Freitag, 25. November 2016

Stop The Bullying

Is Barron Trump Autistic? #StopTheBullying [7:05]

James Hunter Veröffentlicht am 11.11.2016 
Donald Trump's youngest son Barron Trump might be autistic, and it's time for people to stop bullying him for his "strange" behavior. Let's follow Melania Trump and #StopTheBullying.

Donnerstag, 24. November 2016

Von wegen: "Spatzenhirn"

Dass Vögel erstaunliche Intelligenzleistungen vollbringen, verdanken sie einem effizient konstruierten Gehirn
Diogenes war kein Biologe, aber er hatte einen Blick für das Wesentliche. Als Platon definierte, der Mensch sei ein "Zweibeiner ohne Federn", rupfte er einen Hahn und präsentierte ihn als "Platons Menschen" (woraufhin Platon seinerseits einen beachtlichen Blick für biologische Merkmale bewies und ergänzte: "mit flachen Nägeln" - solche kennzeichnen tatsächlich die Primaten).

Einig scheinen sich die beiden Streithähne immerhin darin gewesen zu sein, dass man die Unterschiede zwischen Menschen und Vögeln vorwiegend in den hornigen Anhängen der Haut zu suchen habe. Und damit waren sie, vor ungefähr 2400 Jahren, bemerkenswert modern.

Denn während einerseits Primatenforscher wie Michael Tomasello laufend ungeahnte Lücken in den geistigen Fähigkeiten unserer nächsten äffischen Verwandten aufdecken, nutzen die geflügelten Zweibeiner ebenso regelmäßig die aufkommende peinliche Stille, um sich mit ihren Fähigkeiten zu profilieren. Zum Beispiel das Zeigen: Es gilt als grundlegende Fähigkeit für die Entstehung von Sprache und einer "Theory of Mind", also einer Vorstellung davon, dass und was ein Anderer denkt. Menschenaffen zeigen nie etwas, außer allenfalls die Stelle auf ihrem Rücken, an der sie gekratzt werden wollen. Wenn sie etwas wollen, holen sie es sich. Wenn ihnen jemand etwas zeigt, trauen sie ihm nicht.

Elstern hingegen - unter Menschen nicht eben als vertrauenswürdig bekannt - zeigen einander einen Feind. Raben zeigen einander Nistmaterial. Der bemerkenswerte Graupapagei Alex war sogar imstande, die Farbe eines Gegenstandes zu nennen, den seine Trainerin Irene Pepperberg ihm zeigte.

mehr:
- Von wegen: "Spatzenhirn" (Konrad Lehmann, Telepolis, 22.11.2016)

Dienstag, 1. November 2016

Liebe muß zwangsläufig frustriert werden…

Aus Versuchen, Möbelstücke eines schwedischen Einrichtungshauses zusammenzubauen, weiß man, dass der Texttypus der Gebrauchsanleitung im Prinzip der Peripetie wurzelt: Übersichtlichkeit schlägt vor dem geistigen Auge von einer Sekunde zur nächsten in Gewusel um. Sonnige Ordnung in den Sturm des reinsten Chaos. Man hat am Ende kein Möbel. Aber die Erkenntnis gewonnen, dass der Grad der Systematik einer Gebrauchsanleitung nichts anderes ist als ein Barometer für das Durcheinander, das man sich ins Haus geholt hat.

Auffallend ähnlich verhält es sich mit mit Sachbüchern über die Liebe. Je enger sie sich an die Form der Gebrauchsanleitung halten, desto stärker erwecken sie den Verdacht, zu diesem Mittel gliedernder Vernunft nur deshalb zu greifen, weil sie fürchten, von der Anarchie ihres Themas überrollt zu werden. Ein Buch, das den Titel Der Beziehungsführerschein. Mit Simply Love auf Dauer glücklich trägt und ein ausgefeiltes psychologisches Curriculum der Eherettung enthält, kommt im Grunde genommen als Kampfansage gegen den Kollaps im emotionalen Verkehrswesen daher, ohne den es die Liebe aber nun mal nicht gäbe.


