Mittwoch, 30. Dezember 2015

PTSD in der Bundeswehr

Der Kampfeinsatz in Afghanistan ist zu Ende, die Folgen für die Soldaten bleiben: So viele Neuerkrankungen wie in diesem Jahr hat die Bundeswehr noch nie registriert. Die Zahl traumatisierter Soldaten steigt weiter, auch wenn der Kampfeinsatz der Bundeswehr in Afghanistan offiziell beendet ist. Bis Ende September 2015 registrierte die Bundeswehr 178 neue Patienten mit Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) und damit 17 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Damit dürfte die Zahl der Neuerkrankungen in diesem Jahr einen neuen Höchststand erreichen. Im vergangenen Jahr waren mit 204 Neuerkrankungen mehr als je zuvor registriert worden. Dreiviertel der traumatisierten Soldaten sind in Afghanistan erkrankt. Dort kämpfte die Bundeswehr vor allem in den Jahren 2010 und 2012 in teils stundenlangen Gefechten gegen die radikalislamischen Taliban. Vor einem Jahr endete der Kampfauftrag, Soldaten sind allerdings immer noch im Land: Zur Ausbildung und Betreuung afghanischer Sicherheitskräfte bleibt die Bundeswehr dort stationiert. Posttraumatische Belastungsstörungen können sich erst Jahre nach der Rückkehr aus einem Einsatz bemerkbar machen – zum Beispiel in Form von Albträumen oder Angstzuständen. Daher ist der Anstieg im vergangenen Jahr nicht überraschend.
mehr:
- Bundeswehr: Zahl traumatisierter Soldaten erreicht neuen Höchststand (ZEIT Online, 30.12.2015, man beachte auch die Kommentare)
Ich gebe Ihnen in allem Recht, nur wenn Sie schreiben, dass nur sich selbst reflektierende Soldaten traumatisiert werden, liegen Sie falsch.

Die Hirne werden dann traumatisiert, wenn das Hirn merkt, dass etwas sehr wichtiges passiert, aber es die Vorgänge nicht mehr richtig intellektuell und gefühlsmäßig einsortieren kann. Das kann auch bei einem Verkehrsunfall passieren. Früher haben Soldaten diese Situation automatisch dadurch zu vermeiden gesucht, dass sie im Schützengraben liegend konsequent an ihren menschlichen Zielen vorbei geschossen haben. https://www.google.de/search?q=Soldaten+schieszen+absichtlich+vorbei

Heutige Soldaten stehen unter ubiquitärer Beobachtung. Wenn ein Oberst Klein vor einer schweren Entscheidung steht, wird er sogar eher noch die riskantere Entscheidung treffen. Schon die Entscheidung verletzt die Seele.

Es werden aber auch Soldaten traumatisiert, wenn sie z. B. in Hinterhalte laufen oder durch Bombenfallen getroffen werden, wenn die Situation ausweglos wird, weglaufen unmöglich ist, das Blut die Kleider, den Boden und alles Denken durchtränkt und das Innerste des Mensch aufschreit: Das alles ist unbegreiflich falsch!

Unbegreiflich! Falsch!
 (Bernd Debander, Kommentar, 30.12.2015)

siehe auch:
- Das posttraumatische Stress-Syndrom (Post, 25.02.2015)
- Philip Zimbardo: The psychology of evil (Post, 11.05.2015)

Krank vom Krieg - Traumatisierte Bundeswehrsoldaten (Doku HD) [14:06]

Veröffentlicht am 13.03.2015
Christian Papajewski war zwölf Jahre bei der Bundeswehr. Vier Einsätze in Afghanistan hat er mitgemacht. Alles war gut, bis er vor einem Jahr merkte, dass ihm immer wieder Bilder von schrecklichen Erlebnissen in den Kopf kommen. Autofahrten machen ihn nervös, in Menschenmengen gerät er in Panik, seine Dauerkarte für Schalke hat er zurückgegeben. Heute ist er krankgeschrieben und wird therapiert. Wie viele andere Soldaten leidet er unter einem Trauma.

