Sonntag, 8. März 2015

Das Fundament von Angstlosigkeit ist die Angst selbst.

Die Meditationsmeister im alten Indien beschrieben die Angst oft mit folgendem Bild: Wir befinden uns in einem nur schwach beleuchteter Raum, wo wir ein Seil auf dem Boden liegen sehen, das wir für eine Schlange halten. Genauso ist es oft mit unserer Angst. Sie beginnt mit einer falschen Wahrnehmung, und dann führt ein ängstlicher Gedanke zum nächsten. Die Praxis beginnt damit, klar zu sehen: Ein Seil ist ein Seil, und eine Schlange ist eine Schlange. Wenn wirklich ein Schlange im Raum ist, dann wäre Furcht eine durchaus angebrachte Reaktion. Aber vielfach geht es bei unseren Ängsten um Seile, die wir nie genau angesehen haben, und wir verbringen unser Leben damit, sie kontrollieren zu wollen, vor ihnen wegzurennen, sie zu verbergen, zu verdrängen, komplizierte begriffliche Erklärungen auszutüfteln.
Unsere gewöhnliche Reaktion auf Angst besteht darin, daß wir ein Schlachtfeld erzeugen. Unsere Angst steht auf Kriegsfuß mit unserer großen Sehnsucht, frei von ihr zu sein, und der Schauplatz der Schlacht sind Geist und Körper, wo dieser Prozeß stattfindet. Während der Schlacht verknoten wir uns und kehren unser Inneres nach außen. Das Ziel der Praxis liegt darin, diesen Prozeß offenzulegen und zu sehen, daß all seine Elemente ein Teil von uns sind: die Angst, der Wunsch davon frei zu sein, der Geist und der Körper, die Achtsamkeit, die alles beobachtet, das bewußte Atmen, das die Achtsamkeit unterstützt. Wir sitzen mit all dem, und all das ist eins.
Wenn Sie ein starkes Gefühl der Angst betrachten, kann es sein, daß Sie zuerst vor allem sehen, auf welchen Wegen Sie vor ihr flüchten. Auch das kann etwas sehr Wertvolles sein. Sie sehen, wie Sie verdrängen, unterdrücken, erklären, wegrennen, phantasieren. Sie betrachten diese Dinge vielleicht wieder und immer wieder, bis der Geist schließlich - weil Sie nicht länger darauf hereinfallen - müde wird. Dann eines Tages, und das können Sie nicht erzwingen, entsteht Angst und trifft auf Achtsamkeit, wird eins mit ihr und kann dadurch in ihrer vollen Gestalt erblühen, so wie sie es schon immer wollte.
„Die Welt besteht aus vielen blühenden Blumen in einem blühendem Universum“, pflegte ein Zen-Meister zu sagen. Das klingt zuckersüß und sentimental, aber so hat er es nicht gemeint. Er zählte auch Angst, Zorn, Einsamkeit, Haß und Neid zu den blühenden Blumen. Das ist das, was alle Erscheinungen wollen, sie wollen die Erlaubnis haben, zu erscheinen und zu ihrer eigenen Zeit wieder zu verschwinden.
Wenn wir dieses Erblühen verhindern, indem wir die Angst ignorieren oder unterdrücken, dann bleibt sie und drückt uns nieder, weil so viel Energie darauf verwendet werden muß, sie fernzuhalten. Wenn wir sie aber erblühen lassen, dann kann sie leben und wieder verschwinden. Dann behalten wir all die Energie, die wir sonst für die Flucht oder den Kampf mit ihr verbraucht hätten. Uns bleibt auch die Energie der Angst selbst erhalten. Wir gewinnen sehr viel Energie, wenn wir die Dinge einfach geschehen lassen.
Das Fundament von Angstlosigkeit ist die Angst selbst.
Um furchtlos werden zu können, müssen Sie mitten in Ihrer Angst stehen. Wir sollten keiner Angstlosigkeit trauen, die dies nicht als Grundlage hat. Der Anfang der Angstlosigkeit ist, daß Sie Ihre Angst sehen und sie sich eingestehen. Geben Sie zu, daß Sie Angst haben, und haben Sie dann den enormen Mut – und die Demut –, diese Angst zu erforschen. Das kann ein langer Prozeß sein.
In unserer Übung gehen wir – wie in unserem Leben – oft von der Meinung aus, Meditation sollte aus einer stets warmen, erfüllenden Erfahrung bestehen. Ständig sollten Verzückung und Glückseligkeit in uns herrschen und ein warmer Glanz auf unserem spirituell und erfüllt anmutenden Gesicht liegen. Es ist ganz natürlich, daß wir uns diese Dinge wünschen, aber sie werden leicht zu einer Falle. Dann stolziert man umher, zeigt eine Fassade und leugnet tatsächlich seine wahren Gefühle.
Wenn Sie todunglücklich sind und wirklich bei ihrem Unglücklichsein sind, dann entspricht das mehr dem, worum es hier geht, als wenn Sie vor Glück strahlen und innerlich taub sind. Ersteres ist die echtere Praxis. Achtsamkeit führt nicht dazu, daß Sie unablässig glücklich sind. Wenn Sie Angst oder blankes Entsetzen erleben – und niemand möchte diese Gefühle erfahren –, dann empfinden Sie eine bestimmte Art der Befriedigung, wenn Sie wirklich dabeibleiben. Es ist nicht gerade das Gefühl, daß Sie damit etwas erreichen. Sie leben einfach nur Ihr Leben, so wie es jetzt gerade ist.
Das ist mit „die geistigen Aktivitäten zur Ruhe kommen lassen“ gemeint. Ein Gefühl, und sei es ein so starkes wie Angst, entsteht, und Sie bleiben bei dem Gefühl, indem Sie das Atembewußtsein zu Hilfe nehmen – Sie bleiben dabei, Sie bleiben dabei. Sie lassen es einfach sein. Bewußtes Atmen und die Achtsamkeit nehmen dem Gefühl seine Macht, so daß es Ihren Geist nicht mehr dazu bringen kann, hysterisch zu reagieren. Unsere Gefühle verlieren das Potential, uns in diese unweisen Geisteszustände hineinzuschleudern.

