Donnerstag, 8. September 2016

Muho: Sich selbst loslassen

Muho in der Urania Berlin, 6. September 2016 {1:31:49}

Antai ji
Am 08.09.2016 veröffentlicht 

Montag, 22. August 2016

Amok in der Männerdämmerung

Männlichkeitswahn ist sicher eine Reaktion auf die Ahnung, dass das Patriarchat weltweit in die Krise gekommen ist - aber das ist nicht alles

Eines der wunderbarsten Phänomene der Mediengesellschaft ist nach wie vor, dass sie nicht nüchtern und klar die offensichtlichste Tatsache im Zusammenhang mit Gewalt benennen kann: Gewalt ist überwiegend männlich. Das gilt auch für die jüngsten Schreckenstaten, die angeblich "den Terror nach Deutschland" brachten - als habe es vorher hierzulande noch nie Terror gegeben. Die Zahl schwerer Gewalttaten sinkt seit fast einem Jahrzehnt Jahr für Jahr, aber eine bemerkenswerte Anzahl von Männern findet nach wie vor Gefallen daran, gewalttätig blöd zu sein.

An Angeboten zum Aggressiven und autoaggressiven Ausagieren ist freilich kein Mangel. Religion, Sport, Krieg, Politik, Konsum, Wirtschaft, Sexismus, Rassismus sind da nur ein paar Beispiele. Nehmen wir nur das echte deutsche Heldentum während der Olympiade in Rio. Der Turner Andreas Toba verletzte sich bei seiner Turnerei schwer, machte aber unter größten Schmerzen weiter, und die Presse fand es so wunderbar wie seinerzeit Schweinis Feldzug als "Blutkrieger".

Die Selbstaufrüstung der Extremsportler, die aus sieben Kilometer Höhe ohne Fallschirm in ein Netz hageln oder sich gar aus dem Weltraum auf die Erde herunterstürzen, findet ihren Spiegel in den Aktionen von Jugendlichen, die ungesichert auf Kirchtürme steigen und oben ein Instagram-Foto von ihren Füßen über dem Abgrund machen.

Angebote für alle

Das ist genauso ein Aspekt der toxic masculinity wie die psychopathische Eiseskälte des Finanzdurchblickers, der gar nicht mehr anders kann als jede Mikrosituation daraufhin auszuloten, ob sie ihn im Wettbewerb mit all den anderen Finanzdurchblickern nach vorne bringt.

Der Islam ist ebenfalls eines der aktuellen Angebote, und zwar eines der wirkmächtigsten. Männern wird im Islam attestiert, dass ihre Herrschaft gottesgefällig ist. Dass Allah als projiziertes Größen-Ich des ihn verehrenden Mannes der beste von allen Göttern ist, steht ja wohl von vornherein fest. Noch schöner am Islam ist, dass er gleich zwei Typen von Testosteron-Junkies hervorbringt: den Dschihadisten und den Abendlandsverteidiger; beide mit Eiern aus Stahl und Köpfen voller Wirsing aus den Zeiten der Kreuzzüge.
mehr:
- Amok in der Männerdämmerung (Marcus Hammerschmitt, Telepolis, 21.08.2016)


Johannes Sadeler, Phyllis und Aristoteles, 16. hdt.,
Quelle: The Curious History of Phyllis on Aristotle,
Darin Hayton,  19.02.2016
mein Kommentar:
»Gewalt ist überwiegend männlich.«
Kopfschüttel, Kopfschüttel, Kopfschüttel… Immer vorsichtig mit den Interpretationen!
Nicht Gewalt ist überwiegend männlich, die Gewalt, von der berichtet wird, ist überwiegend männlich!
Das Problem, um das es geht, gleicht dem Bild Magrittes: »Ce n'est pas une pipe!«
Die Tatsache, daß über weibliche Gewalt nicht berichtet wird, bedeutet nicht, daß es sie nicht gibt!
Und die Tatsache, daß Frauen über Jahrhunderte unterdrückt wurden, hat diese nach subtileren, nicht-körperlichen Formen suchen lassen, in denen sie ihre Aggressivität leben. Aber: die Emanzipation schreitet voran, auch auf dem Gebiet der körperlichen Gewalt!