Stevie Wonder and Sting - Fragile (Live) with Lyrics - A Message of Peace… [3:59]   Text (Sting.com)   Übersetzung   Interpretation (Analysis of Sting's "Fragile", "And So It Begins", 22.08.2011)

Veröffentlicht am 15.05.2015
Sting with Stevie Wonder - "Fragile" (From Sting's 60th birthday celebration, 10/1/11 at the Beacon Theater in NYC) Sting and Stevie Wonder with Dominic Miller (gtr), David Sancious (kbs), Christian McBride (bass), Vinnie Colaiuta (dms) and Rhani Krija (perc)

siehe auch:
- Posttraumatische Belastungsstörungen bei Bundeswehrsoldaten (Post, 11.02.2015)
- Die Sünden der Väter 1 (Post, 19.01.2014)
- Kriegszitterer (27.09.2012)
- Stigma – das »Sahnehäubchen« auf dem Trauma (Post, 15.12.2015)

Dienstag, 29. Dezember 2015

Wenn Eltern und Kinder ehrlich zueinander wären

Stellen Sie sich vor, Sie könnten Ihren Kindern einfach alles erzählen, was Sie sonst vor ihnen verheimlichen. Denn so ganz unter uns: Sie sagen ihnen doch oftmals nur einen Teil der Wahrheit. Oder legen sich diese so zurecht, dass Sie kein schlechtes Gewissen haben müssen. Das ist natürlich richtig so, denn Kinder müssen erst eigene Erfahrungen machen, bevor sie "Erwachsenendinge" überhaupt verstehen können. Aber was wäre, wenn Sie alles loswerden könnten? Dann würde es vielleicht wie in diesem Kurzfilm ablaufen.

The Talk (2015) [8:34]
WARNING: Not for young children unless you want an awkward talk with them.
There comes a time in every parent's life when the harsh reality hits -- their child is growing up. And with that realization comes an event, a moment, faced with fear and trepidation, when said parent takes time from their busy day to have a special chat with their child, a talk if you will. And as with all parenting moments when dads are in charge, it goes horribly, horribly wrong.
The comedic slice-of-life short THE TALK is about such a parenting moment mishap. Starring the immensely talented JOHN HOOGENAKKER (Public Enemies, Empire) and lovable rising star ISABELLA CROVETTI-CRAMP (Joy, Colony) it is a cautionary tale of the pitfalls of parenting -- of epic proportions -- and reminds us that life is not always as it seems.
MAKE SURE TO WATCH IN 1080p.
imdb.com/title/tt4862096/
STARRING
John Hoogenakker
Isabella Crovetti-Cramp
Directed by: Joe Otting
Written by: David I. Jenkins
Produced by: Joe Otting & Aaron Cooley
Music by: Nathan Furst
Cinematography by: Jeff Stonehouse
Production Design by: Merje Veske & Ermanno Di Febi-Orsini
Casting by: Mickie Paskal & Adrienne Stern

mehr:
- Wenn Eltern und Kinder ehrlich zueinander wären (Dobromila Walasek, ZEIT-Blog, 29.12.2015)


Montag, 28. Dezember 2015

Führungskräfte : "Manipulation kann für Führungskräfte hilfreich sein"

Führungskräfte manipulieren ständig, sagt die Psychologin Suzanne Grieger-Langer. Doch das hat wenig mit verdeckten Absichten zu tun. 

ZEIT ONLINE: Frau Grieger-Langer, Sie haben sich intensiv mit Manipulation beschäftigt. Was genau ist Manipulation eigentlich? 
Suzanne Grieger-Langer: Was viele nicht wissen: Der Begriff kommt eigentlich aus der Medizin – genauer gesagt der Chirurgie. Er setzt sich aus den lateinischen Wörtern manus (die Hand) und plere (füllen) zusammen und heißt etwa so viel wie: etwas in der Hand haben. Heute wird unter Manipulation so etwas wie gezielte oder auch verdeckte Einflussnahme verstanden. Das heißt, die Manipulation zielt auf das Erleben und Verhalten von Menschen ab, will das aber so gut wie möglich verbergen. Von der negativen Manipulation eines Menschen spricht man, wenn der Effekt nicht zu seinem Vorteil, sondern zu seinem Nachteil führt. Allerdings kann Manipulation auch positiv oder neutral sein. Das kommt sogar sehr oft im Alltag vor. 
ZEIT ONLINE: Geben Sie mal ein Beispiel. 
Grieger-Langer: Jeder Kinotrailer, jede Werbung zum Beispiel manipuliert, denn sie sind so gestaltet, dass die Zuschauer anschließend den Film sehen wollen oder die Kunden das Produkt kaufen möchten. Damit haben die wenigsten Menschen ein Problem.
mehr:
- Führungskräfte : "Manipulation kann für Führungskräfte hilfreich sein" (Sabine Hockling, Interview, ZEIT Online, 28.12.2015)

Suzanne Grieger Langer - Die 7 Säulen der Macht [1:02:53]
Veröffentlicht am 16.06.2015
Übrigens:
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Weitere interessante Infos zum Interview, wie Shownotes und die MP3 als Download gibt es auf unserer Seite:  http://trainerpersoenlichkeiten.de/su...

