KenFM im Gespräch mit: Michael Meyen ("Breaking News: Die Welt im Ausnahmezustand") {1:33:58 – Start bei 25:13
– Meyen: »Man soll immer fragen, in wessen Interesse Leute unterwegs sind«}
KenFM
Am 03.05.2014 veröffentlicht
Was braucht man für eine gute Fußball-Berichterstattung?
„3 Medienheinis, die mit den Spielern die fünf Antworten auswendig lernen, die auf die drei möglichen Interviewanfragen gegeben werden können.“ Was das Satiremagazin TITANIC hier locker-lässig als Witz formuliert hat, hat einen tieferen Kern. Gescripteter, abgesprochener Journalismus ist bei weitem nicht mehr nur Satire oder ausschließlich im Privatfernsehen zu finden. Vorgegebene, diktierte Meinungsmache ist real und begegnet uns beim Medienkonsum Tag für Tag.
Längst hat sich auch der politische Journalismus von der Wirklichkeit verabschiedet. Die Realität und unsere Haltung zu Putin, Trump, Kim und Merkel entstehen nicht einfach so, sie werden gemacht – und zwar von dem, was Presse- und PR-Agenturen schreiben und vor allem: was sie nicht schreiben.
Wie funktioniert das? Was muss seriöser Journalismus eigentlich leisten und wie unterscheidet er sich von klassischer Public Relations? Michael Meyen, ehemaliger Journalist und aktuell Kommunikationswissenschaftler an der LMU München, geht diesen Fragen auf den Grund.
In seinem Buch „Breaking News: Die Welt im Ausnahmezustand – Wie uns die Medien regieren“, beschreibt er, wie Werbung, Medien und Journalisten um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Er erklärt, wie einseitig die Gebührenzahler bei politischen Geschehnissen informiert werden und wie das große Theater, das uns tagtäglich von Tagesschau bis Weltmeisterschaft präsentiert wird, funktioniert. Er macht aber auch klar, dass wir uns mittels Achtsamkeit, Gehirn und eigenständigem Denken von diesen Manipulationen befreien können.
Haben wir erst einmal durchschaut, welche Rolle die Protagonisten auf der Theaterbühne des Journalismus spielen, welcher Journalist mit welchem Gehaltszettel eine Nachricht zur herrschenden Meinung und letztlich zu unserer eigenen Meinung macht, werden die Zusammenhänge klarer: Das Misstrauen steigt und die vielen Manipulationen verpuffen wie ein Abstoß ins Abseits.
Üben wir uns in Achtsamkeit. Lernen wir, die Dinge zu verstehen. Bestehen wir auf Transparenz. Und sehen wir die Weltmeisterschaft in Russland als eine Art Übung in Medienkompetenz. Auch das ist ein Weg zum Frieden.
5:0 für Russland. Vorhang auf.
Inhaltsübersicht:
0:06:24 Werbung muss sexy sein, Nachrichten auch
0:12:43 Sport –eine politische Bühne
0:22:03 Wirkung und Funktion von Journalismus, Presse & PR
0:30:40 Die Nachfrage nach PR-Jobs steigt
0:41:16 Was andere Journalisten über den aktuellen Zustand der Medien denken
0:54:03 Kontaktschuld und der "Raum des Sagbaren"
1:06:28 Der Kampf um die Deutungshoheit
1:15:43 Das Idealbild von Journalismus in einer demokratischen Gesellschaft
1:26:32 Medien und Terrorismus
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Newsroom Ist Amerika das wunderbarste Land der Weld? {7:44}
kokot13BTB
Am
23.10.2013
veröffentlicht
mein Kommentar: Wenn Michael Meyen recht hat, wie kommt es, daß Harald Lesch – nur mit einer Tafel und einem Stück Kreide bewaffnet – solch einen Erfolg mit seiner Sendereihe auf Alpha Centauri haben konnte? Alpha Centauri - Was ist der Urknall - Folge 38 {14:31}
TheLordOfDeath1000
Am
05.08.2012
veröffentlicht
Alpha Centauri - Was ist der Urknall - Folge 38
Die Menschheit schafft sich ab | Prof. Dr. Harald Lesch | SWR Tele-Akademie {44:46}
ARD Am
17.05.2018
veröffentlicht
http://www.tele-akademie.de – Seit 4,5 Milliarden Jahren gibt es die Erde, den Menschen erst seit 160.000 Jahren. Aber er hinterließ tiefere Spuren als alle anderen Lebewesen. Seit der Industrialisierung haben Wissenschaft und Technik die Erde fest im Griff. Und dabei werden wir immer mehr …
alter Text:
heruntergeladen am 10.05.2018 aus der Mediathek, gesendet vom TV am 06.05.2018
Leonie sitzt seit ihrem Wechsel aufs Gymnasium nur noch am Schreibtisch, Freizeit hat die 16-Jährige kaum noch. Was bedeutet ihr Schulstress für die Familie? Von Kerstin Gressnich
Parallelen in der Biologie, der Technik und der Chemie
Systemtheorie wurde zuerst von der Biologie entwickelt. Zum
Durchbruch kam sie nach dem Zweiten Weltkrieg als Kybernetik, das heißt als
Steuerungslehre technischer Systeme. Kernfrage war damals die nach der Erhaltung
von Gleichgewicht (Homöostase), nach der Angleichung eines Ist- an einen
Sollzustand, vor allem durch Zuführung von Information, die Abweichungen
anzeigt und Korrekturen in Richtung des Sollzustandes einleitet.
Diesem Verständnis von Systemtheorie entsprachen der
Familientherapie der sechziger und siebziger Jahre die strukturellen und
strategischen Ansätze. Diese entwickelten Vorstellungen darüber, wie ein
»funktionales« Familiensystem aussehen sollte, und leiteten daraus ab, wie
Therapeuten durch oft massiv eingreifende Interventionen ein System zum
Übergang von einem »dysfunktionalen« zu einem »funktionalen« Zustand bewegen
könnten. Diese Vorstellung der zielbewußten und geplanten Steuerung von
Systemen erwies sich als trügerisch.
In der Chemie entdeckte Prigogine, wie in chemischen Prozessen
scheinbar wie von selbst« neue Ordnungen, die »dissipativen Strukturen«
entstanden. In der Physik wurden mit der Synergetik und weitergehend mit der
Chaostheorie ähnliche Phänomene beschrieben: Systeme können unter bestimmten
Randbedingungen durchaus aus sich heraus, »selbstorganisiert«, neue Strukturen
entwickeln, sich verändern und nicht nur einmal gefundene Strukturen
stabilisieren. Damit wurde die Homöostase als Zentralbegriff der Systemtheorie
abgelöst. Damit wurde zunehmend nicht mehr das Gleichgewicht sondern die
Veränderungen in Systemen interessant.
Zweites Gesetz der Systeme:
Doku: Fraktale, Die verborgene Ordnung der Natur Mandelbrot und seine Welt [52:47]
Veröffentlicht am 12.10.2013
als Ergänzung zu EPOS DEI:
"Gern würden wir uns über einen Besuch freuen und bieten Euch als kleines Highlight diese Woche den Film "Epos Dei" kostenlos zum anschauen auf unserer Seite. Ebenso stehen nun auch unsere aktuellsten Produktionen im Free & PayTV zur Verfügung." http://nuoviso.tv/Produkt/epos-dei/
»Die Dinge werden immer geordneter, wenn man sie sich selbst
überläßt«.
