Dienstag, 25. November 2014

Suizid ist männlich

Suizid Saskia Jungnikl hat ein Buch über das stille Leid einer Generation geschrieben. Ihr Vater erschoss sich mit 67

Etwa zwei Drittel aller Männer, die vorhaben, sich das Leben zu nehmen, „gehen kurz vor ihrem Suizid zu einem Arzt. Meist unter einem Vorwand wie dem einer Vorsorgeuntersuchung.“ So schreibt es die österreichische, in Hamburg lebende Autorin Saskia Jungnikl in ihrem gerade erschienenen Buch über die Selbsttötung ihres Vaters. „Sie hoffen, dass der Arzt zu ihnen sagt, es muss Ihnen doch furchtbar gehen, kann ich Ihnen helfen, kann ich etwas für Sie tun?“

Auch Jungnikls Vater Erhard besucht noch einmal seinen vertrauten Hausarzt – bevor er sich erschießt. Der Arzt weint, als er davon erfährt, fassungslos, einen seiner heitersten Patienten verloren zu haben. So hatte der Mann jedenfalls immer auf ihn gewirkt. Aber Erhard Jungnikl stirbt in jener Nacht im Jahr 2008, und zwar in der Nacht, in der sein ältester Sohn 30 Jahre alt geworden wäre. Der Sohn ist zuvor an einer Embolie gestorben.

Mit seinem Suizid hinterlässt der Familienvater eine Ehefrau und drei noch lebende Kinder, außerdem rund 7.000 Bücher, zwei vollgestopfte Arbeitszimmer, ein Tonstudio, eine riesige Plattensammlung, ungezählte technische Geräte, Musikinstrumente, Zeitschriften, Fotos und Dokumente. Er war Rock-’n’-Roll-Fan, evangelischer Lektor, Schafzüchter, ein Vorbild für viele, mit Depressionen, vielen Talenten und einem nie zu stillenden Interesse an seiner Umwelt. Er wurde 67 Jahre alt.

mehr:
- Traurig schweigt der Mann (der Freitag, 24.11.2014)
Selbsttötung in der Statistik:
Jedes Jahr sterben etwa 10.000 Menschen in Deutschland durch Suizid, rund 70 Prozent davon sind Männer. Dabei sind die Zahlen hierzulande seit den 80ern generell rückläufig. Das ist vermutlich auf eine bessere psychosoziale Versorgung und Enttabuisierung zurückzuführen. Weltweit nehmen sich jedes Jahr rund 800.000 Menschen das Leben. International betrachtet ist bei Männern jeder zweite gewaltsame Tod auf Selbsttötung zurückzuführen. Kommt eine Frau gewaltsam ums Leben, handelt es sich in 70 Prozent der Fälle um Suizid.

Bei alten Menschen liegt die Dunkelziffer wohl viel höher als die offiziellen Zahlen, auch die Zahl der Suizidversuche ist Schätzungen zufolge bis um das Zehnfache größer. Unter den 14- bis 29-Jährigen ist Selbsttötung die zweithäufigste Todesursache (nach Verkehrsunfall). Das deutsche Suizidpräventionsprogramm, eine Kooperation des Bundesgesundheitsministeriums und der Weltgesundheitsorganisation WHO, nennt Diskriminierung als einen der wichtigsten Risikofaktoren. Neben Männern seien vor allem „Menschen im höheren Lebensalter, Menschen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung und junge Frauen mit Migrationshintergrund“ gefährdet.
 
- Zum Tod von L’Wren Scott „Ich wünschte, sie hätte um Hilfe gebeten“ (Norbert Kuls, FAZ, 18.03.2014)

mein Kommentar:
Wie soll jemand, der sich nicht wert fühlt, anderen zur Last zu fallen, um Hilfe bitten?

- „Keiner bringt sich gerne um!“ (M- Wolfersdorf, P. Brieger, Nervenheilkunde 6/2015, Schattauer)

Montag, 17. November 2014

Die Gesetze der Anziehung zwischen Mann und Frau

Die Attraktivität eines Menschen ist nicht subjektiv – zumindest nicht die weibliche. Was Frauen schön wirken lässt, folgt universellen Gesetzen. Über die Schönheit der Männer debattieren Forscher.

Es gibt einen Satz, der unter Forschern, die sich mit der Schönheit des Menschen befassen, als absolut gesichert gilt. Wem die Gerechtigkeit der Welt, die Gleichheit aller Menschen ein Anliegen ist, der muss jetzt stark sein. Der Satz lautet: "Attraktivität liegt definitiv nicht im Auge des Betrachters."