Es ist ein Buch, das Anleitung und Ratschlag zum Dogma erhebt: Jeder Trottel kann einen Ikea-Schrank zusammenbauen. Er muss nur wollen! Jede Ehe kann funktionieren. Die Eheleute müssen nur dauerhaft, konsequent und effizient an ihr und ihrer Liebe arbeiten! Das kann ja sein. Viele der Ratschläge, die die Autorin Katja Sundermeier, eine Psychologin mit reichlich Erfahrung im Beraten, Coachen, Therapieren von (Ehe-)Paaren, unterbreitet, sind für Leute, die beim morgendlichen Zähneputzen schon mit der Brüllerei anfangen, bestimmt sehr gesund. Nur zieht die Sprache der Erfolgsrationalität, die von Haus aus jede Gebrauchsanleitung beherrscht, der Liebe, von der auf jeder Buchseite die Rede ist, und ihren speziellen Obsessionen den Boden unter den Füßen weg.
mehr:
- Bringen Sie Ordnung in Ihr Gefühlsleben! (Ursula Maerz, ZON, 27.10.2005)

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Die Fähigkeit zur Selbstreflexion

In einem Interview äußert sich Gadamer über den Meister-Philosophen Heidegger: "Er war der unreflektierteste Mensch, den ich kannte. Er hat überhaupt nie über sich selber nachgedacht." Wer nicht über sich nachdenkt, kann auch sein eigenes Handeln nicht bewerten. So wartete alle Welt vergeblich darauf, dass Heidegger nach dem Krieg zu seiner zeitweiligen Kooperation mit dem NS-Regime ein selbstkritisches Wort äußern würde. So subtil er die Strukturen des Denkens und der Sprache zu analysieren vermochte, so wenig war er imstande oder willens, zu seiner eigenen Person und seinem eigenen Verhalten Stellung zu nehmen. Damit vermied er es auch, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, z. B. sich für eigene politische Entscheidungen und deren Folgen für andere zu entschuldigen.

Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob wir, Gadamer folgend, die hier angedeutete Situation aus heutiger Sicht richtig einschätzen. Was würde einen reflektierten Menschen ausmachen? Das lässt sich im psychodynamisehen Konzept recht gut beschreiben. Dieser würde sich im Nachdenken nicht nur mit den Dingen der Welt und ihren Erklärungen beschäftigen, sondern bei Gelegenheit mithilfe seines beobachtenden Ichs auch sein emotional bewegtes Selbst zur Kenntnis nehmen. Damit sein Ich das Selbst verstehen kann, benötigt es die Fähigkeit, die innerseelischen affektiven Vorgänge zu registrieren und in Worte zu fassen. Im ersten Schritt könnte er erfassen, dass er gefühlsmäßig beteiligt und berührt ist. Im zweiten Schritt gälte es, die Qualität der Empfindungen in Worte zu fassen: "In mir regt sich Furcht oder Enttäuschung oder Hoffnung oder Freude oder Ärger." Damit beginnt er die Situation zu verstehen und es tauchen Vorstellungen auf, wie er zweckmäßig auf sie reagieren könnte. Jeder Affekt schafft bezogen auf die äußere Situation, die nun innerlich reflektiert wird, eine propositionale Struktur, ein Handlungsschema bezogen auf die äußeren Objekte. Zugleich werden Erinnerungen wach an vorausgegangene Erfahrungen und es werden die darauf gegründeten Überzeugungen spürbar. Die Beziehung zwischen dem Ich und den äußeren Objekten kann auf diese Weise innerseelisch durchgespielt werden, als emotionale Erfahrung, als Erinnerung an Früheres, als Handlungsentwurf für zweckmäßiges Reagieren und alles dies in Bezug auf bereits vorhandene Überzeugungen und verinnerlichte Regeln und Normen. Dieses selbstreflexive Geschehen ist weniger aktives Tun als vielmehr Gewahrwerden der Vorgänge in einem "seelischen Binnenraum".

