Entfremdung Der Neoliberalismus macht einsam und krank. Das zeigen jüngste Erhebungen zu psychischen Störungen bei Kindern einmal mehr
Kann man sich eine schwerwiegendere Anklage gegen ein System vorstellen als eine epidemische Ausbreitung psychischer Erkrankungen? Heute leiden Menschen auf der ganzen Welt unter Angststörungen, Stress, Depressionen, sozialen Phobien, Essstörungen, dem Zwang, sich selbst zu verletzen und Einsamkeit. Die jüngsten Zahlen über die psychische Gesundheit von Kindern in England geben ein schreckliches Bild ab machen deutlich, dass es sich um eine globale Krise handelt.
Es mag dafür viele Gründe geben, aber mir scheint, dass ein grundelegende Ursache überall dieselbe ist: Menschliche Wesen, diese ultrasozialen Säugetiere, deren Gehirne darauf ausgerichtet sind, auf andere Menschen zu reagieren, werden systematisch auseinandergetrieben. Wirtschaftliche und technologische Veränderungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie erzählen uns beständig, dass wir unser Glück im kompetetiven Eigeninteresse finden, und in einem grenzenlosen Individualismus.
Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Der Konkurrenzdruck im Bildungssystem wird immer härter. Die Jobsuche grenzt oft genug an eine Nahtoderfahrung, bei der immer verzweifeltere Menschen immer weniger Stellen hinterherjagen. Endlose Wettbewerbe und Castingshows im Fernsehen fördern völlig unrealistische Erwartungen, während die realen Möglichkeiten immer weniger werden.
Die wachsende soziale Lücke wird mit Konsum gestopft. Doch er heilt nicht die Krankheit der Isolation, sondern verstärkt den Hang unseren sozialen Status zu vergleichen – bis wir alles andere verschlungen haben und anfangen, uns selbst zu zerfleischen. Die sozialen Medien bringen uns zusammen und treiben uns gleichzeitig auseinander, indem sie uns ermöglichen, unser soziales Ansehen genau zu quantifizieren. Sie zeigen uns, dass andere mehr Freunde und Follower haben als wir.
Wie Rhiannon Lucy Cosslett sehr gut gezeigt hat, verändern Mädchen und junge Frauen routinemäßig ihre geposteten Fotos, um schlanker zu wirken. Manche Handys machen das mit ihren Beauty-Settings ganz automatisch, ohne ihre Besitzerinnen überhaupt zu fragen. So kann man heute zu seiner eigenen Dünnspiration werden. Willkommen in der nächsten Stufe der Hobb'schen Dystopie: ein Krieg aller gegen sich selbst.
Ist es verwunderlich, dass in diesen einsamen Innenwelten, in denen Berührung durch einen Klick auf die Filterfunktion ersetzt werden, junge Frauen massenhaft an psychischen Störungen leiden? Eine neue Studie in England legt nahe, dass jede vierte Frau zwischen 16 und 24 sich schon einmal selbst verletzt hat und jede achte an posttraumatischen Belastungsstörungen leidet. 26 Prozent der Frauen dieser Altersgruppe sind von Angst, Depression, Phobien oder Zwangsstörungen betroffen. So sieht eine öffentliche Gesundheitskrise aus.
mehr:
- Alle gegen sich selbst (George Monbiot, der Freitag, 19.10.2016)
siehe auch:
- "Niemand hatte einen Vertrag" (Anna Bordel, ZEIT campus, 10.10.2016)
- 4,50 Euro Stundenlohn (Katharina Meyer zu Eppendorf, ZEIT campus, 18.10.2016)
- Realität ist, was wir glauben wollen oder Hirnströme von Friseurpuppen (Post, 29.08.2013)
Donnerstag, 20. Oktober 2016
Dienstag, 11. Oktober 2016
Was tue ich gerade jetzt? – eine erste Annäherung an die unangenehmen Seiten der Erleuchtung
„Tage und Nächte fliegen vorüber: Was tue ich denn gerade jetzt?“
Der Buddha lässt euch diese Frage jeden Tag stellen, damit ihr nicht selbstgefällig werdet und um euch daran zu erinnern, dass die Praxis im Tun besteht. Obwohl wir hier sehr still sitzen, gibt es dennoch Tätigkeit in unserem Kopf. Da ist der Wunsch, sich auf den Atem zu konzentrie-ren, der Wunsch nach dem Aufrechterhalten dieser Konzentration und schließlich die Absicht, über das Verhalten von Atem und Geist zu wachen. Meditation als Ganzes ist eine Tätigkeit. Selbst wenn ihr „Nicht- Reaktivität“ oder „Das Wissen sein“ praktiziert, so ist da noch das Element der Absicht, des Wunsches. Auch das ist Tätigkeit.
Es war eine der wichtigsten Einsichten des Buddhas: Selbst wenn ihr vollkommen still sitzt, mit der Absicht, überhaupt nichts zu tun, so ist da doch die Absicht und diese Absicht selbst ist eine Tätigkeit. Sie ist ein saíkhâra, etwas Hervorgebrachtes, Gestaltetes. Wir leben ständig damit. Tatsächlich basiert ja all unsere Erfahrung auf Hervorgebrachtem. Die Tatsache, dass ihr euren Körper spüren könnt: die Gefühle, Wahrnehmungen, Gedanken-Gebilde und das Bewusstsein – all diese Daseinsgruppen: Um fähig zu sein, sie in diesem Augenblick zu erfahren, müsst ihr ein entsprechendes Potential zu einer tatsächlichen Daseinsgruppe gestalten. Ihr fabriziert aus dem Potential für Form die tatsächliche Erfahrung von Form, aus dem Potential für Gefühl die tatsächliche Erfahrung von Gefühl, etc. Dieses Element des Gestaltens ist im Hintergrund immer vorhanden. Es ist wie die Hintergrundfrequenz des Urknalls, der durch das gesamte Universum tönt und nicht verschwindet. Das Element des Gestaltens ist immer da, formt unsere Erfahrung und ist so beharrlich gegenwärtig, dass wir es manchmal aus den Augen verlieren. Wir erkennen gar nicht, was wir da tun.