Mittwoch, 17. August 2016

Fischer im Recht / Wahnsinn III – Störung, Wahn und Schuld

Zwei Meldungen vorab!
Erstens: Wir freuen uns, liebe Leserinnen und Leser, Ihnen mitteilen zu können, dass in der vergangenen Woche der Verein für Reinhaltung von Sprache, Meinung und Zitierung (RSMZ) gegründet wurde. Die Gründungsmitglieder entstammen höchsten Kreisen der Presse (3), der Justiz (2) sowie der Psychiatrie (1). Der Verein ist gemeinnützig und hat sich zum Ziel gesetzt, Schmutz und Schund in Kolumnen aufzuspüren, allenthalben für Mäßigung zu sorgen und der Erwähnung sekundärer oder gar primärer Geschlechtsmerkmale ein Ende zu setzen.

Der Kolumnist unterstützt diese Bemühung selbstverständlich vorbehaltlos. Insbesondere, da ihm kürzlich von einem alten Zigeuner prophezeit wurde, er werde unter dieser Voraussetzung ruhigen Herzens in Pension gehen dürfen. Von nun an wird er deshalb gnadenlos an den Gutachterausschuss des RSMZ melden, was ausgemerzt gehört!

Zweitens: In der vergangenen Woche haben wir aus den Medien – unter anderem – Folgendes gelernt: dass die strafprozessuale Durchbrechung der ärztlichen Schweigepflicht ein wichtiger Schritt im Kampf gegen den Terrorismus sei (Quelle: CDU plus Weltpresse), dass allen Schweinen der Schwanz (Achtung, FAZ!) abgeschnitten gehöre (Quelle: Lohfink, Weltpresse), und dass, falls Hillary C. Präsidentin werden sollte, allenfalls noch die National Rifle Association etwas gegen die Ernennung eines linksextremistischen Obersten Bundesrichters unternehmen könne (Quelle: Entenhausener Kurier). Man könnte das für Nachrichten aus einer Welt des Wahns halten. Sie stammen aber, wie die Quellen belegen, aus den Zentren zivilisatorischer Vernunft.

Preisverleihung

Den Kolumnistenpreis für den erhellendsten Beitrag der Woche erhält diesmal der Deutschlandfunk für ein bizarres Interview vom 9. August zwischen dem Moderator Tobias Armbrüster und der Journalistin Gisela Friedrichsen über die bevorstehende Entlassung des Strafgefangenen Dieter Degowski ("Gladbecker Geiseldrama") nach 30 Jahren Haftzeit (nachzuhören in der DLF-Mediathek).

mehr:
- Störung, Wahn und Schuld (Thomas Fischer, ZON, 16.08.2016)
Zitate:
[…] denn der Titel eines Gesetzes fällt nicht vom Himmel oder erscheint dem Bundestagspräsidenten im Traum, sondern ist das Ergebnis eines rechtspolitischen Wollens und Formens oder Sinnens: Die Fraktion, die sich durchsetzt, bestimmt auch den Titel des Gesetzes. Und wenn sie dazu der Hilfe einer Politikberatungsfirma bedarf, deren Partner aus einer Riege vordem bedeutender Elder-Fraktionsmen besteht, so ist das nur natürlich und nicht schlecht, sondern gut (wie Mao sagen würde).

Also heißt ein Gesetz, das die Förderung von Arbeitslosen einschränkt, "Gesetz zur Beschleunigung der Integration in den Arbeitsmarkt", ein Gesetz, das das Streikrecht beschränkt, "Gesetz zur Modernisierung der Arbeitnehmervertretung", ein Gesetz, das den Bürgern jede denkbare Möglichkeit nimmt, selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden, "Gesetz zur Sicherstellung der Lebensfreude".

Warum ist das so? Weil die Worte "Reform" oder "Modernisierung" etwas in uns anstoßen. Täten sie das nicht – jeder Politiker, jede Partei und erst recht jede Regierung miede sie. Niemand würde seinen Gesetzesvorschlag nennen: "Gesetz zur Rückwärtsorientierung" oder "Gesetz zur Rückgängigmachung der Reform…". Die Botschaft ist also ein stetes Vorwärts! Und sie trifft immerzu in die Seelen: Vorwärts, wohin auch immer! […]

Der Wahnsinn

Wenn Sebastian Schweinsteiger, ungedopt, aus Sicht von Mehmet S. dezent übergewichtig, untrainiert, in der 93. Minute gegen die Ukraine ein Tor schießt wie Günter Netzer (aus Sicht von Waldemar H. dezent adipös) im Pokalfinale von 1973, dann sagt der Maghrebiner: "Wahnsinn". Er meint damit natürlich nicht, dass der Schweini von 2016 geisteskrank geworden sei, sondern nur, dass die Wirklichkeit vor den Augen des Nordafrikaners soeben eine Form angenommen hat, die er für übernatürlich hielte, stünde das Gegenteil nicht fest. Aber das tut es.

