Freitag, 14. Februar 2020

Über die Notwendigkeit des Übens – noch in Arbeit…

    Die internationale Konferenz brachte vom 4. bis 5.12.2014 Wissenschaftler/innen aus Philosophie und Geisteswissenschaften, Kultur- und Geschichts- sowie Sozialwissenschaften zusammen. In 12 Panelvorträgen, einem öffentlichen Abendvortrag und jeweils anschließenden Diskussionen mit zusätzlich geladenen Experten wurden Wiederholungshandlungen mit Übungscharakter, von denen Texte und ethnographisches Bildmaterial aus dem euroasiatischen Raum zeugen, auf Prozesse der Generierung, des Transfers und des Wandels von Wissen befragt. 

    Im Zentrum der Tagung standen philosophische und religiöse Kontexte der Vormoderne, in denen Übung einen bestimmten – inner- oder außerweltlichen, diesseits- oder jenseitsbezogenen – Zweck erfüllt und jeweils mit einem spezifischen Geltungsanspruch versehen ist. Ziel war es, dem Zusammenhang von Übung und Wissen in diesen Kontexten auf den Grund zu gehen. Dabei sollte zum einen ermittelt werden, inwiefern Wissen in ihnen grundsätzlich mit Übung und Kompeten‐ zen, die sich nicht in der Kenntnis von Propositionen erschöpfen, verknüpft ist. Zum anderen wurde nach Prozessen der Stabilisierung und/oder Veränderung gefragt, die Wissen bei seinem Transfer durchläuft.
mehr:
- Übungswissen in Religion und Philosophie: Produktion, Weitergabe, Wandel (Almut-Barbara Renger/Alexandra Stellmacher, Forschungsprojekt C02 „Askese in Bewegung. Formen und Transfer von Übungswissen in Antike und Spätantike“, Sonderforschungsbereich (SFB) 980 „Episteme in Bewegung. Wissenstransfer von der Alten Welt bi, 04.12.2014–05.12.2014, h-net.org, März 2015)

Für das wahre Lebensglück kommt es auf eine Seelenstimmung an, die den äußeren Lebensverhältnissen, wie sie uns das Schicksal, sei es gewährt, sei es auferlegt, keinen entscheidenden Einfluss einräumt. Eben darin besteht das Geheimnis wahrer Lebenskunst, daß man sich von des Schicksals Launen unabhängig zu machen weiß. In diesem Sinne wird von Seneca eine ganze Reihe von Definitionen der Glückseligkeit vorgeführt, die darin übereinstimmen, daß Sinnengenuß kein wahres Glück gewähre, daß vielmehr nur die gesunde Vernunft zur Grundlage dieses Glückes tauge. Ihr allein gebührt die Herrschaft, wenn sich auch ein großes Maß von Lust ihr zugesellen kann, ohne etwa unentbehrlich zu sein. Verträgt sich doch die Lust auch mit dem schändlichsten Leben. Ein solches Leben ist aber nichts weniger als naturgemäß. Nur das naturgemäßeLeben ist ein wahrhaft glückliches Leben; die Voraussetzung desselben ist aber die erlangte Seelenruhe. 
c. 3-8.

Epikur gehört nicht zu den unbedingten Lobrednern der Lust in dem Sinne, als sei Tugend und Lust dasselbe. Er fordert für die Lust Naturgemäßheit, wie es die Historiker für die Tugend tun. Aber der Lust jagt doch jeder nach seinem besonderen Geschmack nach; sie geht ins Maßlose und Unbegrenzte, während die Tugend begrenzt ist. Hingabe an die Lust als an das oberste Ziel führt zum Verlust der Freiheit; die Lust kann sich nicht losmachen von dem Reiz des Äußerlichen; sie ist nicht auf sich selbst gestellt wie die Tugend. 
c. 12-15. 
aus: Seneca, Vom glücklichen Leben – Von der Kürze des Lebens, Nikol Verlagsgesellschaft, Hamburg 2019, S. 9f.
[Hervorhebungen von mir]
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Lucius Annaeus Seneca, genannt Seneca der Jüngere (* etwa im Jahre 1 in Corduba; † 65 n. Chr. in der Nähe Roms), war ein römischer PhilosophDramatikerNaturforscher, Politiker und als Stoiker einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit. Seine Reden, die ihn bekannt gemacht hatten, sind verloren gegangen.

Wenngleich er in seinen philosophischen Schriften Verzicht und Zurückhaltung empfahl, gehörte Seneca zu den reichsten und mächtigsten Männern seiner Zeit. Vom Jahr 49 an war er der maßgebliche Erzieher bzw. Berater des späteren Kaisers Nero. Wohl um diesen auf seine künftigen Aufgaben vorzubereiten, verfasste er eine Denkschrift darüber, warum es weise sei, als Herrscher Milde walten zu lassen (De clementia). Im Jahre 55 bekleidete Seneca ein Suffektkonsulat. Sein Agieren als Politiker stand teils im Widerspruch zu den von ihm in seinen philosophischen Schriften vertretenen ethischen Grundsätzen, was ihm bereits bei Zeitgenossen Kritik eintrug.

Senecas Bemühen, Nero in seinem Sinne zu beeinflussen, war kein dauerhafter Erfolg beschieden. Zuletzt beschuldigte ihn der Kaiser der Beteiligung an der Pisonischen Verschwörung und befahl ihm die Selbsttötung. Diesem Befehl kam Seneca notgedrungen nach.
[Seneca, Wikipedia, abgerufen am 14.02.2020]
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höre dazu auch:


 
Quelle: Übungssache? - Gelassenheit (WDR 5, Das philosophische Radio, 06.07.2018 – Link funktioniert leider nicht mehr!)


