Mittwoch, 5. Dezember 2012

Flucht vor der Technik


Auf die Idee für die Chautauqua [öffentliche Veranstaltung zur Unterhaltung und Volksbildung, Erklärung von mir], die mir für diese Fahrt vorschwebt, haben die beiden mich vor vielen Monaten gebracht, und vielleicht ich bin mir da nicht ganz sicher – vielleicht hängt das mit der Unterströmung von Disharmonie zusammen, die zwischen ihnen herrscht.
Ganz harmonisch geht’s wohl in den wenigsten Ehen zu, aber in ihrem Fall ist es ernster. Wenigstens habe ich den Eindruck.
Es liegt nicht daran, daß sie charakterlich nicht zueinander passen; es ist etwas anderes, wofür man keinem von beiden die Schuld geben kann, wofür sie beide keine Lösung wissen und wofür wohl auch ich keine Lösung habe; ich mache mir nur so meine Gedanken.
Den Anstoß gab eine scheinbar belanglose Meinungsverschiedenheit zwischen John und mir über eine an sich unwichtige Frage: Inwieweit soll man sein Motorrad selbst warten? Für mich ist es selbstverständlich und durchaus normal, mich der kleinen Werkzeuggarnitur und der Betriebsanleitung zu bedienen, die man mit jedem Motorrad mitgeliefert bekommt, und die Maschine eigenhändig zu warten und zu pflegen. John hat da Bedenken. Ihm ist es lieber, wenn ein richtiger Mechaniker diese Arbeiten übernimmt und dafür sorgt, daß sie ordnungsgemäß ausgeführt werden. Keiner der beiden Standpunkte ist ungewöhnlich, und diese geringfügige Differenz hätte sich niemals so auswachsen können, würden wir nicht so oft Touren miteinander machen und in Gasthäusern an der Landstraße beim Bier sitzen und über alles reden, was uns gerade einfällt. Es fällt uns meistens das ein, woran wir in der halben oder dreiviertel Stunde seit unserer letzten Unterhaltung gedacht haben. Wenn es um die Straßen oder die Leute oder Erinnerungen von früher geht oder um etwas, was in der Zeitung steht, kommt ganz von selbst eine erfreuliche Unterhaltung in Gang. Aber immer wenn ich über die Leistung der Maschine nachgedacht habe und davon anfange, kommt gar nichts in Gang. Das Gespräch stockt. Keiner sagt mehr etwas, betretenes Schweigen. Es ist, als würden zwei alte Freunde, ein Katholik und ein Protestant, im besten Einvernehmen ein Bier miteinander trinken, und irgendwie käme einer auf das Thema Geburtenkontrolle. Eisiges Schweigen.
Wenn man so was erst einmal gemerkt hat, geht es einem damit natürlich wie mit einem Zahn, aus dem die Plombe herausgefallen ist. Man kann ihn einfach nicht mehr in Ruhe lassen. Man muß ihn ringsherum befühlen, mit der Zunge sondieren, ihn abklopfen und an ihn denken, nicht weil einem das Spaß macht, sondern weil es einen nun mal beschäftigt und man nicht mehr davon loskommt. Und je mehr ich das Thema Motorradwartung sondiere und abklopfe, um so ärgerlicher wird er, was natürlich mich wiederum reizt, immer weiter zu bohren und zu sondieren. Nicht daß ich es darauf anlegte, ihn zu ärgern; vielmehr scheint es, daß der Ärger nur ein Symptom für etwas Tieferes ist, etwas unter der Oberfläche, was man nicht auf den ersten Blick sieht.
Wenn man über Geburtenkontrolle redet, und es stellt sich heraus, daß die Standpunkte unvereinbar sind, dann geht es dabei nicht um die Frage, ob mehr oder weniger Babys auf die Welt kommen sollen. Das ist nur an der Oberfläche. Die tiefere Ursache ist ein Glaubenskonflikt – Glaube an empirische Sozialplanung auf der einen, Glaube an die Autorität Gottes, wie sie sich in den Lehren der katholischen Kirche offenbart, auf der anderen Seite. Man kann Beweise für den praktischen Nutzen der Geburtenkontrolle anführen, bis man schwarz wird, und erreicht trotzdem nichts, weil der andere einem die Voraussetzung nicht abnimmt, daß alles gesellschaftlich Nützliche von vornherein auch gut ist. Sein Begriff von gut und schlecht hat andere Quellen, die er genauso hoch oder noch höher einschätzt als den gesellschaftlichen Nutzen.
