Dienstag, 15. April 2008

Mama, darf ich weg?

Als die Analytiker begannen, sich von Papa Freud zu emanzipieren, sagten sie: "Im Mittelalter haben sie immer Aristoteles zitiert anstatt wissenschaftliche Beobachtungen zu machen. Wir machen das besser und hören auf, immer den Alten zu zitieren und gucken selbst mal nach, was bei den Kindern los ist." So begann die Säuglingsforschung und damit auch ein Teilgebiet derselben, die Bindungsforschung.
Bei der Bindungsforschung werden Säuglinge einige Zeit lang unter genau festgelegten Untersuchungsbedingungen allein gelassen. Dann schaut man, wie sie sich verhalten, wenn Mama wieder da ist. Aus dem Verhalten der Säuglinge läßt sich dann auf die Art der Beziehung zwischen Mutter und Kind (die Art der Bindung) schließen.
Die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist nämlich mal zuerst eine, die durch die völlige Abhängigkeit des Säuglings gekennzeichnet ist. (Das wird jetzt auch nicht mehr so absolut gesehen, ich lasse es der Einfachheit halber mal so stehen.) Das, was der Säugling und später das Kleinkind tut, wir nämlich in hohem Maße davon geprägt, ob Mama und Papa das o.k. finden oder nicht. Denn nur, wenn die das o.k. finden, wird das Kind ja mit Zuneigung belohnt. (Dabei spielt keine Rolle, ob wir das gut finden oder nicht.) Jetzt stellen wir uns eine Mutter vor, die mit ihrem Mann Probleme hat, und zwar dergestalt, daß sie den Eindruck hat, daß sie von ihm nicht so viel Liebe und Zärtlichkeit bekommt, wie sie das gerne hätte. Jetzt könnte sie versuchen, das mit ihrem Mann zu klären, aber die Versuche, an der Situation etwas zu ändern, zeigen nicht den gewünschten Erfolg. Dann ist da ja noch das Kind. Gottseidank! Das kann man knuddeln, so oft man möchte, das reagiert – zumindest am Anfang – dankbar auf jegliche Zuwendung, und bei dem Kind hat frau ja auch nicht in dem Maße das Gefühl, Bettler zu sein und was zu wollen. Dem Kind kann frau (jawohl, hier geht es meist um Frauen) ja jede Menge Zuwendung und Zärtlichkeit geben (und bekommen) und sich dabei noch als wohlmeinende und fürsorgliche Mutter fühlen. Wir haben also eine Frau, die das Kind als sogenanntes Ersatzobjekt mißbraucht. (Aufgepaßt: Hier sind die Grenzen fließend, und wir tun das wohl alle mal!) Aber trotzdem, möglichst einfach weiter: Die Mutter möchte also ein immer verfügbares Liebesobjekt haben, und vom Mann kriegt sie nicht, was sie haben möchte. Was liegt dann also näher, als sich dem Kind zuzuwenden. Das fängt irgendwann aber mal an zu krabbeln, kommt in die Schule, will bei Freunden übernachten, kurz: es wird selbständiger. Da müssen wir ja was gegen unternehmen, sonst kommt uns unser frei verfügbares Kuscheltier abhanden. Also entwickeln wir Ängste, es könnte was passieren, z.B. daß das Kind von der Schaukel oder der Rutsche fällt oder das es von der Mauer runterplumpst oder sonstwas. (Das Ganze geschieht natürlich, wie sollte es auch anders sein, unbewußt.) Was passiert nun mit dem Kind? Es sieht, wenn es von der Schaukel oder der Rutsche oder der Freundin zurückkommt (und auch schon viel früher!), daß Mama ein besorgtes oder traurig-verletztes oder überängstliches Gesicht macht. Aha, hier war was nicht o.k. Wahrscheinlich ist die Welt gefährlicher als ich das mitkriege mit meinem kleinen Gehirn oder ich tu’ der Mama weh, dabei will ich doch ein liebes Kind sein.
Die Art also, wie unsere Eltern mit unserem Selbständiger-Werden umgehen, hat Auswirkungen darauf, wie wir später mit der Welt umgehen: freudig-gespannt und erwartungsvoll oder ängstlich und zögerlich, weil es ja da draußen sehr rauh zugeht und ich nur im Schutz meiner Eltern die Chance habe, in dieser feindlichen Umgebung zu überleben.

