Österreich Ein Experiment im Oberen Waldviertel befreit Arbeitslose von ständiger Drangsalierung und Depression
Heidenreichstein mit etwa 4.100 Einwohnern ist eine verletzte Kleinstadt. Vor allem nach dem Kollaps der Industrie Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre hat sich der Ort im Oberen Waldviertel in Niederösterreich nie mehr richtig erholt. Die Arbeitslosenrate ist entsprechend hoch. Seit einigen Monaten läuft hier nun das Projekt „Sinnvoll tätig sein“ (STS), das jenseits gängiger Disziplinierungsmuster versucht, über 40 Langzeitarbeitslosen (in etwa ein Prozent der Bevölkerung) Perspektiven zu eröffnen, die sich doch von obligaten Erwartungshaltungen unterscheiden. Geleitet wird dieses Projekt, das offiziell als Kurs des AMS (Arbeitsmarktservice, das österreichische Pendant zur Bundesagentur für Arbeit) firmiert, von Karl Immervoll und der „Betriebsseelsorge Oberes Waldviertel“, die mit ähnlichen Initiativen schon einschlägige Erfahrungen sammeln konnten. Arbeitslose sollen nicht als Fälle oder gar Problemfälle wahrgenommenen werden, sondern als Menschen. Natürlich geht es auch um Arbeit und Arbeitsplatz – vorrangig jedoch um die Personen selbst. Nicht Was sollen wir? ist die entscheidende Frage, sondern Was wollen wir? Was will ich?
mehr:
- Das Ende der Angst (Franz Schandl, der Freitag 5/2018)
Sonntag, 25. Februar 2018
Freitag, 23. Februar 2018
Prof. Gert Scobel: "Künstliche Intelligenz, Komplexität, Prognostik - Die Herausforderungen der Politikwissenschaft durch neue Technologien" – Öffentliche Vorlesung
Öffentliche Vorlesung Prof. Gert Scobel {1:29:02}
NRW School of Governance
Am 23.02.2018 veröffentlicht
Am 23.02.2018 veröffentlicht
Am 16. Oktober 2018 hielt Prof. Gert Scobel, Gastprofessor für Politikmanagement der Stiftung Mercator an der NRW School of Governance, eine öffentliche Vorlesung zum Thema "Künstliche Intelligenz, Komplexität, Prognostik - Die Herausforderungen der Politikwissenschaft durch neue Technologien" vor 80 Gästen. Seinen Vortrag stellen wir Ihnen gerne als Video-Mitschnitt zur Verfügung.
Zu Beginn sehen und hören Sie Grußworte von Prof. Dr. Ulrich Radtke, Rektor der Universität Duisburg-Essen und Prof. Dr. Karl-Rudolf Korte, Direktor der NRW School of Governance. Der Vortrag von Prof. Gert Scobel beginnt bei Minute 13:24.
Kamera und Schnitt:
Jonathan Schneider
Musik:
"Ladybirds Theme" by David Szesztay, licensed under a Attribution-NonCommercial 3.0 International License.
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Philosophie,
Realitätskonstruktion,
Scobel
Depersonalisationsstörungen – Leben wie im (Alb-)Traum?
Unwirklich, fremd oder wie hinter einem Schleier nehmen Menschen sich selbst oder ihre Umwelt wahr, wenn sie unter einer Depersonalisation oder Derealisation leiden
Fühlen Sie sich manchmal wie im Traum? Haben Sie das Gefühl, als würden Sie die Welt durch einen Schleier betrachten, so dass Personen und Gegenstände weit entfernt, undeutlich oder unwirklich erscheinen? Kommt Ihnen Ihre eigene Stimme, Ihr Körper oder Teile Ihres Körpers fremd vor?
So oder ähnlich lautet der diagnostische Fragenkatalog zum Krankheitsbild Depersonalisation und Derealisation (DP/DR). Handelt es sich dabei um wiederkehrende Episoden oder gar um eine länger anhaltende Phase, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, an dieser weit verbreiteten und doch weitgehend unbekannten psychiatrischen Erkrankung zu leiden.