Die definitive Aussage Buddhas über die Gefühle ist: „Der Erleuchtete hat Freiheit gefunden und wurde von allem Anhaften befreit, indem er betrachtete, wie die Gefühle sich wirklich verhalten, daß sie kommen und gehen. Er erfuhr den Genuß, den sie bereiten, die Gefahr, die von ihnen ausgeht, und die Erlösung von ihnen.“
[aus: Larry Rosenberg, Mit jedem Atemzug, Arbor Verlag, Freiamt 2007, 2. Aufl. S. 114f.]
Zitat:
»Der Punkt, wo sich gewöhnlich das Konzept von Erfolg und Mißerfolg und damit etwas Zwanghaftes in die Übung einschleicht, liegt in der Aufgabe, beim Atem zu bleiben. Aus dieser Aufforderung machen wir ein Drama von Erfolg und Mißerfolg: Wir sind erfolgreich, wenn wir beim Atem bleiben können, wir versagen, wenn wir nicht dabei bleiben können. In Wahrheit besteht die Meditation in dem gesamten Ablauf: mit dem Atem sein, abschweifen, sehen, daß wir abgeschweift sind, sanft zum Atem zurückkehren. Es ist außerordentlich wichtig, daß wir zurückkommen, ohne uns selbst Vorwürfe zu machen, uns zu verurteilen oder ein Gefühl des Versagens aufkommen zu lassen. Wenn Sie während einer Sitzperiode innerhalb von fünf Minuten tausendmal zum Atem zurückkehren müssen, dann tun Sie es einfach. Das ist kein Problem, es sei denn, Sie machen eines daraus.«

"Wenn Dein Herz wandert oder leidet, bring es behutsam an seinen Platz zurück und versetze es sanft in die Gegenwart Deines Herrn. Und selbst, wenn Du in Deinem Leben nichts getan hast außer Dein Herz zurückzubringen und wieder in die Gegenwart unseres Gottes zu versetzen, obwohl es jedes mal wieder fortlief, nachdem Du es zurückgeholt hattest, dann hast Du Dein Leben wohl erfüllt."  (Franz von Sales)

Sonntag, 1. März 2015

Projektive Identifizierung

Manchmal löst ein anderer immer wieder dasselbe Gefühl in uns aus: Wir fühlen uns im Kontakt mit ihm hilflos, wütend, ohnmächtig oder schuldig. Kleine Kinder können uns “wütend machen”, wenn sie selbst wütend sind. Patienten in der Psychoanalyse, denen noch die Worte für Erlebtes und innere Nöte fehlen, “machen”, dass der Therapeut sich plötzlich so (traurig, neidisch, verzweifelt, stark) fühlt, wie sich selbst unbewusst fühlen. Wenn der andere “macht”, dass ich mich so fühle, wie er, dann spricht man von “Projektiver Identifizierung”. Der andere “legt” dann sein Gefühl, seine Eigenschaft oder Phantasie “in mich hinein”. (Text: © Dunja Voos, Bild: © Water-Joy, Pixelio)
mehr:
- Projektive Identifizierung (Dunja Voos, Medizin im Text)