Während ihr meditiert, versucht ihr, die Dinge auf das Wesentliche zu reduzieren, um die elementaren Gestaltungen sehen zu können, die im Geist vor sich gehen, das kamma, welches ihr jeden Augenblick bewirkt. Wir machen unseren Geist nicht einfach nur still, um einen netten, erholsamen Ort des Verweilens zu erhalten, oder eine angenehme Erfahrung von Entspannung zu schaffen, die unsere Nerven beruhigt. Dies mag Teil davon sein, aber es ist nicht die gesamte Praxis. Der andere Teil ist klare Erkenntnis, die Erkenntnis dessen, was vor sich geht, das Potential menschlichen Handelns zu sehen: Was tun wir denn die ganze Zeit über? Welche Potentiale enthält dieses Tun? Dann wenden wir dieses Verständnis menschlichen Handelns an, um zu sehen, wie weit wir dabei gehen können, all den unnötigen Stress und das Leid abzustreifen. Stress und Leid, die vom Handeln auf ungeschickte Weise herrühren.
Es ist wichtig, dass uns dies im Geist gegenwärtig bleibt, während wir meditieren. Denkt daran: Wir sind hier, um menschliches Handeln zu verstehen und dabei ganz besonders unser eigenes. Ansonsten sitzen wir hier, hoffen, überhaupt nichts tun zu müssen und einfach nur zu warten bis überwältigende Erfahrungen in unserem Kopf aufsteigen oder ein warmes Gefühl des Einsseins in uns emporquillt. Und manchmal können solche Dinge ja tatsächlich ganz unerwartet geschehen. Wenn dies jedoch passiert, ohne dass ihr versteht wie und warum sie aufsteigen, dann ist dies gar nicht hilfreich. Für eine Weile sind sie entspannend oder erstaunlich, aber dann verschwinden sie wieder und ihr müsst mit eurem Verlangen nach ihnen fertig werden. Natürlich kann sie kein noch so großes Verlangen zurückholen, wenn es nicht vom rechten Verständnis begleitet wird.
Ihr könnt menschliches Handeln nicht völlig ablegen, bevor ihr nicht die Natur des Handelns versteht. Das ist entscheidend. Wir denken gerne, dass wir ganz einfach aufhören können zu handeln und dann die Dinge zur Ruhe kommen, still werden und sich der Leerheit öffnen. Aber das ist mehr ein Sich-ausblenden statt Meditation. In der Meditation ist ja tatsächlich ein Element des Beendens vorhanden, ein Element des Gehenlassens, aber ihr könnt es nicht wirklich beherrschen, bis ihr ver- steht, was ihr da zu beenden versucht. Achtet darauf. Wenn ihr aus einer guten Meditation zurückkommt, steht nicht einfach auf und begebt euch in die Küche, trinkt einen Kakao und legt euch schlafen. Denkt darüber nach, was ihr getan habt, um das Muster von Ursache und Wirkung zu verstehen und genau zu sehen, was ihr im Verlauf des Prozesses, den Geist in einen Ruhezustand zu versetzen, hervorgebracht habt. Schließlich ist der Pfad ja ein hervorgebrachter Weg, das höchste Gestaltete. Wie der Buddha sagte, ist von allen gestalteten Phänomenen, die es in der Welt gibt, der Edle Achtfache Pfad das Höchste. Dies ist der Pfad, dem wir eben jetzt zu folgen versuchen. Er ist etwas, das sich aus ver- schiedenen Teilen zusammensetzt und ihr werdet ihn nicht verstehen, bis ihr seht, wie ihr selbst das Gefüge beeinflusst.
Behaltet also immer im Hinterkopf, dass ihr hier etwas tut. Manchmal mag es recht frustrierend erscheinen, eine ganze Stunde damit zuzubringen, den Geist wieder und wieder zum Atem zurückzuholen. Er wandert davon, also holt ihr ihn zurück, dann wandert er erneut – wann kommt denn nun Frieden und Ruhe? Bevor sie kommen können, müsst ihr einiges Verständnis entwickeln. Wenn ihr den Geist zurückholt, so versucht zu verstehen, was ihr da tut. Wenn er davon wandert, versucht zu verstehen, was geschieht, was ihr getan habt, um ihn zu ermutigen oder ihn wandern zu lassen. Versucht besonders, all die geschickten und ungeschickten Absichten aufzudecken, die in diesen Prozess eingehen. Wenn ihr versteht, wie der Geist hin und her geht, werdet ihr einen Punkt erreichen, an welchem ihr ihn davon abhalten könnt. Gleichzeitig werdet ihr die Art von Einsicht entwickeln, die wir in der Meditation haben wollen: Einsicht in das Handeln.
aus: Meditationen, Vierzig Dhamma-Gespräche von Ajahn Ṭhanissaro Bhikkhu, Buddhistische Gesellschaft München, 2011
und
3. Die Realität (sowohl außen wie auch innen) ist nicht vollständig kontrollierbar (siehe dazu das Interview mit Bazon Brock in: Anerkennen, daß man selber der Fall ist!, Post, 25.06.2015, erstes Video), da sie chaotisch (fraktal) organisiert ist, was bedeutet, daß unser Handeln möglicherweise Ergebnisse zeigt, die sich von unserer Absicht stark unterscheiden bzw. weit darüber hinausgehen…
Scrat muß immer wieder die Erfahrung machen, daß selbst recht einfach erscheinende Handlungen weitreichende und unangenehme Auswirkungen haben können:
Scrat - Gone Nutty [4:13]
Feuerzangenbowle [1:09]
Der aus Hanau stammende hochangesehene Theravada-Mönch Nyanaponika zitiert in seiner Schrift Das Reine Beobachten und die Hauptquellen seiner Wirkungskraft in der Sattipatthāna-Übung Schu Gua (auf der Seite des Fördervereins Theravada-Buddhismus Berlin, PDF, S. 11):
Dies muß an Castanedas »Anhalten der Welt« (bzw. das Anhalten des inneren Dialogs) erinnern:
- Die Welt anhalten (Castaneda, Die Lehre, Chello.at, undatiert)
Dies wiederum erinnert an Meister Eckhart
Du brauchst Gott weder hier noch dort suchen;
er ist nicht ferner als vor der Tür des Herzens.
Da steht er und harrt und wartet,
wen er bereit finde,
der ihm auftue und ihn einlasse.
