Montag, 4. Februar 2013

Meditation 2005

Zu dem Post übers Meditieren von Ende Dezember des letzten Jahres ist mir zufällig ein Artikel aus der FAZ aus dem Jahr 2005 in die Hände gefallen. Viel passiert!?





Meditation
Wundersames Meditieren
Von Martina Lenzen-Schulte


06. Juni 2005 Wer zweimal zwanzig Minuten am Tag meditiert, scheint fein heraus zu sein. Er verringert sein Risiko, einem Herz-Kreislauf-Leiden zu erliegen, um 30 Prozent, an Krebs zu sterben, um 49 Prozent und die Sterberate überhaupt um 23 Prozent – gemessen an anderen Maßnahmen. Mit derart hoffnungsvollen Aussagen wartete unlängst eine Veröffentlichung aus den Vereinigten Staaten auf, die über einschlägige Presseagenturen Verbreitung fand. 



Die heilsame Wirkung wurde einer speziellen Entspannungstechnik nachgesagt, der Transzendentalen Meditation. Sie leitet sich von alten indischen Yoga-Traditionen ab und soll in einen Bewußtseinszustand versetzen, der den von Schlafen, Wachen und Träumen übersteigt und schlicht der „Vierte Zustand” oder der „Zustand des reinen Bewußtseins” genannt wird. Neben den vielfältigen beruhigenden Effekten wird dieser Meditation vor allem eine blutdrucksenkende Wirkung zugesprochen. Dies gilt in der jetzt vorgelegten Analyse als Haupterklärung für den spektakulären lebensverlängernden Einfluß.

Lebensverlängernde Wirkung nicht bewiesen

Wer im Verlauf einer herkömmlichen Blutdruckbehandlung mühevoll um eine Änderung krankmachender Lebensstile – zuwenig Bewegung und zuviel Gewicht – oder um eine optimale Einstellung der Medikamente ringt, dürfte neidvoll auf eine derart leicht erzielbare Erfolgsbilanz schauen. Daß die Arbeit in einer renommierten Fachzeitschrift veröffentlicht wurde, dem „American Journal of Cardiology” (Bd.95, S.1060), und prestigeträchtige Einrichtungen wie die Harvard Medical School beteiligt sind, weist auf Seriosität hin. Wer indes genauer nachfragt, wird immer skeptischer. Augenfällig ist schon beim ersten Lesen, daß die werbewirksam verbreitete Verringerung der Krebstodesrate von fast 50 Prozent einem statistischen Härtetest nicht standhält. Es könnte sich um einen Zufallsbefund handeln, was auch gar nicht abgestritten wird.

Schon die Frage, gegenüber welcher Vergleichsgruppe denn die besseren Überlebensraten erzielt wurden, führt in weitere methodische Untiefen. Zwei alte Studien – eine an 77 weißen Amerikanern aus einem Altersheim in der Gegend von Boston, eine zweite an 125 schwarzen Amerikanern aus Kalifornien – wurden hier miteinander verrechnet. Die Transzendentale Meditation wurde dabei jeweils unterschiedlichen Verfahren gegenübergestellt, etwa mentaler Relaxation, progressiver Muskelrelaxation, einer Unterweisung in gesundheitsförderndem Verhalten sowie herkömmlicher, zum Teil auch medikamentöser Behandlung. Unklar bleibt, über wie viele Jahre die Probanden die Meditation und die anderen Maßnahmen überhaupt durchhielten.

Verschweigen von Nebenwirkungen

Als Mißachtung üblicher Qualitätsstandards muß die Tatsache bewertet werden, daß bei einer der beiden Studien die Gruppe der meditierenden Patienten ein statistisch ins Gewicht fallendes niedrigeres Durchschnittsalter aufwies als die anderen Vergleichsgruppen, dies aber nicht erwähnt wird. Denn allein in dieser Unterstudie zeigten sich die Überlebensvorteile. Schon ein wissenschaftlicher Laie würde erwarten, daß in einer von vorneherein jüngeren Gruppe bis zum Endpunkt der Untersuchung mehr Probanden überleben als von den älteren, zum Vergleich herangezogenen Kontrollpersonen. In der zweiten der beiden vermischten Studien hat die Transzendentale Meditation sogar einen deutlich lebensverkürzenden Effekt, wenn man sie mit einer herkömmlichen Behandlung vergleicht.

Das sind nur einige der allfälligen Ungereimtheiten, die dazu führen, daß die Veröffentlichung in eine Reihe mit anderen Untersuchungen zur Transzendentalen Meditation gestellt werden muß: der postulierte Vorteil ist keinesfalls bewiesen. Peter Canter und Edzard Ernst, die an der Universität von Exeter in England alternative Heilverfahren auf ihren Nutzen überprüfen, haben das in einer umfangreichen Analyse aller verfügbaren Studien zur Transzendentalen Meditation Ende des vergangenen Jahres im „Journal of Hypertension” (Bd.22, S.2049) unmißverständlich zum Ausdruck gebracht. Sie verwiesen außerdem darauf, daß in den Arbeiten jegliche Hinweise auf ungünstige Nebenwirkungen der Meditation fehlen. Man weiß indes, daß schon bestehende psychische Labilitäten durch meditative Techniken verschlimmert werden können, etwa Depressionen, Ängste oder suizidale Gedanken.

