Montag, 12. November 2012

Achtsamkeit


Achtsamkeit

Vielleicht hast du schon einmal still an einem Fluß oder am Ozean gesessen. Anfangs hörst du nur ein lautes Geräusch. Wenn du genauer zuhörst, erkennst du eine Unmenge subtilerer Klänge: die Wellen, die gegen den Strand anbranden, oder das strömende Gurgeln des Flusses. In jener Friedfertigkeit und Stille des Geistes erfährst du genau, was vor sich geht. Ebenso ist es, wenn du dir selbst zuhörst. Zuerst hörst du nur ein »Selbst« oder »Ich«, aber dann stellt sich heraus, daß dieses Selbst eine Masse sich verändernder Elemente von Gedanken, Gefühlen und Bildern ist, die ganz einfach dadurch an das Licht gebracht werden, daß du zuhörst und achtsam bist.
Bei der Anwendung der Achtsamkeit wird dir bewußt, was in jedem Moment vor sich geht. Du bleibst wachsam und erlaubst dir nicht, vergeßlich zu werden. Wenn du Achtsamkeit und Konzentration zusammen entwickelst, dann stellst du damit ein Gleichgewicht des Geistes her. Wenn sich diese durchdringende Bewußtheit entfaltet, dann enthüllt sie dir viele Aspekte der Welt und deines Selbstes. Mit einer solchen klaren und deutlichen Sicht erkennst du, daß sich alles – auch du selbst – in einem Fluß, einer Strömung, einer Transformation befindet. Es gibt kein einziges Element deines Geistes oder deines Körpers, das stabil ist. Diese Weisheit erlangst du durch die genaue Beobachtung deines eigenen Geistes.
Joseph Goldstein gibt folgende Empfehlungen für das Entwickeln von Achtsamkeit durch das Meditieren über die eigenen Gedanken, über das Essen und über das Gehen:

MEDITATION ÜBER DIE GEDANKEN
Das Meditieren über die Gedanken bedeutet einfach, daß man bewußt bleibt, während die Gedanken entstehen, ohne sich dabei mit dem Inhalt der Gedanken zu identifizieren: Man folgt der Kette der Assoziationen nicht und man analysiert die Gedanken oder den Grund für ihr Entstehen nicht, sondern man ist sich lediglich dessen bewußt, daß das Denken zu diesem bestimmten Zeitpunkt erfolgt. Es ist nützlich, sich eine geistige Notiz von »Denken, Denken« zu machen, jedes Mal, wenn ein neuer Gedanke entsteht. Beobachte den Gedanken, ohne ihn zu beurteilen, ohne auf den Inhalt zu reagieren, ohne dich mit ihm zu identifizieren, ohne den Gedanken als dein Ich, dein Selbst oder als dir zugehörig zu betrachten. Der Gedanke ist der Denker. Es steckt sonst niemand dahinter. Der Gedanke denkt sich selbst. Er kommt uneingeladen. Du wirst die Feststellung machen, daß die Gedanken nicht lange bestehen bleiben, wenn du dich nicht zu stark mit dem Gedankenprozeß identifizierst. Sobald du einen Gedanken einfach nur bemerkst, verschwindet er. Für manche Leute ist es vielleicht nützlich, wenn sie den Gedanken-Prozeß auf eine präzisere Art kategorisieren, indem sie verschiedene Arten von Gedanken beachten, zum Beispiel Pläne, Vorstellungen oder Erinnerungen. Dadurch wird die Aufmerksamkeit noch verstärkt. Ansonsten wird die Vorstellung »Denken, Denken« ausreichen. Versuche dir des Gedankens im Augenblick der Entstehung bewußt zu werden, anstatt ihn erst einige Minuten danach zu bemerken. Wenn Gedanken mit Präzision und in Ausgeglichenheit bemerkt werden, dann haben sie nicht die Macht, den Geist zu beunruhigen.
 
Die Gedanken sollten nicht als Hindernisse oder Behinderungen betrachtet werden. Sie sind einfach nur ein weiteres Objekt der Betrachtung und der Meditation. Lasse den Geist nicht faul und träge werden. Strenge dich an, die größtmögliche Klarheit zu erlangen, die dir möglich ist in bezug auf das, was im gegebenen Moment vor sich geht.


 Suzuki Roshi schreibt in Zen Geist, Anfänger Geist: »Wenn du Zazen-Meditation praktizierst, dann versuche nicht das Denken anzuhalten. Laß es von selbst aufhören. Wenn etwas in deinen Geist hineinkommt, dann laß es hineinkommen und wieder hinausgehen. Es wird nicht lange dort bleiben. Wenn du versuchst, dein Denken anzuhalten, dann bedeutet das, daß es dich stört. Lasse dich von nichts stören. Es erscheint zwar so, als ob etwas von außen in deinen Geist eindringt, aber tatsächlich sind es nur die Schwingungen deines Geistes, und wenn du dich von diesen Schwingungen nicht beunruhigen läßt, dann werden sie langsam schwächer und schwächer werden… Viele Empfindungen, Gedanken und Bilder entstehen, aber sie sind nur Schwingungen deines eigenen Geistes. Nichts kommt von außerhalb deines Geistes… Wenn du deinen Geist so sein läßt, wie er ist, dann wird er ruhig werden. Diesen Geist nennt man den großen Geist.«

THE ZEN MIND - Official Trailer by Empty Mind Films [2:55]

Hochgeladen am 09.09.2006
This is real zen. It is a journey across Japan from the small zen centers of Tokyo to the enormous zen monasteries of remote mountains. It is a look inside the very private world of the zen mind - the mind searching for enlightenment. The superb Shakuhachi flute is by Christopher Yohmei.


Laß die Dinge einfach so geschehen. Laß alle Bilder und Gedanken und Empfindungen entstehen und wieder vergehen, ohne dich von ihnen stören zu lassen, ohne auf sie zu reagieren, ohne sie zu beurteilen, ohne dich an sie zu klammern, ohne dich mit ihnen zu identifizieren. Werde mit dem großen Geist Eins und beobachte ruhig und genau all die Schwingungen, die kommen und gehen. Diese Haltung wird sehr schnell einen Zustand der Gleichmütigkeit und der Ruhe erzeugen. Laß den Geist nicht unruhig und unkonzentriert werden. Halte ihn klar auf den Moment gerichtet und auf das, was gerade geschieht – auf das Ein- und Ausatmen, auf die Empfindungen und Gedanken. Konzentriere dich immer wieder auf das Objekt mit einem ausgeglichenen und ruhigen Geist.