Du brauchst ihn nicht von weit her herbeizurufen;
er kann es weniger erwarten als du,
dass du ihm auftust.
Es ist ein Zeitpunkt:
Das Auftun und das Eingehen.
und an Rumi:
Ich habe die ganze Welt
auf der Suche nach Gott durchwandert
und ihn nirgendwo gefunden.
Als ich wieder nach Hause kam,
sah ich ihn
an der Türe meines Herzens stehen.
Und er sprach:
"Hier warte ich auf Dich
seit Ewigkeiten."
Da bin ich mit ihm
ins Haus gegangen.
und an Hakuin:
Wie grenzenlos frei
der Himmel der Versenkung!
Wie hell
der volle Mond
der vierfachen Weisheit!
In diesem Augenblick
- was mangelt Dir?
Das gelobte Land
vor unseren Augen.
Das gelobte Land
an diesem Ort.
Dieser Leib
das Leben des Höchsten.
[Die beiden letzten Gedichte hab ich gefunden auf: Einkehr-in-Stille]
1. Der Begriff »Erleuchtung« macht nur im Kontext des Wissenserwerbs einen Sinn (siehe Platons Höhlengleichnis). Das Wissen, um das es da geht, geht weit über rein intellektuelles Wissen hinaus. Die entstehende Frage lautet: Was macht unser Geist mit der riesigen Menge an Wissen, die wahrscheinlich auf ein Verstehens- und Ordnungssystem trifft, welches neu organisiert werden muß?
Während die obigen drei mehrere hundert Jahre alten Gedichte auf die Großartigkeit des Ereignisses der Begegnung mit etwas abheben, das weit über uns hinausgeht, berichtet der Maler Kandinsky Anfang des 20. Jahrhunderts von seinem Gefühl der Verunsicherung nach der Begegnung mit neuen physikalischen Modellen:
Die heute weltberühmte mexikanische Malerin Frida Kahlo spricht von etwas Furchtbarem:
C. G. Jung warnt:
2. Erleuchtung ist also nicht unbedingt das – oder noch viel mehr als das, – was wir uns gemeinhin darunter vorstellen…
Siehe dazu den nicht ganz unproblematischen Einsichtsprozeß von Henry und Malv (merke: Erleuchtung kann wie die Begegnung mit einem fallenden Zementsack sein):
Kevin allein in New York [2:52]
„Unter allem, was die Dinge endet und die Dinge anfängt, gibt es nichts Herrlicheres als das Stillehalten.“
Dies muß an Castanedas »Anhalten der Welt« (bzw. das Anhalten des inneren Dialogs) erinnern:
- Die Welt anhalten (Castaneda, Die Lehre, Chello.at, undatiert)
Dies wiederum erinnert an Meister Eckhart
Du brauchst Gott weder hier noch dort suchen;
er ist nicht ferner als vor der Tür des Herzens.
Da steht er und harrt und wartet,
wen er bereit finde,
der ihm auftue und ihn einlasse.
Du brauchst ihn nicht von weit her herbeizurufen;
er kann es weniger erwarten als du,
dass du ihm auftust.
Es ist ein Zeitpunkt:
Das Auftun und das Eingehen.
und an Rumi:
Ich habe die ganze Welt
auf der Suche nach Gott durchwandert
und ihn nirgendwo gefunden.
Als ich wieder nach Hause kam,
sah ich ihn
an der Türe meines Herzens stehen.
Und er sprach:
"Hier warte ich auf Dich
seit Ewigkeiten."
Da bin ich mit ihm
ins Haus gegangen.
und an Hakuin:
Wie grenzenlos frei
der Himmel der Versenkung!
Wie hell
der volle Mond
der vierfachen Weisheit!
In diesem Augenblick
- was mangelt Dir?
Das gelobte Land
vor unseren Augen.
Das gelobte Land
an diesem Ort.
Dieser Leib
das Leben des Höchsten.
[Die beiden letzten Gedichte hab ich gefunden auf: Einkehr-in-Stille]
In allen obigen Texten wird eine Art Verzückung ob der Begegnung mit etwas Numinosem zum Ausdruck gebracht.
Doch was passiert, wenn wir die Welt bzw. den inneren Dialog anhalten – oder Gott begegnen? (ich erlaube mir, dies gleichzusetzen)
Doch was passiert, wenn wir die Welt bzw. den inneren Dialog anhalten – oder Gott begegnen? (ich erlaube mir, dies gleichzusetzen)
Als Psychotherapeut frage ich mich immer: Über was wird nicht gesprochen?
Erleuchtung bzw. die Begegnung mit Gott wird in allen Texten als etwas Erstrebenswertes dargestellt.
Wenn ich den Freud-Schüler C. G. Jung richtig interpretiere, darf der Innere Dialog dagegen auch als eine Art Schutzwall gegen das Unbewußte verstanden werden. Wenn diese Interpretation richtig ist, würde das Beenden des inneren Dialogs eine Art »Vakuum der Stille« herstellen und das Einströmen dessen bewirken, was wir – psychologisch betrachtet – bisher nicht wissen wollten: nämlich des Unbewußten.
Während die obigen drei mehrere hundert Jahre alten Gedichte auf die Großartigkeit des Ereignisses der Begegnung mit etwas abheben, das weit über uns hinausgeht, berichtet der Maler Kandinsky Anfang des 20. Jahrhunderts von seinem Gefühl der Verunsicherung nach der Begegnung mit neuen physikalischen Modellen:
[In seinem 1905 erschienenen Bestseller „L'Evolution de la Matière".] behauptete der Autor Gustave Le Bon, jede Art von Strahlung sei auf den Zerfall von Atomen zurückzuführen, es gebe gar keine stabile Materie. Auch dies verunsicherte die Menschen. „Das Zerfallen des Atoms war in meiner Seele dem Zerfall der ganzen Welt gleich. Alles wurde unsicher, wackelig und weich", erinnerte sich der Maler Wassily Kandinskyin seinem Buch „Rückblicke". Die Schockwellen der neuen Physik waren bis in die Künstlerzirkel eingedrungen und bereiteten den Boden für eine weitere Revolution: die Entdeckung vierdimensionaler Räume und nicht-euklidischer Geometrien.