Es ist dies ein Denken, das nicht die Dinge der Welt, sondern die eigene Person zum Gegenstand nimmt. Wahrnehmen kann man das eigene Bild im Spiegel oder auf einem Foto, für das eigene Innen gibt es jedoch keine eigentlichen Sinnesorgane, sodass der Begriff Selbstwahrnehmung fraglich ist, worauf Bennen und Hacker (2010) hinweisen. Was als Selbstwahrnehmung bezeichnet wird, ist ein Gewahrwerden, Sich-bewusst-Machen von psychischen Zuständen und Abläufen, z. B. von Emotionen, Einfällen, Fantasien, Erinnerungen, Wünschen, Gedanken etc. Ein Mensch kann seinen bewussten Aufmerksamkeitsfokus auf sein Inneres ausrichten, sich dessen bewusst werden und sich dann darüber Gedanken machen, was in ihm abläuft und was das mit seinem selbst zu tun hat.

aus: Gerd Rudolf, Wie Menschen sind (Schattauer, 2015, S. 87f.)

siehe auch:
Link zum Aufsatz »Strukturbezogene Psychotherapie« von Prof. Rudolf in dem Buch von Cierpka und Rudolf »Die Struktur der Persönlichkeit«

Montag, 24. Oktober 2016

Dalí und Freud

Durch die Vermittlung von Edward James und Stefan Zweig kam es am 19. Juli 1938 zu der lang gewünschten Begegnung mit Sigmund Freud in dessen Londoner Haus, wo er seit kurzer Zeit im Exil lebte. Dalí erklärte Freud anhand des Gemäldes Metamorphose des Narziss, zu dem er ein Gedicht mit gleichem Titel geschrieben hatte, wie die surrealistische Malerei das Unbewusste vergegenwärtigt und malte das Bildnis Sigmund Freud. Gleich nach dieser Begegnung am 20. Juli 1938 schrieb Sigmund Freud an Stefan Zweig:
„Wirklich, ich darf Ihnen für die Fügung danken, die die gestrigen Besucher zu mir gebracht hat. Denn bis dahin war ich geneigt, die Surrealisten, die mich scheinbar zum Schutzpatron gewählt haben, für absolute (sagen wir zu fünfundneunzig Prozent wie beim Alkohol) Narren zu halten. Der junge Spanier mit seinen treuherzig-fanatischen Augen und seiner unleugbar technischen Meisterschaft hat mir eine andere Einschätzung nahegelegt.“[27] [Salvador Dali, Besuch bei Sigmund Freud, Wikipedia, abgerufen am 24.10.2016]
====================