Schulmedizinisch nicht vertretbar

Die Forscher aus Exeter rügten vor allen Dingen, daß die Studien von Personen vorgenommen worden waren, an deren Unabhängigkeit und Unvoreingenommenheit man zweifeln müsse. Ihre Mitgliedschaft und Nähe zu den kommerziellen Zentren Transzendentaler Meditation, in denen das Verfahren gegen Entgelt gelehrt wird, lege das jedenfalls nahe. Das brachte ihnen wiederum von den Verteidigern der Meditationstechniken den Vorwurf ein, das Institut in Exeter sei eine indirekt von der Pharmaindustrie bezahlte Einrichtung.

Die stichhaltige Widerlegung der methodischen Mängel dieser Studien steht allerdings immer noch aus. Wenn mithin eindeutige Beweise für die blutdrucksenkende Wirkung der Meditation fehlen, so sollte man bei der werbewirksamen Wiedergabe solcher Meldungen an die gefährliche Suggestivwirkung denken, die von den Berichten ausgeht. Allzu leicht könnten sich Patienten mit Bluthochdruck von der zweifellos attraktiven Vorstellung verführen lassen, die psychische Entspannung im Fernsehsessel würde ihr Leben ebenso verlängern wie die körperliche Anspannung durch Sport und Bewegung.

Der Wunsch von Vertretern alternativer Heilverfahren, ihren vermeintlichen oder tatsächlichen Erfolgen über eine Veröffentlichung in renommierten medizinischen Zeitschriften die gebührende Reputation zu verschaffen, ist verständlich und unübersehbar. Man wirbt einerseits damit, eine unkonventionelle, natürliche Alternative zur Schulmedizin zu sein, will anderseits aber auf deren allseits geschätztes Gütesiegel wissenschaftlicher Evidenz nicht verzichten. Daß der Passierschein in ein Qualitätsblatt offenbar so leicht zu bekommen ist, ist das eigentlich Beunruhigende. Bislang ist die Annahme, daß in den besten medizinischen Fachzeitschriften nur einwandfreie Nachrichten zu finden seien, noch ein erlernter Reflex. Er funktioniert bald nicht mehr, wenn die Versuchsgruppe – die Leserschaft – nicht weiterhin mit den richtigen Reizen stimuliert wird.

Text: F.A.Z., 07.06.2005, Nr. 129 / Seite 40
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

Dienstag, 29. Januar 2013

Kann Meditation gefährlich sein?



Dämonen aus der Stille

Meditation kann die Gesundheit fördern. Doch über mögliche Risiken und Nebenwirkungen ist bislang wenig bekannt.

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Von Andrea Teupke

E
ine Freundin hatte ihr den Kurs empfohlen: »Christliche Kontemplation«, zehn Tage lang meditieren und schweigen. Die Wirkung des Sitzens in der Stille war »unglaublich intensv« erinnert sich Karen Förster (Name von der Redaktion geändert): Schon nach wenigen Tagen des Übens empfand sie tiefe Glücksgefühle, nahm wahr, wie Lebensenergie sie durchströmte, fühlte sich gehalten und geborgen. Diese Energie trug sie auch nach dem Kurs durch den Alltag: »Ein halbes Jahr lang war ich total glücklich«, sagt die Fünfzigjährige, »ich hatte das Gefühl, etwas gefunden zu haben, das mir vorher verschlossen war.«
Doch die Reise in die Stille endete nicht im Paradies. Beim Sitzen auf dem Meditationskissen begegneten ihr auch düstere und furchteinflößende Visionen. Zunehmend wurde sie überschwemmt von gewalttätigen Bildern, die sich immer schwerer abschütteln ließen. Nach einem halben Jahr, in dem Karen Förster regelmäßig übte, blieben die Glücksgefühle ganz aus. Stattdessen spürte sie eine starke innere Unruhe, auch im Alltag überfielen sie unrealistische Ängste. Durch das Meditieren seien »Kästen aufgegangen, die vorher gut verschnürt waren«, sagt Karen Förster. Rückblickend stellt sie fest: »Ich bin in eine richtig depressive Stimmung geraten.«