Von der These ausgehend, dass sich Menschen, kulturübergreifend, in der Entfaltung ihrer geistigen Fähigkeiten üben, um so ihre Persönlichkeit zu entwickeln oder das eigene Verhalten besser steuern zu können, beschrieb [Roland Kipke] Prozesse der intentionalen kognitiven Selbstveränderung, die auf beständiger Übung basieren. Aus ihnen resultiere ein Wissen, das, neben den anzuwendenden Methoden, weltanschauliche Hintergründe des Übenden sowie ein Wissen um den persönlichen und gesellschaftlichen Wert der eigenen Bemühungen umfasse. Kipke schloss mit einem Plädoyer für vertiefende Studien zum Zusammenhang von Übung und Selbstveränderung: Das komplexe Phänomen der Selbstformung, für das es bis dato keine verbindliche Fachterminologie gebe (Foucault spricht z.B. von „Selbstsorge“), sei unzureichend theoretisch-systematisch erforscht, obwohl die Auseinandersetzung mit ihm für zahlreiche wissenschaftliche Disziplinen, nicht zuletzt die Religionswissenschaft, von besonderer Relevanz sei.

Dass Wissen schon in den ersten Hochkulturen der Menschheitsgeschichte fundamental an Übung gebunden war, zeigte EVA CANCIK-KIRSCHBAUM (Berlin) in ihrem Beitrag zur Systematik und Didaktik der Grundausbildung in Mesopotamien. Wissen wurde hier von Schriftkundigen weitergegeben, deren Ausbildung im Rahmen eines curricularen Unterrichts stattfand. Anhand der Auswertung einer Keilinschrift von 2000 v. Chr. legte Cancik-Kirschbaum dar, wie sich der Unterricht im Tafelhaus gestaltete. Die Grundausbildung war einheitlich. Sie begann im Alter von fünf Jahren und war in vier Übungsphasen eingeteilt (1. Zeichen: Wiederholtes Üben von bestimmten Bewegungen beim Einkeilen; 2. Silben: Repetitionen von Silben; 3. Wörter: Erlernen von Synonymen, Antonymen etc. durch Übung an bestimmten Begriffen; 4. Sätze: Auseinandersetzung mit Sätzen als Inhaltsträgern; Ausbildung an größeren Texten). Der damit verbundene Lernprozess auf praktischer wie theoretischer Ebene bestand in einem Transfer von Kompetenzen wie Lesen und Schreiben, der maßgeblich von der iterativ-wiederholenden Einübung eines Lesekanons und der performativ-mimetischen Aneignung der (hiermit verbundenen) Wissensbestände bestimmt war.

MICHAEL ERLER (Würzburg) eröffnete die Reihe dreier Vorträge zur griechischen Philosophie, in der Übungen unabdingbare Voraussetzung von Erkenntnisprozessen waren. Erler verortete Platons Übungsbegriff im Horizont der hellenistischen Philosophie. Bei Epiktet sei Philosophie Hilfsmittel gegen Irritationen im Leben und Übung der Versuch, entsprechendes Wissen durch Lektüre von Texten gleichsam zu habitualisieren. In ähnlicher Weise seien auch Platons Dialoge als eine Übungshilfe zu verstehen, die zum Selbststudium überlieferter Wissensbestände anregen soll: Nur durch iteratives Durchdringen dieser Wissensbestände könne die doxa festgebunden und zur episteme werden. Anders als bei Epiktet seien jedoch für Platon Texte nicht geeignet, Fragen zu beantworten (vgl. Phaidros), wogegen bei Epiktet philosophische Übung erst durch deren iterative Aneignung möglich sei. Ein anderer wichtiger Unterschied zwischen den beiden Auffassungen liege darin, dass bei Epiktet (so wie später bei Mark Aurel) das Üben auf den menschlichen Adressaten, bei Platon hingegen auf das unsterbliche rationale Selbst ausgerichtet sei (z.B. Timaios 90a-c; Menon 70a und 75a).

[Almut-Barbara Renger / Alexandra Stellmacher, Review-Symposium zu Richard J. Evans: Das europäische Jahrhundert. Ein Kontinent im Umbruch 1815–1914, Forschungsprojekt C02 „Askese in Bewegung. Formen und Transfer von Übungswissen in Antike und Spätantike“, Sonderforschungsbereich (SFB) 980 „Episteme in Bewegung. Wissenstransfer von der Alten Welt bis in die Frühe Neuzeit“, Freie Universität Berlin, H|Soz|Kult, Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften, 05.12.2014]



Die neuere Diskussion um eine Ethik, die die menschliche Existenz nicht primär unter dem Gesichtspunkt von zu begründenden und zu befolgenden Regeln und Normen stellt, sondern sie zunächst in ihrer Offenheit und Formbarkeit auffaßt, verdankt wesentliche Impulse den späten Arbeiten von Foucault, der den Begriff "Ästhetik der Existenz" prägte (Foucault 1989, Bd. 3: 55-93). Menschliches Existieren wird dabei in Analogie zur Formung eines Kunstwerkes als ein dauernder Formungsprozeß aufgefaßt. Im Mittelpunkt steht die Wahl des eigenen individuellen und sozialen Lebensweges, eine Frage, die heute auch eine menschheitliche Dimension einschließt.



Es war in der griechischen Antike, wo die Frage nach dem guten Leben (eu zen) gestellt und die Kunst des Beratens im Hinblick auf das Maß unserer Selbstformung entwickelt und geübt wurde. so stand zum Beispiel bei Aristoteles die Kunst des klugen Abwägens (phronesis, prudentia) im Mittelpunkt seiner Ethik, die das menschliche Leben insgesamt situativ bedachte.



