Sonntag, 29. Mai 2011

Greenson, Metapsychologie und Theorie der Technik der Psychoanalyse

Der folgende Text stammt aus dem Buch von Ralph Greenson und soll einen kurzen Überblick über zwei grundlegende Aspekte psychoanalytischer Arbeit vermitteln: erstens die unterschiedlichen Blickwinkel, unter denen das dargebrachte Material des Patienten durch den Analytiker zu betrachten ist und zweitens die grundlegenden »Spielregeln« psychoanalytischer Arbeit.
Ein kleiner Trost für Laien:  Ich habe das bis heute nicht hundertprozentig verstanden. Aber vielleicht hilft der Text ja auch, mit weniger zufrieden zu sein…


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[…] Die Neurose eines Erwachsenen ist immer um einen Kern aus der Kindheit herum aufgebaut. […]


1.23 Die Metapsychologie der Psychoanalyse

Die psychoanalytische Metapsychologie bezieht sich auf die Mindestzahl von Annahmen, auf denen das System der psychoanalytischen Theorie beruht (Rapaport und Gill, 1959). Die metapsychologischen Schriften Freuds sind weder vollständig noch systematisch, und sie sind über sein ganzes Werk verstreut. Das siebte Kapitel der Traumdeutung (1900), die »Schriften über Metapsychologie« (Freud 1915 b, 1915 c, 1915 d, 1917 b) und die Anhänge zu Hemmung, Symptom und Angst (1926 a) sind die Hauptquellen. Tatsächlich hat Freud nur drei metapsychologische Gesichtspunkte explizit formuliert – den topischen, den dynamischen und den ökonomischen. Den genetischen Gesichtspunkt scheint er für selbstverständlich gehalten zu haben. Freud hat zwar den strukturellen Gesichtspunkt nicht definiert, aber er hat angedeutet, daß er an die Stelle des topischen treten könne (1923 b, G. W. Bd. 13, 5. 247). (Siehe Rapaport und Gill [1959] und Arlow und Brenner [1964] zu diesem Punkt.) DerAnpassungsgesichtspunkt ist ebenfalls impliziert; er ist wesentlich für das psychoanalytische Denken (Hartmann, 1939).
Die klinischen Folgerungen der Metapsychologie weisen darauf hin, daß man ein psychisches Ereignis, will man es von Grund auf verstehen, unter sechs verschiedenen Gesichtspunkten analysieren muß – dem topischen, dem dynamischen, dem ökonomischen, dem genetischen, dem strukturellen und dem der Anpassung. In der klinischen Praxis analysieren wir das, was unsere Patienten hervorbringen, nur teilweise, fragmentarisch, in einem bestimmten Zeitraum. Trotzdem lehrt uns die Erfahrung, daß wir doch alle diese Gesichtspunkte berücksichtigen, wenn wir versuchen, unsere Anfangseinsichten durchzuarbeiten. Ich will versuchen, diese Konzepte im Umriß darzustellen. Einen umfassenderen Überblick findet der Leser bei Fenichel (1945 a, 2. Kap.), Rapaport und Gill (1959) und bei Arlow und Brenner (1964). [Sehr gut geeignet finde ich Siegfried Elhardt, Tiefenpsychologie, Eine Einführung – Anmerkung von mir]
Als ersten postulierte Freud den topischen Gesichtspunkt. Im siebten Kapitel der Traumdeutung (1900) beschrieb er die verschiedenen Funktionsweisen, die die bewußten und die unbewußten Phänomene regieren. Der »Primärvorgang« beherrscht das unbewußte Material, und der »Sekundärvorgang« steuert die bewußten Phänomene. Unbewußtes Material hat nur ein Ziel – die Entladung. Es gibt hier kein Gefühl für Zeit, Ordnung oder Logik, und es können Widersprüche nebeneinander bestehen, ohne einander aufzuheben. Verdichtung und Verschiebung sind weitere Charakteristika des Primärvorgangs. Wenn man ein psychisches Ereignis als bewußt oder unbewußt bezeichnet, meint man damit mehr als einen lediglich qualitativen Unterschied. Archaische und primitive Funktionsweisen sind kennzeichnend für unbewußte Phänomene.
