Im Oktober 2000 erschien im Feuilleton einer großen deutschen Tageszeitung ein Aufsatz unter dem Titel: "Westlicher Buddhismus? Nein danke!". Autor des Beitrags war der international renommierte slovenische Philosoph und Psychoanalytiker Slavoj Zizek. Die scharfe Kritik, die er darin am westlichen Buddhismus übte, hat er seither in weiteren Veröffentlichungen und Vorträgen fortgesetzt.
Sicher ist es nicht nötig, auf alle öffentlichen Angriffe auf den hier wachsenden Buddhismus zu reagieren. Doch gibt es angesichts von Kritik auch eine feine Grenze zwischen Gelassenheit und Ignoranz. Kritik, ja Gegnerschaft ist vielfach eine Quelle des Lernens und der Selbsterkenntnis. Darum sollte einigermaßen ernsthafte Kritik am Buddhismus von ihm ebenso ernsthaft betrachtet werden. Und im betreffenden Falle hat das, was Zizek zu sagen hat, uns durchaus etwas zu sagen. Vor allem macht er uns deutlich, welchen Herausforderungen ein westlicher Buddhismus antworten und sich gewachsen zeigen muss. Diese zu missachten, hieße, zu einem westlichen Buddhismus selber "Nein danke" zu sagen.
Viele Menschen im Westen eignen sich heute mit großer Hingabe asiatisch-buddhistische Sicht- und Verhaltensweisen an, ja wandern geradezu innerlich in östliche Kulturen aus, ohne die eigene Kultur wie auch die andere ernsthaft zu kennen. Umgekehrt denken, fühlen, handeln dieselben weiter in der abendländisch griechisch-jüdisch-christlichen Kultur, ohne sich dessen bewusst zu sein und damit auseinanderzusetzen. Ohnehin sind sich die allermeisten Menschen ihrer tiefgreifenden Kulturgeprägtheit kaum bewusst. Daraus entsteht ein "westlicher Buddhismus", der auf weitgehender Unkenntnis und Unbewusstheit der beiderseitigen kulturellen Hintergründe beruht und so letztlich keine wirkliche Selbsterkenntnis und Befreiung vermitteln kann. mehr: - Westlicher Buddhismus – Nein danke ? – Buddhismus und die Kultur des Westens (Franz-Johannes Litsch, Engagierter Buddhismus, Gelbe Reihe, Heft 10, Herbst/Winter 2006/2007, PDF; Zitat:)
Das ist der Punkt, an dem die Kritik Zizeks ansetzt. Er fürchtet, dass ein solcher Buddhismus nichts dazu beiträgt, den heute immer deutlicheren, kulturellen, gesellschaftlichen, ökologischen Zerstörungsaspekten der westlichen Zivilisation eine heilsame Wendung und Orientierung zu geben, sondern im Gegenteil dazu verhilft, den herrschenden "Verblendungszusammenhang" (Adorno) weiter zu stabilisieren, ja sogar zu vertiefen. Anders gesagt: Zizek wirft dem westlichen Buddhismus vor, dass er der globalisierten und hochtechnisierten Gierökonomie des Westens nun auch noch die fehlende spirituelle Metaphysik und leistungssteigernde, entspannte Gelassenheit liefere – auf dass der totale Zugriff auf die Welt und alles Leben noch effizienter zu Ende geführt werden kann. Er nennt den Buddhismus die "ideale Religion des neoliberalen Kapitalismus" und setzt seine eigene Hoffnung auf eine Erneuerung des Christentums.
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Der moderne Verblendungsbegriff bezieht sich auf Realitätsverleugnung. Sowohl Adorno als auch Martin Heidegger(„Seinsvergessenheit“) kommen unter Rückgriff auf den Verblendungsbegriff der griechischen Tragödie zu einer Zeitdiagnose. Bei Heidegger heißt es seinsgeschichtlich, es bestehe eine 'Verblendung gegen die äußerste Not des Seins in der Gestalt der herrschenden Notlosigkeit inmitten aller Bedrängnis des Seienden' (Nietzsche Bd. 2, 1961, S.393). Adorno fragt ideologiekritischnach dem Wahn und der Verblendung, die in jeder Gesellschaft das kollektive Bewusstsein konstituieren. Schon in der Dialektik der Aufklärung hatte er den Rückfall der historischen Aufklärungsprozesse in Mythologie thematisiert. Adorno fragt dann danach, inwieweit die Kunst in der Lage sei, den Verblendungszusammenhang zu 'durchschlagen'. Er versteht seine negative Dialektik als 'Abdruck des universalen Verblendungszusammenhangs und dessen Kritik.'
Weniger aporetisch als Adorno versucht Jürgen Habermas, den Verblendungszusammenhang als 'Zwangszusammenhang' eines noch nicht mit Willen und Bewusstsein vollzogenen historischen Prozesses zu begreifen. Der Zwangszusammenhang könne mit Hilfe der emanzipatorischen Kraft der Kommunikation aufgelöst werden. [Verblendungszusammenhang, Moderne, Wikipedia]
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Adorno und Horkheimer benutzen den Begriff des Verblendungszusammenhangs in Anlehnung an den des Warenfetischismus bei Marx: In ihrer Reduktion auf die verdinglichten Verhältnisse einer kapitalistischen Warengesellschaft sollen
die Massen, die diese Waren herstellen und z.T. konsumieren, gar nicht mehr bemerken, dass sie selbst ein entfremde-
tes, verdinglichtes Leben in Funktion dieses Warenkreislaufs und seiner Wertschöpfung führen. Was sie zu einem solchen Leben bewegt, sind eine Massenkultur der Verblendung und deren mediale Erzeugnisse. Denn diese verschleiern
und kaschieren die Besitz- und Machtverhältnisse in der Gesellschaft, statt sie aufzudecken, sie bewusst zu machen und
zur Diskussion zu stellen.
In den Augen Horkheimers und Adornos ist nun jede Form von Massenkultur stets und ausschließlich Massenbetrug,
auch wenn dieser Betrug sich gerne als kritische Kultur ausgibt. Diese Art von Kultur als Ware erlaubt keine Distanz-
nahme, keine kritische Reflexion. Die Folge ist ein universaler Verblendungszusammenhang, der auf das kollektive Unter-
bewusstsein der Massen abzielt. Ist das Unterbewusstsein nämlich einmal geblendet, hat es keine Möglichkeit mehr,
sich gegen die totale Manipulation durch die Kulturindustrie zur Wehr zu setzen. Es wird oberflächlich befriedigt, dabei
aber in eine infantile Regression gezwungen, die zu einem Betäubungszustand führt. Die Manipulation durch die Kul-
tur der Massenmedien steigert das Bedürfnis ihrer Rezipienten nach den Produkten dieser Kultur immer weiter und
schließt dabei Alternativen konsequent aus. Schließlich kommt es zu dem Punkt, »daß das Publikum [...] noch mehr
das will, was ihm ohnehin aufgezwungen wird«2. Denn am Ende können die Massen gar nichts anderes mehr wollen.
»Unbeirrbar bestehen sie auf der Ideologie, durch die man sie versklavt.«3[Marxismus, Frankfurter Schule, Kritische Theorie – Adorno und Horkheimer, Enzensberger und Habermas als Medientheoretiker, utb, PDF]
========== mein Kommentar: Das Einzige, was möglich ist, ist das Erlangen von Weisheit! Und das kostet schon allerhand… Zizek befürchtet, der Buddhismus liefere der Gierökonomie des Westens die fehlende Metaphysik… Abgesehen davon, daß mir Zizek bisher keinen Anlaß geliefert hat, mich gründlicher mit ihm zu befassen, erinnere ich daran, daß es nicht die Religion oder die Philosophie sind, die etwas liefern, sondern: es sind immer die Menschen. Es gibt Menschen, die verkaufen anderen Menschen Erleuchtung: zu der Kategorie gehört Polenski. Es gibt Menschen, die verkaufen anderen Verachtung: zu der Kategorie gehört Raab. Es gibt Menschen, die verkaufen anderen Verzweiflung: zu der Kategorie gehört Zizek. Und es gibt andere, die Menschen empörte Aufregung verkaufen: zu der gehören die BILD und der SPIEGEL. Unten sieht man einen Meister, der anderen eine bestimmte Form des Chi-Training verkauft. Und zu jedem Angebot gibt es auch eine Nachfrage: - Realität ist, was wir glauben wollen oder Hirnströme von Friseurpuppen (Post, 29.08.2013) Diese Menschen kann man zwar kritisieren, aber da es um ihr In-der-Welt-Sein – und zu einem großen Teil auch um ihr Einkommen geht, werden diese Menschen Kritik-resistent sein, weil Du mit der Kritik ihres Tuns auch ihr In-der-Welt-Sein kritisierst. Das ist für jeden das Schlimmste.
Der Reiz der Erkenntnis wäre gering,
wenn nicht auf dem Weg zu ihr so viel Scham zu überwinden wäre. [Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, 1886; Viertes Hauptstück, Sprüche und Zwischenspiele
]
Ich freue mich über jeden, der sich hinsetzt und auf seinen Atem achtet. Ansonsten kann man sich mit allem selbst betrügen (sogar mit der Hoffnung auf »Erleuchtung« oder der Sehnsucht nach »wirklicher Selbsterkenntnis und Befreiung«, und dies ist kaum verhinderbar (siehe Sögyal oder Kalu Rinpoche: Fernöstliche Autoritäten und ihre »Geistesgifte«, Post, 03.08.2013).) siehe auch: - Was ist X-Buddhismus? (M Steingass, Der Unbuddhist, 12.10.2012; Zitat:)
Die transzendenten Halluzinationen des X-Buddhismus – Dharma, Karma, Dalai Lama – erzeugen eine Lichtspielprojektion auf die Realität, die sie erst zu dem macht was der X-Buddhist in ihr sieht. Die „Leerheit“ von der er spricht wird so angefüllt mit Spiegelungen des Dharma. Es entsteht eine Halluzination der Befreiung, die die Leerheit, Offenheit oder radikale Immanenz der Wirklichkeit mit ihrem Erscheinen als Dharma verwechselt. Wenn man den X-Buddhismus dieser Projektionsmaschine beraubt wird er von allen Human- und Naturwissenschaften sofort überrannt. […] Was sieht man? Menschen aus Fleisch und Blut, Menschen die schlafen, essen, ficken, scheissen, sterben. Die lachen, weinen, fragen und sich täuschen. Der Dalai Lama ohne Dharma – ein einfacher Mensch. Ein einfacher Mann der wüsste, daß Systemtheorie, Evolutionstheorie, Biologie, Soziologie, die Philosophie des Geistes, Neurologie und wer weiss was für Wissenschaften, das Leben des Menschen, sein Warum? Woher? Wohin? einfacher und eleganter, mit ontologischer Sparsamkeit erklären könnten. […]
Wir könnten, wenn wir die Strukturen die den X-Buddhismus konstituieren stilllegen, wenn wir seinen kosmischen Vollkommenheitsanspruch zum schweigen bringen, frei sein, die Aussicht zu geniessen.
- Der Y-Buddhismus der Nicht-Buddhisten oder: Warum auch Laruelle nichts Neues bringt (Guido Keller, Asso-Blog, 22.10.2014) - Zen-Meditation (MySpass, TV total, Staffel 3, Folge 93) mein Kommentar: Wenn Stefan Raab sagt: »Persönlich ist mir die Sendung schon sehr ans Herz gewachsen, obwohl ich sie nur einmal gesehen habe.«, spricht das für sich. Genauso, wie man den SPIEGEL als BILD für Abiturienten bezeichnen kann, könnte man Slavo Zizek als Stefan Raab für Intellektuelle bezeichnen – und Hinnerk Polenski als Dalai Lama für Vorschüler (und Führungskräfte)…
Mehr Selbstbestimmung - das wollte letzlich auch Sigmund Freud. Das Ziel der Psychoanalyse bestünde darin, so der Wiener Arzt, die Menschen von ihrem neurotischen Unglücklichsein zu befreien, "damit sie ganz normal unglücklich sein können". Heute, wo das Positiv-Denken mitunter terroristisch verordnet wird, wirkt das wieder revolutionär. [Barbara Dribbusch, Psychotherapie: Ganz normal unglücklich, taz, 10.07.2010]
Erleuchtung! Geschwafel oder Realität? 1/2 Eckhart Tolle deutsch german power of now spiritualität {4:58}
Erleuchtung! Geschwafel oder Realität? Peter Frahm von Personal Power Coaching über Spiritualität, Erleuchtung, Eckhart Tolle und andere Aspekte dieses Themenbereiches.
Mein Kommentar: Der Frahm wäre was für Slavoj Zizek und seine Kritik am Wellness-Buddhismus (Westlicher Buddhismus – Nein danke ? – Buddhismus und die Kultur des Westens (Franz-Johannes Litsch, Engagierter Buddhismus, Gelbe Reihe, Heft 10, Herbst/Winter 2006/2007, PDF) Mein Kommentar: Wenn beim Frahm beim Sonnenuntergangs-Tennis ein Groschen fällt und er sich dann bei der morgendlichen Autofahrt Eckhart-Tolle-Hörkassetten anhört und mit dem während des morgendlichen und abendlichen Berufsverkehrs Gehörten dann mit seinen gegelten Haaren mit »Power Coaching« sein Geld verdienen kann, kommt bei mir Neid darüber auf, wie gut sich alle möglichen Leute mit Halbwissen verkaufen können… Ich denke: 30 Minuten meditieren ist besser als zehn Minuten, fünf Minuten sind besser als gar nicht. Und gegelte Haare sind – möglicherweise – besser als gar keine! Und »einen solchen Zustand herbeiführen« zu wollen ist besser, als einfach nur gehetzt im Hamsterrad laufen. Ich vermute, er verdient mit Leuten im Hamsterrad sein Geld oder mit Leuten, die ihr Geld damit verdienen, andere im Hamsterrad anzutreiben… Seine Wand (sprich: Depression) kommt noch…
Angst und Mut - Zen-Meister Hinnerk Polenski im Dialog mit Führungskräften {4:12}
Veröffentlicht am 14.12.2014
Hamburger Unternehmer und Selbstständige trafen sich am 04. November 2014 zur Fragerunde mit Zen-Meister Hinnerk Syobu Polenski: In der Mitte liegt die Kraft - mit Zen gelassen bleiben in der Arbeitswelt ?
Der Bodhisattva-Weg und der Umgang mit unheilsamen Gefühlen - Hinnerk Polenski {30:30}
Veröffentlicht am 11.03.2016
Zen-Meister Hinnerk Polenski, Vortrag Februar 2013.
"Was ist Erleuchtung? Was ist Satori? Ein japanischer Zen Meister würde darauf nicht antworten."... Der Beginn eines Bodhisattva Weges. Eines Weges, sein Herz zu befreien, um daraus andere zu befreien. Vollständiges Transkript unter http://zen-schule.de/vortraege/?id=16
In der folgenden Liste stellt sich Hinnerk Polenski als 84. Nachfolger des historischen Buddha dar… - Die Übertragungslinie des Dharma (Zen-Kloster und Seminarzentrum Buchenberg/Allgäu) mein Kommentar: Wie heißt es so wahr: Gier, Haß und Verblendung… =========================
Die Wurzeln des DAISHIN ZEN als eigener Weg gehen bis in das Jahr 1986 zurück. Die ersten Impulse kamen durch Graf Dürckheim aus seinem Zentrum der Initiatischen Therapie in Todtmos-Rütte/Schwarzwald. Die Gründung des DAISHIN ZEN KAI als neue Linie des traditionellen Rinzai-Zen erfolgte durch die Zen-Meister Reiko Mukai und Hinnerk Syobu Polenski. Im Mai 1992 gab es das erste Zen-Seminar für Führungskräfte, 1994 die Namensgebung Shin-Zen: „Herz-Geist-Zen“ – durch Syobu. 1998 wurde der Name „Shin Zen“ von Reiko in DAISHIN ZEN: „Großer Herz-Geist-Zen“ verändert. Dies ist seitdem der maßgebliche Name dieser Linie, zumal Dai Shin: „Großer Geist“ für Hinnerk Syobu Polenski seit 1963 eine visionäre Bedeutung hat. Heute wird Daishin mit „Großer Herz-Geist“ oder „Großes Herz“ übersetzt. DAISHIN ZEN betont unter anderem den Weg des Herzensgeistes bzw. die Yin-Linie als weiblichen Weg, der in Frauen UND Männern vorhanden ist. Dieser Weg wird bewusst beschritten, um den überzogenen und damit uneffektiven, nicht ganzheitlich agierenden Yang-Weg der Härte (Business/Management/Leistungsgesellschaft) auszugleichen und die Härte der traditionellen Zen-Übung für den westlichen Übenden abzumildern und zugänglich zu machen. Der Sinn der Ausgewogenheit ist die Stärkung des eigenen Wesens - den „ganzen“ Menschen in Harmonie (Wa) zu bringen: im Sein, im Tun und Handeln mitten in der Welt - im Alltag, im Management.
vv0422
FRANK ZAPPA COSMIK DEBRIS MOTHERS OF INVENTION JEAN LUC PONTY GEORGE DUKE TOM FOWLER BRUCE FOWLER RUTH UNDERWOOD IAN UNDERWOOD RALPH HUMPHREY - LIVE
========================= Slavoj Zizek on "Buddhism" (FULL Speech) {2:43:28} Veröffentlicht am 04.06.2017
Walter Hoff
Slavoj Žižek, philosopher and author, talking about the truth and irony of Buddhism. In this lecture Slavoj Žižek discusses Badious conception of the Event and .
Slavoj Zizek criticizing buddhism.
