-meta.net, 1971 – PDF)
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