Lars Penke sagt diesen Satz zu Beginn des Gesprächs über die Schönheit. Penke ist Professor für Biologische Persönlichkeitspsychologie an der Universität Göttingen, eins seiner Themen ist die Attraktivitätsforschung. Schönheit ist leider nicht subjektiv, sondern hat einen Wert, der in Studien gemessen werden kann, auf allen Kontinenten, in allen Gesellschaften kommen in etwa die gleichen Ergebnisse heraus. Zumindest, wenn es darum geht, was Menschen an Frauen schön finden. Was die Schönheit der Männer ausmacht, dazu besteht noch Forschungsbedarf.

mehr:
- Die Gesetze der Anziehung zwischen Mann und Frau (Welt, 16.11.2014)


Sonntag, 16. November 2014

Von einem der größten Mathematiker zum Esoteriker

Wer pittoreske Anekdoten liebt, ist wohl beraten, sich mit der Geschichte der Mathematik zu beschäftigen. Da wäre Pierre Fermat, der die Jagd auf das berühmteste Problem der Zahlentheorie eröffnete, indem er an den Rand eines Buches kritzelte, dass er einen Beweis habe, aber leider reiche der Platz nicht, ihn hier niederzuschreiben (der Beweis konnte bekanntlich erst rund 350 Jahre später geliefert werden); da wäre Évariste Galois, der mit zwanzig Jahren am frühen Morgen des 31. Mai 1832 bei einem Duell starb, nachdem er die Nacht damit zugebracht hatte, fieberhaft unter anderem seine mathematischen Ideen niederzuschreiben (seine Galois-Theorie erlaubte endlich den Beweis, dass die Winkeldrittelung und die Würfelverdopplung mit Lineal und Zirkel nicht durchführbar sind). Da wäre Grigori Perelman, der die Poincaré-Vermutung bewies, aber weder das Preisgeld in Höhe von einer Million Dollar haben wollte noch die Fields-Medaille (das Nobelpreis-Äquivalent der Mathematiker). Aber kein Mathematiker hinterließ einen reicheren Schatz an Anekdoten, als der am 13. November verstorbene Alexander Grothendieck.

Nicht nur das Leben, sondern bereits Herkunft und Kindheit von Grothendieck waren von Gegensätzen geprägt. Sein Vater Alexander Schapiro stammte aus ultraorthodox-jüdischer Familie, wurde Anarchist, verbrachte mehr als zwölf Jahre in zaristischen Kerkern, verlor dabei einen Arm und floh schließlich nach Berlin, wo er Johanna Grothendieck kennenlernte und seinen Sohn Alexander zeugte, den späteren Mathematiker. Der Vater und die Mutter gingen nach der Machtergreifung erst nach Frankreich, dann ins republikanische Spanien. Nach Francos Sieg kehrten sie nach Frankreich zurück. Von dort aus wurde Alexander Schapiro 1942 nach Auschwitz verschleppt, wo man ihn ermordete.

mehr:
- Von einem der größten Mathematiker zum Esoteriker (Telepolis, 16.11.2014)
Jahrhundert-Mathematiker Grothendieck in Südfrankreich gestorben (ZEIT, 14.11.2014)
Mathematik - In höheren Dimensionen (ZEIT, 28.03.2008) siehe auch die Kommentare
Jahrhundert-Mathematiker Grothendieck gestorben (Welt, 14.11.2014) 
- Wer ist Alexander Grothendieck? (Scharlau Online, Datum unbekannt) 
Alexander Grothendieck 1928-2014 (Thilo, Science Blogs, 14.11.2014) 
Alexander Grothendieck: hommage zum 80. Geburtstag (Weingut Lisson, 30.03.2008
Alexander Grothendieck † (Matroids Matheplanet, 14.11.2014
Geometrie und Revolte – Die radikale Wende im Leben des Mathematikers Alexander Grothendieck (Agnes Handwerk, Deutschlandradio Kultur, 26.03.2008
- Colloque Grothendieck (Winfried Scharlau, Video erfaßt am 14.01.2009, an dieser Stelle noch mehr Links zu IHES-Vorträgen über Grothendieck)

Alexander Grothendieck, sur les routes d'un génie. [1:57]

Veröffentlicht am 24.09.2013
Bande annonce du documentaire réalisé par Catherine Aira et Yves Le Pestipon.
The documentary is available with english subtitles.
To buy DVD use this link:
http://www.lastree.net/log/2014/06/gr...
DVD en vente , in sale : catherine.aira@gmail.com