[Thomas Bührke, Picasso, Einstein und die vierte Dimension, Bild der Wissenschaft, 15.03.2005, Hervorhebung von mir]
Die heute weltberühmte mexikanische Malerin Frida Kahlo spricht von etwas Furchtbarem:
![]() |
| aufgehübschter Screenshot aus dem Film »Bei Frida Kahlo« |
Wenige Wochen nach ihrem furchtbaren Straßenbahnunfall 1925 schrieb die damals 18jährige Frida Kahlo:
»Ich weiß bereits alles! Ohne Lesen und Schreiben. Vor wenigen Tagen noch war ich ein kleines Mädchen […] Alles war ein Geheimnis, alles verbarg irgendetwas. Es machte Spaß, es zu entschlüsseln und zu lernen. Wenn Du wüßtest, wie furchtbar es ist, plötzlich alles zu wissen, so, als hätte ein Blitz die Erde erhellt.«
[zitiert im Film »Bei Frida Kahlo« (ab Min. 05:10), noch bis 16.08.2016 in der Arte-Mediathek abrufbar]
C. G. Jung warnt:
Die Auseinandersetzung mit den archaischen kollektiven Bildern des Unbewußten als Aufgabe der [Individuation] kann also Gefahr laufen, daß die archetypischen Komplexe aufgrund ihrer "Numinosität" das Ich-Bewußtsein inflationieren. "Die Individuation wäre eine geordnet verlaufende ,Psychose', die Psychose eine mißglückte Individuation" (Blomeyer 1975, S. 260). "Wie die Neurose, so ist auch die Psychose in ihrem inneren Verlauf ein Individuationsprozeß, der aber nicht ans Bewußtsein angeschlossen ist und darum als Ouroboros im Unbewußten verläuft" (Jung, in Jacobi 1971, S. 44 f). Daraus ergibt sich allerdings auch der positive Aspekt zumindest der neurotischen Störung eines Menschen, denn "seine Neurose hat den Sinn daß er zu einer vollständigen Persönlichkeit wird, und das schließt Anerkennung seines ganzen Wesens, seiner guten und schlechten Seiten, seiner entwickelten und minderwertigen Funktionen ein, sowie die Fähigkeit, selbst die Verantwortung dafür zu übernehmen" (Jung 1975, S. 167)[24]. [aus: Tewes Wischmann, Der Individuationsprozeß in der analytischen Psychologie C.G. Jungs, undatiert]
2. Erleuchtung ist also nicht unbedingt das – oder noch viel mehr als das, – was wir uns gemeinhin darunter vorstellen…
Siehe dazu den nicht ganz unproblematischen Einsichtsprozeß von Henry und Malv (merke: Erleuchtung kann wie die Begegnung mit einem fallenden Zementsack sein):
Kevin allein in New York [2:52]
Hochgeladen am 08.09.2008
Verdammt lustig!
viel spaß beim anschauen
wenn ihr gute Musik wollt schaut mal bei diesem Kanal vorbei :)
http://www.youtube.com/user/phil97ism
wenn ihr gute Musik wollt schaut mal bei diesem Kanal vorbei :)
http://www.youtube.com/user/phil97ism
und
3. Die Realität (sowohl außen wie auch innen) ist nicht vollständig kontrollierbar (siehe dazu das Interview mit Bazon Brock in: Anerkennen, daß man selber der Fall ist!, Post, 25.06.2015, erstes Video), da sie chaotisch (fraktal) organisiert ist, was bedeutet, daß unser Handeln möglicherweise Ergebnisse zeigt, die sich von unserer Absicht stark unterscheiden bzw. weit darüber hinausgehen…
Scrat muß immer wieder die Erfahrung machen, daß selbst recht einfach erscheinende Handlungen weitreichende und unangenehme Auswirkungen haben können:
Scrat - Gone Nutty [4:13]
Veröffentlicht am 01.11.2012
Feuerzangenbowle [1:09]
Hochgeladen am 01.01.2008
Es ist die letzte Szene eines wunderbaren Filmes
Samstag, 24. September 2016
Verrückte Flirttipps für Männer
Sei charmant.
Sei authentisch.
Sei mutig.
Jeder, der im Internet nach Flirttipps googelt oder mehr übers Frauenkennenlernen herausfinden will, landet ziemlich schnell bei diesen platten und nichtssagenden Tipps für die Männerwelt.
Und ja diese Tipps funktionieren. Irgendwie. Und ja, diese Tipps sind wichtig. Öfters.
Schließlich haben Martin und ich auf unseren Blog auch eine ganze Auswahl dieser funktionierenden Strategien.
Aber ich nehme mir in diesem Artikel die Freiheit, Tacheles zu sprechen. Ich will hier Flirttipps für Männer geben, die es wirklich in sich haben. Ich will dir Strategien geben, die sich noch niemand getraut hat, öffentlich im Internet zu verbreiten.
Und jetzt bekommen du und ich ein Problem miteinander.
Ja genau: Du & ich!
Ich werde dir nämlich Tipps geben, die dir gar nicht gefallen werden. Das sind Tipps, die an deine Grundängste deines ganz persönlichen Mannseins gehen und deine Männlichkeit grundsätzlich in Frage stellen.
Dein Verstand wird deswegen sehr viele logische Gründe finden, warum gerade diese Tipps nichts für dich sind. Er wird dir Märchen einflüstern wollen, dass es besser ist, einfach charmant, authentisch und mutig zu sein.
Und ich weiß, dass viele Männer den Schwanz einziehen werden und sich lieber bei einschlägigen Pornoseiten 5 Minuten-Clips von willigen Frauen reinziehen, ohne jemals selber mit einer hingebungsvollen Frauen Sex zu haben.
mehr:
- 3 komplett verrückte Flirttipps für Männer, die trotzdem funktionieren (Nur für Fortgeschrittene) (Sven Philipp, MännerPortal.Net, 24.09.2016)
x
Sei authentisch.
Sei mutig.
Jeder, der im Internet nach Flirttipps googelt oder mehr übers Frauenkennenlernen herausfinden will, landet ziemlich schnell bei diesen platten und nichtssagenden Tipps für die Männerwelt.
Und ja diese Tipps funktionieren. Irgendwie. Und ja, diese Tipps sind wichtig. Öfters.
