Dienstag, 14. Oktober 2014

Übung ist nicht nur Sitzen

Einmal wurde Buddha gefragt, warum seine Mönche einen so heiteren und strahlenden Ausdruck hätten. Er antwortete: „Sie klagen nicht über die Vergangenheit, noch trachten sie nach Dingen in der Zukunft. Statt dessen bleiben sie standhaft“ – so die entscheidende Redewendung –, „ganz gleich, was geschieht. Deshalb sind sie heiter und gelassen.“ Er sprach hier nicht nur über die Sitzpraxis. Er sprach darüber, wie sich die Mönche den ganzen Tag lang verhielten. Im Ânâpânasati – der Methode des totalen Gewahrseins beim Atmen – machen wir bewußtes Atmen zu einem Teil unserer Übung, die sich über den ganzen Tag erstreckt.
Der häufig zu hörende Einwand (vor allem in der modernen Welt), daß niemand genug Zeit für die Meditationspraxis hat, enthält ein grundsätzliches Mißverständnis. Damit meinen die Leute, daß sie keine Zeit zum Sitzen haben, was wahr sein mag oder nicht. Sie denken so, weil sie den wahren Wert des Sitzens noch nicht erkannt haben. Haben sie ihn erst einmal erkannt, dann ist es sehr viel wahrscheinlicher, daß sie auch die Zeit dafür finden.
Aber Übung ist nicht nur Sitzen und hat nichts damit zu tun, Zeit zu finden. Übung bezieht sich auf jeden Augenblick unseres Lebens. Wo immer Sie sind, mit welchen Umständen Sie auch konfrontiert sind, was immer Ihr Bewußtseinszustand ist, es ist ein perfekter Moment, um zu üben. Wie der Zen-Meister Dôgen schrieb: „Wenn Sie Soheit verwirklichen wollen, dann sollten Sie ohne Aufschub Soheit praktizieren.“
Mein erster buddhistischer Lehrer, der Zen-Meister Seung Sahn, machte mich mit dieser Art von Praxis vertraut. Wenn wir in der Meditationshalle saßen, wies er uns an, uns hundertprozentig dem Sitzen hinzugeben. Wenn das Sitzen beendet war und es Zeit war, das Geschirr abzuwaschen, wurden wir aufgefordert, diese Tätigkeit auf die gleiche Weise zu verrichten. Wir sollten derartige Aktivitäten in unserem Geist nicht trennen. Statt dessen sollten wir unser Leben wie ein nahtloses Gewebe betrachten.

Ich will nicht den Eindruck erwecken, daß das Sitzen nichts Besonderes ist. Es ist eine Gelegenheit, zu der wir mit Absicht unsere Verpflichtungen begrenzen, so daß wir ganz bei uns sein können, so wie wir sind. Wir unterhalten uns nicht, wir essen und arbeiten nicht. Wir gebrauchen unseren Körper nicht, um irgendwohin zu gehen oder um etwas zu tun. Selbst das Denken wird von seinem hohen Sockel gestürzt und nur als ein, weiteres Phänomen betrachtet, über das wir keine Kontrolle haben. Wir sitzen einfach und lernen uns kennen, wie wir sind.

aus Larry Rosenberg, Mit jedem Atemzug, S. 226 f.

»Es geht darum, die Meditation zu verlassen, ohne die Meditation zu verlassen« Aus tiefem Leiden entsteht tiefes Mitgefühl, Franz Johannes Litsch , Das internationale Netzwerk engagierter Buddhisten)

Freitag, 10. Oktober 2014

Frühpädagogik – Eltern, schützt eure Kinder!

„Die Kindheit ist unantastbar“, schreibt Kinderarzt Herbert Renz-Polster in seinem neuen Buch. Er formuliert eine eindringliche Mahnung an uns Eltern 

Mehr früher lernen: Kinder werden mehr und mehr 
als Humankapital betrachtet
 Ihr Lebenstempo zieht langsam an: Krippenplatz vom 11. Monat an, Kindergarten bis in die späten Nachmittagsstunden, nachmittags zum Reiten, seit kurzem noch Ballett, nun rät die Schulleiterin zur Einschulung mit fünf Jahren. Und ist es nicht schon längst Zeit für ein Instrument? 