“Andere Personen werden durch Manipulation dazu gebracht, sich so zu fühlen, wie man sich selbst fühlt.” (“Psychosomatische Medizin und Psychotherapie”, Kohlhammer 2004)

Samstag, 28. Februar 2015

Hass: »Die Deutschen sind keine Menschen«

Eine der wichtigsten Erklärungen für die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen darf nicht – etwa aus Gründen der „political correctness“ – unterdrückt werden: Zu erinnern ist an die unheilvolle Rolle von Ilja Ehrenburg, dem damaligen Chefpropagandisten der Roten Armee.
Ilja Ehrenburg war, wie die englische Autorin Catherine Merridale in ihrem Buch „Iwans Krieg. Die Rote Armee 1939–1945“ schreibt, „der Organisator von Stalins Propagandakrieg“. Ehrenburg schrieb allein rund 1500 Artikel an die Adresse der russischen Soldaten, meist in der Soldatenzeitung „Roter Stern“. Der Einfluss von Ehrenburgs Appellen auf die Stimmung und das Gefühl der russischen Soldaten kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Eine Soldatin aus dem Hauptquartier der 1. Weißrussischen Front bekundete: „Wir standen unter dem starken Einfluss von Ehrenburgs Appellen, und wir hatten viele Gründe für Vergeltung“ (Antony Beevor).
Nun dient jede Kriegspropaganda dazu, die eigenen Soldaten zum Kämpfen zu motivieren, ja anzustacheln – auf deutscher Seite war der Demagoge Joseph Goebbels dafür ein schlimmes Beispiel. Ich erinnere mich noch, damals ein Kind, wie Goebbels im Radio schrie: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Die Besonderheit der ehrenburgschen Kriegspropaganda, also seiner – wie er in seinen Erinnerungen selber schreibt – „richtigen Worte an die sowjetischen Soldaten“, liegt jedoch darin, dass die von ihm verfassten Artikel und Flugblätter von einem selbst für Kriegszeiten ungewöhnlichen Hass geprägt waren, und zwar – das ist wichtig – nicht nur von einem Hass auf die Nationalsozialisten („Faschisten“) und auf die deutschen Soldaten, was verständlich gewesen wäre, sondern auf „die Deutschen“, also auf alle Deutschen. Ehrenburgs Hass ging so weit, dass er den Deutschen (also nicht nur den Faschisten und den deutschen Soldaten) das Menschsein absprach. In der Soldatenzeitung „Krasnaja Swesda“ („Roter Stern“) lasen die russischen Soldaten Ehrenburgs Hass-tiraden: „Die Deutschen sind keine Menschen. Von jetzt ab ist das Wort ,Deutscher‘ für uns der allerschlimmste Fluch. Von jetzt ab bringt das Wort ,Deutscher‘ ein Gewehr zur Entladung. Wir werden nicht sprechen. Wir werden uns nicht aufregen. Wir werden töten. Wenn du nicht im Lauf eines Tages wenigstens einen Deutschen getötet hast, so ist es für dich ein verlorener Tag gewesen … Wenn du einen Deutschen getötet hast, so töte einen zweiten – für uns gibt es nichts Lustigeres als deutsche Leichen. Zähle nicht die Tage. Zähle nicht die Kilometer. Zähle nur eines: die von dir getöteten Deutschen“ (Alfred M. de Zayas).

mehr:
- »Die Deutschen sind keine Menschen« (Ingo von Münch, Preußische Allgemeine Zeitung, 09.04.2013)

Über das Ausmaß der sexuellen Übergriffe durch Soldaten der Roten Armee während ihres Vormarsches auf deutschem Territorium lässt sich nur spekulieren, da keine auch nur annähernd gesicherten Befunde dazu vorliegen.[32] Der Statistiker Gerhard Reichling schätzte, dass bis zu zwei Millionen deutsche Frauen und Mädchen während des Vormarsches bis Berlin von Männern der Roten Armee vergewaltigt worden seien, davon 1,4 Mio in den Vertreibungsgebieten Ostpreußen, Ostpommern, Ostbrandenburg und Schlesien, 500.000 in der sowjetischen Besatzungszone und 100.000 Frauen in Berlin. Bei 12 Prozent der vergewaltigten Frauen habe die erlittene sexuelle Gewalt zum Tod geführt.[33] Historiker wie Norman M. Naimark gehen von Zehntausenden, wahrscheinlicher sogar Hunderttausenden und möglicherweise bis zu zwei Millionen Opfern aus.[34] Catherine Merridale schätzt „Zehn-, höchstwahrscheinlich sogar Hunderttausende deutscher Frauen und Mädchen“ als Opfer.[35]
 (Wikipedia, Sowjetische Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg, Zivile Opfer, Vergewaltigungen)