Slavoj Žižek, contemporary philosopher and psychoanalyst, discusses Daisetsu Teitaro Suzuki, Western Buddhism, the West, capitalism, .
Slavoj Žižek, philosopher and author, talking about Lacanian theology in relation to Christianity and Buddhism. In this lecture Slavoj Žižek .
Slavoj Žižek. The Buddhist Ethic and the Spirit of Global Capitalism. 2012 {1:09:56}
Veröffentlicht am 02.10.2012
http://www.egs.edu/Slavoj Žižek, contemporary philosopher and psychoanalyst, discusses Daisetsu Teitaro Suzuki, Western Buddhism, the West, capitalism, science, ideology, cognitive neuroscience, psychology, psychoanalysis, bodhisattva, samsara, enlightenment, kharma, nirvana, war, Thomas Metzinger, free will, Benjamin Libet, Martin Heidegger, Patricia and Paul Churchland, and The Lion King. Public open lecture for the students and faculty of the European Graduate School EGS Media and Communication Studies department program Saas-Fee Switzerland. 2012 Slavoj Žižek.
Slavoj Žižek is the International Director of the Birkbeck Institute for the Humanities, a professor of philosophy and psychoanalysis at the European Graduate School in Saas-Fee, Switzerland and a visiting professor at the University of Chicago, Columbia University, the London School of Economics, Princeton University, The New School for Social research and the University of California, Irvine. He has published over forty books and been the subject of two movies, Žižek! and The Perverts Guide To Cinema. In 1990 he ran unsuccessfully for president in Slovenia's first democratic elections and he has been a consistently powerful voice in the world since then. His essays are regularly published in the New York Times, Lacanian Ink, the New Left Review and the London Review of Books.
There is little in contemporary thought that Žižek has not explored on some level. From communism to Maoism, film studies to literature, and from Lenin to the issue of torture in the post-9/11 world, Žižek's work has, and continues to, inform the dialogue that surrounds them. Žižek's first book in English translation, The Sublime Object of Ideology, examines the issues surrounding the placement of "sublime objects" in a regime's iconography which allow it to transgress or alter commonly accepted moral law or thought. It is these objects—be it God, Fuhrer, Dear Leader or Land, the Flag, Democracy—that allow the regimes to "self-sanctify" their actions. While much of Žižek's work is strictly philosophical or psychoanalytical dealing with Hegel, Kant, Freud and Lacan, since 9/11 his work has become increasingly political, directly referencing the illegal actions taken by the Bush administration and the complicit nature of the European regimes of Blair, Sarkozy and Berlusconi.
Slavoj Žižek is the author of The Sublime Object of Ideology (1989), For They Know Not What They Do (1991), Looking Awry: an Introduction to Jacques Lacan through Popular Culture(1991), Everything You Always Wanted to Know About Lacan (But Were Afraid To Ask Hitchcock) (1992), Enjoy Your Symptom! Jacques Lacan In Hollywood And Out (1992), Tarrying With The Negative (1993), Mapping Ideology (1994), The Indivisible Remainder (1996), The Plague of Fantasies (1997), The Abyss Of Freedom (1997), The Ticklish Subject: The Absent Centre of Political Ontology (1999), Contingency, Hegemony, Universality: Contemporary Dialogues on the Left (with Judith Butler and Ernesto Laclau) (2000), The Art of the Ridiculous Sublime, On David Lynch's Lost Highway (2000), The Fragile Absolute or Why the Christian Legacy is Worth Fighting For (2000), On Belief (2001), The Fright of Real Tears (2001), Did Somebody Say Totalitarianism? (2001), The Puppet and the Dwarf (2003), Organs Without Bodies: On Deleuze and Consequences (2003), Iraq The Borrowed Kettle (2004) Violence (2008), First As Tragedy, Then As Farce (2009), and Living in the End Times (2010). Most recently, 2012, Žižek published his monumental Less Than Nothing: Hegel and the Shadow of Dialectical Materialism.
siehe auch: Links Zizek-Buddhismus
Slavoj Zizek - What Does It Mean To Be A Revolutionary Today- (MARXISM 2009) {40:37} Veröffentlicht am 06.07.2009
Adrian Cousins
Debate with Alex Callinicos at Marxism 2009
http://www.counterfire.org
Slavoj Zizek: What does it mean to be a great thinker today? {1:51:54}
Ich halte es für sehr bedenklich, dass man mit manchen Methoden den Mitarbeitern auch religiös und spirituell zu Leibe rücken will, um sie noch stärker in den betrieblichen Verwertungsprozess einzufügen. So soll noch das Unverfügbarste des Menschen verfügbar gemacht werden, um den Mitarbeiter restlos zu "domestizieren". Letztlich geht es ums Meditieren für den höheren Profit. [Viktor Lau in obigem Interview]
Welcome back my friends to the show that never ends
We're so glad you could attend
Come inside! come inside! [Text aus
ELP / Karn Evil 9 1st Impression Part 2 / 1974 California Jam {9:21} Text (Metrolyrics) Übersetzung (Lyricsfeast)
Hochgeladen am 10.07.2011
For California Jam Fans... From allen pamplin
Anyone interested keeping up to date with the upcoming californiajamfanclub website, please join my California Jam Fan Club at:
More California Jam photos and memorabilia to view there as well. Thank you, allen pamplin.
Penis-Schwinger Meister Tu {10:02}
Hochgeladen am 24.07.2008
Kaum zu fassen: Mesiter Tu und seine Schüler heben Gewichte - mit ihrem Penis!
»Meister« Tu sagt irgendwann im Video:
»Wenn Sie diese Übungen nicht machen, kann es sein, daß Sie krank werden!«
Mein Kommentar: Wenn Slavoj Žižek regelmäßig bei Meister Tu schwingen würde, so vermute ich, wäre er wohl ruhiger. Weitere beeindruckende Chi-Phänomene bei - Realität ist, was wir glauben wollen oder Hirnströme von Friseurpuppen (Post, 29.08.2013, in der zweiten Hälfte) Bei Frauen sieht das entsprechende Chi-Training (für Frauen!) weniger gefährlich aus: Worlds Strongest Vagina {2:00}
GÖTTINGEN, 28. November 2005 (pug) - Wer mit seinem Partner schon vier Wochen lang keinen Sex mehr hatte, ist in Deutschland in "guter Gesellschaft": 17 Prozent der deutschen Paare geht es ebenso. Das ist das Ergebnis einer Studie, die am Georg-Elias-Müller-Institut für Psychologie der Georg-August-Universität durchgeführt wurde.
Die Göttinger Psychologen Dr. Peter Breuer und Dr. Ragnar Beer werteten dazu die Aussagen von 13.483 Männern und Frauen aus. Auskunft gaben dabei ebenso frisch Verliebte wie Ehepaare, die bereits die Goldene Hochzeit gefeiert haben. Die Untersuchung ist Teil des Online-Projekts Theratalk, das mit einem speziellen Angebot im Internet Hilfestellung bei Beziehungsproblemen bietet.
Dr. Breuer: "Wir haben als Bezugsgröße den Zeitraum vier Wochen gewählt, weil viele Paare deutlich weniger als ein Mal in der Woche sexuell miteinander verkehren, wie auch die neue Studie belegt." Mehr als die Hälfte der Befragten (57 Prozent) hat maximal einmal pro Woche sexuellen Kontakt mit dem Partner. "Der immer wieder gern angegebene Mittelwert liegt zwar bei 5,6 Mal innerhalb von vier Wochen. Allerdings haben 63 Prozent der Paare seltener Sex, als es dieser Wert nahelegt", erläutert Dr. Beer. Lediglich 28 Prozent der Partner leben mindestens zwei Mal in der Woche ihre Sexualität miteinander aus."
aus dem Newsletter des bvvp Niedersachsen vom 8.1.2006
Medizinhistorische Anmerkungen zur Erstbeschreibung vor 61 Jahren Selten fand ein medizinischer Fachbegriff so breiten Eingang in die populärwissenschaftliche Literatur wie der Terminus „G-Punkt“, obwohl kritische Stimmen immer wieder betonen, dass es sich bei dieser besonderen erogenen Zone der Frau weniger um eine Entdeckung als vielmehr um eine Erfindung handele (10). Weitgehend unbekannt ist, wem der G-Punkt seinen Namen verdankt und wer oder was sich hinter dem Buchstaben G verbirgt. Vor 61 Jahren, im August 1944, wurde im amerikanischen Western Journal of Surgery, Obstetrics and Gynecology eine Arbeit von Ernst Gräfenberg und Robert Latou Dickinson veröffentlicht, die als Ursprung der „Idee des G-Punkts“ gelten kann (7). Aus diesem Anlass soll an den bis Ende der 30er-Jahre in Berlin praktizierenden Gynäkologen jüdischen Glaubens Ernst Gräfenberg erinnert und auch auf die Entstehungs- und aktuelle Rezeptionsgeschichte des G-Punkts eingegangen werden. Ernst Gräfenberg – zur Person Gräfenberg wurde am 26. September 1881 in Adelebsen, Provinz Hannover, geboren. Das Medizinstudium absolvierte er in München und Göttingen. Das medizinische Staatsexamen legte er im Januar 1905 in Göttingen ab (4). Gräfenberg nahm die ärztliche Tätigkeit an der Augenklinik der Universität Würzburg auf. 1905 wechselte er zur Kieler Universitätsfrauenklinik und begann seine Weiterbildung unter der Leitung von Richard Werth, der durch die Entwicklung der Schichtnaht in die Geschichte der Chirurgie eingegangen ist; später war Hermann Johannes Pfannenstiel sein Chef. 1910 zog Gräfenberg nach Berlin, wo er sich als Gynäkologe im Stadtteil Schöneberg niederließ. Im selben Jahr übernahm Walter Stoeckel das Ordinariat in Kiel (17).
Ernst Gräfenberg war für kurze Zeit mit der Schriftstellerin Rosie Waldeck verheiratet. Die Ehe blieb kinderlos und wurde „wegen Disharmonie in beiderseitigem Einverständnis geschieden“ (14, 16). Ende der 20er-Jahre befand sich Gräfenberg auf dem Höhepunkt seiner Karriere in Berlin. In seiner Praxis am Kurfürstendamm 24 behandelte er Frauen von Geschäftsleuten und Diplomaten, unter seinen Patientinnen waren Berühmtheiten aus der Berliner Theater- und Opernszene. Aber er war nicht nur der viel frequentierte Prominentenarzt. Im Dezember 1928 fand auf Initiative engagierter linksliberaler Ärzte ein Kurs über Geburtenregelung statt. Hier berichtete Gräfenberg erstmals über die von ihm entwickelte Intrauterinspirale, den so genannten Gräfenberg-Ring, der als Vorläufer aller modernen Intrauterinpessare gilt (5). Anfang der 20er-Jahre hatte Gräfenberg mit der intrauterinen Einlage von Seidenfäden, später von Ringen aus gedrehtem Silberdraht zur Schwangerschaftsverhütung begonnen. Sie bestanden – wie Untersuchungen aus den 70er-Jahren gezeigt haben – wohl aus Gründen der Festigkeit aus technischem Silber, das Verunreinigungen von Zinn, Cadmium und bis zu 28 Prozent Kupfer enthält (21). Gräfenberg, der zuletzt „mikrochemische Umwandlungen“ für die temporäre Sterilität verantwortlich machte, hat also unbewusst das erste Kupfer-Intrauterinpessar erfunden. Gräfenberg wurde zu internationalen Kongressen der Geburtenkontroll- und Sexualreformbewegung eingeladen; allerdings war die herrschende Lehrmeinung eindeutig gegen die von ihm vertretene Methode gerichtet. Die Kritiker unterlagen einem tragischen Missverständnis: Die Angst vor den häufig mit Stiftpessaren verbundenen Komplikationen, die auf eine „Infektionsbrücke“ zwischen Vagina und Uterus zurückzuführen war, wurde mit einem bemerkenswerten Mangel an Differenzierungsvermögen auf die völlig intrauterin liegenden Gräfenberg-Ringe übertragen (3).
mehr: - Ernst Gräfenberg: Wer (er)fand den G-Punkt? (
David, Matthias; Chen, Frank C. K.; Siedentopf, Jan-Peter
,
Dtsch Arztebl 2005; 102(42): A-2853 / B-2407 / C-2270
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7773
) x
Macht Beziehungen und Familien zum Alptraum: Die Borderline-Persönlichkeitsstörung “Spinne ich oder spinnt er/sie?” Das fragt sich so mancher in Familien oder Partnerschaften, in denen immer wieder aus heiterem Himmel urplötzlich die Fetzen fliegen. Borderline Personality Disorder (BDP), kurz „Borderline“, kann die Ursache sein, die einen zum Verzweifeln bringt.
Borderline ist eine weit gefächerte Krankheit Zitat aus Wikipedia : Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) wird auch emotional instabile Persönlichkeitsstörung genannt. Zum Erscheinungsbild gehören sehr wechselhafte Stimmungen und Affekte, ein zerrüttetes Selbstbild, sehr unterschiedlich ausgeprägte Arten von traumabedingten Dissoziationen und damit verbundene Autoaggression sowie extreme zwischenmenschliche Sensibilität und extremes Emotionsgedächtnis. Vor allem die letzten beiden Symptome sind häufig Ursache für soziale Konflikte. Grundsätzlich können die Symptome bei den Betroffenen sehr unterschiedlich sein; viele davon gibt es sogar gegenteilig. Die Stärke der Störung ist von Person zu Person individuell, ebenso das damit verbundene Leiden und die individuellen Belastungserscheinungen. Es ist jedoch immer eine seelische Dauerbelastung gegeben, das Leben Betroffener ist nachhaltig beeinträchtigt.
Borderliners Anonymous (BA) ist ein Zwölf-Schritte-Programm für Menschen, die an der Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden. BA arbeitet mit einem abgewandelten Programm der Anonymen Alkoholiker.
Jeder Borderliner kann Mitglied werden. BA fordert keine Mitgliedsbeiträge und finanziert sich aus Spenden der Mitglieder. In regelmäßig stattfindenden Meetings haben die Betroffenen die Möglichkeit, über von ihnen selbst gewählte Themen zu reden.
Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind oft höchst instabil. Die borderlinekranke Person schwankt zwischen vorwurfsvollen Angriffen und Klammerverhalten. BPS-Kranke schwanken zwischen Idealisierung und Entwertung der anderen Person hin und her und fürchten gleichzeitig, verlassen zu werden. Die Betroffenen sind schnell enttäuscht und erbost, wenn andere ihre Erwartungen nicht erfüllen, bleiben aber trotzdem intensiv an sie gebunden. Einige Borderlinekranke demütigen die Personen, die sie lieben, wünschen sich aber gleichzeitig, dass die jeweilige Person bleibt. Besteht eine enge emotionale Bindung zu einem anderen Menschen, kann auch die Tendenz bestehen, die andere Person zu idealisieren.
Bereits kleine Anlässe können starke Gefühlsimpulse auslösen, die vom Betroffenen nicht verarbeitet werden können. Es gibt für viele Betroffene häufig über Tage oder sogar Wochen keinen Ausweg aus der eigenen Gefühlswelt. Häufig werden Äusserungen sowie Kommunikationssignale wie Gesten, Mimik und Betonung sehr intensiv analysiert und auf „Signalwirkung“ hinsichtlich möglicher Angriffe oder feindlichen Verhaltens untersucht. Ursache ist eine häufig anzutreffende generelle Erwartungshaltung, dass Kränkungen vom Gegenüber zu erwarten sind.
Die Angst, verlassen zu werden, steht oft in Beziehung mit eigenen, traumatischen Erfahrungen und deren dissoziativer Bewältigung. Dies führt dazu, dass sich der Betroffene oft unbewusst in einer Weise verhält, durch die er die Bezugsperson verliert oder zumindest kränkt. Es fällt den Betroffenen schwer, Nähe zuzulassen, auch wenn sie ständig danach suchen. Dieses Problem ist ich-synton, das heißt Betroffene wissen nicht bzw. haben höchstens ein unangenehmes Gefühl, dass sie de facto Angst vor Nähe haben.
Das allgemeine soziale Verhalten Betroffener ist nicht nur durch die Belastungserscheinungen alleine zu beschreiben. Es ist immer abhängig vom Menschen, der dahinter steckt, der mit den Problemen und Erschwernissen der Borderline-Störung leben muss. Das erfordert besondere Verantwortung und besondere Anstrengung von beiden Seiten. Da es den Betroffenen aber in vielen Lebenslagen oft schwer bis unmöglich ist, den Erwartungen der Umwelt zu entsprechen, entsteht für diese Personen und ihre Partner[1] meist erhebliches persönliches Leid.
