Samstag, 6. September 2014

Sexueller Mißbrauch – »Ich fühlte mich schuldig«

Skandal In Nordengland wurden 1.400 Kinder über Jahre missbraucht. Unsere Autorin wurde selbst Opfer von Übergriffen – und erlebte, wie quälend die Fragen der Polizei sein können 

Damals war ich elf. An einem bedeckten Oktobertag während der Schulferien fand ich mich allein in einem Zimmer im ersten Stock eines Reihenhauses wieder. Ich saß auf einem Plastikstuhl, hinter mir befand sich ein großer Spiegel, vor mir eine Videokamera auf einem Ständer. In der Ecke stand eine Kiste mit Spielzeug.
Ich war auf der Rückbank eines Polizeiwagens dorthin gebracht worden, und man hatte mir gesagt, ich solle warten, bis die Beamten „Zeit für mich hätten“. Ich war mir nicht sicher, ob ich gefilmt oder heimlich beobachtet wurde. Ich wusste gar nichts, außer dass ich vor Angst erstarrt war. Ich versuchte, meine Augen von dem rot blinkenden Licht an der Kamera abzuwenden. Dabei starrte ich auf das Buch in meinen Händen. Ich las kein einziges Wort.
mehr:
- "Ich fühlte mich schuldig" (der Freitag, 06.09.2014)

Freitag, 5. September 2014

Lese-Rechtschreibschwäche ist keine Krankheit, sondern das Produkt schulischer Selektion

Kinderärzte in Deutschland behandeln einer aktuellen Umfrage zufolge immer mehr Kinder und Jugendliche mit psychischen Auffälligkeiten. 96 Prozent der befragten Mediziner berichten über steigende Zahlen in den vergangenen zehn Jahren. Ähnliches vermeldete vor einiger Zeit bereits das Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen in einem Bericht: “Die kontinuierliche Zunahme von psychischen Erkrankungen und Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren ist besorgniserregend”, hieß es dort. Bei den ambulanten Behandlungsraten fiel die Zunahme bei Kindern und Jugendlichen mit 14,3 Prozent dabei fast doppelt so hoch aus wie in der Gesamtbevölkerung. Der weitaus überwiegende Teil der Behandlungsfälle war dabei auf “Entwicklungsstörungen (F80 bis F89)” und “Verhaltens- sowie emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend (F90 bis F98)” zurückzuführen. Was aber liegt wirklich „am Kind“ – und was vielmehr an den Bedingungen [PDF - 152 KB], denen dieses ausgesetzt wird? Jens Wernicke sprach hierzu mit Ulrich Schulte, der als Ausbilder und Wissenschaftler seit Jahren zu Legasthenie, einer der wichtigsten „Entwicklungsstörungen“, arbeitet und forscht.
mehr:

Montag, 1. September 2014

Wenn’s nur rollt

Aufklärung Im Tandem durch Deutschland um Vorurteile abzubauen. Bei der Mood-Tour werben Menschen mit und ohne Depressionen für einen offenen Umgang mit der Krankheit

Wie beginnt man ein Gespräch über Depressionen? Vielleicht wirklich einfach beim Fahrradfahren. Eine lange Schlange zieht sich an diesem Dienstagnachmittag durch Berlin, die roten Ampeln ignorierend. Mitarbeiter des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs in gelben Westen signalisieren Autos an den Kreuzungen zu warten, gelassen nehmen sie die folgenden Hupkonzerte entgegen. Korinna sitzt auf einem vollgepackten Tandem. Und während die Räder dahinrollen, beginnt sie zu erzählen, wie sie sich vor einigen Jahren eine Depression „eingefangen“ hat.

 mehr:
- Wenn’s nur rollt (der Freitag, 01.09.2014)

Mittwoch, 27. August 2014

Schlaf dich schlau

- Schlaf dich schlau (Telepolis, 26.08.2014)
USA: Die Debatte um einen späteren Schulbeginn bekommt neue Dringlichkeit 
Schlaf ist wichtig; auch wenn die Auszeit immer mehr einem Rechtfertigungszwang ausgesetzt ist. Wer lieber schlafen will, als einem Termin oder Überstunden den Vorrang zu geben, gilt als nicht normal. Die professionellen Vorgaben sehen anders aus (ideal: 18/6 aktiv) und das Training für solche Standards fängt früh an. Spätestens mit der Schule. 
 Zwar gibt es auch hierzulande immer wieder Appelle, den morgendlichen Schulbeginn nach weiter hinten zu rücken, um dafür zu sorgen, dass Schüler besser ausgeschlafen haben. Aber solche Initiativen kommen nicht weit. Sie scheitern schon im Keim am gesetzten Betriebsrhythmus, der Koordination zwischen Schule und Arbeits-, Betriebs- und Geschäftszeiten vorschreibt.