Genauso ist es mit John. Ich könnte ihm den praktischen Wert der Motorradwartung predigen, bis ich heiser wäre, und würde trotzdem nichts bei ihm ausrichten. Zwei Sätze über dieses Thema, und er kriegt ganz glasige Augen, fängt von etwas anderem an oder schaut einfach weg. Er will nichts davon hören.
Sylvia teilt darin seinen Standpunkt, ja sie vertritt ihn sogar noch entschiedener. »Das ist eine ganz andere Welt«, sagt sie, wenn sie nachdenklich gestimmt ist. Und sonst: »So was wie Dreck und Abfall.« Die beiden wollen es einfach nicht verstehen. Sie wollen nichts davon hören. Und je mehr ich darüber nachdenke, woran es liegt, daß ich Mechanikerarbeit mag und die beiden sie so verabscheuen, um so unbegreiflicher finde ich es. Es scheint, daß die eigentliche Ursache dieser zunächst belanglosen Meinungsverschiedenheit sehr, sehr tief sitzt.
Unfähigkeit scheidet von vornherein aus. Sie sind wahrhaftig intelligent genug. Beide könnten in anderthalb Stunden lernen, wie man ein Motorrad wartet, wenn sie nur mit Verstand und Energie an die Sache herangingen; und die ersparten Ausgaben, Scherereien und Wartezeiten würden sie reichlich für die Mühe entschädigen. Das wissen sie auch. Oder vielleicht doch nicht. Was weiß ich. Ich habe sie nie danach gefragt. Daß wir uns halbwegs vertragen, ist mir wichtiger.
Ich erinnere mich aber, daß mir, einmal doch beinahe die Geduld ausgegangen wäre, an einem glühend heißen Tag vor einer Bar in Savage, Minnesota. Wir hatten etwa eine Stunde in der Bar gesessen, und als wir herauskamen, waren die Maschinen so heiß, daß man sich kaum draufsetzen konnte. Ich warte abfahrbereit mit laufendem Motor, aber Johns Maschine springt nicht an, obwohl er wie besessen den Kickstarter tritt. Es stinkt nach Benzin, als ob gleich um die Ecke eine Raffinerie wäre, und ich sage ihm das, weil ich glaube, das müßte reichen, um ihm klarzumachen, daß sein Motor abgesoffen ist.
 »Ja, ich rieche es auch«, sagt er und kickt weiter. Er kickt und kickt und schluckt und kickt, und ich bin sprachlos. Schließlich ist er völlig außer Atem, der Schweiß läuft ihm übers ganze Gesicht, er kann nicht mehr. Ich schlage ihm deshalb vor, daß wir die Kerzen herausnehmen, um sie zu trocknen und die Zylinder auslüften zu lassen, und unterdessen noch auf ein Bier hineingehen.
»Um Himmels willen, nein! Bloß nicht diesen ganzen Zirkus!«
»Was für ein Zirkus?«
»Na, das Werkzeug auspacken und der ganze Zirkus. Oberhaupt nicht einzusehen, warum sie nicht anspringt, eine nagelneue Maschine. Und ich halte mich genau an die Betriebsanleitung. Schau her, die Luftklappe ist zu, ganz nach Vorschrift.«
»Die Luftklappe ist zu?«
»Ja, so steht’s doch in der Anleitung.«
»Aber doch nur, wenn der Motor kalt ist!«
»Entschuldige mal, wir waren mindestens eine halbe Stunde da drin«, sagt er.
Das wirft mich um. »Aber bei der Hitze heute, John«, sage ich, »In so kurzer Zeit kühlt der Motor nicht einmal ab, wenn es friert.«
Er kratzt sich am Kopf. »Na schön, aber warum schreiben sie das dann nicht in die Anleitung?« Er macht die Luftklappe auf, und beim zweiten Antreten läuft der Motor. »Ich glaube, das war’s«, stellt er befriedigt fest.
