Freitag, 14. Dezember 2012

Burnout für Anfänger



7 exklusive Tips für den Kollaps

1. Setzen Sie sich ehrgeizige Ziele!
Der Zweitbeste ist erster Verliererl Darum: Überflügeln Sie allel Machen Sie es allen (!) recht und machen Sie alles (!) perfekt! Geben Sie sich nicht mit 100% und schon gar nicht mit weniger zufrieden! Setzen Ihre Tages-, Wochen- und Lebensziele qualitativ und quantitativ so, daß das Scheitern bereits in der Planung vorprogrammiert ist!

2. Üben Sie exzessiv Selbstkritik!
Das Gefühl, unfähig zu sein, kennen Sie sicher (spätestens, wenn Sie an Ihren hohen Zielen scheitern). Pflegen Sie es! Je öfter, umso besser! Verzeihen Sie sich keine Fehler! Konzentrieren Sie sich auf Ihr Versagen! Und glauben Sie nicht den Nieten, die Ihnen zu mehr Selbstbarmherzigkeit und Gelassenheit raten!

3. Sagen Sie stets und bereitwillig „Ja“!
Daß andere mit Ihren Bitten an Sie herantreten, zeigt, wie wichtig Sie sind! Sie werden gebraucht! Lassen Sie niemanden hängen! Selbst dann nicht, wenn Sie andere Dinge dafür liegen lassen müssen. Denken Sie daran: Mit einem "Nein" – und sei es noch so freundlich – setzen Sie jede Beziehung auf Spiel!

4. Achten Sie immer auf eine gute Erreichbarkeit!
Lassen Sie sich von Ihrer Neugier oder Ihrem schlechten Gewissen leiten! Ihr Mobiltelefon ist hierbei ebenso hilfreich wie das Abrufen geschäftlicher Mails vom heimischen PC aus! Achten Sie darauf, daß Sie rund um die Uhr – spät abends, am Wochenende und im Urlaub – greifbar sind! Ohne Sie geht’s nicht! Abschalten können Sie im Jenseits!

5. Opfern Sie Ihr Privatleben für die Karriere!
In Ihrer Zeit- und Lebensplanung sollte der Job oberste Priorität genießen. Investieren Sie alles für Ihr Weiterkommen! Verausgaben Sie sich beruflich so stark, daß Sie nach Feierabend und am Wochenende keine Kraft mehr für Familie, Freunde und Hobbys haben! Die so wachsende Unzufriedenheit (z.B. in Ihrer Familie) wird den Kollaps beschleunigen!

6. Konzentrieren Sie sich aufs Geldverdienen!
Nicht qualitativ hochwertige Zeit wünscht sich Ihre Frau von Ihnen, sondern ein schönes Auto! Auch Ihre Kinder werden angesichts eines voll finanzierten Studiums eines Tages verstehen, weshalb Sie so gut wie nie für sie da waren. Also: Klotzen Sie ran! Gerade in Finanzkrisen zeigt sich, daß die „hohe Kante“ nie hoch genug sein kann.

7. Verzichten Sie auf Sport und gesunde Ernährung!
Um gesund alt zu werden, müssen Sie nicht zwingend auf Ihre Gesundheit – weder körperlich, noch seelisch – Rücksicht nehmen! Achten Sie nur darauf, daß Sie sich für einen Job mit gutem Einkommen aufreiben. So können Sie sich in ein paar Jahren jede Reha-Maßnahme leisten!

Wir wünschen Ihnen viel Glück!
... und für den Fall, daß Sie doch nicht so enden wollen, sind wir gern für Sie da!
 © http://www.burnout-fachberatung.de
siehe auch:
- Klinikkonzept für Burnout-Patienten aus Helferberufen (Erwin Schmitt, Bundesfachtagung Mainz, Baff-Zentren, 16.12.2011)
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Donnerstag, 13. Dezember 2012

Passivität


Stufen der Abwertung („Passives Denken”)

Lehrer: ,,Ich bin empört, daß ihr Karl gestern so brutal geschlagen habt.
Ich erwarte, daß ihr zu ihm geht und das wieder in Ordnung bringt!”
Schüler: „Worüber regen Sie sich eigentlich auf? Da war doch gar nichts los!”
Schüler: „Der soll sich bloß nicht so anstellen. Die paar Knuffe können doch gar nicht weh getan haben!”
Schüler: „Der blöde Schnacker hält doch nie seine Klappe, wenn er nicht ab und zu was drauf kriegt!”
Schüler: „Ja, wenn der sein Maul aufreißt, kann ich nicht anders, als ihm eine zu verpassen!”

Beispiele wie dieses erleben wir häufig in ganz alltäglichen Gesprächen:
Jemand spricht ein Problem an, und zwar eines, das wirklich existiert. Die anderen sehen das Problem nicht oder bewerten es anders. Kennzeichnend sind Äußerungen wie: „Ich weiß gar nicht, wovon du redest!”, oder: „Nun machen Sie mal nicht gleich aus einer Mücke einen Elefanten”, oder: „Sie haben ja vielleicht recht, aber da kann man nichts machen, ich habe schon alles versucht.” Bleibt es dabei, reden die Beteiligten aneinander vorbei, da sie von unterschiedlichen Ebenen des Problembewußtseins ausgehen. In unserem Beispiel werden durch die verschiedenen Reaktionen vier Stufen erkennbar, denen jeweils eine Leugnung bzw. Abwertung von bestimmten Aspekten der Realität entspricht:

Stufe 1: Der Schüler bestreitet, daß überhaupt ein Problem existiert.
Die typische Äußerung auf dieser Stufe: Ich weiß nicht was du hast da war (ist) doch nichts!
Stufe 2: Der Schüler spielt die Bedeutung des Problems herunter.
Typische Äußerung: Das macht doch nichts, das spielt doch weiter keine Rolle!
Stufe 3: Der Schüler behauptet, das Problem sei nicht vermeidbar bzw. nicht anders lösbar. Typische Äußerung: Da kann man nichts (anderes) machen!
Stufe 4: Der Schüler sieht keine Möglichkeit, sich persönlich anders zu verhalten, um das Problem zu lösen bzw. zu vermeiden. Typische Äußerung in diesem Fall: Ich kann das nicht (anders).

Allen diesen Reaktionen liegt eine Leugnung bzw. Abwertung von Aspekten der Realität zugrunde. Wir sprechen hierbei von passivem Denken. Es ist der Nährboden für einen unproduktiven Umgang mit Problemen, also für passives Verhalten, und zugleich eine Quelle für Blockierungen und Mißberständnissen in der Komunikation. Passives Denken zeigt sich in Strategien, die uns aus alltäglichen Gesprächssituationen vertraut sind: übersehen, vergessen, vermeiden, nicht wichtig nehmen, herunterspielen, bagatellisieren, bestreiten, leugnen usw.
Wenn wir das Gefühl haben, aneinander vorbeizureden, liegt es oft dar an, daß unser Gegenüber sich in Bezug auf das Thema, um das es geht, auf einer anderen Stufe des Problembewußtseins befindet. So hat es natürlich keinen Sinn, Lösungsmöglichkeiten oder gar Schritte persönlicher Veränderung anzusprechen, wenn unsere Geprächspartner das Problem als solches oder seine Bedeutung nicht sehen (wollen). Im Eingangsbeispiel läuft der Impuls „ … daß ihr das wieder in Ordnung bringt!” völlig ins Leere, solange sich die Angesprochenen auf einer der Abwertungsstufen 1 – 3 befinden. Erst wenn sie das Problem sehen, als bedeutsam anerkennen und Verhaltensalternativen in Betracht ziehen, hat es Sinn, mit ihnen über eine Lösung bzw. Veränderung zu reden.
Dieses Konzept des passiven Denkens mit den vier Stufen und den genannten Differenzierungen ermöglicht eine gute Diagnose darüber, wo jemand sich in Bezug auf den Umgang mit einem Problem befindet.
Am weitesten entfernt von einem konstruktiven Umgang mit Problemen sind Menschen, die nicht einmal Stimuli wahrnehmen, die auf eine Schwierigkeit hinweisen (zum Beispiel den Lärm einer randalierenden Klasse nicht hören, berechtigten Ärger in einer entsprechenden Situation nicht fühlen, Scherben auf dem Schulhof nicht sehen). Das passive Denken äußert sich hier in regelrechten Wahrnehmungsstörungen. Der Druck, Problemen auszuweichen, ist offenbar so hoch, daß nur mit dem Ausblenden (Verdrängen) der für andere Personen offensichtlichen Realität das innere Gleichgewicht aufrechterhalten werden kann.
Einem konstruktiven Handhaben von Problemen am nächsten sind Personen, die die relevanten Stimuli wahrnehmen und beachten, die Bedeutung von Problemen für sich und andere realistisch einschätzen, unterschiedliche Handlungsweisen alternativ in Betracht ziehen und die im Hinblick auf eine gegebene Situation angemessenste Möglichkeit wählen können.
Mit Hilfe dieses Konzepts ist in einem problembezogenen Gespräch und auch in einer längerfristigen Arbeit mit Gruppen oder einzelnen eine gute Erfolgskontrolle möglich. Als bemerkenswerter Erfolg zu werten ist es, wenn jemand sich deutlich und stabil von Stufe 1 (Leugnung der Existenz des Problems) zu Stufe 4 (Leugnung der persönlichen Fähigkeit) entwickelt und auf dieser Ebene weiterarbeitet. Umgekehrt deutet sich eine ineffektive Entwicklung an, wenn jemand am Ende eines Gesprächs, das bereits nahe an einer Lösung zu sein schien, äußert: „ … eigentlich ist das alles doch nicht so schlimm!” – es sei denn, diese Äußerung beruht auf einer durchdachten Neubewertung des Sachverhalts.