Schließlich haben Martin und ich auf unseren Blog auch eine ganze Auswahl dieser funktionierenden Strategien.
Aber ich nehme mir in diesem Artikel die Freiheit, Tacheles zu sprechen. Ich will hier Flirttipps für Männer geben, die es wirklich in sich haben. Ich will dir Strategien geben, die sich noch niemand getraut hat, öffentlich im Internet zu verbreiten.
Und jetzt bekommen du und ich ein Problem miteinander.
Ja genau: Du & ich!
Ich werde dir nämlich Tipps geben, die dir gar nicht gefallen werden. Das sind Tipps, die an deine Grundängste deines ganz persönlichen Mannseins gehen und deine Männlichkeit grundsätzlich in Frage stellen.
Dein Verstand wird deswegen sehr viele logische Gründe finden, warum gerade diese Tipps nichts für dich sind. Er wird dir Märchen einflüstern wollen, dass es besser ist, einfach charmant, authentisch und mutig zu sein.
Und ich weiß, dass viele Männer den Schwanz einziehen werden und sich lieber bei einschlägigen Pornoseiten 5 Minuten-Clips von willigen Frauen reinziehen, ohne jemals selber mit einer hingebungsvollen Frauen Sex zu haben.
mehr:
- 3 komplett verrückte Flirttipps für Männer, die trotzdem funktionieren (Nur für Fortgeschrittene) (Sven Philipp, MännerPortal.Net, 24.09.2016)
x
Labels:
Kommunikation,
Männer,
Paarbeziehung,
Selbstmanagement,
Sexualität
Donnerstag, 8. September 2016
Muho: Sich selbst loslassen
Muho in der Urania Berlin, 6. September 2016 {1:31:49}
Antai ji
Am 08.09.2016 veröffentlicht
Am 08.09.2016 veröffentlicht
http://www.urania.de/ein-regentropfen...
https://www.instagram.com/p/BKBw9DZDxyZ/
http://www.antaiji.org/
Montag, 22. August 2016
Amok in der Männerdämmerung
Männlichkeitswahn ist sicher eine Reaktion auf die Ahnung, dass das Patriarchat weltweit in die Krise gekommen ist - aber das ist nicht alles
Eines der wunderbarsten Phänomene der Mediengesellschaft ist nach wie vor, dass sie nicht nüchtern und klar die offensichtlichste Tatsache im Zusammenhang mit Gewalt benennen kann: Gewalt ist überwiegend männlich. Das gilt auch für die jüngsten Schreckenstaten, die angeblich "den Terror nach Deutschland" brachten - als habe es vorher hierzulande noch nie Terror gegeben. Die Zahl schwerer Gewalttaten sinkt seit fast einem Jahrzehnt Jahr für Jahr, aber eine bemerkenswerte Anzahl von Männern findet nach wie vor Gefallen daran, gewalttätig blöd zu sein.
An Angeboten zum Aggressiven und autoaggressiven Ausagieren ist freilich kein Mangel. Religion, Sport, Krieg, Politik, Konsum, Wirtschaft, Sexismus, Rassismus sind da nur ein paar Beispiele. Nehmen wir nur das echte deutsche Heldentum während der Olympiade in Rio. Der Turner Andreas Toba verletzte sich bei seiner Turnerei schwer, machte aber unter größten Schmerzen weiter, und die Presse fand es so wunderbar wie seinerzeit Schweinis Feldzug als "Blutkrieger".
Die Selbstaufrüstung der Extremsportler, die aus sieben Kilometer Höhe ohne Fallschirm in ein Netz hageln oder sich gar aus dem Weltraum auf die Erde herunterstürzen, findet ihren Spiegel in den Aktionen von Jugendlichen, die ungesichert auf Kirchtürme steigen und oben ein Instagram-Foto von ihren Füßen über dem Abgrund machen.
Angebote für alle
Das ist genauso ein Aspekt der toxic masculinity wie die psychopathische Eiseskälte des Finanzdurchblickers, der gar nicht mehr anders kann als jede Mikrosituation daraufhin auszuloten, ob sie ihn im Wettbewerb mit all den anderen Finanzdurchblickern nach vorne bringt.
Der Islam ist ebenfalls eines der aktuellen Angebote, und zwar eines der wirkmächtigsten. Männern wird im Islam attestiert, dass ihre Herrschaft gottesgefällig ist. Dass Allah als projiziertes Größen-Ich des ihn verehrenden Mannes der beste von allen Göttern ist, steht ja wohl von vornherein fest. Noch schöner am Islam ist, dass er gleich zwei Typen von Testosteron-Junkies hervorbringt: den Dschihadisten und den Abendlandsverteidiger; beide mit Eiern aus Stahl und Köpfen voller Wirsing aus den Zeiten der Kreuzzüge.
mehr:
- Amok in der Männerdämmerung (Marcus Hammerschmitt, Telepolis, 21.08.2016)
mein Kommentar:
»Gewalt ist überwiegend männlich.«
Kopfschüttel, Kopfschüttel, Kopfschüttel… Immer vorsichtig mit den Interpretationen!
Nicht Gewalt ist überwiegend männlich, die Gewalt, von der berichtet wird, ist überwiegend männlich!
Das Problem, um das es geht, gleicht dem Bild Magrittes: »Ce n'est pas une pipe!«
Die Tatsache, daß über weibliche Gewalt nicht berichtet wird, bedeutet nicht, daß es sie nicht gibt!
Und die Tatsache, daß Frauen über Jahrhunderte unterdrückt wurden, hat diese nach subtileren, nicht-körperlichen Formen suchen lassen, in denen sie ihre Aggressivität leben. Aber: die Emanzipation schreitet voran, auch auf dem Gebiet der körperlichen Gewalt!
Eines der wunderbarsten Phänomene der Mediengesellschaft ist nach wie vor, dass sie nicht nüchtern und klar die offensichtlichste Tatsache im Zusammenhang mit Gewalt benennen kann: Gewalt ist überwiegend männlich. Das gilt auch für die jüngsten Schreckenstaten, die angeblich "den Terror nach Deutschland" brachten - als habe es vorher hierzulande noch nie Terror gegeben. Die Zahl schwerer Gewalttaten sinkt seit fast einem Jahrzehnt Jahr für Jahr, aber eine bemerkenswerte Anzahl von Männern findet nach wie vor Gefallen daran, gewalttätig blöd zu sein.