Tags darauf waren wir in derselben Gegend unterwegs, und alles fing wieder von vorne an. Diesmal war ich fest entschlossen, kein Wort zu sagen, und als meine Frau mir zuredete, hinüberzugehen und ihm zu helfen, schüttelte ich den Kopf. Ich sagte ihr, solange er nicht von sich aus käme, würde ihn jedes Hilfsangebot nur kränken. Wir gingen deshalb ein Stück abseits, setzten uns in den Schatten und warteten.
Mir fiel auf, daß er zu Sylvia übertrieben höflich war, ein Zeichen, daß er eine Stinkwut hatte, während er unentwegt den Kickstarter trat, und sie sah flehentlich zu uns herüber. Ein Wort nur, eine einzige Frage, und ich wäre hingegangen, um die Diagnose zu stellen. Aber nein. Es muß eine geschlagene Viertelstunde gedauert haben, bis er den Motor endlich zum Laufen brachte.
Später tranken wir wieder Bier drüben am Minnetonka-See, und alle am Tisch redeten, nur er war still, und es war ihm anzusehen, daß sich ihm diesmal inwendig alles verknotet hatte. Nach so langer Zeit. Wohl um die Knoten zu lösen, sagte er schließlich: »Weißt du, wenn das Ding so wie vorhin durchaus nicht anspringen will, dann … könnte ich platzen vor Wut. So was treibt mich glatt zur Raserei.« Das schien ihn zu erleichtern, und er fuhr fort: »Die hatten ja auch nur diese eine Maschine, verstehst du? Diesen Ausschuß. Sie überlegten hin und her, was sie damit anfangen sollten, ans Werk zurückschicken oder verschrotten oder was sonst … und im allerletzten Moment kam dann ich daher. Mit tausendachthundert Dollar in der Tasche. Und schon waren sie ihre Sorgen los.«
Ich betete ihm wieder mal die ganze Litanei herunter, daß er die Maschine doch selber warten sollte, und er gab sich ehrlich Mühe, mir zuzuhören. Manchmal gibt er sich wirklich Mühe. Aber dann war es plötzlich wieder aus, er ging an die Bar und bestellte noch eine Runde für uns alle, und das Thema war gestorben.
Er ist nicht stur, nicht engstirnig, nicht faul, nicht dumm. Es gab keine einfache Erklärung. Deshalb blieb es in der Schwebe, wie ein Rätsel, bei dem man irgendwann aufsteckt, weil es keinen Zweck hat, sich ewig im Kreise zu drehen und nach einer Lösung zu suchen, die es gar nicht gibt.
Ich habe mich auch gefragt, ob nicht vielleicht mein eigener Standpunkt der ungewöhnliche war, aber auch diese Möglichkeit schied aus. Die meisten Motorradfahrer, die längere Touren machen, warten ihre Maschinen selbst. Autofahrer machen im allgemeinen nichts am Motor, aber es gibt ja in jedem größeren Ort eine Autowerkstatt mit teuren Hebebuhnen, Spezialwerkzeug und Diagnosegeräten, die der durchschnittliche Autobesitzer sich nicht leisten kann. Außerdem ist der Motor beim Auto komplizierter und schwerer zugänglich als beim Motorrad, weshalb die Abstinenz in diesem Fall gerechtfertigt ist. Aber ich möchte wetten, daß sich für Johns Maschine, eine BMW R 6o, von hier bis Salt Lake City kein Mechaniker findet. Es brauchen ihm bloß die Unterbrecherkontakte oder die Zündkerzen zu verschmoren und er ist geliefert. Ich weiß, daß er keinen Reservesatz Unterbrecherkontakte dabei hat. Er weiß nicht mal, was Unterbrecherkontakte sind. Ich möchte wissen, was er macht, wenn die Maschine ihn im Westen von South Dakota oder Montana im Stich läßt. Vielleicht verkauft er sie dann den Indianern. Aber was er im Augenblick macht, weiß ich genau. Er gibt sich die größte Mühe, nur ja keinen Gedanken darauf zu verschwenden. Die BMW ist berühmt dafür, daß sie unterwegs keine Scherereien macht, und darauf verläßt er sich.