 Kinder müssen träumen, frei spielen, nicht zu viel vor dem Computer hocken, auf Bäume klettern und im Dreck wühlen. Ich weiß das schon. Theoretisch. Praktisch beobachte ich auch an mir eine Tendenz, mein Kind gemäß heutiger Gesellschaftsstrukturen zu überfordern.
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Samstag, 4. Oktober 2014

Wegschauen und weglesen

Wie lässt sich der tägliche Schrecken des Weltgeschehens ertragen? Kontext hat den Freiburger Psychoanalytiker Tilmann Moser gebeten, sich dazu Gedanken zu machen. Sein Ratschlag: Er dosiert die Informationen, um nicht daran zu ersticken. 
Wegschauen und weglesen: Goethe hat die Seelenruhe des Spießers auch in der damaligen Zeit von Kriegen und Katastrophen unnachahmlich im "Faust" in Worte gefasst: "Wenn hinten, weit, in der Türkei die Völker aufeinander schlagen ..." Das war die scheinbare Lösung, um sich damit abzufinden, wie geschützt sich viele Zeitgenossen fühlten in ihrer Bierruhe. Es kam noch hinzu, dass alle Nachrichten nur mit unterschiedlich großer Verzögerung in die Öffentlichkeit drangen, höchstens von fantasiereichen Zeichnungen oder Stichen untermalt. Das schonende Filter war also groß.
Heute stürzt uns alles von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute ins Haus, in vielen Fällen durch die aktuelle Fernsehberichterstattung vom Ort des Geschehens aus quasi zeitgleich, und wenn wir nicht sofort ausschalten, sind wir den Bildern ausgeliefert, auch wenn sie dadurch oft schon redaktionell "aufbereitet" erscheinen. Wer es nicht für sich selbst dosieren lernt, erliegt der Überschwemmung. 
Was dagegen tun?
mehr:
- Wegschauen und weglesen (Tilmann Moser, Kontext, 01.10.2014)

Dienstag, 30. September 2014

Festanstellung und Heiratspläne

USA: Die männliche Zielgruppe der Frauen, die sich solide Eheverhältnisse wünschen, wird kleiner 

Worin auch immer sie sich begründen, die Erwartungen, die Frauen und Männer an eine feste Beziehung stellen, fallen recht unterschiedlich aus. Wie sehr in dieses empfindliche Feld auch Arbeitnehmerpolitik hineingrätscht, zeigt sich den amerikanischen Frauen am Schwund der Menge an Männern, die für eine Heirat infrage kommt.
mehr: 
- Festanstellung und Heiratspläne (Telepolis, 30.09.2014)

Samstag, 27. September 2014

Wer hat recht?


Jetzt stelle man sich Teilnehmer an dieser Auseinandersetzung 35 Jahre älter vor und stelle sich weiterhin vor, daß es um einen Vorfall in der Familie oder in der Partnerschaft geht. 

Groschen gefallen?

Egal, ob es sich um ein Streitgespräch handelt, in welchem sich kleine Kinder auf die Definition von Mama berufen oder um Erwachsene, die sich auf ihr Interpretationssystem des Geschehenen berufen, egal, ob es sich um Streitigkeiten in einem Paar- oder Familiensystem oder um Streitigkeiten zwischen politischen oder weltanschaulichen Systemen handelt, es ist immer das Gleiche: der andere mit seinem Interpretationssystem wird zum Gegner, da er den Absolutheitsanspruch des eigenen Interpretationssystems infrage stellt. Und je gefährlicher der Verlust der absoluten Gültigkeit des eigenen Interpretationssystems ist, desto mehr wird der andere zum Feind.

Und je emotional aufgeladener diese Streitsituation ist, desto mehr wird sie zur Gefahr für die Identität der Beteiligten.


Der 52jährige Giordano Bruno wurde 1600 auf dem Campo de’ Fiori
verbrannt, da er die Gottessohnschaft Jesu bestritt, das Universum für
unendlich hielt und glaubte, es gäbe eine unendliche Anzahl von Welten.
Bruno reagierte auf das Urteil mit seinem berühmt gewordenen Satz: „Mit größerer Furcht verkündet Ihr vielleicht das Urteil gegen mich, als ich es entgegennehme“ („Maiori forsan cum timore sententiam in me fertis quam ego accipiam“). [Giordano Bruno, Wikipedia]

Flugblatt des Nationalsozialistischen Studentenbundes, 
das 1933 zur Bücherverbrennung verbreitet wurde [Feuilleton Frankfurt, 10.05.2008]