Im Zuge erkenntnistheoretischer Überlegungen in den 80er Jahren
zur Autopoiese (Selbstorganisation) verschob sich der Fokus immer mehr auf die
autonome Selbstorganisationslogik lebender Systeme, ihre operationale
Abgeschlossenheit und damit auch auf die Grenzen externer (vor allem
zielgerichteter) Einflußnahme. Die Idee, daß Therapeuten kontrollieren könnten,
was im System passiert, wurde aufgegeben.
Die erkenntnistheoretischen Überlegungen zur Autopoiese
beinhalteten darüber hinaus auch Aussagen zur Wahrnehmung und zum Erkennen: Die
Welt ist ohne unsere Wahrnehmung so, wie sie ist, nicht denkbar. So hebt diese
Theorie die Unterscheidung in Theorien über die Dinge und Theorien über das
Erkennen auf. Auch im Radikalen Kontruktivismus wird Wirklichkeit als nicht
loslösbar vom Beobachter gesehen, der diese Wirklichkeit durch den Akt der
Beobachtung erst hervorbringt. [In dem
ganzen Text fehlt mir der Hinweis auf den Vorgang der Interpretation der
Realität.]
Therapeutische Konsequenzen
Therapeuten sollten eher neugierig auf die (oft eigentümliche)
Eigenlogik ihrer Klientensysteme sein und versuchen deren Nützlichkeit für die
Lebenspraxis ihrer Klienten wertzuschätzen.
In der geschichtlichen Betrachtung der Systemtheorie wird die
Phase von 1950 bis 1980 als die der »Kybernetik 1. Ordnung« bezeichnet. In
dieser Zeit erstellte man Theorien über beobachtete Systeme. Die Zeit ab 1980
wird als die Zeit der »Kybernetik 2. Ordnung« oder sogar als »Kybernetik der
Kybernetik« bezeichnet, in welcher das Interesse mehr den Beobachtern, die ein
System beobachten, gilt.
»einen ganzheitlichen Zusammenhang von Teilen, deren Beziehung
untereinander quantitativ intensiver und qualitativ produktiver sind als ihre
Beziehungen zu anderen Elementen. Diese Unterschiedlichkeit der Beziehungen
konstituiert eine Systemgrenze, die System und Umwelt des Systems trennt.«
v. Foersters Unterscheidung
Es gibt triviale und nichttriviale Maschinen. Erstere sind für
einen Beobachter potentiell vollständig durchschaubar und von ihm steuerbar – zumindest
theoretisch (nämlich, wenn er hinreichend kompetent ist und alle Informationen
verfügbar hat). Nichttriviale Systeme sind dagegen in ständigem Wandel und
weisen eine Eigendynamik auf, die sich der genauen Analyse und Beeinflussung
von außen entzieht.
Die daraus sich ergebende Frage lautet: Wie sehen Systeme aus, in
denen die Prozesse der Einschränkung (»Trivialisierung«) die Mitglieder so sehr
auf die Funktionsbedingungen des jeweiligen Systems hin ausrichten, daß nur
noch wenig Spielraum bleibt, daß den einzelnen der Zugang zu ihrer
»potentiellen Komplexität« fast ganz verlorengeht?
Kybernetik 1. Ordnung:
Teil und Ganzes, Grenzen, Regeln
Das Verhältnis von Teil und Ganzem: Subsysteme und Umwelten
Um eine stabile Struktur zu halten, ist ein System ab einem
bestimmten Komplexitätsgrad gehalten, Subsysteme auszubilden. Bei der Familie
kann das elterliche, das Geschwister-Subsystem oder auch das der weiblichen
oder männlichen Mitglieder sein. [umgekehrt könnte man aber auch sagen. daß sich das Familiensystem aus Subsystemen zusammensetzt: Was war eher da: die Henne oder das Ei?]
Eine besondere Bedeutung wird oft der Abgrenzung des elterlichen Subsystems im Kontext der Gesamtfamilie
beigemessen. Ein geordnet verlaufender Entscheidungsprozeß verlangt klare
Grenzen. Wenn die Ehepartner die Entscheidungen des jeweils anderen
boykottieren oder wenn die Kinder gezwungen sind, Entscheidungen zu treffen,
mit denen sie überfordert sind, kann es zu Störungen im Kommunikationssystem
Familie kommen. Die Beteiligung von Kindern an Elternfunktionen, manchmal auch
an Partnerfunktionen wird bei Stierlin als »Parentalisierung« bezeichnet.
Grenzen
Grenzen sind in sozialen Systemen das, was für die Zelle ihre
Membrane ist. Sie ermöglichen Abgrenzung gegen die Umwelt und damit
Identitätsbildung und regulieren die kommunikative Abschottung oder
Anschlußbereitschaft des Systems. In Physik und Chemie werden Grenzen durch
atomare, elektromagnetische oder Gravitationskräfte bestimmt. In sozialen
Systemen hingegen entstehen Grenzen durch Vereinbarungen darüber, was und wer
zum System dazugehören und nicht dazugehören soll. Über die Mitgliedschaft
definiert ein soziales System auch, was den Kern seiner Identität, seine Sinngebung
ausmacht.
Minuchin unterscheidet bei der Beschreibung von Familien drei
verschiedene Qualitäten: starre, klare und diffuse Grenzen, je nachdem, wie die Subsysteme der Familie
voneinander und wie die Familie nach außen abgegrenzt wird. In der systemischen
Therapie ist das Offenlegen und Infragestellen bisheriger Grenzziehungen oft
ein wichtiges Gesprächsthema.
Regeln
Regeln sind Beschreibungen eines Beobachters, der Rückschlüsse
darauf zieht, wie sich die Mitglieder eines Systems darauf geeinigt haben,
Wirklichkeit zu definieren, welche Bedeutung sie den Dingen zuweisen und
welches Verhalten sie als »möglich« oder »unmöglich« ansehen.
Regeln können von den Systemmitgliedern selbst formuliert werden,
wenn sie Teil ihrer Selbstbeschreibung geworden sind. Man spricht dann von
expliziten Regeln. Viel häufiger aber sind implizite Regeln: sie werden oft
meist erst dann deutlich und formulierbar, wenn sie übertreten wurden und dies
als Problem bewertet wird. Wo einengende Regeln gelten, greifen
Familienmitglieder oft zu komplizierten Umwegen. In einer Familie, in der zum
Beispiel Bedürfnisse nicht ausgesprochen werden dürfen, werden die einzelnen in
umständlicher Weise versuchen, die anderen davon zu überzeugen, daß sie
vielleicht gern genau das täten, was man eigentlich selbst tun will.
Von der Homöostase zu Fluktuation, Chaos und Synergetik
Das Homöostase-Konzept
Die frühe Systemtheorie hat sich vor allem dafür interessiert,
wie Systemparameter unter wechselnden Umweltbedingungen konstant gehalten
werden können.
Homöostase wird durch negatives Feedback sichergestellt. Eine
Abweichung vom Gleichgewichtszustand wird wahrgenommen und löst eine
regulierende Handlung aus, die den Parameter auf den alten Wert zurückführt.
Wir füllen zum Beispiel den Tank neu auf, wenn die Anzeige im Auto absinkt, wir
geben dem Pferd die Sporen, wenn es langsamer wird oder wir versuchen ein
ähnliches Ergebnis über Schläge oder Schuldgefühle bei unserem Kind zu
erzielen..
Positives Feedback
hingegen heißt: Auf die Rückmeldung einer Abweichung vom Sollzustand folgen
Handlungen, die das System noch weiter vom Gleichgewichtszustand wegbringen in
Richtung auf Eskalation: Der Vater schlägt das Kind, das Kind schlägt zurück,
daraufhin schlägt der Vater noch massiver zu und so weiter.