[…]
Der dynamische Gesichtspunkt geht davon aus, daß seelische Phänomene das Ergebnis der Interaktion von Kräften sind. Freud (1916-17, G. W. Bd. 11, S. 62) benützte die Analyse von Fehlleistungen, um die Dynamik zu demonstrieren: »An eines darf ich Sie aber noch mahnen; wollen Sie die Art, wie wir diese Phänomene behandelt haben, als vorbildlich im Gedächtnis behalten. Sie können an diesem Beispiel ersehen, welches die Absichten unserer Psychologie sind. Wir wollen Erscheinungen nicht bloß beschreiben und klassifizieren, sondern sie als Anzeichen eines Kräftespiels in der Seele begreifen, als Äußerung von zielstrebigen Tendenzen, die zusammen oder gegeneinander arbeiten. Wir bemühen uns um eine dynamische Auffassung der seelischen Erscheinungen.« Diese Annahme ist die Grundlage für alle Hypothesen über Triebe, Abwehrmechanismen, Ich-Interessen und Konflikte. Symptombildung, Ambivalenz und Überdeterminierung sind Beispiele für dynamische Vorgänge.
[…]
Der ökonomische Gesichtspunkt betrifft die Verteilung, die Verwandlungen und die Verausgabung von psychischer Energie. Konzepte wie das der Bindung, Neutralisierung, Sexualisierung, Aggressivierung und Sublimierung gründen sich auf diese Hypothese.
[…]
Der genetische Gesichtspunkt betrifft den Ursprung und die Entwicklung psychischer Phänomene. Er hat nicht nur damit zu tun, wie die Vergangenheit in der Gegenwart enthalten ist, sondern auch mit der Frage, warum bei bestimmten Konflikten eine spezifische Lösung gewählt wurde. Er wirft ein Licht sowohl auf die biologisch-konstitutionellen Faktoren als auch auf die Faktoren des Erlebens.
[…]
Der strukturelle Gesichtspunkt geht davon aus, daß man den psychisehen Apparat in mehrere beständige funktionelle Einheiten aufteilen kann. Dies war Freuds letzter wichtiger Beitrag zur Theorie (1923 b). Die Auffassung, der psychische Apparat bestehe aus dem Ich, dem Es und dem Über-Ich, leitet sich von der Struktur-Hypothese her. Sie ist immer dann beteiligt, wenn wir von interstrukturellen Konflikten sprechen, z. B. von Symptombildung, oder von intrastrukturellen Prozessen wie der synthetischen Funktion des Ichs.
[…]
Schließlich formulieren wir heute auch noch einen Anpassungs-Gesichtspunkt, obwohl Freud dies nur impliziert hat. »Das Konzept vom Angepaßtsein ist zum Beispiel in Freuds Aussagen über die Koordination zwischen Trieb und Objekt und in Hartmanns und Eriksons Sätzen über eine angeborene Bereitschaft für eine sich entwickelnde Reihe durchschnittlich zu erwartender Umwelten impliziert« (Rapaport und Gill, 1959, S. 159 bis 160).
Alle Aussagen über die Beziehung zur Umwelt, zu Objekten der Liebe und des Hasses, Beziehungen zur Gesellschaft usw. gründen sich auf diese Hypothese. Jedes der von mir bisher angeführten klinischen Beispiele ist auch ein Beispiel für Anpassungsversuche.