Freitag, 27. Februar 2015

Eine lebenslange Suche – Die Geschichte einer Unwillkommenen

Ihr Leben lang suchte Ursula von Arx die Liebe ihrer Mutter – und den Namen ihres Vaters. Die Geschichte einer Unwillkommenen.
mehr:
- Die Dame in Schwarz (Erwin Koch (Protokoll), Süddeutsche Zeitung Magazin, 45/2014)
ie anfangen?
Mit dem Mann, der mich zeugte, Myran Meyer, und nie erfuhr, dass ich bin?
Mit der Frau, die mich gebar, Marianne von Arx?
Oder, gleichsam zum Trost, mit einer Phrase? – Das Leben ist kein Wunsch-konzert.

Sie liebten sich, Myran und Marianne, er Lehrer, sie Schneiderin, Anfang 1945.
Ja, ich denke, sie liebten sich.
Denn als ich, zehn Jahre nach Vaters Tod, im August 2012, seinen besten Freund fragte, ob er, Myran, der nie geheiratet hatte, ihm je von einer großen Liebe erzählt habe, gestand der Freund, einmal nur habe mein Vater, längst greis, von einer Frau gesprochen, einer Schneiderin aus Zug, begehrt und verloren, schön wie keine.
Und sonst?
Nichts.
Ich hoffe, sie liebten sich, Myran Meyer und Marianne von Arx, als sie mich machten.
Hier mein Geburtsschein –
Am zweiten November tausend neun hundert fünfundvierzig um elf Uhr fünfzehn Minuten ist geboren worden zu Zürich, In der Hub 34: von Arx, Ursula Verena, Tochter der von Arx, Maria Anna, geboren 7. Oktober 1922, von Kerns, Kanton Obwalden, wohnhaft in Zürich. Auszug aus dem Geburtsregister des Zivilstandskreises Zürich. Aus Band VI, Seite 11, Nr. 6477 des Jahres 1945.




Mittwoch, 25. Februar 2015

Das posttraumatische Stress-Syndrom

Das posttraumatische Stress-Syndrom setzt den neuralen Sollwert für Alarm in gefährlicher Weise herab, so daß der Betroffene auf normale Lebensvorgänge in einer Weise reagiert, als wären es Notfälle. Daran, daß ein so übermächtiges Brandmal in der Erinnerung zurückbleibt, scheint die im zweiten Kapitel besprochene »Entgleisungs«-schaltung beteiligt zu sein. Je brutaler, schockierender und grauenvoller die Ereignisse, welche die Entgleisung des Mandelkerns auslösen, desto unauslöschlicher ist die Erinnerung. Die neurale Grundlage dieser Erinnerungen besteht anscheinend in einer umfassenden Veränderung in der Chemie des Gehirns, in Gang gesetzt durch einen einzigen Fall von überwältigendem Grauen. Zwar beruhen die PTSD-Befunde in der Regel auf der Wirkung eines einzigen Erlebnisses, doch können ähnliche Folgen auf Grausamkeiten zurückgehen, die über eine Spanne von mehreren Jahren erlitten wurden, wie im Falle von Kindern, die sexuell, physisch oder emotional mißhandelt werden.


Am eingehendsten erforscht man diese Gehirnveränderungen am National Center for Post-TraumaticStress Disorder, einem Netz von Forschungsstätten in den Krankenhäusern der Veterans Administration, wo es unter den Veteranen von Vietnam und anderen Kriegen viele gibt, die an PTSD leiden; unsere Erkenntnisse über PTSD beruhen überwiegend auf Studien an Veteranen. Sie lassen sich aber auch auf Kinder wie die von der Cleveland School übertragen, die schwere emotionale Traumata erlitten haben.

»Wer Opfer eines verheerenden Traumas geworden ist, ist biologisch nicht mehr derselbe wie vorher«, erklärte mir Dr. Dennis Charney. Charney, ein Yale-Psychiater, ist Direktor der klinischen Neurowissenschaft am National Center. »Ob es der endlose Schrecken des Gefechts war, ob Folterung oder wiederholte Mißhandlung in der Kindheit oder ein einmaliges Erlebnis wie etwa, daß man in einem Hurrikan gefangensaß oder bei einem Autounfall beinahe gestorben wäre, spielt keine Rolle. Jeder unkontrollierbare Stress kann dieselbe biologische Wirkung haben.«