zu seiner Kindheit
Salvador Dalí wurde als zweiter Sohn des Notars Salvador Dalí am 11. Mai 1904 in der kleinen katalonischen Stadt Figueras geboren. Neun Monate zuvor war der erstgeborene Sohn gestorben. In Erinnerung an ihn ging dessen Name auch auf den zweiten Sohn über, und Dalí hat sein ganzes Leben das Trauma nicht abgelegt, lediglich der "Ersatz" für seinen Bruder zu sein. Diese Kränkung machte ihn süchtig nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, so träumte er mit acht Jahren davon, Napoleon zu sein. Zugleich blieb er ein schüchterner Mensch, der von hysterischen Lachanfällen geplagt war. Seine schulischen Leistungen waren mangelhaft, und er wurde auf Privatschulen geschickt. Seine Kindheit erscheint behütet, vor allem zu seiner Mutter hatte er ein inniges Verhältnis. Mit zehn Jahren begann er zu malen und mit 14 besuchte er die Kunstschule in Figueras unter der Leitung des Malers Juan Nuñez, wurde dessen Meisterschüler und stellte im Stadttheater mit Erfolg mehrere Ölgemälde aus. Ein Jahr später veröffentlichte er Aufsätze über "Die großen Meister der Malerei", die zeitlebens seine Vorbilder blieben: Dürer, Michelangelo, da Vinci, Velàzquez, Goya, El Greco. 1921 starb unerwartet seine Mutter, mit ihr verlor er den Menschen, der ihn am bedingungslosesten geliebt hatte. […]
Nach seinem Erfolg in Frankreich kaufte Dalí 1930 eine winzige Fischerhütte in Port Lligat bei Cadaqués, einem kleinen Hafen an der Felsenküste seiner Kindheit. Diese ausgestorbene, abweisend schroffe und melancholische Gegend war immer ein bestimmendes Motiv in seinen Bildern. Seine Familie war jedoch mit Dalís Frauenwahl nicht einverstanden, immerhin war Gala noch verheiratet und Spanien ein streng katholisches Land. Schon zuvor hatte sich Dalí mit seinem Vater überworfen; zum endgültigen Bruch kam es, als er unter eine Zeichnung den Titel "Manchmal spucke ich mit Vergnügen auf das Portrait meiner Mutter" setzte. […]
Die Krisensituation Europas in den 30er-Jahren hat Dalí in vielen Bildern thematisiert, todesähnliche Wüstenszenarien bestimmen diese Bilder. Im Winter 1936 hat er schon in den beiden Gemälden "Herbstlicher Kannibalismus" und "Weiche Konstruktion mit gekochten Bohnen - Vorahnung des Bürgerkriegs" die bevorstehende Selbstzerfleischung Spaniens thematisiert. Allerdings ging es Dalí nicht um die ideologische Ebene, der aktuelle Anlass taucht in seiner Verarbeitung nicht auf. Er stellte viel mehr eine psychoanalytische Sicht auf den Krieg überhaupt dar und beschrieb ihn als Regression auf kannibalische Fantasien, auf Zerstörungslust und Todestrieb. Dabei schwingt auch immer eine orgiastisch-triebhafte sexuelle Ekstase in den Bildern mit. [Salvador Dalì - Sichtbarmachung des Unsichtbaren, Jörg Peter Urbach, Wissen.de, Datum unbekannt]
1921 stirbt seine Mutter was ihn den noch jungen Salvador sehr schmerzt. Er schreibt dazu: "Ich mußte es zu Ruhm bringen, um mich für die Kränkung zu rächen, die der Tod meiner Mutter, die ich hingebungsvoll verehrte, für mich bedeutete". [Salvador Dali - Sein Leben, Moderne Kunst … verstehen, Verfasser und Datum unbekannt]
Als Kind galt Salvador als schwererziehbar und bisweilen zeigte er sich gegenüber seinen Mitmenschen höchst aggressiv. Dabei fügte er nicht nur Tieren, sondern auch sich selbst körperlichen Schaden zu. Die väterliche strenge Erziehung rief indes in ihm ein starkes Sicherheitsbedürfnis und einen ausgeprägten Sinn für Ordnung hervor. Seine Mutter glich die Strenge des Vaters aus. Schon während der Schulzeit zeigte Dalí indes großes Interesse und Talent beim Zeichnen. Während eines Besuches bei Freunden der Familie in El Muli de la Torre, erhielt er erstmals Malunterricht. Die ersten Darstellungen Dalís waren Häuser und Landschaften der katalonischen Umgebung. Nach dem Volksschulunterricht erhielt er zusätzlich zum Besuch des Instituto de Figueres ab 1916 Unterricht im Kolleg der Maristen, einem privaten Gymnasium. Josep "Pepito" Pichot, ein Bruder von Ramon Pichot, hatte sein Maltalent erkannt, und auf dessen Anregung durfte er Abendkurse an der Städtischen Zeichenschule belegen. Sein Kunsterzieher war der Direktor des Instituts, Juan Núñez Fernández, der Dalís Kunstbegeisterung förderte. Bereits nach einem Jahr erhielt er dort ein "diploma de honor". [Biografie – Salvador Dalí, Who’s Who, Verfasser und Datum unbekannt]
"Mein ganzer Ehrgeiz auf dem Gebiet der Malerei besteht darin, die Vorstellungsbilder der konkreten Irrationalität mit der herrschsüchtigsten Genauigkeit sinnfällig zu machen."  [Dalí, zitiert in Salvador Dali - Sein Leben, Moderne Kunst … verstehen, Verfasser und Datum unbekannt]
„Neue Wesen, mit eindeutig böswilligen Absichten, haben sich soeben in Bewegung gesetzt. Mit finsterer Freude sieht man, wie auf ihrem Weg nichts mehr stattfindet als sie selbst." [André Breton, zitiert in Salvador Dali - Sein Werk, Moderne Kunst … verstehen, Verfasser und Datum unbekannt]
Salvador Dali wird zu seinen Lebzeiten und auch heute noch als Genie verehrt. Um seine Persönlichkeit ranken sich unzählige und teils sehr verwegen klingende Erzählungen. Kennzeichnend ist für ihn das Etikett eines „Wahnsinnigen“ und Paranoikiers. Diese Charakterisierung unterstützte Dali aktiv durch viele seiner Äußerungen und Schriften. Sie kennzeichnen ihn als einen Menschen, der besonders in der Öffentlichkeit mit den genannten Etiketten gerne spielte.