Grothendieck est un inconnu célèbre qui fait infiniment parler, surtout depuis son silence. Ce très grand mathématicien de la seconde moitié du vingtième siècle a interrompu ses recherches pour émettre une protestation éthique, puissamment visionnaire contre les conditions actuelles de la science, et, plus largement, contre l'homme tel qu'il semble se corrompre. Il s'est retiré du monde. Le film vise à montrer les effets de ce retrait sur des individus divers, qui sont des mathématiciens, des paysans, des poètes, des aventuriers de la spiritualité...Loin de faire un portrait en pied du grand homme, il met en œuvre les recherches hasardeuses qui ont mené quelques individus vers Grothendieck, dont ils ne savaient d'abord rien, et dont le retrait et la puissance ne cessent de les interroger. La France actuelle, l'histoire de l'Europe, le statut de la science, la question de la fin des temps se trouvent embarqués dans cette quête.

Durée ; 52 mn
Réalisation : Catherine Aira avec l'aide d'Yves Le Pestipon
Producteur : K productions
Principaux intervenants : Pierre Cartier, Denis Favennec, Yves Le Pestipon, Pierre Lochak, Jean-Paul Malrieu, Jean-Pierre Nizet, Max Pelous, Emmanuel Riboulet, Winfried Scharlau, Leila Schneps...
Musique : François Remigi du groupe Abberline

Alexandre Grothendieck: On the Paths of a Genius

Grothendieck is an illustrious unknown who makes himself talked about to an infinite
extent, especially since his silence. This very great mathematician of the second half of the
twentieth century interrupted his research to make a powerfully visionary moral protest against the current conditions of science, and more broadly against the corrupted state of mankind. He withdrew from the world.
The film aims to show the effects of this withdrawal on various individuals:
mathematicians, peasants, poets, and spiritual adventurers. Far from painting a full-length
portrait of the great man, it depicts the chance discoveries that led them to Grothendieck, a man of whom they initially knew nothing, and whose self-imposed seclusion and power has never ceased to intrigue them. The current state of France, the history of Europe, the place of science in the world, and the question of the end of time are all implicated in their quest.
The film has already had successful showings in universities, at the Novela science
festival, on Toulouse television, and elsewhere. It will soon be shown in Nantes, Toulouse,
Montpellier, and Montreal.
The trailer is here: http://www.youtube.com/watch?v=UO5Kgn...
For all information contact Catherine Aira at:
catherine.aira@gmail.com
Or Yves Le Pestipon: y.lepestipon@free.fr
Length: 1 hour, 40 minutes.

Alexandre Grothendieck dies at 86 - Alexandre Grothendieck meurt - RIP [2:24]