Beschreibung des Interviews:
Im heutigen Interview geht es um Macht, innere Macht. Welche Einstellungen und Persönlichkeitsmerkmale sollte ich entwickelt haben um für Führungsaufgaben zu taugen? Darüber spreche ich mit Wirtschaftsprofiler Suzanne Grieger-Langer. Ja Du hast richtig gelesen: Profiler. Meist kennt man Profiler nur aus den kriminalistischen Zusammenhängen wenn Morde und Verbrechen geschehen. Oder eben aus dem Fernsehen von TV Serien wie Criminal Minds oder CSI Miami und Co.

Dort werden die Profiler eingesetzt, um psychologische Profile von möglichen Straftätern zu erstellen und diese so schneller dingfest zu machen. Suzanne Grieger-Langer macht das in der Wirtschaft und erstellt dort Profile für neue mögliche Vorstände, Geschäftsführer oder Führungskräfte. Dementsprechend hat sie sich viel beschäftigt damit, welche Persönlichkeitsmerkmale richtig gute Führungskräfte mitbringen sollten. Wir besprechen alle 7 Säulen der Macht ausführlich. Es wird gehen um Standfestigkeit, Leidenschaft, Selbst-Kontrolle, Ethik und einiges mehr.

Wer sein eigenes inneres Machtpotential erweitern will, der sollte sich das Modell mit den 7 Säulen der Macht unbedingt einmal ansehen. Profiler verfügen schon über Kenntnisse und Fähigkeiten die einzigartig sind und es lohnt sich von ihnen zu lernen. Viel Spaß dabei ...

Über den Experten:
Suzanne Grieger-Langer ist Wirtschaftsprofilerin und spezialisiert auf den erfolgreichen und verantwortungsvollen Umgang mit Macht. Ihre Kompetenzspannweite umfasst Profiling, Psychotherapie und Nachrichtendienstpsychologie.

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Suzanne Grieger-Langer, Wirtschafts Profiler, Lehrbeauftragte und Autorin: 007 statt 08/15! [1:00:45]

Veröffentlicht am 16.10.2014
Externe Keynote beim DSAG-Jahreskongress am 16. Oktober 2014 in Leipzig:

Nichts ist sicher! Märkte brechen weg, Kunden wandern ab, Leistungsträger werden abgeworben. Führung heute ist Führung in der Unsicherheit! Das Unplanbare planen, Unentscheidbares unterscheiden, Unwägbarkeiten analysieren, mit Unkalkulierbarem umgehen ... Unerwartetes, Unvorhergesehenes, Ungewisses managen – Leben wir zu Unzeiten? Nein, wir sehen der Realität ins Auge. Es war schon immer so. Doch heutzutage ist es schneller, größer und gewaltiger: `Business ist Krieg`, lautet ein japanisches Sprichwort, und manchmal fühlt es sich auch genauso an.

Für das führen in Grenzsituationen erfahren Sie von Profiler Suzanne Grieger-Langer erprobte Strategien aus den Nachrichtendiensten für Krisen-, Change und Katastrophen-Management. Werfen Sie überholte Mainstream-Strategienüber Board und finden Sie Sicherheit in sich und Ihren Fähigkeiten. Das garantiert das Überleben in riskanten Märkten und die Eroberung von Neuland. Gehen Sie als Sieger aus dem Wandel! Lernen Sie von FBI, BND und MI6 für Ihren Managementalltag: Erfahren Sie von der Einsatz-Instruktorin Suzanne Grieger-Langer, was auch für Sie, Ihr Unternehmen und Ihre Karriere das Überlebenswichtige und damit Richtige ist.

Suzanne Grieger-Langer ist Profiler. Die Erkennung von persönlichen Potenzialen, wie auch die Erkennung von Betrug, sind ihr tägliches Geschäft- Die Spezialistin für die Stärkung von Persönlichkeiten instruiert seit über zwanzig Jahren Agenten wie auch Entscheider in Wirtschaft und Wissenschaft. Sie ist dozentin und Lehrbeauftragte der renommiertesten Wirtschaftshochschulen Europas. Dort lehrt sie für die Fakultäten Wirtschaftswissenschaften und Gouvernance evolutionäre wie revolutionäre Führung, Betrugsprophylaxe und Profiling. Für die Frankfurt School of Finance ans Management entwickelte sie den studiengang `Certified Profiler´. Die von ihr entwickelte Formula Infiltration gilt als Meilenstein der Betrugserkennung. Mit ihrem internationalen Team von Profilern ist sie in der Lage, Charakterprofile auf dem Niveau des psychogenetischen Codes zu erstellen. Mit dieser Kompetenzbreite und –tiefe ist sie Europas unangefochtene Profilingexpertin!