So, daß war der Versuch Bindung und Bindungsforschung zu erklären. Mit wissenschaftlich korrekter Sprache geht es in dem Artikel "Kindheit bestimmt das Leben" weiter.

Montag, 14. April 2008

Therapievergleich: Wirkungsvolle Langzeittherapien

Längere Psychotherapien sind noch wenig erforscht. Deshalb haben die Autoren sich mit den Langzeitwirkungen von Psychotherapie befasst. Verglichen wurden Verhaltenstherapien (VT) und Psychoanalysen (PA) von insgesamt 62 Patienten mit Angststörungen und/oder Depressionen. Die Therapien dauerten im Mittel 2,4 Jahre und 63 Stunden (VT) beziehungsweise 3,6 Jahre und 209 Stunden (PA). Obwohl die PA-Patienten im Mittel einen mehr als dreifachen Behandlungsaufwand hatten, standen für sie Aufwand und Nutzen der Therapie in einer vernünftigen Beziehung. Zwölf erfahrene Psychoanalytiker und vier Verhaltenstherapeuten mit Kassenzulassung führten die Therapien in der eigenen Praxis durch. Die Forscher prüften zu Behandlungsbeginn, nach einem, nach 2,5, nach 3,5 und nach sieben Jahren das Ausmaß der Symptombelastung. Beide Behandlungsformen waren erfolgreich. Die Patienten zeigten nach 3,5 Jahren signifikante Symptomveränderungen, die bis zur letzten Messung stabil blieben. Auf die signifikante Verringerung der Symptome folgten in einer der beiden Gruppen noch weitere Fortschritte: "Bei den psychoanalytisch behandelten Patienten verbesserte sich die interpersonale Problematik nach 3,5 Jahren noch weiter, während die verhaltenstherapeutisch behandelten Patienten keine weiteren Verbesserungen bei sich beobachteten", so die Autoren. Trotz dieser Erfolge begannen 31 Prozent der PA-Patienten, aber nur zwölf Prozent der VT-Patienten nach der Behandlung eine neue Therapie.

aerzteblatt.de, PP 5, Ausgabe März 2006, Seite 112

Sonntag, 13. April 2008

Freuds strukturelles Modell

Bekannter als das jungianische Persönlichkeitsmodell ist das psychoanalytische Modell nach Sigmund Freud: es wird als strukturelles Modell bezeichnet und besteht aus den drei Instanzen Es, Ich, und Über-Ich.

Der Bereich der primären Impulse, der triebhaften Grundbedürfnisse wird als Es bezeichnet. Neben den körpernahen Bedürfnissen wie Hunger, Durst, Ausscheidung sind hier vor allem die emotionalen Grundbedürfnisse nach Abhängigkeit und nach Autonomie, die sexuellen und aggressiven Bedürfnisse sowie die narzißtischen Bedürfnisse (nach stabiler und akzeptabler Identität) maßgeblich. Das Es wird regiert durch das Lustprinzip, es ist auf Lustgewinn und Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet, ohne die Barrieren zu beachten, die die Realität oder die Moral setzen. Die Inhalte des Es sind unbewußt und lassen sich beim Erwachsenen nur indirekt erschließen. Sie entstammen teilweise den körperlichen und angeborenen Quellen, teilweise sind sie über Verdrängung erworben. Anschaulich gemacht werden können die Inhalte des Es im Verhalten des Kleinkindes, sofern es seine elementaren Bedürfnisse noch relativ unzensiert ausleben darf. Beim Erwachsenen zeigen sie sich vorwiegend in seinen Träumen, Phantasien, Erinnerungen, Fehlleistungen („Freud’scher Versprecher“) oder in der spezifischen neurotischen Symptomatik.


Das Über-Ich umfaßt den normativen Bereich des Menschen, die - meist durch die Eltern vermittelten - Normen und Wertvorstellungen. Es enthält auch das Ich-Ideal, also die Werte und Ziele der individuellen Persönlichkeitsentwicklung, das innere Vorbild. Diese Normen und Ideale wirken teils bewußt, teils unbewußt (z. B. unbewußte Schuldgefühle).