In der Therapie wird es schwer, den familiären Umgang in
wertschätzender Weise zu beschreiben, da der Istzustand gegenüber einem
Idealzustand immer eine Minusvariante darstellt. Dieses Konzeptführt zu zwei Problemen: Zum einen verleitet
es Therapeuten dazu, den Sollzustand von außen zu definieren, zum anderen fehlt
darin die Möglichkeit, daß ein System sich von sich selbst aus in neue,
unvorhergesehene, kreative Zustände versetzen kann.
Die dem Homöostasemodell unterliegenden Vorstellungen von Ordnung
hatten ihre Entsprechung in bekannten Menschen- und Gesellschaftsbildern. Diese
Sicht führt allerdings zu der Notwendigkeit ständigen Eingreifens, da der
Istzustand ständig durch Außenimpulse dem Sollzustand angeglichen werden muß.
Neue Antworten auf die Fragen, ob denn überhaupt eine andere Form von Ordnung
möglich sei, führte zu der grundlegenderen Fragestellung: Wie und unter welchen
Bedingungen organisieren sich Systeme von selbst, wie entsteht Ordnung? Die
Antworten kamen zuerst aus den Naturwissenschaften, bei denen die Geistes- und
Sozialwissenschaften dann Anleihen machten.
»Jenseits der Homöostase«: Fluktuation
Der belgische Physiker und Nobelpreisträger Prigogine entdeckte, daß sich bei
hochvernetzten, dynamischen Systemen unter bestimmten Bedingungen spontan
Ordnungen entwickeln, ohne daß es eine ordnende Instanz von außen gibt: aus
Abweichungen von einem zunächst stabilen Gleichgewichtszustand entstanden unter
Energieverbrauch neue Organisationsformen: diese nannte er »dissipative
Strukturen«.
Therapeutisch bedeutet dies auf der einen Seite den Versuch über
die Verwendung »verstörender« Bilder oder Interventionen das System zu
veranlassen zu versuchen, ein neues Gleichgewicht herzustellen, andererseits
die Abkehr von dem Glauben, dieses neue Gleichgewicht ließe sich von außen
kontrollieren.
Synergetik: vom Chaos zur Struktur
Eine der wichtigsten Fragen, denen sich der deutsche Physiker Haken in seiner Forschung widmete,
lautete: »Gibt es allgemeingültige Prinzipien der Selbstorganisation,
unabhängig von der jeweiligen Natur der Teile?« In der Teilchenphysik macht man
die Beobachtung, daß voneinander getrennte Teilchen sich unter bestimmten
Umständen so verhalten, als ob sie sich verständigten. Oder: führt man einer
Laser-Lampe, in welcher Gasmoleküle ungeordnet herumfliegen, Energie zu, kommt
es nach einiger Zeit zu einem Zustand, der so aussieht, als ob die chaotisch
fluktuierenden Atome sich »verabreden«. Haken spricht von »Ordnern«, also
bestimmten Strukturen, die zwar einerseits durch die Elemente erzeugt werden,
sie aber ihrerseits wieder »versklaven«, indem sie dem Verhalten der Elemente
eben diese Ordnung aufzwingen.
Bezogen auf die Therapie kann man sagen: Durch eine Variation der
Umweltbedingungen (Gespräch) kann ein System (Familie) zwar möglicherweise in
einen neuen qualitativen Zustand übergehen, welcher
Zustand dies jedoch ist (Streit, Trennung, Familienfrieden), ist nicht durch
die Randbedingungen (Gesprächsführung) vollständig determinierbar.
Eine aus der Selbstorganisationstheorie abgeleitete Methodik ist
die »Musterunterbrechung« bzw. die »Unterlassungsintervention«, bei der
versucht wird, durch Unterbrechung eines alten Musters eine Phase von
Instabilität zu erzeugen, in der das System einen neuen möglichen Attraktor aufsuchen kann.
Wie Leben sich selbst erzeugt:
Die Theorie autopoietischer Systeme
Kernthesen der biologischen Kognitionstheorie Maturanas und Varelas
- »Menschliches
Erkennen ist ein biologisches Phänomen und nicht durch Objekte der Außenwelt,
sondern durch die Struktur des Organismus determiniert.
- Menschen
haben ein operational und funktional geschlossenes Nervensystem, das nicht
zwischen internen und externen Auslösern differenziert; daher sind Wahrnehmung
und Illusion, innerer und äußerer Reiz im Prinzip ununterscheidbar.
- Menschliche
Erkenntnis resultiert aus ›privaten‹ Erfahrungen, ist als Leistung des
Organismus grundsätzlich subjektgebunden und damit unübertragbar.
- Der Gehalt kommunizierter Erkenntnisse richtet sich nach der biologischen Struktur des
Adressaten.«
Autopoietische Systeme produzieren und reproduzieren beständig
sowohl ihre einzelnen Elemente als auch die Organisation der Beziehungen
zwischen diesen Elementen in einem selbstrückbezüglichen (rekursiven) Prozeß.
Autopoietische Systeme werden
folgendermaßen charakterisiert:
- Sie sind strukturell determiniert, das heißt die jeweils
aktuelle Struktur determiniert, in welchen Grenzen sich ein Lebewesen verändern
kann, ohne seine autopoietische Organisation zu verlieren, also zu sterben.
- Sie haben keinen anderen Zweck, als sich selbst zu reproduzieren.
Alle anderen Behauptungen über ihren Sinn werden durch Beobachter an sie
herangetragen.
- Sie sind operationell geschlossen, das heißt sie können nur mit
ihren Eigenzuständen operieren und nicht mit systemfremden Komponenten.
Operationelle Geschlossenheit meint etwas ganz anderes als informationelle
Geschlossenheit. Lebende Systeme können sehr wohl Umweltinformationen aufnehmen
(»hören«, verarbeiten). Aber sie sind nicht unbegrenzt beeinflußbar, formbar,
instruierbar durch diese. Die Außenwelt wird nur soweit zur relevanten Umwelt
(und von dort kommende Informationen werden nur soweit zu relevanten
Informationen), wie sie im System Eigenzustände anzustoßen, zu »verstören«
vermag.
Diese Sichtweise kann dazu anregen, das So-Sein, die Eigenheiten
von Schülern, Patienten, Klienten oder Mitarbeitern, auch wenn sie nicht
gefallen, zunächst einmal als zu deren Struktur passen, für deren Überleben
nützlich anzusehen. Alle fachlichen Interventionen die diese innere Struktur
nicht wertschätzen, werden entweder nicht befolgt oder sie zerstören die
Arbeitsbeziehung (z.B. Abbruch der Behandlung, innere Emigration, Kündigung).
Die Vorstellung der Autonomie
lebender Systeme bringt es mit sich, daß diese als nicht verfügbar angesehen
werden. A kann nicht einseitig bestimmen, was B tun, erleben oder denken möge:
»Instruktive Interaktion« ist nicht möglich.
Zwei lebende Systeme können sich »strukturell koppeln« und »gemeinsam driften«. Von struktureller
Koppelung sprechen Maturana und Varela, wenn sich zwei (oder mehr) autopoietische
Einheiten so organisiert haben, daß ihre Interaktionen einen rekursiven und
sehr stabilen Charakter erlangt haben, daß sie zueinander »passen«. Rekursiv
heißt, daß die Einheiten sich jeweils wechselseitig verstören, und zwar so, daß
die jeweiligen Verstörungen gut zueinander passen und vom jeweils anderen in
immer gleicher Weise verarbeitet werden. In diesem Fall »driften« die beiden
Systeme gemeinsam.