Fachliteratur
* Mathias Lohmer: Borderline-Therapie Psychodynamik, Behandlungstechnik und therapeutische Settings. 2005, ISBN 3794523822 * Christa Rohde-Dachser: Das Borderline-Syndrom. 2004, ISBN 345684087X * Weshavel: Schizotypische Persönlichkeitsstörung, Borderline Persönlichkeitsstörung, Soziale Phobie. 2003, ISBN 3833003820 * Martin Bohus: Borderline-Störungen. 2002, ISBN 3801710963 * Gerhard Dammann, Paul L. Janssen (Hrsg.): Psychotherapie der Borderline-Störungen. 2001, ISBN 3131268611 * Otto F. Kernberg, Birger Dulz, Ulrich Sachsse et al.: Handbuch der Borderline-Persönlichkeitsstörungen. Schattauer, Stuttgart 2000, ISBN 3-7945-1850-0 * Otto F. Kernberg: Borderline-Störungen und pathologischer Narzissmus. 2000, ISBN 3518280295 * Birger Dulz, Angela Schneider: Borderline-Störungen - Theorie und Therapie. 1999, ISBN 3794520130 * Marsha M. Linehan: Dialektisch Behaviorale Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung. 1996, ISBN 3980307484 * Katja Nienhaus (Dissertation 2003): Diagnostik und Differentialdiagnostik der Borderline-Persönlichkeitsstörung (PDF; 1,44 MB)
Für Betroffene
* Jerold J. Kreisman, Hal Straus: Ich hasse dich, verlaß’ mich nicht. Die schwarzweiße Welt der Borderline-Persönlichkeit. 2005, ISBN 3466303265 * Ewald Rahn: Borderline. Ein Ratgeber für Betroffene und Angehörige. 2005, ISBN 3884142585 * Vincent E. Noel: Sarah – Vom Ende meines langsamen Abschieds. 2005, ISBN 393710173X * Andrea Brackmann: Jenseits der Norm – hochbegabt und hoch sensibel?. Klett-Cotta, Stuttgart 2005, ISBN 3-608-89002-5. Dieses Buch behandelt insbesondere auch das Thema „hochbegabte Erwachsene“. Außerdem stellt die Autorin Zusammenhänge zwischen dem Borderline-Syndrom und Hochbegabung dar. * Heinz-Peter Röhr: Weg aus dem Chaos. 2003, ISBN 3530300101 * Joachim Gneist: Wenn Hass und Liebe sich umarmen. 1995, ISBN 3492238904
Für Angehörige
* Sonja Szomoru, Viola Valentin: borderline brach herz Hilfe zur Trennungsverarbeitung für Borderline-Partner. 2005, ISBN 3980949656 * Paul T. Mason, Randi Kreger: Schluss mit dem Eiertanz. Ein Ratgeber für Angehörige von Menschen mit Borderline. 2003, ISBN 3884143379
Quellen
1. ↑ www.borderline-plattform.de: Gemeinsame Merkmale der Borderline-Partner (Co-Abhängigkeit) 2. ↑ http://www.tfp-institut-muenchen.de/ TFP-Institut München
Rezeption
Folgende Filme befassen sich thematisch mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung:
* Allein, Drama, Deutschland 2004 * Durchgeknallt (Girl, Interrupted), Drama, USA 1999 * Angel Baby, Drama, Australien 1995 * Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen Drama, Frankreich 1986 * Das Geheimnis der falschen Braut Drama, Frankreich 1969 (zeigt nicht nur Borderline, sondern auch den co-abhängigen Partner) * Eine verhängnisvolle Affäre, Drama/Thriller, USA 1987
Der Titel Stinkfist von Tool und das zugehörige Musikvideo handeln ebenfalls vom Borderline-Syndrom.
Typische Kriterien für eine Borderline-Störung sind: 1️⃣ Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen mit einem Wechsel zwischen den Extremen Überidealisierung und Abwertung 2️⃣Impulsivität bei mindestens zwei potentiell selbstschädigenden Aktivitäten wie Substanzmissbrauch, finanziellen Ausgaben, extremen Sex, Ladendiebstahl, rücksichtsloses Autofahren, Bulimie 3️⃣Instabilität der Stimmungslage 4️⃣Übermäßig starke Wut oder die Unfähigkeit, diese zu kontrollieren 5️⃣Wiederholte Selbstmorddrohungen oder -versuche oder andere selbstverstümmelnde Verhaltensweisen 6️⃣Ausgeprägte Identitätsstörungen mit Unsicherheit in mindestens zwei der folgenden Lebensbereiche: Selbstbild, sexuelle Orientierung, langfristige Ziele und Berufswünsche, Art der Freunde oder Partner und persönliche Wertvorstellungen 7️⃣Chronisches Gefühl der Leere oder Langeweile 8️⃣Unfähigkeit, alleine zu sein 9️⃣Vorübergehende, bei Belastung entstehende Wahn- oder Bewusstseinsstörungen
Mindestens fünf dieser Kriterien müssen erfüllt sein, bevor eine Borderline-Störung vermutet werden kann. Doch bevor man als Laie jemand vorschnell das Etikett „Borderline“ anheftet, sollte man dies schon sehr genau mit Literatur und im Internet überprüfen. Es gibt inzwischen über hundert Bücher zum Thema. ("Ich hasse Dich – verlass mich nicht": Leben auf der Grenze, Wolf-Dieter Roth, Telepolis, 28.04.2005)
1. Sich selbst finden und das eigene Leben schöpfen Wenn du den Buddhaweg zu deiner eigenen Frage machst, wirst du erkennen, dass er sich jeden Tag ändert. Wie soll ich den ewigen Weg in diesem Augenblick, in diesem Fall, beschreiten? Wir müssen in jedem Augenblick neu aufwachen, jeden Augenblick von Neuem praktizieren.
Wer weiß schon, ob ich morgen noch leben werde? Wer erinnert sich noch an gestern? Was wirklich wichtig ist, ist was ich in diesem Moment tue. Meine Füße müssen hier so fest auf dem Boden stehen, dass durch sie mein ganzer Leib in der Erde verankert ist.
Der Wert eines Menschen richtet sich nicht nach seinem Monatsgehalt. Was ist dann aber der wahre Wert eines Menschen? Wenn du nach ihm suchst, musst du erst einmal dich selbst finden. Wenn sich einer auf diese Suche begibt, dann hat er damit bereits das größtmögliche Glück für einen Menschen gefunden. Mit sich selbst vertraut werden - was könnte größer sein als das? mehr: - Auszüge aus »Zen ist die größte Lüge aller Zeiten« von Sawaki Kôdô Rôshi (antaiji.org, undatiert) - Zen ist die grösste Lüge aller Zeiten [Kodo Sawaki(Autor), Kushiya Shusoku(Redakteur), Muho Nölke(Übersetzer), Angkor Verlag 2005, gefunden bei Amazon]
Knapp 40 Prozent der Frauen sind Opfer von Übergriffen. Erstmals liegen auch Ergebnisse für Männer vor.
[…] wurden im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) 10000 Frauen zwischen 16 und 85 Jahren mit standardisierten Interviews befragt. Weitere Teilpopulationen wie Migrantinnen, inhaftierte Frauen. Prostituierte und Asylbewerberinnen komplettierten das Bild. Eine weitere, aufgrund der begrenzten Fallzahl von 266 nicht repräsentative Studie im Auftrag des BMFSFJ befaßte sich erstmals mit Gewalt, die gegen Männer ausgeübt wird. Ergebnisse: 37 Prozent der Frauen haben seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche Gewalt erlebt. Der Umfang der Gewalt reichte von leichten Ohrfeigen, wütendem Wegschubsen bis hin zu Verprügeln und Waffengewalt. Weitere 42 Prozent gaben an, schon einmal Opfer von psychischer Gewalt wie zum Beispiel Drohungen, Psychoterror oder Verleumdungen geworden zu sein. […] hat bereits jede vierte Frau schon einmal sexuelle Übergriffe erlebt. […] Alle Formen der Gewalt wurden überwiegend in der eigenen Wohnung (bei 69 Prozent) und durch aktuelle oder frühere Partner (bei 50 Prozent) ausgeübt. […]
Besonders bei Flüchtlingsfrauen findet körperliche Gewaltanwendung sehr häufig statt: Jede zweite Frau gab an, schon einmal betroffen gewesen zu sein. Auch bei türkischen und osteuropäischen Migrantinnen lag der Prozentsatz mit 49 beziehungsweise 44 Prozent weit höher als in der Hauptuntersuchung (40 Prozent). […]
Obwohl die Männerstudie nicht repräsentativ ist und daher keine Verallgemeinerungen für alle Männer in Deutschland möglich sind, lassen die Ergebnisse einen eindeutigen Schluß zu: Auch Männer werden häufig Opfer von Gewalt, besonders während ihrer Kindheit und Jugend. […] daß nur jedem siebten Mann in jungen Jahren keine Gewalt widerfuhr. Drei von fünf Männern gaben an, geschlagen oder geohrfeigt worden zu sein, zwei von fünf wurden belästigt oder bedroht. Jeder sechste Mann erlitt durch andere während seiner Jugend Verletzungen wie Schnitt- oder Quetschwunden und Knochenbrüche, jeder neunte Mann gab an, mit einer Waffe bedroht worden zu sein. […] drei von fünf Männern psychische Gewalt durch Schikanieren, Einschüchtern oder Demütigungen erlitten, […]
Wenngleich Gewalt bei Erwachsenen weniger häufig festgestellt wird, ist sie den Studienergebnissen zufolge nicht vernachlässigbar: Von Männern, die in Lebensgemeinschaften mit einer Partnerin leben, widerfuhr rund jedem Vierten ein- oder mehrmals ein Akt körperlicher Gewalt. Fünf bis zehn Prozent wurden „leicht geohrfeigt“, „gebissen oder gekratzt“, „schmerzhaft getreten“, oder es wurde mit etwas nach ihnen geworfen. Häufiger gaben Männer an, psychischer Gewalt und sozialer Kontrolle in Partnerschaften ausgesetzt gewesen zu sein; jeder sechste Mann fühlt sich kontrolliert.
aus der heruntergeladenen PDF-Datei über Gewalt gegen Männer des BMFSFJ:
Ungefähr fünf Prozent der Befragten haben im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt mindestens einmal eine Verletzung davongetragen. Der gleiche Anteil von Männern hat bei einer oder mehreren dieser Situationen schon einmal Angst gehabt, ernsthaft oder lebensgefährlich verletzt zu werden. Kein einziger der Männer, die angeben, häusliche Gewalt durch die Partnerin erfahren zu haben, hat die Polizei gerufen, obwohl einige der Meinung waren, dass die Partnerin dafür bestraft werden sollte. Rund die Hälfte gibt an, sich in solchen Situationen mit dieser Partnerin nie körperlich gewehrt, zum Beispiel zurückgeschlagen zu haben. Deutlich mehr als die Hälfte gab an, nie mit körperlicher Gewalt angefangen zu haben.
Psychische Gewalt und soziale Kontrolle Von psychischer Gewalt innerhalb von Partnerschaften wird wesentlich häufiger berichtet als von körperlicher. Auffällig ist hier der wesentlich höhere Anteil der Nennungen im Bereich der sozialen Kontrolle als im Bereich der direkten psychischen Angriffe, Demütigungen, Herabsetzungen und Beleidigungen.❙ Jeder fünfte Mann (38 von 199) gibt an, dass seine Partnerin eifersüchtig ist und seinen Kontakt zu anderen unterbindet. ❙ Jeder sechste Mann (35 von 199) sagt: Meine Partnerin kontrolliert genau, wohin ich mit wem gehe, was ich mache und wann ich zurückkomme. ❙ Fünf bis acht Prozent der Männer berichten, dass die Partnerin ihre Post, Telefonanrufe oder E-Mails (16 von 199) kontrolliert, dass die Partnerin darüber bestimmt, was sie zu tun oder zu lassen haben (9 von 199), oder dass die Partnerin sie daran hindert, Freunde, Bekannte oder Verwandte zu treffen (13 von 199). In etwas geringerer Häufigkeit berichten Männer auch über andere Formen der psychischen Gewalt in Lebensgemeinschaften: Ihre Partnerin schüchtert sie ein, wenn sie anderer Meinung sind; sie beschimpft und beleidigt sie oder sagt absichtlich Dinge, die verletzen; ihre Partnerin macht sie vor anderen runter; sie schüchtert sie ein durch wütendes, unberechenbares oder aggressives Verhalten. Ein wichtiges Ergebnis der Pilotstudie ist, dass Männer, denen soziale Kontrolle durch die Partnerin widerfährt, mit deutlich größerer Wahrscheinlichkeit auch körperliche Angriffe in der Partnerschaft erleben. Sexualisierte Gewalt Bei sexualisierter Gewalt scheinen, wie oben erwähnt, die größten Hindernisse für Männer darin zu liegen, die Scham zu überwinden und eine Sprache dafür zu finden. Männer berichten sehr selten über entsprechende Widerfahrnisse in ihren Lebensgemeinschaften:❙ Fünf Männer gaben an, dass ihre Partnerin ihnen ihre sexuellen Bedürfnisse rücksichtslos aufgedrängt hat. ❙ Drei Männer sagten, ihre Partnerin habe sie zu Handlungen gedrängt, die sie nicht wollten. ❙ Ein Mann gab an, dass seine Partnerin ihn zu sexuellen Handlungen gezwungen hat, die er nicht wollte.
Abschlussbericht der Studie im Internet unter www.bmfsfj.de (unter: ƒ Forschungsnetz ƒ Forschungsberichte)
Thomas Stephen Szasz ist ein Ungar-Amerikaner (geb.
15. April 1920), der 1941 seine Heimat verließ, um nach den USA auszuwandern.
Der Faschismus hatte damals fast ganz Europa unter seine Botmäßigkeit gebracht,
und auch Ungarn unter der Herrschaft des Admirals von Horthy verschärfte seine
antisemitischen Maßnahmen: daher war es für Szasz lebensrettend, in Nordamerika
ein Exil zu finden.
Er studierte Medizin in Cincinnati und nach Abschluß seiner
Studien erhielt er eine internistische und psychiatrische Spezialausbildung in
Boston und Chicago; in der letztgenannten Stadt gehörte er dem
Psychoanalytischen Institut an, an welchem prominente Psychoanalytiker wie
Franz Alexander und Helene Deutsch lehrten. Von 1951 bis 1956 war Szasz bereits
Lehranalytiker am Chicago-Institut.
Psychoanalyse und Psychiatrie wurden sein
Hauptbeschäftigungsgebiet, als er nacheinander in Bethesda (Maryland) und
Syracuse (New York) praktizierte. Ab 1956 wurde er Professor für Psychiatrie an
der State University of New York.
Szasz war nicht der Mann, der sich – um lukrativer
Entwicklungsmöglichkeiten willen – ins psychoanalytische und psychiatrische
Establishment einordnete. Er begann früh mit kritischen Erwägungen über Theorie
und Praxis beider Wissenschaftsdisziplinen. Zuerst begnügte er sich mit
kleineren Publikationen in Fachorganen. Aber schon 1961 wandte er sich mit
Geisteskrankheit – ein moderner Mythos (deutsch 1972) an die Öffentlichkeit:
Mit diesem Buch wurde er zu einem der prominentesten Kritiker der offiziellen
Psychoanalyse und Psychiatrie.
Seit diesem Zeitpunkt hat Szasz nicht aufgehört, seine
Kollegen von der Seelenheilkunde und die Behandlungs- und Anstaltspraxis der
Psychiater mit heftigen Worten zu attackieren. Aus der Fülle seiner Publikationen
erwähnen wir nur die wichtigsten, die in deutscher Übersetzung erschienen sind.
Es sind dies: Die Fabrikation des Wahnsinns (1974); Recht, Freiheit und
Psychiatrie (1963); Das Ritual der Drogen (1978); Der Mythos der Psychotherapie
(1982); Schizophrenie – das heilige Symbol der Psychiatrie (1979); Theologie
der Medizin (1980). Das sind beileibe nicht alle Bücher unseres überaus
publikationsfreudigen Autors, der gegen zwanzig Bücher und mehr als 300
Zeitschriftenartikel verfaßt hat.
In allen diesen Texten findet ein leidenschaftlicher Kampf
statt. Szasz wirft der Psychiatrie vor, daß ihr Selbstverständnis als
Naturwissenschaft völlig falsch sei – im Grunde handle sie von „kommunikationsgestörten
Menschen”, die man demnach nicht mit Elektroschocks, mit Insulinkuren, mit
Lobotomie und „chemischen Zwangsjacken” therapieren dürfe. Natürlich gibt es
auch einen Zweig der psychiatrischen Heilkunde, wo somatische und kausale
Methoden am Platze sind; aber die überwiegende Mehrheit der seelisch und
geistig „gestörten” Menschen sind nicht krank wie etwa Diabetiker, Rheumatiker
oder Paralytiker.
Auch die Psychoanalyse schlug nach Szasz einen irrigen Weg
ein, als sie sich der üblichen Medizin und Psychiatrie angleichen wollte. Das
führte zu Verwirrungen theoretischer und praktischer Art, die bis heute Denken
und Tun der Psychoanalytiker behindern. Szasz ruft nach einer grundlegenden
Reform der modernen Seelenkunde, die schon fast einer Revolution gleichkommt.
In der Folge sollen die Lehren dieses streitbaren Autors erläutert
werden, der der Tiefenpsychologie manchen wichtigen Entwicklungsanstoß gegeben
hat.
Geisteskrankheit – Ein moderner Mythos
Nietzsche sagt in einem bekannten Aphorismus, daß das
Wichtigste in den Wissenschaften die „Methoden” seien; sofern diese zuverlässig
ausgearbeitet sind, kann die Forschung zielstrebig vorangehen. Man könnte diese
These ergänzen durch den Hinweis, jede Wissenschaft müsse sich klar werden über
den „Seinscharakter” ihres Gegenstandes. Vermag sie diesen präzis und deutlich
zu bestimmen, dann folgen aus der Seinsweise des Themenbereichs immer auch die
sachgemäßen Methoden. Szasz wirft der Psychoanalyse und der Psychiatrie vor,
daß sie sich sowohl ontologisch als auch methodologisch auf dem Holzweg
befinden.
Psychiater und Psychoanalytiker befassen sich mit „Seelen-
und Geisteskrankheiten”, aber Szasz bezweifelt, ob es derlei überhaupt gibt.