10. Mai 1933 - Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz [1:15]

Veröffentlicht am 23.04.2013 
10. Mai 1933 - NS-Propagandaminister Joseph Goebbels hält eine Rede zur Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz. Es ist der Auftakt zur Ausgrenzung von jüdischen und oppositionellen Schriftstellerinnen und Schriftstellern in Deutschland, wobei auch Werke gänzlich unpolitischer und bereits verstorbener Autoren Opfer der Flammen wurden. Betroffen waren u. a. die Brüder Thomas und Heinrich Mann, Sigmund Freud, Carl von Ossietzky und Bertold Brecht, aber auch der Kinderbuchautor Erich Kästner und der Dichter Heinrich Heine. Goebbels´ Aufruf, alles überspitzt Intellektuelle aus dem deutschen Kulturleben zu verbannen, wurde unter den Augen von Schaulustigen durch SA-Leute und Korpsstudenten in die Tat umgesetzt. Die Parole „Wider den undeutschen Geist" bedeutete jedoch mehr als nur eine Orgie der Gewalt am Scheiterhaufen. Sie belegte die Betroffenen mit einem Berufsverbot, führte zu einer restlosen Entfernung ihrer Werke aus allen öffentlichen Bibliotheken und trieb einen Großteil von ihnen in die Emigration.
Dieser Film enstand im Rahmen einer Kooperation mit dem Berliner Online-Archiv für audiovisuelle Zeitgeschichte www.history-vision.de | www.facebook.com/historyvision


“4. Rufer: Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften des Sigmund Freud.” [Birgit Ebbert, Sigmund Freud, Bücherverbrennung 1933 => Feuersprüche]
- Geistige Barbarei (FU Berlin, 19.04.2008)

In Wien soll Sigmund Freud geäußert haben, es sei doch ein Fortschritt gegenüber dem Mittelalter, daß man nur die Bücher und nicht die Autoren verbrannt habe. [Die Intellektuellen und die Politik in Rattner, Danzer, Politik und Psychoanalyse S. 113 ]



Dienstag, 23. September 2014

Entscheidung zum Glücklichsein

Torten backen oder Tortendiagramme erstellen? Maren Krüger weiß, was sich besser anfühlt. Die 37-jährige gelernte Online-Konzepterin hat vor einigen Monaten eine Ausbildung zur Konditorin begonnen. Auf die Frage, warum sie den sicheren Bürojob gegen einen Neuanfang mit offenem Ende getauscht hat, sagt sie schlicht: „Man hat nur dieses eine Leben, um herauszufinden, was man wirklich gut kann.“
Zehn Jahre lang war Maren Krüger in ihrem gelernten Beruf tätig, bevor es bei ihr „Klick“ machte – scheinbar ohne Grund. Denn im Büro lief alles gut, das Gehalt stimmte und die Sicherheit auch. Was man von außen nicht sehen konnte: Es fehlte schon immer die Leidenschaft, der glühende Funke, der aus einem „Job“ eine befriedigende Aufgabe macht. Und da war das Gefühl: „In mir schlummert noch was anderes.“ Aber was?
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Montag, 22. September 2014

Übungen zum bewussten Atmen

Das Wunder 
des bewussten Atmens – 
die sechzehn Übungen

Die Entfaltung unserer Konzentration und die Beobachtung all dessen, was existiert, lassen uns zur Befreiung gelangen, zur Freiheit von allem Gebundensein. An was aber sind wir gebunden, und was verhindert, dass wir frei sein können? 

Hier ist zunächst unsere Neigung zu nennen, immer wieder in Unachtsamkeit zurückzufallen und unser Gewahrsein für das, was geschieht, zu verlieren. 

Wir leben, als wären wir in einem Traum. Wir werden in die Vergangenheit zurückgeworfen und in die Zukunft hineingezerrt. Unser Kummer ist es, der uns fesselt; unser Festhalten an Wut, Angst und Unruhe macht uns unfrei. »Befreiung« bedeutet hier, dass wir darüber hinausgelangen, dass wir diese Bedingungen hinter uns lassen, um vollkommen wach, voller Freude und Lebendigkeit, entspannt und in Frieden zu leben. Gelingt es uns, so zu leben, haben wir die Chance zu erfahren, dass das Leben wirklich lebenswert ist; dann sind wir für unsere Familie und für alle Menschen, die mit uns verbunden sind, eine stete Quelle der Freude. Im Buddhismus wird oft über »Befreiung« gesprochen; darunter haben wir eine Befreiung zu verstehen, in der wir über alles hinausgehen und Leben und Tod hinter uns lassen. Zumeist fühlen wir uns doch durch den Tod bedroht. Wie viel Unruhe und Furcht rühren von der Angst vor dem Tod her! Meditation kann uns helfen, uns von den Fesseln dieser Angst zu befreien. 