Nichts als Kommunikation:
Die Theorie sozialer Systeme
Niklas Luhmann
fragt, ob die Theorie der Autopoiese lebender (= biologischer) Systeme
überhaupt auf soziale Systeme anwendbar ist. Seine Sichtweise beinhaltet die
Abkehr von der Vorstellung von Planung und Steuerung, wie sie sich ja auch mit
dem Begriff der Kybernetik 2. Ordnung verbindet, hin zur Beschreibung von
Systemen als selbstreferentiell. Selbstreferenz
bedeutet, daß sich ein System sich durch seine Operationen selbst schafft und
sich dadurch aufrechterhält.
Luhmann schlägt vor,
drei Klassen autopoietischer Systeme voneinander zu unterscheiden: Leben,
Bewußtsein und Kommunikation: »Das Leben lebt sein Leben, ohne daß ihm
Bewußtsein oder Kommunikation hinzugefügt werden könnte.« Als autopoietische
Systeme, die füreinander Umwelten darstellen, können sie sich wechselseitig
anstoßen, anregen, aber nicht gezielt beeinflussen: »Bewußtsein … hat die
privilegierte Position, Kommunikation stören, reizen, irritieren zu können.
Bewußtsein kann die Kommunikation nicht instruieren,
denn die Kommunikation konstruiert
sich selbst.«
Daß gerade Bewußtsein und Kommunikation so eng
aneinandergekoppelt sind, liegt an einem sehr zentralen Begriff: Sinn. Sinn ist
die aktive Auswahl, über die aus der »Überfülle des Möglichen« das menschliche
Erleben Ordnung herstellt: »Erleben und Handeln ist Selektion nach
Sinnkriterien«. Das ist gut so, sonst ergäbe sich schnell eine
unkontrollierbare Komplexität: »Man stelle sich den Lärm vor, der entstehen
müßte, wenn die gesprochenen Worte nicht mehr verklingen würden, sondern immer
weiter zu hören wären!« Das jeweilige Ereignis ist schon wieder verschwunden,
doch »was erinnert werden soll, muß in den jeweiligen Systemen hochselektiv
behandelt werden.« Das heißt nichts anderes, als daß Menschen jeweils gezielt
aus der Komplexität des Geschehens das herausnehmen, also erinnern, was zu
ihren bevorzugten Sinnkontruktionsmustern (oder sagen wir: Persönlichkeit,
Belief-System, Life-Script, Lebensstil, Familienregelsystem usw.) paßt.
Das Konzept der relativen
Autonomie von sozialem, psychischem und biologischem System hat wichtige
Implikationen für systemische Therapie:
- Gefühle sprechen nicht:
Therapie ist nicht der Umgang mit Gefühlen, sondern der Umgang mit
Kommunikationen über Gefühle. Es lohnt daher davon auszugehen (für Klienten wie
für Therapeuten), daß sie von der Beobachtung des anderen nie verläßlich auf
dessen Bedeutungsgebungen schließen (»Ich weiß schon, was Sie jetzt fühlen«),
sondern diese immer nur erkunden können.
- Menschen verstehen
einander prinzipiell nicht: Zwei Menschen können sich nicht direkt gegenseitig
in ihrer Gefühle oder Gedanken hineinsehen, sondern nur, indem die
Kommunikation ihr eigenes psychisches System anregt und in Bewegung bringt.
Wichtig dabei zu beachten: Dieser Prozeß wird nur partiell gelingen, die
kongruente Deckung von Bewußtsein und Kommunikation ist ein Sonderfall.
- Kommunikative Muster sind
autonom gegenüber den Gedanken und Gefühlen der Beteiligten: Wenn
Kommunikation kommuniziert, dann läßt sich das »Eigenleben« kommunikativer
Muster anschauen: »Die Fortsetzung von Kommunikation erfordert offensichtlich
die Erhaltung einer eigenen Organisation …, die nur so lange fortgesetzt werden
kann, als dies der Fall ist. Das Kommunikationssystem legt eine »eigene
Geschichte« an, und von daher kann es hilfreich sein, sich ohne Rückgriff auf
Metaphern des psychischen Systems mit dieser Organisation zu befassen.
-Systemische Therapie kann, wie jegliche kommunikative Therapie, nicht
direkt auf die biologische Ebene einwirken, sondern diese lediglich anregen.
Umgekehrt können Genetik und Stoffwechsel nicht direkt das Verhalten eines
Menschen determinieren, sondern lediglich anregen. Das verdeutlicht die
Grenzen systemischer Therapie bei somatischen Krankheiten und zugleich die
Grenzen biologischer Therapien (und die Chancen systemischer Therapie) bei
psychiatrischen Krankheiten.
Rückbesinnung auf die Person:
Die personzentrierte Systemtheorie
Jürgen Kritz führt
die aus der Theorie hinausgeworfene Person wieder ein. Auch er geht dabei
zunächst von beobachtbaren Regelmäßigkeiten (Mustern oder Strukturen) in den
Interaktionen zwischen Mitgliedern sozialer Systeme aus, die jedoch stets auch
als persönlicher Ausdruck der beteiligten Individuen zu sehen sind.
Die drei Phänomenbereiche von Kommunikationen
1) kommunikative Handlungen (»efferente
Kommunikationen«), das gesamte Spektrum der Ausdrucksmöglichkeiten einer
Person,
2) Wahrnehmungen (»afferente
Kommunikationen«), das Spektrum der Eindrücke einer Person, die aktiv von ihr
gestaltet werden,
3) Gedanken und Gefühle (»selbstreferente
Kommunikationen«), das heißt der Strom der Kognitions-Emotions-Phänomene im
Bewußtsein. Eine Person kommuniziert ständig (auch) mit sich selbst, ist
ständig im inneren Dialog begriffen.
Die in einer Familie ablaufenden Prozesse sind durch eine
besondere Dichte und Schnelligkeit des existentiellen Austauschs
gekennzeichnet. Die ja meist nur jeweils wenige Sekunden umfassenden
leiderzeugenden Interaktionsmuster werden immer und immer wieder wiederholt. Es
ist oft erstaunlich, wie gut auch hoch zerstrittene Familienmitglieder
»zusammenarbeiten«, um ein Transaktionsmuster aufrechtzuerhalten, in dem sich
jeder als Verlierer fühlt.
Für einen Beobachter scheinen die Kommunikationen oft nicht
Reaktion auf eine vorhergehende Aussage zu sein. Sie werden vielmehr durch die
Erwartungsstrukturen bestimmt, die sich im Lauf der Zeit herausgebildet haben.
Dieses Phänomen wurde bei Bandler et al. 1987 als »geeichte Kommunikation«
bezeichnet: Eine Person B reagiert auf das kommunikative Angebot ihres
Gegenübers A nicht »sinnvoll« (aus der Sicht eines Beobachters), sondern sie
greift einen Teilaspekt aus diesem Angebot heraus und ergänzt diesen vor dem
Hintergrund der eigenen Erwartungsstrukturen.
- »Was haben Sie wahrgenommen?«
- »Wie mein Mann mich angeguckt hat, wußte ich schon Bescheid!«
- »Haben Sie gehört, was er gesagt hat?«
- »Nein, mir ist sowieso klar, was er sagen würde, wenn er so
guckt!«
Einer Kommunikation wird schon im Ansatz die bereits erwartete
Deutung zugeordnet. Reagiert wird nicht mehr auf das Geäußerte, sondern auf das Erwartete.