Anders wäre es: Wenn zum Beispiel eine riesige blauweiße Wolke sich über das Stadion senkte, und eine Stimme käme aus dem Himmel wie aus tausend Marshall-Verstärkern, die da spräche: "Dies ist mein lieber Mittelstürmer, an dem ich Wohlgefallen habe", und dann liefe ein kleiner Mensch, der sich niemals selbst eingewechselt hat, ganz allein in einem Halbkreis gegen den Ball, in Super-Slow-Motion, und die Bananenflanke senkte sich von rechts herein, und Uwe Seeler stiege hoch und hoch, höher als jemals vor ihm ein Mensch gestiegen ist, und er legte sich quer in der Luft, drei Meter über dem braunen Rasen, und er zöge einen Seitfallrückzieher mit dem rechten Spann ins linke Lattenkreuz, und noch bevor er den Boden berührte, wäre er vom gnadenlosesten Treter aller Zeiten, Nobby Stiles, genannt Ohnezahn, schon wieder gefoult worden, aber egal. […]

Also werden wir auch die Sache mit dem Dschihad hinkriegen: Je sicherer wir unserer Welt sind, desto schneller. Denn der Dschihad kämpft, entgegen seinem durcheinandergeratenen Zeitgefühl, mitnichten gegen das Kreuzfahrertum oder die Geißlerzüge oder die Verzückung der heiligen Märtyrer, und daher auch nicht gegen das "Abendland": Er kämpft auch mitnichten für das, was er zu sein vorgibt: ein Gottesreich. Denn das, liebe Verzückte, haben wir längst hinter uns.

Der Dschihad kämpft in seinen Wurzeln gegen die Armut und die Dummheit, in seinen Formen aber gegen die Offenheit und die Freiheit, für die erbärmlichste ejaculatio violentiae und einen Streifen mehr auf dem Turnschuh und zwei Gramm mehr Koks im Hirn. Das macht die Sache unübersichtlich. Die Drogenmafia in Mittelamerika ist eine Degenerationsform des Dschihad. Der Dschihad ist ein zweitausend Jahre verspäteter Spartakus-Aufstand: Sklaven möchten Herren sein. […]

Was halten wir für "normal"? Uns selbst. Alles andere: irgendwie verrückt, oder zu dick, oder fehl am Platze. Was machen wir mit den Verrückten? Alle umbringen, sagt die Ameise. Alle therapieren, sagt der Therapeut. Alles schwierig, sagt der Soldat: Erst mal ein paar Panzerhaubitzen auffahren und die Lage stabilisieren. Und was dann?

siehe auch:
- Wahnsinn II: Wunder, Wahn und der Paragraf 20 (Thomas Fischer, ZON, 09.08.2016)
- Wahnsinn: Böse, verrückt oder ein Würstchen?: (Thomas Fischer, ZON, 02.08.2016)
- Serie Fischer im Recht bei ZON


Dienstag, 16. August 2016

Geld, der kollektive Fetisch

Philosophie Linke Denker haben die Religionen immer skeptisch betrachtet. Der Gott, der über alles herrscht, ist indessen das Geld

Muslimische Immigranten nötigen uns dazu, die Frage neu zu bedenken, wie Linke es mit der Religion halten. Auf der Flucht vor einem grausamen Krieg sind Hunderttausende zu uns gekommen, die einerseits die linke Bereitschaft zur Solidarität einfordern, viele von uns aber andererseits daran erinnern, dass sie doch eigentlich Religionsfeinde sind. Sind wir schon über die Rolle der Kirchen in unserer Gesellschaft empört, wird uns nun auch noch Hilfsbereitschaft Menschen gegenüber abverlangt, die dem Islam folgen, einer Religion, die bei einigen sogar als „besonders schlimm“ verschrien ist.

Manche Debatten unserer Tage zeigen denn auch, dass eine bedenkliche Schnittmenge entstanden ist zwischen nicht wenigen Linken und der AfD, deren Schlachtruf „Gegen die Islamisierung des Abendlands“ sie kaum etwas entgegenzusetzen haben. Und derweil verliert die Linkspartei Protestwähler. Sie ist über einen Antrag zerstritten, der die große Losung der Französischen Revolution, „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, durch „Freiheit, Gleichheit, Laizität“ ersetzen will.

