Samstag, 3. Juni 2017

Ein grüner Justizsenator entschuldigt sich für die 68er Exzesse der Polizei – und die Reaktionen



Veröffentlicht am 12.03.2017

"Er liegt am Boden, eine junge Frau kniet neben ihm und hält den Kopf des Sterbenden. Das Foto wird zum Symbol. Am 2. Juni 1967 beginnt ""1968"". An diesem Tag wird unweit der Deutschen Oper in Berlin der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten niedergeschossen und stirbt wenig später. Für die Studentenbewegung ist der Tod Ohnesorgs eine Zäsur - der 2. Juni wird zum Katalysator der Unruhen. Der tote Ohnesorg wird zu einer Ikone.

Doch wer war Benno Ohnesorg, von dem man kaum mehr weiß als den Namen - und das Sterbedatum? Fast vier Jahrzehnte später begibt sich der Schriftsteller Uwe Timm auf die Suche. Timms Buch ""Der Freund und der Fremde"" (2005) ist das literarische Ergebnis dieser Suche. Es ist keine faktenorientierte Biografie, sondern eine Erzählung, die Erinnerungen vorsichtig arrangiert. Es ist ein persönliches Buch, das über den Freund reflektiert, über seinen Tod und über die prägenden 60er Jahre. Es geht in ""Der Freund und der Fremde"" aber auch um 1968, um die großen Entwürfe und Theorien. Timm zeigt, wie der Tod von Ohnesorg viele aus seiner Generation zu ""68ern"" werden ließ.

Die beiden lernten sich Anfang der 60er Jahre in einem Kolleg in Braunschweig kennen, wo sie das Abitur nachholten. Für Ohnesorg und Timm waren vor allem Kunst und Kultur der Schlüssel zu einem anderen Leben. Sie hofften, in der Literatur ihr Glück zu finden. Die beiden 20-Jährigen freundeten sich an, diskutierten über Lyrik und offenbarten sich ihre ersten literarischen Schreibversuche. Nach dem Abitur trennten sich ihre Wege. Timm ging nach München, später nach Paris. Benno Ohnesorg zog nach Berlin. Sie verloren sich aus den Augen. Im Juni 1967 hörte Uwe Timm in Frankreich von den Ereignissen der Berliner Anti-Schah-Demonstration und sah in einer Pariser Zeitung das Foto - den toten Freund."

Der Justizsenator sprach am Rathaus Schöneberg vor rund 50 Teilnehmern einer Kundgebung, darunter mehrere Veteranen der Protestbewegung. 

Eine ehrenvolle Geste! 

Fünfzig Jahre nach den Demonstrationen gegen den Schah von Persien hat Justizsenator Dirk Behrendt (45, Grüne) um Entschuldigung für den damaligen Polizeieinsatz gebeten, bei dem Benno Ohnesorg erschossen wurde.
mehr:
- Benno Ohnesorg: Justizsenator Behrendt entschuldigt sich für Polizeieinsatz (Berliner Zeitung, 02.06.2017)
Screenshot der Bewertungsskala unter dem Artikel
siehe auch:
- Berlin: Justizsenator entschuldigt sich für Polizeieinsatz bei Tod von Ohnesorg (SPON, 02.06.2017)
- 50. Todestag von Benno Ohnesorg Senator entschuldigt sich für Polizeigewalt am 2. Juni 1967 (Tagesspiegel, 02.06.2017)

zur BZ-Bewertungsskala (die läßt einiges verstehen) siehe auch:
Das Buch hatte eine enorme Wirkung für die weitere Aufarbeitung unserer dunklen Vergangenheit. Es war bei seinem Erscheinen kontrovers diskutiert, viele empörten sich über die beiden Analytiker und fühlten sich geschulmeistert. Dabei geht das Buch aber in den Folgekapiteln vom Massenphänomen wieder auf den Einzelnen zurück und beschreibt wichtige Mechanismen in der psychischen Entwicklung des Kindes zum Erwachsenen: Wie baut sich Moral auf, wie entstehen Vorurteile und Ressentiments, gibt es noch Autoritätsvorbilder in der entfremdenden kapitalistischen Konsumgesellschaft, die dem Heranwachsenden zur Identifikation dienen können? Wie entsteht praktizierte Toleranz Andersdenkenden gegenüber? [aus einem Amazon-Leserkommentar]

Sonntag, 28. Mai 2017

Heath Ledger – Wenn das Schicksal einen Fehler macht

Warum starb Schauspieler Heath Ledger mit nur 28 Jahren? Eine Dokumentation findet statt Antworten nur eine große Leere - und ist gerade deshalb sehenswert. 