Der Begriff „Krankheit” stammt aus der Körpermedizin. Dort hat er einen fest
umschriebenen Sinn: Wir haben Normvorstellungen von der körperlichen
Gesundheit, und sofern massive Abweichungen davon diagnostiziert werden können,
sprechen wir vom Kranksein des Menschen. So gibt es etwa den normalen
Blutdruck, die normale Pulsfrequenz, die normale Körpertemperatur, das adäquate
Funktionieren der Muskulatur, der Ausscheidungsorgane, der Sinnesorgane usw.
Natürlich gibt es eine gewisse „Breite der Normalität”, die man nicht übersehen
darf; Lebendiges ist nicht exakt festgelegt, sondern hat Funktionsspielräume,
über die der Fachmann Bescheid weiß.
Aber wie steht es mit den seelisch-geistigen Normen und
ihren Varianten? Nach Szasz stehen wir hier auf fragwürdigeren Fundamenten.
Psychiatrie und Psychoanalyse beschäftigen sich mit Menschen, die oft
sonderbare Formen des Verhaltens und Kommunizierens an den Tag legen, aber
solche Verhaltens-„Anomalien” sind nicht eigentlich als „Krankheit” festzumachen.
Krankheit hat in der Umgangs- und Wissenschaftssprache eine bereits fixierte
Bedeutung: Sie ist kausal verursachte Organ- oder Funktionsstörung. Aber wenn
die Menschen sich eigenwillig verhalten oder mit anderen in Beziehung setzen,
ist das Kausalschema auf derartige „Deviationen” nicht recht anwendbar;
jedermann verhält sich so, wie er es gelernt hat und wie es ihm in seiner
jeweiligen Lage (bewußt und unbewußt) als „zweckmäßig” erscheint. Hierauf das
Kausalitätsdenken anzuwenden, ist nach Szasz ein erkenntnistheoretischer
Mißgriff. Man kann diese Angleichung finaler Auseinandersetzung einer Person
mit dem Leben an den Physikalismus der Naturwissenschaften mit Karl Popper „Historizismus”
nennen; aber menschliches Verhalten ist nicht „physikalisch” zu erklären,
sondern durch „Verstehenskunst” zu deuten.
Definiert man Psychoanalyse und Psychiatrie als „das Studium
des persönlichen Verhaltens” (S. 21), dann befassen sich diese Disziplinen mit
den „Spielen, die die Menschen miteinander spielen”, und das gehört eher dem
Bereich der Sozialwissenschaften und der Ethik als der Naturwissenschaft an.
Davon ist aber in der Psychopathologie lange Zeit gar keine Rede gewesen. Die
Mediziner bemächtigten sich der psychopathologischen Fragestellungen, und da
sie mit dem Naturwissenschaftskonzept in ihren Bereichen glänzende Erfolge
errangen, sahen sie es als selbstverständlich an, daß auch die sogenannten „Krankheiten
des Gemüts” auf biologisch-materieller Basis begreiflich seien. Aber das war
ein säkulares Vorurteil, welches leider von der Psychoanalyse übernommen wurde.
Daran krankt nach Szasz heute noch die moderne Seelenheilkunde.
Szasz wählt als Belegmaterial für seine Behauptung das
Musterbeispiel der Hysterie. Sie bildet ja den Ausgangspunkt der
psychoanalytischen Forschungen, indem Freud und Breuer 1895 ihre Studien über Hysterie veröffentlicht
haben. An der Geschichte dieser „Krankheit” und der sich auf sie beziehenden Therapiebemühungen
kann die historische Fehlorientierung der Psychopathologie erläutert werden.
Nach Szasz ist Hysterie keine Krankheit, wohl aber eine „nichtverbale
Kommunikationsweise” (S. 23), ein „Regelbefolgungsverhalten” , in welchem
Hilflosigkeit dramatisch eingesetzt wird, um andere Menschen zu Hilfeleistungen
zu veranlassen. Das ist ein „Krankheitsspiel” , das in die Nähe von Simulation,
Täuschung und Lüge gerückt werden muß. Gleichwohl darf man solche „Patienten” nicht
einfach verurteilen: sie haben meistens nur dieses „Spiel” gelernt, und da sie
mit ihrer sozialen Existenz große Schwierigkeiten haben, schlagen sie sich eben
mit solchen „Manövern” durch.
Hysterie ist eine wortlose Verhaltenssprache, die unter
Umständen sehr wirksam sein kann. Wenn nun jemand – sagt Szasz – Englisch,
Französisch oder Deutsch spricht, dann fragt doch niemand, aus welchen kausalen
Gründen heraus er so spricht; jedermann weiß, daß Engländer, Franzosen und
Deutsche von Geburt an „nichts anderes gelernt haben”. Ähnlich sollten wir bei
Hysterikern und anderen „Seelenkranken” argumentieren; aber dann bleibt für die
„Krankheitstheorie” keine Rechtfertigung mehr.
Freud war anfänglich auf der Spur dieser Einsicht, aber da
er im Geiste der Naturwissenschaften herangebildet worden war, setzte er alles
daran, selbst ein „Naturforscher” zu sein und zu bleiben. Daher unternahm er
gewaltige Anstrengungen, die Psychoanalyse in eine biologistisch-kausalistische
Weltanschauung einzufügen. Wohl hatte er ein wunderbares Gespür für die „Symptomsprache”
seiner Patienten und für die von ihm erst entdeckte „Sprache des Traumes”. Aber
bei der theoretischen Verarbeitung seiner Funde griff er auf physikalische
Modellvorstellungen zurück, sprach von einer quantitativ vorhandenen „psychischen
Energie” (Libido) und deren Transformationen und „Schicksalen”, als ob der
Mensch ein „Naturkörper” wäre.
Menschliches Sein ist aber kein An-sich-sein, sondern
wesensmäßig „Kommunikation”. Der personale Wesenskern des Menschen ist „Mitteilungsbedürftigkeit”
. Nur wird hierzu nicht immer verbale Sprache angewendet. Wie die Semantik
lehrt, gibt es „Unter- und Übersprachen” , das heißt, Sprachen, die nicht die
Stufe der Verbalisierung erreichen, und Sprachen, deren Gegenstand die Sprache
selbst ist. Letztere nennt man „Metasprachen”; erstere jedoch, die in der
Psychopathologie zum Beispiel eine hervorragende Rolle spielen, sind „Protosprachen”.
Die Protosprache benützt etwa Körpersignale, um irgendetwas
mitzuteilen. So kann man „körperliches Kränkeln” als Signal einsetzen, um die
Mitmenschen zur Hilfeleistung zu zwingen. Nach Szasz ist der Hysteriker ein
Mensch, der echte oder falsche Krankheitssymptome als „Wortschatz” in Bewegung
setzt, weil er mit dieser Sprache besonders vertraut ist und sie für seine
Zwecke nutzbringend findet. Denn jede Hilfsbedürftigkeit provoziert beim
Kulturmenschen fast einen Zwang zum Beistehen: Das weiß der Hysteriker aus
seiner gesamten Lebenserfahrung, besonders aber aus seinen Kindheitserlebnissen
heraus. Er spielt das „Krankheitsspiel” , und andere Leute spielen das „Helferspiel”
, aber es soll niemand meinen, daß das stets sozial und ethisch hochwertige
Spiele sind.
Das Unheil der modernen Psychopathologie nahm seinen Anfang
bei Jean-Martin Charcot, dem Lehrer von Sigmund Freud in seinen Pariser Studienjahren. Charcot war Neurologe und auf diesem Gebiet ein international
anerkannter Forscher. In seinen späten Jahren begann er sich mit der Hysterie
zu befassen. Diese galt damals als Simulantentum, und niemand interessierte
sich ernstlich für hysterische Patienten. Charcot mit seinem Prestige änderte
schlagartig diese Situation. Er machte aus den Hysterikern „echte Patienten”:
fortan galt die Hysterie als „Krankheit”. Freud trat in die Fußstapfen seines
Meisters und wurde als „Hysterikertherapeut” zunächst berühmt und berüchtigt.
Aber wo waren die körperlichen Ursachen dieser Krankheit? Im
Zentralnervensystem konnte man sie nicht finden. Freud verlegte sie nun in das
Triebleben, in die triebhafte Vorgeschichte des Patienten. So hatte man
immerhin ein angebliches somatisches Fundament dieser merkwürdigen Leiden, für
die eine neue Therapie geschaffen wurde: die Psychoanalyse. Aber da der
Psychoanalytiker „nur mit Worten” zu heilen versuchte, war und blieb er doch
ein seltsamer „Arzt”.
Wenn Freud nicht ein Opfer des „ärztlichen Vorurteils” geworden
wäre, hätte er wohl sehen können, daß seine hysterischen Patienten ein „Verhaltensspiel”
trieben, mittels dessen sie vor Lebensaufgaben ausweichen und sich eine
Zuflucht im Krankenstatus schaffen konnten. Die hysterische Symptomatik ist
nicht mit echten Körpersymptomen vergleichbar; sie ist eine verschlüsselte
Botschaft, in der die Problematik des Patienten dargestellt wird. In den „Studien
über Hysterie” erkannte Freud die „Flucht in die Krankheit” recht deutlich; er „übersetzte”
freihändig und zutreffend Gehschmerzen und Stehunfähigkeit einer Patientin
(Elisabeth v. R.) als Mitteilung, es „gehe ihr nicht gut” und „es stehe
schlecht um sie”. Neuralgische Gesichtsschmerzen einer anderen Patientin „besagten”
nach Freud, eine bestimmte Situation im Leben dieser Frau „habe wie eine
Ohrfeige auf sie gewirkt”. Freud faßte sozusagen den Sprachschatz der
Hysteriker sehr klar ins Auge, aber er wollte kein Sprachforscher, sondern ein „Mediziner”
sein.
Nach Szasz sind aber die Hysterie und die anderen Neurosen
(Angstneurose, Zwangsneurose, Depression, Phobien usw.) Probleme, die den
Sprachwissenschaftler, den Verhaltensforscher, den Soziologen, den Ethiker und
den Religionsforscher angehen. Was ergibt sich daraus, wenn man die Hysterie
als eine relativ unvollkommene Sprache (Protosprache) beschreibt? Die
Konsequenzen aus einem derartigen Vorgehen sind weitreichend.
Wir haben bereits angedeutet, daß es eine Hierarchie von
Sprachen gibt: das muß näher ausgeführt werden. Szasz greift auf die
Sprachtheorie und Sprachphilosophie zurück, um seine Neurosenlehre zu
untermauern.
Die Semantik beruht auch auf einem Zeichen-Theorem; demnach
gibt es verschiedene Arten von Zeichen, die man sprachlich verwenden kann. Eine
Gruppe von Zeichen ist „indexartig”: hier besteht eine Kausalverbindung
zwischen Objekt und Zeichen. So etwa zeigt der Rauch das Feuer an; er ist der „Index”
für Feuer. Andere Zeichen wiederum bilden das Objekt ab: man nennt sie „ikonische
Zeichen”. Eine Photographie ist ikonisch bezüglich der abgebildeten Person.
Wörter oder mathematische Symbole jedoch sind „konventionelle Zeichen oder
Symbole”; sie bezeichnen zwar sehr genau ein Objekt (z. B. das Wort „Haus” für
ein Haus), aber es gibt keine Ähnlichkeit zwischen dem Zeichen und dem
Bezeichneten.
Wörter werden durch Sprachregeln koordiniert, wobei
festgelegt ist, wie und in welchem Zusammenhang die Wörter einen faßbaren Sinn
mitteilen. So kann mittels ihrer ein „Sprachspiel” absolviert werden, das
eingebettet ist in viele unserer gesellschaftlichen Handlungsspiele.
Noch höhere Sprachsysteme („Metasprachen” wie etwa
diejenigen der „Symbolischen Logik”) verwenden ebenfalls willkürliche Zeichen,
auf Grund derer der alltägliche Sprachgebrauch logisch und kritisch bearbeitet
werden kann. An sich kann man zahlreiche Metasprachen konstruieren, von denen
jeweils die nächste die vorangegangene semantisch überhöht.
Die Körpersprache der Hysteriker ist nach Szasz eine
Protosprache, also eine ikonische Abbildung von etwas, was dem Patienten
vorschwebt. So teilt der Hysteriker mit eindrücklichen Körperzuständen mit, „daß
er sich krank fühlt”. Zu diesem Zweck „imitiert” er mehr oder minder
unwillkürlich Krankheiten, die er gesehen oder selbst schon einmal erlitten
hat. Oft erlernt man die Hysterie nach einer echten physischen Krankheit; kaum
ist diese abgeheilt, verharrt man im Krankenstand, indem man die bereits „eingeübten”
Krankheitssymptome weiterführt.
Übersetzt man die ikonische Symptomsprache in die
Alltagssprache („Objektsprache”, wie die Semantiker sagen), dann kann das den
Eindruck erwecken, als ob man Unbewußtes ins Bewußtsein höbe. Aber im Grunde
hat man nur aus einer schwach diskursiven Mitteilung eine verständliche
Kommunikation abgeleitet: was dem „Kranken” allerdings nützlich sein kann. Er
wird aus seiner sprachlichen Einsamkeit in die „Kommunikationsgemeinschaft” aufgenommen,
und das ist jedenfalls für ihn heilsam. Man sagt dem Patienten, „was er
eigentlich sagen will”.
Aber es muß starke Motive im Neurotiker geben, die ihn
veranlassen, sein „Anliegen” mit Protosprache via ikonischen Körperzeichen
mitzuteilen. Ikone sind nach Szasz „prachtvoll undeutlich”; man kann sie so
oder so auslegen. Das schafft für den Mitteilenden Hintertürchen, durch die er
entwischen kann, wenn seine Absicht nicht durchdringt. Man denke etwa an die
Karikatur, auf der ein junger Mann gezeigt wird, der der gegenübersitzenden
Dame unter dem Tisch durch „Fußeln” einen Liebesantrag zu machen scheint. So
weit, so gut; aber die resolute Dame zerstört die schwebende Situation, indem
sie ihr Gegenüber anspricht:
„Wenn Sie mich lieben, so sagen Sie es doch und treten Sie
mir nicht dauernd auf den Fuß!”
Die Protosprache liegt irgendwo zwischen den Gesten und
Gebärden und den Worten; sie ist halb Ausdrucksphänomen und halb Sprache. Als
ein solches Zwischending ist sie nur schwach informativ, aber sie dient
durchaus der „Objektsuche und Beziehungsaufnahme”. Wenn wir kommunizieren,
wollen wir nicht nur etwas mitteilen, sondern uns auch – manchmal nur vage – in
Beziehung setzen. Das kann man auf ikonische Weise recht gut, ohne sich in die
Unkosten der exakten sprachlichen Formulierung zu stürzen.
Sodann hat die Körper- und Symptomsprache einen hervorragend
suggestiven Effekt. Sagt man „kühl bis ans Herz hinan”, daß man sich krank
fühlt, dann kann der Angeredete kalt und sachlich dazu Distanz beziehen.
Beeindruckt man ihn aber mit einem hysterischen Anfall, mit einer Migräne, mit
einem Angstzustand, mit Tränen, mit dem ganzen Symptomaufwand der Depression
usw., dann erzielt man allenfalls einen „umwerfenden Effekt”. Wir leben in
einer mitleidigen Kultur, und wer die „Krankheitssprache” spricht, muß wohl
oder übel gehört werden.
Hysteriker sind, wie man seit langem weiß, oft ausgezeichnete
Schauspieler, wenngleich ihr Leiden nicht einfach „Simulation” ist. Aber sie
und ihre übrigen neurotischen Leidensgefährten können mitunter ganz drastisch
via Körperzustand Suggestionszwänge auf ihre menschliche Umgebung ausüben.
Warum sollen sie dann zur verständlichen Alltagssprache greifen, die so
nüchtern und allzu sehr differenziert ist! Die Hauptsache ist doch, daß man mit
der Botschaft erreicht, was man vorhat: und in dieser Beziehung sehen viele
Patienten der Psychotherapie gar keinen Anlaß, von ihrer Körper- und
Symptomsprache abzugehen.
Die Alltags- und Objektsprache gehört zum Erwachsensein des
Menschen, zu seiner Integration in die schaffende und strebende
Kulturgemeinschaft. Ist jemand durch seine Sozialisation mit dem
Erwachsenwerden nicht recht zurande gekommen, dann wird man bei ihm manches
Manko in der Verständigungsbereitschaft und Verständigungsfähigkeit finden.
Solche Menschen machen leicht einen kindlichen Eindruck – die Psychoanalyse
spricht beim Neurotiker von „Regression” oder „Fixierung auf infantilen
Entwicklungsstadien”. Wo immer Proto- und Körpersprache mächtig hervortreten,
dürfen wir vermuten, einen nicht ausgereiften Menschen vor uns zu haben. Aber
solche regressive Charaktere oder Infantilpersönlichkeiten verstehen es ganz
gut, andere zu manipulieren und zu manövrieren. Ein einfaches Beispiel hierfür
ist die nüchtern-ärztliche Befragung einer Patientin, die das Gefühl bekommt,
vom Arzt zu sachlich behandelt zu werden. Wenn sie in Tränen ausbricht, muß
auch der hartgesottenste Diagnostiker einen freundlicheren Ton anschlagen und
heikle Gesprächsthemen fallen lassen: die „Symptomsprache” hat damit ihr Ziel
mustergültig erreicht!
Das ist der Sinn der „Nichtdiskursivität” der Körper- und
Symptomsprache: durch das Andeuten, Anspielen, durch bildliche und ausweichende
Redeweise, durch Insinuationen und Suggestionen kann sie mehr bewirken, als die
alltagssprachliche Rede erzielt. Sprechen ist ja immer auch gefährlich; man
kann gelegentlich verstanden werden! Wer aber in prekären sozialen Beziehungen
lebt, will immer auch ausloten, wie weit er mit seinen Wünschen, Forderungen
und Gedanken gehen darf. Dazu sind die schwach diskursiven Sprachmodalitäten
bestens geeignet.