Aus diesen Überlegungen heraus lassen sich einige Regeln zum Umgang mit passivem Denken ableiten:

1. Versuchen Sie einzuschätzen, auf welcher Stufe des passiven Denkens Ihr Gegenüber argumentiert. 


2. Setzen Sie auf dieser Stufe an und geben Sie Unterstützung dabei, die anderen Stufen bis zu einer ungetrübten Sicht der Dinge zu durchschreiten. 


3. Hilfreich ist es, die Partner mit Aspekten zu konfrontieren, die sie auf der jeweiligen Stufe ausblenden – nicht etwa ein oder zwei Stufen weiter. 


4. Wenn eine zu große Divergenz im Problembewußtsein erkennbar wird, prüfen und entscheiden Sie, ob es sinnvoll ist, in der gegebenen Situation das Gespräch weiterzuführen. 


5. Beachten Sie, ob die am Ende des Gesprächs erreichte Stufe aufrechterhalten wird. 


6. Bei einem Rückschritt überlegen Sie, ob Sie selbst durch zu forsches Vorgehen Anlaß für Widerstand geboten haben könnten.


Passives Verhalten

Das Abwerten ist ein innerer Prozeß, den wir als solchen von außen nicht direkt erkennen können. Er manifestiert sich jedoch in bestimmten Sichtweisen, die uns in den Äußerungen unserer Gesprächspartner deutlich werden. Passivität (im Sinne von Vermeiden oder unproduktivem Umgehen mit Problemen) wird freilich auch auf der Verhaltensebene und damit konkret und unmittelbar sichtbar.
Die offensichtlichste Form passiven Verhaltens ist das Nichtstun angesichts eines bestehenden Problems oder einer zu lösenden Aufgabe. Anstatt die Energie für die Problemlösung einzusetzen, wird sie in die Vermeidung von Aktivität investiert. Bisweilen genießt es die Person mit einem gewissen Triumph, den Prozeß zu blockieren und die anderen „zappeln” zu lassen. Oft aber fühlt sie sich selbst unbehaglich und spult eine Menge Phantasien ab ( … was alles Schlimmes passieren könnte, was die anderen jetzt über sie denken; manchmal auch: was sie im Grunde Tolles zustande bringen könnte, wenn sie nur … ). Die anderen Beteiligten fühlen sich in der Regel ebenfalls unbehaglich. In gewisser Weise findet ein stummer Kampf darum statt, wer es länger aushalten kann – und meistens „gewinnt” die passiv(st)e Person: Die anderen werden aktiv und übernehmen Verantwortung für die passive Person und die Lösung des Problems. Das zu erreichen, ist die heimliche Absicht allen passiven Verhaltens.
Eine scheinbar aktive und deshalb oft nicht erkannte, bisweilen sogar hoch geschätzte Form passiven Verhaltens ist die Überanpassung. Jemand liest anderen die Wünsche von den Augen oder Lippen ab, sagt stets Ja und Amen und zeigt eine Art von vorauseilendem Gehorsam. Sie ist nicht in Kontakt mit den eigenen Bedürfnissen und Zielen, sondern versucht, ständig das zu tun, was sie für die Erwartung der anderen hält, und überprüft dabei nicht einmal, ob es das ist, was diese wollen. Von anderen wird diese Haltung oft geschätzt oder sogar unterstützt, da sie als hilfreich und pflegeleicht erlebt wird. In der Überanpassung ist von allen passiven Verhaltensweisen am meisten Denken enthalten – wenn auch kein eigenständiges. Der Haken dabei ist, daß Personen in der Überanpassung keine Verantwortung für ihr Handeln und dessen Folgen übernehmen: „Aber Sie haben doch gesagt … ; ich hatte Sie so verstanden, daß ich … tun sollte”. Dieses Verhalten bringt häufig Ihrem Gegenüber, (“Da habe ich genau getan, was Sie mir geraten haben, und nun sehen Sie, was dabei herausgekommen ist!”), bisweilen aber auch Ihnen selbst am Ende Ärger ein („Hören Sie endlich auf mit Ihrem Ja und Amen!”).
So liegt es in der Natur der Überanpassung, daß keine aus der Sicht der betreffenden Person stimmige und für sie passende Problemlösung stattfindet. Probleme werden nur scheinbar gelöst, aber es bleibt ein ungutes Gefühl zurück, da eine wirkliche Auseinandersetzung, die oft zu einer echten Lösung gehört, nicht stattgefunden hat.
Zu den passiven Verhaltensweisen zählt auch eine andere Form von scheinbar hoher Aktivität: Zielloses, ungerichtetes, ruheloses Tun und Treiben, das in der Regel nicht zu Ende gebracht wird, auf jeden Fall aber nicht das diesem Verhalten zugrunde liegende Problem löst. Wir nennen dieses Verhalten Agitation. Agitation zeigen Personen, die sich mit ihrer Situation oder Aufgabe sehr unbehaglich fühlen und ihre Spannung abzufackeln versuchen. Anzeichen dafür sind zum Beispiel ruheloses Hin- und Herlaufen, nervöses mit den Fingern trommeln, im Haar oder Bart zwirbeln. Bisweilen ist Agitation schwer erkennbar. Sie kann auch vorliegen, wenn jemand viele Fragen stellt (ohne mit den Antworten etwas anzufangen oder ihnen überhaupt zuzuhören), immer neue spontane Einfälle äußert (statt sie von einem bestimmten Punkt an zu entfalten und in Zusammenhang zu bringen), unzählige Brief- oder Buchanfänge schreibt und wieder zerknüllt (mit dem illusionären Ausblick, daß es immer noch nicht so ist, wie man schreiben will und kann). Ein typisches Argumentationsmuster zur Rechtfertigung von Agitation ist es, Dinge, die zu tun sind, mit dem Gedanken zu verzögern: „Bevor ich dieses Problem erfolgreich anpacken kann, muß ich zuerst noch … “ Agitation ist mehr auf Energieabfuhr als auf Problemlösung gerichtet. Klares Denken fehlt, die Person erlebt sich als verwirrt und hofft, daß das Problem sich löst, indem sie irgendetwas tut.
Oft durchlaufen Menschen im Umgang mit bestimmten Problemen mehrere Stufen passiven Verhaltens.
Ein Beispiel:
Ein Student hat eine Hausarbeit anzufertigen, das Thema reizt ihn, der Termin läßt ausreichend Zeit. Er fängt sogleich an, emsig Material zu sammeln, insbesondere Forschungsbeiträge des Professors, der ihm das Thema stellte (Überanpassung). Nach wenigen Tagen hat er sich einen ganz ordentlichen Apparat zusammengestellt und könnte loslegen – gönnt sich jetzt aber erst einmal eine ausgiebige Ruhepause und schiebt den Beginn der eigentlichen Arbeit vor sich her (Nichtstun). Von Tag zu Tag wächst nun sein Unbehagen, er erlebt erste Anflüge von Panik und sagt sich jeden Abend: „Morgen muß ich aber unbedingt anfangen!” „Deshalb” räumt er erst einmal sein Zimmer oder auch die ganze Wohnung gründlich auf, geht „vorausschauend” einkaufen. Dabei fallen ihm weitere Dinge ein, die er vorher noch unbedingt erledigen muß (Agitation). Schließlich wirft er beim Aufräumen „aus Versehen” wichtige Arbeitsunterlagen in den Müll, arbeitet Tag und Nacht durch, schwächt seinen Körper durch den Konsum von Unmengen Koffein und Nikotin und strapaziert auch seine Umgebung aufs äußerste. Entweder bricht er zusammen und erzwingt sich so die Fürsorge der anderen und die Nachsicht seines verehrten Professors, oder er schafft es gerade noch, mit Hilfe einiger eilends zusammengetrommelter Freunde und ist letztlich sogar noch stolz darauf, daß in so knapper Zeit kaum jemand vor ihm eine solche Arbeit bewältigt hat.
Dieses Beispiel zeigt in der letzten Phase der Eskalation den Übergang zur vierten Form passiven Verhaltens, die wir Gewalt bzw. sich oder andere unfähig machen nennen. Dazu zählt im weitesten Sinne jedes Verhalten, mit dem wir uns selbst, andere oder Sachen verletzen bzw. schädigen und uns damit unfähig machen, ein Problem zu lösen. Neben direkten Formen aggressiven Verhaltens gegen andere Personen oder Sachen gehören hierzu auch die vielfältigen Formen von Autoaggression (zum Beispiel Nägelkauen, Alkohol- und Drogenkonsum, risikoreiches, schnelles Fahren etc.) sowie die Bildung psychosomatischer Symptome als Reaktion auf unbewältigte Konflikte oder als Mittel, um ängstigenden Situationen auszuweichen.
Gewalt in diesem Sinne zeigen Personen, die glauben, „es” nicht mehr aushalten zu können. Sie setzen sich selbst oder andere außer Gefecht, zeigen kein eigenes Denken und keine Verantwortlichkeit mehr und zwingen so andere Personen, einzugreifen und Verantwortung zu übernehmen. Ganz deutlich wird dies bei Alkohol- oder Drogenabhängigkeit.
Vorsichtig sollte man allerdings damit sein, jegliches Mißgeschick oder jedes körperliche Symptom vorschnell als passives Verhalt zu zu interpretieren. Bei wiederholtem Auftreten ist es freilich angezeigt, sich selbst oder andere mit der Frage zu konfrontieren, ob man auf diese Weise einem Problem ausweicht, das man glaubt, nicht lösen zu können.
Wichtig ist die Frage, wie man passives Verhalten erkennt. Zwar gibt es eine Reihe von Verhaltensweisen, die so eindeutig passiv sind, daß es auch für ein ungeschultes Auge offensichtlich ist. Auf der anderen Seite gibt es einen fast unmerklichen Übergang zu Situationen und Verhaltensweisen, in denen es doch „ganz verständlich ist, daß jemand nicht anders konnte” oder in denen man „ihr doch nun wirklich keinen Vorwurf machen kann”. Ein brauchbares Kriterium dafür, daß passives Verhalten vorliegt, ist es, wenn man sich in eine „Symbiose” gelockt sieht, in der man sich mit guten Gründen unwohl fühlt. Ziel passiven Verhaltens ist es nämlich, daß jemand anders Verantwortung für die betreffende Person übernehmen soll, die sie im Blick auf Alter, Fähigkeiten und Lebensumständen selbst zu tragen imstande wäre. Wenn das gelingt, wird eine unangemessene Symbiose hergestellt.