Veröffentlicht am 14.11.2014
Grothendieck, eccentric maths genius, dies in France
Phys.Org‎ - 2 hours ago
Alexander Grothendieck, one of the great eccentric geniuses of 20th century mathematics, has died in France at the age of 86.
Alexander Grothendieck has died | Hacker News
Hacker News - Y Combinator‎ - 15 hours ago
Alexander Grothendieck, 20th century's foremost maths genius, dead at 86
Malay Mail Online‎ - 4 hours ago
More news for Grothendieck
Alexandre Grothendieck 1928-2014 | Not Even Wrong
https://www.math.columbia.edu/~woit/w...
13 hours ago - I just heard that Alexandre Grothendieck passed away today, at the age of 86, in Saint-Girons. For a French news story, see here. Grothendieck's story was one ...
Alexander Grothendieck - Wikipedia, the free encyclopedia
en.wikipedia.org/wiki/Alexander_Grothend­ieck
3 hours ago - Alexander Grothendieck was a French mathematician, and a central figure behind the creation of the modern theory of algebraic geometry. His research ...
‎Influence - ‎Life - ‎Mathematical achievements - ‎See also
Alexandre Grothendieck, ou la mort d'un génie qui voulait se ...
www.liberation.fr › Sciences
Translate this page
17 hours ago - Alexandre Grothendieck est mort jeudi matin à l'hôpital de Saint-Girons (Ariège), à l'âge de 86 ans. Un nom trop compliqué à mémoriser et une volonté maintes ...
Alexander Grothendieck has died | Hacker News
https://news.ycombinator.com/item?id=...
15 hours ago - Grothendieck's comments on creativity have been very important in my life, especially the following quote (in translation from the French): "To state it in slightly ...
Grothendieck -sad news - MathOverflow
mathoverflow.net/questions/187106/grothe­ndieck-sad-news
16 hours ago - Alexandre Grothendieck died today: http://www.liberation.fr/sciences/201... ...
Alexander Grothendieck | MetaFilter
www.metafilter.com/144475/Alexander-Grot­hendieck
11 hours ago - 1 post
Alexander Grothendieck, who brought much of contemporary mathematics into being with the force of his uncompromising vision, is dead at 86, some twenty-five ...
Le génie des maths Alexandre Grothendieck s'est éteint - Le ...
www.lepoint.fr › Sciences & Nature
Translate this page
5 hours ago - Alexandre Grothendieck, l'un des plus grands mathématiciens du XXe siècle, ancien membre du cercle Bourbaki, est décédé à l'hôpital de Saint-Girons (Ariège) ...
Le plus grand mathématicien du XXe siècle est mort
www.lemonde.fr/.../le-mathematicien-alex­andre-grothe... - Translate this page
16 hours ago - Considéré comme le plus grand mathématicien du XXe siècle, Alexandre Grothendieck est mort, jeudi 13 novembre, à l'hôpital de Saint-Girons (Ariège), non ...
Ariège: Le génie des mathématiques, l'ermite Alexandre ...
www.20minutes.fr › Toulouse
Translate this page
4 hours ago - L'une des rares photos d'Alexandre Grothendieck, debout - Cnrs. B.C.. Créé le ... Alexandre Grothendieck est mort jeudi à 86 ans à l'hôpital de Saint-Girons.
Page 2 of about 10,100 results (0.25 seconds)
Search Results
Grothendieck, eccentric maths genius, dies in France
phys.org › Other Sciences › Mathematics
2 hours ago - Alexander Grothendieck, one of the great eccentric geniuses of 20th century mathematics, has died in France at the age of 86.
Alexandre Grothendieck : mort d'une légende des ...
www.sciencesetavenir.fr › Fondamental - Translate this page
7 hours ago - Grothendieck est l'auteur du mythique Récoltes et Semailles, un livre dont le mathématicien Denis Guedj (disparu en 2010) disait à Sciences et Avenir qu'il était ...
Alexandre Grothendieck : ce qu'il écrivait dans "Récoltes et ...
www.sciencesetavenir.fr › Fondamental - Translate this page
4 hours ago - Le mathématicien naturalisé Français Alexandre Grothendieck est mort jeudi 13 novembre en Ariège, où il vivait reclus depuis longtemps. Le chercheur avait ...
Alexandre Grothendieck, le plus grand mathématicien du ...
www.franceinfo.fr/.../alexandre-grothend­ieck-le-plus-...
Translate this page
8 hours ago - Il avait 86 ans, vivait reclus dans un village de l'Ariège, sans plus de contact avec l'extérieur depuis une vingtaine d'années. Alexandre Grothendieck laisse ...
Alexander Grothendieck, 20th century's foremost maths ...
www.themalaymailonline.com/.../alexander­-grothendieck-20th-centurys-...
4 hours ago - PARIS, Nov 14 — Alexander Grothendieck, one of the great eccentric geniuses of 20th century mathematics, has died in France at the age of 86, a hospital ...
Grothendieck 1928-2014 | Secret Blogging Seminar
sbseminar.wordpress.com/2014/11/13/groth­endieck-1928-2014/
16 hours ago - http://www.liberation.fr/sciences/201....