BEWUSSTES ESSEN
Es gibt viele Prozesse des Geistes und des Körpers, die beim Essen vor sich gehen. Es ist wichtig, daß man sich der Abfolge der Vorgänge bewußt wird, sonst ist es wahrscheinlich, daß sich Gier und Verlangen nach der Nahrung einstellen. Wenn wir nicht völlig bewußt sind, dann genießen wir die Erfahrung nicht vollständig. Wir nehmen einen oder zwei Bissen, und dann wandern unsere Gedanken weiter.
Der erste Prozeß, der bei der Nahrungsaufnahme wichtig ist, ist, die Nahrung zu sehen. Beachte das Sehen. Dann gibt es die Absicht der Nahrungsaufnahme – ein geistiger Vorgang. Diese Absicht sollte bewußt beachtet werden: »Absicht, Absicht«. Die geistige Absicht bewirkt das Bewegen des Arms: »Bewegen, Bewegen«. Wenn die Hand oder der Löffel die Nahrung berührt, dann gibt es die Empfindung des Berührens. Spüre die Empfindung. Nun entsteht die Absicht, den Arm zu heben und die Nahrung zum Mund zu führen. Beachte diese Vorgänge sehr genau.
Dann öffnet sich der Mund, die Nahrung wird aufgenommen und der Mund schließt sich wieder. Es folgt die Absicht, den Arm zu senken, und die darauffolgende Bewegung. Beachte das eine wie das andere.
Spüre die Nahrung im Mund, ihre Beschaffenheit und ihren Geschmack. Beachte das Kauen. Erfahre die Muskelbewegung. Während du zu kauen beginnst, wird die Empfindung des Schmeckens in dir wach werden. Sei dir des Schmeckens bewußt. Während du weiterkaust, verschwindet der Geschmack. Sei dir des gesamten Vorganges des Schluckens bewußt. Es gibt niemanden, der in Wirklichkeit ißt. Es ist einfach eine Abfolge von Absichten, Bewegungen, Geschmäcken und Berührungen. Das ist es, was wir sind: eine Abfolge von Geschehnissen. Durch das sehr starke Bewußtwerden dieser Abfolge, dieses Flusses befreien wir uns von der Vorstellung eines Selbstes.

BEWUSSTES GEHEN
Die gehende Meditation wird ausgeführt, indem man das Heben, Vorwärtsbewegen und Aufstehen des Fußes bei jedem Schritt genau beachtet. Es ist nützlich, den einen Schritt völlig zu Ende zu führen, bevor man mit dem nächsten beginnt: »Heben, Bewegen, Senken, Heben, Bewegen, Senken.« Es ist sehr einfach. Es ist keine Bewegungsübung. Es ist eine Übung in der Achtsamkeit. Benutze die Bewegung, um eine klare Bewußtheit zu entwickeln. Im Verlaufe des Tages wird es viele Veränderungen dabei geben. Manchmal wirst du schneller gehen und manchmal langsamer. Du kannst jeden einzelnen Schritt auch einfach als abgeschlossene Einheit betrachten: »Schritt, Schritt.« Oder du kannst damit beginnen und schnell gehen und deinen Gang dann verlangsamen, bis die Schritte wieder in drei Teile aufgegliedert werden. Experimentiere damit. Die Hauptsache ist, auf das zu achten, was geschieht.
Beim Gehen sollten die Hände unbeweglich hinter dem Rücken, an den Seiten oder vorne sein. Es ist besser, nach vorne zu schauen und nicht auf die Füße, damit man sich nicht durch den visuellen Kontakt mit der Vorstellung »Fuß« identifiziert. Die ganze Aufmerksamkeit sollte auf das Erfahren der Bewegung, das Spüren der Empfindungen des Hebens, Vorwärtsbewegens und Aufsetzen des Fußes gerichtet sein.
- Joseph Goldstein

Meditation in Aktion


Der letzte Schritt bei der Integration der Meditation in das Bewußtsein ist der Gebrauch des täglichen Lebens als Teil der Meditation. Es gibt Wege, durch die man die Welt und die Weise, auf die man in ihr lebt, so wahrnehmen kann, daß jede Erfahrung einen tiefer in das meditative Bewußtsein führen kann. Diese Art der Meditation erfordert eine feste Basis. Du mußt in der Lage sein, effektiv in der Welt tätig zusein, während du über sie meditierst. Das ist Meditation in Aktion. Der meditative Bereich in dir wird schließlich zum Kern eines bewußt gelebten Lebens werden. Dieser Bereich liegt dann zwischen dir und allem, womit du in Beziehung trittst – wodurch dir eine friedliche, ruhige und räumliche Sicht des Universums ermöglicht wird.
Ich habe festgestellt, daß selbst ein so stimulierender Vorgang wie das Gehen durch New York City eine tiefe, meditative Erfahrung sein kann. Denn wenn ich während des Gehens innerlich ruhig bleibe – entweder durch Mantra oder indem ich meinen Atem beobachte – dann kann ich erkennen, wie meine Aufmerksamkeit in diese oder in jene Richtung gezogen wird. Jedes Mal, wenn meine Aufmerksamkeit so in Anspruch genommen wird, wird ein bestimmtes Verlangen nach Dingen reflektiert, an denen ich noch verhaftet bin – wie Macht oder Sexualität. Wenn ich das bemerke, dann lasse ich es sein oder lasse es so laufen wie es möchte. Während das geschieht, bleibe ich im meditativen Bereich und verliere mich nicht im Verlangen. Auf diese Weise kann ich durch die Stadt gehen und trotz der unglaublichen Anzahl von Stimuli, die auf meine Sinne einstürmen, dabei ruhig bleiben.
Es gibt Techniken, die es dir ermöglichen, die momentanen Erfahrungen so wahrzunehmen, daß sie dir zum Erwachen dienen können. Die Bhagavad Gita beschreibt Karma Yoga als den Pfad des Erwachens durch das Ausführen einfacher Handlungen. Du betrachtest jede Handlung – sei es das Essen, das Schlafen, das Heiraten oder den Erwerb des Lebensunterhaltes – als eine Handlung, die du Gott darbietest. Jede Handlung wird zu einer Meditation über deine Beziehung zu Gott. Wenn dein Pfad der des Gurus ist, dann erkennst du jede tägliche Erfahrung als Teil eines Dialogs an, bei dem der Guru dich immer wieder mit Erfahrungen konfrontiert, die alle dazu da sind, dich zu erwecken.
Wenn du schließlich die Fähigkeit entwickelt hast, vom Moment des Aufwachens bis zum Moment des Einschlafens zu meditieren, und dabei entspannt in der Welt leben kannst, dann ist das Leben ständig eine freudige und befreiende Erfahrung.