Im Folgenden möchte ich die Übungen, durch die wir das Sutra des Bewussten Atmens in die Praxis umsetzen können, näher erläutern. In Übereinstimmung mit Geist und Stil des Sutra sind auch meine Darlegungen einfach und schlicht. Sucht euch bitte jeweils die Übungen aus, die euch in eurer gegenwärtigen Situation angemessen erscheinen, und übt sie als erste. Obgleich die sechzehn Übungen des bewussten Atmens sehr eng miteinander verbunden sind, entspricht ihre Reihenfolge im Sutra nicht einem Aufbau, der notwendigerweise von einfach zu schwer verläuft. 

Jede Übung ist genauso wunderbar, genauso leicht oder genauso schwer wie jede andere. Man kann jedoch sagen, dass die einführenden Anweisungen größeren Nachdruck legen auf die Entfaltung unserer Konzentration, auf die unzerstreute Gerichtetheit unseres Geistes, und in den darauf folgenden Übungen eher die Bedeutung des Tiefen Schauens betont wird, obwohl natürlich unzerstreute Gerichtetheit und Tiefes Schauen gar nicht voneinander getrennt werden können. Ist unser Geist unzerstreut auf ein Objekt gerichtet, so findet Tiefes Schauen mehr oder weniger bereits statt, und schauen wir tief, dann ist auch unser Geist bereits unzerstreut gerichtet. 

Die Objekte der Achtsamkeit, die im Folgenden vorgestellt werden, können in sieben Bereiche untergliedert werden: 

1. Dem Atem folgen im täglichen Leben – die Umwandlung von Unachtsamkeit und unnötigem Denken (Übungen 1-2)

2. Die achtsame Wahrnehmung des Körpers (Übung 3)

3. Die Erkenntnis der Einheit von Körper und Geist (Übung 4)

4. Uns selbst nähren mit der Freude der Meditation (Übungen 5-6)

5. Das Beobachten der Gefühle, um sie zu beleuchten (Übungen 7-8)

6. Fürsorge und Befreiung für den Geist (Übungen 9-12)

7. Das Beobachten aller Phänomene, um ihre wahre Natur zu erhellen (Übungen 13-16)

Für uns alle ist es wichtig zu wissen, wie man dem Atem im täglichen Leben folgen kann und wie man sich mit der Freude der Meditation nährt. Daher sollten wir bei jeder Sitzmeditation mit den Methoden beginnen, die diese Aspekte zu entfalten helfen (Bereich 1 und 4). 

Jedes Mal, wenn wir spüren, dass wir verärgert, zerstreut und unruhig sind, empfiehlt es sich, unsere Gefühle zu beobachten, um sie genauer zu beleuchten (5. Bereich). 

Das Beobachten aller Phänomene, um ihre wahre Natur zu durchleuchten (7. Bereich), ist das Tor, das zur Befreiung von Leben und Tod führt. Alle, die großes Verstehen erlangen wollen, müssen dieses Tor passieren. Dieser Bereich ist das größte Geschenk, das der Buddha uns gegeben hat. In den ersten sechs Bereichen geht es sowohl um die unzerstreute Gerichtetheit unseres Geistes als auch um die Beobachtung; im siebten Bereich liegt die Betonung auf der Beobachtung. Auf diesen Bereich sollten wir uns erst dann einlassen, wenn wir ein äußerst stabiles Konzentrationsvermögen entwickelt haben. 