Können sich Religionsfreie vorbehaltlos auf die Seite muslimischer Flüchtlinge stellen? Müssen sie nicht erst einmal deren Religion angreifen? Von der Beantwortung dieser Frage hängt vieles ab. Wie so oft aber steht die Frage selbst schon ihrer Beantwortung im Weg, weil sie eine Differenz überspringt. Denn es gibt zwei sehr verschiedene Arten, religionsfrei zu sein, die liberale und die marxistische. Liberale sind seit der Französischen Revolution Religionsfeinde gewesen. In Italien bekämpften sie erbittert den Kirchenstaat und reduzierten ihn auf den Vatikan. Vor der Revolution hatten viele ihrer Vorgänger, der Aufklärer, noch eher versucht, das Christentum neu zu interpretieren, besonders Immanuel Kant mit seiner Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (1793). Da aber der Katholizismus, in seiner Existenz bedroht, sich darauf nicht einließ, verhärteten sich die Fronten.

mehr:
- Kollektiver Fetisch (Michael Schäfer, der Freitag, 10.08.2016)
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Montag, 15. August 2016

Medizin und Marketing: »von Suggestionen befreien!«

Medizin Die Internistin Gisela Schott über Medizin und Marketing
mehr:
- „Wir müssen uns von Suggestionen befreien“ (Ulrichke Baureithel im Gespräch mir der Internistin Gisela Schott, der Freitag, 07.09.2016)
Zitat:
Es geht nicht an, dass Ärzte, die enge Verbindungen zur Pharmaindustrie unterhalten, in Kommissionen sitzen, in denen Krankheiten definiert, Grenzwerte festgelegt oder die Therapie-Leitlinien erarbeitet werden. In größerem Maßstab geht es aber auch um die klinische Arzneimittelforschung in Deutschland. Solange diese fast ausschließlich von der pharmazeutischen Industrie finanziert wird, wird man verzerrte Informationen erhalten.
siehe auch:
- Ist die Psychopharmakologie verrückt geworden? – Kapitalismus-infizierte Wissenschaft (Post, 31.01.2016)

Sonntag, 14. August 2016

Wie kommt die Welt in den Kopf?

Tendenz: Je seriöser die mit Gehirnforschung befassten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten, desto zurückhaltender sind sie mit ihren Äußerungen. Als zunehmend problematisch erweist sich in diesem Zusammenhang die ‚Ver- betriebswirtschaftlichung’ (auch) der Wissenschaften.
Die ‚Verbetriebswirtschaftlichung’ weiter Lebensbereiche nimmt zu: Gewinnorientie- rung, Nachfragepräferenzen und das Streben nach Effizienz erfassen immer mehr Lebensbereiche und unterwerfen sie einem Nützlichkeitskalkül. Diese Funktionalisie- rung hat auch die (Neuro-)Wissenschaften erfasst und bewirkt einen zunehmenden Erfolgsdruck. Nicht, ob etwas sinn-, wertvoll oder wünschenswert ist, entscheidet i. d. R., sondern ob es
• machbar oder
• durchsetzbar ist.

Das Sollen verblasst neben dem Können. Erfolg zählt vor allem – nicht Leistung. Und Erfolg wird einem Kosten-Nutzen-Kalkül unterworfen: Ist, was geleistet wird,
• vermarktbar (im Sinne von: verkäuflich)?
• lässt es sich öffentlichkeitswirksam präsentieren?
• stimmen Quote, Kurs oder Bilanz?

Die Konsequenzen bedauern vor allem seriöse Wissenschaftler selbst: Wer gezwun- gen wird, immer mehr Dritt- oder Projektmittel einzuwerben, muss sich zwangsläufig Marktmechanismen unterwerfen, Marketingaspekte berücksichtigen und feststellen, dass Zuschüsse – zu – häufig nach dem amerikanischen Sprichwort vergeben werden: 

„Das Rad, das am lautesten quietscht, wird zuerst geschmiert.“
Das allerdings führt häufig dazu, dass notwendige Grundlagenforschung zu Gunsten marktfähiger, spektakulärer, öffentlichwirksamer Projekte vernachlässigt wird.

Seriöse Gehirnforscher bemühen sich, hinreichend deutlich zu differenzieren zwischen dem
a) was mit großer Sicherheit feststeht (z. B. die Plastizität des Gehirns),
b) was vermutlich zutrifft (z. B. die sensiblen Phasen),
c) wasHypothesen,intelligenteSpekulationenu.a.sind(z.B.begünstigende Faktoren für das Lernen),
d) was als Mythos entlarvt worden ist bzw. werden sollte (z. B. "Hemisphären"- Rezeptologien).