Zen ist nicht etwas Aufregendes, sondern die Konzentration auf unsere tägliche, gewöhnliche Routine.
- Shunryu Suzuki
    

Laßt mich die Funktion von Kavvanah erklären.
Kavvanah bedeutet Absicht. Unsere Absicht ist immer frei. Es gibt nichts, was deine Absicht behindern kann. Selbst wenn dich die ganze Welt zu einer ganzen Reihe von Handlungen zwingt, so kannst du immer das »beabsichtigen«, was du möchtest. Du sitzt zum Beispiel im Stuhl des Zahnarztes. Er bohrt, und du spürst Schmerzen. Du kannst diesen Schmerz mit »Absicht« zu einem Opfer der Liebe verwandeln. Du opferst Gott den Moment des Schmerzes, in der Absicht, ihn für Ihn zu erdulden. Du sagst vielleicht: »Ribbono Shel Olam!« – Du bist gut und dein Universum ist gut. Alles ist von deiner Gnade und Güte erfüllt, auch der Schmerz, den ich spüre. Ich kann dir kein anderes Opfer darbringen. Bitte akzeptiere diesen Moment des Schmerzes als Opfer meiner Liebe.« Oder du lebst einfach dein tägliches Leben. Du tust das, was du auch immer tust, und du entwickelst dabei folgende Absicht: »Gott des Gesetzes und der Ordnung, Du hast den Menschen die Arbeit verordnet. Beim Tun … beabsichtige ich Deinen Willen zu tun. Ich möchte bei jeder Handlung fest in dir verankert sein.« Oder du befindest dich auf Reisen und bist lange Zeit unterwegs. Du lehnst dich zurück und zwinkerst Ihm im Geiste zu, als ob du sagen wolltest: »Süßer Vater, ich genieße Deine Gegenwart. Der Rhythmus der sich bewegenden Räder, die wechselnde Szenerie sind nichts anderes als Du. Du beinhaltest mich und mein Fahrzeug. Ich werde bei der Reise vorsichtig sein, denn das ist Dein Wille. Beschütze mein Kommen und mein Gehen. In Dir bin ich sicher.«
Wie du sehen kannst, sind diese »Pfeile der Bewußtheit« leicht zu praktizieren. Du wirst bald erkennen, daß du dich nach einiger Zeit und Übung in Seine Gegenwart hineinversetzen kannst.


Es ist leichter für mich, über Nicht-Meditation zu sprechen als über Meditation. Bei der Nicht-Meditation sitze oder gehe ich, und ich betrachte mich, wie ich von Dramen, Melodramen, herzergreifenden Tragödien, Einsamkeitsgefühlen, Gefühlen der Schäbigkeit und der Freude absorbiert werde. Wie von einem anderen Planeten aus betrachte ich sie durch ein Teleskop. Dadurch erschaffe ich ein wenig Raum zwischen mir und ihnen. Trotzdem spüre ich, daß ich immer noch mit meinen Gefühlen wie auch mit dem Teil von mir, der die Gefühle erzeugt, eins bin. Ich bin aber auch eine dritte Entität, die dem Drama der Trennung von Subjekt und Objekt zuschaut. Ist dies das ewige Dreieck? Nachdem ich kurze Zeit dem Schauspiel zugeschaut habe, versetze ich mich auf einen noch entfernteren Planeten und benutze ein noch stärkeres Teleskop, um mich selbst beim Beobachten meiner Selbst zu beobachten. Dieses Fasziniert-Sein von mir selbst kann doch sicherlich keine Meditation sein. Ich stehe auf und tue wieder etwas Angenehmes, Nützliches oder Schönes.
Dann werde ich wieder Voyeurin und richte den Blick wieder auf mein Bewußtsein zurück. Es ist Abfall! Abfall!? Das Wort inspiriert mich, denn ich gebrauche meinen Küchenabfall auf ästhetische und nützliche Weise, indem ich die Schalen von Obst und von Gemüse in große, farblose Glasbehälter hineintue, die halb mit Wasser gefüllt sind. In dieser Flüssigkeit schwimmend werden diese organischen Elemente sehr lebendig, wobei ihre sich ständig verändernde Essenz Farben und Formen erschafft, die manchmal intensiv und bestimmt und zu anderen Zeiten außergewöhnlich ätherisch sind – eine faszinierende, ständige Transformation. Nach einer Woche etwa, wenn das halbgetauchte, exotische Bouquet zu lebendig geworden ist, werfe ich es auf den Kompost-Haufen, wo der Zyklus der Natur weitergeht. Was passiert, wenn ich das gleiche Prinzip auf den Inhalt meines Bewußtseins anwende? Ich fasse den Entschluß, es einem Recycling-Prozeß zu unterwerfen und in Gedanken des Wohlwollens zu verwandeln, für jeden und alles, was mir begegnet.

Bei einem Spiel, das Spaß macht, verwandle ich den Gedanken oder das Gefühl in einen Segen für die Person, das Tier oder das Ding, denen oder dem der Gedanke oder das Gefühl gilt. Selbst die Wissenschaft stimmt heute der Aussage zu, daß »Gedanken Dinge sind«. Ganz bestimmt kann nur etwas Wertvolles daraus resultieren, wenn man ganz übliche Gedanken bewußt in Botschaften des Wohlwollens verwandelt.
Aber Moment mal! Manchmal geschieht es, daß alle destruktiven Teufel im Inneren erstarken und eine mächtige Koalition bilden, sobald wir uns zu etwas Konstruktiven entschließen. Sie überfluten uns mit den giftigsten Gedanken, die man sich vorstellen kann – Erinnerungen an traurige Ereignisse, Erfahrungen der Ablehnung und Ungerechtigkeit, Gefühle der Nutzlosigkeit, Jahre physischen Schmerzes und geistiger Sorgen – all das paradiert vor uns und verhöhnt uns mit der Herausforderung, es in »zielloses Wohlwollen« zu verwandeln. Ah ja, ah ja, ah ja! Wenn dies geschehen sollte, dann versäume nicht, allen kleinen und großen Teufeln zu salutieren und ihre unwiderlegbare Logik und ihre erstaunlichen Fähigkeiten anzuerkennen. Sage ihnen dann Folgendes: »Wir werden später miteinander ringen«, und vereinbare mit ihnen ein definitives Rendezvous, das du auch einhalten wirst (sie übrigens auch!). Wenn die Teufel oder giftigen Gefühle unbeeindruckt bleiben und sofortige Aufmerksamkeit verlangen, dann ist es notwendig, sie durch Beschäftigung auszutreiben: Renne, schreie, atme schnell und tief, tanze nackt zu einer Musik, drücke mit deiner ganzen Kraft gegen die Wand, schwimme, springe, schreibe einen Brief; den du nicht absenden wirst, lauf auf allen Vieren, etc. Was du auch immer tun magst, kehre danach zum Abfall-Recycling-Spiel zurück.
Ich verstehe Meditation als etwas, das mit reiner Absicht, ohne daß der Blick auf Resultate gerichtet ist, getan werden soll. Wenn man sie als nützliches Unternehmen betrachtet – wie bei meinem obigen Vorschlag – dann ist die Meditation nur eine weitere, wenn auch höhere Leistung des Ego, über das sich so viele Leute Sorgen zu machen scheinen. Das Abfall-Recycling-Spiel kann also keine Meditation sein, denn es ist ehrgeizig und erstrebt Ziele und Resultate: die Verbesserung von Beziehungen, eine bessere Verdauung, das Glätten von Falten, etc. Es ist keine Meditation, aber wenn man es auf leichte Art und ständig spielt, und zwar so, als ob »das Glück uns begünstigt und Gott auf unserer Seite ist«, dann könnte es eines Tages geschehen (warum nicht?), daß Abfall, Recycling, Gedanken, Denker, Teufel, Segen und alles andere Eins sind und alle Trennung plötzlich aufgehoben ist.
Dann ist Stille.
Leuchtende Stille.
Stille.