Das Ich hat den Kompromiß zwischen den emotionalen Grundbedürfnissen (Es), den Einschränkungen durch die eigene Moral (Über-Ich) und den Erfordernissen und Realitäten der sozialen und materiellen Umwelt zu leisten. Es stellt den Brückenbauer zwischen den Gegensätzen dar, findet sich aber auch in der Schraubzwinge zwischen Es und Über-Ich wieder. Das Ich ist am Realitätsprinzip orientiert, das heißt es wählt solche Handlungen aus, die unter den gegebenen Bedingungen ein möglichst hohes Ausmaß an Lust und möglichst minimale Unlust (z. B. als schlechtes Gewissen) versprechen, um so die Impulse des Es befriedigen zu können. Weitere Funktionen des Ich sind die Kontrolle der körperlichen Funktionen (speziell der Motorik) und das Denken. Das Ich ist dabei überwiegend bewußt oder vorbewußt, in Bezug auf die Abwehr dagegen meist unbewußt. Die Impulse des Es werden durch das Ich an den Wertmaßstäben des Über-Ich bewertet und zensiert, wenn sie als zu fremdartig, bedrohlich oder ängstigend erscheinen, müssen sie vom Ich abgewehrt werden.


Diese Abwehr findet in jedem Menschen tagtäglich statt und ist per se nicht als krankhaft zu bezeichnen. Bei einer neurotischen Erkrankung wird man allerdings eine stark verfestigte, rigide und lebenseinschränkende Abwehr vorfinden. Verschieden Formen der Abwehr werden als unbewußte Abwehrmechanismen bezeichnet, einige sollen hier beschrieben werden: der wohl bekannteste Abwehrmechanismus ist der der Verdrängung: eine innere angstmachende Vorstellung, Trieb- oder Affektregung wird ins Unbewußte abgewehrt (z. B. werden Haßgefühle gegenüber den Eltern verdrängt, wenn das Über-Ich entsprechend rigide ausgeformt ist). Die Verleugnung dagegen betrifft die zeitweilige Abwehr äußerer angstauslösender Vorkommnisse (z. B.: ein schwer erkrankter und aufgeklärter Patient gibt vor einer Operation an, niemals aufgeklärt worden zu sein). Bei der Projektion werden eigene unerwünschte Impulse und Gefühle unbewußt anderen Personen zugeschrieben. Dieses ist besonders gut in Paarstreitigkeiten zu beobachten, wo dem jeweils anderen Partner die aggressiven Seiten zugeschrieben werden. Wenn inakzeptable Regungen entgegengesetzte Verhaltensweisen auslösen, spricht man von Reaktionsbildung. Ein Beispiel ist das betont freundlich-interessierte Verhalten gegenüber dem Prüfer im Physikum, den man eigentlich in Grund und Boden wünscht. Wird der konfliktmachende Impuls auf eine weniger bedrohliche Person gerichtet, wird dieser Vorgang Verschiebung genannt (z. B. wenn der vom Praktikumsleiter gerügte Medizinstudent später seine Freundin ohne Anlaß zurechtweist). Bei der Rationalisierung wird für die eigene Verhaltensweise eine rationale Rechtfertigung gegeben, die gefühlsmäßigen Beweggründe bleiben unbewußt (wenn beispielsweise der Psychologiestudent als Motiv seiner Studienwahl die zunehmende seelische Verrohung der Menschen angibt, sich aber durch das Studium eigentlich die Lösung der eigenen Neurose erhofft). Schließlich die Regression: vor dem unlustvollen Impuls wird auf eine Wiederbelebung früherer Entwicklungsstufen ausgewichen (z. B. zu beobachten bei deutlich gesundenden Krankenhauspatienten, die sich weiterhin füttern oder anziehen lassen wollen). Die Regression spielt bei der Entstehung einer neurotischen Symptomatik eine entscheidende Rolle, wie auch bei deren Veränderung im Rahmen einer Psychoanalyse.