Das entscheidende Wort ist »unkontrollierbar«. Wenn man in einer Katastrophensituation etwas tun, eine gewisse, noch so geringe Kontrolle ausüben kann, geht es einem emotional weit besser, als wenn man völlig hilflos ist. Es liegt an der Hilflosigkeit, wenn man sich von einem Ereignis subjektiv überwältigt fühlt. Dr. John Krystal, Direktor des Laboratoriums für klinische Psychopharmakologie am National Center, erklärte mir: »Angenommen, jemand wird mit einem Messer angegriffen, weiß sich aber zu verteidigen und tut etwas, während ein anderer in derselben Situation denkt: ›jetzt ist es aus mit mir‹. Der Hilflose ist hinterher anfälliger für PTSD. Man hat das Gefühl, daß das eigene Leben in Gefahr ist und man nichts tun kann, um ihr zu entrinnen – in diesem Moment setzt die Veränderung des Gehirns ein.«

Daß PTSD vor allem durch Hilflosigkeit ausgelöst wird, wurde in Laborversuchen mit Ratten gezeigt. Zwei Ratten sitzen in getrennten Käfigen und erhalten schwache, für Ratten aber sehr belastende Elektroschocks von gleicher Stärke. Nur in einem Käfig befindet sich ein Hebel; wird er von der Ratte gedrückt, hört der Schock für beide Ratten auf. Tage- und wochenlang erhalten beide genau die gleiche Menge an Schocks. Doch die Ratte, die sie ausschalten kann, kommt ohne bleibende Zeichen von Stress durch. Nur bei der hilflosen treten die stressbedingten Gehirnveränderungen auf. Für ein Kind, das auf einem Schulhof beschossen wird und ansehen muß, wie seine Kameraden bluten und sterben, oder für einen Lehrer, der das miterlebt und das Blutbad nicht stoppen kann, war diese Hilflosigkeit sicher mit Händen zu greifen.

aus Goleman, Emotionale Intelligenz, dtv, 1997, S. 256ff.
siehe auch:
-  Posttraumatische Belastungsstörungen: Mit komplexer komorbider Symptomatik (Sonnenmoser, Deutsches Ärzteblatt, PP3, Oktober 2004) 
- 35 Jahre Vietnam: Vom Umgang mit dem Trauma (Neumeister, Czermak, Springer-Medizin.at, 21.12.2009); daraus:
A. Neumeister, C. Czermak,  Vereinfachtes neurobiologisches Modell der Informationsverarbeitung bei der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). [Quelle: 35 Jahre Vietnam: Vom Umgang mit dem Trauma, Springer Medizin]
Die Information über ein traumatisches Ereignis gelangt, wie jede sensorische Information primär zum Thalamus. Von dort wird sie über eine direkte, schnelle Verbindung an limbische Strukturen, wie den Mandelkern weitergeleitet. Dies ermöglicht schnelle vegetative und hormonelle Reaktionen („Stressantwort“). Ein weiterer Verarbeitungsweg führt zum präfrontalen Kortex, wo eine differenziertere kognitive Verarbeitung möglich ist. Der präfrontale Kortex kann nun bei Bedarf die Aktivität des Mandelkerns und damit die Stressantwort hemmen, zum Beispiel wenn die Natur eines Ereignisses als ungefährlich eingestuft wird. Man nimmt an, dass im Rahmen der Symptomatik einer PTBS diese hemmende Funktion beeinträchtigt ist (gelber Blitz), sodass die Erfahrung Trauma-assoziierter Reize zu schnellen und überschießenden Stressreaktionen führen kann. Weiters kommt es zu einer Veränderung im physiologischen Zusammenwirken zwischen Mandelkern und Hippocampus (gelber Blitz) und damit zu Beeinträchtigungen in den Gedächtnisfunktionen.
Quelle: Research: Causes of ME / CFS / FIBROMYALGIA / MCS (The Gupta Programme)
- Epigenetik: Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Gene (Post, 28.02.2016)
- Simulierte Angstreaktion – Kontext wichtig (Post, 25.05.2001)
- Post Traumatic Stress Disorder: What Happens in the Brain? (Howard, Crandall, Washington Academy of Sciences, 2007, PDF)
-  Posttraumatic stress disorder: a theoretical model of the hyperarousal subtype (Weston, Frontiers in Psychiatry, 04.04.2014) 
- Impacts of child abuse on physiology of brain (Adults surviving child abuse, Datum und Verfasser unbekannt)
- PTSD, the Hippocampus, and the Amygdala – How Trauma Changes the Brain (Ruth Buczynski, National Institute for the Clinical Application of Behavioral Medicine, Datum unbekannt)
- 21.3.4 Das neurobiologische Paradigma (in: Boll-Blatt, Kohrs, Praxis der psychodynamischen Psychotherapie, Grundlagen – Modelle – Konzepte, Schattauer, 2014, S. 391 f., GoogleBooks)


übererregte Amygdala bei einem PTSD-Patienten im Kernspin
(Quelle: PTSD & Our Reptilian Brain: Reid Lyon’s Neurological Research,
Loana Hoylman, The VVA Veteran Online, September/October 2013)
Zitat aus dem Hoylman-Artikel:
The amygdala is a tiny part of the brain that registers and communicates fear, as well as reward and other basic survival needs. We have two amygdalae: left and right. They perform a primary role in processing memory and emotional reactions. Our senses of sight, hearing, taste, smell, and touch feed information into the amygdalae, as well as other structures.