   
Ch’ui der Zeichner
Konnte mit der freien Hand
Bessere Kreise ziehen
Als mit einem Zirkel.


Seine Finger brachten
Spontane Formen hervor.
Sein Geist
War derweilen frei,
Und er machte sich keine Gedanken
Über das, was er gerade tat.



Er brauchte nichts zu tun.
Sein Geist war ganz schlicht
Und kannte kein Hindernis…



Kein Drang, kein Zwang,
Keine Bedürfnisse, keine Anziehungen –
Dann beherrschst du Deine Angelegenheiten.
Du bist ein freier Mann.


Wenn du eine einzige Sache gut machen kannst, dann kannst du alles.


aus Ram Dass, Reise des Erwachens


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Dass ein Mensch ein ruhiges Leben hat, das ist gut;
dass ein Mensch ein mühevolles Leben
mit Geduld erträgt,
das ist besser;
aber dass man Ruhe hat
im mühevollen Leben,
das ist das allerbeste. 


Jim Carrey - Gedanken sind nur eine Illusion {2:13}

Veröffentlicht am 25.09.2017
QuerDenker
Jim Carrey gibt Preis wie er zu einer seiner wichtigsten, charakterlichen Erkenntnissen kam und dadurch seine Verbundenheit zum Universum ausbaute.
Sehe und höre selbst

aktualisiert am 26.09.2017






Samstag, 10. November 2012

Die Annahme des Selbst


Die uns geläufige Erfahrung, daß wir unser Selbst vergessen, wenn wir beispielsweise einen Wasserhahn reparieren, läßt sich durchaus als ein Modell dessen auffassen, was wir Zazen nennen – die Meditationspraxis des Zenschülers. Bevor wir jedoch auch nur den geringsten Grad der Selbstvergessenheit erreichen können, ist ein gewisses Maß an Vertrauen notwendig. So könnte etwa ein Kunstspringer, der bei jedem Sprung vom Zehnmeterturm alles Störende von sich abstreift, seinen Sport gar nicht ausüben, hätte er nicht ein bestimmtes Vertrauen entwickelt, ein Vertrauen, das parallel zu dem Grad seiner Könnerschaft wächst. Dieses »Loslassen« läßt sich allerdings nicht willkürlich erzwingen. Der Kunstspringer ist eins geworden mit der Praxis seiner sportlichen Aktivität – er ist frei und zugleich einem hohen Maß an Disziplin unterworfen.
Aber selbst Kunstspringer der höchsten Kategorie treten noch nicht in Kontakt mit ihren tiefsten Möglichkeiten, solange sie nur immer wieder üben, vom Zehnmeterturm aus möglichst elegant ins Wasser zu springen. Ein angemesseneres Modell haben wir in einem der Archetypen des Zazen, und zwar in der Figur des Mañjushrī, die auf dem Altar des Zendō (das heißt der Meditationshalle) den zentralen Platz einnimmt. Mañjushrī hält eine Schriftrolle in der Hand, ein Symbol der Weisheit, und ein Schwert, mit dem er unsere begrifflichen Fixierungen zertrümmert. Er sitzt auf einem ruhenden Löwen, und sowohl Mañjushrī als auch der Löwe wirken sehr entspannt. Die Kraft des Löwen ist indessen nicht verschwunden, und die Stimme, mit der Mañjushrī spricht, ist die Stimme des Löwen. Vollkommen frei und zugleich vollkommen kontrolliert! Der Zen-Novize muß sich zunächst mit dem Löwen befreunden und diesen zähmen, bevor er den Löwensitz einnehmen kann. Dazu sind Zeit und Geduld vonnöten.
Am Anfang scheint diese innere »Kreatur« eher ein Affe als ein Löwe zu sein; gierig ergreift sie die buntschillernden Objekte der Außen- und Innenwelt und springt von einem Ding zum andern. Viele Menschen tadeln sich selbst, ja verachten sich wegen ihres sprunghaften Verhaltens. Aber wenn wir uns selbst ablehnen, so lehnen wir auch das Agens jeglicher Er­kenntnis ab. Deshalb müssen wir mit uns selbst Freundschaft schließen. Freuen wir uns daher, und versöhnen wir uns mit uns selbst. Lächeln wir uns selbst zu. Dann können wir Vertrauen zu uns entwickeln.
Damit hier kein Mißverständnis aufkommt: Ich möchte hier nicht den Weg des Stolzes und der Selbstbezogenheit propagieren. Vielmehr verweise ich auf Bashos Weg, der sich selbst und seine Freunde ohne jegliche Überheblichkeit liebte:
Hier in unserem Mondbegaffer-Club
ist ein schön’ Gesicht nicht anzutreffen.

Matsuo Bashō, Zeichnung von Yosa Buson, aus Wikipedia
Ich habe diese Zeilen bereits an anderer Stelle kommentiert. Dort sagte ich: »Was für einfältige Idioten wir doch sind, die wir hier im Mondlicht sitzen«. Diese Form einer humorvoll-selbstironischen Freude an sich selbst ist das wahre Fundament jeglicher Verantwortung, der Fähigkeit nämlich, zu antworten. Wenn wir einen Fehler machen, so können wir uns anschließend entweder selbst bestrafen oder nur lächelnd den Kopf schütteln und aus unserem Fehlverhalten lernen. Falls wir uns jedoch selbst verdammen, so erzielen wir im Grunde genommen nur ein Ergebnis: Wir vergeuden unsere Zeit und entfernen uns nur wieder von der Praxis des Zen. Beschließen wir hingegen, unseren Irrtum einfach abzuhaken und es beim nächsten Mal besser zu machen, dann stellen wir unsere Bereitschaft unter Beweis, in diese Praxis tatsächlich »einzutauchen«.