Wichtiger Hinweis: Wenn im Folgenden – ausschließlich im Interesse besserer Lesbarkeit! – ‚dem’ Gehirn bestimmte Aktivitäten zugeschrieben werden („das Gehirn strebt an“, „entscheidet“...), bedeutet das nicht etwa eine Neurobiologisierung der Sprache:
Es handelt sich lediglich um eine Metapher bzw. um eine ‚Personifikation’! Eine an jeder Stelle hinreichend differenzierte Darstellung würde diese thesenartige Zusammenfassung stark verkomplizieren.


Inhaltlich korrekt: → Nicht etwa „das Gehirn“ strebt an, entscheidet oder wägt ab, sondern immer nur eine bestimmte Person entscheidet, denkt o. a. kraft ihres Gehirns.
Es ist unangemessen, dem biologische Organ Gehirn eine spezifische Subjektqualität zuzuschreiben. Leider gibt es immer noch zu viele Hirnforscher, die eine derartige Anthropomorphisierung („das Gehirn möchte...“) betreiben.

Also: ‚Das Gehirn’ denkt nicht – es funktioniert!

[…]
Das Gehirn hat keinen direkten Kontakt zur Umwelt. Damit die Nervenzellen des Gehirns erregt werden können, müssen elektromagnetische, mechanische, chemische u.a. Reize durch die Sinnesrezeptoren in neuroelektrische oder neurochemische Signale umgewandelt werden.
Im Gehirn existieren Nervenzellen unterschiedlichster Art. Aber alle haben dieselbe Funktion: Erregungen werden aufgenommen, verarbeitet und weitergeleitet (oder auch nicht!).
Mit der Transformation von Umweltreizen in neuronale Erregungen verschwinden alle spezifischen Eigenschaften, die diese Reize haben: Man kann nicht erkennen, ob die Erregung einer Nervenzelle im Gehirn von einer Licht- oder Schalldruckwelle o.ä. her- rührt. Alle Nervenzellerregungen sind im Prinzip gleich und können im Gehirn parallel miteinander verarbeitet werden.
Auch in diesem Zusammenhang gilt: Das „Lernen mit allen Sinnen“ ist auch evolutionsbiologisch notwendig, damit möglichst viele Sinnesreize verarbeitet werden und möglichst viele Kanäle, Seitenwege und Trampelpfade gebahnt werden können.
Modalitäten und Qualitäten von Sinnesreizen werden durch den Ort ihrer Verarbeitung im Gehirn festgelegt – unabhängig davon, woher die Erregung stammt.
Herkunft und Bedeutung der eintreffenden Erregungen erschließt das Gehirn auf der Basis komplizierter angeborener und erworbener Fähigkeiten.
Damit ein Reiz überhaupt als bedeutungstragendes Zeichen erkannt werden kann, muss das Gehirn entsprechend disponiert sein: Bedeutungen können nicht unmittelbar aufgenommen oder übertragen werden, sondern werden von jedem Gehirn individuell erzeugt und existieren nur innerhalb kompliziert interagierender Systeme

mehr:
- Prinzipielles zum menschlichen Gehirn, Vorbemerkung zum Kenntnisstand und zur Erkenntnisgewinnung (aus: Günther Behrens, Wie kommt die Welt in den Kopf? Prinzipielles zur Gehirnforschung nebst einigen Konsequenzen für das ‚gehirngerechte’ Lehren und Lernen in der vhs, Volkshochschulbverband Baden-Württemberg, 2009, PDF)
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Freitag, 12. August 2016

Bertha Pappenheim: „Mir ward die Liebe nicht“

Die Psychoanalyse schuf den Mythos der Frau mit verkappten sexuellen Wünschen. Die Autorin dieses Gedichts ist die von Sigmund Freud analysierte Anna O. Zu wenig weiß man über ihr erstaunliches Leben nach der Heilung.

Worte sind wie Häuser, sie können sich ihre Mieter nicht aussuchen. Eine der unglücklichsten Einquartierungen stammt aus der Medizingeschichte: „Jede Person, bei welcher ein Anlaß zur sexuellen Erregung überwiegend oder ausschließlich Unlustgefühle hervorruft, würde ich unbedenklich für eine Hysterika halten.“