Symbiose

Die Symbiose ist ein uns allen aus der Kindheit vertrautes Beziehungsmuster. Wenn wir – als Kinder – noch nicht imstande sind, für uns selbst zu denken und Verantwortung zu übernehmen, da die dafür erforderlichen Ichzustände noch nicht ausgereift sind, benötigen wir die symbiotische Ergänzung durch andere, in der Regel durch unsere Eltern. Sie stellen ihr Erwachsenen- und Eltern-Ich so weit zur Verfügung, wie es im Blick auf unseren Reifungszustand nötig ist. Je weiter wir in unserer Entwicklung fortschreiten, desto mehr lösen wir uns aus der anfänglich notwendigen, gesunden Symbiose. Im günstigsten Fall bekommen wir von unseren Bezugspersonen die ausdrückliche Erlaubnis und Ermutigung, uns von ihnen loszulösen und zugleich das, was wir an Fürsorge, Schutz und Information noch von ihnen brauchen, auf angemessene Weise in Anspruch zu nehmen. Wenn diese Loslösung gut gelingt, gehen wir daraus als Erwachsene hervor, die in der Lage sind, auf eigenen Beinen zu stehen und als selbständige Menschen mit anderen, auch mit den eigenen Eltern, in Kontakt zu treten.
Freilich gibt es auch für Erwachsene Situationen, in denen es in Ordnung ist, symbiotische Wünsche zu haben. Dazu gehören Momente extremer Belastung, in denen wir dazu tendieren, vor allem das Kindheits- Ich zu besetzen, so zum Beispiel bei starker Betroffenheit durch einen Verlust, bei Schock, Unfall, schlimmer Krankheit etc. Sofern dann andere Menschen dafür zur Verfügung stehen, ist es angemessen und sinnvoll, sich für eine Weile trösten und versorgen zu lassen, um das belastende Gefühl durchleben und verarbeiten zu können. Gleichfalls ist nichts dagegen einzuwenden, wenn die Partner in Beziehungen eine ausbalancierte wechselseitige Symbiose eingehen, in der beide Seiten sich angemessen selbst verwirklichen können und sich wohl fühlen.
Davon abzugrenzen ist allerdings die ungute Symbiose, wie man sie in vielen Varianten im Alltagsleben antrifft. (Wenn wir im Blick auf Situationen des alltäglichen Erwachsenenlebens von Symbiosen sprechen, so meinen wir in aller Regel diese Art von Symbiose). Viele Menschen haben sich aus der ursprünglich vielleicht gesunden Symbiose mit ihren Eltern noch nicht vollständig gelöst. So glauben sie unbewußt noch als Erwachsene, nur dann klar kommen und sieh wohlfühlen zu können, wenn sie das vertraute Abhängigkeitsmuster in irgendeiner Weise wieder hergestellt bekommen.
Dafür ein (beinahe) alltägliches Beispiel: Er (47) sitzt im Sessel und wirft ihr wie selbstverständlich die Bemerkung hin: „Ich habe Durst!”. In der Struktur ähnelt diese Äußerung der eines Kindes, das sich noch nicht allein fortbewegen kann und sich sprachlich auf der Stufe der Artikulation einfachster Grundbedürfnisse befindet. Er leugnet, genau besehen, die Fähigkeit, für sich selbst sorgen zu können, und zeigt als passives Verhalten Nichtstun. Erfolg hat er, wenn sie sich seine Selbstabwertung zu eigen macht, ihre eigenen Bedürfnisse abwertet und/oder glaubt, nur dadurch die Beziehung zu ihm stabilisieren zu können (Grandiosität). Wiederholter Erfolg dieses Verhaltens läßt ihn natürlich daran festhalten. Sein „Gewinn” ist vermutlich, neben augenscheinlicher Bequemlichkeit, das Wiedererleben eines angenehmen Versorgtwerdens durch eine mütterliche Bezugsperson, vielleicht auch ein gelegentliches „Ausgeschimpftwerden” mit dem nicht konsequent verfolgten Anspruch, er müsse nun aber endlich mal selbst „in die Puschen kommen”.
Zusammenfassend läßt sich sagen: Passives Verhalten basiert auf einer internen Abwertung, meist verbunden mit einer grandiosen Übertreibung bestimmter Aspekte der eigenen Person, anderer Menschen oder der Situation. Es zielt auf die (Wieder-) Herstellung einer Symbiose, in der andere sich so unbehaglich fühlen sollen, daß sie aktiv werden und Verantwortung übernehmen.