Siddhartha Gautama. Statue am Niederrhein in der Darstellung als Buddha Shakyamuni (Der Weise aus dem Geschlecht der Shakya), aus Wikipedia
Hätte Shakyamuni Buddha sich unentwegt nur mit seinen eigenen Unzulänglichkeiten befaßt statt mit der Frage nach dem Ursprung des Leidens in dieser Welt, so hätte er niemals erkannt, daß alles bereits seit Anbeginn in bester Ordnung ist. Zazen ist nicht die Praxis der Neukonditionierung des eigenen Selbst, einem Seminar vergleichbar, in dem man lernt, Freunde zu gewinnen oder andere Menschen zu beeinflussen. Ernsthaftes Zazen bewirkt zwar eine Veränderung des Charakters, allerdings nicht im Sinne einer Ich-Anpassung. Vielmehr bedeutet es, das eigene Selbst zu vergessen.
Yamada Kôun Roshi (Bild von zen-kontemplation.de)
Yamada Roshi hat erklärt: »Zen zu praktizieren heißt, im Akt der Vereinigung mit etwas das eigene Selbst zu vergessen.« Das bedeutet jedoch nicht, daß wir versuchen sollten, unser Selbst loszuwerden. Das ist nicht möglich, es sei denn durch Selbstmord, und Selbstmord ist das bedauerlichste Schicksal überhaupt, denn jeder von uns – wie überhaupt alle Wesen im Universum – ist einmalig, und in unserer individuellen Gestalt kommt der Tathāgata als unser Wesen zum Vorschein.
Das eigene Selbst zu vergessen heißt, die eigene Einmaligkeit zum Ausdruck zu bringen. Man muß nur einmal beobachten, wie sehr er selbst der Pantomime Marcel Marceau wird, wenn er sich selbst in seiner Arbeit vergißt. Und das ist seine Arbeit. Wir alle sind besonders dann wir selbst, wenn wir uns beim Wechsel eines Autoreifens oder bei einer sonstigen Tätigkeit selbst vergessen. Diese Selbstvergessenheit bezeichnet den Akt des reinen Tuns, eines Tuns, dem nicht die geringste Spur eines Selbstbewußtseins anhaftet.
aus Robert Aitken, Zen als Lebenspraxis, Diederichs Gelbe Reihe München, 1988, S. 27ff.



Freitag, 9. November 2012

Wer ist, wo ist, was ist Buddha?



[…]
Ueda übersetzte den Anfang des Gesprochenen. Die Frage des Meisters, ob ich nicht Angst habe, den Gott der Christen zu verlieren, beantwortete ich mit Nein. Dann winkte der Meister ab, die weitere Übersetzung dauerte zu lange. Er ergriff die Klingel neben sich und klingelte. Wir standen auf und verbeugten uns ehrerbietig, und ich war ohne Widerstand, ergriffen von dem Geist, der mich angerührt hatte. Wir verließen rückwärts gehend den Raum. Im Eingang dieselben Verbeugungen wie beim Eintreten.
Unterwegs begegneten wir im Gang dem nächsten. Wir gingen schweigend aneinander vorüber. Auf dem Rückweg verließ man den Tempelraum an seinem oberen Ende, man durchquerte ihn nicht noch einmal. Als wir in die Halle zurückkehrten, hatte die Pause begonnen. Wir gingen nach draußen, sehr still. Im Mondschein gab mir Ueda kurz den Wortlaut meiner Aufgabe in deutscher Sprache. Die Aufgabe lautete:
Ikamuru kore Hotoke. Soku shin soku Butse?
Wer ist, wo ist, was ist Buddha? Damit kehrte ich in die Halle zurück und begann zu meditieren.
Am nächsten Morgen brachte mir Ueda die schriftliche Übersetzung von dem, was der Meister gesagt hatte, und meine Aufgabe. Ich gebe die Übersetzung wörtlich wieder:
«Wenn ein Meister gefragt wurde: ‹Wer ist, wo ist, was ist Buddha?›, antwortete er ohne weiteres: ‹Kokoro.› Das ist der Geist, das Gemüt, der Wille zusammen, das ist, so wie er ist, Buddha.
Diese Bedeutung sollst du mit deinem eigenen Kokoro zeigen.
Wenn du eine Antwort darauf weißt, mußt du zum Meister kommen. Aber du darfst auf die Antwort nicht für immer warten. Man muß danach streben, als wenn man Eisen essen müßte.
«Kokoro» (Herz – Gemüt – Geist)
Zen-Kalligraphie von Meister Ohtsu-Roshi
In der vorbereitenden Atemübung das Rückgrat kerzengerade halten, senkrecht sitzen, die Herzgrube zurückziehen, den Unterleib nach vorne schieben, einatmen, tief und voll, in die ganze Bauchtiefe, beim Ausatmen den Bauch von innen her etwas vordrücken. Zunächst den Atem zählen, Sammlung. Wenn du sie erreicht hast, fängst du an, deine Zen-Aufgabe zu meditieren. Aber nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Bauch.
Du sollst zunächst den Gott des Christentums beiseite lassen, auf die lange Bank schieben (in Japan: auf das Wandbrett legen). Sitzen üben!
Aber übrigens hat es den Meister interessiert, daß du, die du eigentlich Christin bist, so fleißig Zen üben willst. Aus einer Kritik zum Christentum heraus oder aus einer Angst vor dem Leben? Der Meister erwartet keine Antwort auf diese Frage.
Sitzen ist eine Methode, also darfst du nicht davon gefesselt werden. Das Ziel ist, die große Befreiung zu erleben und als ein freier Mensch zu wandeln. Frei leben heißt das Leben und den Tod durchbrechen, diese zwei Dualitäten.
Wir kennen weder das ‹Woher› des Lebens, noch das ‹Wohin› des Todes, wir kennen weder ‹vor› der Geburt noch ‹nach› dem Tod. Daß unser Leben in diese finstere Unkenntnis geworfen ist, das macht unser Leben tief angstvoll und fest gefesselt. Wir müssen aus dieser Unkenntnis, dieser Finsternis herauskommen. Dies ist der große Ernst. She je jidan. Deswegen üben wir Zen.»