Salvador Dali selbst sagte von sich, dass er besonders in seiner Kindheit Tieren, sich und anderen Menschen gerne Schmerzen zugefügte habe. Als wahr oder falsch konnte sich dabei keine dieser „Berichte“ erweisen. Eine bekannte Anekdote aus Dalis Leben ist die, dass er sich um der Schmerzen willen, absichtlich auf einer Treppe hinunter warf.

Im Jahr 1949 veröffentlicht seine Schwester Ana Maria ein Buch über ihren Bruder, "Dali as Seen by His Sister". In dem Buch wird Dali von seiner Schwester als ein normaler Junge beschrieben, der eine glückliche Kindheit verbrachte. Dali soll daraufhin empört und wütend reagiert haben. In einem Interview eines bekannten Nachrichtenmagazins mit seinem langjährigen Sekretär Robert Descharnes, bezeichnete ihn dieser als einen verhältnismäßig normalen Menschen. 
[Salvador Dali - Sein Werk, Moderne Kunst … verstehen, Verfasser und Datum unbekannt]

siehe auch:
- Salvador Dali: Avida Dollars (SPIEGEL, 01.01.1961)
- The influence of Sigmund Freud for Salvador Dalí (A silent Understanding, 02.05.2010)
- Time and Change in 10 Dali Paintings (Angie Kordic, Widewalls, Datum unbekannt)
- Dalí’s paranoisch-kritische Methode (Dr. Marcuse, Kultur und Lifestyle, 01.09.2008)
- Die Welt im Kopf ist die einzige, die wir kennen! Dalis paranoisch-kritische Methode, Immanuel Kant und die Ergebnisse der neueren Neurowissenschaft (Beatrice Nunold, Image, Januar 2007)
»Eines Tages wird man zugeben müssen, dass das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traums. Um meinen Gedanken zu Ende zu führen, möchte ich sagen, dass das, was wir Traum nennen, als solches gar nicht existiert, denn unser Geist ist auf Sparflamme eingestellt; die Wirklichkeit ist eine Begleiterscheinung des Denkens – eine Folge des Nichtdenkens, eine durch Gedächtnisschwund hervorgerufene Erscheinung. Die wahre Wirklichkeit ist in uns, und wir projizieren sie nach außen durch die systematische Auswertung unserer Paranoia, die eine Antwort und Reaktion auf den Druck – oder Unterdruck der kosmischen Leere ist […] Im Übrigen drückt sich die Paranoia nicht nur durch eine systematische Projektion aus, sie ist auch ein gewaltiger Lebenshauch.« [ Perinaud 1978, 158 f.] […]
Galt die Welt in unserem Kopf bisher wenigstens als vernünftig, so konnte jetzt nicht mehr ohne Weiters davon ausgegangen werden. Wir können nicht erkennen, dass wir erkennen, aber auch nicht, dass wir Wahnbilder produzieren. In der Fremde des eigenen Kopfes gefangen haben wir keine verlässlichen Koordinaten, an denen wir uns orientieren können. Die Folge ist Konfusion, Verwirrung. Für Wittgenstein wird alle Philosophie zur Sprachkritik. Es geht nur noch um das Verstehen, nicht mehr um Wissen. Sprache können wir versuchen zu verstehen, die Sprache der Kunst oder der Wissenschaft oder auch des Unbewussten. Dali wählt die Sprache des Unbewussten und er sucht sie an den Scharnierstellen auf, wo die Bilder umklappen und der Interpretationsfuror beginnt.  