The more emotionally arousing the experience, the more the amygdala is activated, and the more firmly the memory will be seated. Because sensory information is being fed into the amygdala and the rest of the limbic system, all kinds of information is being registered.

If you heard a certain sound right before you had a car wreck, the next time you hear that sound your brain will trigger a defensive response. This effect can be lessened over time by long-term potentiation, a complex system of fostering re-formation of signaling between neurons.

Then there is the hypothalamus, a structure deep in the brain that helps the body regulate basic functions essential for survival. It controls body temperature, hunger, and thirst. Amazingly, its neurochemistry plays important roles in parenting and attachment behaviors, sexual behavior and satisfaction, sleep, anger, and aggressive behavior. It regulates the functioning of the pulse, blood pressure, breathing, and arousal in response to emotional circumstances. It releases stress hormones—such as cortisol—to alert us to instant danger and the need for survival. The hypothalamus is always working to get you back to balance, returning your brain and the rest of your body to homeostasis; that is, it tries to regulate your internal systems to keep you stable and settled.
Amygdala [Quelle: Zâmbetul și Amygdala (nucleul amygdalian), 30.9.2014]

Amygdala - Emotionen und Experimente [11:58]

Veröffentlicht am 13.10.2013

Manfred Spitzer: Entscheidungen im Ausnahmezustand -- Was unser Gehirn kann und was nicht [50:19]

Veröffentlicht am 16.07.2014
Überlastung mit Informationen, Dauerstress, Multitasking? Dies sind nur drei Stichworte, die heute unseren ganz normalen Alltag beschreiben. Sind wir dem überhaupt gewachsen? Was kann unser Gehirn leisten und was kann es nicht leisten? Ausgehend von neuen
Erkenntnissen aus der Grundlagenforschung zu menschlicher Kommunikation, zu Stress und zur Informationsverarbeitung im Gehirn wird den praktischen Konsequenzen aus diesen Einsichten für die Alltagspraxis nachgegangen -- mit zum Teil sehr überraschenden Ergebnissen: Menschen sind einerseits weitaus
besser als ihr Ruf, können andererseits jedoch in mancherlei Hinsicht deutlich weniger als ökonomische Entscheidungsträger annehmen.

Planet Wissen - Wie Meditation das Gehirn umbaut [58:22]

Veröffentlicht am 16.02.2015
02.01.15

Oft sind unsere Gedanken nicht bei dem, was wir gerade tun - oder wir hängen in Gedankenspiralen fest, können nicht abschalten, selbst wenn wir wollen. Meditation hilft, gelassener zu werden, den Geist zu beruhigen und im Hier und Jetzt zu leben - sogar anhaltend! Denn regelmäßiges Meditieren verändert das Gehirn, hat die Psychologin und Hirnforscherin Dr. Britta Hölzel herausgefunden. So lassen sich Stress, Depressionen, Angststörungen und sogar Schmerzen besser bewältigen und Menschen werden empathischer. Dr. Britta Hölzel "Meditation hilft uns, ein glücklicheres und erfüllteres Leben zu führen", davon ist die Psychologin Dr. Britta Hölzel überzeugt. Auf einer Indienreise nach dem Abitur entdeckt sie Yoga und Meditation für sich; seitdem lässt das Thema sie nicht mehr los. Sie meditiert täglich und untersucht als Wissenschaftlerin, wie Meditation auf das menschliche Gehirn wirkt. Ihr Ziel: Meditation aus der Räucherstäbchen- und Esoterikecke holen und die positiven Effekte durch handfeste Beweise wissenschaftlich belegen. Britta Hölzel lebt in München und hat dort ein "Zentrum für Achtsamkeit" initiiert.