An Angeboten zum Aggressiven und autoaggressiven Ausagieren ist freilich kein Mangel. Religion, Sport, Krieg, Politik, Konsum, Wirtschaft, Sexismus, Rassismus sind da nur ein paar Beispiele. Nehmen wir nur das echte deutsche Heldentum während der Olympiade in Rio. Der Turner Andreas Toba verletzte sich bei seiner Turnerei schwer, machte aber unter größten Schmerzen weiter, und die Presse fand es so wunderbar wie seinerzeit Schweinis Feldzug als "Blutkrieger".
Die Selbstaufrüstung der Extremsportler, die aus sieben Kilometer Höhe ohne Fallschirm in ein Netz hageln oder sich gar aus dem Weltraum auf die Erde herunterstürzen, findet ihren Spiegel in den Aktionen von Jugendlichen, die ungesichert auf Kirchtürme steigen und oben ein Instagram-Foto von ihren Füßen über dem Abgrund machen.
Angebote für alle
Das ist genauso ein Aspekt der toxic masculinity wie die psychopathische Eiseskälte des Finanzdurchblickers, der gar nicht mehr anders kann als jede Mikrosituation daraufhin auszuloten, ob sie ihn im Wettbewerb mit all den anderen Finanzdurchblickern nach vorne bringt.
Der Islam ist ebenfalls eines der aktuellen Angebote, und zwar eines der wirkmächtigsten. Männern wird im Islam attestiert, dass ihre Herrschaft gottesgefällig ist. Dass Allah als projiziertes Größen-Ich des ihn verehrenden Mannes der beste von allen Göttern ist, steht ja wohl von vornherein fest. Noch schöner am Islam ist, dass er gleich zwei Typen von Testosteron-Junkies hervorbringt: den Dschihadisten und den Abendlandsverteidiger; beide mit Eiern aus Stahl und Köpfen voller Wirsing aus den Zeiten der Kreuzzüge.
mehr:
- Amok in der Männerdämmerung (Marcus Hammerschmitt, Telepolis, 21.08.2016)
![]() |
| Johannes Sadeler, Phyllis und Aristoteles, 16. hdt., Quelle: The Curious History of Phyllis on Aristotle, Darin Hayton, 19.02.2016 |
»Gewalt ist überwiegend männlich.«
Kopfschüttel, Kopfschüttel, Kopfschüttel… Immer vorsichtig mit den Interpretationen!
Nicht Gewalt ist überwiegend männlich, die Gewalt, von der berichtet wird, ist überwiegend männlich!
Das Problem, um das es geht, gleicht dem Bild Magrittes: »Ce n'est pas une pipe!«
Die Tatsache, daß über weibliche Gewalt nicht berichtet wird, bedeutet nicht, daß es sie nicht gibt!
Und die Tatsache, daß Frauen über Jahrhunderte unterdrückt wurden, hat diese nach subtileren, nicht-körperlichen Formen suchen lassen, in denen sie ihre Aggressivität leben. Aber: die Emanzipation schreitet voran, auch auf dem Gebiet der körperlichen Gewalt!
Labels:
Identität,
Männer,
Massenpsychologie,
Medien,
Narzißmus,
Philosophie,
Selbstmanagement
Mittwoch, 17. August 2016
Fischer im Recht / Wahnsinn III – Störung, Wahn und Schuld
Zwei Meldungen vorab!
Erstens: Wir freuen uns, liebe Leserinnen und Leser, Ihnen mitteilen zu können, dass in der vergangenen Woche der Verein für Reinhaltung von Sprache, Meinung und Zitierung (RSMZ) gegründet wurde. Die Gründungsmitglieder entstammen höchsten Kreisen der Presse (3), der Justiz (2) sowie der Psychiatrie (1). Der Verein ist gemeinnützig und hat sich zum Ziel gesetzt, Schmutz und Schund in Kolumnen aufzuspüren, allenthalben für Mäßigung zu sorgen und der Erwähnung sekundärer oder gar primärer Geschlechtsmerkmale ein Ende zu setzen.
Der Kolumnist unterstützt diese Bemühung selbstverständlich vorbehaltlos. Insbesondere, da ihm kürzlich von einem alten Zigeuner prophezeit wurde, er werde unter dieser Voraussetzung ruhigen Herzens in Pension gehen dürfen. Von nun an wird er deshalb gnadenlos an den Gutachterausschuss des RSMZ melden, was ausgemerzt gehört!
Zweitens: In der vergangenen Woche haben wir aus den Medien – unter anderem – Folgendes gelernt: dass die strafprozessuale Durchbrechung der ärztlichen Schweigepflicht ein wichtiger Schritt im Kampf gegen den Terrorismus sei (Quelle: CDU plus Weltpresse), dass allen Schweinen der Schwanz (Achtung, FAZ!) abgeschnitten gehöre (Quelle: Lohfink, Weltpresse), und dass, falls Hillary C. Präsidentin werden sollte, allenfalls noch die National Rifle Association etwas gegen die Ernennung eines linksextremistischen Obersten Bundesrichters unternehmen könne (Quelle: Entenhausener Kurier). Man könnte das für Nachrichten aus einer Welt des Wahns halten. Sie stammen aber, wie die Quellen belegen, aus den Zentren zivilisatorischer Vernunft.
Preisverleihung
Den Kolumnistenpreis für den erhellendsten Beitrag der Woche erhält diesmal der Deutschlandfunk für ein bizarres Interview vom 9. August zwischen dem Moderator Tobias Armbrüster und der Journalistin Gisela Friedrichsen über die bevorstehende Entlassung des Strafgefangenen Dieter Degowski ("Gladbecker Geiseldrama") nach 30 Jahren Haftzeit (nachzuhören in der DLF-Mediathek).
mehr:
- Störung, Wahn und Schuld (Thomas Fischer, ZON, 16.08.2016)
Zitate:
siehe auch:
- Wahnsinn II: Wunder, Wahn und der Paragraf 20 (Thomas Fischer, ZON, 09.08.2016)
- Wahnsinn: Böse, verrückt oder ein Würstchen?: (Thomas Fischer, ZON, 02.08.2016)
- Serie Fischer im Recht bei ZON
Erstens: Wir freuen uns, liebe Leserinnen und Leser, Ihnen mitteilen zu können, dass in der vergangenen Woche der Verein für Reinhaltung von Sprache, Meinung und Zitierung (RSMZ) gegründet wurde. Die Gründungsmitglieder entstammen höchsten Kreisen der Presse (3), der Justiz (2) sowie der Psychiatrie (1). Der Verein ist gemeinnützig und hat sich zum Ziel gesetzt, Schmutz und Schund in Kolumnen aufzuspüren, allenthalben für Mäßigung zu sorgen und der Erwähnung sekundärer oder gar primärer Geschlechtsmerkmale ein Ende zu setzen.