Die positiven Wirkungen werden intensiv beforscht. Kann Meditation schaden? Kann sie Gesunde krank und Kranke kränker machen? Ulrich Ott, Psychologe am Bender Institute of Neuroimaging der Universität Gießen, stellte diese Frage auf dem Kongress »Wissenschaft und Meditation«, zu dem die Identity Foundation und die Oberberg Stiftung kürzlich nach Berlin eingeladen hatten.
Vor mehr als 420 Teilnehmern stellten dort Mediziner, Psychologen und Hirnforscher aktuelle Ergebnisse aus der Meditationsforschung vor. Während die positiven Auswirkungen des Mentaltrainings mittlerweile intensiv beforscht werden, gibt es zu den Risiken und Ne.benwirkungen kaum Studien. Die Forschungslage sei dünn, sagt Ott – obwohl das Interesse an Meditation, Yoga und Entspannung stetig wächst.
Nicht immer ist es die Sehnsucht nach Transzendenz oder religiöser Erfahrung, die Menschen dazu veranlasst, eine Meditationstechnik zu erlernen; häufig sind die Gründe sehr viel profaner, etwa der Wunsch nach Entspannung oder mehr Gelassenheit im Alltag. Doch auch psychisch belastete Menschen wenden sich zunehmend der Meditation zu, weil sie sich von ihr Hilfe erhoffen.
Genährt wird diese Hoffnung auch durch die vielen guten Nachrichten der Wissenschaftler. So stellte in Berlin unter anderem Richard Davidson, einer der führenden amerikanischen Forscher auf diesem Gebiet eine ganze Reihe positiver Auswirkungen vor: Meditieren kann den Blutdruck senken, es führt dazu, dass Entzündungen schneller heilen, es stärkt das Immunsystem, es kann Depressionen vorbeugen und die Stress- Resilienz stärken – Meditation vermag anscheinend in vielen Fällen, Kranke gesund und Gesunde noch gesünder zu machen.
Allheilmittel Meditation? Vor einem allzu naiven Vertrauen warnt Hans Förstl, Direktor der Münchner Klinikfür Psychiatrie und Psychotherapie rechts der Isar. Schließlich hätten manche Wahrnehmungsveränderungen während einer Meditation durchaus Ähnlichkeiten mit den Symptomen einer Psychose, berichtete er in einem launigen Vortrag, der bei den Kongress-Teilnehmern teilweise Gelächter, teilweise Empörung auslöste. In den 1970er-Jahren, als die Transzendentale Meditation aufkam, seien regelmäßig Menschen in der Psychiatrie gelandet bei denen das Mantramurmeln psychotische Zustände ausgelöst hatte.


Über »die dunkle Nacht der Seele« ist wenig bekannt. »Limitierte Experimentalpsychosen mögen für aufgeregte und erschöpfte Menschen mit Befindlichkeitsstörungen ergötzlich sein«, sagt der Psychiater, geradezu gefährlich könne Meditation bei schwerwiegenden Erkrankungen sein, wo es darum gehe, »einen tragfähigen Kontakt mit der Lebenswirklichkeit herzustellen und nicht davor zu fliehen«.
Woran es liegt dass Meditation vielen hilft und manchen unangenehme Erfahrungen beschert ist bisher kaum geklärt. Ulrich Ott einer der führenden Meditationsforscher Deutschlands, sieht hier »erheblichen Forschungsbedarf«. Bisher seien lediglich Einzelfälle beschrieben worden, systematische Studien fehlten völlig.
Einen ersten Schritt hat die amerikanische Forscherin Willoughby Britton getan. Für das »Dark Night Project« hat sie führende amerikanische Meditationslehrer verschiedener Richtungen nach ihren Erfahrungen befragt. Die ersten Ergebnisse dieser Untersuchung geben zu denken:
Symptome wie Schlaflosigkeit, Angst Gefühlsschwankungen bis hin zum Wiederauftauchen traumatischer Erlebnisse wurden genannt. Berichtet wurde von Veränderungen der Wahrnehmung, vom Verlust des Selbstgefühls, aber auch von beruflichen und sozialen Beeinträchtigungen. Offensichtlich kann die Arbeit am Bewusstsein Geister wecken, die man nicht so leicht wieder los wird: Die Symptome könnten jahrelang anhalten und die Betroffenen beeinträchtigen, sagt Ott, der nun in Gießen ein ähnliches Forschungsprojekt für Deutschland anstoßen will.
Unangenehme Erfahrungen auf dem Meditationsweg können ein Warnsignal sein, sich lieber einer anderen spirituellen Praxis zuzuwenden – sie können aber auch Symptom einer notwendigen persönlichen Krise sein. Die Unterscheidung im Einzelfall ist unter Umständen schwierig. Umso wichtiger wäre deshalb eine fundierte Ausbildung der Meditationslehrerinnen und -lehrer. Derzeit kann sich jeder auf dem Markt tummeln und entsprechende Kurse anbieten. Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen fordert deshalb dringend in diesem Bereich Qualitätsmanagement Ausbildungsordnungen und vor allem Supervision.
Immerhin: Manche Anbieter werden sich mittlerweile ihrer Verantwortung bewusst. So hat etwa der Dachverband Freie Gesundheitsberufe Qualitätsrichtlinien entwickelt die nun in den einzelnen Mitgliedsverbänden implementiert werden. »Es reicht nicht dass man einfach mal ein tolles Buch gelesen hat«, sagt Ulrike Reiche vom Vorstand des Dachverbandes. Die Berufsordnung ihres Verbandes sieht unter anderem regelmäßige Supervision und Weiterbildung vor. Reiche ist Kundalini- Yogalehrerin und setzt sich seit Jahren für einen intensiven Austausch zwischen Meditationslehrern auf der einen und Psychotherapeuten und Psychiatern auf der anderen Seite ein. »Man muss wissen, was man tut und was man lieber lässt«, sagt Reiche, die selbst schon Klienten an Psychotherapeuten vermittelt hat.
Karen Förster war lange ratlos, an wen sie sich wenden sollte. Ihr Meditationslehrer empfahl lediglich, weiterzuüben: Sie solle da »hindurchgehen« und »das Leiden zulassen und anschauen«. Auf die Idee, ihr eine Psychotherapie zu empfehlen, kam er nicht – und sie selbst zunächst auch nicht. »Ich hatte keine Hoffnung, dass mir mit diesem Zeug jemand helfen kann«, sagt sie heute, es war »als würde ich in einer Parallelwelt leben«.
Für solche Fälle wäre eine Vernetzung ideal, wie sie in Einzelfällen bereits stattfindet. So berichtet Ulrich Ott von einem Zen – Lehrer, der bei mehrwöchigen Kursen mit einem meditationserfahrenen Psychiater zusammenarbeitet um bei auftauchenden Schwierigkeiten besser eingreifen und beraten zu können.
»In meinem Fall hätte eine solche Vernetzung den Prozess erleichtern und abkürzen können«, sagt Karen Förster. Die furchterregenden Bilder verfolgen sie nicht mehr, dank einer Psychotherapie. Sie meditiert schon länger nicht mehr: »Das schweigende Sitzen in der Gruppe tut mir nicht gut«, sagt sie. Trotzdem will sie die Erfahrung mit der Meditation nicht missen. »Das hat für mich alles Sinn gemacht« und das Vertrauen, »dass mich etwas stützt und trägt«, hat sie heute noch.