Das Modell der Künste bedeutet wiederum nicht, daß alle Dimensionen, die dem künstlerischen Gestalten eigen sind, auch auf die Lebensgestaltung übertragen werden sollten oder könnten. Es git aber zwei gemeinsame Grundzüge, die ich hervorheben möchte. Zum einen schließt die ästhetische Erfahrung eine schöpferische Sicht gegenüber dem Gegebenen ein, indem es vor einem Horizont von offenen Möglichkeiten sehen. Sicherlich ist der Stoff der Künste nicht mit dem Lebensstoff vergleichbar, aber erst aus jener Erfahrung der Offenheit menschlichen Existierens werden wir zu Künstlern im eigentlichen Sinn. Mit anderen Worten, die Kunst des Lebens stellt gewissermaßen das Modell für die künstlerische Gestaltung eines Stoffes dar. Zum anderen gehört zur Erfahrung der individuellen und sozialen Existenz das Moment ihrer Gratuität oder Schenkung, die Erfahrung ihrer Grundlosigkeit. Aus dieser Erfahrung schöpft die Kunst, sofern sie sich durch diese Dimension bestimmen läßt und dabei auf die Grenzen des Darstellbaren stößt (Capurro 1996).



Die Ästhetik der Existenz bedeutet keine vordergründige Angleichung der Ethik an die Ästhetik, sondern umgekehrt, sie bedenkt die ästhetische Erfahrung und die Erfahrung der Lebensgestaltung sowohl in ihrer Eigenständigkeit als auch in ihrem Bezug. Sie will, mit Kierkegaards Worten, "das Gleichgewicht zwischen dem Ästhetischen und dem Ethischen in der Herausarbeitung der Persönlichkeit" nicht aus den Augen verlieren. (Kierkegaard 1957: 165-356).



So ist also die Frage nach der Lebensgestaltung zugleich eine Frage nach den offenen Möglichkeiten unseres Seins unter Berücksichtigung seines Gratuitätscharakters. Die Kunst des Lebens (techne tou biou, ars vitae) relativiert die Vorstellung eines wahren Menschenbildes. Die Geschichte unseres Jahrhunderts hat uns in erschreckender Weise eine Lektion über die Gefahren einer Absolutsetzung von Menschenbildern erteilt. Wir müssen wieder lernen, unser Leben ästhetisch, in seiner Offenheit, Endlichkeit und Gratuität zu sehen, wenn wir nicht als Menschheit das Gesamtopfer ökonomischer, ideologischer oder technischer Hybris werden sollen. Eine Ästhetik der Existenz bedeutet aber keine anthropozentrische Alternative gegenüber Technozentrismus oder Naturalismus. Sie stellt sich vielmehr als Übung im Aushalten ihrer offenen Mitte dar (vgl. Capurro 1993b)


Foucault unterscheidet in Anlehnung an Jürgen Habermas drei Typen von Technologien:

  • Erstens, Technologien der Produktion, die zur Erzeugung und Umformung von Dingen dienen;
  • zweitens, Technologien von Zeichensystemen, wodurch wir Zeichen und Symbole manipulieren können;
  • drittens, Technologien der Macht, die zur Bestimmung menschlichen Verhaltens zu Herrschaftszwecken dienen.

Er fügt dann dieser Aufzählung eine vierte Art hinzu, die "Technologien des Selbst", womit er jene Operationen meint, die die Individuen mit sich selbst, "mit ihren eigenen Körpern, mit ihren eigenen Seelen" vollziehen, um ihre Existenz zu gestalten, "und einen bestimmten Zustand von Vollkommenheit, Glück, Reinheit, übernatürlicher Kraft" zu erlangen (Foucault o.D.: 35) (2). 
[Rafael Capurro, Praktiken der Selbstformung, Erschienen in R. Capurro: Leben im Informationszeitalter. Berlin: Akademieverlag 1995, S. 22-36., Letzte Änderung: 29. Mai 2013 – Copyright © 2013 by Rafael, all rights reserved. This text may be used and shared in accordance with the fair-use provisions of U.S. and international copyright law, and it may be archived and redistributed in electronic form, provided that the author is notified and no fee is charged for access. Archiving, redistribution, or republication of this text on other terms, in any medium, requires the consent of the author.] 

siehe auch:



Es gab im Leben des Ich-Erzählers jemanden, der diesen Zusammenhang sehr gut verstanden hat, er hieß Phaidros. Der Ich-Erzähler versucht Phaidros hinterher zu fahren, denn Phaidros ist dieselbe Tour die das Vater- und – Sohn – Duo fährt, selbst schon einmal gefahren. Phaidros umschwebt die Szenerie wie ein Geist, so dass der Ich-Erzähler sich gezwungen sieht, ein bisschen mehr über Phaidros Leben zu berichten.
Phaidros war Collegelehrer und zwar eher einer der radikalen Art. Im Zentrum seiner Überlegungen stand nicht nur die Idee, den verschmähten Sophisten ihren rechtmäßigen wichtigen Platz in der Philosophiegeschichte zurück zu erobern und sich damit gegen Sokrates und Aristoteles Vorstellung der Dialektik zu wenden, er beschäftigte sich auch explizit mit Rhetorik (klar!) und mit dem Begriff der Qualität. Qualität ist für ihn kein statischer Begriff, sondern immer ein „Ereignis“. Auch im College in Montana versuchte er seinen Student_innen diese Begrifflichkeiten klar zu machen, indem er unterschiedliche Aufsätze auf ihre Qualität hin untersuchte. Und obwohl das Seminar sehr einstimmig sagen konnte, welcher Aufsatz der stilistisch bessere war, scheiterte die Gruppe an der Festlegung von Qualitätskriterien. Auch an anderen Dingen scheiterte das College oder viel mehr der visionäre Geist Phaidros, der die Uni wieder zu einer „Kirche der Vernunft“ machen möchte, statt zu einem Ort des Bulimie-Lernens: was würde wohl passieren, wenn er den Studierenden einfach das gesamte Semester über keine Noten mitteilen würde und sie nie wüssten, wo sie stehen? Werden die Studierenden dann nicht besser? Und hilft das nicht nach der Suche nach Qualität? Für die guten Studierenden ist Phaidros schräge Universitätsdidaktik kein Problem. Die anderen machen sich Sorgen und müssen mitziehen – werden so aktiver im Seminar. Das klingt erst einmal positiv. Doch es gibt auch negative Folgen: manche kommen gar nicht mehr, eine Studentin bekommt unter dem ständigen Druck einen Nervenzusammenbruch. Das Experiment war gescheitert, Phaidros musste zur herkömmlichen Benotung zurückkehren.
Doch die Betrachtung der Qualität gab Phaidros nicht auf. Er vertrat die Annahme, dass es ein sogenanntes prä-intellektuelles Qualitätsbewusstsein geben würde – wir wissen eben, wann etwas gut ist und meistens beruhe unser Urteil dann auf besonderen Erfahrungen von Qualität, die wir früh in unserem Leben gemacht haben. Doch dabei bleibt es nicht. Während der Reise versucht der Ich-Erzähler immer wieder diesen Qualitätsbegriff zu übertragen: auf die Wartung des Motorrads.
Als der Ich-Erzähler anfängt merkwürdige Lücken in seinem Verhalten zu entdecken und sein Sohn ihm berichtet, dass er nachts im Zelt gesprochen haben soll, er sich aber an nichts mehr erinnern kann, wird eine schockierende Beziehung zwischen Ich-Erzähler und Phaidros enthüllt, die der gesamten Reise eine neue Wendung gibt.
Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten. Ein Versuch über Werte ist ein besonderes Buch, das übrigens von 121 Verlagen abgelehnt wurde, bevor es endlich in den Druck ging und zu einem Hippieklassiker avancierte. Neben Philosophie und Motorradtechnik, werden auch sehr drastisch die Folgen einer Elektroschocktherapie beschrieben, die mich mehr als verstört zurückgelassen haben. Auch wenn ich nicht alle Überlegungen nachvollziehen konnte und der Stil manchmal eine echte Herausforderung war (zugegeben – alles verstanden habe ich nicht), hatte ich nach dem Lesen das Gefühl, sehr viel von diesem Roman mitnehmen zu können. Auch wenn ich ebenfalls glaube, dass der Ich-Erzähler seinen Sohn mit dieser Reise stellenweise fürchterlich gequält hat – so nach dem Motto: Wir müssen jetzt diesen blöden Berg rauf, egal, wenn du zwischendurch zusammenklappst – und ich das auch beim Lesen als wenig angenehm empfunden habe. Wie geht man denn bitte mit so einem Vater vernünftig um? Die Perspektive des Sohnes kennen wir eben nicht. Das Nachwort des Romans hat mich ziemlich traurig zurückgelassen. Der Roman wurde 1974 veröffentlicht, nur fünf Jahre später wurde Pirsigs Sohn Chris auf dem Weg von der Meditation nach Hause erstochen.
Robert M. Pirsig: Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten. Ein Versuch über Werte. Fischer 1999. 

Leben muss man
das ganze Leben lang lernen,
und was dich vielleicht
noch mehr wundern wird:
Das ganze Leben lang muss man lernen
zu sterben.
[De brevitate vitae 7,4 – gefunden in einer Leseprobe des Verlagshauses Römerweg, 2009 ] 

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Der Begriff der Neurose in Gestalttherapie und bei Alfred Adler

Lexikalisch: Der Begriff wurde von dem englischen Arzt William Cullen im achtzehnten Jahrhundert aus dem griechischen »neuro« (Nerv) geprägt für die Bezeichnung aller nichtentzündlichen Nervenkrankheiten. Durch Sigmund Freud bekam er die heutige Form und meint seelisch bedingte Störungen ohne organische Ursache. Eine genauere Abgrenzung des Bedeutungsumfanges und insbesondere eine schlüssige Abgrenzung zur Psychose hat sich bis heute nicht allgemein anerkannt durchgesetzt.

Bedeutung für die Gestalttherapie: Die Neurose ist nach gestalttherapeutischer Ansicht die gesunde und sinnvolle Antwort des Einzelnen auf irrationale und »kranke« gesellschaftliche Zustände.

Angst, bereits nach psychoanalytischer Auffassung der Hauptfaktor bei der Neurosenbildung, entsteht, weil der Impuls zur kreativen Anpassung unterbrochen wird. Dies geschieht auf die geschilderte Weise durch Unterdrückung der Aggressivität.

Das typische Bild eines Neurotikers ist es nach gestalttherapeutischer Auffassung, dass er zunächst seine Wahrnehmung von sich und seiner Umwelt und schließlich sogar sein Verständnis für sich und seine Umwelt reduziert. Gleichwohl spannt er seinen Willen und seine Muskeln stark an, als ob er sich anschicken würde, seine Bedürfnisse zu befriedigen. In der gegebenen Situation der chronischen Angst ist dies tatsächlich hilfreich.

Die neurotische Erfahrung reguliert sich durchaus selbst. Da die extreme Willensanstrengung auf der chronischen Angst basiert, kann man von einer »neurotischen Gesellschaft« sprechen. Aber der Neurotiker tendiert spontan zur Anspannung und dies auch dort, wo er sich eigentlich gefahrlos entspannen könnte. Dies lässt sich mit gestalttherapeutischer Hilfe allerdings bearbeiten. Immerhin führt die Selbstregulation des Neurotikers ihn zum Therapeuten.

Die Neurose ist nicht in einem aktuellen inneren oder äußeren Konflikt begründet. Derartige Konflikte – Konflikte zwischen den Bedürfnissen, Konflikte zwischen sozialen Ansprüchen und körperlichen Bedürfnissen, Konflikte zwischen persönlichen Zielen (z.B. Ehrgeiz) einerseits und sozialen Ansprüchen und körperlichen Bedürfnissen andererseits – können durch das Selbst integriert werden.