Ich möchte versuchen, die Ursachen für dieses abrupte Ende einer so erstaunlich fruchtbaren Karriere im Alter von 42 Jahren zu analysieren. Als Grund wurde angegeben, dass er entdeckt hatte, dass das Verteidigungsministerium das Institut finanziell unterstützt hatte [...] Um die Heftigkeit seiner Reaktion zu verstehen, muss man seine Vergangenheit und die politische Situation dieser Zeit in berücksichtigen. Er ist der Sohn eines militanten Anarchisten, der sein ganzes Leben der Revolution widmete. Es war ein Vater, von dem er nur wenig direkt wusste: Er kannte ihn hauptsächlich aus den vergötternden Erzählungen seiner Mutter. Seine ganze Kindheit lebte er als Ausgestoßener, und viele Jahre war er ein Flüchtling [displaced person], [...] Er fühlte sich immer unwohl, wenn er die „feineren“ Örtlichkeiten besuchte, und war viel ungezwungener unter den Armen und zu kurz Gekommenen. Die Solidarität mit den Ausgestoßenen hatte in ihm ein starkes Mitgefühl erzeugt. Er lebte nach seinen Überzeugungen, und sein Haus stand für Gestrandete immer weit offen. Schließlich kam es so weit, dass er Bures als einen goldenen Käfig ansah, der ihn vom wirklichen Leben fernhielt. Zu diesen Gründen kamen noch psychische Krisen, Zweifel an dem Wert seiner wissenschaftlichen Aktivitäten. Schon 1957, währen eines Bour-baki-Kongresses, vertraute er mir seine Zweifel an und sagte mir, dass er über andere Aktivitäten als Mathematik nachdächte.6 Man sollte vielleicht auch das wohlbekannte Nobelpreis-Syndrom in Betracht ziehen. Nach dem Moskauer Kongress, auf dem er die Fields-Medaille erhielt, arbeitete er an dem letzten (entscheidenden) Schritt zum Beweis der Weil-Vermutungen, und er begann vielleicht zu ahnen, dass es Deligne erfordern würde, um das Programm, das er für sich selbst aufgestellt hatte, im Jahr 1974 zu vollenden, und vielleicht ging ihm auch der fatale Gedanke durch den Kopf, dass im Alter von 40 Jahren die mathematische Kreativität nachlässt, dass der Zenith dann überschritten ist und dass er sich nur noch mit abnehmender Effizienz selbst wiederholen kann.
Der Zeitgeist hatte auch einen starken Einfluss. Das Desaster des Vietnam-Krieges von 1963 bis 1974 hatte viele Gewissen wachgerüttelt.


(P. Cartier, zitiert in Wer ist Alexander Grothendieck?, Scharlau Online, Datum unbekannt, sehr lesenswert!)

Samstag, 15. November 2014

Psychische Gewalt

Schlampe. Schwuchtel. Versager. Ein Wort kann wie ein Fausthieb sein. Wenn wir über Gewalt sprechen, meinen wir fast immer ihre körperliche Form. Ein Mensch kann einem anderen aber auch psychisch Gewalt antun. Ihn beleidigen, demütigen, erniedrigen. Und das hat oft schlimmere Folgen als Schläge oder Tritte.
Psychische Gewalt schlägt Wunden, die man zunächst nicht sieht. Und doch sind sie da. Zur Zeit bewegt das Foto-Projekt "Weapon of Choice" die Netzgemeinde. Der amerikanische Fotograf Richard Johnson macht die Grausamkeit der Worte sichtbar. Was wäre, wenn verbale Gewalt körperliche Spuren hinterlassen würde?

mehr:
Psychische Gewalt: Wenn Worte Leben zerstören (Huffington Post, 28.05.2014)


Montag, 10. November 2014

Eine negative Körperhaltung trübt den Blick für fröhliche Dinge und Ereignisse

Dass sich Gefühle und Stimmungen an der Mimik und Gestik ablesen lassen, ist keine neue Erkenntnis. Auch der Gang zeigt, ob jemand fröhlich oder traurig ist. Doch wie sieht es umgekehrt aus: Hat die Art zu gehen Einfluss darauf, ob negative oder positive Gefühle den Menschen und sein Handeln bestimmen?
Genau dieser Frage widmete sich eine Studie, bei der die Probanden durch die Bewegung ihres Körpers unbewusst unterschiedliche Stimmungen ausdrückten.

Zitat:
Die Studie belegt, dass eine permanente Negativhaltung einen positiven und optimistischen Blick auf die Welt kaum zulässt. Nach acht Minuten wurden die Teilnehmer gefragt, welche Begriffe sie sich gemerkt hatten. Die Probanden, die einen traurigen Gang zeigten und eine negative Körperhaltung einnahmen, merkten sich fast nur negative Begriffe. Die andere Gruppe hingegen behielt in erster Linie positive Worte im Gedächtnis.
mehr:
- Depressionen erkennt man am Gang! (Germanblogs, 09.11.2014)

Samstag, 8. November 2014

Verleugnung

Ein viertes gängiges Mißverständnis, das in der sogenannten Transpersonalen Psychologie weit verbreitet ist, ist der Glaube, Selbst-Losigkeit [gemeint ist der Zustand der Erleuchtung, Anmerkung von mir] sei eine Entwicklungsstufe jenseits des Ego — demnach müsse das Ich zuerst existieren, um dann aufgegeben zu werden. Dies ist nur die Kehrseite des Glaubens, vor der Entwicklung des Ich habe es einen Zustand der Ich-Losigkeit gegeben; nur folgt hier die Ich-Losigkeit angeblich auf das Ich. Dieses Mißverständnis ist noch am ehesten zu erklären über die Verleugnung, bei der beunruhigende Emotionen beiseite geschoben werden, als seien sie nicht mehr relevant. Sie werden behandelt, als wären sie nur eine Stufe, die man durchlaufen müsse.