Die integrative Perspektive
Entscheidend ist, ob eine Intervention das Muster, in dem eine
Person mit sich selbst oder mehreren Personen kommunizieren, verändert oder
nicht. Es ist unwichtig, welche äußeren Kriterien eine Intervention, ein
Setting oder ähnliches erfüllt: wichtig ist die Frage, inwieweit sie in den
Prozeß in konstruktiver Weise etwas Neues einführt, einen »Unterschied, der
einen Unterschied macht«, um eine Metapher von Bateson
zu benutzen.
Eine gemeinsam erschaffene Welt:
Der soziale Konstruktionismus
Der amerikanische Sozialpsychologe Ken Gergen gilt als Hauptvertreter des sozialen
Konstruktionismus. In seiner Sicht erscheint der Mensch nicht mehr als
»faktische Entität«, die von Umwelteinflüssen bestimmt ist, sondern selbst als
»eine Art sozialer Konstruktion«: »Er ist so, wie die anderen – und er selbst –
ihn sich vorstellen.«
Der Konstruktionismus geht wie der Konstruktivismus von der
prinzipiellen Unerfaßbarkeit einer »objektiven Realität« aus. Er kritisiert jedoch,
daß im Konstruktivismus und in der Theorie autopoietischer Systeme das
Individuum, sein Gehirn und seine Art, eine Welt zu erschaffen, Ausgangspunkt
der Beobachtung sind. Im Gegensatz dazu geht der soziale Konstruktionismus
explizit von der Bezogenheit aus, von der Koordination der Personen
untereinander. Eine besondere Bedeutung mißt er dabei der Sprache zu. Sie ist
das wichtigste Medium dieser Prozesse, sie ist »sowohl Produkt als auch ›Produzent‹
menschlicher Wirklichkeit«.Sprache ist immer sozial und erfordert die
Koordination von mindestens zwei Personen.
»Der soziale Konstruktionismus stimmt mit dem Konstruktivisten
darin überein, daß wir die Welt konstruieren, aber diese Konstruktionen sind
grundsätzlich linguistischer Natur und nicht psychologischer (biologischer oder
kognitiver). D.h. unsere Substantive isolieren und fragmentieren unser
Verständnis dessen, was wir vorfinden, unsere Verben konzeptualisieren unsere
Welt im Hinblick auf Handlungen und Wirkungen, unsere Geschichten schaffen Reihenfolge
und Ordnung usw., und auf diese Weise schaffen wir uns eine verständliche Welt.
Diese Konstruktionen erlangen ihre Bedeutsamkeit nicht dadurch, daß sie unsere
Handlungen irgendwie vom Kopf her dirigieren, sondern weil wir sie in unseren
Beziehungen mit anderen benutzen.«
Einzig durch eine fortwährende Konversation mit seinen
nahestehenden Interaktionspartnern gewinnt das Individuum ein Gefühl für
Identität oder eine innere Stimme.«
Dialog
Dialog wird als das gesehen, wo »Wirklichkeit« entsteht, Berater
werden ermutigt, in Begriffen und Konzepten wie »Geschichte«, »Metapher«,
»Umgang mit Bedeutung«, »Rhetorik und Verhandlung« zu denken, also auf die Art
zu achten, wie in Systemen gemeinsam Bedeutung geschaffen, hergestellt wird.
Der gemeinsame Monolog – eine Art des gemeinsamen
Miteinander-Sprechens, das Perspektiven und Möglichkeiten ausgrenzt – bedeutet
eine Festlegung der Wahrnehmung der Wirklichkeit auf eine einzige, starr
begrenzte Weise.
»Bedeutungsgebung besteht in einem Prozeß ständiger Entfaltung,
ist niemals festgelegt und immer abhängig von der Form unseres gemeinsamen
Tanzes. Wir schaffen gemeinsam die Realität, aber es ist immer eine Realität
ohne Anker, immer offen für eine Umwandlung – in der nächsten Konversation … Es
ist niemals ganz klar, welches Spiel wir spielen.«
Konsequenzen für die Therapie
Wenn ein Sachverhalt aus unterschiedlichen Perspektiven
unterschiedlich gesehen werden kann und die unterschiedlichen Perspektiven zu
unterschiedlichen Konsequenzen, Urteilen, Entscheidungen führen, dann verliert
die Sache selbst zunehmend an Bedeutung: »Statt dessen verlagert sich das
Interesse auf die Art und Weise, wie soziale Gruppen die Sache sehen, benennen
und kategorisieren … Meine Depression ist demnach nicht mehr ein Stück von mir;
sie entsteht aus der Art und Weise meiner Beziehung zu anderen. Es ist ›unsere‹
Depression; ich bin nur ihr Träger.«
»Wenn man einmal den Weg zum postmodernen Denken eingeschlagen
hat, gibt es keine Umkehr zu den ›harten Tatsachen‹ und den ›Dingen an sich‹.
Da jedoch die Postmoderne keine Grundannahmen, kein striktes Programm hat, ist
sie auch entsprechend tolerant. Entgegen der Moderne z. B. versucht sie nicht,
andere Redeweisen über das Selbst zu unterdrücken. Wie uns die Architektur und
die Kunst zeigen, lädt uns die Postmoderne dazu ein, mit unserer Vergangenheit
so umzugehen, wie es uns beliebt. So brauchen wir uns nicht der frühen
Begriffswelt des Selbst zu entledigen. Wir können uns ihr ruhig hingeben, etwa
wie überlieferten Bräuchen und Spielen. Wir können weiterhin Begriffe verwenden
wie Leidenschaft, Intuition, Kreativität, Persönlichkeitseigenschaften usw. – Nicht,
als ob diese Begriffe dem Bezeichneten gerecht würden, sondern weil sie uns bei
der Weiterführung von Traditionen, die uns Halt geben, helfen. Das bedeutet
nicht, daß man diese Begriffe weniger ernst nehmen sollte; es ist nur wichtig,
ihre historische und kulturelle Relativität zu beachten. Vielleicht steckt ja
in der Betrachtungsweise des Selbst als Beziehung die Chance für eine neue weltweite
Harmonie. Wenn wir vollständig voneinander ›bevölkert‹ sind, wenn mein Dasein
gleichzeitig dein Dasein ist, wie können wir dann dem anderen etwas antun, ohne
damit uns selbst etwas anzutun? Genau diese Entwicklung auf eine weltweite
Interdependenz hin ist es, die ich als den besten Effekt der postmodernen Wende
ansehe. Es ist eine Entwicklung, zu der eine verantwortungsbewußte Psychologie
viel beizutragen haben müßte.« (GERGEN 1990, s.
198).