Vielmehr besteht die Neurose in der vorzeitigen Befriedung der Konflikte durch die gesellschaftliche Ächtung und Unterdrückung der individuellen Aggressivität – der Möglichkeit, sich im Konflikt die Umwelt anzupassen, anstatt der Umwelt angepasst zu werden. Das erzeugt die chronische Angst, die zur Neurose führt. Nicht die Angst vor oder in einem Konflikt ist problematisch (sie ist vielmehr eine gesunde Reaktion in einem gesunden Kontext), sondern der ständig vorzeitig abgebrochene Konflikt produziert problematische Angst – nicht eine »große« Angst, sondern eine dauernde kleine Spannung: die Angst, in eine Situation verwickelt zu werden, in der ein Konflikt unausweichlich oder eigentlich nützlich wäre, aber nicht ausgetragen wird, und die Angst, dass die vielen unausgetragenen Konflikte zu Tage treten könnten.

mehr:
- Stichwort: Neurose (Leseprobe in voller Länge aus dem Lexikon der Gestalttherapie von Stefan Blankertz und Erhard Doubrawa, gestalttherapie-lexikon.de)
siehe auch:
- Was ist wirklich eine Neurose? (Alfred Adler – Sinn des Lebens [1933])

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In seinem Alterswerk Der Sinn des Lebens (1933) fasste Adler seinen der Individualpsychologie zugrundeliegenden philosophischen Tenor zusammen. Der Ausdruck „Sinn des Lebens“ hat bei Adler zwei verschiedene Bedeutungen: Er beschreibt zum einen den Sinn, den ein bestimmter Mensch in seinem Leben sucht und findet und der aufs engste zusammenhängt mit der Meinung, die er von sich, den Mitmenschen und der Welt hat. Zum anderen wird darunter der „wahre“ Sinn des Lebens verstanden, jener Sinn, der außerhalb unserer Erfahrung liegt und der auch von jemandem verfehlt werden kann, der fest davon überzeugt ist zu wissen, worauf es im Leben ankommt. „Nach einem Sinn des Lebens zu fragen hat nur Wert und Bedeutung, wenn man das Bezugssystem Mensch-Kosmos im Auge hat“. Die stete Anforderung aus dem Kosmos heißt „Entwicklung“, welche aus dem nativen Minderwertigkeitsgefühl nach Selbsterhaltung, Vermehrung, Kontakt mit der Außenwelt und Streben nach einer „idealen Gemeinschaft der Zukunft“ im Sinne von Immanuel Kant drängt. Für dieses Ziel der Entwicklungsbewegung verwendet Adler Begriffe wie „Vollendung“ und „Vollkommenheit“; er meint, dass das Streben nach Vollkommenheit ein „angeborenes Faktum ist, das in jedem Menschen vorhanden ist“. Adler beruft sich dabei auf Charles Darwin, auf die Abstammungslehre Jean-Baptiste de Lamarcks und auf die holistische Theorie von Jan Christiaan Smuts. Ein oft verwendeter Begriff dafür, dieser Vollkommenheit näher zu kommen, ist bei Adler die „Überwindung“ der Minderwertigkeit des Menschen. Der Begriff baut eng auf Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche auf. Adler sieht Schopenhauers Intention der bewussten Leidensüberwindung als fundamental positiven Aspekt in der menschlichen Entwicklung. Der bei Schopenhauer pessimistisch unterlegte Weltwille (mit der Konsequenz, diesen – wie bereits im Buddhismus angelegt – zu negieren zu versuchen) wird bei Adler aber – in der Nachfolge von Friedrich Nietzsches „Wille zur Macht“ betont wertfrei – als das ursprünglich schöpferische Element in jedem Lebewesen interpretiert.
[
Alfred Adler, Philosophischer Anspruch, Wikipedia, abgerufen am 14.02.2020]
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- Neurosen und Perversionen in ihrem Bezug zum Körperbild (de Gruyter, undatiert – PDF-Download)
auch zu finden in:
- Metamorphosen des Signifikanten – Zur Bedeutung des Körperbilds für die Realität des Subjekts (Peter Widmer, transcript-verlag.de, 2006) 
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Donnerstag, 13. Februar 2020

Master Shi Heng Yi – 5 hindrances to self-mastery | Shi Heng YI | TEDxVitosha

Master Shi Heng Yi – 5 hindrances to self-mastery | Shi Heng YI | TEDxVitosha {18:36}

TEDx Talks  
Am 13.02.2020 veröffentlicht 
Meet Shaolin Master Shi Heng Yi in his serene talk about self-discovery. Learn why rainfall is an essential part of each flowering. And every small step – part of the journey to the highest peek. The hindrances along the way to self-discovery and personal growth are easy to overcome. Learn how from his talk. For more than 30 years, Master Shi Heng Yi has been studying and practicing the interaction between mind and body. His strength is the ability to smoothly combine this knowledge with physical exercises and to practice Martial art –Kung Fu and Qi Gong. He has an academic background but he prefers to live at the Shaolin Temple Europe, Monastery located in Otterberg, Germany. Since 2010 he has been taking care of the settlement and he personifies the sustainable development and spreading the Shaolin culture and philosophy. As a contemporary monk, Master Yi holds a smartphone in the folds of his clothes as he sees no contradiction between living together with ancient knowledge and high technology. “The universal law of being successful and happy at the same time means finding the balance”, says master Yi. And as for flying – yes, he really can do it! He only needs a stick and a little space. We expect him to fly-in and share about the Shaolin way at TEDxVitosha 2020.
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Mittwoch, 12. Februar 2020

Können Affen ein Gottesempfinden haben? – Materialsammlung

ZEITmagazin: Eine Szene in Ihrem ersten Buch beschreibt, wie Schimpansen vor einem Wasserfall in eine Art Ekstase geraten.