"Neben sich" und "außer sich"
Nimmt man sich selbst, seinen Körper, seine Stimme als "unwirklich" wahr, sprechen Experten von Depersonalisation. Bezieht sich dieses Erleben auf die Umwelt, ist von Derealisation die Rede. Oft gehen beide Symptome Hand in Hand. "Nicht selten sind die Betroffenen von der Angst beherrscht, 'verrückt' zu werden", berichtet Matthias Michal, leitender Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Mainz und Leiter der Spezialsprechstunde Depersonalisation Derealisation.
Überhaupt ist es die Erfahrung, von niemandem verstanden zu werden, die den Alltag der DP/DR-Patienten prägt. Denn erschwerend zur Symptomatik sind die Veränderungen der eigenen Wahrnehmung nur schwer in Worte zu fassen. Wie lässt sich auch anderen gegenüber die Tatsache vermitteln, dass man sich selbst und/oder die Umwelt als verändert, fremd, nicht zu einem selbst gehörig, leblos, fern oder unwirklich wahrnimmt?
mehr:
- Ein Leben wie im (Alb-)Traum (Eva Tinsobin, Der Standard, 25.09.2012)
Fühlen Sie sich manchmal wie im Traum? Haben Sie das Gefühl, als würden Sie die Welt durch einen Schleier betrachten, so dass Personen und Gegenstände weit entfernt, undeutlich oder unwirklich erscheinen? Kommt Ihnen Ihre eigene Stimme, Ihr Körper oder Teile Ihres Körpers fremd vor?
So oder ähnlich lautet der diagnostische Fragenkatalog zum Krankheitsbild Depersonalisation und Derealisation (DP/DR). Handelt es sich dabei um wiederkehrende Episoden oder gar um eine länger anhaltende Phase, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, an dieser weit verbreiteten und doch weitgehend unbekannten psychiatrischen Erkrankung zu leiden.
"Neben sich" und "außer sich"
Nimmt man sich selbst, seinen Körper, seine Stimme als "unwirklich" wahr, sprechen Experten von Depersonalisation. Bezieht sich dieses Erleben auf die Umwelt, ist von Derealisation die Rede. Oft gehen beide Symptome Hand in Hand. "Nicht selten sind die Betroffenen von der Angst beherrscht, 'verrückt' zu werden", berichtet Matthias Michal, leitender Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Mainz und Leiter der Spezialsprechstunde Depersonalisation Derealisation.
Überhaupt ist es die Erfahrung, von niemandem verstanden zu werden, die den Alltag der DP/DR-Patienten prägt. Denn erschwerend zur Symptomatik sind die Veränderungen der eigenen Wahrnehmung nur schwer in Worte zu fassen. Wie lässt sich auch anderen gegenüber die Tatsache vermitteln, dass man sich selbst und/oder die Umwelt als verändert, fremd, nicht zu einem selbst gehörig, leblos, fern oder unwirklich wahrnimmt?
mehr:
- Ein Leben wie im (Alb-)Traum (Eva Tinsobin, Der Standard, 25.09.2012)
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Wissenschaft
Donnerstag, 22. Februar 2018
Zur Geschichte der Klinischen Psychologie in der Bundesrepublik Deutschland bis Anfang der 1970er-Jahre
Noch während des Zweiten Weltkrieges war 1941 mit der Einrichtung des Psychologie-Diploms der Weg für die Professionalisierung der klinischen angewandten Psychologie geebnet worden. Als Psychologen „am Krankenbett“ unterstützten Psychologen in den Kliniken der 1950er-Jahre Ärzte in der Diagnostik. In den 1960er- und 1970er-Jahren wandelte sich das Berufsbild zum „behandelnden“ Psychologen in Beratung und Therapie. Ein Wechselspiel von einerseits amerikanischen Einflüssen mit einem Trend zur Psychometrie, neuen psychologischen Theorien oder experimentellen Verfahren und andererseits wissenschafts- sowie gesellschaftspolitischen Entscheidungen, führten zur universitären Verankerung der klinischen Psychologie innerhalb der philosophisch- oder mathematisch/-naturwissenschaftlichen und schließlich an den medizinischen Fakultäten.