Aus Tewes Wischmann, Was wirkt aus der Tiefe der Seele? - Eine Einführung in tiefenpsychologisches Denken


Samstag, 12. April 2008

Realitätsinterpretation: Das Unwetter an der Theiß

Im Jahre 1728 berichtete die Berliner „Vossische Zeitung“ (Nr. 105) aus Ungarn (Szegedin):
„Eines Schusters Sohn spielte mit anderen Knaben auf der Gasse und ließ verlauten, daß er Wetter [Unwetter] machen könne, welches ein anderer Knabe zu Ohren faßte; und da noch selbigen Tages ein hartes Wetter kam, welches alle dortigen Weingärten zu Boden schlug, erzählte es der eine Knabe seinem Vater, daß des Schusters Sohn gesagt, er könne Wetter machen. Dieser zeigte es sofort bei der Obrigkeit an, woraufhin nicht nur der Knabe, sondern noch viele, die er angab, verhaftet wurden. Man verhörte sie wegen ihrer Hexerei auf der Folter [‚entsetzlich scharf'’], wodurch sie bewogen wurden, horrende Sachen zu bekennen, daher das Urteil erging, daß 13 von ihnen, 6 Hexenmeister und 7 Hexen, verbrannt werden sollten … jetzt sitzen noch 28 im Gefängnis.“
Dazu der „Hamburgische Correspondent“ (1728, Nr. 139):
„Es wurden drei Scheiterhaufen eine Stunde vor der Stadt an der Theiß aufgerichtet, allwo in der Mitte eines jeden ein großer Pfahl eingegraben stand; an jeden Pfahl wurden auf einem jeden Haufen 4 Malefikanten mit Stricken angebunden … Darauf wurden alle drei Haufen zugleich angezündet und in volle Flammen gesetzt; und obwohl die Malefikanten eine starke Viertelstunde in den umgebenden Flammen gelebt, so hat man dennoch nicht das geringste Geschrei von ihnen gehört … Es sind noch 8 in Haft … Gestern sind weitere 20 gefangen worden.“
aus Orthband, Geschichte der großen Philosphen, Verlag Werner Dausien,  Hanau, 1979?, S. 311

Freitag, 11. April 2008

Die Paarbeziehung und das Unmögliche

Attraktiv wie Angelina Jolie oder Brad Pitt, reich wie Joanne Rowling oder Donald Trump: Männer und Frauen haben häufig völlig überzogene und realitätsferne Ansprüche an ihre Partner. Doch wer seinen Partner zu sehr in die Zange nimmt, zahlt irgendwann einen hohen Preis, warnen Experten.

Millionen Single-Frauen suchen nach dem perfekten Mann, gleichzeitig steigt aber auch die Zahl der Scheidungen. Den idealen Partner zu finden, erscheint heutzutage wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. „Kein Wunder“, sagt die Psychologin Professor Anna Schoch aus München und erklärt: „Viele Frauen verstehen Emanzipation so, dass sie immer mehr Rechte einfordern, die Pflichten, die damit verbunden sind, aber nicht erkennen.“ Verlangen Frauen heute zu viel? Nicht generell, sagen andere Experten. Beide Partner müssten offen über ihre Vorstellungen reden – und sich im Zweifelsfall eben trennen.

„In der Paartherapie zeigt sich oft, dass Frauen Unmögliches von ihren Männern verlangen“, sagt Schoch. Trotz Emanzipation suchten Frauen immer noch den Traumprinzen, der sie auf Händen durchs Leben trägt. „Frauen stecken in einem tiefen Zwiespalt zwischen den Anforderungen des modernen Frauenbildes und dem althergebrachten Wunsch nach Sicherheit und Versorgung durch den Mann.“ Und so fahnden Millionen Single-Frauen nach einem Ideal, dass es so nicht gibt: „Er sollte aussehen wie George Clooney, verdienen wie Josef Ackermann, romantischer Liebhaber sein und mit Hingabe seine Kinder erziehen“, zählt Schoch auf. „Das gibt es nur im Märchen. Überzogene Ansprüche verurteilen jede Partnerschaft von vornherein zum Scheitern“, erklärt die Psychologin.