aus Publik-Forum 24/2012

Dienstag, 18. Dezember 2012

Impulskontrolle versus unhinterfragte Interpretationskonstrukte: der Marshmallow‑Test



Stellen Sie sich vor, Sie sind vier Jahre alt, und jemand macht Ihnen den folgenden Vorschlag: Wenn du wartest, bis ich eine Besorgung erledigt habe, bekommst du zwei Bonbons. Wenn du nicht so lange warten kannst, bekommst du nur einen, aber den bekommst du sofort. Das ist sicherlich eine Herausforderung, die das Herz eines jeden Vierjährigen auf eine harte Probe stellt, ein Mikrokosmos des ewigen Kampfes zwischen Impuls und Zurückhaltung, Es und Ich, Begehren und Selbstbeherrschung, Gratifikation und Aufschub. Aus der Entscheidung des Kindes kann man einiges entnehmen; sie gibt raschen Aufschluß nicht gerade über seinen Charakter, aber doch über den Weg, den dieses Kind vermutlich im Leben nehmen wird.
Wohl keine psychologische Fähigkeit ist grundlegender als die, einem Impuls zu widerstehen; sie ist die Wurzel jeglicher emotionalen Selbstbeherrschung, da alle Emotionen ihrem Wesen nach in den einen oder anderen Handlungsimpuls münden. Die Grundbedeutung von »Emotion« ist, wie Sie sich erinnern werden, »bewegen«. Die Fähigkeit, diesem Handlungsimpuls zu widerstehen, den Ansatz einer Bewegung zu unterdrücken, wird auf der Ebene der Hirnfunktion höchstwahrscheinlich in eine präfrontale Hemmung limbischer Signale umgesetzt, die zur motorischen Rinde gelangt sind; diese Deutung ist aber einstweilen bloße Spekulation.
Eine bemerkenswerte Studie, bei der Vierjährige vor die Marshmallow‑Probe gestellt wurden, zeigt jedenfalls, wie grundlegend die Fähigkeit ist, die Emotionen zu zügeln und so den Impuls hinauszuschieben. Die Studie wurde in den sechziger Jahren von dem Psychologen Walter Mischel in einer überwiegend von Kindern von Professoren, graduierten Studenten und Universitätsangestellten besuchten Vorschule auf dem Universitätscampus von Stanford begonnen und bis zu dem Zeitpunkt fortgesetzt, als diese die Highschool beendeten.
Einige der Vierjährigen konnten die ihnen sicherlich endlos erscheinenden 15 bis 20 Minuten bis zur Rückkehr des Experimentators abwarten. Um sich in ihrem Kampf zu stärken, hielten sie sich die Augen zu, damit sie nicht auf die Versuchung starren mußten, oder sie legten den Kopf auf die Arme, führten Selbstgespräche, sangen, spielten mit Händen und Füßen oder versuchten gar, sich schlafen zu legen. Diese tapferen Vorschüler erhielten die aus zwei Marshmallows bestehende Belohnung. Andere jedoch, die impulsiver waren, schnappten sich den einen Bonbon, fast durchweg innerhalb von Sekunden, nachdem der Experimentator das Zimmer zu seiner »Besorgung« verlassen hatte.
Was der Umgang mit dieser impulsiven Situation an diagnostischer Kraft besaß, wurde rund zwölf bis vierzehn Jahre später deutlich, als man dieselben Kinder nunmehr als jugendliche untersuchte. Zwischen denen, die sich den Bonbon geschnappt hatten, und den anderen, die die Gratifikation aufgeschoben hatten, zeigte sich ein auffälliger emotionaler und sozialer Unterschied. Diejenigen, die mit vier der Versuchung widerstanden hatten, zeigten jetzt als jugendliche größere soziale Kompetenz: sie waren durchsetzungsfähig, selbstbewußt und besser in der Lage, mit den Frustrationen des Lebens fertig zu werden. Sie neigten unter Streß weniger dazu, zusammenzubrechen, starr zu werden oder zu regredieren oder nervös und fahrig zu werden, wenn sie unter Druck gesetzt wurden; Herausforderungen nahmen sie bereitwillig an und stellten sich ihnen, und selbst bei Schwierigkeiten gaben sie nicht auf, sie waren selbstsicher und zuversichtlich, vertrauenswürdig und verläßlich; sie ergriffen die Initiative und stürzten sich in Projekte. Und sie waren über ein Jahrzehnt später noch immer in der Lage, eine Gratifikation aufzuschieben, um ihr Ziel weiterzuverfolgen.