Goodall: So habe ich es beobachtet: Als die Tiere das Donnern des Wassers hörten, stellten sich ihre Haare auf. Und ihre Erregung stieg umso mehr, je näher sie kamen. Dann stiegen sie rhythmisch von einem Fuß auf den anderen, vielleicht 20 Minuten lang. Schließlich setzten sie sich auf einen Felsen und beobachteten nur still das Wasser.

ZEITmagazin: Sie deuteten das Verhalten als Verehrung des Naturschauspiels. Die Schimpansen hätten eine Vorform der Religion. Ich finde diese Behauptung reichlich gewagt.

Goodall: Nun, ich fragte mich, woher diese wunderbaren rhythmischen Bewegungen kamen – und ob solches Erschauern vor den Naturgewalten zu den ersten Naturreligionen geführt haben mag. Und ich selbst empfand große Ehrfurcht vor dem, was ich da sah. Im Grunde habe ich die ganze Zeit im Gombe-Nationalpark empfunden, dass ich ein Teil von etwas Größerem bin. Dass es da ein Mysterium gibt, wenn Sie so wollen.
[Stefan Klein, Jane Goodall – Eine Affenliebe, ZEIT-Magazin, 18.08.2011]
mehr:
- xxx (Verfasser, Quelle, Datum)
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Dienstag, 11. Februar 2020

Sex im Alter

Sex im Alter - Jetzt erst recht! {5:03}

Orion Versand
Am 11.02.2020 veröffentlicht 
In diesem Video spricht Jasmin mit Euch über Sex im Alter. Viele Frauen und Männer denken in jungen Jahren, dass sich das Sexleben im Alter deutlich verändert. Das stimmt auch - aber nicht unbedingt in eine negative Richtung! Mit dem Alter kennt jeder seine eigene Vorlieben und die des Partners und weiß genau, was er möchte. Also lasst Euch nicht abschrecken von Menopause, Wechseljahren und Co!
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Donnerstag, 16. Januar 2020

Zeitforscher Geißler: “Mehr Let-it-be- statt To-do-Listen”

Für eine von Stress und Erschöpfung geplagte Gesellschaft ist Zeit zum Luxusartikel geworden. Der deutsche Forscher und Wirtschaftspädagoge Karlheinz Geißler widmet sich seit 30 Jahren dem Phänomen Zeit und untersucht, warum wir so schlecht damit umgehen können.

„Na, Sie sind aber pünktlich!“ Das Lob aus dem Mund eines Zeitforschers für einen Anruf zum abgemachten Zeitpunkt erscheint deswegen paradox, weil Karlheinz Geißler in seinen Büchern und Seminaren für die Abschaffung der Uhren plädiert, selbst keine mehr trägt und den gesellschaftlichen Zwang zur Pünktlichkeit als überholt empfindet. Nein, nein, natürlich würde er seine Überzeugung von einer besseren Welt ohne ein Diktat der Uhr auch selbst leben, aber auf seinem Computerbildschirm habe sich eine Zeitangabe eingeschlichen. Der emeritierte Universitätsprofessor für Wirtschaftspädagogik hat sich seit Jahrzehnten der Erforschung des Phänomens Zeit verschrieben.

Tatsächlich leben wir in einem paradoxen Zustand, was unsere Fähigkeit im Umgang mit der Zeit betrifft. In den vergangenen 100 Jahren hat sich, so der Wiener Freizeitforscher Peter Zellmann, die durchschnittliche Arbeitszeit halbiert; der Elf-Stunden-Tag für Fabriksarbeiter war in der Ersten Republik tatsächlich die Norm; Mitte des 19. Jahrhunderts mussten Arbeiter sogar noch ein Tagespensum von bis zu 18 Stunden bewältigen. Urlaub wurde in Österreich zwar schon 1919 gesetzlich eingeführt, beschränkte sich aber auf maximal zwei Wochen pro Jahr. Seit Jänner 1975 ist die 40-Stunden-Woche gesetzlich verankert. Obwohl wir wesentlich mehr Zeit zur freien Gestaltung als alle Generationen zuvor besitzen, gilt Stress, der auch zu einem großen Teil aus Zeitkonflikten entsteht, heute als Hauptauslöser für seelische Krankheiten. Laut dem Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger ist die Zahl der Erwerbsunfähigkeitspensionen aufgrund psychiatrischer Erkrankungen seit 1995 auf das Dreifache gestiegen. Stressbedingte Zeitkonflikte sind, so die Experten, die Ursache für viele medizinische Störungen wie Herzrhythmus-Probleme, Rückenschmerzen, Tinnitus und Migräne, um nur die häufigsten aufzuzählen.

mehr:
- Zeitforscher Geißler: “Mehr Let-it-be- statt To-do-Listen” (Angelika HagerInterview mit Karlheinz Geißler, Profil.at, 23.08.2019)
siehe auch:
- Arbeitslosigkeit als erstrebenswertes Ziel (Holger Lang, Freitag-Community, 14.01.2016)
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Karlheinz Geissler | Unsere Not mit der Zeit (NZZ Standpunkte 2013) {49:21}

NZZ Standpunkte
Am 28.05.2016 veröffentlicht 
Zeitdruck, Zeitmangel, die Zeit, die den Menschen davonläuft - das Verhältnis zur Zeit und vor allem der Umgang mit ihr sind eines der großen Themen des modernen Menschen. Professor Karlheinz Geissler ist Zeitforscher. Mit ihm unterhalten sich «NZZ»-Chefredaktor Markus Spillmann und Marco Färber über Zeitzwänge und Zeitsouveränität, über Beschleunigung, Multitasking und grenzenlose Arbeitstage, über Bedeutung von Rhythmen und Langsamkeit und das Eilen mit Weile.
Abonniere NZZ Standpunkte: https://goo.gl/QcwGjL
Sendung vom 29. Dezember 2013
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Mittwoch, 8. Januar 2020

Sigmund Freud – Leiden an der Kultur – Ich-Schwäche

Das Unbehagen in der Kultur ist der Titel einer 1930 erschienenen Schrift von Sigmund Freud. Die Arbeit ist, neben Massenpsychologie und Ich-Analyse von 1921, Freuds umfassendste kulturtheoretische Abhandlung; sie gehört zu den einflussreichsten kulturkritischen Schriften des 20. Jahrhunderts. Thema ist der Gegensatz zwischen der Kultur und den Triebregungen. Die Kultur sei bestrebt, immer größere soziale Einheiten zu bilden. Hierzu schränke sie die Befriedigung sexueller und aggressiver Triebe ein; einen Teil der Aggression verwandle sie in Schuldgefühl. Auf diese Weise sei die Kultur eine Quelle des Leidens; ihre Entwicklung führe zu einem wachsenden Unbehagen.