Redefinieren

Der Mechanismus, mit dem passive Menschen das Abwerten bzw. Übertreiben in Transaktionen mit anderen Menschen zur Geltung bringen, ist das Redefinieren, das wir schon im Kapitel über den Bezugsrahmen erläutert haben. Stimuli, die nicht in den eigenen Bezugsrahmen, die festgelegte Meinung über sich, die anderen und die Welt passen, werden so umgedeutet, daß sie das eigene System nicht .in Frage stellen. Die Erwartungen, Nachfragen, Hinweise und Informationen anderer Menschen werden auf diese Weise derart blockiert oder so umgebogen, daß keine Korrektur der eigenen Vorstellungen erforderlich wird und die passive Haltung aufrechterhalten werden kann. Dafür werden tangentiale und blockierende Transaktionen verwendet.
In einer tangentialen Transaktion beziehen sich Stimulus und Reaktion auf unterschiedliche Themen oder verschiedene Aspekte desselben Themas. Besonders tückisch sind die oft fast unmerklichen Verschiebungen auf andere Aspekte ein und desselben Themas. Der Partner glaubt zunächst, eine Reaktion auf seine Aussage zu bekommen, und wird sich nicht oder erst sehr viel später bewußt, daß die redefinierende Person ausgewichen ist. Die Beispiele im Abschnitt „Das Wort im Munde herumdrehen” machen das klar (vgl. Seite 40f.). Zur Verdeutlichung ein Beispiel, bei dem in einer kurzen Antwort von drei Worten gleich drei Redefinitionen stecken:
A: „Was wirst Du tun?”
B: „Man könnte versuchen, … “

B redet nicht in persönlicher Verantwortung, sondern verallgemeinert (von „Du” zu „man”). Er verschiebt die Frage nach seinem tatsächlichen künftigen Verhalten auf die Ebene der Eventualität (von „wirst” zu „könnte”). Schließlich münzt er den Aspekt der Realisation in vages Probehandeln um (von „tun” zu „versuchen”). B entzieht sich damit der von A intendierten Verbindlichkeit, ohne die Frage begründet zurückzuweisen. B kann auf diese Weise passiv bleiben, ohne gegenüber A direkt dazu stehen zu müssen. Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird A – zumindest bei einem entsprechenden Fortgang des Gesprächs – eine gewisse Unzufriedenheit spüren, sich möglicherweise aber nicht klar sein, woran es liegt. Oder aber, A redefiniert im Gegenzug den ausweichenden Aspekt in der Antwort von B zu einer festen Absicht im Sinne der Ausgangsfrage und ist später dann ärgerlich oder enttäuscht, wenn B – wie zu erwarten war – passiv bleibt und nichts ändert.
Gerade die vielfältigen Möglichkeiten tangentialer Transaktionen bieten „versierten Passiven” ein reichhaltiges Feld subtiler Techniken, andere auflaufen oder für sich selbst aktiv werden zu lassen, ohne daß die Betroffenen selbst dies merken. Wenn man einmal darauf achtet, wie die ganz alltägliche Kommunikation von tangentialen Transaktionen strotzt, dann kommt man bisweilen nicht umhin, die – oft unbewußte – Kreativität, die in derartigen Abwehrmanövern entfaltet wird, in gewisser Weise zu bewundern.
In blockierenden Transaktionen wird die Auseinandersetzung mit einem vorgegebenen Thema dadurch vermieden, daß man die Definition des Themas an sich bestreitet bzw. zum Gesprächsgegenstand erhebt.

Zwei Beispiele:
A: „Liebst du mich?”
B: „Was heißt denn Liebe? Da müssen wir erst mal … “

A: „Wie lange brauchst du noch, um damit fertig zu werden?”
B: „Was heißt hier fertig werden? Fertig wird man letztlich nie …“

Diese Art von Transaktionen ist offensichtlicher frustrierend für die anderen Beteiligten und dadurch auch der Wahrnehmung und Bearbeitung leichter zugänglich. Gleichwohl kann sich daraus eine rasche und dramatische Eskalation mit nachhaltigen Folgen ergeben.


Praktische Hinweise

Die Wahrnehmung zu schulen für die vielfältigen Wege des Redefinierens und zugleich über ein Spektrum von Reaktionsmöglichkeiten zu verfügen, ist für die Gesprächsführung von großem Vorteil. Zum Umgang mit und zur gezielten Konfrontation von Redefinitionen gibt es einige sinnvolle Strategien:

1. Beim Thema bleiben, insistieren: Achten Sie darauf, daß Fragen zum Punkt beantwortet werden. Kehren Sie, falls nötig, beharrlich zum Ausgangsthema zurück. Achten Sie auch darauf, daß Äußerungen nicht unmerklich verdreht und in dieser Form zur weiteren Gesprächsgrundlage gemacht werden.
2. Auf die Redefinition eingehen: Durch die Redefinition wird ein neues Thema oder ein neuer Aspekt eingebracht. Sie haben die Wahl, darauf bewußt einzugehen und eventuell Hindernisse für eine gute Kommunikation auszuräumen, um später zu dem ursprünglichen Thema zurückzukehren.
3. Konfrontieren: Sprechen Sie Ihre Beobachtungen direkt an, wenn Ihr Gegenüber hartnäckig in wichtigen Punkten redefiniert. Fragen Sie nach bzw. fordern Sie ihn auf, direkt zu sagen, was er will oder nicht will.
4. Konfrontieren und analysieren: Wenn Ihr Vertrag das erlaubt, können Sie Ihre Beobachtungen nennen und mit der anderen Person zu klären versuchen, ob sie ein altes Muster in der aktuellen Situation wiederholt. („Kennen Sie das, daß Sie so reagieren ?”).

Was ist ansonsten zu tun angesichts von passivem Verhalten und Denken? Vor allem nicht das, worauf es zielt, nämlich unüberlegt die Verantwortung zu übernehmen. Statt dessen empfiehlt es sich, passives Denken und Verhalten zu konfrontieren und Unterstützung dafür zu geben, das verdrängte Problem zu betrachten und die eigenen Ressourcen zu dessen Lösung zu entdecken und einzusetzen.
Das ist natürlich nicht unmittelbar möglich, wenn Gewalt angewendet wird. Hier steht zunächst der Schutz für die Person (vor sich selbst) und für andere Beteiligte im Vordergrund. Bei Agitation und Gewalt wird es oft sinnvoll sein, den Betreffenden, wenn nötig auch massiv, zu stoppen und – durch die Phase der Überanpassung – zum Denken zu bringen. Denn von allen passiven Verhaltensweisen ist in der Überanpassung das meiste Denken enthalten.
Aussichtslos erscheint – im normalen Rahmen – das Gespräch mit Personen, die das Problem leugnen und Gewalt anwenden (zum Beispiel Alkoholiker) oder die nach dem Motto leben: „Macht kaputt, was euch kaputtmacht!” Solche Menschen sind zerstörerisch, da sie nicht an die Wurzeln des Problems gehen, nichts Neues gestalten und den eigenen Anteil übersehen. Bevor ihnen mit den Methoden der Gesprächsführung sinnvoll zu begegnen ist, sind andere Interventionen nötig, die wir hier nicht entfalten können.
Verbreitet sind Verhaltensweisen, in denen ein „harmloser” Gewaltanteil enthalten ist (laut werden, mit der Faust auf den Tisch schlagen, etwas Wertloses an die Wand pfeffern). „Harmlos” sind sie insofern, als niemand regelrecht geschädigt wird. Entlastend daran ist, daß körperliche Spannung ausagiert werden kann, was im Prinzip eine sinnvolle Voraussetzung für eine anschließende Konfliktlösung sein kann, denn Wut „verklebt” das Gehirn. Problematisch ist, daß solches Verhalten oft zerstörerisch auf die Beziehung wirkt, indem es Angst auslöst und die Gefahr der Eskalation in sich birgt, zumal dann, wenn lediglich ausagiert, anschließend jedoch keine konstruktive Lösung angestrebt wird. Besser wäre es, Verabredungen über „Ärgerrituale” (zum Beispiel das „Dampf ablassen”) zu treffen. Dabei ist eine konstruktive Verbindung zwischen Denken, Fühlen und Verhalten anzustreben. (Näheres dazu in BACH und GOLDBERG: Keine Angst vor Aggressionen, 1981).
Insgesamt am wichtigsten ist es, aufmerksam, frühzeitig und konsequent die dem passiven Verhalten zugrundeliegenden Abwertungen zu konfrontieren. Dazu können Sie die Hinweise nutzen, die Sie am Schluß des Abschnitts über die Stufen der Abwertungen finden (vgl. S. 113).