Klaus Heer, Diplompsychologe aus Bern, sieht das etwas anders: „Frauen und Männer erwarten heute gleichermaßen viel voneinander.“ Nicht nur die Frauen hätten überzogene Erwartungen, sondern auch die Männer. Und eher früher als später seien beide dann enttäuscht voneinander, weil es so nicht hinhaut. Auch Insa Fooken sieht die Schuld nicht nur bei den Frauen. Die große Liebe, finanzielle Sicherheit, ein schönes Leben – diese Wünsche haben alle Menschen, sagt die Psychologie-Professorin von der Universität Siegen. Probleme entstünden vor allem dann, wenn über die eigenen Wünsche nicht geredet wird.

mehr:
- Wenn Frauen und Männer Unmögliches erwarten (Bettina Lewecke, WELT, 11.04.2008)
siehe auch:
- Streitgespräch: Verstanden-Werden ist oft wichtiger als Beruhigt-Werden (Post, 27.08.2018)
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Wer ist hier der Chef?

… Der Engländer … schrieb folgendes alte Distichon auf und gab es mir zu lesen:

›Discite grammatici cur mascula nomina cunnus
Et cur femineum mentula nomen habet.‹

(Sagt mir, Grammatiker, warum ›cunnus‹ [weibliche Scham] männlichen Geschlechts, während ›mentula‹ [männliches Glied] weiblich ist)*

Ich las es laut vor und sagte, diesmal sei es wirklich Latein. »Das wissen wir«, erwiderte meine Mutter, »aber du mußt es uns erklären.« Darauf meinte ich, anstatt es zu erklären, wolle ich lieber die Frage beantworten; und nachdem ich eine Weile überlegt hatte, schrieb ich diesen Pentameter auf:

›Disce quod a domino nomina servus habet.‹
(Wisse, daß immer der Sklave von seinem Herrn den Namen hat).

* Anfangsverse eines Epigramms des niederländischen neulateinischen Dichters Johannes Secundus (1511–1536)

aus dem ersten Band, 2. Kap. der »Geschichte meines Lebens« von Giacomo Casanova, Chevalier de Seingalt



Das (also die ganzen Links) war jetzt ein Beispiel für »Analyse«, aber man(n) kann es natürlich auch übertreiben.



Was mich als Therapeut am meisten beeindruckt hat und auf dessen Intensität ich durch meine Ausbildung nicht vorbereitet war, ist die abgrundtiefe Angst der beiden Geschlechter voreinander, die ebenso groß ist wie die zwischen ihnen bestehende Anziehungskraft. (Bei Erde und Sonne – oder emanzipatorisch ausgedrückt: bei einem Doppelsternsystem – muß ja die Fliehkraft ebensogroß sein wie die Anziehungskraft, sonst wäre das System instabil.) Ich bin sicher, daß mit Problemen in einer Partnerschaft letztlich nicht konstruktiv umgegangen werden kann, wenn sich die Partner nicht vor sich selbst und einander ihre Angst gestehen.
(Dazu fällt mir ein Satz von Peter Scholl-Latour ein, den der mal – im Zusammenhang mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt – in einer Talkshow gesagt hat: »Wir Europäer meinen natürlich, es müsse für jedes Problem auch eine Lösung geben.«)


Man(n) – aber der macht’s nur offensichtlicher und plumper – kann natürlich auch so damit umgehen:


Aber wie wir inzwischen gelernt haben, ist das nichts anderes als die Abwehr von Angst. Zu klären wäre dann, wovor, und die Antwort liegt in der Kindheit.

Das wäre ein Beispiel für Verleugnung:

(… oder ist es nur einfach die Wahrheit?)


So kann frau (ich weiß, das ist gemein, viele Männer können das genauso gut) es natürlich auch machen:


Und für viele Männer ist es am einfachsten, wenn sie es so machen:


… und kaum zu glauben: für die Frauen auch!


Und hier wird jedem klar, daß die ein Problem haben:


Aber wie die systemisch arbeitenden Therapeuten ja wissen: Probleme sind Lösungsstrategien. Die Frage wäre jetzt: 1. Was haben die beiden für ein Problem? und 2. Für was wäre dann dieses »Problem« die bessere der beiden schlechten Möglichkeiten? (Auf umgangssprachlich: Welche Art von Nähe ist für die beiden so unangenehm, daß ihnen der Streit* als die bessere Strategie erscheint?)

* Streit: Eine sehr kontrollierte Form von Nähe mit eingebautem Recht zum Rückzug.