Das postulierte Freud schon in seiner Traumdeutung, als er die Traumbildung mit der schwierigen Lage
eines politischen Schriftstellers verglich, der „den Machthabern unangenehme
Wahrheiten zu sagen hat”. Auch Neurose und Humor müssen Andeutungstechniken
einsetzen, um in einer autoritären und gefühlskargen Welt ihr Anliegen anzumelden.
So kann man etwa die Symptomatik einer Neurose als „verschlüsselte Mitteilung” einer
Lebensgeschichte und Lebenssituation auffassen. Damit wird aber der
Psychoanalytiker zum Kommunikationswissenschaftler, und sein Arbeitspensum
enthält Aufklärung des Analysanden über richtige und falsche
Kommunikationstechniken. Halbe Mitteilungen sollen dabei in ganze umgewandelt
werden: derlei nennt man Verständigung. So ist z. B. jeder Traum ein
Kommunikationswirrwarr, der durch eine geschickte Deutung in sinnvolle Kommunikation
verwandelt wird. Oft ist es nicht gleichgültig, wem man einen Traum erzählt;
man kann davon ausgehen, daß der Hörer des Traumes etwas erfahren soll, was man
ihm offen nicht zu sagen wagt. Auch der Neurotiker sagt seiner Umgebung in
verschleierter Weise vieles, was er selbst nicht so recht „auf den Begriff” bringen
kann.
Das ganze Gebiet der „psychischen Erkrankungen” gehört nach
Szasz zur Thematik der „indirekten Kommunikation”: hier wird Verständigung
zwischen Menschen angestrebt, aber nicht mit offenen, freimütigen Worten,
sondern mit halben Aussagen, mit Symptomvokabular und suggestiven Anspielungen,
die auf der Gegenseite Hilfsbereitschaft und Schonung auslösen.
Wer hilfsbedürftig ist oder zu sein scheint, erzwingt von
seinem Milieu Hilfeleistungen. Das entspricht der Tatsache, daß menschliches
Verhalten einem „Regelbefolgungsmodell” unterliegt. Was Menschen tun, wird
nicht nur durch Motive als treibende Kraft bestimmt, sondern auch durch
Spielregeln, die in der Gesellschaft anerkannt sind.
Freud wollte eine Motivationspsychologie bieten, und aus
diesem Grunde sprach er hauptsächlich von Trieben, von der Libido und von
kausal bestimmter Handlungsweise. Allerdings sah auch er, daß Menschen gewisse „Rollen”
annehmen und sich dementsprechend verhalten. Aber im Konflikt zwischen
Rollentheorie und Trieblehre inklinierte er immer zur letzteren; wo der
Kausalismus zur Erklärung menschlichen Verhaltens nicht hinreichte, entrichtete
er seinen Tribut dem Finalismus (der Zielstrebigkeit), indem er dem „Unbewußten”
zielstrebige Wesenszüge verlieh.
Bei Szasz tritt dieser Gegensatz auf als Antagonismus
zwischen kausalen und konventionellen Erklärungen im Handlungsbereich. Will man
eine Neurose verstehen, so reicht es nicht aus, wenn man deren Verursachung aus
Kindheitserlebnissen und „Triebschicksalen” ableitet. Eine Neurose ist die „Wahl”
eines Verhaltens, das bestimmten Spielregeln folgt. Die gesellschaftliche
Konvention ermöglicht die „Neurotikerrolle”, weil sie hierfür gewisse Regeln
und Konventionen formuliert hat.
Welche Regeln erleichtern nun den Einstieg in eine
neurotische Lebensführung? Nach Szasz gibt es u. a. zwei wichtige Regelformen,
die den Menschen „neurotisieren”: 1. Das Familienmuster; 2. Die abendländische
Religion und Ethik.
Da der Mensch länger als alle anderen Lebewesen eine
elterliche Betreuung benötigt, erliegt er leicht dem Anreiz, über die Kindheit
hinaus Kind bleiben zu wollen. Schon Freud hat darauf hingewiesen, daß die
verlängerte Kindheit des Menschen mit seiner Disposition zur Neurose
zusammenhängt. Tatsächlich kann verwöhnende Erziehung „infantilisieren”; die
Opfer einer solchen Pädagogik scheuen vor dem Erwachsenwerden zurück. Sie
müssen nur eine Reihe von kindlichen Eigen- und Unarten beibehalten und
ausbauen – dann ist die Neurose perfekt. Die Psychoanalyse anerkennt dieses
Faktum mit den Begriffen der Regression, der Fixierung und der prägenitalen „Triebverfassung”
des Neurotikers.
Ebenfalls infantilisierend und damit auch neurotisierend
sind die Spielregeln, die die christliche Religion und Ethik dem Menschen
einschärft. Nach Szasz entmutigt das Christentum alle Regungen der Autonomie,
des persönlichen Wachstums und der Entwicklung. Man lese diesbezüglich die
Bibel nach, und man wird finden, daß sie eine erstaunliche Bevorzugung des
schwachen, hilflosen, einfältigen und unbeholfenen Menschen an den Tag legt.
Wir erinnern hier nur an die Aussprüche: „Selig sind, die da geistlich arm
sind; denn ihrer ist das Himmelreich.” „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie
werden das Erdreich besitzen.” „Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie
werden Gott schauen.”
Das Christentum verspricht den „Letzten” nicht nur, daß sie
schließlich die „Ersten” sein werden, sondern fordert auch von den Gesunden und
Starken, daß sie den Kranken und Schwachen Beistand leisten sollen. Somit sind
die Spielregeln gegeben: Wer das Krankheitsspiel spielt, darf damit rechnen,
daß seine Mitmenschen das „Helferspiel” spielen werden. Die Neurotiker nützen
diese Konstellation weidlich aus.
Was Szasz hier als Kritik an der jüdisch-christlichen Moral
vorbringt, hat natürlich Nietzsche vor ihm weit umfassender und radikaler
ausgesprochen. Nietzsche warf dem Christentum vor, daß es ein „Sklavenaufstand”
gegen die Werte des Lebens sei. Da die frühen Christen fast ausschließlich den
niederen Ständen der antiken Welt entstammten, konnten sie keine positiven
Lebensziele ins Auge fassen. Sie hatten die Herrscher der damaligen
Gesellschaft vor Augen (die Römer), die Macht, Reichtum, Lebenslust,
Sinnlichkeit und Daseinsbejahung verkörperten. Im Sinne einer
Ressentimentreaktion entwerteten die Armen und Unterdrückten alle echte
Daseinsexpansion. Sie proklamierten die „Gegenwerte” der Armut, der Keuschheit,
des Gehorsams, der Lebensabwendung, der Lebensverneinung: daraus wurden die
christliche Ethik und Moral konstruiert.
Nach Nietzsches Meinung hat dieser säkulare Prozeß der
Menschheit unsäglichen Schaden zugefügt. Die Menschen wurden allesamt
infantilisiert, und bei der Unterdrückung ihrer natürlichen Triebe und Bedürfnisse
erwarben sie Lebenshaß und kulturelle Unproduktivität. Der Philosoph visiert
gewissermaßen eine „Menschheitsneurose” an, indes die Psychologen (wie Szasz)
denselben Neurotisierungsvorgang eher im familiären Bereich studieren. Aber die
Analogie der Betrachtungsweisen ist sehr eindrücklich.
Das Schlußkapitel von Szasz’ Buch liefert ein „Spielmodell
des menschlichen Verhaltens”. Es stützt sich im wesentlichen auf ein Werk des
amerikanischen Philosophen George Herbert Mead: Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus
(1934, deutsch 1968). Mead vertrat die Auffassung, daß Geist und Selbst des
Menschen aus einem sozialen Prozeß erwachsen und daß die Sprache den
entscheidenden Unterschied zwischen den Tieren und Menschen beinhaltet.
Die Meadsche Theorie sieht im Spiel das Lebenselement des
Menschen. Menschen übernehmen verschiedene Rollen und engagieren sich in
verschiedenartige Spiele; je besser sie die Spielregeln beherrschen und je
konstruktiver ihre Spiele sind, umso erfolgreicher ist ihre Lebensbewältigung.
Körperliche Krankheiten sind Ereignisse, die uns zustoßen;
aber seelische Erkrankungen sind „Spiele, die wir spielen”. Neurosen ähneln
eher Spielzügen oder Spieltaktiken als Vorfällen, an denen unser Wille
unbeteiligt ist.
Nimmt man noch die Spieltheorie von Jean Piaget hinzu (z. B.
Nachahmung, Spiel und Traum. Die
Entwicklung der Symbolfunktion beim Kinde, 1946, deutsch 1969), dann kann
man heteronome und autonome, egozentrische und soziale Spiele unterscheiden.
Die neurotischen Spiele scheinen heteronom und egozentrisch zu sein; nur der
reife Mensch spielt autonome und soziale Spiele. Diese beruhen auf Kooperation,
Gleichwertigkeit der Partner und Gegenseitigkeit in ihren Beziehungen. Was aber
der Neurotiker als Kind erlernt hat, ist überwiegend Unterwerfung unter andere
Menschen und Manipulieren ihres Verhaltens, was man mit dem Stichwort „Sadomasochismus”
belegen kann.
Nach Szasz sieht man hier wiederum, daß wir die Ethik beim
Verstehen des Menschen nicht entbehren können. Denn wer unkooperative Spiele
spielt und auf Herrschaft mithilfe von Unterwerfung ausgeht, kann kaum ethische
Vollwertigkeit für sich beanspruchen. Neurose ist zwar ein unglückseliges
Schicksal, aber auch ein moralisches Versagen.
Wie es eine Hierarchie der Sprachen gibt (Protosprache,
Objektsprache und Metasprachen), so kann man auch die Spiele hierarchisch
gruppieren. Die einfachsten Spiele oder Objektspiele sind das biologische
Instinktverhalten: Essen, Trinken, Schlafen usw. Sobald der Mensch aber heranwächst,
muß er viel kompliziertere Spiele erlernen, die man als „Metaspiele” definiert.
Denn zu jedem Spiel kann man ein „übergeordnetes” erdenken, das noch subtiler,
geistvoller und auch sozial bedeutsamer sein wird.
Die Tragik des Neurotikerlebens besteht u. a. darin, daß der
zukünftige „Patient” als Kind nur relativ dürftige und auch ethisch nicht sehr
hochwertige Spiele erlernt. Wird er dann im Laufe seines Heranwachsens mit den
hochkomplizierten Spielregeln der kulturellen Existenz konfrontiert (z. B. in
Fragen der Partnerschaft, Sexualität, Arbeitsleistung, Kulturleistungen usw.),
dann neigt er dazu, die alten und vertrauten Spiele seiner Kindheit
weiterzuspielen. Das kommt einem Rückzug von der Front des Lebens gleich. Das
Asyl der Neurose nimmt den unbeholfenen, ängstlichen, faulen oder untrainierten
Menschen auf. Ganz ohne Betrug geht dieses Fluchtmanöver nicht ab. Die
Mitmenschen müssen doch das Gefühl bekommen, daß man „guten Willens”, aber
durch „äußere Umstände” am Mittun verhindert sei. Man schlüpft in die Rolle des
„Kranken”, um mildernde Umstände für das Spielen schlechter Spiele zu erhalten.
Die Ärzte haben dieses Scheinmanöver begünstigt, weil sie „Kranke”
brauchen, um Ärzte sein zu können. Das ist in der Körpermedizin berechtigt,
aber in der Psychopathologie führt dies zu falschen Klassifikationen und
fehlgeleiteten Behandlungsweisen. Man kann Neurotikern Hilfe gewähren, ohne sie
zu „Patienten” stempeln zu müssen; Menschen helfen einander, ohne daß ein
Krankenstatus auf der Seite des Hilfsbedürftigen nötig ist. Szasz führt hierzu
aus (loc. cit. S. 253):
Die hauptsächliche Alternative zu diesem Dilemma
besteht, wie ich schon sagte, in dem Verzicht
auf die Kategorien „krankes” und „gesundes” Verhalten sowie darin,
Geisteskrankheit nicht mehr als Voraussetzung einer sogenannten Psychotherapie
zu betrachten. Folglich müssen wir uns uneingeschränkt zu der Einsicht
bequemen, daß wir Menschen psychoanalytisch oder psychotherapeutisch nicht „behandeln”,
weil sie „krank” sind, sondern 1. weil sie solche Hilfe wünschen; 2. weil sie
Lebensprobleme haben, die sie durch eine Klärung der Frage, welche Spiele sie
und ihre Umweltpersonen zu spielen sich gewöhnt haben, zu bemeistern suchen; 3.
weil wir uns als Psychotherapeuten an ihrer „Erziehung” beteiligen wollen und
können, da dies unsere berufliche Rolle ist.
Diese Berater- und Erzieherhaltung gegenüber dem „neurotischen
Menschen” hat, wie Szasz feststellt, Alfred Adler als einer der ersten modernen
Psychotherapeuten praktiziert. Er hat auch den Zusammenhang zwischen Therapie
und ethischer Beeinflussung oft genug akzentuiert. Freud propagierte eine kühle
und unbeteiligte Haltung des Analytikers gegenüber seinen Analysanden; das mag
vielleicht für einen Chirurgen wünschenswert sein, nicht aber für einen „Seelenarzt”.
Wie Freud selbst bei Gelegenheit konstatierte, muß der Psychotherapeut Lehrer, Vorbild, Aufklärer und Künder einer freieren Weltanschauung sein: und hierzu
bedarf es gewiß expliziter ethischer Maßstäbe und Motivationen.
Auch im Übertragungs- und Gegenübertragungs-Theorem
anerkannte Freud die Neigung der Patienten, unproduktive Spiele zu spielen (das
heißt, sich mit dem Analytiker in einen fruchtlosen Kleinkrieg einzulassen, bei
dem das Hauptanliegen der Therapie, die innere Entwicklung des „Kranken”,
vergessen wird). Für den Therapeuten wurde empfohlen, sich in solche Spiele
nicht einzulassen, sondern konsequent und beharrlich am „Heilungsziel” festzuhalten.
Damit wurde wiederum der ethisch-moralische Kernpunkt jeglicher „Seelenheilkunde”
unterstrichen.
Psychiatrie ist demnach für Szasz ein „soziales Handeln”,
nicht aber die Tätigkeit von „Körper-Ingenieuren”, die Mängel an der
Körpermaschinerie durch gekonnte Eingriffe beheben. Es ist an der Zeit, die
Wesensbestimmung des psychiatrischen Tuns genauer zu bestimmen. So kann man dem
Psychiater folgende drei Wirkungsbereiche zuschreiben:
Als theoretischer
Wissenschaftler befaßt er sich mit dem Spielverhalten der Menschen, wobei
er gute und weniger gute Spiele zu unterscheiden vermag. Als Praktiker greift er in das Leben der
Menschen ein, belehrt sie über die Konsequenzen ihres jeweiligen Rollen- und
Spielverhaltens; wenn er kann, animiert er sie dazu, sozialere und kulturell
wertvollere Spiele zu spielen. Als „sozialer
Manipulator” schließlich wird er Menschen durch Zwang oder andere
Beeinflussung zum Abbruch bestimmter Spiele veranlassen.
Somit ist Psychiatrie kein medizinisches Spezialfach,
sondern ein Zweig der Sozial- und Humanwissenschaften. Daher äußert Szasz am
Ende seines Buches (S. 291):
Menschliches Verhalten ist grundsätzlich moralisches
Verhalten. Deshalb müssen alle Versuche scheitern, es zu beschreiben und zu
ändern, ohne zugleich das Problem der ethischen Werte anzupacken. Solange die
moralischen Dimensionen psychiatrischer Theorien und Therapien verborgen und
unklar bleiben, wird ihr wissenschaftlicher Wert folglich sehr begrenzt sein.
Mit der von mir unterbreiteten Theorie des persönlichen Verhaltens – und der
Psychotherapie-Theorie, die sie einschließt – versuchte ich, diesem Defekt
dadurch abzuhelfen, daß ich die moralischen Dimensionen des menschlichen
Verhaltens im psychiatrischen Kontext einmal zur Sprache gebracht habe.
Wir leben in einer Epoche schneller
gesellschaftlicher Veränderungen, und daher muß jedermann lernen, immer neue
und kompliziertere Spiele zu spielen. Der Neurotiker ist sozusagen ein „Lerngehemmter”;
er hat in seiner Jugend „das Lernen nicht gelernt”. Daraus erwachsen ihm
zahllose Lebensschwierigkeiten, die er mit kindlichen Verhaltensmustern (unter
Ausnützung der Hilfsbereitschaft anderer) zu „bewältigen” versucht.
Wenn Psychotherapie Sinn und Wert haben soll, dann muß sie
die Selbsterkenntnis des „Patienten” fördern, aber auch sein „Lebensverständnis”
grundlegend entfalten. Analytiker und Analysand sollen sich zusammentun, um
gemeinsam die Strukturen und Aufgaben des Menschenlebens zu studieren. Das
Autoritätsgefälle zwischen Therapeut und Hilfsbedürftigen sollte hierbei
tunlichst abgebaut werden. Beide sind nämlich „Lernende” bezüglich des schier
unendlichen „Lehrstoffes”, welcher „ein vernünftiges menschliches Leben” bedeutet.
Wir sind alle, wie Szasz sagt, „Schüler in der Schule des
Lebens”. Niemand kann und darf den „absolut Wissenden” spielen, denn den
therapeutischen Übermenschen gibt es nicht. Unser Autor faßt zuletzt alle seine
Thesen in knapper Formulierung zusammen (S. 294):
1. Genau genommen können Krankheiten nur den Körper
affizieren; daher kann es keine Geisteskrankheit geben.