aus Gührs, Nowak, Das konstruktive Gespräch

Montag, 10. Dezember 2012

Daisetz Teitaro Suzuki – Über Zen-Buddhismus




I  Ost und West

Viele Denker des Westens haben, jeder von seinem besonderen Gesichtspunkt aus, das abgenutzte Thema »Ost und West« behandelt, aber soviel ich weiß, gab es nur verhältnismäßig wenige Schriftsteller des Fernen Ostens, die als Vertreter des Ostens ihre Ansichten zum Ausdruck gebracht haben. Deshalb habe ich dieses Thema als eine Art Einleitung zu dem Folgenden gewählt.
Basho (1644-1694), ein großer japanischer Dichter des siebzehnten Jahrhunderts, schuf einst ein Gedicht aus siebzehn Silben, wie es als »Haiku« oder »Hokku« bekannt ist.

»Yoku mireba                         »Wenn ich aufmerksam schaue,
Nazuna hana saku                    Seh’ ich die Nazuna
Kakine kana.«                         An der Hecke blühen!«

Wahrscheinlich ging Basho eine Landstraße entlang, als er etwas bemerkte, das unscheinbar an der Hecke stand. Er näherte sich, sah genau hin und fand, daß es nichts als eine wilde Pflanze war, die recht unbedeutend ist und für gewöhnlich von Vorübergehenden nicht beachtet wird. Es ist eine einfache Tatsache, die in dem Gedicht beschrieben wird, ohne daß dabei ein besonders poetisches Gefühl zum Ausdruck kommt, außer vielleicht in den beiden letzten Silben, die auf japanisch »kana« lauten. Diese Partikel, die häufig an ein Hauptwort, ein Adjektiv oder ein Adverb angehängt wird, drückt ein gewisses Gefühl der Bewunderung, des Lobes, des Leidens oder der Freude aus und kann manchmal in der Übersetzung ziemlich treffend durch ein Ausrufungszeichen wiedergegeben werden. im vorliegenden Haiku endet der ganze Vers mit einem solchen Ausrufungszeichen.
Es ist nicht leicht, dem, der mit der japanischen Sprache nicht vertraut ist, das Gefühl zu vermitteln, das die siebzehn oder vielmehr fünfzehn Silben mit einem Ausrufungszeichen durchdringt. Ich will versuchen, so gut ich kann, es zu erklären. Der Dichter selbst wäre vielleicht mit meiner Interpretation nicht einverstanden; aber das macht nicht viel aus, wenn wir nur wissen, daß es überhaupt jemand gibt, der es so versteht wie ich.
Zunächst war Basho, wie die meisten Dichter des Ostens, ein Naturdichter. Sie lieben die Natur so sehr, daß sie sich mit ihr eins fühlen, daß sie jeden Pulsschlag in den Adern der Natur spüren. Die meisten Menschen des Westens neigen dazu, sich der Natur zu entfremden. Sie glauben, der Mensch und die Natur hätten außer in einigen wünschenswerten Punkten nichts gemeinsam, und die Natur sei nur dazu da, um vom Menschen ausgenützt zu werden. Den Menschen des Ostens jedoch ist die Natur sehr nahe. Dieses Gefühl für die Natur wurde angesprochen, als Basho eine unauffällige und fast unbedeutende Pflanze entdeckte, die an der alten, schäbigen Hecke entlang der abgelegenen Landstraße so unschuldig und anspruchslos blühte und keineswegs begehrte, von jemandem bemerkt zu werden. Und doch, wenn man sie betrachtet, wie zart ist sie, wie voll göttlicher Pracht und Herrlichkeit, die die Salomos weit übertrifft! Ihre Demut, ihre schlichte Schönheit erwecken Bewunderung. Der Dichter kann aus jedem Blütenblatt das Geheimnis des Lebens oder Seins lesen. Vielleicht war sich Basho selbst dessen gar nicht bewußt, aber ich bin sicher, daß sich damals in seinem Herzen ein Gefühl regte, in etwa mit dem verwandt, das die Christen göttliche Liebe nennen und das bis in die Tiefen des kosmischen Lebens reicht.
Die Gebirgszüge des Himalaya erregen in uns vielleicht das Gefühl von Ehrfurcht gegen ihre Erhabenheit; die Wogen des Stillen Ozeans lassen uns an die Unendlichkeit denken. Aber wenn der Geist eines Menschen poetisch, mystisch oder religiös aufgeschlossen ist, fühlt er wie Basho, daß selbst in jedem Grashalm etwas liegt, das über alle gemeinen, niedrigen menschlichen Gefühle hinausreicht und in einen Bereich erhebt, der an Glanz dem Land der Reinheit gleichkommt. Größe hat in solchen Fällen nichts zu bedeuten, in dieser Hinsicht hat der japanische Dichter eine besondere Begabung, in kleinen Dingen etwas zu entdecken, das alle quantitativen Ausmaße übertrifft.
Das ist der Osten. Sehen wir nun, was uns der Westen in einer ähnlichen Situation zu bieten hat. ich wähle Tennyson, der zwar vielleicht kein so typischer Dichter des Westens ist, um ihn zum Vergleich mit dem Dichter des Fernen Ostens heranzuziehen. Aber sein kurzes Gedicht, das ich hier zitiere, ist dem Bashos nahe verwandt. Es lautet:

»Blume in der geborstenen Mauer,
ich pflücke dich aus den Mauerritzen,
Mitsamt den Wurzeln halte ich dich in der Hand,
Kleine Blume – doch wenn ich verstehen könnte,
Was du mitsamt den Wurzeln und alles in allem bist,
Wüßte ich, was Gott und Mensch ist.«