Der Kolumnist unterstützt diese Bemühung selbstverständlich vorbehaltlos. Insbesondere, da ihm kürzlich von einem alten Zigeuner prophezeit wurde, er werde unter dieser Voraussetzung ruhigen Herzens in Pension gehen dürfen. Von nun an wird er deshalb gnadenlos an den Gutachterausschuss des RSMZ melden, was ausgemerzt gehört!
Zweitens: In der vergangenen Woche haben wir aus den Medien – unter anderem – Folgendes gelernt: dass die strafprozessuale Durchbrechung der ärztlichen Schweigepflicht ein wichtiger Schritt im Kampf gegen den Terrorismus sei (Quelle: CDU plus Weltpresse), dass allen Schweinen der Schwanz (Achtung, FAZ!) abgeschnitten gehöre (Quelle: Lohfink, Weltpresse), und dass, falls Hillary C. Präsidentin werden sollte, allenfalls noch die National Rifle Association etwas gegen die Ernennung eines linksextremistischen Obersten Bundesrichters unternehmen könne (Quelle: Entenhausener Kurier). Man könnte das für Nachrichten aus einer Welt des Wahns halten. Sie stammen aber, wie die Quellen belegen, aus den Zentren zivilisatorischer Vernunft.
Preisverleihung
Den Kolumnistenpreis für den erhellendsten Beitrag der Woche erhält diesmal der Deutschlandfunk für ein bizarres Interview vom 9. August zwischen dem Moderator Tobias Armbrüster und der Journalistin Gisela Friedrichsen über die bevorstehende Entlassung des Strafgefangenen Dieter Degowski ("Gladbecker Geiseldrama") nach 30 Jahren Haftzeit (nachzuhören in der DLF-Mediathek).
mehr:
- Störung, Wahn und Schuld (Thomas Fischer, ZON, 16.08.2016)
Zitate:
[…] denn der Titel eines Gesetzes fällt nicht vom Himmel oder erscheint dem Bundestagspräsidenten im Traum, sondern ist das Ergebnis eines rechtspolitischen Wollens und Formens oder Sinnens: Die Fraktion, die sich durchsetzt, bestimmt auch den Titel des Gesetzes. Und wenn sie dazu der Hilfe einer Politikberatungsfirma bedarf, deren Partner aus einer Riege vordem bedeutender Elder-Fraktionsmen besteht, so ist das nur natürlich und nicht schlecht, sondern gut (wie Mao sagen würde).
Also heißt ein Gesetz, das die Förderung von Arbeitslosen einschränkt, "Gesetz zur Beschleunigung der Integration in den Arbeitsmarkt", ein Gesetz, das das Streikrecht beschränkt, "Gesetz zur Modernisierung der Arbeitnehmervertretung", ein Gesetz, das den Bürgern jede denkbare Möglichkeit nimmt, selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden, "Gesetz zur Sicherstellung der Lebensfreude".
Warum ist das so? Weil die Worte "Reform" oder "Modernisierung" etwas in uns anstoßen. Täten sie das nicht – jeder Politiker, jede Partei und erst recht jede Regierung miede sie. Niemand würde seinen Gesetzesvorschlag nennen: "Gesetz zur Rückwärtsorientierung" oder "Gesetz zur Rückgängigmachung der Reform…". Die Botschaft ist also ein stetes Vorwärts! Und sie trifft immerzu in die Seelen: Vorwärts, wohin auch immer! […]
Der Wahnsinn
Wenn Sebastian Schweinsteiger, ungedopt, aus Sicht von Mehmet S. dezent übergewichtig, untrainiert, in der 93. Minute gegen die Ukraine ein Tor schießt wie Günter Netzer (aus Sicht von Waldemar H. dezent adipös) im Pokalfinale von 1973, dann sagt der Maghrebiner: "Wahnsinn". Er meint damit natürlich nicht, dass der Schweini von 2016 geisteskrank geworden sei, sondern nur, dass die Wirklichkeit vor den Augen des Nordafrikaners soeben eine Form angenommen hat, die er für übernatürlich hielte, stünde das Gegenteil nicht fest. Aber das tut es.
Anders wäre es: Wenn zum Beispiel eine riesige blauweiße Wolke sich über das Stadion senkte, und eine Stimme käme aus dem Himmel wie aus tausend Marshall-Verstärkern, die da spräche: "Dies ist mein lieber Mittelstürmer, an dem ich Wohlgefallen habe", und dann liefe ein kleiner Mensch, der sich niemals selbst eingewechselt hat, ganz allein in einem Halbkreis gegen den Ball, in Super-Slow-Motion, und die Bananenflanke senkte sich von rechts herein, und Uwe Seeler stiege hoch und hoch, höher als jemals vor ihm ein Mensch gestiegen ist, und er legte sich quer in der Luft, drei Meter über dem braunen Rasen, und er zöge einen Seitfallrückzieher mit dem rechten Spann ins linke Lattenkreuz, und noch bevor er den Boden berührte, wäre er vom gnadenlosesten Treter aller Zeiten, Nobby Stiles, genannt Ohnezahn, schon wieder gefoult worden, aber egal. […]
Also werden wir auch die Sache mit dem Dschihad hinkriegen: Je sicherer wir unserer Welt sind, desto schneller. Denn der Dschihad kämpft, entgegen seinem durcheinandergeratenen Zeitgefühl, mitnichten gegen das Kreuzfahrertum oder die Geißlerzüge oder die Verzückung der heiligen Märtyrer, und daher auch nicht gegen das "Abendland": Er kämpft auch mitnichten für das, was er zu sein vorgibt: ein Gottesreich. Denn das, liebe Verzückte, haben wir längst hinter uns.