Das Ende der großen Entwürfe:
Postmoderne Philosophen
Die aus der französischen Philosophie kommende Debatte der »Postmoderne« und damit verwandte
sprachphilosophische Überlegungen beeinflussen seit Ende der achtziger Jahre
auch die systemische Beratung. Als einen Startpunkt kann man eine Schrift vonJean François Lyotard ansehen, die 1979
erschien: »Das postmoderne Wissen«. Darin diagnostiziert Lyotard für das postindustrielle
Zeitalter das »Ende der großen Meta-Erzählungen«, denen heute kein Glaube mehr
geschenkt werde. Zu diesen Meta-Erzählungen gehören die großen Schöpfungsmythen
und die großen heilsversprechenden Zukunftsentwürfe. Lyotard sieht diese als »Sprachspiele«, wirft ihnen
Anfälligkeit für Totalitarismus vor und diagnostiziert eine Zerstreuung,
Heterogenisierung, Pluralisierung dieser Sprachspiele
Wolfgang Welsch, ein
deutscher Postmoderne-Theoretiker, versteht Postmoderne als »Verfassung
radikaler Pluralität« auf unterschiedlichsten Ebenen: eine Gesellschaft mit
Differenzen auch in den Grundwerten; ein Individuum, das selbst »im Plural
lebt«, also auch in sich selbst gegensätzlichste Ideen und Lebensweisen
vereinigt; eine Theorie, die zu jeder Behauptung deren Entstehungs- und
Gültigkeitskontext gleich mitbenennt und die den Sinn jeder Äußerung immer
wieder neu zu verschieben bereit ist. In diesem Sinn verabschiedet die
Postmoderne die Moderne, die sogenannte Neuzeit und »deren Grundobsession: die
Einheitsträume«.
Sie liefern auch systemischer Beratung ein weiteres Argument
dafür, mit ganz unterschiedlichen Wirklichkeitsentwürfen in Familien, Gruppen,
Organisationen zu spielen und keine für richtiger als die andere zu halten.
Beratung heißt, weitere, zusätzliche Geschichten zu erzählen und damit
Komplexität anzubieten, aus denen sich die Ratsuchenden neuen Sinn
konstituieren können. Viele, nicht nur Systemtherapeuten, sehen in dieser
Reduktion von Beratung auf Konversation allerdings auch die Gefahr von
Beliebigkeit und (nachfolgender) Inkompetenz. In der Gegenwart nutzen viele
Therapeuten eher die Vielfalt der Möglichkeiten für die Entwicklung eines
eigenen Stils, als daß sie sich auf einen einzigen »großen
psychotherapeutischen Entwurf« stützen und ausschließlich nach ihm operieren.
»Philosophie ist eine Bewegung, mit deren Hilfe man sich nicht
ohne Anstrengung und Zögern, nicht ohne Träume und Illusionen von dem frei
macht, was für wahr gilt, und nach anderen Spielregeln sucht« (Foucaultzit. nach Fink-Eitel 1989).
» ... deswegen kann ich nicht den ... Strukturalisten zugerechnet
werden ... Ich befasse mich ja im Grunde nicht mit dem Sinn und auch nicht mit
den Bedingungen seines Erscheinens, sondern mit den Bedingungen der Veränderung
oder Unterbrechung des Sinns: mit den Bedingungen, unter denen der Sinn
erlischt, damit etwas anderes erscheinen kann« (Foucault
1974, S. 9f).
Foucaults Herkunft als Psychologe klingt in vielen seiner
Schriften an. Die hermeneutische Arbeit der Bewußtmachung der unbewußten
Bedingungen aktuellen Bewußtseins war ein wichtiges Ziel. Für systemische
Therapie sind vor allem seine Überlegungen wichtig, wie Menschen ihre Freiheit
zum »selbstbestimmten Existenzentwurf« verlieren, indem durch soziale
Herrschaft ihnen das Wissen darum genommen wird.
Derrida, ein Schüler Foucaults, Philosoph und
Literaturtheoretiker setzt die Suche nach den Hintergründen dessen fort, was
unsere Sicht von Wirklichkeit vorgibt und prägt. Für ihn ist Verstehen mit
einem Bruch des gewohnten Bezuges (z.B. mit der Vernunft) verbunden.
Der Praktiker der Dekonstruktion arbeitet zwar innerhalb eines
Begriffssystems, aber mit der Absicht, es aufzubrechen, mit dem Sinn zu
spielen, indem immer wieder neue Verbindungen, Korrelationen und Kontexte
bereitgestellt werden.
Bereits die Beschreibung eines Gegenstandes aus mehreren
Perspektiven ist Dekonstruktion, aber auch die Suche nach den scheinbar
nebensächlichen Details, die einer Geschichte, wenn sie aufgegriffen werden,
eine andere Wendung geben können. Dekonstruktion erlaubt, darüber nachzudenken,
welche Geschichte sich hinter einer
dominierenden Erzählung verbirgt: wo liegt alternatives Wissen, welche Gesichtspunkte
wurden ausgelassen, unterdrückt? Auch bei Umdrehen von
Ursache-Wirkungszusammenhängen – auch hier ergibt sich ein Bezug zur
therapeutischen Praxis, wenn etwas der Satz »Ich bin traurig, weil meine
Freundin mich verlassen hat« einmal umgedreht wird: »Meine Freundin hat mich
verlassen, weil ich traurig bin.«
aus einem selbstverfassten Skript zur Prüfungsvorbereitung nach
Werner Heisenberg und die Frage nach der Wirklichkeit {1:25:22}
QuantenPhysik
Am 20.03.2014 veröffentlicht
Hans-Peter Dürr, Anton Zeilinger und Martin Heisenberg über Leben und Werk des grossen Wissenschaftlers (Vollständige Fassung).
Kapitel: Die Poesie der Physik - Was die Welt im Innersten zusammenhält - Unschärferelation - Die Angst vor der Bombe - Die Verantwortung des Wissenschaftlers - Der Teil und das Ganze (BR alpha 2011).
Teil der Sammlung/Playlist "Werner Heisenberg - Vorträge, Gespräche und ein Portrait" hier: https://www.youtube.com/playlist?list...
Frau Pr. Christine Kühner hielt auf einer Fachtagung in Hannover 2009 folgenden Vortrag über Geschlechterdifferenzen bei Depressionen:
Höhere Depressionsraten bei Frauen – empirische Evidenz
Ein konsistentes Ergebnis epidemiologischer Forschung ist, dass
Frauen häufiger an unipolaren depressiven Störungen erkranken
als Männer. Daten aus dem deutschen Bundesgesundheitssurvey
1998/99 zeigen, dass bundesweit ca. 12 % der Männer und 25 %
der Frauen mindestens einmal im Leben die Kriterien für eine
depressive Störung erfüllen (Jacobi et al., 2004). Internationale
Studien legen nahe, dass das erhöhte Depressionsrisiko von
Frauen über verschiedene Bevölkerungs- und Behandlungsstichproben sowie soziokulturelle Kontexte besteht.
Das Auseinanderdriften der Depressionsraten zuungunsten der
Mädchen beginnt in der Pubertät. Die deutlich erhöhte Depressionsprävalenz bei den Frauen
(Verhältnis ca. 2:1) setzt sich entgegen landläufiger
Meinung nicht nur über die reproduktiven Jahre der
Frau, sondern bis ins höhere
Alter fort (z.B. Angst et al.,
2002). Die höhere Depressionsprävalenz bei Frauen
ist insbesondere auf deren
höhere Ersterkrankungsraten zurückführbar, darüber hinaus gibt es Hinweise auf längere Krankheitsepisoden bei Frauen (Eaton et al., 2008, zsf. Kühner, 2007).
Symptome
Geschlechtsunterschiede finden sich auch in der symptomatischen Ausgestaltung der Depression. Während depressive Kernsymptome wie Niedergeschlagenheit und die Unfähigkeit, Freude
zu empfinden, von Männern und Frauen gleich häufig genannt
werden, klagen Frauen häufiger über körperliche Depressionssymptome wie Schlaf- und Appetitstörungen, Energiemangel und
Verlangsamung. Insbesondere die saisonale und die atypische
Depression, letztere gekennzeichnet durch ein Mehr an Appetit
und Schlaf, bleierne Müdigkeit und hohe interpersonelle Kränkbarkeit, sind bei Frauen nochmals deutlich häufiger anzutreffen.