In diesen Zeilen ist zweierlei bemerkenswert:
1. Tennyson pflückt die Blume, hält sie »mitsamt den Wurzeln« in der Hand und betrachtet sie wohl mit Aufmerksamkeit. Höchstwahrscheinlich hatte er ein ähnliches Gefühl wie Basho, als er die Nazuna-Blume an der Hecke am Wegrand entdeckte. Aber der Unterschied zwischen den beiden Dichtern besteht darin: Basho pflückt die Blume nicht, er betrachtet sie nur. Er ist in Gedanken versunken. Er fühlt etwas in seinem Innern, aber er spricht es nicht aus. Er läßt ein Ausrufungszeichen alles sagen, was er sagen will; denn er hat keine Worte; sein Gefühl ist zu voll, zu tief, und er hat nicht den Wunsch, es in Begriffe zu fassen.
Tennyson hingegen ist aktiv und analytisch. Als erstes pflückt er die Blume von der Stelle, wo sie wächst. Er reißt sie aus ihrem Nährboden. Ganz anders als der östliche Dichter läßt er die Blume nicht in Frieden. Er muß sie »mitsamt den Wurzeln« aus der geborstenen Mauer reißen, was bedeutet, daß die Pflanze sterben muß. Offenbar ist ihm ihr Schicksal gleichgültig; seine Neugier muß befriedigt werden. Wie gewisse Mediziner viviseziert er die Blume. Basho berührt die Nazuna nicht einmal, er betrachtet sie nur, er schaut sie »aufmerksam« an, weiter nichts. Er ist vollkommen passiv, ein guter Kontrast zu Tennysons Aktivismus.
Ich möchte diesen Punkt besonders betonen und komme später nochmals darauf zurück. Der Osten schweigt, der Westen ist beredt. Aber das Schweigen des Ostens bedeutet nicht, einfach stumm zu sein und wortlos oder sprachlos zu bleiben. Oft ist das Schweigen ebenso beredt wie ein Wortschwall. Der Westen liebt es, alles in Worte zu fassen. Und nicht nur das, er verwandelt das Wort in Materie und läßt diese Materialität manchmal überdeutlich oder vielmehr allzu grob und sinnlich in seiner Kunst und Religion zum Ausdruck kommen.
2. Was tut Tennyson als nächstes? Er betrachtet die gepflückte Blume, die aller Wahrscheinlichkeit nach zu welken beginnt, und fragt sich: »Verstehe ich dich?« Basho fragt überhaupt nicht. Er fühlt das ganze Geheimnis, das seine bescheidene Nazuna offenbart – das Geheimnis, das bis zum Ursprung aller Existenz reicht. Er ist von diesem Gefühl berauscht und äußert sich in einem unaussprechbaren, unhörbaren Schrei.
Im Gegensatz dazu fährt Tennyson mit seiner Gedankenarbeit fort: »Wenn ich dich verstehen könnte« (ich betone das Wenn), »wüßte ich, was Gott und Mensch ist.« Sein Appell an das Verstehen ist typisch für den Westen. Basho nimmt hin, Tennyson widersteht. Tennysons Individualität distanziert ihn von der Blume, von »Gott und Mensch«. Er identifiziert sich weder mit Gott noch mit der Natur. Er ist stets von ihnen abgesondert. Sein Verstehen ist »wissenschaftlich objektiv«, wie es heutzutage genannt wird. Basho ist durch und durch »subjektiv«. (Das ist kein gutes Wort; denn das Subjekt wird immer einem Objekt gegenübergestellt. Mein »Subjekt« ist etwas, was ich »absolute Subjektivität« nennen möchte.) Basho beharrt auf dieser »absoluten Subjektivität«, mit der er die Nazuna und die Nazuna ihn sieht. Hier gibt es weder Einfühlung noch Mitgefühl und auch keine Identifizierung.
Basho sagt: »Wenn ich aufmerksam schaue.« Das Wort »aufmerksam« deutet an, daß Basho hier nicht mehr Zuschauer ist, sondern daß sich die Blume ihrer selbst bewußt wurde und sich schweigend, beredt ausdrückt. Und diese schweigende Beredsamkeit, dieses beredte Schweigen der Blume wird in menschlicher Ausdrucksweise durch Bashos siebzehn Silben wiedergegeben. Welche Gefühlstiefe, welches Geheimnis des Ausdrucks, ja sogar welche Philosophie der »absoluten Subjektivität« darin liegt, ist nur denen verständlich, die das alles selbst schon erlebt haben.
Bei Tennyson gibt es, soviel ich sehen kann, zunächst keine Gefühlstiefe; typisch für die westliche Mentalität, ist er ganz Intellekt. Er ist ein Verfechter des Logos. Er muß etwas sagen, er muß sein konkretes Erlebnis abstrahieren oder gedanklich verarbeiten. Er muß aus dem Bereich des Gefühls in das des Intellekts treten und das Leben und das Gefühl einer Reihe von Analysen unterwerfen, um die Neugier des westlichen Menschen zu befriedigen.
Ich habe diese zwei Dichter, Basho und Tennyson, gewählt, weil sie zwei charakteristische Arten zeigen, die Wirklichkeit zu betrachten. Basho kommt aus dem Osten und Tennyson aus dem Westen. Wenn wir sie vergleichen, sehen wir, daß jeder die Traditionen seiner Umwelt offenbart. Demnach ist der westliche Geist analytisch, unterscheidend, differenzierend, induktiv, individualistisch, intellektuell, objektiv, wissenschaftlich, verallgemeinernd, begrifflich, schematisch, unpersönlich, am Recht hängend, organisierend, Macht ausübend, selbstbewußt, geneigt, anderen seinen Willen aufzuzwingen, usw. Die Wesenszüge des Ostens können dagegen folgendermaßen charakterisiert werden: synthetisch, zusammenfassend, integrierend, nicht unterscheidend, deduktiv, unsystematisch, dogmatisch, intuitiv (bzw. affektiv), nicht diskursiv, subjektiv, geistig individualistisch und sozial kollektivistisch usw.[1].
Sollen diese charakteristischen Eigenschaften von Ost und West durch Personen symbolisiert werden, muß ich auf Laotse (viertes Jahrhundert v. Chr.), einen großen Denker im alten China, zurückgehen. Ich lasse ihn den Osten vertreten, und das, was er »die Vielen« nennt, den Westen. Wenn ich »die Vielen« sage, will ich meinerseits jedoch nicht dem Westen in irgendeinem abfälligen Sinne die Rolle jener Masse zuteilen, die der alte Philosoph beschreibt.
Laotse ähnelt nach seiner eigenen Beschreibung einem Idioten. Er sieht aus, als wisse er nichts, als berühre ihn nichts. In dieser utilitaristischen Welt ist er praktisch unnütz. Er ist fast ausdruckslos. Und doch ist etwas in ihm, das ihn von einem unwissenden Einfältigen unterscheidet; er gleicht diesem nur äußerlich.
Im Gegensatz dazu besitzt der Westen ein Paar scharfe, durchdringende Augen, die tief in den Höhlen liegen und die Außenwelt überblicken wie die Augen eines Adlers, der hoch in den Lüften schwebt. (Tatsächlich ist der Adler das nationale Symbol einer gewissen westlichen Macht.) Seine scharfgeschnittene Nase, seine dünnen Lippen und die gesamten Gesichtszüge – sie alle deuten auf eine hochentwickelte Intelligenz und eine Bereitschaft zum Handeln hin. Diese Bereitschaft ist mit der eines Löwen vergleichbar. Und in der Tat sind Löwen und Adler die Symbole des Westens.
Tschuangtse im dritten Jahrhundert v. Chr. erzählt die Geschichte von Konton (hun-tun), dem Chaos. Die Freunde des Chaos verdankten ihm vieles von dem, was sie erreicht hatten, und wollten sich erkenntlich zeigen. Sie beobachteten, daß das Chaos keine Sinnesorgane hatte, um die Außenwelt zu unterscheiden. So gaben sie ihm an einem Tag Augen, am nächsten eine Nase, und innerhalb einer Woche vollendeten sie das Werk, es in eine fühlende Person wie sie selbst zu verwandeln. Während sie einander zu ihrem Erfolg gratulierten, starb das Chaos.
Der Osten ist das Chaos, der Westen die Schar jener dankbaren und wohlmeinenden, aber unkritischen Freunde.
Zweifellos erscheint der Osten in vieler Hinsicht dumm und stupide, da die Menschen des Ostens nicht so viele sichtbare und greifbare Zeichen von Intelligenz erkennen lassen. Sie sind chaotisch und scheinbar gleichgültig. Aber sie wissen, daß ihre angeborene Intelligenz ohne diesen chaotischen Zug dem menschlichen Zusammenleben nicht viel nützen würde. Die fragmentarischen Einzelglieder können ohne Bezug auf das Unendliche selbst, das tatsächlich jedem einzelnen der endlichen Glieder zugrundeliegt, nicht harmonisch und friedlich zusammenwirken. Die Intelligenz gehört dem Kopf an; und ihr Wirken ist auffallender und leistet viel, wogegen das Chaos still und stumm hinter aller oberflächlichen Betriebsamkeit verharrt. Seine wahre Bedeutung tritt niemals so stark hervor, daß sie für Beobachter erkennbar würde.
Der wissenschaftlich eingestellte Westen gebraucht seine Intelligenz, um alle möglichen Einrichtungen zu erfinden, um den Lebensstandard zu erhöhen und sich seiner Meinung nach unnötige Arbeit und Plackerei zu ersparen. Er gibt sich daher alle Mühe, die ihm zugänglichen natürlichen Hilfsquellen zu »entwickeln«. Dem Osten hingegen macht es nichts aus, alle möglichen niedrigen und manuellen Arbeiten zu verrichten; er ist offenbar mit dem »unentwickelten« Stand seiner Zivilisation zufrieden. Er möchte nicht dem Maschinendenken verfallen; sich zu einem Sklaven der Maschine machen. Diese Liebe zur Arbeit darf man wohl charakteristisch für den Osten nennen. Die Geschichte eines Bauern, die Tschuangtse erzählt, ist in vieler Hinsicht bezeichnend und vielsagend, obwohl sie sich vor über zweitausend Jahren in China abgespielt haben soll.