1.24 Die Theorie der psychoanalytischen Technik

Die psychoanalytische Therapie ist eine kausale Therapie; sie versucht, die Ursachen der Neurose zu beseitigen. Es ist ihr Ziel, die neurotischen Konflikte des Patienten zu lösen, einschließlich der infantilen Neurose, die als Kern der Erwachsenen-Neurose dient. Die Lösung der neurotischen Konflikte bedeutet, daß man die Teile des Es, des Ober-Ichs und des unbewußten Ichs, die von den Reifungsprozessen des gesunden Restes der Gesamtpersönlichkeit ausgeschlossen geblieben waren, wieder mit dem bewußten Ich verbindet.
Der Psychoanalytiker nähert sich den unbewußten Elementen durch ihre Abkömmlinge. Alle abgewehrten Komponenten des Es und des Ichs bringen Abkömmlinge hervor – »Mischlinge«, die nicht bewußt sind, jedoch in Übereinstimmung mit dem Sekundärvorgang hochorganisiert und dem bewußten Ich zugänglich (Freud, 1915 b, G. W. Bd. 10, S. 289290; Fenichel, 1941, S. 18).
Um die Mitteilung von Abkömmlingen zu erleichtern, verlangt die Psychoanalyse vom Patienten die Verwendung des Verfahrens des freien Assoziierens; dies ist die fundamentale Methode der Psychoanalyse, die sogenannte »Grundregel« (Freud, 1913 b, G, W. Bd. 8, S. 468; 1915 b, C. W. Bd. 10, S. 292). Diese Abkömmlinge erscheinen in den freien Assoziationen, Träumen, Symptomen, Fehlleistungen und im Agieren des Patienten.
Man fordert den Patienten auf, so gut er kann zu versuchen, die Dinge aufsteigen zu lassen und sie ohne Rücksicht auf Reihenfolge oder Logik auszusprechen, er soll alles berichten, selbst wenn es unwichtig, unanständig oder unhöflich usw. erscheint. Wenn man sich etwas einfallen läßt, findet eine Regression im Dienst des Ichs statt, und Abkömmlinge des unbewußten Ichs, des Es und des Über-Ichs neigen dazu, an die Oberfläche zu kommen. Der Patient bewegt sich vom streng nach den Regeln des Sekundärvorgangs ablaufenden Denken in Richtung auf den Primärvorgang. Es ist die Aufgabe des Analytikers, dem Patienten diese Abkömmlinge zu deuten. (Die Bedeutung des Ausdrucks »analysieren« und anderer technischer und klinischer Ausdrücke wird im Abschnitt 1.3 erörtert.)
Obwohl der Patient, der an einer Neurose leidet, sich mit dem bewußten Motiv in Behandlung begibt, sich ändern zu wollen, sind unbewußte Kräfte in ihm wirksam, die sich der Veränderung entgegenstellen, die die Neurose und den Status quo verteidigen. Diese Kräfte stellen sich den Verfahren und Prozessen der Behandlung entgegen und werden Widerstände genannt. Der Widerstand stammt von den gleichen Abwehrkräften des Ichs, die einen Teil des neurotischen Konflikts bilden. Im Verlauf der Behandlung wiederholt der Patient all die verschiedenen Formen und Varianten von Abwehrmanövern, die er in seinem Leben bisher angewendet hat. Die Analyse des Widerstands ist ein Eckstein der psychoanalytischen Teelmik. Da der Widerstand eine Manifestation der abwehrenden und verzerrenden Funktion des Ichs ist, versucht die psychoanalytische Technik den Widerstand als erstes zu analysieren. Die Einsicht kann nur wirksam sein, wenn der Patient fähig ist, ein vernünftiges Ich zu bilden und aufrechtzuerhalten. Widerstände kommen dem vernünftigen Ich in die Quere und müssen analysiert werden, bevor irgendeine andere analytische Arbeit zu einem Erfolg führen kann.

Zum Beispiel: Ein junger Mann scheint zu zögern, mir irgend etwas Nachteiliges über seine Frau zu erzählen. Immer, wenn er etwas an ihr auszusetzen hat, ist er rasch geneigt, sie zu entschuldigen oder ihre Mängel zu rechtfertigen. Als ich ihn auf diese Abwehrhaltung hinweise, leugnet der Patient sie zunächst, gibt aber dann unter Tränen zu, daß ich recht habe. Er gibt zu, daß er versucht, die Mängel seiner Frau zu verhüllen, weil er sicher ist, ich würde von ihm erwarten, daß er sich scheiden ließe, wenn ich »wirklich« wüßte, wie inadäquat sie ist. Als ich dieser Bemerkung über die Scheidung nachgehe, erinnert sich der Patient, daß in seiner Kindheit sein Vater wiederholt, wenn er etwas an der Mutter auszusetzen hatte, drohte, sich von ihr scheiden zu lassen. Es schen also klar, daß das Zögern des Patienten auf seine Angst hinwies, ich würde handeln wie sein Vater. Er versuchte, seine Frau vor mir in Schutz zu nehmen, wie er gerne seine Mutter vor dem Vater beschützt hätte.
Erst nachdem der Patient diese Ursache des Widerstands erkannt hatte, konnte er einen Schritt weitergehen und erkennen, daß nicht ich es war, sondern er, der einen so starken, »väterlichen« Groll gegen seine Frau empfand. Er brauchte noch viel mehr Analyse, bis er merkte, daß er zwar seine Mutter gegen seinen Vater verteidigen wollte, daß er aber selber einen ungeheuren Groll gegen seine Mutter hegte. Unbewußt wünschte er sich, ich sollte ihn drängen, er solle sich von seiner Frau scheiden lassen, wie er sich früher gewünscht hatte, sein Vater solle sich von seiner Mutter scheiden lassen.