Bezüglich psychischer Komorbidität finden sich bei depressiven
Frauen häufiger komorbide Angst- und Essstörungen, während bei
betroffenen Männern häufiger komorbide Substanzstörungen und
vollendete Suizide vorkommen (zsf. Kühner, 2007).
Erklärungsansätze
Erklärungsansätze für die höheren Depressionsraten bei Frauen
befassen sich zum einen mit möglichen Artefakten, zum anderen
mit dem möglichen Einfluss genetischer, hormoneller, psychischer
und sozialer Faktoren.
Artefaktforschung
Hier werden unter anderem unterschiedliches Inanspruchnahmeverhalten, unterschiedliche Erkennungsschwellen der Depression
bei Männern und Frauen durch diagnostizierende Ärzte und
Ärztinnen sowie eine größere Bereitschaft von Frauen, Symptome zu berichten, diskutiert. Solche möglichen Artefakte sind
grundsätzlich zu berücksichtigen, insgesamt können sie jedoch
nur einen kleinen Teil der diagnostizierten höheren Depressionsraten bei Frauen erklären. Eine weitere Hypothese besagt, dass
Männer eher untypische Depressionssymptome wie Reizbarkeit,
Ärger oder feindselig-aggressives Verhalten zeigen, während die
gängigen Depressionsskalen eher weibliche Symptome erfassen.
Obwohl das hier angesprochene Konstrukt der „Männerdepression“ spontan plausibel erscheint, mangelt es derzeit an dessen
empirischer Absicherung (vgl. Möller-Leimkühler et al., 2007;
Perlis et al., 2005). Hier ist sicherlich auch zu fragen, inwieweit
es Sinn macht, sämtliche stressreaktiven psychischen Symptome
unter dem Depressionsbegriff abzuhandeln.
Genetik und Hormone
Bisher ist es auch nicht gelungen, die höheren Depressionsraten
von Frauen anhand einfacher biologischer Modelle zu erklären.
Das genetische Risiko scheint für Männer und Frauen vergleichbar
zu sein (Sullivan et al., 2000). Was das Auseinanderdriften der
Depressionsraten in der Pubertät betrifft, so kann davon ausgegangen werden, dass neben einer möglichen erhöhten hormonbedingten Vulnerabilität für Mädchen in dieser Phase auch Interaktionen mit psychosozialen Risikofaktoren zu berücksichtigen
sind, denen Mädchen aufgrund von Geschlechtsrollenaspekten
häufiger ausgesetzt bzw. vulnerabler gegenüber sind (zsf. Kühner,
2007). So zeigen insbesondere in westlichen Kulturkreisen Mädchen eine größere Unzufriedenheit mit den eigenen körperlichen
Veränderungen während der Pubertät als Jungen, und diese Unzufriedenheit geht bei ihnen auch häufiger mit höherer Depressivität einher (z.B. Crick & Zahn-Waxler, 2003). Die körperlichen
Veränderungen während der Pubertät interagieren somit mit
nachteiligen soziokulturellen Standards (Schlankheitsideal), was
Mädchen in dieser Phase besonders depressionsanfällig macht.
Andere Studien legen nahe, dass adoleszente Mädchen häufiger
interpersonellen Stressereignissen ausgesetzt sind als Jungen (zsf.
Cyranowski et al., 2000).
Mädchen beginnen zu einem früheren Zeitpunkt als Jungen,
sexuelle Beziehungen aufzunehmen, und Mädchen mit besonders frühem Einsetzen der Menarche haben ein höheres Risiko
für depressive Verstimmungen (Ge et al., 1994). Untersuchungen
zur perinatalen Phase zeigen, dass entgegen früherer Annahmen
die Schwangerschaft keinen Schutz gegenüber Depressionen
vermittelt, umgekehrt der Anteil von Frauen, die eine postpartale
Depression entwickeln (10–15%) gegenüber nichtentbindenden
Frauen im selben Altersbereich nicht klar erhöht ist. Auch hier
sind neben früheren depressiven Phasen insbesondere psycho-
soziale Risikofaktoren wie geringe soziale Unterstützung und
stressvolle Lebensereignisse zu berücksichtigen (Beck, 2001).
Ähnliches gilt für die Perimenopause1. Neben einem erhöhten
Wiedererkrankungsrisiko für Frauen mit früheren Phasen zeigen
neuere Studien auch signifikante Raten an Neuerkrankungen von
bislang nicht vorbelasteten Frauen (Cohen et al., 2006, Freeman
et al., 2006). Als relevante Risikofaktoren für die Entwicklung
perimenopausaler Depressionen werden ebenfalls aktuelle psychosoziale Belastungsfaktoren sowie vasomotorische Symptome
(z.B. Hitzewallungen und Nachtschweiß, letzterer häufig verbunden mit nächtlichem Erwachen) genannt (Avis, 2003, Wise et al.,
2008).
Psychische und soziale Risikofaktoren
Relativ konsistent sind verschiedene psychische und soziale
Risikofaktoren identifizierbar, die mit der Geschlechtsrolle von
Frauen und Männern im Zusammenhang stehen und die einen substanziellen Teil des Gender Gaps erklären dürften. So weisen
adoleszente Mädchen und Frauen weniger Selbstsicherheit und
höhere Ängstlichkeitswerte auf. Negativen Verstimmungszuständen gegenüber lassen sie eine erhöhte Selbstaufmerksamkeit
zukommen und verarbeiten diese eher introspektiv durch Grübeln
oder Selbstvorwürfe, was solche Verstimmungen eher verlängert
bzw. verschlechtert (Nolen-Hoeksema et al., 2008). Dagegen lenken sich Männer eher ab oder wenden dysfunktionale Strategien
wie Alkoholmissbrauch an. Erklärt wird dies über Unterschiede in
der Geschlechtsrollensozialisation: Während Jungen zu aktivem
Verhalten angehalten werden und für emotionales, „weibliches“ Verhalten eher bestraft werden, lernen Mädchen, dass die
Beschäftigung mit negativen Gefühlen sowie deren Ursachen und
Konsequenzen angemessenes geschlechtstypisches Verhalten
darstellt (Nolen-Hoeksema et al., 2008).
Im Zusammenhang mit Geschlechtsrollenaspekten stehen auch
bestimmte psychosoziale Belastungen, die das Depressionsrisiko
erhöhen. Im makrosoziologischen Bereich müssen z.B. Risikofaktoren wie Armut, soziale und ökonomische Benachteiligung
sowie geringe Handlungskontrolle berücksichtigt werden (vgl. Belle & Doucet, 2003). In traditionellen Partnerschaften stellt
nach epidemiologischen Studien das Verheiratetsein für Männer
einen Schutzfaktor gegenüber Depressionen dar, während für
Frauen eher die Qualität der Partnerbeziehung das Depressionsrisiko beeinflusst. Aktuelle Studien zeigen, dass Berufstätigkeit vor
Depressionen schützt, und zwar Männer wie Frauen.
Grundsätzlich wirkt Berufstätigkeit im Sinne eines Stresspuffers,
der Belastungen in anderen, z.B. familiären Rollenbereichen,
abmildern kann. Dies jedoch nur bis zu einem gewissen Grad:
Rollenüberlastungen gehen dagegen einher mit reduziertem
psychischen Wohlbefinden und erhöhen das Depressionsrisiko.