2. „Geisteskrankheit” ist eine Metapher. Ein Geist kann nur
in dem Sinne „krank” sein wie schwarzer Humor „krank” ist oder die Wirtschaft „krank”
ist.
3. Psychiatrische Diagnosen sind stigmatisierende Etiketten;
sie sollen an die medizinische Diagnosepraxis erinnern und werden Menschen
angehängt, deren Verhalten andere ärgert oder verletzt.
4. Gewöhnlich werden Menschen, die unter ihrem eigenen
Verhalten leiden und darüber klagen, als „neurotisch” und jene, unter deren
Verhalten andere leiden und über die sich andere beklagen, als ~„psychotisch” bezeichnet.
5. „Geisteskrankheit” ist nicht etwas, was eine Person hat,
sondern etwas, was sie tut oder ist.
6. Wenn es keine „Geisteskrankheit” gibt, kann es keine „Hospitalisierung”,
„Behandlung” oder „Heilung” von „Geisteskrankheiten” geben. Natürlich können
Menschen mit oder ohne Eingreifen des Psychiaters ihr Verhalten oder ihre
Persönlichkeit ändern. Solche Eingriffe nennt man heute „Behandlung”, und die
Veränderung, wenn sie in einer von der Gesellschaft gebilligten Richtung
verläuft, heißt „Genesung” oder „Heilung”.
7. In die Strafrechtspraxis eingedrungene psychiatrische
Vorstellungen – zum Beispiel Antrag auf Unzurechnungsfähigkeit oder verminderte
Zurechnungsfähigkeit und entsprechendes Urteil, Gutachten über das
seelisch-geistige Unvermögen des Beklagten, einen Prozeß durchzustehen, usw. – korrumpieren
das Recht und machen die Bürger, derentwegen sie vorgeblich herangezogen
werden, zu Opfern.
8. Persönliches Verhalten folgt stets Regeln, ist
strategisch und sinnvoll. Interpersonale und soziale Beziehungen können als
Spiele betrachtet und analysiert werden, wobei das Verhalten der Spieler von
ausdrücklich formulierten oder stillschweigend wirksamen Spielregeln gelenkt
wird.
9. Bei den meisten Arten von freiwilliger Psychotherapie
versucht der Therapeut dem Behandelten die unausgesprochenen Spielregeln, nach
denen er sich richtet, zu erläutern und ihm bei der Überprüfung der Ziele und
Werte der von ihm praktizierten Lebensspiele zu helfen.
10. Es gibt keine medizinische, moralische oder juristische
Rechtfertigung für unerbetene psychiatrische Eingriffe wie „Diagnose”, „Hospitalisierung”
oder „Behandlung”. Sie sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Schizophrenie – das heilige Symbol der Psychiatrie
Nachdem Szasz in Geisteskrankheit
– ein moderner Mythos den Begriff der Hysterie und damit auch der anderen
Neurosen als „Seelenkrankheiten” in Grund und Boden gebohrt hatte, greift er in
seinem Buch mit dem obengenannten Titel die Schizophrenie als Krankheit und die
Psychiatrie als Institution an. Seiner Ansicht nach hat die psychiatrische
Wissenschaft von Anfang an einen Irrweg eingeschlagen. Sie wollte ein Zweig der
Körpermedizin sein, aber es ist fraglich, ob sie sich damit richtig definiert
hat.
Es gibt eine Fülle von sogenannten „Wahnkrankheiten”, und im
19. Jahrhundert hatten die Psychiater sehr viel mit jenen Wahnerscheinungen zu
tun, die im Gefolge der Syphilis auftraten. In diesem Bereich konnte ein
somatischer Krankheitserreger, die Spirochäte pallida, entdeckt werden. Auch
konnte man demonstrieren, daß dieses Bakterium Läsionen im Zentralen
Nervensystem hervorruft, die mit den motorischen und geistigen Abnormreaktionen
in direktem Zusammenhang stehen.
Nun dachten die Psychiater, in der Schizophrenie eine
ähnliche Krankheit vor sich zu haben wie bei der Progressiven Paralyse, dem
Spätstadium der Syphilis. Aber die schizophrenen Störungen passen durchaus
nicht in das Schema einer physisch bedingten Geisteskrankheit. Emil Kraepelin
(1855-1926), der sich als erster grundlegend mit diesem Symptomenkomplex befaßte,
schlug hierfür die Bezeichnung Dementia praecox vor. Sie war aber nicht
besonders gut geeignet, da sie die Patienten mit dem Stigma der „vorzeitigen
Verblödung” behaftete, was für viele Fälle dieser Art sicherlich nicht
zutrifft.
Aus diesem Grunde modifizierte Eugen Bleuler (1857-1930) den
Krankheitsbegriff und führte den Namen Schizophrenie oder „Spaltungsirresein” ein.
In seiner berühmten Monographie aus dem Jahre 1911 Dementia praecox oder die Gruppe der Schizophrenien beschrieb
Bleuler sehr sorgfältig alle Symptome der schizophrenen Patienten. Aber er
mußte es bei dieser Beschreibung bewenden lassen, und eine eigentliche Ursache
für die Schizophrenie konnte er nicht ausfindig machen. Er behauptete, daß
irgend ein körpereigenes Toxin (Gift) die Grundlage dieses rätselhaften
Krankseins bilde. Das war jedoch nur eine Hypothese, die bis zum heutigen Tag
nicht verifiziert ist.
Nach Szasz haben die Psychiater seit den Forschungen von
Bleuler den Begriff der Schizophrenie immer mehr ausgeweitet, aber sie wissen
auch heute noch nicht, was hier im wesentlichen vorliegt. Man vermutete
genetische Schäden, Stoffwechselanomalien und viele andere Noxen
(Schädigungen), aber nichts davon wurde bewiesen. Im argen Kontrast zu dieser
ätiologischen Unwissenheit steht der Furor practicus der Psychiater: sie haben
zahlreiche Behandlungsmethoden entwickelt, die angeblich die Schizophrenie
heilen können. Früher quälte man die „Kranken” mit Warm- und Kaltwasserkuren
und gelegentlich sogar mit Folterinstrumenten. Die moderne Psychiatrie verlegte
sich auf subtilere Foltermethoden. Sie wandte Elektroschocks und Insulinkuren
an, die den Patienten in Todesangst versetzen oder doch ihn ziemlich, massiv
traumatisieren. Den Gipfel des Fehlgreifens stellt wohl die Methode des
Portugiesen Moniz dar, der mit seiner Lobotomie präfrontale Hirnbahnen
zertrennte; Moniz erhielt für diese Untat, die tausendfältig praktiziert wurde,
den Nobelpreis für Medizin. Es stellte sich aber bald danach heraus, daß diese
Hirndestruktionen die Persönlichkeit der Kranken gewaltig veränderten. Sie
fielen auf ein tiefes geistiges Niveau zurück, wurden antriebsarm oder
aggressiv, jedenfalls aber nicht geheilt.
Die Schizophrenie soll angeblich eine Krankheit sein, weil
die Patienten Wahnideen, Halluzinationen, Hyper- und Hypoaktivität, unpassendes
oder ungewöhnliches Verhalten aufweisen. Bleuler insistierte vor allem auf die
Denk- und Sprachstörungen der Schizophrenen; tatsächlich drücken sich diese
Menschen oft sehr eigentümlich aus und produzieren Gedankenkombinationen, die
uns befremden. Aber genauere Beschäftigung mit solchem abwegigen Denken und
Sprechen hat oft gezeigt, daß beides sehr wohl sinnvoll sein kann und zu
entschlüsseln ist. Vor allem Psychotherapeuten, die sich in langdauernde
Zusammenarbeit mit Schizophrenen einließen, heben nachdrücklich hervor, daß die
schizophrene Äußerungsweise nicht unverständlich ist. Bei emotional zugewandtem
Studium erweisen sich solche „Kranke” durchaus als Mitmenschen, und Bleuler
hatte gewiß nicht recht, wenn er nach jahrzehntelanger psychiatrischer Praxis
feststellte, solche Patienten seien ihm im Grunde „fremder als die Vögel in
seinem Garten”.
Wer kann entscheiden, welche Idee wahnhaft und welche gesund
ist?
Wer kann ganz eindeutig zwischen passendem und unpassendem
Verhalten differenzieren? Wann ist eine Aktivität zu klein, und wann ist sie zu
groß? Und soll man es als eine Halluzination einstufen, wenn der Gläubige seine
Gottheit nahe spürt? Man sieht, die Kriterien, mittels derer die Psychiater
Schizophrenie diagnostizieren, sind sehr dehnbar; faktisch haben manche
Psychopathologen konsequent behauptet, daß streng genommen die ganze Menschheit
„schizophren” sei.
Szasz findet diesen „Imperialismus der Psychiatrie” empörend,
aber er kann sich auch nicht mit der Meinung der Antipsychiater (Ronald Laing,
David Cooper usw.) solidarisieren, die das, was man als Schizophrenie
bezeichnet, als besonders authentisches Menschsein hinstellen. Nach der These
der Antipsychiatrie sind Staat, Gesellschaft, Familie usw. „die eigentlich
verrückten Instanzen”; sie treiben das Individuum in den Wahn hinein, der immer
dann eintritt, wenn ein authentisch lebenwollender Mensch durch seine Umwelt
zur Verzweiflung getrieben wird. Das ist nun nach Szasz eine Übertreibung nach
der anderen Seite; man soll die Schizophrenen nicht zu Kranken, aber auch nicht
zu Edel- und Übermenschen stempeln. Auch bemängelt Szasz an den Antipsychiatern,
daß sie Politik und Psychopathologie oft vermengen. Ein Großteil von ihnen
steht „links”, und in manchen ihrer Traktate beschimpfen sie den Kapitalismus
und rühmen den Kommunismus. Sie mögen darin recht oder unrecht haben, aber es
ist nicht fair, die „Patienten” zu politisieren und sie davon abzulenken, daß
auch sie eventuell irgendwie schief liegen.
Auf Grund seines theoretischen Ansatzes sieht Szasz in
schizophrenen und neurotischen Menschen keine Körperkranke, sondern
eigenwillige Charaktere, die infolge ihrer Sozialisation und Lebenserfahrung seltsame
Sprach- und Verhaltensspiele inszenieren, die von den üblichen Spielen der
Menschen merklich abweichen. Es handelt sich in der Regel um
Verhaltensmodifikationen, die mehr oder minder dem „Kindchen- und
Hilflosigkeitsmuster” folgen und die Umgebung dahingehend manipulieren, daß sie
dem Betreffenden Mühe, Verantwortung und Lebensschwierigkeiten abnimmt. Solche „Spieler”,
die von Angst und Macht- oder Sicherheitswünschen motiviert sind, soll man
nicht als „krank” abqualifizieren; schlimmstenfalls dürfen sie als unreif und
unentwickelt gelten, und man kann sich fragen, wie man sie zu Reife und
Entwicklung veranlassen kann.
Welche Schindluderei mit dem Schizophreniebegriff getrieben
werden kann, erkennt man nach Szasz bei gewissen Zwangseinweisungen im Westen
und bei der Praxis der Psychiater im Osten, speziell in der Sowjetunion. Dort
ist es seit langem üblich, Dissidenten und andere Oppositionelle als
schizophren zu diagnostizieren. Der kommunistische Superstaat glaubt sich im
Besitz der absoluten Wahrheit, und von daher leitet er die Berechtigung ab,
Andersdenkende als Wahnkranke zu behandeln. Dieser grausige Mißbrauch ist erst
kürzlich so recht publik geworden; aber Kenner der Verhältnisse in der UdSSR
wissen seit langem davon. Dahin führt also das zügellose Anwachsen der Macht
des psychiatrischen Berufsstandes in den angeblichen Kulturländern. Szasz will
dem steuern [gemeint: gegensteuern?],
indem er die heute übliche Psychiatrie abschafft oder grundlegend reformiert.
Er meint, daß damit die „psychiatrische Sklaverei” hundert Jahre nach der
Beseitigung der Sklaverei der Neger beseitigt werden soll; und so wie letztere
einen großartigen Kulturfortschritt bedeutete, wird auch die Aufhebung der
institutionellen Psychiatrie ein Pluspunkt der werdenden Menschheitskultur
sein. Szasz schreibt (S. 144):
Und wenn es keine Psychiatrie gibt, kann es auch
keine Schizophrenen geben. Mit anderen Worten, ob ein Mensch schizophren ist,
hängt von der Existenz eines gesellschaftlichen Systems der (institutionalen)
Psychiatrie ab. Wird die Psychiatrie abgeschafft, verschwinden somit die Schizophrenen.
Das bedeutet nicht, daß bestimmte Personen, die vorher Schizophrene waren oder
die gerne schizophren sein möchten, ebenfalls verschwinden; zweifellos bleiben
Menschen zurück, die untauglich oder egozentrisch sind oder ihre „wirklichen” Rollen
ablehnen oder ihre Mitmenschen auf andere Weise stören. Aber wenn es keine
Psychiatrie gibt, kann keiner von ihnen schizophren sein.
Da alle somatischen Ursachenforschungen im Bereich der
Psychiatrie bezüglich des „schizophrenen Krankheitsbildes” bisher gescheitert
sind, kann sich Szasz durchaus auf den Standpunkt stellen, daß der „Schizophrene”
nur ein Mensch mit erhöhten Lebensschwierigkeiten ist, der im Rahmen der ihn
umgebenden Kultur und Gesellschaft oft störend wirkt. Solche Menschen soll man
– sofern nicht akute Gefahr für ihr Leben und das Leben anderer besteht – nicht
in psychiatrischen Anstalten festhalten und ihnen auch keine „Behandlung” zuteil
werden lassen, die mehr schädigt als nützt. Der Psychiater der Zukunft wird
nach Szasz den Ärztemantel ausziehen. Er wird keine Elektroschocks
verabreichen, keine Insulinkuren durchführen und auch keine „chemische
Zwangsjacke” anwenden, die den Patienten sowohl beruhigt als auch lähmt. Er
wird eher ein Sozialwissenschaftler, ein Lehrer, ein Helfer und ein
Gesprächspartner sein. Was er jenen Menschen, die ihn freiwillig aufsuchen und
sich freiwillig von ihm fördern lassen wollen, anbieten kann, ist die Klärung
ihrer Lebensverhältnisse, die Diskussion ihrer Lebensziele und die Frage nach
ethischen Werten, deren Anstreben die Existenz stabilisiert, erweitert und
bereichert.
Wenn sich der Psychiater oder Seelenkundige in solcher Weise
definiert, verschwindet die Autoritätsdistanz, die bisher die Beziehung von „Seelenarzt”
und „Patient” korrumpiert hat. Die bei den Protagonisten des „heilenden
Gesprächs” finden sich zusammen auf der Ebene der Gleichwertigkeit und
Gleichberechtigung. Was sie miteinander zu verhandeln haben, ist keine
Naturwissenschaft der Psyche und schon gar nicht psychoanalytische
Ingenieurskunst, die einen kranken Libidoapparat wieder zum Funktionieren
bringt. Tatsächlich, Szasz visiert eine Revolution der Psychiatrie an, und man
kann begreifen, daß das psychiatrische Establishment ihm dafür nicht dankbar
war.
Der Mythos der Psychotherapie
Wie schon am Ende des letzten Abschnittes angedeutet,
muß nach Szasz der Begriff der „seelenärztlichen Behandlung” entscheidend
revidiert werden. Kann und soll man Seele und Geist überhaupt „behandeln”? Das
wäre nur berechtigterweise der Fall, wenn seelische Beeinflussung und geistige
Veränderung unter die Rubrik eines „medizinischen Vorgehens” eingereiht werden
dürfen. Genau das leugnet Szasz, und daher will er die Psychotherapie „entmythologisieren”.
Ärzte behandeln Körperkrankheiten, aber was sogenannte Psychotherapeuten
tun, hat eher Ähnlichkeit mit „Freundschaft, Ehe, religiöser Sitte, Werbung
oder Unterricht” (loc. cit. S. 25); jedenfalls ist es eine „verbale Tätigkeit”,
und diese ist himmelweit verschieden von jedem somatischen Eingriff. Dabei
sollen Werte, Überzeugungen und Gewohnheiten eines Menschen gewandelt werden,
mit „Worten, nichts als Worten”. Das aber war ursprünglich ein Betätigungsfeld
der Philosophen und der Theologen, vielleicht auch der Politiker. Szasz wirft
daher die Frage auf, ob Psychotherapie nicht in die Sphäre von Rhetorik,
Philosophie, Religion oder gar Demagogik gehört.
Tatsächlich hat schon Sokrates sich als einen „Seelenheiler”
betrachtet. Er wollte die Menschen durch geschickte Befragung und Argumentation
zur Tugend hinführen. Tugend hieß aber für ihn Tüchtigkeit oder Tauglichkeit
der Seele. Plato läßt sogar Sokrates im „Charmides” die Worte sagen: „Die
Behandlung der Seele besteht in gewissen Zaubersprüchen. Diese Zaubersprüche
sind aber nichts anderes als vernunftgemäße Belehrungen.” [deutsche Übersetzung; man suche nach »Besprechungen«, Hinzufügung von mir] Man hört Szasz
regelrecht nach dem Zitieren dieses Ausspruches „Aha!” rufen. Plato hat wohl
für ihn die (guten) Psychoanalytiker charakterisiert.