Montag, 21. Dezember 2015

Eine Psychoanalyse der Kirche – Die Wunde, die man nicht heilen kann

Mit den Mitteln der Psychoanalyse geht der Psychotherapeut und Theologe Dieter Funke den Ursachen des sexuellen Missbrauchs im Umkreis der katholischen Kirche nach. Seiner Meinung nach stehen Traumatisierungen schon am Anfang des Christentums. Sie führten zur Abspaltung von Sex und Sinnlichkeit und erheben die »Heilige Familie«, die makellose Jungfrau und den asexuellen Kleriker zum Ideal. Doch damit werde auch die sexuelle Gewalt begünstigt...
mehr:
- Eine Psychoanalyse der Kirche – Die Wunde, die nicht heilen kann (Dieter Funke, connection-Archiv, August 2014?)
Der Grund für die Verteufelung und Abspaltung des Sexuellen liegt darin, dass Trieb und Sexualität das Ideal des unbefleckten Klerikerkörpers bedrohen. Diesem kollektiven Klerikerideal liegen vergessene und verdrängte Traumatisierungen an den Wurzeln des Christentums zugrunde. Zu nennen ist hier vor allem die theologische Konstruktion der »Heiligen Familie«, die als traumatisierendes Beziehungsmodell Pate steht: Der Vater ist nicht der richtige Vater und kein sexueller Partner der Mutter. Die Mutter ist keine richtige Frau, sondern Jungfrau. Der Sohn wird auf diese Weise seiner Kind-Position beraubt und gerät zum Ersatzpartner der Mutter. Dieser wird von der Mutter zum besseren Partner gemacht, er sitzt auf Vaters Platz.

Solche Beziehungsmodelle sind geprägt von ständiger Rivalität und Machtkämpfen, von Größenfantasien und depressiven Schuldgefühlen, von Entwertungen und Idealisierungen, wie sie sich in der biblischen Konstruktion der Heiligen Familie wiederfinden. Jesus wird zum Partner von Maria, indem der Vater ausgeschlossen und das Kind sexualisiert wird. Das gibt Jesus das großartige Auserwähltheitsgefühl, wie es für Kinder typisch ist, die als Ersatzpartner missbraucht wurden. Gleichzeitig löst dies in ihm tiefe Schuldgefühle aus, die durch die Unterwerfung unter den Willen des Vaters bewältigt werden und worin der spätere christliche Masochismus der Leidensunterwerfung begründet liegt. Unterwerfungsbereitschaft (»unter die Schmach des Kreuzes«) und Überlegenheitsgefühle (Jesus wird an die Stelle des Vaters gesetzt) sind die Folgen der Funktionalisierung als Ersatzpartner.

Diese Feststellung ist keine moralische und hat nichts mit Schuld zu tun, sondern mit Verletzungen. In den biblischen Texten und den Erzählungen der Frömmigkeitsgeschichte wird eine traumatisierte Familie beschrieben: Die Geburt Jesu findet in der Heimatlosigkeit statt, dann folgen Flucht und Morddrohung. Die Eltern sind überfordert. Natürlich hat sich Jesus als Kompensation für diese Traumatisierungen nicht selbst an die Stelle Gottvaters gesetzt. Diese Sicht der Evangelien und der ersten nachchristlichen Jahrhunderte mit ihren Konzilien ist vielmehr das Konstrukt einer Gruppe von Jesus-Anhängern, die selbst schweren Verfolgungen und Entbehrungen ausgesetzt waren.
siehe auch:
- Funke, Dieter: Ich – Eine Illusion? Bewusstseinskonzepte in Psychoanalyse, Mystik und Neurowissenschaften (Rezension von Gotthard Fuchs, Christ in der Gegenwart, 28/2014)
- Vom Zauber in anderer Leute Häuser zu schauen (Hannelore Hippe, Deutschlandfunk, SWR3, 2013, PDF)
- Zum Verhältnis von Psychotherapie und Religion (Carsten Kießwetter, Tag des Herrn Online, Archiv, 19/1999, 16.05.1999)
Im Zuge der gesellschaftlichen Differenzierung habe sich aus der kirchlichen Sorge um die Seelen eine weltliche Seelen-Heilkunde entwickelt. So bezeichne sich die Allgemeine Ortskrankenkasse AOK neuerdings als "Gesundheitskasse", also als eine Organisation, die für das gesamte Heil der Menschen zuständig sei