mehr:
- Zur Geschichte der Klinischen Psychologie in der Bundesrepublik Deutschland bis Anfang der 1970er-Jahre (L. Rzesnitzek , Nervenheilkunde, Heft 10 2017 (783-862), PDF-Download, Schattauer-Archiv)
siehe auch:
- Die Geschichte der Psychologie: Eine Zeitleiste (Charles L. Brewer, Furman University (deutsche Bearbeitung von Christiane Grosser und Svenja Wahl) , Arbeitsblaetter.Stangl-Taller.at, PDF)
mehr:
- Zur Geschichte der Klinischen Psychologie in der Bundesrepublik Deutschland bis Anfang der 1970er-Jahre (L. Rzesnitzek , Nervenheilkunde, Heft 10 2017 (783-862), PDF-Download, Schattauer-Archiv)
siehe auch:
- Die Geschichte der Psychologie: Eine Zeitleiste (Charles L. Brewer, Furman University (deutsche Bearbeitung von Christiane Grosser und Svenja Wahl) , Arbeitsblaetter.Stangl-Taller.at, PDF)
Montag, 19. Februar 2018
Psychische Störungen im Kapitalismus
Was sind psychische Störungen? Teil 2
Was sind psychische Störungen? Teil 2 Im ersten Teil der Serie haben wir die amtliche Sichtweise auf psychische Störungen untersucht, nämlich die Definition in der fünften Auflage des Diagnosehandbuchs der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung (APA), genannt DSM-5. Dabei kam heraus, dass Normen und Werturteile eine wichtige Rolle bei der Unterscheidung "normaler" Erlebnisse, Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen von "Störungen" spielen.
In unserem Denken über psychische Gesundheit spiegelt sich also unsere Kultur wieder. Oder genauer gesagt: Die Kultur der Vereinigten Staaten sowie die Interessen der psychiatrischen Fachleute, die an dem Handbuch mitarbeiten. Dass deren Kultur und Interessen auch für andere Länder von Bedeutung sind, liegt an zwei Gründen: Erstens ist die wissenschaftliche Forschung stark amerikanisch und britisch geprägt. Wer eine akademische Laufbahn anstrebt, kommt kaum an Publikationen in angloamerikanischen Fachzeitschriften vorbei und muss sich dann auch an deren Regeln halten.
Zweitens wird sich der Abschnitt für psychische Störungen des von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebenen und für 2018 erwarteten Klassifikationssystems ICD-11 wohl stärker an der nordamerikanischen Vorlage orientieren. Das ICD wird meistens in den Ländern verwendet, die nicht das DSM eingeführt haben. Dabei ist auffällig, dass die amerikanische Psychiatrie überhaupt aus dem internationalen System ausbricht und ihr eigenes Handbuch herausgibt.
Das ist zwar nicht die einzige Ausnahme im gesamten Bereich der Medizin, doch eine von wenigen. Wie schon im ersten Teil berichtet, verdient die Vereinigung Millionen mit den Urheber- und Lizenzrechten; und ihr kommt eine besondere Definitionsmacht zu. Wer jedoch denkt, bei der Alternative der Weltgesundheitsorganisation seien alle Länder gleichmäßiger vertreten, der wird leider enttäuscht: Auch bei der Vorbereitung des ICD-11 dominieren Fachleute aus Großbritannien und den USA.
mehr:
- Wenn es ums Geld geht (Stephan Schleim, Telepolis, 19.02.2018)
siehe auch:
- Wissenschaft: frei oder nicht frei? (Post, 05.10.2017)
- Das neoliberale Narrativ: Wir sind verkehrt! (Post, 05.10.2016)
- Ist die Psychopharmakologie verrückt geworden? – Kapitalismus-infizierte Wissenschaft (Post, 31.01.2016)
Was sind psychische Störungen? Teil 2 Im ersten Teil der Serie haben wir die amtliche Sichtweise auf psychische Störungen untersucht, nämlich die Definition in der fünften Auflage des Diagnosehandbuchs der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung (APA), genannt DSM-5. Dabei kam heraus, dass Normen und Werturteile eine wichtige Rolle bei der Unterscheidung "normaler" Erlebnisse, Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen von "Störungen" spielen.