Das runde Drittel der Untersuchten, die nach dem Marshmallow gegriffen hatten, zeigte dagegen eine Tendenz, diese Vorzüge in geringerem Maße zu besitzen, und das psychologische Bild war problematischer. Bei ihnen beobachtete man eher das Gegenteil: sie schreckten vor sozialen Kontakten zurück, waren störrisch und unschlüssig; sie ließen sich von Frustrationen leicht umwerfen, hielten sich für »schlecht« und unwürdig; sie regredierten oder wurden von Streß gelähmt; sie waren argwöhnisch und ärgerten sich, daß sie »nicht genug« bekamen; sie neigten zu Eifersucht und Neid; auf Irritationen reagierten sie gereizt und provozierten dadurch Streitereien. Und sie waren nach all diesen Jahren noch immer unfähig, eine Gratifikation aufzuschieben.
Was sich früh in Ansätzen zeigt, entfaltet sich später im Leben zu einer weitgespannten sozialen und emotionalen Kompetenz. Die Fähigkeit, einem Impuls einen Aufschub aufzuerlegen, ist die Wurzel einer Fülle von Leistungen, angefangen vom Durchhalten einer Diät bis hin zum Anstreben eines medizinischen Doktorgrades. Manche Kinder hatten das Wesentliche schon mit vier begriffen: sie waren in der Lage, die Situation als eine zu deuten, in der Aufschub vorteilhaft war, ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken, statt auf die greifbare Versuchung zu starren, und sich abzulenken, dabei aber die nötige Ausdauer im Hinblick auf ihr Ziel, die beiden Marshmallows, aufrechtzuerhalten.
Noch überraschender war, daß die Kinder, die mit vier geduldig gewartet hatten, sich gegenüber denen, die ihrer Laune nachgegeben hatten, beim Abschluß der Highschool als weit bessere Schüler erwiesen. Nach dem Urteil ihrer Eltern besaßen sie größere intellektuelle Kompetenz: sie konnten ihre Ideen besser in Worte fassen, sie konnten besser logisch argumentieren und auf Argumente reagieren, konnten sich besser konzentrieren, besser Pläne machen und sie verwirklichen, und sie zeigten größeren Lerneifer. Das Erstaunlichste war: sie erreichten beim SAT‑Test entschieden höhere Punktzahlen. Im verbalen und im quantitativen (auch »mathematischen«) Test erreichte das Drittel der Kinder, die mit vier am eifrigsten nach dem Marshmallow gegriffen hatten, durchschnittlich 524 bzw. 528 Punkte; das Drittel, das am längsten gewartet hatte, kam im Mittel auf 610 bzw. 652 Punkte ‑ zusammengenommen eine Differenz von 210 Punkten.
Das Abschneiden der Kinder im Alter von vier Jahren bei diesem Test des Gratifikationsaufschubs ist als Vorhersagemaßstab für ihre künftigen SAT‑Ergebnisse doppelt so leistungsfähig wie ihr IQ mit vier (der IQ wird erst zu einem starken Vorhersagemaßstab für die SAT‑ Ergebnisse, nachdem die Kinder lesen gelernt haben).' Die Fähigkeit, eine Gratifikation aufzuschieben, trägt demnach ganz unabhängig vom IQ erheblich zur intellektuellen Leistungsfähigkeit bei. Von manchen wird, wie wir im Sechsten Teil sehen werden, die Ansicht vertreten, der IQ sei nicht zu beeinflussen und stelle daher eine unabänderliche Beschränkung der späteren Leistungsfähigkeit eines Kindes dar, doch spricht vieles dafür, daß emotionale Fähigkeiten wie die Impulskontrolle und das Verstehen dessen, was in einer sozialen Situation verlangt wird, tatsächlich erlernt werden können.
Was Walter Mischel, der die Untersuchung durchführte, mit der ziemlich ungeschickten Wendung »zielgerichteter selbstauferlegter Gratifikationsaufschub« bezeichnet, ist vielleicht der Kern der emotionalen Selbstregulierung: die Fähigkeit, dem Impuls zu widerstehen, um einem Ziel zu dienen, ob man nun ein Buch schreibt, eine algebraische Gleichung löst oder den Stanley Cup, die Meisterschaft der National Hockey League, zu erringen sucht. Sein Ergebnis unterstreicht die Bedeutung der emotionalen Intelligenz als einer Meta‑Fähigkeit, von der es abhängt, wie gut oder schlecht man seine sonstigen geistigen Fähigkeiten nutzen kann.