Mit dieser Entdeckung begründet Sigmund Freud 1895 seine Theorie über die decodierbare Verbindung von Körper und Seele. Es ist die Geburtsstunde der Psychoanalyse. Doch dieser Beginn beruht auf keiner haltbaren Erkenntnis, sondern schafft einen unseligen Mythos. Den Mythos der Frau mit verkappten sexuellen Wünschen. Schon vor Freud entwickelten Ärzte die Vorstellung von der wandernden Gebärmutter, griechisch hystéra. Wenn Frauen Symptome hatten, für die sich keine Erklärung fand, sie unter Lähmungen litten, Sehstörungen oder Sprachverlust, so lautete die Diagnose: Hysterie. – Es ist kein Märchen, man glaubte wirklich, die Gebärmutter geistere auf der Suche nach Sperma in Richtung Gehirn. Logisch, dass sich auf solche Suche vor allem die hystéra junger Mädchen und unverheirateter Frauen begeben musste.
mehr:
- Bertha Pappenheim: „Mir ward die Liebe nicht“ (Marion Titze, faz.net, 12.08.2016)

Die Liste von Berthas Symptomen, die sie im Laufe des Jahres 1880 entwickelt, die Breuer teilweise aus der Rückschau rekonstruiert, ist beachtlich:

Zunächst tauchen im Frühjahr 1880 – also ungefähr zu Berthas 21. Geburtstag – un­ge­klärte Ge­sichtsschmerzen mit Zuckungen auf (349 f.) (ein „Schlag ins Gesicht“?). Da Breuer dies im Zusammenhang mit der Krankengeschichte erwähnt, mag er auch hierin mit aller Vorsicht eine hysterische = psychosomatische Symptomatik ­sehen. Er konstatiert, dass die entsprechende Störung „ohne bekannte Ursache“ sei.

In einer angespannten Situation – als sie in der Nacht vom 17. zum 18. Juli 1880 beim Vater voller Angst Wache hält, an dem ein dringender medizinischer Eingriff vorgenommen werden soll – halluziniert sie im Halbschlaf („Absence“) eine Schlange, die sie abwehren möchte. Ihr eingeschlafener Arm (Drucklähmung) versagt seinen Dienst. Seither lösen Angst oder schlangenähnliche Gebilde Lähmungen des Armes aus.

In ebendieser Situation ist sie stumm vor Schreck, dann fällt ihr erst mühsam ein englischer Spruch ein. In angespannten Situationen kann sie nun oft nur noch Englisch reden oder verstehen.

Als sie am nächsten Tag angestrengt lauscht, ob sie den Doktor kommen hört, gerät sie erneut in eine Absence und bemerkt nicht, wie er das Zimmer betritt. Seither löst ängstliches Horchen Taubheit aus.

An Stelle des Vaters wird eventuell ein Totenkopf oder ein Skelett gesehen. Gehörs­halluzinationen treten auf, dass der Vater etwas sagt oder ruft, nachdem sie den Vater einmal überhört hatte. Seitdem tritt häufiger Nicht-Erkennen und Nicht-Verstehen von Menschen auf.

Bisweilen werden einzelne Gegenstände sehr groß und undeutlich gesehen. Dieses Symptom geht hervor aus einer Situation, in der Tränen das Gesehene deformieren: Sie soll eigentlich zu Hause den Vater pflegen, geht jedoch trotzdem ins Theater; in dem Pro­gramm­heft, das sie dort liest, sind einzelne Stellen durch die Tränen im Auge vergrößert, so dass das Lesen erschwert ist.

Weitere Sehstörungen treten auf: Einwärtsschielen mit Doppelbildern. Gemeinsames Ab­weichen beider Augen nach rechts, so dass die Hand immer links daneben greift. Gesichtsfeldeinschränkung, dass beispielsweise nur einzelne Blumen aus einem Strauß, einzelne Stellen in einem Gesicht gesehen werden können.

Ein Stimmritzenkrampf besteht nach unterdrückter Widerrede in einem Streit, danach wiederholt in ähnli­chen Situationen.

Zeitweilige Streck-Kontraktur (Gelenkversteifung) des rechten Armes und des rechten Beines – der Anlass sei Breuer nicht mehr er­innerlich.

Husten setzt ein, nachdem bei der Krankenwache Musik von draußen gehört wurde. Die leidenschaftliche Tänzerin wäre gerne auf der Veranstaltung, macht sich dann aber selbst Vorwürfe wegen dieses Wunsches. Dann tritt Husten wiederholt bei stark rhythmischer Musik auf.

Einmal lauscht sie nachts an der Tür des Vaters, ob sie ein Lebenszeichen von ihm vernimmt. Ihr Bruder überrascht sie und schüttelt sie heftig, worauf Taubheit eintritt. Danach lösen auch andere Formen von Geschüttelt-Werden (beispielsweise bei einer Kutsch­fahrt) Taubheit aus.