Heath Ledger dreht sich um sich selbst, eine Handkamera auf das eigene Gesicht gerichtet. Ganz enge, schnelle Kreise, bei denen einem schon als Zuschauer schwindelig wird. Das Ganze ist eine Montage verschiedener selbstgedrehter Filmchen: Hintergründe und Frisuren des australischen Schauspielers wechseln, nur das Lächeln ist immer das Gleiche. Es war auch dieses Lächeln, das ihn Ende der Neunzigerjahre zum Teeniestar machte: frech und schüchtern, lebensbejahend und melancholisch zugleich. Zu den Underdog-Helden, die er in Kino-Hits wie "10 Dinge, die ich an dir hasse" oder "Ritter aus Leidenschaft" gab, passte das. Der lächelnde Heath Ledger, der sich um sich selbst dreht - es ist der letzte Eindruck, den der Zuschauer aus der Dokumentation "I Am Heath Ledger" mitnimmt. 

Der Film hatte jüngst auf dem Tribeca Filmfestival in New York Weltpremiere. Die Symbolik der Schlussszene ist bestechend, das dürfte den Regisseuren Adrian Buitenhuis und Derik Murray bewusst sein. Sie gibt all den Spekulationen und Gerüchten ein Bild, die sich um den frühen Tod von Heath Ledger 2008 ranken. Waren es am Ende zu viele Umdrehungen im Leben des Schauspielers, der mit nur 28 Jahren in seiner Wohnung in New York an einem Medikamentencocktail starb? Wusste Ledger irgendwann nicht mehr zu unterscheiden zwischen Rolle und Realität? Hat er sich selbst verloren? 

Das ist zumindest bis heute eine populäre Deutung der Boulevardpresse. Denn in "The Dark Knight", einem seiner letzten Filme, gab Ledger den Gegenspieler von Batman: die Clownsfratze Joker. Vor ihm galt Jack Nicholson als Maß aller Dinge in dieser Rolle – am Ende spielte Ledger nicht gegen ihn an, er spielte den großen, amerikanischen Schauspieler aus. Ledger wurde zum Joker, zum Irren, der sich schlangengleich ständig über die Lippen leckt. Für seine Darstellung bekam er posthum den Oscar als bester Nebendarsteller verliehen. In der Doku ist zu sehen, wie seine Eltern und seine Schwester auf der Bühne im Dolby Theater in Los Angeles stehen und die Trophäe in Empfang nehmen. Es ist einer der Momente, die man kaum ertragen kann: Wie diese Menschen ihres Sohnes und Bruders gedenken, tief von der Trauer gezeichnet, die Worte hölzern von Notizzetteln ablesend.
mehr:
- Doku "I Am Heath Ledger" Wenn das Schicksal einen Fehler macht (Filmkritik von Johanna Bruckner, Südddeutsche Zeitung, 24.05.2017)

siehe auch:
- 11 Facts You Definitely Didn’t Know About Heath Ledger And The Joker (Patrick Bennet, WTFFacts, 15.10.2017)
- Film – "I am Heath Ledger": Doku zeigt Leben des verstorbenen Schauspielers (Sandra Liermann, Augsburger Allgmeine, 18.04.2017)
- Trauer in Hollywood – Heath Ledger starb einen einsamen Tod (Peter Zander, N24, 23.01.2008)

I AM HEATH LEDGER Trailer (2017) {3:03}

Veröffentlicht am 04.04.2017
FilmTrailerZone
A born director. A fearless actor. An unforgettable artist.
aktualisiert am 16.10.2017

Samstag, 27. Mai 2017

Eltern – Als wären sie nie dagewesen

Wenn Paare sich trennen, werden Kinder häufig instrumentalisiert. Zwei Väter und eine Mutter erzählen, wie sie entsorgt wurden und schließlich ihre Kinder verloren. 

An einem Mittwochnachmittag im April steigt Oliver Zimmermann* das fünfte Jahr infolge unterhalb des Kölner Doms aus der Stadtbahn. Er trägt Schwarz, als wäre er in Trauer, in der Hand hat er eine Rose. Wie immer an diesem Tag im Jahr geht er zur Hohenzollernbrücke, bis zu jener Stelle, wo Hunderte von Vorhängeschlössern am Geländer hängen, in Köln eine mittlerweile umstrittene Touristenattraktion. Sie alle erzählen vom Anfang einer Liebe. Hunderte von Liebesschwüren, in allen Farben und Schriften in Stahl graviert. Zimmermann steckt seine Blume in die Öffnung jenes Schlosses, das er vor fünf Jahren hier befestigt hat. Darauf sind die Namen seiner Kinder graviert und: "Die Liebe im Herzen, die nimmt man immer mit". Es ist der 18. Geburtstag seiner Tochter. 