aus Daniel Goleman, Emotionale Intelligenz, Kap. Die übergeordnete Fähigkeit, S. 109 ff



siehe auch:
- What Does the Marshmallow Test Actually Test? (Drake Bennett, Bloomberg Bussiness, 17.10.2012)
A new study (PDF), however, suggests that we may be taking, at best, an incomplete lesson from Mischel’s work. Celeste Kidd, a cognitive science graduate student at the University of Rochester, is the lead author on the paper. When she was younger, Kidd spent some time working in shelters for homeless families. She began to wonder how growing up in such a setting, full of change and uncertainty, might shape the way kids responded to the sort of situation Mischel’s study presented. “Working there gave me some strong intuitions about what kids who were in that situation would do, given the marshmallow task,” she says. “I’m fairly sure those kids would eat the marshmallow right away.” Not because they were weak-willed, but because very little in their upbringing had given them much reason to believe that adults would do what they said they would. What was missing from Mischel’s famous experiment, Kidd argues, was trust. After this, the kids were given the marshmallow test. The results were dramatic: Nine out of the 14 kids in the reliable condition held out 15 minutes for a second marshmallow, while only one of the 14 in the unreliable condition did. If kids were unsure they were going to get a second marshmallow, they didn’t bother to wait.

As it turns out, Mischel himself has looked at the role trust and confidence play in a person’s ability to delay gratification. Reached while traveling in Europe and asked about the new study, he responded with an e-mail linking to three of his early papers. One of them, from 1961, looked at whether coming from a fatherless household affected a child’s willingness to wait for a reward.
mein Kommentar:
Nach der Lektüre des zweiten Artikels war ich entsetzt: Die Wissenschaftler hatten als selbstvertsändlich vorausgesetzt, was nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden darf (und ich bin ihnen in den Jahren, in denen ich diesen Artikel kenne, kritiklos gefolgt): Das Vertrauen in die elterliche Autorität.
Das sofortige Verspeisen eines Marshmellows wird im ersten Artikel als fehlende Impulskontrolle interpretiert. Und diese Interpretation bedeutet eine erneute Traumatisierung des schon durch die fehlende Verläßlichkeit der Eltern traumatisierten Kindes: Das Kind wird für die fehlende elterliche Verläßlichkeit durch die Zuschreibung mangelnder Impulskontrolle »bestraft«: Der Mangel der Eltern wird zum Mangel des Kindes…
Rather than being engaged in a desperate struggle against their own appetites, the young subjects of her study were carefully calculating the likelihood that they would actually get a second marshmallow. Her work suggests that getting kids to be better at waiting—in the lab and in life—is a matter of persuading them that there’s something worth waiting for.
Auf diese Weise konstruieren Interpretationen Realität: »Dir fehlt einfach nur Disziplin!« – Vorsicht vor Interpretationen von außen! Anscheinend hat keiner der untersuchenden Wissenschaftler sich in die getesteten Kinder hineinversetzen können/wollen. Empathiemangel kann furchtbare Folgen haben!
Der Schizophrene ist ein Mensch ohne Hoffnung. Ich habe niemals einen Schizophrenen gekannt, der sagen konnte, daß er geliebt wurde, als ein Mensch, von Gott dem Vater oder von der Mutter Gottes oder von einem anderen Menschen. Er ist entweder Gott oder der Teufel oder in der Hölle gottentfremdet. Wenn jemand sagt, er sei ein unwirklicher Mensch oder er sei tot, mit aller Wahrhaftigkeit in radikaler Form die nackte Wahrheit seiner Existenz, wie er sie erfährt, ausdrückend, ist das – Verrücktheit. Was wird von uns gefordert? Ihn zu verstehen? Der innerste Kern der Erfahrung des Schizophrenen von sich selbst muß für uns unbegreiflich bleiben. Solange wir gesund sind und er verrückt ist, wird das so bleiben. Aber Verständnis als ein Bemühen, ihn zu erreichen und zu fassen, während wir in unserer eigenen Welt bleiben und ihn mit unseren eigenen Kategorien beurteilen, wodurch er unvermeidlich zu kurz kommt, das ist es nicht, was der Schizophrene wünscht oder nötig hat. Wir müssen die ganze Zeit seine Eigenheit und Verschiedenartigkeit, sein Getrenntsein, seine Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit erkennen. (Ronald D. Laing, Das geteilte Selbst, 1960, dt. 1972)