Dieser Ansatz meint, daß das Ich zwar für die Entwicklung wichtig sei, dann aber doch irgendwie transzendiert oder zurückgelassen werden könne. An diesem Punkt gibt es eine unglückselige Begriffsverwirrung. Hören wir zunächst, was der Dalai Lama zu diesem Punkt zu sagen hat: »Selbst- Losigkeit bedeutet nicht, daß etwas, das es in der Vergangenheit gab, nunmehr nicht-existent wird. Vielmehr ist diese Art von ›Selbst‹ etwas, das nie existiert hat. Die Aufgabe besteht darin, etwas als nicht- existent zu erkennen, das schon immer nicht-existent war.«4 Die buddhistische Einsicht zielt nicht auf das Ich im Freudschen Sinne, sondern auf das Selbst-Konzept, die Selbstdarstellungs-Komponente des Ego, auf die tatsächliche innere Erfahrung des eigenen Selbst.


Nicht das ganze Ego wird transzendiert; die Selbstdarstellung wird als etwas enthüllt, dem die konkrete Existenz fehlt. Es ist nicht so, daß etwas Wirkliches beseitigt würde, sondern daß etwas Nicht- Existentes als das erkannt wird, was es immer schon war. Meditierende, denen es schwerfällt, diesen schwierigen Punkt zu erfassen, fühlen sich häufig unter Druck, entscheidende Aspekte ihres Daseins zu verleugnen, also diejenigen, die sie mit dem unzuträglichen »Ich« identifizieren.


Viele verzichten auf Sexualität, Aggression, kritisches Denken oder sogar auf den Gebrauch des Personalpronomens in der ersten Person, Ich. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, Selbst-Losigkeit durch Aufgabe oder Loslassen dieser Aspekte zu erlangen. Meditierende erklären Aspekte des Selbst zu ihrem Feind und versuchen, sich davon zu distanzieren. Das Problem besteht darin, daß die Eigenschaften, die man als unzuträglich bestimmt hat, durch ihre Unterdrückung noch mächtiger werden. Es ist keineswegs unüblich, daß Meditierende in der Therapie darauf beharren, daß sie weder Sex noch einen Orgasmus brauchen, oder leugnen, daß eine Frustration sie zornig macht. Statt die Haltung des nicht urteilenden Gewahrseins einzunehmen, sind diese Meditierenden so damit beschäftigt, es (d. h. ihre unzuträglichen Gefühle) loszulassen, daß sie nie die Erfahrung der Nicht-Wesenhaftigkeit ihrer eigenen Gefühle machen. Durch die Verleugnung bleiben sie daran haften.


Auf ähnliche Weise neigen diejenigen, die diesem Mißverständnis der Selbst-Losigkeit erliegen, dazu, die Idee des »leeren (von Gedanken freien) Geistes« überzubewerten. In diesem Fall wird das Denken mit dem Ich gleichgesetzt; solche Leute scheinen eine Art intellektueller Leere zu kultivieren, wobei die Abwesenheit kritischen Denkens als höchste Errungenschaft gilt. Hierzu schrieb der buddhistische Gelehrte Robert Thurman: »Man weist alle Ansichten zurück, verwirft die Sprache in ihrer Bedeutungshaftigkeit und nimmt an, solange man keine Meinung hat, keine Ansicht vertritt, nichts weiß und es einem gelingt, alles, was man gelernt hat, wieder zu vergessen, befinde man sich gewiß auf dem rechten Weg, am Ort der ›Stille der Weisen‹.«


Im Gegensatz zu dieser Vorstellung führt meditative Einsicht mitnichten dazu, daß das begriffliche Denken verschwindet. Nur der Glaube an die Festigkeit des Ego geht verloren. Diese Einsicht ist jedoch schwierig. Es ist sehr viel verlockender — und leichter —, die Meditation dazu zu verwenden, unsere Verwirrung über uns selbst nicht zur Kenntnis zu nehmen, sich in der ruhigen Stabilisierung, die die Meditation bietet, einzuhausen und zu glauben, dies sei die Annäherung an die Lehre der Selbst-Losigkeit. Das ist es allerdings nicht, was der Buddha mit der Rechten Sicht gemeint hat.