In diesem klinischen Beispielfall war es notwendig, Schritt für Schritt jeden Aspekt des Widerstands zu analysieren, um den Patienten zu befähigen, sich der Realität der Situation zu stellen. Zunächst mußte er erkennen, daß er Angst hatte, ich würde von ihm erwarten, er solle sich von seiner Frau scheiden lassen, und daß er infolgedessen einiges über sie vor mir verbarg. Dann mußte er erkennen, daß er mich mit seinem Vater und seine Frau mit seiner Mutter verwechselt hatte. Schließlich konnte der Patient entdecken, daß unterhalb seiner Beschützergefühle gegenüber seiner Mutter auch große Feindseligkeit vorlag. Jeder Schritt in der Widerstandsanalyse erfordert, daß das vernünftige Ich des Patienten fähig gemacht wird, sich einem irrationalen, verzerrten Aspekt seiner eigenen Tätigkeit zu stellen.
Dieses klinische Beispiel führt zu einem weiteren Grundkonzept in der Theorie der psychoanalytischen Technik. Neurotische Patienten neigen zu Übertragungsreaktionen. [Vorsicht: Dies ist ein Buch aus dem Jahr 1967! Ich glaube, daß dies alle Menschen tun. (Anmerkung von mir)] Die Übertragung ist eine der wertvollsten Materialquellen für die Analyse, eine der wichtigsten Motivationen und auch das größte Hindernis auf dem Weg zum Erfolg. Die Triebversagung des Neurotikers veranlaßt ihn häufig, unbewußte Objekte zu suchen, auf die er seine libidinösen und aggressiven Impulse verschiebt. Der Patient neigt dazu, seine Vergangenheit in bezug auf seine menschlichen Beziehungen zu wiederholen, um Befriedigungen zu erlangen, die er nicht erlebt hat, oder um nachträglich irgendeine Angst oder ein Schuldgefühl zu überwinden. Die Übertragung ist ein Wieder-Durchleben der Vergangenheit, ein Mißverstehen der Gegenwart gemäß der Vergangenheit. Die zentrale Bedeutung der Übertragungsreaktionen in der Theorie der Technik beruht auf dem Umstand, daß der Patient, wenn die Übertragungsreaktionen richtig gehandhabt werden, in der Behandlungssituation und in bezug auf den Psychoanalytiker all die bedeutsamen menschlichen Beziehungen seiner Vergangenheit zu erleben pflegt, die ihm bewußt nicht zugänglich sind (Freud, 1912 a).
Die psychoanalytische Situation ist so strukturiert, daß sie die maximale Entwicklung der Übertragungsreaktionen erleichtert. Die frustrierende Haltung des Psychoanalytikers und sein relatives Inkognito tragen dazu bei, die Übertragungsgefühle und -phantasien in vollem Umfang herauszulocken. Es ist jedoch die konsequente Analyse der Übertragung, sowohl innerhalb als auch außerhalb der analytischen Situation, die es dem Patienten ermöglicht, die verschiedenen Varianten und Intensitäten der Übertragung auszuhalten.