In unserem Denken über psychische Gesundheit spiegelt sich also unsere Kultur wieder. Oder genauer gesagt: Die Kultur der Vereinigten Staaten sowie die Interessen der psychiatrischen Fachleute, die an dem Handbuch mitarbeiten. Dass deren Kultur und Interessen auch für andere Länder von Bedeutung sind, liegt an zwei Gründen: Erstens ist die wissenschaftliche Forschung stark amerikanisch und britisch geprägt. Wer eine akademische Laufbahn anstrebt, kommt kaum an Publikationen in angloamerikanischen Fachzeitschriften vorbei und muss sich dann auch an deren Regeln halten.
Zweitens wird sich der Abschnitt für psychische Störungen des von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebenen und für 2018 erwarteten Klassifikationssystems ICD-11 wohl stärker an der nordamerikanischen Vorlage orientieren. Das ICD wird meistens in den Ländern verwendet, die nicht das DSM eingeführt haben. Dabei ist auffällig, dass die amerikanische Psychiatrie überhaupt aus dem internationalen System ausbricht und ihr eigenes Handbuch herausgibt.
Das ist zwar nicht die einzige Ausnahme im gesamten Bereich der Medizin, doch eine von wenigen. Wie schon im ersten Teil berichtet, verdient die Vereinigung Millionen mit den Urheber- und Lizenzrechten; und ihr kommt eine besondere Definitionsmacht zu. Wer jedoch denkt, bei der Alternative der Weltgesundheitsorganisation seien alle Länder gleichmäßiger vertreten, der wird leider enttäuscht: Auch bei der Vorbereitung des ICD-11 dominieren Fachleute aus Großbritannien und den USA.
mehr:
- Wenn es ums Geld geht (Stephan Schleim, Telepolis, 19.02.2018)
siehe auch:
- Wissenschaft: frei oder nicht frei? (Post, 05.10.2017)
- Das neoliberale Narrativ: Wir sind verkehrt! (Post, 05.10.2016)
- Ist die Psychopharmakologie verrückt geworden? – Kapitalismus-infizierte Wissenschaft (Post, 31.01.2016)
Donnerstag, 15. Februar 2018
Meditation: Mehr Handwerkszeug
Bei etwas schwierigeren emotionalen Zuständen finden es manche hilfreich, sich wieder im Gewahrsein des Körpers niederzulassen und achtsam zu spüren, wie sich diese Gefühle und emotionalen Zustände im Körper anfühlen. Es fällt uns leichter, uns nicht in der Geschichte, im Drama, zu verlieren, wenn wir im Körper verankert sind. Wenn wir die Erfahrung im Körper spüren, bedeutet dies, dass wir sie zugelassen haben.
Manchmal besteht die Gefahr, dass wir zwar irgendwie wahrnehmen, was läuft, aber das Gewahrsein dazu benutzen, die Erfahrung nicht zuzulassen. Das kann zwar meditativ und befreiend anmuten, ist es aber nicht. Es ist eine Art von Verdrängung. Wenn ihr mit Vipassanā und Mahāmudrā experimentiert, dann schaut, ob ihr die Achtsamkeit dazu missbraucht, die unerwünschte Erfahrung zu verdrängen – eher die Vipassanā-Fehlvariante, oder ob ihr euch in ein eher abgehobenes Gewahrsein begebt, das nicht mehr in Kontakt mit der eigentlichen Erfahrung ist – eher die Mahāmudrā- Fehlvariante.
Seid so weit wie möglich gewahr und präsent, genau mit dem, was die Erfahrung jetzt ist, ohne etwas dazu zu tun, ohne etwas davon wegzunehmen, ohne sie loswerden zu wollen, ohne euch darin zu verlieren, zu vergessen, zu verstricken. Seid präsent und nicht-eingreifend, so dass mehr und mehr offensichtlich werden kann, wie all die Erfahrungen von selbst kommen und gehen, entstehen und verschwinden – seit jeher. Da ist nichts, was wir dazutun müssen und nichts, was wir wegnehmen müssen. Es ist dieser phänomenale Tanz der Erfahrung.