Auch Oliver Zimmermanns Schloss erzählt die Geschichte einer Liebe, die unerwartet zu Ende ging. Er sei weder verrückt noch pathetisch, sagt der 47-Jährige, dies sei nur ein Ort, wo er in Ruhe versuchen könne, Dinge zu verstehen, während sein Pakt mit der Ewigkeit in Form eines roten Vorhängeschlosses im Wind vor sich hin klappert. Die Schlüssel hat er damals in den Rhein geworfen, so weit er konnte gen Westen, in den Sonnenuntergang. Je weiter, desto sicherer, dachte er, als der Schlüssel im lehmigen Wasser des Rheins versank.


An Geburtstagen kommt er hierher, an Feiertagen und zuletzt zur Erstkommunion seines Sohnes. Auch am Vatertag war er hier im vergangenen Jahr. Oliver Zimmermann ist keiner, der mit anderen Vätern mit einem Bollerwagen durch die Stadt zieht. Dieser Tag hat für ihn eine andere Bedeutung.

Oliver Zimmermann ist ein entsorgter Vater. Seit fünf Jahren sind seine Kinder aus seinem Leben verschwunden. Und manchmal vergisst er, dass sein Leben trotzdem weitergeht. 
mehr:
- Eltern-Kind-Entfremdung – Als wären sie nie da gewesen (Andea Müller, ZON, 25.05.2017)

Freitag, 26. Mai 2017

Bewusstsein schafft Lebensfreude – Dr. Daniele Ganser im Gepräch

Wie schaffen wir als Gesellschaft den Weg aus dem Hamsterrad? Was kann jeder einzelne für sich tun, um die innere Zufriedenheit zu stärken, ohne dabei nach immer mehr Materiellem zu streben? Ist Glücksgefühl am Ende nur eine Lebenseinstellung? In diesem emotionalen Gespräch erklärt der Schweizer Historiker und Friedensforscher Dr. Daniele Ganser seine persönlichen Methoden, die ihn zu einem zufriedenen Menschen machen und das, obwohl er sich nahezu jeden Tag mit Krieg und den daraus folgenden Konsequenzen für unseren Planeten auseinandersetzt.
mehr:
- Bewusstsein schafft Lebensfreude – Dr. Daniele Ganser im Gepräch (Crea´dor, Die Stunde der Wahrheit, 22.05.2017)

Donnerstag, 25. Mai 2017

Abt Muho, der große Markt der Meditation und die Karotte vor der Nase

Zen For Nothing - Trailer 1 - Deutsch {1:56}

Veröffentlicht am 18.03.2016
Zen For Nothing:
Versteckt in den bewaldeten Bergen an der Westküste Japans liegt das kleine Zen Kloster Antaiji. Eine junge Frau bricht auf um von Herbst bis Frühjahr einzutauchen in das Abenteuer klösterlichen Lebens. Die junge Frau ist Sabine Timoteo aus Bern. Der Abt des Klosters ist Muho Nölke, geboren in Berlin. Ein Zusammenspiel der Philosophie des japanischen Zen-Meisters Kodo Sawaki mit den Überraschungen des Alltags.
Regie: Werner Penzel
Cast: Sabine Timoteo

Arno Gruen: "Wir sind als Originale geboren, wir sterben als Kopie" {56:48}

Veröffentlicht am 27.07.2015
Der Psychoanalytiker und Schriftsteller Arno Gruen (1923-2015) publizierte auch noch mit über neunzig Jahren Buch um Buch. Ob er über Terrorismus geschrieben hat oder wider blinden Gehorsam – stets ging es Gruen darum, dass der Mensch zu sich und zu seinen wahren Gefühlen findet. Mit Arno Gruen spricht Juri Steiner.
Mit Nachdruck und Engagement argumentiert der 1923 in Berlin geborene und in Zürich lebende Arno Gruen gegen jede Form von Knechtschaft und für das freie Fühlen und Denken.
Er wird gefragt, was normal ist, wie man geistige Unabhängigkeit fördern und Freiheit verteidigen kann. Arno Gruen erzählt von Elternliebe, dem Mut des Alters, der Schönheit der Literatur und seiner Freundschaft zum amerikanischen Autor Henry Miller (SRF, 7. Juni 2015).
Siehe auch die Playlist/Sammlung "Arno Gruen - Gespräche und Vorträge" hier: https://www.youtube.com/playlist?list...