Für die Seelsorge stellte Pater Funke einen gravierenden Verlust an Wissen im Umgang mit der seelischen Wirklichkeit des Menschen fest. Die Seelsorge kümmere sich, oft in Unkenntnis der seelischen Wirklichkeit des Menschen, nur noch um deren abstraktes Seelenheil. Die konfliktlösende Kraft der Religion im Hinblick auf Grundfragen des Lebens wie Liebe und Haß, Schuld und Vergebung, Abschied und Neubeginn, Leben und Sterben könnte bestenfalls als moralisches Pflichtgebot, nicht aber als psychisches und damit vormoralische Verordnung erfahren werden. […]

Die Psychotherapie übernimmt, so Funke, die Aufgabe, seelisch leidende Menschen aus ihren Fixierungen und ihren Lebenseinschränkungen herauszuführen. Dieser Prozeß geschehe mittels Kommunikation. Psychotherapie wolle dem Leidenden helfen, seinem Leid auf den Grund zu gehen, es tiefer zu verstehen. Diesem Vorgang, der das Heilen an Einsicht in Wahrheit bindet, wohne eine religiöse Dimension inne. Das Bewußtwerden der inneren Wirklichkeit, des wahren Selbst, sei oft mit einem tiefen Erschrecken, "einem heiligen Schaudern", wie Funke es nennt, verbunden. Das Verdrängte hat dem Leidenden die Freiheit für eine kreative Lebensführung genommen. Im Falle einer gelungenen Psychotherapie werde es ihm möglich aufzuhören, sich von Illusionen über die Wirklichkeit hinwegtäuschen zu lassen. Die Psychotherapie werde in der modernen Gesellschaft deshalb zunehmend zum Ort authentischen Lebens. Sie werde deshalb zur Ersatzreligion, da die Religion offensichtlich nicht mehr gesellschaftlich angenommen wird. Deshalb vermittele die Psychotherapie mittlerweile Erfahrungen, die ursprünglich in der Religion und im Christentum zu Hause waren […]

Der Mensch benötige einen Raum, in dem nichts "exkommuniziert" werde und der in gewisser Weise vormoralisch sei. Dieser vormoralische Raum, der die Liturgie kennzeichne, sei durch die Doktrinalisierung und Objektivierung des Glaubens heimat- und ortlos geworden. Deshalb vermittle die Psychotherapie heute Erfahrungen, die früher die Religion vermittelt habe. Im vormoralischen Raum, was nicht bedeute, daß Religion keine moralische Kompetenz mehr haben solle, müsse wieder eine "unzensierte Lebenserlaubnis" möglich sein. Für die Pastoral bedeute dies, die "vorsprachliche Dimension" des Menschen wieder ernster zu nehmen als bisher. Da das Unbewußte des Menschen ein bedeutender Faktor sei, sollte die Pastoral Orte anbieten, an denen der Mensch "ganz" er selbst sein könne […]

denn gegenüber einer idealistischen Vorstellung von Ganzheit und Glück der Moderne sei das Menschenbild der Theologie viel realistischer. Menschliches Dasein stehe bei ihr unter dem Vorzeichen der Gebrochenheit menschlicher Existenz, die niemals aufzuheben sei. Leben sei bei ihr immer konflikthaftes und durchkreuztes Leben. In der Psychotherapie stehe der Konflikt für die Gebrochenheit des Menschen, in der christlichen Religion das Kreuz. Diese Gebrochenheit religiös oder psychotherapeutisch aufheben zu wollen, komme einer Illusion gleich, stellte Pater Funke zusammenfassend fest. Dies aufzuklären sei gleichermaßen die Aufgabe von Religion und Psychotherapie
- Religion und Gewalt bei den Kindern Abrahams (Wolf Schneider, 12.01.2015)
Die drei gewalttätigsten Religionen der Erde beziehen sich alle drei auf Stammvater Abraham, der dafür geehrt wird, dass er fast seinen eigenen Sohn abgemurkst hätte, weil ihm in einer Vision ein Phantom erschien, welches das verlangte. Kein Wunder, dass diese drei Religionen gewalttätig sind! Wir sollten lieber Väter und Mütter ehren, die ihren Kindern niemals sowas antun würden, egal welche Visionen sie haben.