Gelassenheit besteht darin, wirklich willens und fähig zu sein, die ganze Skala der Erfahrungen zuzulassen, zu spüren, ohne davon hinund hergezerrt zu werden, ohne sich ständig im Drama zu verlieren, aber auch ohne abzuhängen und aus dem Kontakt und der Verbundenheit mit der Erfahrung zu fliehen. Gelassenheit, wie wir sie hier verstehen, und Gleichgültigkeit mögen zwar manchmal ähnlich aussehen, der Unterschied zwischen ihnen ist aber immens. Er besteht im Kontakt. Echte Gelassenheit ist wirklich mit der Erfahrung im Kontakt, sie spürt sie und ist mit ihr einverstanden, auch wenn sie unangenehm, schwierig oder unerwünscht ist. Echte Gelassenheit verliert sich nicht in der Erfahrung, auch wenn sie fantastisch, angenehm und erwünscht ist. Gelassenheit ist die Fähigkeit, alle Gipfel und Täler des Erlebens voll und ganz mitzuerleben, ohne davon überwältigt zu werden.
Sobald wir aus dem Kontakt herausgehen und Meditation benutzen, um die momentane Erfahrung nicht zu spüren, entstehen Gleichgültigkeit oder Teilnahmslosigkeit – eindeutig keine heilsamen Geisteszustände. Eine ähnliche Situation liegt vor, wenn wir auf abgehobene Weise im offenen Gewahrsein ruhen, fern von den körperlichen und emotionalen Erfahrungen.
Wir lassen uns also interessiert und wach nieder im Erleben der Körperempfindungen, der anderen Sinneserfahrungen, der Gefühle, Emotionen oder Geisteszustände. Was immer im Geist entsteht und vergeht: Nichts muss eine Ablenkung sein, denn alles hat Platz im Raum des achtsamen Gewahrseins. Jedes Mal wenn wir aus dem Verlorensein aufwachen, entsteht ein neuer, wertvoller Moment, in dem wir wieder präsent sein können, unverstrickt und zugleich voll und ganz im Kontakt mit dem Erleben von Moment zu Moment.
Manchmal besteht die Gefahr, dass wir zwar irgendwie wahrnehmen, was läuft, aber das Gewahrsein dazu benutzen, die Erfahrung nicht zuzulassen. Das kann zwar meditativ und befreiend anmuten, ist es aber nicht. Es ist eine Art von Verdrängung. Wenn ihr mit Vipassanā und Mahāmudrā experimentiert, dann schaut, ob ihr die Achtsamkeit dazu missbraucht, die unerwünschte Erfahrung zu verdrängen – eher die Vipassanā-Fehlvariante, oder ob ihr euch in ein eher abgehobenes Gewahrsein begebt, das nicht mehr in Kontakt mit der eigentlichen Erfahrung ist – eher die Mahāmudrā- Fehlvariante.
Seid so weit wie möglich gewahr und präsent, genau mit dem, was die Erfahrung jetzt ist, ohne etwas dazu zu tun, ohne etwas davon wegzunehmen, ohne sie loswerden zu wollen, ohne euch darin zu verlieren, zu vergessen, zu verstricken. Seid präsent und nicht-eingreifend, so dass mehr und mehr offensichtlich werden kann, wie all die Erfahrungen von selbst kommen und gehen, entstehen und verschwinden – seit jeher. Da ist nichts, was wir dazutun müssen und nichts, was wir wegnehmen müssen. Es ist dieser phänomenale Tanz der Erfahrung.
Gelassenheit besteht darin, wirklich willens und fähig zu sein, die ganze Skala der Erfahrungen zuzulassen, zu spüren, ohne davon hinund hergezerrt zu werden, ohne sich ständig im Drama zu verlieren, aber auch ohne abzuhängen und aus dem Kontakt und der Verbundenheit mit der Erfahrung zu fliehen. Gelassenheit, wie wir sie hier verstehen, und Gleichgültigkeit mögen zwar manchmal ähnlich aussehen, der Unterschied zwischen ihnen ist aber immens. Er besteht im Kontakt. Echte Gelassenheit ist wirklich mit der Erfahrung im Kontakt, sie spürt sie und ist mit ihr einverstanden, auch wenn sie unangenehm, schwierig oder unerwünscht ist. Echte Gelassenheit verliert sich nicht in der Erfahrung, auch wenn sie fantastisch, angenehm und erwünscht ist. Gelassenheit ist die Fähigkeit, alle Gipfel und Täler des Erlebens voll und ganz mitzuerleben, ohne davon überwältigt zu werden.