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Ich bin nicht aus einer Kritik am Christentum zum Zen gekommen. Diese Auseinandersetzung (wenn ich eine allmähliche, dann immer schneller und ausschließlicher sich vollziehende Ablösung und Entfernung so nennen darf) war schon in früheren Jahren, lange vor dem Krieg 1939 vor sich gegangen. Obwohl ich noch in die Generation gehöre, in der die Erziehung in vollem Umfang religionsgebunden war – jeder Schultag begann mit einer Andacht, am Sonntag ging die Gemeinde auf dem Land in die Kirche, die Bibel wurde in vielen Häusern regelmäßig gelesen, und das «Wort Gottes» wurde der Jugend bei der Konfirmation als unantastbare Wahrheit, als Erhebung im Alltag, als Trost- und Kraftquelle ftir Zeiten der Anfechtung und Not, als Wegweiser in ein ewiges Leben mit auf den Lebensweg gegeben –, blieb mir ein Glaubenkönnen im Kern versagt. Das Dogma blieb mir fremd.
Dieser Prozeß der Ablösung, zuerst von kindlichen Vorstellungen, dann bewußter und kritischer von den Glaubensinhalten, ging in Schichten, oft mit Schmerzen und innerem Erschrecken vor sich und hat sich erst im Zen vollzogen.
Was mir blieb und worin ich verblieb, war eine tief in mir wurzelnde Ehrfurcht vor dem Leben, vor einer übergeordneten Kraft im Weltgeschehen.
Das eigentliche Kriterium für meine Unfähigkeit zu glauben war der Zweite Weltkrieg. In den ungezählten Nächten und Tagen, in denen wir in Kellern und Bunkern saßen, die Sirenen heulten, die Bomben fielen, der Boden schwankend unter der Wucht der Explosionen, habe ich mich wieder und wieder gefragt: Was ist jetzt in dir an Glauben, was kannst du noch glauben, woran hältst du dich? Es sind vielleicht die letzten Minuten deines Lebens – was geht in dir vor? Und immer war es dasselbe: Nerven, bis zum Zerreißen gespannt, nackte Angst, die das Herz hämmern ließ, die nach außen unter der Decke einer stoischen Ergebenheit in das Unabwendbare zugedeckt wurde. Auflehnung gegen die Sinnlosigkeit des Krieges, Auflehnung gegen einen Tod, dem ich mich ausgeliefert fühlte ohne eine Beziehung, als Nur-Objekt. Gedanken an die, die ich liebte. Aber auch die Liebe wurde überdeckt von der furchtbaren Spannung der Kreatur in mir. Wo war Glaube? Und sei es nur der Glaube an eine Kraft, die den Tod in ein inneres Schicksal verwandelt? Wo war die Gewißheit des Glaubens, die den Menschen über seinen Tod hinaus zu heben vermag? Ich konnte mich nicht belügen, ich hatte keinen Raum in mir für ein Schicksal, ich war nur Kreatur.
Es war eine harte Erkenntnis. Eine Erkenntnis, die mich hart machte gegen einen gefühlsbetonten Glauben, gegen den Anspruch des Absoluten und Alleinseligmachenden in den christlichen Bekenntnissen.
Aber etwas Kostbares, im Sinne des Lebens Positives, wurde aus Angst und Katastrophen heraus geboren. Das Leben wurde wieder einfach. Das Erleben unmittelbar. Nach den Angriffen schien die Sonne wie am ersten Schöpfungstage, Erde und Himmel waren wie neu geschaffen. Luft, Licht, Wasser waren wieder Elemente des Lebens, von einer vorher nie gekannten, nie begriffenen Köstlichkeit. Das Leben war die Wirklichkeit, in der der Mensch sich wieder in seine Qualität als Mensch eingesetzt fühlte.
Am Anfang des Krieges hatten mir Freunde ein kleines Buch zugeschickt: D. T. Suzuki, Die große Befreiung. Ich las es, und es ergriff mich über den Verstand hinweg. Ich las es wieder, wie man eine Hymne an das Leben liest, den Sinn ahnend und von ihm geführt, ohne die Sprache in ihrem Inhalt zu verstehen. Dieses Buch wurde mir in der Zerstörung der Welt ein Stück fruchtbarer Erde, einer Erde, über der Stille war.
Später stieß ich auf Herrigels Zen in der Kunst des Bogenschießens.
Dieses von einem Europäer über Zen geschriebene Buch, von einem europäischen Standort aus Zen erfahrend, begriff ich konkreter.
Ich verstand sofort eins: Hier ging es um eine Wirklichkeit in einer Totalität, die ich nur erahnen konnte, hier hatte nur das Gültigkeit, was realisiert wurde. Hier war die Einheit von Denken und Leben, von Leben und Denken, die ich suchte. Hier war eine Freiheit, die alle Gebundenheit aufhob, hier waren die Antworten auf das Leben und auf das Sterben.
Alle Philosophie, soweit ich mit den großen Fragen der Philosophie in ein Verhältnis zu kommen versucht hatte, hatte mir den Weg in diese Freiheit nicht öffnen können. Die Gedanken der Philosophie standen vor mir – in einem abstrakten Raum des Denkens, für den meine Denkkraft nicht ausreichend war. Ich suchte eine Antwort auf die Fragen des Lebens, meines Lebens, die aus meiner totalen Existenz heraus gegeben wurden, die meinen Geist, mein Gemüt, meinen Willen gleichermaßen angingen.
In dieser Zeit griff der Tod in mein Leben ein. Mein ältester Bruder starb. Ich stand vor einem Totenantlitz, über dem Reinheit lag, Größe, der Abglanz eines Offenbar-geworden-Seins einer anderen Dimension, die uns Lebende in ehrfürchtige Entfernung rückte. Vor der Hoheit dieser Verwandlung mußte alle Traurigkeit verstummen, der Maßstab der eigenen Trauer entwertete sich vor der Erhöhung durch den Tod. Aber die Frage ließ mich nicht mehr los:
Was ist der Tod? Wohin führt er uns? Was wird er mir bedeuten? Wie soll ich mich auf ihn vorbereiten?
Ich hatte nicht lange Zeit, der Frage nachzugehen. Wieder stand ich vor dem Totenantlitz eines Menschen, mit dem ich aufs innigste verbunden war. Ich sah in ein vom Kampfbeschädigtes, zerwühltes und zerrissenes Gesicht, in dem das jähe Entsetzen, die Qual des Sterbens eingegraben war. Der Tote war einem Mord zum Opfer gefallen. In meine trostlose aufgewühlte Verzweiflung hinein stellten sich jetzt wie Felsblöcke die Fragen: Was hat es mit dem Tod auf sich? Bleibt er derselbe, auch wenn das Sterben ein anderes ist? Was ist der Tod?
Ich faßte jetzt zum erstenmal den Plan, nach Japan zu gehen, um einen Eingang in das Zen zu suchen. Aber bevor die Verbindungen, die ich aufnahm, mir die Wege nach Japan öffneten, sollten weitere zwei Jahre vergehen. Ich versuchte, mein inneres Gleichgewicht in einer neuen Arbeitsgemeinschaft mit einem jüngeren, hochbegabten Arzt wiederzufinden. Der viel Jüngere erlitt einen Herzinfarkt. In drei Tagen und Nächten kämpfte ich mit Freunden um sein Leben. Wieder erlebte ich den Tod. Diesmal stand ich daneben, als er kam. Er ergriff einen Erfahrenen, der wissend und bewußt seinen Todeskampf und ohne ein Wort der Klage seine große Todesangst bestand. Er starb, wie er gelebt hatte, ein wissenschaftlich Denkender, der bis zur letzten Minute seine Anweisungen gab, um dem Tod überlegen zu bleiben. Jetzt griff ich endgültig die Fäden auf, die nach Japan führten und in das Zen. Im Inneren gleichgültig, skeptisch, sachlich, ohne jede Bereitschaft zu glauben, kam ich zum Zen.
Wer ist, wo ist, was ist Buddha?