Sonntag, 20. Dezember 2015

Erziehung: »Mythos Überforderung«

Kolumne: Stadt, Land, Flucht. Ballett, Judo, Yoga – viele Paare projizieren ihre eigenen Hobbies auf ihr Kind, aus dem sie kleine Super-Talente züchten wollen. Der Kinderpsychiater Michael Winterhoff warnt davor und diagnostiziert bei den Eltern einen „Mythos Überforderung“

Diese Leichtigkeit, mit der die Tänzerin im Video über das Parkett schwebt, der Rhythmus, ihr Ausdruck. Ständig sehe ich Menschen im Internet, die singen, steppen, die Dinge können, die ich auch können möchte. Aber ich werde es nicht mehr schaffen. Nicht in diesem Leben. Neuerdings schiebt sich in diesen Momenten meine sechsjährige Tochter vor mein inneres Auge. Sie tanzt Ballett, wie ich es in diesem Leben nicht mehr lernen werde. Das Tutu sieht an ihr viel besser aus als an mir. Vielleicht lernt sie Gitarre? Yoga? Beginnend in diesem frühen Alter könnte aus ihr ein zweiter Swami Sivananda werden. Was ich mir nicht alles vorstellen kann, beim Winken dieser trügerischen Hoffnung: Könnte sie vielleicht das Talent, den Ehrgeiz, die Bauchmuskeln entwickeln, die ich nie haben werde?

mehr:
- Wenn Kinder die Träume ihrer Eltern verwirklichen sollen (Marie Amrhein, Cicero, 20.12.2015)
Aber da gibt es ja noch die Kinder, die es nach dem Willen vieler Eltern "einmal besser haben" sollen. Genauer lautet der Auftrag an die Kinder: Sie sollen es nicht besser haben, sondern sie sollen alles besser machen! So sind viele Kinder gleichzeitig auch Kinder der Verheißung, die ein schweres, eigentlich unerfüllbares Erbe mit auf den Lebensweg bekommen, an dem sie scheitern. (Überanstrengte Kinder der Versöhnung, Wolfgang Scherf, Zarte Sehnsucht, süßes Hoffen, S. 5, Word-Dokument, Download ganz unten auf der Seite)

Samstag, 19. Dezember 2015

Psychoanalyse und Politik: Das Unbehagen für kritische Aufklärung nutzen

Ein historischer Abriss über das ambivalente Verhältnis der Psychoanalytiker zu Gesellschaft und Politik 

Psychoanalyse hat, ob sie es will oder nicht, von vornherein mit Politik zu tun. Das weiß die Politik oft besser als die Psychoanalyse. So dulden Diktaturen nirgends auf der Welt Psychoanalyse, da sie ihr Verlangen nach gefügigen Untertanen gefährden könnte. Auch in Demokratien wirken sich politische Einflüsse restriktiv aus. Die Menschen sollen sich mit Sozialabbau, viele mit Arbeitslosigkeit, beschwerdenfrei zurechtfinden, die Umbrüche und Unverlässlichkeiten der modernen Ökonomie sollen sie mit robuster psychischer Flexibilität bewältigen. Wenn Jugendliche mit negativen Zukunftserwartungen nachweislich vermehrt psychosomatische Beschwerden äußern, so soll Psychotherapie helfen, diese Beschwerden wegzubringen. Diese selbst wird nach dem Druck des Kosten-Nutzen-Prinzips bewertet. Sie soll mit geringstem Zeitaufwand maximale Gesundheit produzieren, das heißt Unauffälligkeit und im arbeitsfähigen Alter hohe Leistungsfähigkeit. Der aus der Betriebswirtschaftslehre entlehnte Begriff der Effizienz ist das entscheidende Kriterium. Letztlich geht es um die Brauchbarkeit und die Handhabbarkeit des Menschen.
Psychoanalytiker können sich diesen Zwängen, wie sie es zum Teil auch tun, gefügig anpassen und die Bedeutung dieser Selbsteinschränkung verleugnen. Aber sie bezahlen solches Nachgeben insbesondere, wenn sie es nicht reflektieren, mit Einbußen an sozialer Potenz, an Kreativität sowie mit Rigidisierung ihrer eigenen Strukturen. Die Geschichte der Psychoanalyse stellt diese Problematik anschaulich dar: In der ersten Generation waren die Psychoanalytiker voller Entdeckungsfreude. Mit dem von Sigmund Freud revidierten Menschenbild drangen sie offensiv in viele gesellschaftliche Bereiche ein. Sie beeinflussten die Kindererziehung, die Schulpädagogik, die Heimpflege und die Kriminologie. In der Reformbewegung der Jugend setzte Siegfried Bernfeld entscheidende Akzente. Manche sahen in sozialistischen Projekten eine sinnvolle Ergänzung der individuellen Therapie.
mehr:
- Psychoanalyse und Politik: Das Unbehagen für kritische Aufklärung nutzen (Horst-Eberhard Richter, Ärzteblatt, Juni 2004, Hervorhebungen von mir)