Montag, 17. Dezember 2012

Kämpfe in der Ehe


Solche ausgesprochenen unlauteren Kämpfe zwischen den Geschlechtern werden in dem schaurig-schönen Langzeitvertrag namens Ehe mit großer Kunstfertigkeit ausgetragen. Trotzdem erscheint mir in unserer gegenwärtigen Kultur die Verpflichtung zu einer lebenslangen monogamen Verbindung noch als die lohnendste Alternative. Sicher, ich möchte auch für die anderen Möglichkeiten offen sein, die von den Sprechern und Sprecherinnen der sexuellen Revolution, der Frauenbefreiung, des gemeinschaftlichen Lebens vorgeschlagen werden, aber ich muß zugeben, daß es mir schwerfällt zu glauben, daß neue Lösungen nicht neue Probleme aufwerfen werden. Ich sehe die lebenslange monogame Ehe als den derzeit besten Schutz gegen Einsamkeit an, als den besten erreichbaren Rahmen, um Kinder aufzuziehen, als den praktikabelsten Vertrag für gegenseitige Hilfe und für Freiheit in einer Welt, die es dem Einzelnen sehr schwer macht, in ihr zurecht zu kommen.

Natürlich ist die Ehe auch einengend, frustrierend und zeitweilig sehr schmerzhaft. An dieser Tatsache wird, glaube ich, deutlich, wie unglaublich schwer es ist, das Zentrum seines eigenen Lebens mit einem anderen, völlig getrennten Individuum zu teilen. Ich bin nicht einmal sicher, ob die Vorteile jemals die Schwierigkeiten klar überwiegen. Aber mit der Ehe ist es so wie mit dem Geldverdienen, es hat wenig Sinn, Soll und Haben nachzurechnen, um herauszufinden, ob man zufrieden ist oder nicht, solange es keine neue Lösungsmöglichkeit gibt. Gewiß, man kann (und manchmal ist es ratsam) eine neue Arbeit, einen neuen Gefährten suchen, aber zur Zeit scheint der Entschluß, dauernd ohne Arbeit und allein zu bleiben, größere Probleme zu erzeugen als er löst.

Viele der Leute, die mich als Psychiater um Hilfe bitten, kommen, weil sie Schwierigkeiten in der Ehe haben. Die Ironie dieser starrsinnigen Kämpfe liegt oft darin, daß einer der Ehepartner sich beklagt, er müsse mit einem Menschen leben, der sich auf eine Weise verhält, die er (oder sie) in der Zeit der Werbung höchst attraktiv gefunden hat. Die Frau zum Beispiel, die einst froh war, einen solchen Partner gefunden zu haben, fühlt sich nun enttäuscht und allein gelassen. Als sie ihm zum erstenmal begegnete, war sie von seiner Beständigkeit, seiner Selbstbeherrschung und Vernünftigkeit angezogen. Es war ebenso klar wie erfreulich für sie, daß er nicht so leicht aus der Bahn zu werfen, ›objektiv‹ in seinen Ansichten und sehr, sehr praktisch war. Bei seiner wohlüberlegten Distanziertheit konnte man offenbar darauf zählen, daß er sie vor ihrer kopflosen Impulsivität schützen und darauf achten würde, daß sie nicht alles durcheinanderbrachte und verdarb. Aber als was für eine schreckliche Enttäuschung erwies er sich dann! Jetzt findet sie, daß er kalt, unnachgiebig und schwerfällig ist; er ignoriert hartnäckig ihre Gefühle, und es macht überhaupt keinen Spaß, in seiner Nähe zu sein.