Empirische Belege hierfür finden sich z.B. bezüglich der Asymmetrie familiärer Rollen in Familien mit kleinen Kindern oder für
die Pflege bedürftiger Familienangehöriger, die in den weitaus
meisten Fällen Aufgabe von Frauen ist. Nach der „Cost of Caring“-
Hypothese haben Männer und Frauen dasselbe Risiko, auf belas-
tende Lebensereignisse mit einer Depression zu reagieren. Frauen
sind jedoch aufgrund ihrer Geschlechtsrolle mehr kritischen Le-
bensereignissen ausgesetzt, die ihr näheres und weiteres soziales
Umfeld betreffen, und sie sind gegenüber solchen Ereignissen
vulnerabler als Männer (zsf. Kühner, 2007).
Spezielle Stressoren stellen körperliche, psychische und sexuelle
Gewalt dar. Während Gewalt in Partnerschaften von Männern und
Frauen ausgeht, sind Frauen als Opfer deutlich häufiger betroffen. Sexueller Missbrauch in der Kindheit ist bei Männern und
Frauen mit Depressionen und anderen psychischen Störungen im
Erwachsenenalter assoziiert. Mädchen sind dabei einem doppelt
so hohen Missbrauchsrisiko ausgesetzt. Während Mädchen in
Reaktion auf den Missbrauch später häufiger Depressionen als
Jungen entwickeln, finden sich bei diesen später häufiger Subs-
tanzmissbrauch und nach außen gerichtete psychische Störungen
(z.B. Garnefski & Arend, 1998; zsf. Kühner, 2007).
So sind betroffene Jungen aufgrund ihrer psychischen Problematik häufiger in Gefängnissen und Suchtkliniken anzutreffen als in
psychiatrischen Krankenhäusern (Putnam, 2003). Grundsätzlich
kann davon ausgegangen werden, dass geschlechtsspezifische
Sozialisationsprozesse die Ausformung emotionaler Reaktionen
gegenüber negativen Stimmungen und Stressoren beeinflussen
und damit zur Erklärung der unterschiedlichen Risiken für die
Entwicklung von Internalisierungs- und Externalisierungsstörungen
beitragen (z.B. die oben beschriebene erhöhte Grübelneigung
von Mädchen und Frauen als Risikofaktor für die Entwicklung
einer depressiven Störung).
Den Einfluss von Geschlechtsrollenaspekten auf das Ungleichgewicht in den Depressionsraten legt eine aktuelle Studie der WHO
mit über 70.000 Studienteilnehmern und -teilnehmerinnen nahe
(Seedat et al., 2009). Hier zeigte sich in 11 der 15 untersuch-
ten Länder eine deutliche Annäherung der Depressionsraten in
jüngeren Alterskohorten. Diese Annäherung stand in deutlichem
Zusammenhang mit Veränderungen der traditionellen Geschlechtsrolle der Frauen in den jeweiligen Ländern.
Psychotherapeutische Behandlung von depressiven Männern und Frauen Ähnlich wie bei somatischen Behandlungen der Depression
wird der Genderaspekt auch im Bereich psychotherapeutischer
Behandlungsansätze eher vernachlässigt. So fehlen in der Psy-
chotherapieforschung theoriegeleitete Interventionsansätze, die
geschlechtsspezifische Faktoren explizit berücksichtigen. Insgesamt liegen nur wenige Ergebnisse zur differenziellen Wirksam-
keit psychotherapeutischer Maßnahmen vor. Dabei handelt es
sich i.d.R. um post-hoc Analysen von Studien, die ursprünglich
nicht auf die Untersuchung geschlechtsspezifischer Faktoren
ausgerichtet waren. Für die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)finden sich aufgrund der vorliegenden Studienlage keine Unterschiede in der Wirksamkeit bei depressiven Männern und Frauen
im Einzel- und im Gruppensetting (zsf. deJong-Meyer et al., 2007;
Watson & Nathan, 2008), lediglich eine frühere Studie fand, dass
bei Patienten und Patientinnen mit initial hoher Symptomschwere
Männer eine etwas schnellere Symptombesserung zeigten (Thase
et al., 1994). Eine aktuelle Studie zur Interpersonellen Therapie
(IPT) im stationären Setting fand keine Geschlechtsunterschiede
bezüglich der Symptombesserung nach fünfwöchiger Behandlung
(Schneider et al., 2008).
Bei der stationären Entlassung wiesen Männer zwar eine höhere
Remissionsrate auf, nach 3–12 Monaten war dieser Unterschied
jedoch nicht mehr präsent.2 In der perinatalen Phase stellt Psychotherapie, insbesondere bei leichten und mittelschweren Depressionen, die Methode erster Wahl dar, da hier Antidepressiva
nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abschätzung verordnet werden
sollten. Zur Wirksamkeit von Psychotherapie speziell für Depressionen in der Schwangerschaft liegen bislang nur zwei Studien vor,
die der IPT Wirksamkeit zuschreiben (Spinelli & Endicott, 2003;
Grothe et al., 2009). Hier ist weiterer Forschungsbedarf notwendig. Besser ist die Studienlage bei der Behandlung postnataler
Depression. Hier zeigt sich, dass verschiedene psychologische
Interventionen gut akzeptiert werden und günstige Wirkungen
aufzeigen.
Neben KVT, IPT und psychodynamischer Kurzzeittherapie zeigten
sich in Studien auch rein psychoedukative Gruppen sowie nicht-
direktive Beratung und Betreuung durch Krankenschwestern und
Paraprofessionelle in der Behandlung postnataler Depressionen
bei Männern als wirksam. Reine Vorbeugungsprogramme, die
durch psychotherapeutische Interventionen in der Schwangerschaft versuchen, postpartale Depressionen zu verhindern, zeigen
zumindest bei Frauen ohne erhöhtes Depressionsrisiko dagegen
bislang kaum präventive Effekte (zsf. deJong-Meyer et al., 2007).
An dieser Stelle soll auch auf das relativ häufige Vorliegen einer
postnatalen Depression bei Männern hingewiesen werden, die
mit einer geschätzten Prävalenz von ca. 4–9 % ein signifikantes
Public Health Problem darstellt. Studien zeigen, dass väterliche
postpartale Depressionen das Risiko für die Entwicklung von emo-
tionalen und Verhaltensstörungen bei Kindern erhöhen, insbesondere bei Jungen (z.B. Ramchandani et al., 2005).
Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass größere Vergleichsstudien zur differenziellen Wirksamkeit psychotherapeutischer Verfahren bei Männern und Frauen wünschenswert sind, ebenso
die Weiterentwicklung und Überprüfung psychotherapeutischer
Verfahren im Kontext von Schwangerschaft, Geburt und Postpartum, auch unter Etablierung adäquater stationärer und ambulanter Behandlungssettings.
1 Als Perimenopause wird die Übergangsphase bis zur Menopause bezeichnet. Sie beginnt ungefähr ein Jahr vor der Menopause und
endet etwa ein Jahr nach der letzten Periode.
2 Die Interpersonelle Therapie (IPT) ist eine psychodynamisch orientierte Kurzzeittherapie, die auf die Behandlung unipolarer Depressionen zugeschnitten ist. Die IPT geht davon aus, dass Depressionen in einem psychosozialen und interpersonellen Kontext entstehen.
Autorin
Prof. Dr. Christine Kühner
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit
Arbeitsgruppe Verlaufs- und Interventionsforschung
Postfach 122120
68072 Mannheim
E-Mail: christine.kuehner@zi-mannheim.de