siehe auch:
- Psychoanalyse als „Wissenschaft des Unbewussten“ im ersten Jahrhundert der IPA (Marianne Leuzinger-Bohleber, 2010, PDF)
- Ist Freud heute noch relevant? (Christine Dierks, scienceORF, 19.01.2006)
- Wie ich zur Psychoanalyse kam Von Bruno Bettelheim / Aus dem Essay-Band "Themen meines Lebens" (Bruno Bettelheim, SPON, 01.03.1990)
- Psychoanalyse, Marxismus, Sexualreform – Wilhelm Reichs Zeit in Berlin und der Weg zur Massenpsychologie des Faschismus (Andreas Peglau auf Bernd Senfs Seite, PDF)
- Die Angst vor George W. Bush und die Angst von George W. Bush (Thomas Auchter, Aachener Friedenspreismagazin, 2007, PDF, Hervorhebungen von mir)
Bush setzt sich an die Spitze der Bewegung gegen den Terror. Er erklärt sich zum Oberbefehlshaber der Kreuzritter gegen das Böse. Der erschreckte, verängstigte und verwundete Verlierer vom 11. September verwandelt sich kontraphobisch in einen scheinbar siegessicheren Kriegsherrn, der den Terrorismus der ganzen Welt bis in seine Wurzeln ausrotten will. Dabei ist dann im Laufe der Zeit immer weniger zu unterscheiden, gegen wen dieser Kampf eigentlich geführt wird, gegen den äußeren Schrecken (des Terrorismus, vor allem verkörpert in Osama bin Laden und später Saddam Hussein) oder gegen seine inneren Ängste? Der Hintergrund dieser, seiner persönlichen Ängste wird gleich aus meinen Ausführungen über Bushs Lebensgeschichte deutlicher werden. […]

In der Regierung Bush zählt nicht die Moral, „es zählt allein die Loyalität“, schreibt der französische Journalist Eric Laurent (2003, S. 204; Frank 2004, S. 69) - denn Solidarität und Loyalität reduzieren die Ängste des Präsidenten. „Faktisch die gesamte Regierungsmannschaft lebt anscheinend in einem geschlossenen und unantastbaren Universum“ (Laurent 2003, S. 204). „Es gibt keine Differenzierungen mehr, nur noch ‘pro’ oder ‘contra’“ (Laurent 2003, S. 205). „Ich glaube, daß wir uns in den USA in einer prätotalitären Situation befinden“, stellt der Schriftsteller Norman Mailer (2003, S. 100) fest. „Demokratie und Sicherheit sind nämlich Feinde“ (Mailer 2003, S. 101). Der französische Politikwissenschaftler Emmanuel Todd (2003, S. 32ff.) konstatiert einen „unaufhaltsamen und unglückverheißenden Weg: den der Oligarchie“ anstelle und unter dem Deckmäntelchen der Demokratie. Nämlich: „Daß das [amerikanische] Imperium von einer unanständig reichen Oberschicht abhängt“ (Mailer 2003, S. 65). Der amerikanische Politikwissenschaftler Chalmers Johnson (2003) spricht für den aktuellen Zustand vom „Selbstmord der amerikanischen Demokratie“, der Journalist Mark Hertsgaard (2002, 169ff.) von der „Tragödie der amerikanischen Demokratie“.

In West Point erklärt Präsident Bush am 1. Juni 2002, die USA hätten das Recht, jede Regierung zu stürzen, die eine Gefahr für ihre Sicherheit darstellen könnte. „Wir müssen... gegen die größten Bedrohungen bereits vorgehen, bevor sie entstehen“ (zit. n. Johnson 2003, S. 391; kursiv T.A.). Der „einzige Weg zu Frieden und Sicherheit ist der des aktiven Handelns“ (zit. n. Johnson 2003, S. 391), also Prävention. In der Nationalen Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten vom 20. September 2002 heißt es in der Präambel: „daß es nur ein einziges dauerhaftes Modell für den Erfolg einer Nation gäbe“, nämlich das amerikanische, das „für alle Menschen in allen Gesellschaften richtig und wahrhaftig ist (zit. n. Johnson 2003, S. 392; kursiv T.A.). 5

Der amerikanische Politikwissenschaftler Chalmers Johnson (2003, S. 392) folgert daraus: „Durch ihre Vorgehensweise werden die USA gerade jene Gefahren heraufbeschwören, die sie angeblich bannen wollen“ (3).

mein Kommentar:
Ich kann ohne jede Übertreibung sagen, daß ich einen Patienten, der eine solche Äußerung mit einer solch absoluten Heils-Gewißheit (siehe die Zitate aus der Nationalen Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten) tun würde, für zumindest präpsychotisch halten würde.