Angeblich soll das Bild auf die Verworrenheit der damaligen Zeit hinweisen. Es ist ebenso Ausdruck der von Wittgenstein etwa um die gleiche Zeit allgemein formulierten Konfusion. Niemand kennt sich mehr aus. Was können wir überhaupt noch verstehen? Was ist Wahn, was Wirklichkeit? Willkommen in Absurdistan!
Mag sein, dass Dalis Bewunderung für Hitler, Stalin, Franco und andere Diktatoren daher rührte, dass er in ihnen die produktivsten Paranoiker sah. Diese verwirklichten ihren Wahn, wenn auch auf grausamste Weise. Sie nötigten ihn den Menschen als „einzig mögliche und beste und wahrste aller Welten“ auf und verfolgten alle systematisch, die diesem Wahnsinn ihre eigenen Ideen, Welten, Wirklichkeiten oder auch ihre eigene Paranoia entgegensetzten. Dali gratulierte in einem Telegramm aus New York Franco zur Hinrichtung von Regimegegnern. Vermutlich waren Diktatoren für ihn so etwas wie paranoische Genies.
Lacan stellt eine Verbindung her zwischen dem „Genie und der anomalen Entwicklung der Persönlichkeit“. Er meint den Paranoiker. Er erkennt den „Wert der schöpferischen Imagination in der Psychose und die Beziehung zwischen Psychose und Genie“.
Dali, Bescheidenheit war nie eine seiner Tugenden, hielt sich selbst für das größte Genie aber eben nicht für Verrückt. Vermutlich hielt er sich für eine Art Metagenie, oder Metaparanoiker, für übergenial und überparanoid. insofern er nicht nur wie die für ihn genial Verrückten (Hitler, Stalin, Franco), die die Welt nach ihrem (Wahn)bilde formen wollten, aber gewissermaßen ihrem eigenen Wahn erlegen waren, ihn unreflektiert auslebten, während er, Dali, das paranoische Prinzip verstand und es frei handhaben konnte. Selbst die schlimmsten Diktatoren waren Sklaven ihres Wahns. Aber das ist nur ein Versuch Dalis Bewunderung für Diktatoren zu verstehen.
Dali demonstrierte in immer neuen Bildern und Skulpturen, dass er sein Handwerk verstand und die paranoisch-kritische Methode meisterhaft zu gebrauchen wusste. Er wollte die Wahnbilder ebenso genau und präzise zeichnen, wie sich uns unsere Wirklichkeit darstellt. Sie sollten sich uns als Wirklichkeitsäquivalent aufdrängen. Hier einige Beispiele, die zugleich die Mehrdeutigkeit dessen aufzeigen, was wir Wirklichkeit nennen (Abb. 8, 9, 10, 11, 12). [Die Welt im Kopf ist die einzige, die wir kennen! Dalis paranoisch-kritische Methode, Immanuel Kant und die Ergebnisse der neueren Neurowissenschaft, Beatrice Nunold, Image, Januar 2007]

Salvador Dalí - Beständigkeit der Erinnerung [1:13:46]

Hochgeladen am 03.05.2011
Eine Dokumentation über das Leben von Salvador Dalí.

- Salvador Dalí über Assoziologie: 1935 Die kritisch paranoische Methode (Kusanowsky, 06.05.2012)
- Salvador Dalí: Die Welt schuldete ihm seine Verrücktheit (Wieland Schmied, Süddeutsche Zeitung, 17.05.2010)
- Freuds Traumdeutung und dessen Einfluss auf die Kunst des Surrealismus (Julia-Michelle D., prezl, 26.04.2015, Transkript)
- Salvador Dalí (Kapitel aus Nathalia Brodskaïa, Surrealismus – Die Geschichte einer Revolution, Parkstone, 2009?, GoogleBooks, 195ff.)

Sonntag, 23. Oktober 2016

Muss man Donald Trump hassen?