 Ich dachte erst, daß sich diese Einstellung der beiden auf Motorräder beschränkte, aber mit der Zeit wurde mir klar, daß es um mehr ging … Als ich eines Morgens in ihrer Küche wartete, weil sie noch nicht fertig waren, merkte ich, daß der Wasserhahn über der Spüle tropfte, und mir fiel ein, daß er auch das letzte Mal schon getropft hatte, ja daß er schon immer getropft hatte, solange ich zurückdenken konnte. Als ich John darauf ansprach, erklärte er mir, er habe versucht, die Dichtung auszuwechseln, aber es sei nicht gegangen. Weiter nichts. Damit war die Sache für ihn offenbar erledigt. Wenn man einen tropfenden Wasserhahn reparieren will, und es geht nicht, dann ist man eben vom Schicksal dazu verdammt, mit einem tropfenden Wasserhahn zu leben.
Ich fragte mich im stillen, ob es ihnen nicht auf die Nerven ging, dieses ewige tripp‑tripp‑tripp, Woche für Woche, jahrein, jahraus, aber nichts deutete darauf hin, daß es sie aufregte oder auch nur störte; ich kam deshalb zu dem Schluß, daß Dinge wie tropfende Wasserhähne ihnen nichts ausmachten. Solche Leute gibt’s ja.
Was mich von dieser Meinung abbrachte, weiß ich nicht mehr …
Intuition, ein plötzliches Begreifen, oder vielleicht Sylvias fast unmerklich veränderte Stimmung, immer wenn das Tropfen besonders laut war und sie etwas sagen wollte. Sie hat eine sehr leise Stimme. Eines Tages, als sie gerade sprach und das Tropfen übertönen mußte und dann auch noch die Kinder hereinplatzten und sie aus dem Konzept brachten, verlor sie die Beherrschung. Bestimmt hätte sie die Kinder längst nicht so grob angefahren, wenn nicht außerdem noch der Wasserhahn getropft hätte, während sie etwas sagen wollte. Erst als beides zusammenkam, das Tropfen und die lauten Kinder, fuhr sie aus der Haut. Was mich dabei so empörte, war, daß sie nicht dem tropfenden Wasserhahn die Schuld gab und daß sie es ganz bewußt nicht tat. Es stimmte überhaupt nicht, daß das Tropfen sie nicht störte! Sie unterdrückte den Ärger darüber, obwohl dieser gottverdammte tropfende Wasserhahn sie schier zur Verzweiflung trieb! Aus irgendeinem Grund konnte sie nicht zugeben, wie sehr ihr das zu schaffen machte.
Wie kommt einer dazu, seinen Ärger über einen tropfenden Wasserhahn zu unterdrücken, fragte ich mich.
Doch dann sah ich den Zusammenhang mit der Motorradwartung, und eine dieser Glühbirnen ging über meinem Kopf an, und ich dachte: Ahhhhhh!
Es ist gar nicht die Motorradwartung und auch nicht der Wasserhahn. Die ganze Technik können sie nicht ausstehen. Und da fügte sich eins ins andere, und ich wußte, jetzt hab’ ich’s. Sylvias gereizte Reaktion, als ein Bekannter das Programmieren von Computern als »kreativ« bezeichnete. Auf keinem ihrer Bilder, ob Zeichnung, Gemälde oder Photo, auch nur ein technischer Gegenstand. Natürlich regt sie sich nicht über den Wasserhahn auf, dachte ich. Man unterdrückt immer momentanen Ärger über etwas, was man aus tiefster Seele und ein für allemal haßt. Natürlich schaltet John beim Thema Motorradwartung jedesmal ab, selbst wenn ihn das teuer zu stehen kommt. Das ist ja Technik. Und bestimmt, ja natürlich, na klar. Es ist ganz einfach, man muß nur drauf kommen. Um vor der Technik aufs Land hinaus zu fliehen, in die frische Luft und die Sonne, deswegen vor allem machen sie Motorradfahrten. Und wenn ich sie ihnen gerade dann und dort wieder in Erinnerung bringe, wo sie sich endgültig vor ihr sicher glauben, dann sind sie furchtbar verschnupft. Das ist der Grund, weshalb das Gespräch jedesmal stockt und die Stimmung frostig wird, sobald das Thema zur Sprache kommt.