aus Mark Epstein, Gedanken ohne den Denker, Kap. V, Frei schwebend



Freitag, 7. November 2014

Kritik am Umgang mit den fünf Hemmungen

Der Hauptpunkt, um den es mir beim Umgang mit den Hemmungen geht (Die fünf Hemmungen, Post vom Vortag), ist die Schaffung und Aufrechterhaltung von Veränderungsmöglichkeit. Daß das Christentum die Hemmungen als »Laster« bezeichnet (ich kümmere mich jetzt nicht um die Übersetzungsproblematik), ist unglücklich. Ich habe mir auch wohlüberlegt den Begriff der Hemmung für meine beiden Texte gewählt, obwohl »Hindernis« ebenfalls möglich gewesen wäre.
Bei den fünf Hemmungen (und damit sind ebenfalls die sieben christlichen Laster gemeint) wird der Bereich fundamentaler Persönlichkeitsanteile berührt. Ein Umgang mit diesen Hemmungen erfordert Fingerspitzengefühl, Einfühlungsvermögen, Gelassenheit und Sympathie. 
Als Psychotherapeut bin ich davon überzeugt, daß Veränderungen in diesem Bereich zwei wichtige Gegebenheiten zur Voraussetzung haben:
1. ein Gegenüber und
2. dessen wohlwollendes Verstehen

Ich nenne diese Voraussetzungsqualität den »liebevollen Blick«, da dessen Abwesenheit in der Bewältigung bestimmter kindlicher Problemkonstellationen Ursache für die Ausformung des Charakters der Person war. Was zur Folge hat, daß der Erwachsene Verantwortung übernehmen muß für eine Charakterstruktur, für die er primär keine Verantwortung hat, da sie ihm in der Kindheit die einzige zur Verfügung stehende Umgangsmöglichkeit für etwas war, das er anders nicht zu bewältigen imstande gewesen wäre.


Grundvoraussetzung für Veränderungen in diesem Bereich ist also ein wohlwollendes Verstehen für eine Ausformung des Charakters, unter dessen seelischen Prozessen die Person zwar einerseits leidet, mit denen sie sich aber identifiziert. Jeglicher Umgang mit dem, was verändert werden soll, hat aber dessen (verstehende und wohlwollende) Anerkennung zur Voraussetzung.


Zitieren wir Freud:

Der Patient muß den Mut erwerben, seine Aufmerksamkeit mit den Erscheinungen der Krankheit zu beschäftigen. Die Krankheit selbst darf ihm nichts Verächtliches mehr sein, vielmehr ein würdiger Gegner werden, ein Stück seines Wesens, das sich auf gute Motive stützt, aus dem es Wertvolles für sein späteres Leben zu holen gilt. Die Versöhnung mit dem Verdrängten, welches sich in den Symptomen äußert, wird so von Anfang an vorbereitet, aber es wird auch eine gewisse Toleranz fürs Kranksein eingeräumt. 
(zitiert in Mark Epstein, Gedanken ohne den Denker, Kap. 1, Hungergeister, Post, 09.04.2008)

Nehmen wir zum Beispiel die Hemmung, die »Aufgewühltheit« genannt wird. Ich nenne sie lieber »Reagibilität«, womit ich ausdrücken will, daß die Person leicht auf bestimmte Außenreize »anspringt«. Natürlich fehlt dieser Person Gelassenheit. Dieses Wissen aber genügt für das Verstehen der inneren Zwangslage der Person nicht. (Weswegen ich glaube, daß das Meditieren auf einen geistigen Zustand des Gelassen-Seins alleine nicht genügt bzw. nicht genügend stabil ist.) Wichtig ist die Erkenntnis, daß die betreffende Person – ohne daß es ihr notwendigerweise bewußt ist – eine unerträglich große Furcht vor den (in der Kindheit erlebten und jetzt in der Gegenwart phantasierten) Konsequenzen ihres Nicht-Reagierens fühlt (, was in den meisten Fällen verdrängt wird und erst ins Bewußtsein geholt werden muß) und mit ihrem ständigen »Anspringen« diese Furcht (vor der Reaktion anderer auf ihr Nicht-Reagieren) in Schach hält.