Tschuangtse war einer der größten Philosophen des alten China. Man sollte ihn viel mehr studieren, als dies zur Zeit geschieht. Die Chinesen sind nicht so spekulativ wie die Inder und vernachlässigen leicht ihre eigenen Denker. Obwohl die Kenner der chinesischen Literatur Tschuangtse als den größten Stilisten sehr gut kennen, werden seine Gedanken nicht so gewürdigt, wie sie es verdienten. Er war ein hervorragender Sammler von Geschichten, die zu seiner Zeit in Umlauf waren Wahrscheinlich hat er jedoch auch viele Geschichten selbst erdacht, um seine eigenen Lebensansichten zu illustrieren. Hier ist eine Geschichte, die seine Philosophie der Arbeit prächtig veranschaulicht, die Geschichte eines Bauern, der es ablehnte, ein Ziehgestänge zu benutzen, um Wasser aus seinem Brunnen zu heben.
Ein Bauer grub einen Brunnen, um sein Land zu bewässern. Das Wasser trug er in einem Eimer mühsam aus dem Brunnen herauf. Als das ein Vorübergehender sah, fragte er den Bauern, warum er dazu nicht einen Ziehbrunnen verwende; er spare Arbeit und leiste mehr als die primitive Methode. Der Bauer sagte: »Ich weiß, daß er Arbeit spart, und gerade das ist der Grund, warum ich ihn nicht verwende. Ich fürchte, daß man dem Maschinendenken verfällt, wenn man eine solche Einrichtung verwendet, und das führt zu Indolenz und Faulheit.«
Die Menschen des Westens fragen oft, warum die Chinesen nicht mehr Wissenschaften und mechanische Vorrichtungen entwickelt haben. Das ist eigenartig, sagen sie, da doch die Chinesen für ihre Entdeckungen und Erfindungen wie den Magneten, das Schießpulver, das Rad, das Papier und andere Dinge bekannt sind. Der Hauptgrund ist der, daß die Chinesen und andere asiatische Völker das Leben so lieben, wie es ist, und es nicht in ein Mittel verwandeln wollen, etwas zu erreichen, was den Lauf des Lebens in eine völlig andere Bahn lenken würde. Sie lieben die Arbeit um ihrer selbst willen, wenn auch, objektiv gesehen, arbeiten etwas vollbringen heißt. Aber bei der Arbeit freuen sie sich an der Arbeit und beeilen sich nicht, sie zu beenden. Mechanische Vorrichtungen sind wohl wirksamer, sie leisten mehr, aber die Maschine ist unpersönlich und unschöpferisch und hat keinen Sinn.
Mechanisierung bedeutet Verstandesarbeit, und da der Verstand in erster Linie zweckmäßig denkt, hat die Maschine keine geistige Ästhetik und keinen ethischen Geist. Hierin liegt der Grund, der Tschuangtses Bauern veranlaßte, sich nicht der Maschine auszuliefern. Die Maschine drängt uns, die Arbeit zu beenden und das Ziel zu erreichen, für das sie geschaffen wurde. Die Arbeit an sich ist wertlos, außer als Mittel zum Zweck. Das heißt, das Leben verliert hier seine schöpferische Kraft und wird zu einem Instrument, und der Mensch ist nunmehr ein Mechanismus, der Güter produziert. Die Philosophen sprechen von der Bedeutung der Person; wie wir jetzt sehen, ist in unserem hochindustrialisierten und mechanisierten Zeitalter die Maschine alles und der Mensch fast völlig zur Knechtschaft verdammt. Das ist es, glaube ich, was Tschuangtse fürchtete. Natürlich können wir das Rad der Industrialisierung nicht bis zum Zeitalter der primitiven Handarbeit zurückdrehen. Aber es wird gut sein, wenn wir der Bedeutung der Hände eingedenk sind und auch der Übel, die mit der Mechanisierung des modernen Lebens einhergehen, das den Intellekt auf Kosten des Lebensganzen zu sehr betont.
Soviel für den Osten. Nun einige Worte über den Westen. Denis de Rougemont sagt in seinem Man’s Western Quest, daß »der Mensch und die Maschine« die beiden hervorstechendsten Merkmale der westlichen Kultur seien. Das ist bezeichnend, weil der Mensch und die Maschine einander widersprechende Erscheinungen sind und der Westen schwer darum kämpft, sie miteinander in Einklang zu bringen. Ich weiß nicht, ob die Menschen des Westens dies bewußt oder unbewußt tun. Ich möchte nur auf die Art und Weise hinweisen, wie diese beiden heterogenen Ideen gegenwärtig die Gedanken des Westens beeinflussen. Es muß beachtet werden, daß die Maschine zu Tschuangtses Philosophie der Arbeit in Widerspruch steht und daß die westlichen Auffassungen von individueller Freiheit und persönlicher Verantwortung den östlichen Auffassungen von absoluter Freiheit widersprechen. Ich will hier keine Einzelheiten anführen, sondern will nur versuchen, die Widersprüche zusammenzufassen, denen der Westen gegenwärtig gegenübersteht und unter denen er leidet:
1. Mensch und Maschine bilden einen Widerspruch, und wegen dieses Widerspruches steht der Westen unter großer psychologischer Spannung, die sich in verschiedenen Bereichen seines modernen Lebens äußert.
2. Zum Begriff des Menschen gehören Individualität und persönliche Verantwortung, wogegen die Maschine das Produkt von Gedankenarbeit, Abstraktion, Verallgemeinerung, Totalisierung und Kollektivdasein ist.
3. Objektiv, intellektuell oder vom Maschinendenken aus gesehen, hat persönliche Verantwortung keinen Sinn. Die Verantwortung hängt logisch mit der Freiheit zusammen, und in der Logik gibt es keine Freiheit, denn alles wird durch starre syllogistische Regeln beherrscht.
4. Überdies wird der Mensch als biologisches Produkt von biologischen Gesetzen beherrscht. Die Vererbung ist eine Tatsache, die keine Persönlichkeit ändern kann. Ich werde nicht durch meinen eigenen freien Willen geboren. Die Eltern bringen mich nicht durch ihren freien Willen zur Welt. Geburtenplanung hat in Wirklichkeit keinen Sinn.
5. Freiheit ist ebenfalls eine unsinnige Idee. Ich lebe sozial, in einer Gemeinsehaft, wodurch ich in all meinen Bewegungen eingeschränkt werde, und zwar sowohl in geistiger als auch physischer Hinsicht. Selbst wenn ich allein bin, bin ich keineswegs frei. Ich habe alle möglichen Impulse, die ich nicht immer beherrsche. Einige Impulse gehen ohne meinen Willen mit mir durch. Solange wir in dieser begrenzten Welt leben, können wir niemals behaupten, wir seien frei oder handelten, wie wir wollten. Selbst dieser Wunsch ist etwas, das uns nicht gehört.
6. Der Mensch kann von Freiheit sprechen, soviel er mag; die Maschine schränkt seine Freiheit doch so sehr ein, daß sie leeres Gerede bleibt. Der Mensch des Westens ist von Anfang an genötigt, beschränkt, gehemmt. Seine Spontaneität ist keineswegs seine eigene, sondern die der Maschine. Die Maschine hat keine schöpferische Kraft; sie arbeitet nur soweit oder soviel, wie es das, was in sie hineingesteckt wird, ermöglicht. Sie handelt nie als »Person«.
7. Der Mensch ist nur frei, wenn er unpersönlich ist. Er ist frei, wenn er sich verleugnet und im Ganzen aufgeht. Genauer gesprochen, er ist frei, wenn er er selbst und doch nicht er selbst ist. Solange er diesen scheinbaren Widerspruch nicht voll und ganz versteht, steht es ihm nicht zu, von Freiheit, Verantwortung oder Spontaneität zu sprechen. So ist zum Beispiel die Spontaneität, von der die Menschen des Westens, vor allem einige Psychoanalytiker, sprechen, nicht mehr und nicht weniger als kindliche oder tierische Spontaneität und nicht die Spontaneität der voll ausgereiften Persönlichkeit.
8. Maschine, Behaviorismus, bedingte Reflexe, Kommunismus, künstliche Besamung, Automation allgemein, Vivisektion, Wasserstoffbombe – sie alle stehen in innigster Beziehung zueinander und bilden zusammengeschweißte feste Glieder einer logischen Kette.
9. Der Westen bemüht sich, einen Kreis in ein Quadrat zu verwandeln. Der Osten versucht, einen Kreis dem Quadrat gleichzusetzen. Für das Zen ist der Kreis ein Kreis und das Quadrat ein Quadrat, und gleichzeitig ist das Quadrat ein Kreis und der Kreis ein Quadrat.
10. Freiheit ist ein subjektiver Begriff, der sieh objektiv nicht interpretieren läßt. Wenn wir es versuchen, verwickeln wir uns unentwirrbar in Widersprüche. Deshalb sage ich, es ist Unsinn, in dieser objektiven Welt der Beschränkungen um uns von Freiheit zu sprechen.
11. Im Westen ist Ja gleich Ja und Nein gleich Nein. Ja kann niemals Nein bedeuten und umgekehrt. Der Osten läßt Ja zu Nein und Nein zu Ja hinübergleiten; zwischen Ja und Nein gibt es keine starre Grenze. Es liegt in der Natur des Lebens, daß dies so ist. Nur in der Logik ist die Grenze unverwischbar. Die Logik wurde vom Menschen als Hilfsmittel für nützliche Zwecke geschaffen.
12. Wenn dem Westen diese Tatsache bewußt wird und er gewisse physikalische Phänomene nicht durch Erklärungen aus der Welt schaffen kann, erfindet er Begriffe, wie sie in der Physik als Komplementarität oder als Unschärferelation bekannt sind. Wie gut es ihm aber auch gelingen mag, einen Begriff nach dem anderen zu erfinden, er kann bestehende Tatsachen nicht überlisten.
13. Wir befassen uns hier nicht mit der Religion, aber es ist vielleicht nicht uninteressant, folgendes festzustellen: Das Christentum, die Religion des Westens, spricht von Logos, Wort, Fleisch, Inkarnation und leidenschaftlicher Weltlichkeit. Die Religionen des Ostens streben nach Exkarnation, Stille, Absorption, ewigem Frieden. Für Zen ist Inkarnation gleich Exkarnation, die Stille dröhnt wie Donner, das Wort ist wortlos, das Fleisch fleischlos, Hier-jetzt ist gleich Leere (sunyata) und Unendlichkeit.