Matthieu Ricard - Vom Wissenschaftler zum buddhistischen Mönch {57:22}

Veröffentlicht am 25.07.2015
"Eines der grössten Missverständnisse scheint mir zu sein, das Glück sei identisch mit dem Vergnügen." Matthieu Ricard ist ein buddhistischer Mönch und studierter Molekularbiologe mit Abschluss in Zellulargenetik und Promotion bei dem Nobelpreisträger Francois Jacob am Institut Pasteur. Er wuchs im Umfeld Frankreichs Intellektueller auf. Seine Mutter, die Künstlerin Yahne Le Toumelin, und sein Vater, der unter dem Pseudonym Jean-François Revel einer der einflussreichsten lebenden Philosophen und politischen Theoretiker Frankreichs war, ermöglichten ihm den Umgang mit großen Denkern und Schöpfern dieser Zeit.
Nach eigener Darstellung begann sein „eigentliches“ Leben am 2. Juni 1967, als er Kangyur Rinpoche begegnete. Als Kangyur starb, wurde Matthieu Mönch und persönlicher Assistent von Dilgo Khyentse Rinpoche, mit dem er zwölf Jahre lang Tag und Nacht verbrachte. Nach dem Tod seines Lehrers schrieb er das Buch Journey to Enlightenment: The Life and World of Khyentse Rinpoche, Spiritual Teacher from Tibet über dessen Leben und Wirken.
Seit 1989 ist er offizieller Französisch-Übersetzer für den Dalai Lama. Zusammen mit seinem Vater veröffentlichte er das international erfolgreiche Buch Der Mönch und der Philosoph. Darin werden – zu Themen von allgemeinem philosophischem, spirituellem und gesellschaftlichem Interesse – die Perspektiven der westlichen Welt und des Buddhismus gegenübergestellt, Unterschiede aufgezeigt und Gemeinsamkeiten hervorgehoben.
Er ist Board Member des Mind and Life Institute, das die Kommunikation zwischen westlicher Wissenschaft und Buddhismus und ihre Zusammenarbeit fördert. Er arbeitet gegenwärtig gemeinsam mit Hirnforschern über die Wirkung von Meditation und Geistestraining auf das Gehirn (Madison-Wisconsin, Princeton und Berkeley). Ricard lebt aktuell im Kloster Shechen in Nepal. (Wikipedia) (SRF, 5.7.2015 / Gespr.leitung: Barbara Bleisch)

Abt Muho lebt als Abt eines Zen-Klosters {7:58}

Veröffentlicht am 31.08.2016
Abt Muho heißt eigentlich Olaf Nölke und schon als Schüler hatte er den Wunsch, Zen-Mönch zu werden. Nun erscheint sein neues Buch -| ein Plädoyer für das Leben im Hier und Jetzt.

Abt Muho, Zen Meister zu Gast bei DAS (NDR) {32:18}

Buddhas Lehre
Am 19.09.2016 veröffentlicht
Als Olaf Nölke kam er 1968 in Berlin zur Welt – inzwischen leitet er das größte Zen-Kloster Japans und heißt Abt Muho. Er ist überzeugt: "Das Leben hat mich auf einen besonderen Weg geschickt. Die Erkenntnisse, die ich gesammelt habe, möchte ich mit anderen teilen." Den Tod etwa, müssen wir nicht fürchten, so Muho. Die Kunst des Loslassens beginnt in seiner Weltsicht schließlich nicht erst am Ende des Lebens. "Ein Regentropfen kehrt ins Meer zurück", heißt passend dazu sein aktuelles Buch. Was wir Westeuropäer daraus lernen können und wie sein Leben im japanischen Kloster mit Frau und drei Kindern aussieht, das erzählt Abt Muho bei uns auf dem Roten Sofa.

...Auf meiner Google+ Seite ( https://plus.google.com/+BuddhasLehre... ) findet ihr auch buddhistische Texte, Zeitschriften, Bücher ( PDF ) zum Lesen, Downloaden und Teilen !
Wenn ihr nach etwas, zu einem bestimmten Thema sucht: einfach fragen ! Ich schaue, ob ich etwas dazu habe.