[Das Unbehagen in der Kultur, Wikipedia, abgerufen am 09.11.2020]

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„Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Sigmund Freud.“ Mit diesen Worten übergibt der vierte Rufer im Mai 1933 in Deutschland und im November 1938 in Österreich die Schriften des Juden Freud den Flammen.

Sigismund Schlomo Freud wird als Sohn chassidischer Juden am 6. Mai 1856 in der österreichisch-ungarischen Monarchie, in Mähren, geboren, er verstirbt am 23. September 1939 in London. Am 4. Juni 1938, im Alter von 82 Jahren, muss er seine Wohnung und Praxis in Wien, in der er seit 47 Jahren wohnte und arbeitete, verlassen. Von 16 Juden, die in der Berggasse 19 in Wien wohnten, überlebten nur drei die Konzentrationslager. Kurz vor seiner Ausreise wird Freud von der Gestapo genötigt eine Erklärung zu unterschreiben, dass er nicht misshandelt worden sei. Freud unterzeichnete und fügte hinzu: „Ich kann die Gestapo jedermann auf das beste empfehlen.“

Während andere dicke Bücher über das Leben des jüdischen Wissenschaftlers im antisemitischen Wien schreiben, notiert er selbst,: „Mein Leben ist äußerlich ruhig und inhaltslos verlaufen und mit wenigen Daten zu erledigen.“ So schmal wie seine biographische Notiz, so schmal sind die Ehrungen die ihm zu Lebzeiten zuteil werden, es sind gerade eben einmal deren zwei. 1935 wird er Ehrenmitglied der Britischen Gesellschaft für Medizin. 1930 steht er, auf Betreiben und mit Einflußnahme von Thomas Mann und Alfred Döblin, auf der Nomininierungsliste für den Goethepreis der Stadt Frankfurt. Mit 4:3, einem denkbar knappen Ergebnis und begleitet von heftigen antisemitischen Angriffen, wird ihm der Preis zu teil. Seit 1964 vergibt die Deutsche Akademie für Sprache einen Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. Es ist ein Hinweis, dass Freud gut lesbar ist und Alfred Döblin, Neurologe wie Freud, schreibt über seinen Kollegen und Freund: „Man beachte den einfachen, klaren Stil; er sagt ungekünstelt und phrasenlos, was er meint; so spricht einer, der etwas weiß.“

Eine Ehrenmitgliedschaft, ein Goethepreis der Stadt Frankfurt/Main, seit 1964 ein nach ihm benannter Preis und erst 1984 wird man in Wien einen hausnummernlosen Park nach ihm benennen. Freud war zu Lebzeiten eine persona non grata, er ist es für nicht wenige heute immer noch. Zugleich aber ist er in aller Munde. Noch jeder kennt die Freud’sche Fehlleistung, den Freud’schen Versprecher – es kommt alles zum Vorschwein und vermutlich hat sich jeder schon einmal in Küchenpsychologie versucht. In der Literatur, mehr noch im Film wird heute unendlich psychologisiert und dass nicht wenige Krankheiten eine psychologische Ursache haben ist heute, nachdem das lange tabuisiert und stigmatisiert war, so unzweifelhaft wie die Tatsache, dass die Erkrankungen der Psyche eine enorme Steigerungsrate haben und zwischenzeitlich den dritten Rang unter den Krankschreibungen einnehmen. Im Amtsdeutsch heißt das nicht Krankschreibung, sondern Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, die amtliche Definition von krank ist arbeitsunfähig, wobei nicht zu übersehen ist, dass die rastlose Arbeit im Hamsterrad, gelegentlich mit den Folgen eines burnouts nicht eben gesund ist.

Freud ist kein Frühstarter, seine Theorie ist kein intuitiver Geniestreich, nicht das Heureka des Archimedes, es ist das Ergebnis langer praktischer ärztlich-medizinischer und wissenschaftlicher Arbeit. Erst nach einer langen Inkubations- und Latenzzeit, 14 Jahre nach Eröffnung seiner Praxis, erst im Jahre 1900, Freud ist 44, erscheint „Die Traumdeutung“, die Gründungskurkunde der Psychoanalyse. Freud nennt diese Schrift seine via regia zur Kenntnis über das Unbewusste des Seelenlebens. 1901 in der „Psychopathologie des Alltags“ und 1905 mit „Der Witz“ zeigt er die Freisetzung von unbewussten Triebkräften, wie Unbewusstes im Alltäglichen als wirkmächtige Kraft aufscheint. Als er schließlich 1905 in den drei Abhandlungen zur Sexualtheorie verkündet, dass das Ich nicht Herr im eigenen Hause ist, und dem Unbewussten, den Trieben, und hier wiederum insbesondere der Sexualität eine hohe Bedeutung zukommen lässt und dann noch feststellt, dass Kinder Sexualität haben … Freuds wissenschaftlichen Tätigkeit ist gepflastert mit Skandalen.