Die Übertragung ist auch die Ursache der stärksten Widerstände während der Analyse. Ein Patient arbeitet vielleicht am Anfang der Analyse hart, um sich beim Analytiker beliebt zu machen. Es ist nicht zu vermeiden, daß der Patient sich in irgendeiner Form abgelehnt fühlt, denn all unsere Patienten haben in ihrem früheren Leben Ablehnung erlebt, und die Haltung des Analytikers ist im wesentlichen nichtbefriedigend. Die feindseligen Gefühle aus der verdrängten Vergangenheit oder die verbotenen sexuellen Wünsche der Kindheit oder der Adoleszenz pflegen im Patienten starke Tendenzen zu erwecken, unbewußt gegen die analytische Arbeit zu kämpfen. Qualität und Quantität des »Übertragungswiderstands« werden durch die Lebensgeschichte des Patienten bestimmt. Die Dauer dieser Reaktionen wird auch dadurch beeinflußt, wie wirksam der Psychoanalytiker die Übertragungsprobleme analysiert, die den Widerstand wachgerufen haben.
Hier wollen wir ein Wort über die relativ unneurotischen, rationalen und realistischen Haltungen des Patienten gegenüber dem Analytiker anfügen, über das »Arbeitsbündnis« (working alliance) (Greenson, 1965 a). Es ist ein Teil der Beziehung zwischen dem Patienten und dem Analytiker, der den Patienten befähigt, sich mit dem Standpunkt des Analytikers zu identifizieren und trotz seiner neurotischen Übertragungsreaktionen mit dem Analytiker zu arbeiten.
Die psychoanalytische Technik zielt direkt auf das Ich, da nur das Ich unmittelbar Zugang zum Es, zum Über-Ich und zur Außenwelt hat. Es ist unser Ziel, das Ich dazu zu bewegen, auf seine pathogenen Abwehrmechanismen zu verzichten oder geeignetere zu finden (A. Freud, 1936, S. 34-51). Die alten Abwehrmanöver haben sich als unzureichend erwiesen; neue, andere oder gar keine Abwehr könnte vielleicht Triebabfuhr ohne Schuldgefühle oder Angst erlauben. Die Es-Entladung würde den Triebdruck vermindern; dann wäre das Ich in einer relativ stärkeren Position.
Der Psychoanalytiker hofft, die relativ reifen Aspekte im Ich des Patienten dazu zu bringen, sich mit dem auseinanderzusetzen, was das Ich früher als zu gefährlich aus dem Bewußtsein verbannt hat. Der Analytiker erwartet, daß der Patient unter dem Schutz des Arbeitsbündnisses und der nichtsexuellen positiven Übertragung das von neuem betrachtet, was er früher als zu bedrohlich angesehen hat, daß er die Situation neu beurteilen kann, und daß er schließlich wagen wird, neue Methoden zu versuchen, um mit der früheren Gefahr fertigzuwerden. Der Patient wird sich langsam darüber klar, daß die Triebimpulse der Kindheit, die für die Ich-Kräfte eines Kindes überwältigend waren, und die durch das Über-Ich des Kindes verzerrt waren, im Leben des Erwachsenen mit anderen Augen gesehen werden können.
Die psychische Arbeit, die getan wird, nachdem eine Einsicht vermittelt worden ist, und die zu einer haltbaren Veränderung im Verhalten oder in der Einstellung führt, wird Durcharbeiten genannt (Greenson 1965 b). Es besteht aus Prozessen wie der Nutzung und Assimilation von Einsicht und Neuorientierung (E. Bibring, 1954). Es wird im nächsten Abschnitt besprochen.
Die Psychoanalyse versucht auf diese Weise, den Prozeß der Neurose und der Symptombildung umzukehren, wieder aufzurollen (Waelder, 1960, S. 46). Die einzige zuverlässige Lösung besteht darin, Strukturveränderungen im Ich zu bewerkstelligen, die es dem Ich erlauben, auf seine Abwehr zu verzichten oder eine Abwehrform zu finden, die eine angemessene Triebabfuhr zuläßt (Fenichel, 1941, 5, 16).