Mittwoch, 16. Dezember 2015

Homosexualität: »Lebensläufe wie meiner sollten sich nicht wiederholen.«

Sein Rücken schmerzt, das Gehen fällt ihm zunehmend schwer, Manfred Bruns bewegt sich nur noch mit vorsichtigen Schritten durch seine Wohnung. Vor dem Fenster liegt ein Buch über die richtige Art zu trauern, auf der Kommode stehen auf einer Häkeldecke Fotos seiner Enkelkinder. Rentneralltag in Karlsruhe.

Aber der frühere Bundesanwalt will sich nicht beschweren. "Ich habe ja das Glück gehabt, dass mein Leben auf das Ende hin immer besser geworden ist", sagt Bruns. Er wohnt jetzt seit 23 Jahren mit seinem Partner zusammen. "Es waren die glücklichsten Jahre meines Lebens." Und er hält gute Kontakte zu seiner Frau, die er vor mehr als 50 Jahren geheiratet hat - Anfang der Achtzigerjahre hat er ihr von seiner Homosexualität erzählt. "Ich habe ja auch noch das Glück, dass ich mit meiner Familie im besten Einvernehmen lebe."

Wer wen heiraten darf - oder eben nicht, diese Frage ist für Bruns zum Lebensthema geworden. Seit bald 30 Jahren kämpft er für die Rechte homosexueller Paare, damit sich Schicksale wie seines nicht in jeder Generation wiederholen: die Unsicherheit und die Ängste, die Verletzungen und Brüche, die er als Heranwachsender erlebte, als Familienvater und in seinem Job als Bundesanwalt.

mehr:
- Kampf für die Homo-Ehe "Das wollen wir auch" (Frank Hornig, SPON, 15.12.2015)

Verfolgung Homosexueller in Deutschland:

Veröffentlicht am 05.06.2014
05.06.2014 - 20 Jahre ist der Bundesanwalt Manfred Bruns mit einer Frau verheiratet, obwohl er schwul ist. Doch irgendwann hält Bruns es nicht mehr aus. Mit über 50 Jahren beginnt er ein neues Leben. 05.06.2014 - 20 Jahre ist der Bundesanwalt Manfred Bruns mit einer Frau verheiratet, obwohl er schwul ist. Doch irgendwann hält Bruns es nicht mehr aus. Mit über 50 Jahren beginnt er ein neues Leben. 05.06.2014 - 20 Jahre ist der Bundesanwalt Manfred Bruns mit einer Frau verheiratet, obwohl er schwul ist. Doch irgendwann hält Bruns es nicht mehr aus. Mit über 50 Jahren beginnt er ein neues Leben.
Verfolgung Homosexueller in Deutschland:
Verfolgung Homosexueller in Deutschland:
Verfolgung Homosexueller in Deutschland:

Multimediaspezial §175,
Fünf Jahre später rechtfertigte 1962 der unter Konrad Adenauer vorgelegte Regierungsentwurf eines Strafgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland[19] – entgegen dem Vorschlag der Großen Strafrechtskommission von 1959 (wo Vertreter von CDU/CSU selten anwesend waren)[20] – die Aufrechterhaltung des § 175 wie folgt:
„Vor allem stände auch für die Homosexuellen nichts im Wege, ihre nähere Umgebung durch Zusammenleben in eheähnlichen Verhältnissen zu belästigen.[21] […] Ausgeprägter als in anderen Bereichen hat die Rechtsordnung gegenüber der männlichen Homosexualität die Aufgabe, durch die sittenbildende Kraft des Strafgesetzes einen Damm gegen die Ausbreitung eines lasterhaften Treibens zu errichten, das, wenn es um sich griffe, eine schwere Gefahr für eine gesunde und natürliche Lebensordnung im Volke bedeuten würde.“[22]
und meinte weiterhin:
„Die von interessierten Kreisen in den letzten Jahrzehnten wiederholt aufgestellte Behauptung, dass es sich bei dem gleichgeschlechtlichen Verkehr um einen natürlichen und deshalb nicht anstößigen Trieb handele, kann nur als Zweckbehauptung zurückgewiesen werden. […] Wo die gleichgeschlechtliche Unzucht um sich gegriffen und großen Umfang angenommen hat, war die Entartung des Volkes und der Verfall seiner sittlichen Kraft die Folge.“[23] (§ 175, Entwicklung in der alten Bundesrepublik, Wikipedia)