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Mit dieser Aufgabe stand ich vor dem Tor zum Zen. Gab es ein Tor darin? Ich begriff, daß alles, was ich bisher über Zen gelesen hatte, mir das Wesentliche nicht hatte erschließen können. Ich fand keinen Zugang zu der Aufgabe, mehr noch, ich wich vor ihr zurück.
Wer ist Buddha? Hatte mir Buddha jemals mehr bedeutet als Christus? Ich sah in Buddha wie in Christus und Mohammed die großen Führer der Menschheit, die Wegweiser und Wegbereiter in die Menschwerdung des Menschen, ich verehrte in ihnen den vollkommenen Ausdruck des Menschlichen, ohne aber an ihre göttliche Sendung im Sinne einer göttlichen Inkarnation glauben zu können. Was war gemeint mit dieser Aufgabe? Sollte ich in ihr Christus mit Buddha ablösen? Ich war zum Zen gekommen, um Zen zu studieren. In vollem Ernst, mit bestem Wollen, aber in der kritischen Haltung eines Prüfenden, der gewillt ist, sowohl Inhalte und Werte der unbekannten Disziplin wie auch die eigenen Erfahrungen einer nüchternen Prüfung zu unterziehen. Es war die Einstellung eines Europäers zu einem neuen Wissensgebiet.
Ich gab diese Einstellung schon in der Anfangszeit meiner Einführung in das Zen auf. Aus den ersten Erfahrungen des Übens heraus hatte ich begriffen, daß es im Zen nur ein Entweder-Oder geben kann, einen totalen Einsatz ohne Vorbehalte und Rückhalte. Wer sich zu diesem Einsatz nicht bereit erklärt, übt nicht Zen, sondern macht ein psychologisches Experiment. Das aber ist eine blasse Torheit, gemessen an Zen.
Diese Einsicht gab mir Mut. Ich wandte mich mit ausschließlichem Bemühen meiner Aufgabe zu, alle Gedanken darüber fallenlassend. Es gelang mir, still zu sein. Nach einiger Zeit des Übens versank auch die Aufgabe. Plötzlich, wie wenn mich ein Blitz getroffen hätte, stand die Frage in mir da: Wer bin ich? Ich glaubte, dieses sei die Antwort. Noch niemals bisher war ich im Üben in diesem Bereich des Versunkenseins angekommen, ich hatte eine Berührung gehabt mit einer Tiefe in mir, die mich auf eine unerklärliche Weise glücklich machte. Ich bat Ueda, mit mir zum Sanzen zu gehen. Der Meister hörte meine Antwort. Er begriff sofort, daß diese Aufgabe meinem damaligen Zustand nicht entsprach. Er gab mir eine neue Aufgabe. Sie lautete:
«Wie kannst du den Glockenklang, indem er läutet, zum Stillstand bringen? Wörtlich: bis die klingende Glocke zum Stillstand gebracht ist, nur sitzen, auf daß alles andere als der Glockenklang abstirbt.» Ueda sagte: «Wenn du die Lösung gefunden hast, sollst du wieder zum Meister kommen. Aber wenigstens einmal bis zum Ende dieser Übungszeit. »
Die neue Aufgabe brachte mich in einen Aufruhr, der wie ein Taifun in mir wütete. Mein Intellekt rannte, bildlich gesprochen, mit dem Kopf gegen die Wand der Aufgabe an, besessen, eigenmächtig und gleichermaßen tief ohnmächtig. Ich stand in mir in einer Finsternis ohnegleichen, in der ich hilflos umherzuirren begann. In meiner Verzweiflung fing ich an zu spekulieren. Was ist eine Glocke? Materie. Was ist Klang? Schwingung der Materie. Kann ich den Klang im Klingen zum Stillstand bringen, wenn ich die Materie zerschlage? Ich geriet in eine Bedrängnis, die mich wie ein Schraubstock umklammert hielt, ich wußte nicht mehr ein noch aus. Bis ich mich mit einer Willensanstrengung, die mir den Schweiß aus den Poren trieb, von allen diesen intellektuellen Überlegungen frei machte. Ich saß und horchte nur noch in mich hinein, tief erschöpft. Ich versuchte, die Glocke in mir zu hören. Wieder spannte ich meinen Willen bis zum äußersten an, sie wirklich zu hören. Mit allem Willen, den ich aufzubringen vermochte, unterdrückte ich die Gedankenfetzen, die durch mein Gehirn schossen, die Gefühle, die mich wie krächzende Raben verhöhnten, meine Empfindungen, Unruhe, Widerstand, Aufruhr. Endlich wurde ich still. Ich glaubte, nach Stunden harten Bemühens, den Glockenklang in mir zu hören, und dann versank auch dieses Hören. Ich ging wieder zum Sanzen. Ueda sagte laut vor dem Meister meine Aufgabe, ich antwortete sofort darauf: «Mein Ich hörte nicht mehr, da war die Glocke still.»
Der Meister sagte mit großer Strenge:
«Komme nicht mit Erklärungen, bringe mir den Zustand, in dem du nichts mehr hörst. Werde eins mit dem Glockenklang. »
Die Antwort des Meisters traf wie ein Schwerthieb genau in die Nahtstelle. Ich fühlte mich aus einem Im-Kreis-Herumirren erlöst, aus einem intellektuellen Kerker befreit. Die Antwort hatte mir die Tür geöffnet in die Dimension, aus der heraus die Aufgabe gestellt worden war und in die hinein die Aufgabe mich führen sollte. Zu beiden mußte ich mich neu zurückfinden, zum Hören und zum Nicht-mehr-Hören.
Hatte ich jemals den Klang einer Glocke wirklich gehört? Unmittelbar, mit der Offenheit meines Wesens? Einer Offenheit, in der es weder Vorstellungen noch Gefühle, weder Verstand noch Wissen gab, sondern nur Realität? Hatte ich den Klang einer Glocke so gehört, daß ich mit dem Klang eins werden konnte? War nicht zu viel in mir davorgestellt? Konnte ich die Gewichte, an denen ich trug, von mir abschütteln, konnte ich aus den Abstraktionen des Verstandes herausfinden in die Offenheit des Lebens, in eine Leere, in der jede Lebensäußerung zu einem schöpferischen Impuls wird?