Auch sonst paßt noch manches in dieses Bild. Ab und zu einmal sprechen sie in möglichst wenigen, gequälten Worten über »es« oder »das alles«, etwa in einem Satz wie: »Man kann dem einfach nicht entgehen.« Wenn ich sie fragte, was sie damit meinen, würden sie vielleicht antworten: »Na eben den ganzen Kram« oder: »Den ganzen Betrieb« oder gar: »Das System«. Sylvia sagte einmal, um sich zu rechtfertigen: »Dir macht das ja alles nichts aus, du kommst glänzend damit zurecht.« Ich fühlte mich damals so geschmeichelt, daß ich mich genierte, zu fragen, was sie mit diesem »das« meinte, und so tappte ich weiter im dunkeln. Ich dachte, es sei etwas Geheimnisvolleres als die Technik. Jetzt weiß ich aber, daß mit »es« vor allem, wenn auch nicht ausschließlich, die Technik gemeint ist. Aber so kann man es eigentlich auch wieder nicht sagen. »Es« ist so etwas wie eine Kraft, die die Technik entstehen ließ, etwas Undefiniertes, aber Unmenschliches, Mechanisches, Lebloses, ein blindwütiges Monstrum, eine Todeskraft. Etwas Entsetzliches, wovor sie davonlaufen, dem sie aber, und das wissen sie, nie entkommen werden. Das sind viel zu große Worte, aber weniger pathetisch ausgedrückt, weniger genau definiert ist es das schon. Irgendwo gibt es Menschen, die damit umzugehen wissen, die es beherrschen und verwalten, aber das sind Techniker, und die sprechen eine inhumane Sprache, wenn sie von ihrer Arbeit reden. Es dreht sich alles um Teile und Funktionen höchst sonderbarer Apparate, aus denen man nie schlau wird, sooft man sie auch erklärt bekommt. Und diese Apparate, diese Monstren der Techniker, fressen unaufhaltsam ihr Land auf, verschmutzen ihre Luft und ihre Seen, und es gibt keine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren, und kaum eine, davor zu fliehen.
Es braucht nicht viel, damit einer zu dieser Einstellung kommt. Man gehe nur durch ein ausgesprochenes Industriegebiet in einer Großstadt, da hat man sie überall vor sich, die Technik. Als erstes sieht man auf hohe Stacheldrahtzäune, verschlossene Tore, Schilder mit einer Aufschrift wie BETRETEN VERBOTEN, und dahinter, durch die verrußte Luft, häßliche, absonderliche Formen, Gebilde aus Metall und Ziegelstein, deren Zweck man nicht kennt und deren Herren man nie zu sehen bekommt. Wozu das alles gut ist, weiß man nicht, keiner sagt einem, warum es überhaupt da ist, und so kann man sich nur befremdet fühlen, entfremdet, als einer, der da nichts verloren hat. Die das besitzen und darüber Bescheid wissen, wollen einen nicht dahaben. Die ganze Technik hat einen zum Fremden im eigenen Land gemacht. Ihre bloße Gestalt, ihr Aussehen, ihre Rätselhaftigkeit besagen: »Raus hier.« Man weiß, daß es irgendwo eine Erklärung für all das gibt und daß es ohne Zweifel auf irgendeine indirekte Art der Menschheit dient, aber das sieht man nicht. Was man sieht, sind die Schilder BETRETEN VERBOTEN, KEIN ZUTRITT; nichts, was den Menschen dient, statt dessen nur »verzwergte« Menschen – »Menschlein« – Ameisen gleich, die diesen absonderlichen, unbegreiflichen Gebilden dienen. Und man denkt sich, selbst wenn ich dazugehörte, selbst wenn ich kein Fremder wäre, wäre ich auch nur so eine Ameise im Dienst der Gebilde. So kommt es, daß man schließlich Feindseligkeit empfindet, und ich glaube, das ist es, was letztlich hinter der ansonsten unerklärlichen Einstellung von John und Sylvia steckt, Alles, was mit Ventilen und Wellen und Schraubenschlüsseln zu tun hat, ist ein Teil dieser dem Menschen entfremdeten Welt, an die sie am liebsten gar nicht denken. Sie wollen sich nicht hineinziehen lassen.