Sie sieht einmal den Hund ihrer Gesellschafterin aus einem Glas trinken, wovor sie sich ekelt. Sie unterdrückt einen Kommentar, um nicht grob zu werden. In der Folge bringt sie – in der heißesten Zeit des Jahres – keinen Tropfen Wasser mehr über die Lippen, sondern stillt den Durst sechs Wochen lang nur durch saftiges Obst. (Von dieser Situation herrührend ist die Vorstellung des Trinkens offenbar mit einem starken Ekelgefühl verbunden.)

Zu den Symptomen bemerkt Breuer: „All diese Dinge wiederholten sich einzeln, immer häufiger, aber immer noch vorübergehend und immer vor allen anderen Menschen vollständig verborgen“ (352).

Ende November 1880 wird Breuer wegen des Hustens erstmals konsultiert. Im Dezember 1880 fällt das Schielen auf. Der Patientin wird ab dem 11. Dezember Bettruhe verordnet. Daraufhin brechen einzelne Störungen deutlicher hervor, andere treten erst­mals auf:

Linksseitiger Hinterkopfschmerz, Schielen.

Sie sieht Wände auf sich einstürzen, sonstige Sehstörungen.

Lähmung des vorderen Halsmuskels, so dass der Kopf nur mit dem ganzen Rumpf bewegt werden kann.

Gelenkunbeweglichkeit und Schmerzunempfindlichkeit von rechtem Arm und Bein – Streckung, Bewegungsunfähigkeit, Drehung nach innen –, gleiche Erscheinung später am linken Bein und am linken Arm, wobei links die Finger beweglich bleiben.

Rapidester Stimmungswechsel in Extremen – Heiterkeit (selten), Angst­ge­fühl, Sehnsucht nach dem Vater, Opposition gegen (gefürchtete) thera­peutische Maßnahmen.

Halluzination von Schlangen aus Haaren, Schnüren oder ähnlichem.

„Ungezo­genheiten“: Werfen von Polstern auf ihre Umgebung, Abreißen ihrer Knöpfe, Schimpfen.

Dazwischen klare Zeiten, Klagen über zwei Ichs: In dem einen Zustand ist sie trau­rig, launisch, aber relativ normal, im anderen Zustand halluzinierend, un­gezogen. Hat sich während des Wechsels von dem normalen Zustand in den anderen etwas im Zimmer verändert, so klagt sie, dass ihr die Zeit fehle, dass eine Lücke im Ablauf ihrer bewussten Vorstellung bestehe. Dies wird ihr, wenn möglich, von ihrem Umfeld abgeleugnet. Ihre Klagen, sie werde ver­rückt, versucht man zu beruhigen. (Absencen wurden erstmals beobachtet, als sie, noch außer Bett, mitten im Sprechen stecken bleibt, die letzten Worte wiederholt, um nach kurzer Zeit wieder fortzufahren.)

Es fehlen ihr Worte. Typische grammatikalische Veränderung von Patienten mit Sprachstörungen (Aphasikern) treten auf.

Das Ge­kränkt-Sein durch den Vater (Ursache unklar) führt zu dem Entschluss, nicht mehr nach ihm zu fragen – in dieser Zeit bestehen zwei Wochen lang völlige Sprachlosigkeit. Breuer schreibt, er habe Bertha „gezwungen“ (354; mittels Hypnose?), von ihm zu sprechen. Daraufhin kehrt die Sprache wieder, aber nur Englisch.

Sie zeigt Ekel vor dem Essen, nachdem Appetitlo­sigkeit aufgrund von Angstgefühlen eingetreten war. Das Essen reduziert sie auf ein Minimum.

Nachmittags tritt ein schläfriger Zustand auf. Abends klagt sie dann: „Quälen, quä­len“. Durch Wiederholung eines Stichwortes durch Breuer, das sie tagsüber selbst hatte fallen lassen (zum Beispiel „Sandwüste“), wird dann von ihr eine Ge­schichte erzählt, die ersten Sätze noch in ihrem aphasischen Jargon, im weiteren Verlauf immer besser, bis sie schließlich ganz korrekt spricht. Die Geschichten sind alle tragisch, teilweise sehr hübsch, drehen sich meist um ein Mädchen, das in Angst bei einem Kranken sitzt. Aber auch ganz andere Geschichten kommen vor. Kurz nach dem Ende der Geschichte erwacht sie und ist „gehäglich“ (behaglich), gut aufgelegt, bis sie gegen morgen, nach zwei Stunden Schlaf, in einem anderen Vorstellungskreis gefangen ist. Ist das Geschichten-Erzählen einmal nicht möglich, fehlt die Beru­higung, und am nächsten Abend müssen mehr Geschichten erzählt werden.

In dieser Zeit ist das „Beobachterhirn“ der Patientin bei allem anwesend.