Der erste Bereich der Achtsamkeit 

Dem Atem folgen im täglichen Leben die Umwandlung von Unachtsamkeit und unnötigem Denken (Übungen 1-2) 

Ich atme ein und weiß, dass ich einatme. Ich atme aus und weiß, dass ich ausatme. 
1. Bei langem Einatmen weiß ich: »Ich atme lang ein.« Bei langem Ausatmen weiß ich: »Ich atme lang aus.« 
2. Bei kurzem Einatmen weiß ich: »Ich atme kurz ein«. Bei kurzem Ausatmen weiß ich: »Ich atme kurz aus.« 

Die meisten Leserinnen und Leser dieses Buches werden nicht in einem Kloster leben oder als Einsiedler unter Bäumen mitten im Wald. In unserem Alltag fahren wir Auto, warten auf den Bus, arbeiten in einer Fabrik oder in einem Büro, telefonieren, putzen, kochen, waschen usw. Daher ist es von großer Wichtigkeit, dass wir lernen, das bewusste, achtsame Atmen in unserem ganz alltäglichen Leben zu üben und beizubehalten. Normalerweise wandern unsere Gedanken umher, wenn wir mit den zuvor genannten Dingen beschäftigt sind. Ihnen folgen dicht hinterher Gefühle von Freude, Kummer, Wut und Unruhe. Wir sind zwar lebendig, sind aber nicht in der Lage, mit unserem Geist im gegenwärtigen Moment zu bleiben, und so leben wir in Unachtsamkeit. 

Um wirklich im gegenwärtigen Moment zu leben, müssen wir Achtsamkeit entwickeln für das, was in uns und um uns geschieht. Wir beginnen damit, unseren Atem bewusst wahrzunehmen, indem wir ihm aufmerksam folgen. Wenn wir ein- und ausatmen, wissen wir, dass wir ein- und ausatmen; an unserem Lächeln zeigt sich, dass wir ganz gegenwärtig, ganz wir selbst sind und Kontrolle über uns haben. Durch die Achtsamkeit auf den Atem können wir im und zum gegenwärtigen Moment erwachen. Wenn wir atmen und dem Atem aufmerksam folgen, halten wir inne und sammeln den Geist. Das Atmen voller Achtsamkeit hilft unserem Geist, nicht mehr ständig in einer verworrenen Gedankenwelt, einem niemals endenden Gedankenfluss umherzuirren. 

Es fällt uns nicht schwer, die üblichen täglichen Aufgaben zu verrichten und dabei gleichzeitig unserem Atem zu folgen, wie es die Anweisungen in diesem Sutra vorsehen. Erfordert unsere Arbeit besondere Aufmerksamkeit, um Komplikationen oder Unfälle zu vermeiden, so können wir das achtsame, bewusste Atmen mit der Achtsamkeit auf das, was wir gerade tun, vereinen. Wenn wir zum Beispiel einen Topf kochendes Wasser transportieren oder Elektroarbeiten verrichten, können wir jede Bewegung unserer Hände bewusst wahrnehmen; diese Bewusstheit nähren und unterstützen wir durch achtsames Atmen: »Ich atme aus und nehme meine Hände wahr, die einen Topf kochendes Wasser tragen.« Oder: »Ich atme ein und nehme meine rechte Hand wahr, die ein elektrisches Kabel hält.« Oder auch: »Ich atme ein und nehme wahr, dass ich gerade ein anderes Auto überhole. Ich atme aus und weiß, dass ich die Situation unter Kontrolle habe.« Das sind Möglichkeiten der Übung. Es reicht jedoch nicht aus, die Achtsamkeit auf den Atem nur mit einer Tätigkeit zu verbinden, die sehr viel Aufmerksamkeit von uns fordert. Wir können die Achtsamkeit auf dem Atem damit verbinden, unsere Achtsamkeit auf alle Bewegungen des Körpers zu richten. »Ich atme ein und setze mich hin.« »Ich atme ein und wische den Tisch ab.« »Ich atme ein und lächle mir zu.« »Ich atme ein und heize den Ofen.« 

Wir haben in unserer Meditationsübung einen großen Schritt nach vorn gemacht, wenn wir in der Lage sind zu verhindern, dass unser Geist in den endlosen Strom assoziativer, wahlloser Gedankenfolgen eintaucht, dass er sich darin verliert; so leben wir unser Leben achtsam und wach. Diesen Schritt können wir verwirklichen, indem wir unserem Atem folgen und gleichzeitig die Achtsamkeit auf unsere alltäglichen Aktivitäten lenken. 