Ich möchte versuchen, eine typische Abfolge von Ereignissen durch ein klinisches Beispiel zu verdeutlichen. Frau K., eine siebenundzwanzigjährige Frau, möchte sich aus verschiedenen Gründen einer Analyse unterziehen. Mehrere Jahre lang hat sie Episoden gehabt, in denen sie sich »von allem ausgeschlossen«, gefühllos, »weggetreten, »wie ein lebender Leichnam« gefühlt hat. Außerdem hat sie Perioden der Depression, ist unfähig, in sexuellen Beziehungen einen Orgasmus zu erleben, und als neuestes empfindet sie ein impulsiv-zwanghaftes Bedürfnis, eine sexuelle Affäre mit einem Neger zu haben. Dieses letzte Symptom war für sie besonders quälend und hat sie angetrieben, zur Behandlung zu kommen. Ich werde dieses Einzelsymptom in den Mittelpunkt stellen, um meine theoretische Beschreibung der Ziele der psychoanalytischen Technik zu veranschaulichen. (Siebe Aitmans Bericht [1964] über eine Podiumsdiskussion über dieses Thema, besonders den Beitrag von Ross.)
Alle Arten der Psychotherapie würden versuchen, die Patientin von ihren Symptomen zu befreien, aber nur die Psychoanalyse versucht dies, indem sie die neurotischen Konflikte löst, die den Symptomen zugrundeliegen. Andere Therapien könnten versuchen, der Patientin durch eine Verstärkung ihrer Abwehr zu helfen, oder indem sie Übertragung und Suggestion dazu verwenden, ihr sexuelles Begehren nach Negern zu unterdrücken oder zu verschieben. Oder sie könnten versuchen, den Konflikt zwischen Abwehr und Trieb dadurch zu lösen, daß sie eine Triebabfuhr vorschlagen, die unter dem Schutz einer Über-Ich-ähnlichen Übertragung auf den Psychotherapeuten möglich sein könnte. Manche Therapeuten würden vielleicht Drogen verwenden, um die libidinösen Triebe zu beruhigen und auf diese Weise dem bedrängten Ich der Patientin zu helfen. Andere würden vielleicht Mittel wie Alkohol oder Phenobarbital vorschlagen, die zeitweilig die Forderungen des Über-Ichs der Patientin dämpfen könnten. All diese Methoden können eine Hilfe sein, aber nur vorübergehend, weil sie keine bleibende Veränderung in den psychischen Strukturen bewirken, die an den ursächlichen unbewußten Konflikten beteiligt sind.
Die Psychoanalyse würde versuchen, der Patientin all die verschiedenen unbewußten impulse, Phantasien, Wünsche, Angste, Schuldgefühle und Bestrafungen bewußtzumachen, die sich verdichtet in ihrem Symptom ausdrücken. Die von mir als Beispiel angeführte Patientin gewann langsam Einsicht in die Tatsache, daß der Neger eine Verkleidung für ihren kraftvollen, sexuell anziehenden und beängstigenden, rothaarigen Stiefvater aus ihrer Pubertät war. Es wurde ihr gezeigt, daß der impulsiv-zwanghafte Wunsch, sexuelle Beziehungen mit Negern zu haben, zum Teil aus verkleidetem inzestuösem Begehren nach dem Stiefvater stammte. Er war auch ein Deckmantel für sadomasochistische Impulse und verbarg eine Gleichsetzung der Sexualität mit den Ausscheidungsfunktionen. Der Neger war auch eine verdichtete Vorstellung von einem analphallischen Mann, die die Patientin als Dreijährige gehabt hatte. Die Peinlichkeit des Symptoms stellte sich heraus als eine Selbstbestrafung aus Schuldgefühlen wegen der verbotenen Impulse.
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Die Einsicht in die verschiedenen Ebenen des neurotischen Konflikts zwischen Abwehr und Trieb verursachte allmähliche Veränderungen in der Struktur des Ichs, des Es und des Über-Ichs der Patientin. Einige alte Abwehrmechanissnen wurden als unnötig abgelegt; einige neue wurden gefunden, die Triebbefriedigung ohne Schuldgefühle ermöglichten. Die Beziehung der seelischen Strukturen untereinander veränderte sich insgesamt, und damit entstand eine neue und befriedigendere und effektivere Beziehung zur Außenwelt.

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