Die Erscheinungen gehen bis März 1881 deutlich zurück: Die Sprachlosigkeit weicht, wobei sie vor allem Englisch redet. Abends spricht sie Fran­zösisch oder Italienisch. Für alles in Englisch Gesprochene besteht keine Er­innerung. Die Kontrakturen schwinden, das Schielen nimmt ab. Der Kopf wird wieder getragen. Am 1. April kann sie aufstehen. […]
Bertha Pappenheim entwickelt selbst den Ansatz zu ihrer Heilung, als sie sich teilweise mit ursprünglich symptomauslösenden Situationen erneut konfrontiert (Breuer & Freud, 1991, S. 57 f & S. 60). Sie führt also gewissermaßen eine „Konfrontation in vivo“ durch, um konditionierte Verbindungen zu lösen. Außerdem entlastet sie sich durch das Erzählen von Märchen. Es stellt Josef Breuers herausragendes Verdienst dar, durch einfühlsames Beobachten die heilsame Wirkung dieser Maßnahme erkannt und sie durch sein aufmerksames Zuhören gefördert zu haben. Die Erzählungen schaffen offenbar ein Ventil, um die Affekte zum Ausdruck zu bringen, die sie einerseits als übergewaltig empfindet, die sie andererseits als ‚gut erzogenes Mädchen’ nicht unbefangen aussprechen kann. Vergleichbar ist dieser Mechanismus mit einem Dampfkochtopf, der sich problemlos öffnen lässt, wenn durch ein Ventil der Druck kontrolliert abgelassen worden ist. Nach einer ersten Reduktion ihrer inneren Spannung gelingt es Bertha, die zugrundeliegenden Situationen zu berichten – dass ihr Bruder sie geschüttelt hatte, dass der Hund ihrer Gesellschafterin aus einem Wasserglas getrunken hatte, dass sie eine vermeintliche Schlange am Bett des Vaters gesehen hatte, usw. Sie kann nun unbefangener ihre eigentlichen Gefühle bezüglich dieser Situationen – Ärger, Ekel, Wut, Abneigung, Angst – zum Ausdruck bringen. Daraufhin verschwinden offenbar die entsprechenden Symptome – die Taubheit, der unüberwindliche Ekel gegen Getränke, die Lähmung. Zum Teil wird wohl von Breuer gezielt Hypnose eingesetzt, um die Erinnerung an die dem Symptom jeweils zugrunde liegende reale Situation zu beleben und sie damit bearbeiten zu können. Bertha selbst nennt diese Art der Behandlung „talking cure“. Das Heilungsprinzip, das dabei wirksam wurde, nennt Breuer „Katharsis“.
[
Berthas Symptome in: Bertha Pappenheim … und ihre Behandlung durch Josef Breuer, König Ödipus, Narziss & Co., undatiert – Hervorhebungen im Original]

 

Bertha Pappenheim: „Mir ward die Liebe nicht“

Mir ward die Liebe nicht –
Drum leb ich wie die Pflanze,
Im Keller ohne Licht.
Mir ward die Liebe nicht –
Drum tön ich wie die Geige,
Der man den Bogen bricht.
Mir ward die Liebe nicht –
Drum wühl ich mich in Arbeit
Und leb mich wund an Pflicht.
Mir ward die Liebe nicht –
Drum denk ich gern des Todes,
Als freundliches Gesicht.

Das Gedicht ist dem folgenden Band entnommen: Marianne Brentzel: „Sigmund Freuds Anna O. – Das Leben der Bertha Pappenheim“. Reclam Verlag Leipzig, Leipzig 2004. 320 S., br. Vergriffen.

[im Artikel von Marion Tietze zitiert, s.o.] 


siehe auch:
- Bertha Pappenheim (1859–1936) (FrauenMediaTurm, undatiert)
- Eine diskrete Geschichte (Andreas Hartmann, FR, 25.03.2014)
- Anna O. – "Ihre Krankheit war Wien" (Interview mit Louise Hecht, Lukas Wieselberg, science.ORF.at, 17.01.2011)
mein Kommentar:
Ich halte diese Art von »feministischer Wissenschaft« für überzogen und irreführend.

Der vorstehende Text ist die überarbeitete Fassung eines Beitrags, der erstmals unter dem Titel Prostitutionswünsche und Rettungsphantasien – auf der Flucht vor dem Vater. Skizzen aus dem Leben einer Frau („Anna O.“ / „P. Berthold“ / Bertha Pappenheim) erschienen ist in: Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen 44, 1990, 788-825.)
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