Wenn dem so ist, dann stehen sie nicht allein da. Es ist gar keine Frage, daß sie darin ihrem natürlichen Empfinden folgen und nicht etwa irgend jemanden nachahmen. Aber auch viele andere folgen ihrem natürlichen Empfinden und ahmen niemanden nach, und die natürlichen Empfindungen sehr vieler Menschen sind sich in diesem Punkt auffallend ähnlich; betrachtet man sie deshalb als Kollektiv, wie es Journalisten tun, dann drängt sich die Illusion einer Massenbewegung auf, einer technikfeindlichen Massenbewegung, einer regelrechten technikfeindlichen politischen Linken, die scheinbar aus dem Nichts auftaucht, sich drohend erhebt und sagt: »Macht Schluß mit der Technik. Geht damit woanders hin. Wir wollen sie hier nicht haben.« Noch wird sie im Zaum gehalten durch das dünne Netz einer Logik, die besagt, daß es ohne Fabriken keine Arbeitsplätze und keinen Lebensstandard gäbe. Aber es gibt menschliche Kräfte, die stärker sind als Logik, und wenn sie in ihrem Hag auf die Technik stark genug werden, kann dieses Netz zerreißen.
Man hat Klischees und Schablonen wie »Beatnik« und »Hippie« für die Feinde der Technik, die Systemgegner, erfunden und wird weiter welche erfinden. Aber man macht nicht Massenmenschen aus Individuen, indem man sie kurzerhand in eine Schablone preßt. John und Sylvia sind keine Massenmenschen, so wenig wie die meisten anderen, die ihren Weg gehen. Vielmehr scheint es, daß sie sich gegen das Dasein als Massenmensch auflehnen. Sie glauben, daß die Technik eine Menge mit den Kräften zu tun hat, die Massenmenschen aus ihnen machen wollen, und sie mögen sie nicht. Einstweilen ist es meist noch passiver Widerstand, Flucht aufs Land sooft es geht und dergleichen, aber es ist nicht gesagt, daß er immer so passiv bleibt.
Ich bin nicht ihrer Meinung, was die Motorradwartung angeht, aber nicht weil ich kein Verständnis für ihre Einstellung zur Technik hätte. Ich meine nur, daß ihre Flucht vor der Technik, ihr Haß auf sie, selbstzerstörerisch ist. Der Buddha, die Gottheit, wohnt in den Schaltungen eines Digitalrechners oder den Zahnrädern eines Motorradgetriebes genauso bequem wie auf einem Berggipfel oder im Kelch einer Blüte. Wer das nicht wahrhaben will, erniedrigt den Buddha und damit sich selbst. Das ist es, worüber ich in dieser Chautauqua sprechen möchte.
Wir sind jetzt aus den Sümpfen heraus, aber es ist immer noch so diesig, daß man direkt zur gelben Sonnenscheibe hinaufschauen kann, als ob Rauch oder Smog am Himmel hinge. Aber wir sind jetzt in einer grünen Landschaft. Die Farmhäuser sind sauber und weiß und frisch. Es gibt hier weder Rauch noch Smog.

aus Pirsig, Robert M., Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten, Kap. 1, S. 18 ff.
siehe auch:
Vater, Sohn, Heiliges Rad (Lettre International 72, Frühjahr 2006)

Dienstag, 4. Dezember 2012

«Schweigen ist eine gute Antwort»



«Schweigen 
ist eine gute Antwort»





Es war Nachsaison in dem Kloster, wo ich, wie man so sagt, den Zen-Buddhismus studierte. Ich hatte den Eindruck, daß ich im Grunde überhaupt nichts studierte. Meine Beine taten mir weh, wenn ich saß und meditierte, und meine Meditation bestand aus einer verschwommenen Mischung einer ganzen Menge Gedanken. Sie sagten mir, daß ich die Gedanken abstreifen müßte, aber es waren so viele, wie krabbelnde Ameisen, Millionen von Ameisen, die meisten von ihnen gierig und gefräßig, und es war schwer, gegen sie anzukämpfen. Ich konnte hin und wieder ein paar zerquetschen, aber sie wurden immer sofort durch andere ersetzt. Und jetzt hatte die Ausbildungssaison aufgehört, und die meisten Mönche waren fortgegangen. Auch der Lehrer war gegangen, und ich bat um Erlaubnis zu gehen.
«Wirst du zurückkommen?» fragte der oberste Mönch. 
«Sicher. »
«Wann?»
«In einem Monat. »
Er verbeugte sich und schenkte Tee ein. Ich verbeugte mich.