Das Buch mit dem Titel „Das Unbehagen in der Kultur“, von dem heute die Rede sein soll, ist ein schmales Werk von eben mal 70 Seiten über das Thomas Mann, ein Kenner und emsiger Verwerter von Freud, Thomas Mann nannte das höheres Abschreiben, Thomas Mann urteilt in einem Brief an Freud mit höchst anerkennenden Worten: „Nur aufs Dürftigste kann ich Ihnen, im Trubel einer, Dank den Herdeninstinkten der Welt katastrophal angeschwollenen Korrespondenz (das ist 1930 geschrieben, da gab es keine email, kein face-book, kein whattsapp und kein twitter) für das außerordentliche Geschenk ihres Buches danken. Dieses Werk, dessen innerer Umfang seinen äußeren so mächtig übertrifft. (70 Seiten) Ich habe es in einem Zuge gelesen, ergriffen von einem Wahrheitsmut, in dem ich, je älter ich werde, mehr und mehr die Quelle aller Genialität erblicke.“ (Thomas Mann, Briefe, 1924-1932, S. 441)

1930 geschrieben, eine Spätschrift, auch eine Zusammenfassung dessen, was die Psychoanalyse bis dahin geleistet hat, ergänzt um die Einsicht, dass der Mensch neben dem Bedürfnis nach Lust auch eine starke Neigung zur Aggression hat. Das Buch ist zu lesen auf dem Hintergrund der geistesgeschichtlichen Entwicklung, und da muss, und den kannten sie um 1900 alle, mit Nietzsche begonnen werden: Nietzsche: „Die Verdüsterung der pessimistischen Färbung kommt notwendig im Gefolge der Aufklärung.“ Verdüsterung im Gefolge der Aufklärung, das dürfte für alle, die in der Aufklärung den Fortschritt und das helle Licht der menschlichen Zukunft sehen, ein starkes Stück sein. Freud ist Naturwissenschaftler und Positivist, Aufklärer, und ausgerechnet er bringt uns manches, mehr als manchem lieb ist, an Pessimismus über unsere Gattung bei.
mehr:
- Sigmund Freud – Leiden an der Kultur (Vortrag von Richard Dollinger, Gera, am 8. Januar 2020, Goethe-Gesellschaft, Erfurt)

Das Es, Freud nennt es auch das Lustprinzip, wird beherrscht vom Ich. Erlebbar wird das Es, wenn sich der Druck des Unbewussten in kleinen psychischen Symptomen, aber auch in Krankheit äußert oder auch in Situationen, in denen wir uns fragen, was nur in uns gefahren ist. Es ist aber nichts in uns hineingefahren, es kam aus uns heraus, was wir an Unbewusstem, Biochemischen und an Verdrängtem, Sozialem in uns aufgesammelt hatten. Freud: „Es gibt Prozesse in uns, die stärker sind als das, was Ich sagt.“ Hinzugefügt werden darf, was offensichtlich ist, dass durch unterschiedliche Sozialisation die Ich-Stärke und Ich-Schwäche individuell sehr unterschiedlich ausgebaut sind. Hinzugefügt auch: In der Sprache des Alltags heißt es: Da stand ich neben mir, ich kenne mich selbst nicht mehr, oder etwas veraltet, aber sehr schön: Sie hat sich vergessen. In der Descartschen Maschinensprache heißt es, da habe ich nicht richtig getickt, da bin ich ausgerastet, ich hatte mich nicht im Griff. Aber dann doch auffallend, häufig geht die Sprache hier direkt ins Tierreich: Ich wurde vom Affen gebissen, da ging der Gaul mit mir durch, ich wurde von der Tarantel gestochen, ich habe die Sau rausgelassen. Für das Bewusste haben wir seit Descartes die Maschinensprache, für das Unbwusste greifen wir häufig zu Metaphern aus dem Tierreich.  
[ebda – Hervorhebung von mir]

 

Sigmund Freud selbst hat sich übrigens erstaunlich zurückhaltend zu den Verheerungen der nationalsozialistischen Verfolgung geäußert. Zur Verbrennung seiner Schriften notierte er am 11. Mai, wenige Tage nach seinem 77. Geburtstag, in sein Tagebuch: „Was für Fortschritte wir machen. Im Mittelalter hätten sie mich verbrannt, heutzutage begnügen sie sich damit, meine Bücher zu verbrennen.“ Aber der weitsichtige Wissenschaftler, der als erster die Hypothese von einem menschlichen Destruktions- oder Todestrieb formuliert hat, erwies sich mit dieser Einschätzung als allzu gutgläubig. Zwar konnte er selbst sich 1938 vor der Verfolgung der Nazis noch in das Londoner Exil retten, in dem er seine letzten Lebensjahre zubrachte. Vier seiner fünf Schwestern aber wurden 1942 in nationalsozialistischen Konzentrationslagern ermordet. Die öffentlichen Bücherverbrennungen lesen sich heute als die Vorläufer der Verbrennungsöfen in Auschwitz, so wie es Heinrich Heine schon 1821 in seiner Tragödie „Almansor“ merkwürdig prophetisch formuliert hat: „Dies war ein Vorspiel nur/dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“
[Vera Kattermann,
Geschichte der Psychoanalyse: „Adel der menschlichen Seele?“, aerzteblatt.de, Mai 2013]

 

siehe auch:
- Ich-Schwäche (Wikipedia)
- Marie-Luise Althoff: Ich und Selbst (Tatjana van de Kamp, Rezension, Socialnet,  27.04.2020)
- Die Theorie der Psychoanalyse (Post, 09.03.2018)
- Das Ich-Stärke-Training (Rüdiger Lenz, nichtkampf-prinzip.de, undatiert)
- Auf dem Weg zur Ich-Stärke - Ich-Schwäche (2) (Carsten, Psychologie-Magazin, 08.02.2017)
- Ich-Schwäche (1) (Carsten, Psychologie-Magazin, 26.10.2016)
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