Mittwoch, 3. Mai 2017

Bei Mäusen und Ratten: Nasenatmung erzeugt Rhythmus im Gehirn

"Lass den Atem durch die Nase fließen", könnte die Anweisung beim Yoga oder anderen Entspannungstechniken lauten. Ob und welche Wirkungen im Gehirn die sogenannte Nasenatmung hat, finden Forscher heraus und eröffnen damit neue Forschungsfelder.

Er begleitet jeden Menschen ein Leben lang, aber nur einige nehmen ihn bewusst wahr. Dabei ist der Atem die Grundvoraussetzung für menschliches Leben. Eine Störung der Atmung hat, genauso wie eine Verbesserung, weitreichende Effekte auf Körper, Geist und allgemeines Wohlbefinden. Ein deutsch-brasilianisches Forscherteam hat sich deshalb auf die Suche nach den wissenschaftlichen Grundlagen für die sogenannte Nasenatmung gemacht, die oftmals bei verschiedenen Entspannungs- und Meditationstechniken wie beispielsweise Yoga bewusst zum Einsatz kommt.

Bei Tests an Mäusen und Ratten, deren natürliche Atmung genau wie beim Menschen auch, die Nasenatmung ist, konnten die Forscher sehen, dass die Nasenatmung einen elektrischen Hirnrhythmus an den schnellen Hirnwellen, die auch als Gamma-Oszillationen bezeichnet werden, entstehen lässt. Von Oszillationen sprechen Wissenschaftler, wenn sich Gruppen von Neuronen auf einen gleichen Takt einschwingen - vergleichbar mit einem Konzertpublikum, das chaotisch beginnt, aber schließlich rhythmisch klatscht. Diese Schwingungen können mit dem EEG registriert werden. Sie werden mit unterschiedlichen mentalen Zuständen in Verbindung gebracht.

"Gamma-Oszillationen werden mit Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprozessen in Zusammenhang gebracht. Der Nachweis, dass die Atmung durch die Nase diese beeinflussen kann, gibt wichtige Hinweise darauf, dass die Atmung sich auf kognitive Funktionen auswirkt", erklärt Professor Andreas Draguhn, Leiter des Instituts für Physiologie und Pathophysiologie der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg.

mehr:
- Bei Mäusen und Ratten: Nasenatmung erzeugt Rhythmus im Gehirn (n-tv, 02.05.2017)