Link-Tipps

Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion MBSR ist ein wissenschaftlich erforschtes Programm zur Stressbewältigung, das in den 1970er Jahren von dem Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn entwickelt wurde. Die Abkürzung steht für Mindfulness-Based Stress Reduction, zu deutsch: Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion. Die Seite des MBSR-MBCT-Verbandes informiert über das Konzept und bietet die Möglichkeit, nach Kursen und qualifizierten Lehrenden zu suchen.  http://www.mbsr-verband.de
Achtsamkeit in der Schule Vera Kaltwasser ist Lehrerin an einem Gymnasium in Frankfurt und Trainerin für QiGong und Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR). Sie hat ein Konzept entwickelt, mit dem Achtsamkeitsübungen in den normalen Schulalltag integriert werden können. Infos dazu und weiterführende Links gibt es auf ihrer Homepage.  http://www.vera-kaltwasser.de
Achtsamkeit in München Das Zentrum für Achtsamkeit ist ein Netzwerk von anerkannten Achtsamkeits- Kursleitern und bietet in München und Umgebung Kurse zur Kultivierung von Achtsamkeit und Mitgefühl im Alltag an.  http://www.center-for-mindfulness.de

Literatur

Dr. Britta Hölzel
Die große Achtsamkeitsbox
5W-Verlag 2012
ASIN: 3942177153

Dr. Britta Hölzel
Achtsam schwanger, angstfrei entbinden
5W-Verlag, Oktober 2014

Vera Kaltwasser
Achtsamkeit in der Schule. Stille-Inseln im Unterricht: Entspannung und Konzentration
Beltz-Verlag 2013
ISBN: 978-3407626318

Dr. Ulrike Anderssen-Reuster
Achtsamkeit. Das Praxisbuch für mehr Gelassenheit
Trias-Verlag 2013
ISBN: 978-3-8304-6651-2


zuletzt aktualisiert am 01.06.2016

Samstag, 21. Februar 2015

Es ist die passive Gewalt, die Öl in das Feuer der körperlichen Gewalt gießt.