Montag, 25. August 2014

„Unsere Schulen sind kinderfeindlich“

Dass das deutsche Schulsystem eines der sozial selektivsten der Welt ist, ist inzwischen zum Allgemeinplatz fortschrittlicher Kritik am Bildungssystem geworden. Ob dies jedoch das wichtigste, geschweige denn einzige Problem der Bildungspolitik ist, darf getrost bezweifelt werden. Der Streit geht eher um die Ein- versus Mehrgliedrigkeit des Schulsystems oder die Frage, ob das Abitur und ein anschließendes Studium allen oder nur wenigen möglich sein sollen. Grundlegendere Fragen werden von den üblichen Diskursen oft mehr überdeckt denn thematisiert. Fragen etwa wie: Was brauchen und wie lernen Kinder eigentlich? Zur Frage, was an deutschen Schulen jenseits der üblichen Kritik noch zu kritisieren ist, sprach Jens Wernicke mit der Pädagogin, Politologin und Fachbuchautorin Magda von Garrel.
Frau von Garrel, Sie sind eine scharfe Kritikerin des deutschen Schulsystems, wobei sich Ihre Kritik nicht im üblichen Contra-dreigliedriges-Schulsystem erschöpft. Worum geht es Ihnen?
Wie Sie schon richtig bemerkt haben, geht es um weit mehr als um die Anzahl der Schulformen und die daraus resultierende Selektionspraxis. Diese ist zwar für sich genommen schon schlimm genug, aber wenn wir mit unserer Kritik an diesem Punkt stehen bleiben, werden wir es nie hinbekommen, eine Schule zu kreieren, in der sich sowohl die Schüler als auch die Lehrer wohl fühlen.
Jedenfalls bin ich davon überzeugt, dass wir uns diesem Ziel nur durch eine aus ganz anderen Blickwinkeln vorgenommene Betrachtungsweise annähern können. Eine der ersten Fragen auf diesem Weg müsste lauten: Was sind die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen – und respektiert beziehungsweise erfüllt Schule diese überhaupt?
Diese Frage lässt sich bereits beantworten, wenn wir uns nur einmal die sechs “Alltagsebenen” der Schule, das heißt den baulichen Zustand, die Schulstruktur, die Leistungsorientierung, die Lerninhalte, den Hausaufgabenbereich sowie die Beziehung zu den Lehrern etwas genauer anschauen. In Summe kommt dabei nämlich heraus, dass wir es mit einem strukturell kinderfeindlichen Schulsystem zu tun haben, in dem Kinder und Jugendliche einen Objektstatus zugewiesen bekommen, der sie zu “Lernmaschinen” zu degradieren versucht… 
mehr bei :  „Unsere Schulen sind kinderfeindlich“ (Telepolis, 25.08.2014)

Magda von Garrel:
- »Ist mir doch egal!« (Berliner Stimme.de)
- Instandsetzungspädagogik (Schulpädagogik heute, PDF-Download)
- Rundbrief 17 (attac Arbeitskreis Bildung und Erziehung, PDF-Download)

Samstag, 23. August 2014

Psycho-Experimente

A–Z Soziales Netzwerk oder Partnerbörse – wer seine Nutzer als Versuchstiere missbraucht, macht Schlagzeilen. Dabei hat das Herumprobieren mit der Psyche eine lange Tradition 

A
Artischocke Decknamen geheimer Operationen klingen oft harmlos. Die von der CIA zwischen 1951 und 1953 initiierte „Operation Artischocke“ war alles andere als das. Das Forschungsprogramm beschäftigte sich mit Bewusstseinskontrolle, um möglichst effektive Verhörmethoden für inhaftierte Doppelagenten des Kalten Krieges zu entwickeln. Dabei stützte man sich auf Erkenntnisse von Versuchen, die die Nationalsozialisten an Gefangenen in Konzentrationslagern durchgeführt hatten. Die Versuchsreihen fanden in geheimen Verhörzentren statt, auch auf deutschem Boden, im Camp King am Rande des Taunus. Mithilfe von Drogen wie LSD, Elektroschocks und Folter führte man Gehirnwäschen durch, nach erfolgreichen Geständnissen sollte das Erinnerungsvermögen der Inhaftierten ausgelöscht werden. Viele der Versuchsopfer starben oder begingen Selbstmord. Die CIA versuchte, auch den berüchtigten Nazi-Arzt Kurt Blome für ihre Zwecke zu gewinnen. Die deutsche US-Botschaft machte ihr aber einen Strich durch die Rechnung, indem sie Blome kein USA-Visum ausstellte.
mehr bei: Psycho-Experimente (Der Freitag, 20.08.2014)


Freitag, 22. August 2014

Prostitution – Von der Rolle

Prostitution Wer sein Geld als Sexarbeiterin verdient, wird ausgegrenzt. Kann ein Kunstevent daran etwas ändern? Ein Selbstversuch 

Die Musik läuft erst ein paar Sekunden, als die Person rechts von mir beginnt, sich aus ihrem glitzernden Bodysuit zu schälen. Auch links von mir wird sich eifrig jeglicher Kleidung entledigt. Schnell sind fast alle um mich herum nackt. Mit Öl, Blut oder Joghurt beschmiert, wälzen sie sich auf dem Boden. Ihr Stöhnen und Ächzen vibriert durch den Raum. Ich bin verblüfft, mit so viel Körperlichkeit hatte ich nicht gerechnet. Ich bin Teil eines sogenannten Hurenrituals der US-amerikanischen Performancekünstlerin und Sexaktivistin Annie Sprinkle. Ich knie auf dem Boden der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel und bekritzle Karteikarten – in meiner Rolle als Hure. 

Eine Woche bevor SPD und Union ihre Verhandlungen zur Regulierung des Prostitutionsgesetzes fortsetzen wollen, hat die Kulturfabrik im Rahmen ihres Sommerfestivals zur dreitägigen Konferenz Fantasies That Matter. Images Of Sexwork In Media And Art geladen. Die Veranstaltung ist vom feministischen Missy Magazine mitkuratiert, und sie ist als künstlerisch-politische Intervention in der Debatte gedacht. Zuletzt war die Debatte pro und contra Sexarbeit im vergangenen Herbst wieder lebendiger geworden, nachdem Alice Schwarzer mit Emma eine Kampagne zum Verbot der Prostitution gestartet hatte. In Performances, Vorträgen und Diskussionen sollen jetzt in Hamburg die gesellschaftlichen Vorstellungen und Mythen von Sexarbeit noch einmal näher ausgeleuchtet werden.

mehr: Von der Rolle (Der Freitag, 22.08.2014)

Annie Sprinkles Internetpräsenz
Annie Sprinkle auf Wikipedia