Wenn aber Psychotherapie Rhetorik ist, dann kann sie nicht
auch Wissenschaft sein. Das war u. a. die These des Aristoteles, der zwischen
der politischen Rede, der Gerichtsrede und der Festrede unterschied und „überzeugende
Gespräche” bei den Fächern Logik und Dialektik subsumierte: Ratschläge geben,
Loben und Tadeln, angreifen und verteidigen sei nicht „wissenschaftlich”. Mit
Hilfe von Metaphern aller Art beeinflußt der Redner seine Zuhörer. Er wird aber
kaum exakt nachweisen können, daß seine Vergleiche und bildhaften Darstellungen
immer der Wahrheit entsprechen.
Günstigenfalls spricht der Psychotherapeut „heilende Worte” aus,
aber Sprechen hat immer einen predigenden und verkündenden Unterton, wenn man
auf Menschen einwirken will. Nach Szasz sollte man einmal den Gedanken erwägen,
ob nicht auch die Systeme der Tiefenpsychologie und Psychotherapie „weltliche
Predigten und Verkündigungen” sind, das heißt die Erfindung einer neuen
Suggestivsprache, die eine zügige Metaphorik eingeführt hat, durch die man fast
jeden Menschen als „krank” bezeichnen kann. Mit ihrem neuartigen Sprachschatz
machten die Schöpfer psychotherapeutischer Lehren sehr erfolgreich der Religion
Konkurrenz auf dem Feld der „cura animarum” , der Pflege der Seelen. Um das
aber leisten zu können, mußten sie „Ersatzreligionen” schaffen, und solche
bekleiden sich am besten im Geiste der Neuzeit mit dem hübschen Mantel der „Wissenschaft”.
Faktisch hat die moderne Psychotherapie die Beichte, den
Ablaßhandel, die Lossprechung von Sünden säkularisiert. Szasz, ein Nachfolger
Luthers, will daran erinnern, daß man Sünden nicht durch Beichten und Geld
bezahlen, sondern durch Selbstdisziplin, ehrliche Arbeit, gute Werke und Liebe „abtragen”
kann.
Geht man der Geschichte der Psychotherapie nach (man kann
sie in der Neuzeit bei Franz Anton Mesmer anfangen lassen), dann wird man
gewahr, daß sie immer schon „Scheinbehandlungen” anbot, die auf
Miteinandersprechen, Umstimmung des „Patienten” und Neuorientierung seines
Verhaltens hinzielte. Gewöhnlich war es der Patient selbst, der sich heilte,
weil er neue Wege vor sich sah, die ihn aus seiner Resignation und Verzweiflung
herausführten. Der Therapeut steuerte hierzu den schwer faßbaren Einfluß seiner
Persönlichkeit und eine „Metaphorik” bei, die die Zustände des „Kranken” irgendwie
sinnvoll einzuordnen versuchte. Die Beliebtheit aller psychotherapeutischen Verfahren
war nach Szasz schon aus diesem Grunde gesichert, weil die Psychiater nur sehr
schmerzhafte und gewaltsame Methoden anzubieten hatten; daher waren die
Patienten glücklich, wenn man sie nur mit Worten oder „Suggestionen” behandelte.
Auch Freud wurde, nachdem er mit Hypnose, Elektrotherapie
und anderem Unfug begonnen hatte, ein „Rhetoriker-Therapeut”. Er begriff, daß
er mit Gesprächen seinen Patienten helfen konnte. Aber es wäre blamabel in der
medizinischen Fachwelt gewesen, sich als „Gesprächstherapeut” einzuführen.
Daher gab – nach Szasz – der Begründer der Psychoanalyse seiner Lehre einen
wohlklingenden Namen, versah seine Behandlungen mit einem pittoresken Ritual
(Diwanmethode, freies Assoziieren usw.) und schuf auch einen theoretischen
Rahmen hierzu, der den Charakter einer Pseudonaturwissenschaft hatte. All dies
erleichterte den Siegeszug der „Freudschen Rhetorik” durch die gesamte
Kulturwelt. Nach Szasz hat Freud ein neues Religionssystem geschaffen, aus dem
folgerichtig auch gewisse Abspaltungen (Adler, Jung u. a. m.) hervorgingen. Der
Streit der verschiedenen Richtungen der Tiefenpsychologie ist ein „Glaubensstreit”.
Szasz kann manchmal sehr grob in seiner Argumentation sein.
So vergleicht er die Psychoanalyse mit einer Kartellgründung, die ein Monopol
auf seelenärztliche Behandlung anstrebte. In seinen eigenen Worten (S. 135):
In der kommerziellen Sprache kann daher die erste
Phase der Psychoanalyse, die Zeitspanne vor 1906, als die Periode der
Produktentwicklung bezeichnet werden. Man gewinnt den Eindruck, als hätte Freud
die Marketing-Konzeption für, sagen wir, Coca-Cola entwickelt und
herausgefunden, daß innerhalb eines kleinen Kreises beträchtliches Interesse an
und Nachfrage nach diesem Produkt bestand. Er entschloß sich alsbald zu seinem
nächsten Schritt, der darin bestand, sein Produkt einem größeren Kundenkreis zu
verkaufen, als er ihn mit jenen einfachen Werbemethoden erreichen konnte, die
er benützt hatte, solange er seine Beobachtungen und Ideen einfach nur
veröffentlichte. Im Jahre 1910 bildete Freud zwecks Förderung und Vertrieb von
Psychoanalyse eine Aktiengesellschaft: die Internationale Psychoanalytische
Vereinigung.
Jedermann wird zugeben, daß die „Firma Psychoanalyse” alle
anderen seelenärztlichen Firmen der Welt überrundete; erst in der jüngsten
Vergangenheit sind so viele Konkurrenzunternehmen gegründet worden, daß man um
das „alteingesessene Geschäft” bangen muß. Szasz erläutert den „Kampf bis aufs
Messer” zwischen der orthodoxen Lehre und ihren vielfachen Abwandlungen als den
Konflikt rivalisierender Monopolkartelle oder aber als das Zusammenprallen
verschiedener Konfessionen oder politischer Bekenntnisse. Freud, den man als
großen Wissenschaftler verehrt, kann man nach Szasz auch als einen „Machtpolitiker”
sehen, der mit seiner Psychoanalyse Macht über die Seelen aller Menschen
gewinnen wollte.
Schon andere Beobachter haben darauf hingewiesen, daß in der
psychoanalytischen Theorie ein ernüchternder, ja sogar entwertender Grundzug
enthalten ist. Für die Anhänger Freuds ist dies ein Positivum; da die
Menschheit jahrtausendelang moralisch auf Hochstapelei machte, mußten die
Psychoanalytiker eine Gegenbewegung initiieren, die hinter allerlei Prunk und
Praß „Menschliches, Allzumenschliches” entdeckte. Aber Szasz meint, daß Freud
und die Seinen diesbezüglich zuviel des Guten oder Bösen getan haben. Sie
unterstellten alles und jedes dem Pathologieverdacht. Auch erhabene Leistungen
der Kunst und Kultur wurden mit dem Pathologievokabular abgehandelt.
Schließlich war jeder Mensch „komplexbehaftet”, und wer nicht offen
pathologisch war, konnte es immerhin „latent” sein. Die Psychoanalyse erklärte,
mit Recht oder mit Unrecht, „daß die ganze Menschheit ihr Patient sei”.
Nach Szasz ähnelt der psychoanalytische Sprachschatz einem „Beschimpfungsvokabular”.
Aber die Menschen lassen sich gerne beschimpfen, wenn es nur „wissenschaftlich”
ist. Allerdings durchdrang diese Beschimpfungstendenz auch die Polemiken
zwischen den einzelnen Schulen der Tiefenpsychologie. Wer anders dachte, wurde
schnell „neurotischer Motive” verdächtigt; dieses Schicksal erlitten Alfred
Adler, C. G. Jung, S. Ferenczi, Otto Rank und viele andere. [Anmerkung von mir: Man beschäftige sich einmal näher mit dem Ausschluß Wilhelm Reichs aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 1934]
C. G. Jung, den Szasz einen „Pastor ohne Kanzel” nennt,
genießt etwas Sympathie bei unserem cholerischen Psychoanalysekritiker, weil er
offen den religiösen Charakter seiner Bestrebungen zugab und seine Lehre zu
einer Quasi-Religion entfaltete. Indes Szasz bei Freud alle Abschattungen
seines polemischen Talents zum Vorschein bringt, ist er bei Jung eigentümlich
friedfertig. Offenbar war er sich nicht genügend klar darüber, daß Jungs
Religiosität auch eine Inklination zu einem extremen Konservatismus und sogar
zum Faschismus mit sich brachte. Der berühmte Guru der bürgerlichen Welt war
charakterlich und weltanschaulich nicht gerade ein Nonplusultra, und sowohl
seine Theorie als auch seine Praxis bieten Angriffspunkte für vielfache Kritik.
Immerhin muß auch sein Befürworter Szasz schließlich
konstatieren (S. 195):
Jung weist also einige Fehler auf, die denen Freuds
gleichen. Der Leidende, der zum Psychotherapeuten kommt, bringt die moralischen
Probleme seines Lebens mit, der Psychotherapeut ist ein weltlicher Pastor, der
mit Seelenheilung beschäftigt ist. Dennoch greift auch Jung, wenn es schwierig
zu werden beginnt, darauf zurück, den psychischen Patienten als medizinisch
krank zu betrachten und den Arzt-Psychotherapeuten als medizinischen Heiler.
Und wie Freud erliegt auch Jung der Versuchung, das Gespräch zu
konzessionieren, auch er wird zum Gründer einer eigenen Schule der Psychologie
und Psychotherapie – und gerät, in gewisser Weise noch krasser als Freud, in
Widerspruch zu seinen bedeutenden Einsichten in das Wesen des menschlichen
Unglücks und zu unseren Möglichkeiten, damit fertig zu werden.
Indem Szasz vor einer Inflation des Psychotherapiebegriffs
warnt und die heute überall ins Kraut schießenden Pseudotherapien bloßstellt,
leistet er gewiß nützliche Arbeit, wenngleich man seinen manchmal zügellos
wirkenden Attacken auch mit einiger Skepsis begegnen muß. Er hat offenbar nichts
gegen Psychotherapie einzuwenden, wenn diese sich als nichtmedizinisch
definiert und sich als Verständigung über die Lösung von Lebensschwierigkeiten
begreift. Daher heißt es, nochmals die Gedanken rekapitulierend, auf den
letzten Seiten unseres Textes (S. 210):
In der Psychotherapie ist die Situation vollkommen
anders als in der normalen medizinischen Therapie. Psychotherapie ist, wie ich
gezeigt habe, Religion oder Rhetorik (oder Repression, eine Möglichkeit, die
ich hier nicht weiter ausführen werde). Das Resultat der Psychotherapie kann
also nur so aussehen, daß der Betroffene bekehrt oder überredet wird, anders zu
fühlen, zu denken oder zu handeln, als es bisher seine Gewohnheit war. Der „Patient”
verändert manche seiner Verhaltensweisen; oder er bleibt der gleiche. Der
Psychotherapeut tut nichts anderes als reden. Wenn es beim „Patienten” irgendwelche
Veränderungen gibt, werden sie letztlich vom „Patienten” selbst herbeigeführt.
Demnach ist es falsch zu behaupten, daß der Psychotherapeut behandelt oder ein
Therapeut ist. Genauer wäre es zu sagen, daß der „Patient” in der
Psychotherapie behandelt oder ein Therapeut ist; denn er behandelt sich selbst.
Aber auch das wäre ein metaphorischer Gebrauch des Begriffs Behandlung,
insofern nämlich, als eine solche Person sich selbst nur in dem Sinne
behandelt, in dem jede Person, die sich sportlichen, erzieherischen oder
religiösen Einflüssen beziehungsweise Anweisungen unterwirft oder aktiv damit
kooperiert, sich selbst behandelt.
Weitere Schriften von Thomas Szasz
Wir haben nun die wichtigsten Gedankengänge von Szasz
referiert, aber dieser fruchtbare Autor hat viel mehr Bücher geschrieben, als
wir auf knappem Raum auswerten können. Es sei daher in stenographischer
Verkürzung auf das weitere Schrifttum von Szasz Bezug genommen. In deutsch
wurde u. a. noch publiziert: Die
Fabrikation des Wahnsinns (1974); Psychiatrie
– Die verschleierte Macht (1978); Das
Ritual der Drogen (1978); Recht,
Freiheit und Psychiatrie (1978); Theologie
der Medizin (1980).
Die Fabrikation des
Wahnsinns sucht die Quellen der heutigen institutionalen Psychiatrie
mitsamt ihren Zwangseinweisungen, Krankheitsbegriffen und „Behandlungstechniken”
dort, wo sie eigentlich niemand suchen würde: In den Zeiten des Hexenwahns, der
Hexenverfolger und des berühmt-berüchtigten Malleus maleficarum (Der Hexenhammer, 1486). In jener Epoche wurde Europa vom „Hexenfieber”
ergriffen. Aus noch nicht restlos aufgeklärten Ursachen heraus fingen die
kirchlichen Behörden an, unschuldige Frauen als Hexen anzuklagen. Die armen
Weiblein wurden per Folter dazu gezwungen, zuzugeben, daß sie mit dem Teufel
einen Pakt geschlossen hatten, mit ihm Geschlechtsverkehr ausübten und harmlose
Christenmenschen durch Zauberei geschädigt hatten. Fast ausnahmslos waren die
Hexen „geständig”; sie wurden meistens auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ihr
Hab und Gut verteilten unter sich die Anzeiger, die Richter und die Kirche. Die
Inquisition gab dem ganzen Verfahren einen scheinbar rechtlichen Rahmen. Nach
vorsichtigen Schätzungen sollen im Zeitraum zwischen 1486 und 1786 ca. eine
Million Frauen durch diese Massenpsychose um ihr Leben gekommen sein.
Manche Psychiatriehistoriker (so etwa Gregory Zilboorg in The Medical Man and the Witch during the
Renaissance) vertreten den Standpunkt, daß die Hexen „Hysterika” gewesen
seien. Der Hexenhammer jedoch könne, wenn man den theologischen Jargon seines
Inhalts abstreift, als eine Art „Lehrbuch der Psychiatrie” betrachtet werden.
Szasz ist hierin gänzlich anderer Meinung. Er bestreitet auch, daß
hauptsächlich materielle Habgier Wesen und Inhalt der Hexenprozesse ausgemacht
habe. Gewiß haben da und dort geldgierige Menschen durch Hexenvernichtung
einiges Gut zusammenraffen können. Aber der Hexenwahn hat eine noch tiefere
Bedeutung.
Nach Szasz waren die Hexen – meistens alte, armselige und
schutzlose Weiber – die Sündenböcke für das ausgehende Mittelalter und die
anbrechende Neuzeit. Die institutionalisierte Religion und der Staatsapparat
konnten solche Opfer recht gut brauchen. Man klagte die Frauen an und stellte
sie vor Gericht; sie erlitten die Folter und anschließend den Flammentod. Das
war einerseits ein Schauspiel für die Menge, andererseits aber auch eine
Glorifikation für die Staatsgewalt und die kirchliche Obrigkeit. Um diese
beiden Machtblöcke zu verstärken und ihre Herrschaft über die Menschen
auszuweiten, mußten hunderttausende Frauen ihr Leben lassen.
Szasz unternimmt seine historische Untersuchung nicht zum
Selbstzweck. Die Hexen dienen ihm als Analogie zum Psychiatriepatienten der
Gegenwart. Auch hier werden, wie Szasz sagt, harmlose Menschen mit dem Stigma
der „Abnormität” versehen. Man hält sie in Anstalten fest und unterwirft sie
destruktiven Behandlungsweisen. Und all dies geschieht „zur höheren Ehre” der
Medizin und Psychiatrie, die in der Gegenwart ebenso abergläubisch verehrt
werden wie Staat und Kirche im Mittelalter. Kein Zweifel: Eine schockierende
Parallele!
Wenn es aber keine „Wahnsinnigen”, keine „Neurotiker” und
keine „Hexen” gibt, dann sollen wir nach Szasz auch unsere Einstellung zum
Drogenproblem überdenken. Eine Anleitung hierzu will „Das Ritual der Drogen” geben.
Szasz ist sich wohl bewußt, daß die Drogensucht in ihren vielerlei Gestalten
einer der größten und schwerstlösbaren Fragenkomplexe für die Psychohygiene der
Gegenwart darstellt. Er meint aber, daß man die Sache am falschen Ende
anzupacken pflegt.
Als die weltweite „Suchtwelle” in den letzten zwanzig Jahren
alle Kulturländer der Erde überspülte, griff man nach alter Gewohnheit zu
Verfolgungen, Verboten und Unterdrückungsmaßnahmen. Der Polizeiapparat wurde
verstärkt, die Drogenhändler wurden verfolgt, die Gerichte hatten alle Hände
voll zu tun. Dieser Zustand dauert bis heute an, aber das ganze
Repressionssystem hat eigentlich wenig Erfolg gezeitigt. Die Drogen werden
weiterhin in alle Zonen des Globus geschmuggelt. Die „Suchtkranken” , die man „behandelt”,
werden meistens rückfällig. Kein Ende der „Drogengefahr” ist abzusehen.
Szasz, der Vorkämpfer für Liberalität an allen Fronten,
plädiert dafür, die Drogen freizugeben. Man soll sie in hygienischer Form
billig kaufen können. Das würde die Beschaffungsprostitution und ‑kriminalität
eindämmen oder abschaffen. Jeder Mensch soll selbst entscheiden können, ob und
wie er sein Leben erhalten oder ruinieren will.