Mittwoch, 26. April 2017

Heute vor 128 Jahren – 26. April 1889: Ludwig Wittgenstein wird geboren

Wittgenstein entstammt der österreichischen, früh assimilierten jüdischen Industriellenfamilie Wittgenstein, deren Wurzeln in der deutschen Kleinstadt Laasphe im Wittgensteiner Land liegen. Er war das jüngste von acht Kindern des Großindustriellen Karl Wittgenstein und seiner Ehefrau Leopoldine, die aus einer Prager jüdischen Familie stammte (geb. Kalmus). Karl Wittgenstein gehörte zu den erfolgreichsten Stahlindustriellen der späten Donaumonarchie, und das Ehepaar Wittgenstein wurde zu einer der reichsten Familien der Wiener Gesellschaft der Jahrhundertwende. Der Vater war ein Förderer zeitgenössischer Künstler, die Mutter eine begabte Pianistin. Im Palais Wittgenstein verkehrten musikalische Größen wie Clara Schumann, Gustav Mahler, Johannes Brahms und Richard Strauss.
Wittgenstein wurde katholisch erzogen. Er selbst wie auch seine Geschwister zeichneten sich durch außerordentliche musische und intellektuelle Fähigkeiten aus. Ludwig Wittgenstein spielte Klarinette. Sein Bruder Paul verlor im Ersten Weltkrieg den rechten Arm und machte dennoch als Pianist Karriere. Diesen Talenten stand eine problematische psychische Konstitution gegenüber: Drei seiner sieben Geschwister begingen Selbstmord (Hans, Rudolf, Kurt). Auch Wittgenstein zeigte, insbesondere nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, depressive Züge. Im Kontakt zu anderen soll er teils autoritär und rechthaberisch, teils auch übersensibel und unsicher gewirkt haben.Ein entfernter Großcousin von Wittgenstein war der Wirtschaftswissenschaftler Friedrich August von Hayek.
Wittgensteins intellektuelle Erziehung begann mit häuslichem Privatunterricht in Wien. Ab 1903 bis 1906 besuchte er die K. k. Staats-Realschule in Linz. Adolf Hitler hat die Schule davor von 1900 bis 1904 besucht. Am 28. Oktober 1906 immatrikulierte Wittgenstein sich an der Technischen Hochschule Charlottenburg. Ursprünglich hatte er bei Ludwig Boltzmann in Wien studieren wollen. Für Berlin entschied sich Wittgenstein, weil sein Realschulzeugnis ihm die Einschreibung an der Universität erst nach einem weiteren Studium erlaubte. Dort beschäftigte sich Wittgenstein, so seine Schwester Hermine in ihren Familienerinnerungen, „viel mit flugtechnischen Fragen und Versuchen. [Und weiter:] Zu dieser Zeit oder etwas später ergriff ihn plötzlich die Philosophie, d. h. das Nachdenken über philosophische Probleme, so stark und so völlig gegen seinen Willen, dass er schwer unter der doppelten und widerstreitenden inneren Berufung litt und sich wie zerspalten vorkam.“
Nach dem Abschlussdiplom als Ingenieur 1908 ging Wittgenstein nach Manchester, wo er an der Universitätsabteilung für Ingenieurwissenschaften versuchte, einen Flugmotor zu bauen. Diesen Plan gab er jedoch bald auf. Danach arbeitete er an „Verbesserungsvorschlägen für Flugzeugpropeller“, einem Projekt, für das er am 17. August 1911 ein Patent erhielt. Schließlich dominierte die Philosophie: Nicht zuletzt auf Anregung Gottlob Freges, den er 1911 in Jena besuchte, nahm Wittgenstein ein Studium in Cambridge am Trinity College auf, wo er sich intensiv mit den Schriften Bertrand Russellsbeschäftigte, insbesondere mit den Principia Mathematica. Sein Ziel war es, wie bei Gottlob Frege die mathematischen Axiome aus logischen Prinzipien abzuleiten. Russell zeigte sich nach den ersten Begegnungen nicht beeindruckt von Wittgenstein: „Nach der Vorlesung kam ein hitziger Deutscher, um mit mir zu streiten […] Eigentlich ist es reine Zeitverschwendung, mit ihm zu reden.“ (16. November 1911.) Doch nach nicht einmal zwei Wochen sollte sich Russells Meinung ändern: „Ich fange an, ihn zu mögen; er kennt sich aus in der Literatur, ist sehr musikalisch, angenehm im Umgang (ein Österreicher), und ich glaube, wirklich intelligent.“[1] Schon bald hielt Russell Wittgenstein für höchst talentiert, und Russell war schließlich der Meinung, Wittgenstein sei geeigneter als er, sein logisch-philosophisches Werk fortzuführen. Russell urteilte über ihn
„[Wittgenstein was]... one of the most exciting intellectual adventures [of my life]. ... [He had] fire and penetration and intellectual purity to a quite extraordinary degree. ... [He] soon knew all that I had to teach.