Kisslers Konter: An der Person und am Programm des Präsidentschaftskandidaten gäbe es viel auszusetzen. Die Abscheu aber hat das Argument besiegt, die Abneigung die Auseinandersetzung. Eine fatale Entwicklung, gerade in Deutschland

Am 8. November entscheidet sich, ob der nächste amerikanische Präsident Hillary Clinton oder Donald Trump heißen wird. Es ist also höchste Zeit, an einige offenbar unbekannte Selbstverständlichkeiten zu erinnern: Wahlberechtigt sind ausschließlich US-Bürger. Kein deutscher Leitartikler hat eine Stimme, kein EU-Politiker darf mitwählen, nordrhein-westfälische Landesvorsitzende müssen draußen bleiben. Das mag schmerzen, ist aber so. Gewinnen wird, wer die meisten Stimmen der Wahlleute auf sich vereint, nicht, wer jenseits des Atlantiks die größte Fangemeinschaft bilden konnte. Und drittens ist Hass auch hässlich, wenn es der Hass der Mehrheit ist – dann vielleicht sogar besonders.

mehr:
- US-Wahlkampf – Muss man Donald Trump hassen? (Alexander Kissler, Cicero, 13.10.2016)

siehe auch:
- "Weil es mir reicht!" – Trump-Fans haben die Nase gestrichen voll (n•tv, 23.10.2016)
- Von der Gefahr einer hysterischen Opposition gegen Trump (Post, 22.11.2016)
x

Samstag, 22. Oktober 2016

Freuds Widmung

Vergangenheit Ein italienischer Forscher geht in seinem Buch der Frage nach, wie nah sich Sigmund Freud und Benito Mussolini standen

Der Historiker Roberto Zapperi publizierte kürzlich im Berenberg Verlag eine Studie zum Verhältnis zwischen Sigmund Freud und Benito Mussolini. Anlass hierzu gab ihm eine schriftliche Widmung Freuds an Mussolini, in der Freud den italienischen Machthaber schmeichelnd als „Kultur-Heros“ bezeichnet. Die Befürchtung, dass Freud Sympathien für Mussolini hegte, wird mit dieser detaillierten Studie jedoch in schnellen Schritten widerlegt.

Zapperi deckt schrittweise auf, wie es zur Entstehung der Widmung kam, zu der Freud von Personen, die Mussolini nahestanden, eher genötigt wurde, als dass er sie aus freien Stücken verfasst hätte. Zudem hatte Freud die Widmung in das Buch „Warum Krieg? Ein Briefwechsel“ geschrieben. Dass Freud gerade seinen publizierten Briefwechsel mit dem Pazifisten Albert Einstein zur Widmung an Mussolini auswählte, ist sicherlich als bewusst gewählte Entscheidung und Hinweis an Mussolini zu deuten. Nachdem Zapperi überraschender Weise schon im ersten Kapitel seines Werkes die Ausgangsfrage (Wie und warum kam es zu der Widmung?) geklärt hat, widmet er sich einem weiter gefassten Thema, nämlich der Situation italienischer Psychoanalytiker in der Zeit des Faschismus. (Insofern ist der Titel des Buches etwas irreführend gewählt, da es den Anschein erweckt, als würde es sich sehr tiefgehend nur um diese beiden Figuren drehen, wohingegen das Buch vielmehr das größere Netzwerk aus Personen der Kultur- und Psychologenszene und ihre jeweiligen Verstrickungen beschreibt.)

Die Psychoanalyse ist zu dieser Zeit in Italien nur wenig bekannt oder anerkannt, gleichwohl werden den praktizierenden Vertretern von der Verwaltung und der Polizei Steine in den Weg gelegt. Teilweise erscheinen die Schikanen lächerlich, wie zum Beispiel das Verbot für italienische Psychoanalytiker, von der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung aufgenommen zu werden. Nicht wenige Psychoanalytiker mussten Italien später aufgrund ihres jüdischen Hintergrundes verlassen. Auch Freud selbst wurde von der italienischen Polizei streckenweise mit Haftbefehl gesucht. Der schon an Krebs erkrankte Erfinder der Psychoanalyse wusste jedoch nichts davon und bedauerte zeitgleich in Briefen an den Psychoanalytiker Edoardo Weiss, nicht wie sonst den September in Rom verbringen zu können.

mehr:
- Freuds Widmung (Marie Mohrmann, Freitag-Community, 20.10.2016)
x