Diese pejorative Beschreibung von Unzulänglichkeiten, die einmal als Tugenden erschienen waren, ist durchaus nicht auf die weibliche Kampfpartei beschränkt. Ihr Mann hat sich einmal weise und glücklich geschätzt, eine Frau gefunden zu haben, die so lebhaft und frei in ihren Gefühlen, so begeisterungsfähig, herzlich und energiegeladen war. Jetzt hat er die Nase voll. Sie hat überhaupt keinen praktischen Verstand, verlangt Unmögliches, mehr als irgendwer jemals geben kann, und wird völlig irrational, wenn sie nicht bekommt, was sie haben will. Er begegnet diesem Ansturm natürlich zunächst dadurch, daß er versucht, ›vernünftig‹ zu sein, und dann, indem er sich in anhaltendes, gedankenvolles Schweigen zurückzieht. Er begreift nicht, daß seine Distanz sie nicht ruhig macht, und sie kann nicht verstehen, daß er nicht auf ihre Einsamkeit reagiert, die sie durch jammervolles Weinen ausdrückt oder indem sie schreit: »Du tust nichts weiter, als dir deine blöden Ballspiele im Fernsehen anzusehen!« Jeder will seinen Kopf durchsetzen, ohne sich dabei eine Blöße zu geben, aus Angst, er könne als der Nachgebende erscheinen.
Ein Teil dessen, was die Leute in der Ehe suchen, ist ihre eigene zweite Hälfte. Jeder von uns ist in gewisser Weise unvollständig; einige Seiten sind überentwickelt, andere vernachlässigt. Was wir selbst nicht zu haben glauben (zum Beispiel Aggressivität oder Güte, Spontaneität oder Stabilität), suchen wir im anderen. Besonders extrem zeigt sich das in Ehen zwischen Neurotikern, die ein so verdrehtes Bild von sich selbst haben, daß sie sich Partner suchen, die Karikaturen vom anderen Ende des Persönlichkeitsspektrums sind (etwa die schüchterne, gehemmte Frau, die sich einen starken, super-abenteuerlichen Romanhelden von einem Mann aussucht, der seinerseits ein Weibchen haben will, das viel zuviel Angst hat, um ihm Schwierigkeiten machen zu können). Bis zu einem gewissen Grade heiraten wir alle, um unsere eigenen Mängel auszugleichen. Als Kind kann sich niemand allein gegen die Familie und gegen die Gemeinschaft stellen, und unter normalen Umständen befindet er sich nicht in der Position, sich absetzen und sein Leben anderswo aufbauen zu können. Um als Kinder zu überleben, mußten wir in uns all das verstärken, was die, von denen wir abhingen, erfreute, und die Verhaltensweisen verleugnen, die sie nicht akzeptieren konnten. Auf diese Weise wachsen wir, einer mehr, einer weniger, in unproportionierte Gestaltungen dessen hinein, was unser Leben als Mensch sein könnte. Was uns fehlt, suchen wir in denen, die wir uns als Partner wählen, und bekämpfen es dann. Wir heiraten den anderen, weil er (sie) anders ist als wir, und dann klagen wir: »Warum kann er (sie) nicht mehr so wie ich sein?«

Wenn wir jemanden heiraten, der uns ähnlich ist, mögen wohl andere Arten von Unheil daraus entstehen. Zwei verzagte Seelen etwa würden ihre Vorsicht wechselseitig potenzieren und bald überhaupt nicht mehr wagen, irgend etwas Neues auszuprobieren. Ein abenteuerlustiges Paar mag durch eine Eskalation der Verwegenheit in eine Spirale von Katastrophen geraten. Ob es uns paßt oder nicht, gerade die Unterschiede zwischen Ehepartnern sind sowohl die Stärke einer guten Ehe als auch das Risiko einer schlechten.

Wenn ich mit Paaren arbeite, die solche Schwierigkeiten haben, weise ich auf diese Dinge hin und frage beispielsweise den unternehmungslustigen Ehemann: »Was würde eigentlich passieren, wenn Ihre Frau, jedesmal wenn Sie so einen impulsiven Phantasieflug ausspinnen, sagen würde: ›Prima, mach mal!‹?« oder zu der vorsichtigen Frau: »Wo würden Sie wohl hinkommen, wenn ihre Zweifel auf dieselben Zweifel in Ihrem Mann stoßen würden, wenn Sie dann steckenblieben und nicht mehr angespornt würden weiterzumachen, egal wie groß der Widerwille ist?«

Man kann sich die Ursprünge dieser Kämpfe klarmachen, wenn man davon ausgeht, wie Kinder im Umgang mit ihren Eltern ihre Identität anpassen. Was ich über die Identifikation des kleinen Jungen mit seinen Eltern sagen werde, gilt genau so für die entsprechende Persönlichkeit des Mädchens. Darüber hinaus ist es offenbar keineswegs zwingend, daß sich ein Kind mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil identifiziert.

Diese Variationsmöglichkeiten vorausgesetzt, stellen wir uns nun einmal das stark vereinfachte Beispiel eines Jungen vor, der sich mit einem distanzierten, passiven, allzu beherrschten Vater identifiziert. Seine Mutter neigt zu Aggressivität und dramatischen Gefühlsausbrüchen. Wenn der junge erwachsen ist, wird er jemanden heiraten, der seiner aggressiven Mutter ähnelt, mit der er sich nicht identifizieren konnte. Bald werden ihm genau die Qualitäten, die ihn angezogen haben, als unterdrückend erscheinen, und er wird darauf bestehen, daß sie mehr so wird wie sein passiver, distanzierter Vater, mit dem er sich identifizierte. Falls sie aber auf seinen Wunsch einzugehen versucht, wird er sich beklagen, daß sie sich zu wenig ändert oder zu spät oder irgendwie anders, als er es sich vorgestellt hat. Ich habe mich immer gewundert, wieso es so viele Eheschwierigkeiten gibt: jetzt, wo ich mehr über den Starrsinn weiß, mit dem wir alle so gern unseren eigenen Kopf rücksichtslos durchzusetzen versuche, bin ich eher erstaunt, daß wir bei unserer Suche nach Liebe so oft erfolgreich sind.

aus Sheldon B. Kopp, Triffst Du Buddha unterwegs…