Eigentlich haben wir also keine Chance. Deshalb ist es gut, wenn man nicht zuviel drüber nachdenkt:

Donnerstag, 10. April 2008

Der gelbe Teufel

Vor ungefähr zweihundert Jahren ging einmal ein Herr, der nicht weit von hier allein in einem großen Haus wohnte, auf den Markt und sah dort einen Teufel in einem Käfig. Es war ein Teufel mit Schwanz, gelbem Fell und zwei langen, scharfen Fangzähnen. Er war ungefähr so groß wie ein kräftiger Hund. Der Teufel hockte ruhig in seinem Käfig aus starkem Bambusrohr und nagte an einem Knochen. Neben dem Käfig stand ein Marktverkäufer, und der Herr fragte ihn, ob der Teufel zu kaufen sei.
„Aber ja”, sagte der Händler, „sonst wäre ich ja nicht hier. Das ist ein vortrefflicher Teufel. Er ist stark und fleißig und kann alles, was Ihr von ihm verlangt. Er versteht zu zimmern, er ist ein guter Gärtner, er kann kochen, flicken, Holz hacken, vorlesen, und was er nicht kann, das kann er lernen. Und ich verlange nicht viel dafür. Wenn Ihr mir 5o ooo Yen gebt, gehört er Euch.“
Der Herr handelte nicht und zahlte bar, denn er wollte den Teufel sofort mit nach Hause nehmen.
„Einen Augenblick”, sagte der Händler. „Weil Ihr nicht mit mir gefeilscht habt, will ich Euch etwas sagen. Schaut, er ist natürlich ein Teufel, und Teufel sind schlecht, das ist ja bekannt.“
„Und du hast gesagt, er sei ein vortrefflicher Teufel”, sagte der Herr empört.
„Jaja”, sagte der Händler, „und das stimmt auch. Er ist ein vortrefflicher Teufel, aber er ist schlecht. Er wird ewig ein Teufel bleiben. Ihr könnt an ihm viel Freude haben, aber nur unter einer Bedingung: Ihr müßt ihn die ganze Zeit beschäftigen, jeden Tag müßt Ihr ihm sein Tagewerk aufgeben: Von dann bis dann mußt du Holz hacken, dann mußt du zu kochen anfangen, nach dem Essen kannst du dich eine halbe Stunde ausruhen, aber du mußt dich wirklich hinlegen und entspannen, und danach kannst du den Garten umgraben, und so weiter. Wenn er frei hat, wenn er nicht weiß, was er tun soll, dann ist er gefährlich.“
„Wenn's nicht mehr ist”, sagte der Herr und nahm den Teufel mit. Und alles verlief nach Wunsch. Jeden Morgen rief der Herr den Teufel zu sich; der Teufel kniete gehorsam nieder, der Herr gab ihm sein Tagewerk auf, und der Teufel machte sich an die Arbeit und schuftete den ganzen Tag. Wenn er nicht arbeitete, ruhte oder spielte er, aber stets befolgte er die Befehle.
Dann, einige Monate später, traf der Herr in der Stadt einen alten Freund, und über der Freude des unverhofften Wiedersehens mit seinem früheren Gefährten vergaß er alles andere. Er nahm den Freund mit in ein Wirthaus, beide tranken Sake, einen kleinen Steinkrug nach dem anderen, dann aßen sie ein gutes Mahl und tranken noch mehr, und schließlich landeten sie im Weidenviertel, Die Frauen hielten die beiden Freunde beschäftigt, und spät am nächsten Morgen wachte der Herr in einer fremden Kammer auf. Zuerst wußte er nicht, wo er war, aber allmählich dämmerte ihm alles, und sein Teufel fiel ihm wieder ein. Sein Freund war gegangen. Er bezahlte die Frauen, die auf einmal ganz anders aussahen, als er sie vom vergangenen Abend in Erinnerung hatte, und eilte nach Hause. Als er an seinem Garten ankam, roch er Feuer und sah Rauch aus der Küche aufsteigen. Er stürmte ins Haus und sah den Teufel auf dem Holzfußboden der Küche sitzen. Er hatte ein offenes Feuer entfacht und röstete das Nachbarskind an einem Spieß.

aus Janwillem van de Wetering, Der leere Spiegel