Tatsächlich sind Tabak und Alkohol ebenfalls „gefährliche
Drogen”, aber hier intervenieren Staat und Gesellschaft kaum, weil diese „Gifte”
bereits anerkannt sind und starke Lobbies besitzen, die sich einem Verbot
entgegenstellen können. Das mutet Szasz so an, als ob man die Jagd auf „die
anderen Drogen” eröffnet hätte, um den Markt für Tabak und Alkohol zu sichern.
Das tönt sehr überspitzt, aber immerhin liegt Logik in dem Argument, daß man
niemanden vor der Selbstzerstörung bewahren kann, wenn man (hauptsächlich)
Zwangsmittel anwendet. Es läge wohl durchaus im Konzept von Szasz, daß man die
Summen, die man beim legalen Verkauf von Suchtmitteln gewinnt, für eine kluge
und überzeugende Propaganda gegen den Drogenmißbrauch verwenden könnte. Dies
erst wäre „Demokratie” und „Selbstbestimmung des Bürgers” auch angesichts des
Drogenproblems, das uns wiederum vor die Alternative von „Autorität contra
Autonomie” stellt. Nach Szasz ist es eine Ursünde des modernen Menschentums,
das es innerhalb dieser Alternative allzuleicht zum Autoritarismus hin
inkliniert.
Autoritarismus – neben falschem Wissenschaftsverständnis – ist
auch die Quelle des Allmachtsgebarens der modernen Psychiatrie und Medizin.
Diese These erörtert Szasz in den drei Büchern Psychiatrie – Die verschleierte Macht, Theologie der Medizin und Recht, Freiheit und Psychiatrie. Sie sind so nachhaltig und
freiheitsliebend orientiert, daß man begreifen kann, warum dieser Autor 1973
von der Humanistischen Vereinigung Amerikas zum „Humanisten des Jahres” gewählt
wurde.
Auch andere Institutionen, denen die Freiheit des
Individuums am Herzen liegt, haben Szasz unterstützt und geehrt.
In Psychiatrie – Die
verschleierte Macht (eine Aufsatzsammlung über alle Themen, die unseren
Autor zu beschäftigen pflegen) gibt es einen Abschnitt, der die humanistische
Haltung unseres psychiatrischen Don Quixote, der keine institutionelle
Windmühle unattackiert läßt, vortrefflich illustriert. Es ist das Kapitel „Psychiatrisches
Klassifizieren als eine Strategie der Persönlichkeitsknebelung” (S. 148-182).
Im Alten Testament fordert Jehowah von den Menschen: „Du
sollst dir kein Bildnis von mir machen!” Der Sinn dieses Gebotes besteht wohl
darin, daß derjenige, der sich ein Bild oder einen festen Begriff von etwas
(oder jemand) macht, bald darauf auch seine Herrschaftsambitionen an ihm
auslassen kann. Nun ist es nach Szasz – und damit rekapituliert er seine
Psychiatrie- und Psychoanalysekritik – der Fehler aller „Psychopathologen”, daß
sie die „Patienten” klassifizieren, rubrizieren und (falsch) benennen. Dieser
Bilder- und Begriffskult ist asozial, ungerecht und antihuman. Er wird vor
allem gegen hilflose Menschen angewandt; daher heißt es in diesem Buch (S. 176):
Das Klassifizieren eines Menschen nach seinem
Verhalten ist meines Erachtens gewöhnlich ein Mittel zu dem Zweck, ihm
Beschränkungen aufzuerlegen. Das gilt besonders für das psychiatrische
Klassifizierungswesen, dessen traditionelles Ziel es immer war, die sozialen
Kontrollen, denen sogenannte geisteskranke Patienten unterworfen wurden, zu
rechtfertigen. Aber derart kujonieren kann man einen anderen Menschen nur unter
der Voraussetzung, daß man auch die Macht dazu hat. Wenn meine Ausführungen
über das psychiatrische Klassifizieren der Wahrheit entsprechen, müßte sich
herausstellen, daß solche Einstufungen viel öfter mit Armen und Hilflosen als
mit Reichen und Mächtigen vorgenommen werden. Und genau das stellt sich auch
heraus.
Unsere Gesellschaft
kennt zwei Formen von Zugehörigkeit, die Menschen gegen ihren Willen
aufgedrängt werden können – Kriminalität und Geisteskrankheit. Diese Klassen
unterscheiden sich von denjenigen, deren Mitgliedschaft man erwerben oder
ablehnen kann. Es trifft auch zu, daß Kriminalität und Geisteskrankheit in den
unteren sozialen Schichten am weitesten verbreitet und in. den höheren Klassen
am seltensten sind. Es gibt da einen zynischen Spruch: Wer fünf Dollar stiehlt,
ist ein Dieb, wer fünf Millionen stiehlt, ist ein Finanzmann. Der Grund dafür
liegt auf der Hand. Der kleine Taschendieb ist leichter zu knebeln als der
einflußreiche Kapitalist. Nicht anders steht es mit den menschlichen
Ereignissen, die wir Geisteskrankheit nennen. Das Problem, das eine reiche Frau
nach Reno treibt, wird eine arme Frau wahrscheinlich ins staatliche Krankenhaus
treiben. Wenn sich ein Fleischer, Bäcker oder Kerzenhaltermacher von den
Kommunisten verfolgt wähnt, kann man ihn mühelos in die Nervenklinik stecken,
aber wer würde zum Beispiel einen von den gleichen Wahnvorstellungen geplagten
Verteidigungsminister einsperren?
Klassifizieren, Rubrizieren, Bilder und Modelle machen sind
durchaus gerechtfertigt in den Naturwissenschaften, die – wie man spätestens
seit Max Scheler weiß – schon wesensmäßig „Herrschaftswissenschaften” sind.
Naturerkenntnis oder Begreifen der Dinge ist eine Vorstufe zu ihrer
Beherrschung und Manipulation durch die Technik; denn Technik ist, wie man zu
definieren pflegt, u. a. „angewandte Naturwissenschaft”. Aber im Bereich der
Human- und Sozialwissenschaften, zu dem nach Szasz das Studium des Menschen und
seiner tausendfältigen Verhaltensabweichungen gehört, ist Herrschaft fehl am
Platze. Solche Wissenschaften haben die sittliche Würde des Menschen zu wahren.
Denn man hat es hier mit „Personen” zu tun, die nach Immanuel Kant nicht mit „Sachen”
zu verwechseln sind. Es ist ein ontologischer Lapsus der neuzeitlichen
Wissenschaft, daß sie die Probleme von Personen und Persongemeinschaften mit
Sachkategorien abzuhandeln versucht: wir nennen das etwa Positivismus,
Behaviorismus, Materialismus usw. Demgegenüber führt Szasz abschließend mit
Recht folgende Grenzziehung ins Feld (S. 179):
Tatsächlich ist das Zentralproblem der
Naturwissenschaft in einer einschneidenden Hinsicht das genaue Gegenteil dessen
der Moralwissenschaft. Wohl suchen beide ihre Beobachtungsobjekte zu verstehen,
allein zu verschiedenen Zwecken. Die Naturwissenschaft will sie dadurch besser
kontrollieren können, während die Moralwissenschaft auf diese Weise ihre
Fähigkeit verbessern möchte, sie unangetastet zu lassen.
Wie gesagt – so
schwierig das Klassifizieren von Dingen sein mag, noch schwieriger ist es, sie
nicht zu klassifizieren, das heißt, das Urteil auszusetzen und den
Einstufungsakt aufzuschieben. Jetzt können wir ergänzend hinzufügen: So
schwierig das Beherrschen von Menschen auch sein mag, noch schwieriger ist es,
sie nicht zu beherrschen, nämlich ihre Selbständigkeit anzuerkennen und ihre
persönliche Freiheit zu achten.
Kritische Bewertung
Szasz' Lebenswerk ist überwiegend kritischer Natur. Einzig
in seinem Buch Geisteskrankheit – Ein moderner
Mythos hat er ein positives Anliegen in Angriff genommen, nämlich die
Formulierung einer Neurosenlehre auf sprach- und spieltheoretischer Basis.
Diese Neurosentheorie ist originell und unseres Erachtens auch fruchtbar. Sie
ließ sich, vermutlich mit kleinen Einschränkungen, auch auf die Psychosen
anwenden; denn die tiefenpsychologische Theorie und Praxis der Psychosenbehandlung
scheint doch darauf hinzuweisen, daß Störungen wie z. B. die Schizophrenie in
weiten Bereichen mit dem Instrumentarium des Neurosenverständnisses begriffen
werden können.
Der Rückgriff auf die Sprach- und Spieltheorie brachte es
mit sich, daß die „Spiele” der seelisch normalen und der (angeblich) abnormen
Menschen als weitgehend ähnlich definiert wurden. Das führte zu einer
Destruktion des psychoanalytischen und psychiatrischen „Krankheitsbegriffes” ,
die Szasz in allen seinen Werken mit bemerkenswerter Leidenschaft unternimmt.
Aber es ist fraglich, ob er hierbei in den Grenzen des Maßes und der Vernunft
bleibt. Gewiß ist es in der Psychopathologie sehr schwierig, die Idee des „Normalen”
zu bestimmen. Alfred Adler behalf sich hierbei mit dem Hinweis auf den
Aufgabencharakter des Menschenlebens. Er wies darauf hin, daß dem Menschen „von
Natur gleichsam” die Aufgaben der Arbeit, der Liebe (der Sexualität) und der
Gemeinschaft gestellt sind; weiter betonte er die Notwendigkeit, das Leben
stilvoll zu gestalten („Kunst als Lebensaufgabe”), die eigene Individualität zu
entfalten u. a. m. So gesehen, enthält jede Psychotherapie implizit einen „ethischen
Kern”.
Szasz, der Adler sehr zu schätzen weiß, geht im Akzeptieren
seelisch-geistiger Normvorstellungen nicht so weit wie dieser Vorläufer seiner
Anzweifelung der psychopathologischen „Krankheitslehre”. Um so radikaler
attackiert er die These, daß es im Seelenleben überhaupt „Krankheit” gibt.
Natürlich hören das „seelisch gestörte Menschen” nicht ungerne. Denn sie haben
meistens kein Abnormitätsbewußtsein; auch ist es eine der Definitionen von
Psychopathie, daß nicht etwa der Betroffene selbst, sondern seine Umgebung zu
leiden hat. Wir meinen, daß die Mitte zwischen dem psychiatrischen
Krankheitsverständnis und dem Szaszschen Normalitätsuniversalismus irgendwie
das Richtige treffen könnte. Es ist wahr, daß Psychiater und Psychoanalytiker
überall „Pathologie” zu sehen pflegten und auch heute noch sehen. Das ist
ebenso unvernünftig wie die Meinung, daß es überhaupt keine Anomalien im
Seelen- und Geistesleben gibt.
Eine der kulturellen Errungenschaften der Neuzeit besteht
darin, daß man etwa im Bereich krimineller Delikte danach fragt, ob der Täter „geistig
gesund oder abnorm” war (im Augenblick der Tat). Danach wird unter Umständen
das Strafmaß bemessen oder gar die Straffähigkeit verneint. Szasz in seinem
denkerischen Absolutismus will diese Fragestellung ebenso abschaffen wie die „Neurosen-
und Psychosenbehandlung” . Das ist ein Rückfall in reaktionäres Denken bei
einem fortschrittlichen Menschen, dem Freiheit und Verantwortung für alle
Bürger offensichtlich viel bedeuten. Szasz geht sogar so weit, zu behaupten,
auch offenbar gestörte oder desorientierte Menschen müßten die volle Wucht des
Gesetzes erleiden, wenn sie zum Rechtsbrecher werden. Er übersieht dabei, daß
die Biographie vieler Delinquenten lehrt, wie sehr zuerst die Gesellschaft an
ihnen schuldig wurde, bevor sie ihren Mitmenschen Leid zufügten.
Diese Einseitigkeiten und übersteigerten Radikalismen
mindern jedoch nicht unseren Respekt vor Szasz, der so manche „heilige Kuh” der
Psychiatrie und Psychoanalyse geschlachtet hat. Diese beiden Berufsstände sind
heutzutage schier allmächtig (vor allem der erstgenannte); es braucht einen
Löwenmut, um sie anzugreifen und in die Schranken zu weisen. Oppositionelle
Geister wie Szasz sind in einer Demokratie lebenswichtig; sie erfüllen eine
anregende, Erstarrung bekämpfende und Freiraum schaffende Funktion, die durch
nichts ersetzt werden kann. Da Menschen und Institutionen zum Konservatismus
neigen, braucht es immer wieder „revoltierende Geister”, damit wir das Reich
der Humanität nicht aus dem Auge verlieren.
Ausgewählte Literatur
Adler, A. (1933). Der Sinn des Lebens. Frankfurt:
Fischer 1973.
Bleuler, E. (1911). Dementia praecox oder die Gruppe
der Schizophrenien. Reprint München: K. Saur 1978.
Freud, S. (1895). Studien über Hysterie. GW I.
Laing, R. (1972). Das geteilte Selbst. Köln:
Kiepenheuer & Witsch.
Mead, G. H. (1934). Geist, Identität und Gesellschaft
aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Frankfurt: Suhrkamp 1968.
Piaget, J. (1946). Nachahmung, Spiel und Traum. Die Entwicklung
der Symbolfunktion beim Kinde. Stuttgart: Klett-Cotta 1969.
Szasz, T. (1961). Geisteskrankheit – Ein moderner
Mythos. Olten: Walter 1972. – (1963). Recht, Freiheit und Psychiatrie. Wien:
Europaverlag 1978.
- (1974). Die Fabrikation des Wahnsinns. Olten: Walter.
- (1978). Psychiatrie – Die verschleierte Macht.
Frankfurt: Fischer.
- (1978). Das Ritual der Drogen. Wien: Europaverlag.
- (1979). Schizophrenie – Das heilige Symbol der
Psychiatrie. Wien: Europaverlag.
- (1980). Theologie der Medizin. Wien: Europaverlag.
- (1982). Der Mythos der Psychotherapie. Wien:
Europaverlag.
aus Rattner, Klassiker der Psychoanalyse, Beltz, 2. Aufl., S. 800ff.
Thomas Szasz: Does mental illness exist? {22:21}
Veröffentlicht am 05.07.2012
A conversation with Thomas Szasz. Filmed at the Centre of Excellence in Interdisciplinary Mental Health where he discusses 'does mental illness exist?'
Thomas Szasz on Psychiatry and Religion {42:15}
Veröffentlicht am 24.04.2012
Thomas Szasz is a psychiatrist and author well known for his criticism of the modern psychiatry movement. He has consistently sought to apply classical liberal principles (such as bodily and mental self ownership) to social science and also explored the consequences of mandatory institutionalization of persons the state deemed to be insane. In his book, The Myth of Mental Illness (1960), Szasz claims that psychiatry ultimately robs people of the responsibility of being moral agents by obscuring the difference between socially unacceptable behavior and disease.
In this lecture, given at the National Libertarian Party's Nominating Convention in 1983, Szasz compares the influence of psychiatry on the public with the influence of religion on the public (usually with the backing of the respective king or government body) during the Middle Ages. Szasz points out that the state's tendency to use science as a justification for trampling the rights of individuals today is much like the state's tendency to use religious justifications to trample the rights of individuals in days past. Szasz once wrote in 1974: "Since theocracy is the rule of God or its priests, and democracy the rule of the people or of the majority, pharmacracy is therefore the rule of medicine or of doctors." Download the .mp3 version of this lecture here: http://bit.ly/HXbnP3
Perhaps most radically ... Thomas Szasz deemed mental illness a mythic and monstrous beast, and proclaimed that 'mntal illness' was a fiction. Insanity, he has continued ever since to claim, is not a real disease, whose nature has been progressively scientifically unveiled; Essence or Existence: The Problem of Psychiatry-Schizophrenia
mental illness is rather a myth, forged by psychiatrists for their own greater glory. Over the centuries, medical men and their supporters have been involved, argues Szasz, in a self-serving 'manufacture of madness.' In this, he indicts both the pretensions of organic psychiatry and the psychodynamic followers of Freud, whose notion of the 'unconscious' in effect breathed new life into the obsolete metaphysical Cartesian dualism. For Szasz, any expectation of finding the etiology of mental illness in body or mind -- bove all in some mental underworld -- must be a lost cause, a dead-end, a linguistic error, and even an exercise in bad faith. 'Mental illness' or the 'unconscious' are not realities but at best metaphors. In promoting such ideas, psychiatrists have either been involved in improper cognitive imperialism or have rather naively pictorialized the psyche -- reifying the fictive subtance behind the substantive. Properly speaking, contends Szasz, insanity is not a disease with origins to be excavated, but a behavior with meanings to be decoded.Social existence is a rule-governed game-playing ritual in which the mad person bends the rules and exploits the loopholes. Since the mad person is engaged in social performances that obey certain expectations so as to defy others, the pertinent questions are not about the origins, but about the conventions, of insanity. In this light, Szasz dismisses traditional approaches to the history of madness, as questions mal posés, and aims to reformulate them." --From: Porter, R., Introduction, in Porter, R. and Wright, D., eds.,The Confinement of the Insane: International Perspectives, 1800-1965 (Cambridge: Cambridge University Press, 2003); pp. 1-19; p. 2.
The Last Interview of Thomas Szasz (2013) - Trailer {2:48}
Andrew Lyman-Clarke Am 29.07.2013 veröffentlicht
The Last Interview of Thomas Szasz, a film by Philip Singer, Ph.D, is a documentary exploring the controversial beliefs of the legendary anti-psychiatry psychiatrist Dr. Thomas Szasz, M.D. For more information please see http://www.witnessfilms.com/documentary.
To inquire about purchasing the film you can contact us directly: andrew@witnessfilms.com
Film and trailer edited by Andrew Lyman-Clarke.