His disposition is that of an artist, intuitive and moody. He says[,] every morning he begins his work with hope, and every evening he ends in despair.His disposition is that of an artist, intuitive and moody. He says[,] every morning he begins his work with hope, and every evening he ends in despair.“„[Wittgenstein war] ... eines der erregendsten intellektuellen Abenteuer [meines Lebens]. ...[Er hatte] Feuer und Eindringlichkeit und eine intellektuelle Reinheit in einem ganz außerordentlichen Ausmaß. ... Nach kurzer Zeit wusste [er] alles, was ich beizubringen hatte.Seine Verfassung ist die eines Künstlers, intuitiv und launisch. Er sagt von sich, dass er jeden Morgen voller Hoffnung beginne, aber jeden Abend in Verzweiflung ende.“– Bertrand Russell[2]
Unter anderem mit Russells Unterstützung wurde Wittgenstein im November 1911 in die elitäre Geheimgesellschaft Cambridge Apostles gewählt. In David Pinsent fand er dort seinen ersten Geliebten.[3] Sie erwarben gemeinsam ein Holzhaus in Skjolden in Norwegen, wo Wittgenstein 1913 für einige Monate an einem System der Logik arbeitete. Dass Wittgenstein homosexuell war, hatte zuerst sein Biograph William Warren Bartley 1973 auf Grund von Aussagen anonymer Freunde Wittgensteins und zweier in Geheimschrift verfasster Tagebücher öffentlich gemacht.[4]
Ab 1912 begann Wittgenstein mit Arbeiten an seinem ersten philosophischen Werk, der Logisch-philosophischen Abhandlung, die er bis 1917 in einem Tagebuch als Notizen festhielt. Auch während seiner Zeit als österreichischer Freiwilliger im Ersten Weltkrieg beschäftigte er sich weiter damit, bis er das Werk schließlich im Sommer 1918 vollendete.[5] Es erschien jedoch erst 1921 in einer fehlerhaften Version in der Zeitschrift Annalen der Naturphilosophie. 1922 wurde schließlich eine zweisprachige Ausgabe unter dem heute bekannten Titel der englischen Übersetzung veröffentlicht: Tractatus Logico-Philosophicus. Abgesehen von zwei kleineren philosophischen Aufsätzen und einem Wörterbuch für Volksschulen blieb die Logisch-philosophische Abhandlung das einzige zu Lebzeiten veröffentlichte Werk Wittgensteins.
Im Rahmen seiner Kontakte zu der von Ludwig von Ficker herausgegebenen Kulturzeitschrift Der Brenner und dem Innsbrucker „Brenner-Kreis“ lernte Wittgenstein Werke des Dichters Georg Trakl kennen. Im Juli 1914 beschloss Wittgenstein, sein beachtliches Erbe für wohltätige Zwecke zu verwenden. Gefördert wurde unter anderem Trakl mit einer einmaligen Summe von 20.000 Kronen. Auch war Wittgenstein indirekt in das Geschehen um den Tod Georg Trakls involviert. Auf Bitten Trakls, der sich nach einem Selbstmordversuch in einem Krakauer Garnisonsspital befand, reiste Wittgenstein am 5. November 1914 nach Krakau, um Trakl zu besuchen. Trakl war jedoch zwei Tage vor Wittgensteins Eintreffen in Krakau gestorben.[6]
Im Ersten Weltkrieg kämpfte Wittgenstein als österreichischer Soldat an der Ostfront in Galizien. Durch die guten familiären Kontakte nach England - insbesondere zu Bertrand Russell - war Wittgenstein durch den Vatikan, Freunde im neutralen Norwegen und der Schweiz in der Lage, mit Freunden auf der „anderen Seite“ in Briefkontakt zu bleiben. Bei Kriegsende wurde er bei Asiago von den Italienern gefangengenommen und in das Offiziersgefängnis in Monte Cassino gebracht. Sein englischer Freund John Maynard Keynes konnte sich als Mitglied der Friedenskonferenz in Paris für seine Freilassung einsetzen. Auch mit seinem Vetter, dem späteren Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek, mit dem er in Österreich und England in Kontakt stand, blieb er in Verbindung. Nach der Lektüre der Kurzen Darlegung des Evangeliums von Leo Tolstoi äußerte er gegenüber dem Freund Franz Parak den Wunsch, in Zukunft Kinder das Evangelium zu lehren. Durch die Schrecken des Krieges wurde er vom Logiker zum Mystiker im Sinne der „negativen Theologie“. So reifte in ihm der Plan, Volksschullehrer zu werden. (Ludwig Wittgenstein, Leben und Werk, Wikipedia, abgerufen am 05.04.2017)
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Zu dieser „Wiener Ausgabe“ kann man nur gut wienerisch sagen: „Na servas“ (ein Ausdruck großen Unglaubens und großer Bewunderung).