Wie konnte ich diesen Weg finden? Im Sitzen und wieder Sitzen? Ich betrat die erste Stufe auf diesem Weg. Die Glocke hören wollen, welcher Irrtum! Sich öffnen, an nichts mehr festhalten, zur Glocke werden, mit der Glocke eins werden?
Unsagbar zögernd dämmerte in mir ein Begreifen herauf, was es mit diesem Einswerden auf sich hat. Die Totalität des Lebens. Eine Totalität, die nur im Einswerden mit dem Ursprung in sich selber Wirklichkeit werden kann. Darum gibt es für den Zen-Übenden nur eine Richtung, ein Ziel in seinem innersten, konzentrierten Bemühen: die unbewegte Mitte, den Ursprung.
Er ist das Licht, auf das der Übende zugeht. Mag er sich noch so tief verbergen in einer Tiefe, die unauslotbar, unergründlich und unerreichbar sich auftut – die Gewißheit dieses Ursprungs in sich selber als das Wesen und Wesentliche seiner Existenz und der Existenz alles Lebens zwingt den Übenden, durch alle Zweifel und Verzweiflung hindurch an seinem harten Bemühen festzuhalten. Sein Ich, das Bewußtsein seines eigenen Ich wird substanzlos auf diesem Weg. Die inneren Kämpfe und Auseinandersetzungen mit dem eigenen Ichbewußtsein, mit seiner intellektuellen Vormachtstellung im Lebensgefühl, mit seinen Ansprüchen an das Individuum, seine Auflehnungen und Widerstände gegen einen Einschmelzungsprozeß, werden in der Zen-Schulung von vornherein an die Peripherie des inneren Geschehens gerückt.
In der äußersten Konzentration auf die Mitte bleiben die Stimmen des Ichgefühls gleichermaßen ohne Resonanz, sie werden gehört und nicht mehr gehört, ohne Bejahung und ohne Ablehnung, bis sie in sich selber zerfallen. Sie sind die Wolken, die über den Himmel ziehen und die Sonne verdunkeln, aber die Existenz der Sonne niemals berühren können. Wie sollte ich als Europäerin diesen ungeheuerlichen Verzicht leisten können? Konnte ich diesen Schritt, die Aufgabe meines Ichs, tun, ohne damit den europäischen Boden meiner Herkunft zu verleugnen, ohne meine Wurzeln aus dem europäischen geistigen Boden zu lösen?
War ich nicht wie jeder im Westen Beheimatete im Denken und im Leben tief verwurzelt in dem Bewußtsein von der Einmaligkeit meiner individuellen Existenz? War nicht mein Ich der Ausdruck dieser Einmaligkeit? Galt nicht im Westen als höchster Ausdruck der individuellen Entwicklung die Persönlichkeit?
Ich wußte, ich stand vor einem Kampf mit mir selber, der an die Wurzeln meiner Existenz rührte. Würde ich ihn bestehen? Der Meister hatte gefordert: «Bringe mir den Zustand, in dem du nichts mehr hörst. Werde eins mit dem Glockenklang. » Ueda-san sagte mir auf meine Frage, was es mit einem solchen Zustand auf sich habe: «Wir haben im Japanischen ein Wort: Tai-toku. Tai heißt Körper, und toku heißt greifen und gleichzeitig das Gegriffene bereithalten im Leib.»
Die uralte Weisheit des Ostens eröffnete sich vor mir in dieser Erklärung. Körper und Geist sind für den östlichen Menschen eine konkrete Einheit. Im Osten ist der Mensch in seiner Gestalt, wie alles Geschaffene, eine Einheit von Materie und Geist-Bewußtsein. Das eine ist untrennbar vom andern. In Materie und Geist als Einheit manifestiert sich das Leben schlechthin. Eine Trennung in Körper und Geist ist für den Osten eine Abstraktion des Verstandes.
Zum erstenmal, seit ich Zen übte, geriet ich jetzt in eine Auseinandersetzung mit der christlichen Weltanschauung. Nach der christlichen Lehre ist der Mensch von Geburt an hineingestellt in den Kampf zwischen Gut und Böse, in den Gegensatz des Tierhaft-Triebhaften seines Fleisches und der höheren Vernunft seines Menschentums. Einen Gegensatz, den Paulus so ausdrückt: «Das Gute, das ich tun will, das tue ich nicht, aber das Böse, das ich nicht tun will, das tue ich.»
Aus diesem steten Kampf erwächst das Schuldgefühl des Christen, seine Entzweiung mit dem Leben, seine Verstrickung in Schuld und Sühne. Auch ich fühlte mich darin gebunden. Über den Koan brachen die ersten Strahlen eines übergöttlichen Weltgedankens in mich ein, in die Welt der Gegensätze in mir, in den Kampf um Gut und Böse.
Der Gedanke einer Einheit von Materie und Geist, zum erstenmal aus dem Raum des abstrakten Denkens hineingenommen in den Erfahrungsbereich meiner inneren Welt, tat sich mit ungeheurer Weite vor mir auf. Die Welt des persönlichen Gottes, des Vater-Kind-Begriffes im christlichen Glauben, brach jetzt endgültig in mir zusammen. Ich stand vor dem Nichts – und ich fürchtete mich sehr.
Fragen kamen und blieben ohne Antwort:
Wenn der Mensch unverletzbar bleibt in seinem Ursprung, was ist dann Sünde? Was ist Schuld? Wie können wir richten, über Gut und Böse entscheiden? Was berechtigt uns, ethische Forderungen aufzustellen? Warum leben wir, wenn dieses Leben über nichts entscheidet, wenn wir sind, wie wir sind, und aus diesem Leben wieder hinausgehen, wie wir sind?
Ich legte diese Fragen still auf das Wandbrett und übte Sitzen.
Eine Periode kam, in der ich michjeden Intellekts beraubt fühlte, in der ich jede Fähigkeit zu denken verloren hatte.

aus Lies Groening, Die lautlose Stimme der einen Hand, Zen-Erfahrungen in einem japanischen Kloster