Es gibt Menschen, die in ihrem ganzen Leben weder Frieden noch Freude kennen lernen, die sogar krank oder verrückt werden, nur weil sie unnützes Denken nicht abstellen können. Schließlich greifen sie zu Beruhigungsmitteln, um überhaupt schlafen zu können; damit, so hoffen sie, haben sie für eine Weile Ruhe. Aber selbst im Traum werden sie noch von ihren Ängsten, Beklemmungen und Sorgen verfolgt. Wenn wir zu viel denken, kann das zu Kopfschmerzen führen, und unser Geist leidet darunter. 

Dadurch, dass wir unserem Atem folgen und unser bewusstes Atmen mit der achtsamen Wahrnehmung unserer alltäglichen Aktivitäten verbinden, kommt der Strom störender Gedanken allmählich zur Ruhe, und wir können das Licht des Verstehens anzünden. Es ist wundervoll, jedes Einatmen, jedes Ausatmen bewusst wahrzunehmen, und jeder Mensch kann sich darin üben. 

Das achtsame Atmen mit der achtsamen Wahrnehmung der Bewegungen des Körpers im Alltag zu verbinden ob wir gehen, stehen, liegen, sitzen oder arbeiten, das ist eine grundlegende Meditationsübung, um Konzentration zu entwickeln und in einem Zustand des Erwachens zu leben. Auch in der Sitzmeditation können wir zunächst unserem Atem einige Minuten lang folgen, bis er ruhig, gleichmäßig und harmonisch geworden ist; dies können wir natürlich auch die gesamte Phase des Sitzens über tun, wenn es uns nötig erscheint. 

Bei langem Einatmen weiß ich: »Ich atme lang ein.« Bei langem Ausatmen weiß ich: »Ich atme lang aus.« 

Bei kurzem Einatmen weiß ich: »Ich atme kurz ein.« Bei kurzem Ausatmen weiß ich: »Ich atme kurz aus.« 

Zu Beginn ist unser Atem gewöhnlich erst einmal recht kurz, aber im Laufe unserer Übungen wird der Atem langsamer und tiefer. Bei diesen beiden Übungen geht es darum zu wissen, ob der Atem kurz oder lang ist. Nun ist es nicht so, dass wir absichtlich unseren Atem verlängern, also etwa sagen: »Jetzt atme ich lang ein.« Vielmehr sagen wir: »Ich atme ein und weiß, dass ich lang (oder kurz) einatme.« Wir stellen ganz einfach fest, wann wir ein- und wann wir ausatmen. Die längeren Sätze wie »Ich atme ein und weiß, dass ich einatme« und »Ich atme aus und weiß, dass ich ausatme« können wir auf die Kurzformel bringen: »Ein, Aus«. Während wir ein- und ausatmen, um unsere Konzentration zu stärken, sprechen wir leise jeweils diese beiden Worte. 

Während wir also fortfahren, unserem Atem zu folgen, stellen wir seine Eigenschaft fest wie folgt: »Ich weiß, dass ich einatme, und ich weiß, dass es ein kurzer Atemzug ist.« Wenn er kurz ist, ist das völlig in Ordnung; macht ihn keinesfalls länger. Dies nennen wir »reine Wahrnehmung«. Genauso verhält es sich mit einem schmerzvollen Gefühl. Zunächst stellen wir es einfach fest. Ist dein Atem schnell, so nimm einfach wahr: »Er ist schnell.« Ist er langsam, so nimm wahr: »Er ist langsam.« Nimm wahr, wenn er unregelmäßig ist oder wenn er regelmäßig verläuft. Zu Anfang ist unser Atem vielleicht noch unregelmäßig, was sich nach einigen Minuten der Übung ändern kann; dann wird er ganz sanft und gleichmäßig und verschafft uns ein Gefühl von Friedfertigkeit und Freude. Keinesfalls forcieren wir den Atem, weder in Richtung Tiefe noch Langsamkeit. Erst durch fortgesetzte Übung wird unser Atem allmählich tief und langsam, dies geschieht ganz natürlich. Stellen wir einen tiefen, langsamen Atemfluss fest, so können wir beim Einatmen sagen: »tief« und beim Ausatmen: »langsam.« So gewinnen wir bereits mit den beiden ersten Übungen Freude an der Meditation, und nun können wir sie auch mit anderen Menschen teilen, mit unserer Familie, mit Freundinnen und Freunden. Dazu müssen wir nicht erst Meditationslehrerin oder -lehrer werden. 
aus Thich Nhat Hanh, Das Wunder des bewussten Atmens, Theseus, S. 42ff.