Sobald wir aus dem Kontakt herausgehen und Meditation benutzen, um die momentane Erfahrung nicht zu spüren, entstehen Gleichgültigkeit oder Teilnahmslosigkeit – eindeutig keine heilsamen Geisteszustände. Eine ähnliche Situation liegt vor, wenn wir auf abgehobene Weise im offenen Gewahrsein ruhen, fern von den körperlichen und emotionalen Erfahrungen.
Wir lassen uns also interessiert und wach nieder im Erleben der Körperempfindungen, der anderen Sinneserfahrungen, der Gefühle, Emotionen oder Geisteszustände. Was immer im Geist entsteht und vergeht: Nichts muss eine Ablenkung sein, denn alles hat Platz im Raum des achtsamen Gewahrseins. Jedes Mal wenn wir aus dem Verlorensein aufwachen, entsteht ein neuer, wertvoller Moment, in dem wir wieder präsent sein können, unverstrickt und zugleich voll und ganz im Kontakt mit dem Erleben von Moment zu Moment.
(aus: Tilmann Lhündrup Borghardt, Fred von Allmen, Ursula Flückiger, Mahamudra und Vipassana: Gewahr Sein. Retreat-Unterweisungen, Norbu Verlag, Badenweiler, Mai 2015, S. 109f.)
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Selbstmanagement
Dienstag, 13. Februar 2018
Donald Davidson, Vernünftige Tiere (Vorsicht Werbung!)
„Weder ein Säugling, der erst eine Woche alt ist, noch eine Schnecke ist ein vernünftiges Wesen. Wenn der Säugling lange genug lebt, wird aus ihm wahrscheinlich ein vernünftiges Wesen, während das für die Schnecke nicht gilt.“Der amerikanische Denker Davidson übt seit den 1960er Jahren maßgeblichen Einfluss auf fast alle Bereiche der Philosophie aus. In diesem erhellenden Vortrag formuliert er die Eckdaten einer philosophisch fundierten Definition der Vernunft. „Überraschung über manche Dinge ist eine notwendige und hinreichende Bedingung des Denkens überhaupt.“ 48 Seiten. Fadenheftung. Fester Einband. Suhrkamp. Nur noch bei uns.
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1,95 €Bei Zweitausendeins
siehe auch:
- Denken Tiere? (Sarah Tietz, Markus Wild, Stiftung Bündnis Mensch & Tier, PDF, direkter Download)
- Donald Davidson - Rationale_Lebewesen (in: Dominik Perler, Markus Wild [Hsg.], Der Geist der Tiere – Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main, 2005, PDF, Universität Trier)
- Joëlle Proust – Das intentionale Tier (in: Dominik Perler, Markus Wild [Hsg.], Der Geist der Tiere – Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main, 2005, PDF, Universität Trier)
- Tiere erklären oder verstehen? – Indizien für das Scheitern des Methodendualismus (Felix Annerl, e-Journal Philosophie der Psychologie, phps.at, PDF)
- Tierphilosophie (Markus Wild, Universität Zürich, 2012, PDF)
- Tierische Intelligenz – tierischer Geist: tierische Seele? (Post, 17.05.2015)
siehe auch:
- Wie kommt der Geist in die Materie? (Post, 25.01.2018)
- Sex, Roboter und ethische Überlegungen (Post, 14.06.2016)
- Bewußtsein – der sich selbst beobachtende Geist und der Unterschied zwischen Außen und Innen (Post, 29.04.2016)
- Sind wir wie Roboter? (Post, 08.05.2015)
- Die Puppe Bella (Post, 28.11.2014)
- Heute vor 67 Jahren: Uraufführung von Sartres »Huis Clos (Bei geschlossenen Türen)« (Post, 27.05.2011)
- Körper und Ich-Bewußtsein: Rubber Hand Illusion (Post, 18.03.2011)
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