Vorwort zur amerikanischen Neuauflage
Als Farbiger in den 40er Jahren im Südafrika der Apartheid aufzuwachsen, war nicht gerade das, was man sich am meisten wünscht, denn es verging täglich kaum ein Augenblick, in dem man nicht an die eigene Hautfarbe erinnert wurde. Darüber hinaus ist es eine demütigende Erfahrung, wenn man im Alter von zehn Jahren erst von weißen Jugendlichen verprügelt wird, weil sie einen für zu schwarz halten, und dann von schwarzen Jugendlichen, weil sie einen für zu weiß halten: Das kann jeden in rachsüchtige Gewalttätigkeit treiben.
Diese Erlebnisse brachten mich so in Rage, daß meine Eltern beschlossen, mich nach Indien zu schicken und mich bei meinem Großvater, dem legendären Mahatma Gandhi zu lassen, damit ich von ihm lerne, wie ich mit dem Ärger, der Frustration, der Diskriminierung und der Demütigung umgehen kann, die gewalttätige Rassenvorurteile in einem Menschen heraufbeschwören können. Während dieser 18 Monate lernte ich mehr, als ich mir jemals hätte vorstellen können. Heute bedaure ich nur, daß ich erst 13 Jahre alt und ein mitelmäßiger Schüler in diesem Fach war. Wäre ich doch nur etwas älter, etwas klüger und etwas aufmerksamer gewesen, dann hätte ich so viel mehr lernen können. Aber man muß zufrieden sein mit dem, was man hat, und keinen Neid aufkommen lassen - eine grundlegende Lektion im gewaltlosen Leben. Wie kann ich das vergessen?
Unter vielen Dingen lernte ich von meinem Großvater, die Gewaltlosigkeit in ihre Tiefe und Breite zu verstehen und anzuerkennen, daß wir alle gewalttätig sind und dass es darum geht, unsere Einstellungen grundlegend zu ändern. Wir sehen unsere eigene Gewalttätigkeit oft nicht, weil wir sie ignorieren. Wir halten uns nicht für gewalttätig, weil wir uns unter Gewalt einen Kampf, einen Mord, eine Schlägerei und Kriege vorstellen - alles Dinge, die „normale“ Menschen „normalerweise“ nicht tun.
Mein Großvater ließ mich einen Stammbaum der Gewalttätigkeit zeichnen, der genauso wie ein Familien-Stammbaum aufgebaut war. Sein Argument dafür war, daß ich zu einer besseren Wertschätzung der Gewaltlosigkeit kommen könnte, wenn ich die Gewalt, die in der Welt existiert, wahrnehme und verstehe. Jeden Abend half er mir, die Geschehnisse des Tages zu analysieren - alles, was ich erlebt oder gelesen hatte, was ich gesehen oder anderen angetan hatte. Das wurde dann in den Baum eingetragen, entweder unter „körperlich" (wenn es sich um körperliche Gewalt handelte) oder unter „passiv" (wenn es eher eine emotionale Verletzung war).
Innerhalb weniger Monate war eine Wand in meinem Zimmer bedeckt mit Handlungen von „passiver“ Gewalt, die mein Großvater als heimtückischer erachtete als „körperliche“ Gewalt. Er erklärte dann, daß passive Gewalt letztendlich Ärger im Opfer erzeugt, das daraufhin gewalttätig reagiert, sei es als Individuum oder in einer Gruppe. Mit anderen Worten: Es ist die passive Gewalt, die Öl in das Feuer der körperlichen Gewalt gießt. Weil wir diesen Zusammenhang nicht verstehen oder ihn nicht anerkennen, tragen alle unsere Friedensbemühungen entweder keine Früchte, oder sie sind von kurzer Dauer. Wie können wir ein Feuer löschen, wenn wir nicht zuerst die Ölleitung kappen, die das Inferno entzündet?
Großvater betonte immer lautstark, wie wichtig es ist, gewaltfrei zu kommunizieren – das verwirklicht Marshall Rosenberg seit vielen Jahren auf bewundernswerte Weise in seinen Schriften und in seinen Seminaren. Mit großem Interesse habe ich Mr. Rosenbergs Buch Gewaltfreie Kommunikation – Eine Sprache des Lebens gelesen, und ich bin beeindruckt von der Tiefe seiner Arbeit und von der Einfachheit seiner Lösungswege.
Gewaltlosigkeit ist keine Strategie, die man heute anwendet und morgen wieder fallen läßt, und sie ist auch nichts, das einen klein oder schwach macht. In der Gewaltlosigkeit geht es darum, negative Einstellungen, die uns beherrschen, in positive Einstellungen umzuwandeln. Alles, was wir tun, geschieht aus selbstsüchtigen Motiven heraus, so sind wir konditioniert. „Was springt für mich dabei heraus?“ – das wird in einer überwältigend materialistisch orientierten Gesellschaft gefördert, die sich den verbissenen Individualismus auf die Fahnen geschrieben hat. Keine dieser negativen Vorstellungen ist für den Aufbau einer homogenen Familie, Gemeinde, Gesellschaft oder Nation nützlich.
Es kommt nicht darauf an, daß wir in Krisen zusammenstehen und unseren Patriotismus mit dem Hissen einer Flagge zum Ausdruck bringen; es reicht nicht, eine Supermacht zu werden, die sich ein Waffenarsenal anlegt, mit dem diese Erde vielfach zerstört werden kann; es ist nicht genug, uns den Rest der Welt durch unsere militärische Macht zu unterwerfen, denn Frieden kann nicht auf Angst aufgebaut werden.
Gewaltlosigkeit heißt, daß wir dem Positiven in uns Raum geben. Lassen wir uns lieber von Liebe, Respekt, Verständnis, Wertschätzung, Mitgefühl und Fürsorge für andere leiten als von den selbstbezogenen und selbstsüchtigen, neidischen, haßerfüllten, mit Vorurteilen beladenen, mißtrauischen und aggressiven Einstellungen, die unser Denken für gewöhnlich dominieren. Wir hören oft, daß Menschen sagen: „Diese Welt ist rücksichtslos, und wenn man überleben will, muß man eben auch rücksichtslos sein.“ Da bin ich ganz bescheiden anderer Meinung.
Die Welt ist das, was wir aus ihr gemacht haben. Wenn sie heutzutage rücksichtslos ist, dann liegt es daran, daß wir sie durch unsere Einstellungen rücksichtslos gemacht haben. Ändern wir uns selbst, dann können wir die Welt ändern. Und eine Veränderung unserer selbst beginnt mit einer Veränderung unserer Sprache und unserer Art, zu kommunizieren. Ich lege Ihnen sehr ans Herz, dieses Buch zu lesen und den Prozeß der Gewaltfreien Kommunikation, der darin dargestellt wird, anzuwenden. Das ist ein bedeutender erster Schritt zur Veränderung unserer Kommunikation und zur Schaffung einer einfühlsamen Welt.
Arun Gandhi Gründer und Präsident des M.K. Gandhi-Instituts für Gewaltlosigkeit im Vorwort zu Marshall B. Rosenberg, Gewaltfreie Kommunikation
(Hervorhebungen von mir)
siehe auch:

Montag, 16. Februar 2015

Marshall Rosenberg: Die Warum-Frage ist eine der gewalttätigsten Fragen

Marshall B. Rosenberg - How do you talk to yourself about making mistakes [19:40]

Veröffentlicht am 11.01.2013

siehe auch:
- Eine Hommage an Marshall B. Rosenberg (Post, 15.02.2015)