Der Dschihad kämpft in seinen Wurzeln gegen die Armut und die Dummheit, in seinen Formen aber gegen die Offenheit und die Freiheit, für die erbärmlichste ejaculatio violentiae und einen Streifen mehr auf dem Turnschuh und zwei Gramm mehr Koks im Hirn. Das macht die Sache unübersichtlich. Die Drogenmafia in Mittelamerika ist eine Degenerationsform des Dschihad. Der Dschihad ist ein zweitausend Jahre verspäteter Spartakus-Aufstand: Sklaven möchten Herren sein. […]
Was halten wir für "normal"? Uns selbst. Alles andere: irgendwie verrückt, oder zu dick, oder fehl am Platze. Was machen wir mit den Verrückten? Alle umbringen, sagt die Ameise. Alle therapieren, sagt der Therapeut. Alles schwierig, sagt der Soldat: Erst mal ein paar Panzerhaubitzen auffahren und die Lage stabilisieren. Und was dann?
siehe auch:
- Wahnsinn II: Wunder, Wahn und der Paragraf 20 (Thomas Fischer, ZON, 09.08.2016)
- Wahnsinn: Böse, verrückt oder ein Würstchen?: (Thomas Fischer, ZON, 02.08.2016)
- Serie Fischer im Recht bei ZON
Dienstag, 16. August 2016
Geld, der kollektive Fetisch
Philosophie Linke Denker haben die Religionen immer skeptisch betrachtet. Der Gott, der über alles herrscht, ist indessen das Geld
Muslimische Immigranten nötigen uns dazu, die Frage neu zu bedenken, wie Linke es mit der Religion halten. Auf der Flucht vor einem grausamen Krieg sind Hunderttausende zu uns gekommen, die einerseits die linke Bereitschaft zur Solidarität einfordern, viele von uns aber andererseits daran erinnern, dass sie doch eigentlich Religionsfeinde sind. Sind wir schon über die Rolle der Kirchen in unserer Gesellschaft empört, wird uns nun auch noch Hilfsbereitschaft Menschen gegenüber abverlangt, die dem Islam folgen, einer Religion, die bei einigen sogar als „besonders schlimm“ verschrien ist.
Manche Debatten unserer Tage zeigen denn auch, dass eine bedenkliche Schnittmenge entstanden ist zwischen nicht wenigen Linken und der AfD, deren Schlachtruf „Gegen die Islamisierung des Abendlands“ sie kaum etwas entgegenzusetzen haben. Und derweil verliert die Linkspartei Protestwähler. Sie ist über einen Antrag zerstritten, der die große Losung der Französischen Revolution, „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, durch „Freiheit, Gleichheit, Laizität“ ersetzen will.
Können sich Religionsfreie vorbehaltlos auf die Seite muslimischer Flüchtlinge stellen? Müssen sie nicht erst einmal deren Religion angreifen? Von der Beantwortung dieser Frage hängt vieles ab. Wie so oft aber steht die Frage selbst schon ihrer Beantwortung im Weg, weil sie eine Differenz überspringt. Denn es gibt zwei sehr verschiedene Arten, religionsfrei zu sein, die liberale und die marxistische. Liberale sind seit der Französischen Revolution Religionsfeinde gewesen. In Italien bekämpften sie erbittert den Kirchenstaat und reduzierten ihn auf den Vatikan. Vor der Revolution hatten viele ihrer Vorgänger, der Aufklärer, noch eher versucht, das Christentum neu zu interpretieren, besonders Immanuel Kant mit seiner Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (1793). Da aber der Katholizismus, in seiner Existenz bedroht, sich darauf nicht einließ, verhärteten sich die Fronten.
mehr:
- Kollektiver Fetisch (Michael Schäfer, der Freitag, 10.08.2016)
x
Muslimische Immigranten nötigen uns dazu, die Frage neu zu bedenken, wie Linke es mit der Religion halten. Auf der Flucht vor einem grausamen Krieg sind Hunderttausende zu uns gekommen, die einerseits die linke Bereitschaft zur Solidarität einfordern, viele von uns aber andererseits daran erinnern, dass sie doch eigentlich Religionsfeinde sind. Sind wir schon über die Rolle der Kirchen in unserer Gesellschaft empört, wird uns nun auch noch Hilfsbereitschaft Menschen gegenüber abverlangt, die dem Islam folgen, einer Religion, die bei einigen sogar als „besonders schlimm“ verschrien ist.
Manche Debatten unserer Tage zeigen denn auch, dass eine bedenkliche Schnittmenge entstanden ist zwischen nicht wenigen Linken und der AfD, deren Schlachtruf „Gegen die Islamisierung des Abendlands“ sie kaum etwas entgegenzusetzen haben. Und derweil verliert die Linkspartei Protestwähler. Sie ist über einen Antrag zerstritten, der die große Losung der Französischen Revolution, „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, durch „Freiheit, Gleichheit, Laizität“ ersetzen will.
Können sich Religionsfreie vorbehaltlos auf die Seite muslimischer Flüchtlinge stellen? Müssen sie nicht erst einmal deren Religion angreifen? Von der Beantwortung dieser Frage hängt vieles ab. Wie so oft aber steht die Frage selbst schon ihrer Beantwortung im Weg, weil sie eine Differenz überspringt. Denn es gibt zwei sehr verschiedene Arten, religionsfrei zu sein, die liberale und die marxistische. Liberale sind seit der Französischen Revolution Religionsfeinde gewesen. In Italien bekämpften sie erbittert den Kirchenstaat und reduzierten ihn auf den Vatikan. Vor der Revolution hatten viele ihrer Vorgänger, der Aufklärer, noch eher versucht, das Christentum neu zu interpretieren, besonders Immanuel Kant mit seiner Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (1793). Da aber der Katholizismus, in seiner Existenz bedroht, sich darauf nicht einließ, verhärteten sich die Fronten.
mehr:
- Kollektiver Fetisch (Michael Schäfer, der Freitag, 10.08.2016)
x
Labels:
Ethik,
Massenpsychologie,
Philosophie,
Realitätskonstruktion
Abonnieren
Posts (Atom)