Die Suhrkamp-Bände sind vergnüglich lesbarer Text für die ernsthaften Lesens Kundigen, also doch für ziemlich einige. Die Springer-Bände, einer liegt schon vor, bieten ein minderheitlicheres Vergnügen. Indem sie die ungekürzte Fülle und das Gewimmel der Varianten hemmungslos darbieten, geraten sie zur Partitur einer Wittgenstein-Musik, die bisher unerhört war, voll des Zaubers der Wiederholung, Leidenschaft mal Mathematik, Todesernst mal Ironie, Fortschreiten quer durch Widersprüche bis zum Gegenteil hin und wieder retour.

Die Wittgenstein-Bände bei Suhrkamp, rügt Nedo, „vom Umfang ca. 20 Prozent seines Werkes ... greifen ... interpretierend in den Textbestand selbst ein und entsprechen so nicht den Kriterien der philosophischen Texttreue“. Nur seine Ausgabe, sagt Nedo, genüge der Wittgensteinschen Forderung (1945), „daß darin die Gedanken von einem Gegenstand zum anderen in einer natürlichen und lückenlosen Folge fortschreiten sollen ... gleichsam eine Menge von Landschaftsskizzen, die auf diesen langen und verwickelten Fahrten entstanden sind“.

Das heißt: Man kann Wittgenstein nur dann richtig verstehen, wenn man alle 30 000 Seiten Nachlaß gelesen hat; Weil man die aber nicht alle richtig lesen kann, kann man Wittgenstein auch nicht richtig verstehen. Daran ändert sich natürlich nichts, wenn Michael Nedos Titanen-, Sisyphus, Ariadne- und so weiter -Werk tatsächlich gelingen sollte, im Gegenteil, je genauer und umfangreicher Nedo ediert, desto schlimmer wird’s.

Wittgenstein aber hat vorgesorgt. 1943, bei einer geplanten Neuausgabe des „Tractatus logico-philosophicus“ ersetzte er das bisherige Motto – aus Hertz, Prinzipien der Mechanik, einen beruhigenden Satz, wie man „schmerzende Widersprüche entfernt“ – durch ein gegenteiliges Motto von Nestroy: „Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, daß er viel größer ausschaut, als er wirklich ist.“

Eben.

mehr:
- Wittgenstein, ein Nestroy der Philosophie. Bemerkungen zur monumentalen „Wiener Ausgabe“ seines Nachlasses: Das Unaussprechliche ist unaussprechlich (Günther Nenning, ZON, 18.11.1994)
dazu auch:
- Philosophie: Woran Österreich sparen möchte (Andreas Wang, ZON, 15.01.2004)
- Studenten von früher: Ludwig Wittgenstein (Jan Greve, ZEIT Campus, 26.04.2016)
- Verbindungen I – 1905 (Post, 2009)

siehe auch:
- Taschenbuch: Beredtes Schweigen (Franz Schuh, ZON, 09.12.2016)
- "Ex Machina": Ach Mensch, Maschine (Daniel-C. Schmidt, ZON, 20.04.2015)
- Philosophie: Ganz kranke Familie (Eberhard Straub, ZON, 26.11.2009)
- Philosophie: Der Sprengmeister (Thomas Assheuer, ZON, 24.11.2009)
- Medea und Wittgenstein: Zu einer Paolozzi-Ausstellung in der Düsseldorfer Kunsthalle (Gottfried Sello, ZEIT, 06.12.1968)

Bertrand Russell on Ludwig Wittgenstein {0:56}

Chris Swift
Veröffentlicht am 10.04.2012
Bertrand Russell on Ludwig Wittgenstein. The clip came from an episode of the BBC Radio 4 show "Great Lives", The whole show is still available online here: http://www.bbc.co.uk/programmes/b0184rgn


Wittgenstein: A Wonderful Life (1989) {48:53}

Veröffentlicht am 04.09.2015
From VHS. A BBC 'Horizon' film about the remarkable life of the Austrian philosopher Ludwig Wittgenstein. He was born in Vienna in 1889 and died in Cambridge in 1951, having turned philosophy upside down and inside out...

Ludwig Wittgenstein - Die Wahrheit der Worte (2002) {40:21}

Veröffentlicht am 18.08.2016
"Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Ludwig Wittgenstein
Ludwig Wittgenstein (1889-1951) war ein österreichisch-britischer Philosoph. Er lieferte bedeutende Beiträge zur Philosophie der Logik, der Sprache und des Bewusstseins. Seine beiden Hauptwerke Logisch-philosophische Abhandlung (Tractatus Logico-Philosophicus 1920) und "Philosophische Untersuchungen" (1953, postum) wurden zu wichtigen Bezugspunkten zweier philosophischer Schulen, des Logischen Positivismus und der Analytischen Sprachphilosophie.
Im Jahr 1920 erschien das im Ersten Weltkrieg entstandene Werk "Traktatus Logico-Philosophicus", mit dem ein junger Philosoph namens Ludwig Wittgenstein glaubte, die Probleme der Philosopie gelöst zu haben. Als er sich jedoch in den Zwanzigerjahren anderen Pragmatischen Dingen zuwandte, als Gärtner, Architekt und Lehrer arbeitete, veränderte sich seine philosophische Position. Nicht mehr die mathematisch-exakte Beweisführung von sinnvollen und sinnlosen Aussagen beschäftigte ihn, sondern die Vielfältigkeit der Sprachwendungen im Alltag. Diese beiden extrem unterschiedlichen Positionen bilden den Keim dieses Films zu Ludwig Wittgenstein. Die Darstellung seines Lebens, verbunden mit entsprechenden Filmaufnahmen aus Wien, Niederösterreich und Cambridge, verdeutlicht die Spannung zwischen Früh- und Spätwerk. Hierzu und zur Bedeutung der Philosophie Wittgensteins im 20. Jahrhundert kommen Experten zu Wort (2002).
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