II  Das Unbewußte im Zen-Buddhismus

Es ist vielleicht nicht dasselbe, was ich unter dem »Unbewußten« verstehe und was Psychoanalytiker damit meinen, und ich muß daher meine Auffassung erklären. Vor allem, wie ich an die Frage des Unbewußten herangehe. Wenn ich einen solchen Ausdruck gebrauchen soll, würde ich sagen, mein »Unbewußtes« ist »metawissenschaftlich« (überwissenschaftlich) oder »antewissenschaftlich« (vorwissenschaftlich). Sie alle sind Wissenschaftler, und ich bin ein Anhänger des Zen, und meine Auffassung ist »antewissenschaftlich« manchmal sogar »antiwissenschaftlich«, fürchte ich. »Antewissenschaftlich« ist vielleicht kein passender Ausdruck, aber er scheint das auszudrücken, was ich damit sagen möchte. Auch »metawissenschaftlich« ist vielleicht nicht schlecht, denn die Auffassung des Zen kommt zur Entfaltung, nachdem die Wissenschaft oder die Intellektualisierung seit geraumer Zeit das gesamte Gebiet menschlicher Forschung eingenommen hat; und das Zen verlangt, daß wir, bevor wir uns bedingungslos der Herrschaft der Wissenschaft über den gesamten Bereich menschlicher Tätigkeit unterwerfen, innehalten und nachdenken, ob die Dinge, so wie sie sind, in Ordnung sind.
Die wissenschaftliche Methode, die Wirklichkeit zu untersuchen, besteht darin, einen Gegenstand vorn sogenannten objektiven Standpunkt aus zu betrachten. Nehmen wir beispielsweise an, eine Blume hier auf dem Tisch sei Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung. Die Wissenschaftler werden sie allen möglichen botanischen, chemischen und physikalischen Analysen unterziehen und uns mitteilen, was sie von diesen verschiedenen Blickwinkeln aus über die Blume gefunden haben, und sie werden sagen, daß die Untersuchung der Blume abgeschlossen und nichts weiter über sie zu sagen sei, wenn nicht zufällig im Verlauf anderer Untersuchungen etwas Neues entdeckt werde.
Das Hauptmerkmal, das die Einstellung der Wissenschaft zur Wirklichkeit auszeichnet, besteht darin, daß sie einen Gegenstand beschreibt, über ihn spricht, um ihn herumgeht, alles festhält, was unsere Sinne und unseren Verstand erregt, und es vom Gegenstand selbst fortabstrahiert, und wenn sie glaubt, fertig zu sein, diese analytisch gebildeten Abstraktionen synthetisiert und das Ergebnis für den Gegenstand selbst hält.
Aber es bleibt immer noch die Frage offen: »Ist wirklich der ganze Gegenstand im Netz gefangen?« Ich möchte sagen; »Keineswegs!« Denn der Gegenstand, den wir glauben gefangen zu haben, ist bloß eine Summe von Abstraktionen und nicht der Gegenstand selbst. Für praktische utilitaristische Zwecke scheinen all diese sogenannten wissenschaftlichen Formeln mehr als ausreichend zu sein, aber der sogenannte Gegenstand ist nicht ganz da. Wenn wir das Netz eingeholt haben, finden wir, daß etwas durch die feineren Maschen geschlüpft ist.
Es gibt jedoch noch einen anderen Weg, der Wirklichkeit gegenüberzutreten, der vor oder nach den Wissenschaften kommt. Ich nenne ihn Zen.


aus einem Vortrag, den Suzuki anläßlich einer Arbeitstagung über Zen-Buddhismus und Psychoanalyse hielt, die unter der Leitung des Instituts für Psychoanalyse an der medizinischen Fakultät der autonomen Staatsuniversität von Mexiko im August 1957 in Cuernavaca, Mexiko, abgehalten wurde – entnommen aus: Fromm, Suzuki, deMartino, Zen-Buddhismus und Psychoanalyse




[1] Die Christen betrachten die Kirche als Mittel zur Erlösung, weil sie Christus, den Erlöser, symbolisiert. Die Christen stehen nicht unmittelbar, sondern durch Christus mit Gott in Verbindung, und Christus ist die Kirche, und die Kirche ist der Ort, wo sie sich versammeln, um Gott anzubeten und ihn durch Christus um Erlösung zu bitten. In dieser Hinsicht sind die Christen kollektivistisch, während sie in gesellschaftlicher Hinsicht für den Individualismus eintreten.


siehe auch:
- Zen für Dummies (GoogleBooks)
- Intersubjektivität in Mahāyāna-Buddhismus und relationaler Psychoanalyse (Wirthbauer, Journal für Psychologie, 2009)
- Giulio Cesare Giacobbe Wie Sie Ihre Hirnwichserei abstellen und stattdessen das Leben genießen (Leseprobe, Goldmann-Verlag)
- Neurose und Erleuchtung – Überlegungen zu Sinnfindung (Zwiebel, Zen-Forum, 2004, PDF)


aktualisiert am 22.07.2015