Diese Furcht muß zuerst in der Beziehung mit einem wohlwollenden und verstehenden Gegenüber erlebt werden können, damit als allererstes die Person in ihrem Gegenüber wahrnehmen kann, daß ihr Gegenüber diese Furcht auszuhalten imstande ist. In dieser – nicht zwingend therapeutischen – Beziehung kann die betreffende Person nun erleben, daß ihr Gegenüber eine außerordentlich unangenehme – und oft mit Scham besetzte – Gefühlslage auszuhalten imstande ist. Und dieses Erleben ist die Voraussetzung dafür, daß die Person diese unangenehme Gefühlsqualität nun selbst aushalten kann. Das Aushalten-Können wiederum ist die Voraussetzung für die notwendige Distanzierung: dadurch wird das Gefühl nicht mehr als dermaßen bedrängend erlebt.


Ich habe mich der Einfachheit halber auf die vierte Hemmung beschränkt, gehe aber davon aus, daß das Schema der Veränderungsvoraussetzung auf die anderen Hemmnisse in gleicher Weise zutrifft. Ich habe den Begriff der Hemmung gewählt, um einen innerseelischen Prozeß anzudeuten, der zuerst einmal subjektiv als dem Ich zugehörig und als eine Form von Gehemmtheit erlebt wird. Der Begriff des Hindernisses würde etwas als von außen Gekommenes beschreiben, was aus der Sicht der betreffenden Person aber zuerst einmal als aus sich selbst kommend erlebt wird.


Meine Ausführungen führen zum Schluß, daß größere oder längerdauernde Schwierigkeiten in diesen Bereichen therapeutischer Begleitung bedürfen.


Zitat aus Die 5 Hindernisse (Pagode Phật Huệ):

Die rastlose Person soll lernen, alles so zu akzeptieren, wie es ist und mit wenig zufrieden zu sein. Dadurch kann sie sich davon befreien, ständig nach Fehlern suchen zu müssen. Wenn sich Genügsamkeit einstellt, kann sie auch noch am Geringsten ihre Freude zu haben. Da nicht das „mehr und mehr“ Glückseeligkeit verschafft, ist es wichtig, die Dankbarkeit in jedem Augenblick der Gegenwart zu spüren (4). Rastlose müssen strenge Disziplin entwickeln und ihr Leben ordnen (5).

Das erscheint mir recht uneinfühlsam und auch kaum umzusetzen, und ich habe meine Zweifel, ob diese Anweisungen zum gewünschten Ziel führen. Wenn Buddha selbst davon spricht, weltliche Begierden auszuschalten oder Trägheit auszumerzen (wieder kümmere ich mich nicht um die Übersetzung), benutzt er Begriffe, die für den Umgang mit problematischen Charakterzügen kontraproduktiv sind und mit Vorsicht und Zurückhaltung »neu übersetzt« werden sollten.

Während die westliche Psychotherapie in puncto Achtsamkeit sehr viel vom Zen lernen kann, kann umgekehrt das psychoanalytische Wissen um die Bedingtheiten charakterlicher Ausformungen für den Zen-Weg hilfreich sein.



Mein zweiter Kritikpunkt ist die früher von mir immer wieder bewunderte Stufenorganisation der Persönlichkeitsentwicklung, sehr eindrucksvoll dargestellt in den Bildresümees des Buddhismus (Hans Gruber, Buddha heute). Ich glaube heute nicht mehr, daß das so funktioniert.



Nehmen wir als sehr vereinfachtes Beispiel die Organisation des Farbkreises: Wenn ich bei Rot (im Uhrzeigersinn) beginne, werde ich erst, wenn ich weit im Blau bin, ein halbwegs sicheres Gefühl dafür haben, daß ich mich fortbewegt habe. Die recht mechanistische Beschreibung des Entwicklungsweges der Persönlichkeit mag zwar für den Anfänger verlockend und für denjenigen, der auf dem Weg schon weiter fortgeschritten ist, nachvollziehbar sein, für denjenigen, der sich auf dem Weg befindet, ist diese stufenartige Beschreibung wenig hilfreich, aus meiner Sicht sogar eher ein Hindernis. Ich rate also allen an ihrer Entwicklung Arbeitenden, sich um solche Modelle nicht groß zu kümmern.


Alles, was ich beschrieben und kritisiert habe, wurde von Menschen gemacht. Die Tatsache, daß sie es gut gemeint haben, bedeutet nicht, daß die Wahl ihrer Sprache oder ihrer Modelle automatisch hilfreich ist, bedeutet auch keinen prinzipiellen Makel der betreffenden Weltanschauung oder Religion, da auch diese von Menschen gemacht, interpretiert und in eine sprachliche Form gebracht werden. Auch diese Konzepte – wie auch die meinigen – sind immer nur Konzepte. Sie dürfen nicht mit der Realität verwechselt werden…