Wir tranken Tee. Wir verbeugten uns wieder. Ich verließ das Kloster innerhalb der nächsten Stunde. Ich hatte ein altes amerikanisches Motorrad und stopfte meine Kleider und einen Schlafsack in die Satteltaschen. Auf den Tank hatte ich eine Landkarte in einer Plastikhülle geklebt. Ich hatte keine Ahnung, wohin ich fahren würde, aber es ist immer nett, wenn man eine Karte hat. Die Karte war japanisch beschriftet, und ich konnte nur wenige der Schriftzeichen lesen, die die Ortsnamen angaben. Der Trip war ein Traum, und ich wurde von geheimnisvollen Hieroglyphen geleitet. Ich meinte, ich wäre gut vorbereitet.
Ich beabsichtigte, Richtung Westen zu fahren und dann in den Norden, wobei ich mich immer auf Landstraßen halten wollte. Ich beeilte mich nicht, hielt an Restaurants am Straßenrand an, um Nudeln und Fischsuppe zu essen, und ich schlief in einem kleinen Armeezelt neben meinem Motorrad. Es regnete ein paar Tage, und ich nahm die Einladung eines Bauern an, in seinem Haus zu übernachten. Wir lernten uns in einem Restaurant kennen. Er hatte mich begrüßt, und ich sagte irgend etwas auf japanisch, und schon bald entwickelte sich zwischen uns etwas, das sich fast wie eine Unterhaltung anhörte. Ich beherrschte nicht sonderlich viele Worte, und er sprach den örtlichen Dialekt, doch wir lächelten und verbeugten uns auch und leerten gemeinsam eine kleine Flasche Sake.
Sein Haus lag in der Nähe eines Dorfes, und am folgenden Tag ging ich einkaufen. Der einbeinige Amerikaner war ebenfalls einkaufen. Wir begrüßten uns mit einem «Guten Morgen» und setzten unsere Einkäufe fort, aber ich hatte Zeit gehabt, mir den Mann anzusehen. Er mußte gut an die fünfzig Jahre alt gewesen sein, und er hatte sich seinen großen Schädel rasiert, der glänzte und eine nußbraune Farbe hatte. Ganz offensichtlich verbrachte er eine Menge Zeit an der frischen Luft. Er ging auf Krücken und schaffte es, eine Tasche festzuhalten, die die Gemüse enthielt, die er gerade gekauft hatte. Er schwatzte mit dem Ladeninhaber, der ihn gut zu kennen schien, beugte sich herab, um mit einem Kind zu sprechen, und jeder, der ihm begegnete, grüßte ihn: Ein paar Minuten später begegneten wir uns wieder, als ich gerade mein Motorrad startete, doch mein energisches Antreten zeigte nur wenig Erfolg.
«Probleme?» fragte er.
«Sie ist lahm», sagte ich, «aber sie wird schon anspringen, wenn ich nicht lockerlasse.»
«Vergaser», sagte er. «Diese alten Harleys haben komische Vergaser. Sie haben einen Schwimmer wie bei einer Wasserspülung, und ein bißchen Schmutz kann schon ausreichen, um den Schwimmer festzusetzen. Und dann säuft der Motor ab. Genau das passiert jetzt auch. Sehen Sie?»
Er deutete auf ein Benzinrinnsal, das seitlich über den Vergaser tröpfelte.
«Ja», sagte ich, «von technischen Dingen verstehe ich nichts. Ich werde es reparieren lassen.»
«Ich werd das machen», sagte er, veränderte die Stellung seiner Krücken und sah sich den Motor wieder an. «Ich wohne dort drüben, in dem kleinen Haus in dem Feld hinter den Kiefern. Bringen Sie sie zum Laufen, und fahren Sie sie dann dort runter. Wir können zusammen zu Mittag essen. Von wo kommen Sie? England?»
«Holland», sagte ich.
Er dachte eine Weile nach und nickte dann ernst, bestätigte damit die Existenz meines Landes.
Die Tür des kleinen Hauses stand offen, und ich zog meine Schuhe aus und stieg auf die kleine Veranda. Ich konnte ihn sich im Haus bewegen, mit Töpfen klappern hören.
«Kommen Sie rein», sagte er, «heute gibt's gebackenen Fisch. In den Staaten nennen wir sie suckers, Süßwasserfische mit einem großen Maul. Sie sind ganz gut, wenn sie frisch sind. Und ich habe noch ein paar fritierte Auberginen, und Pickles, und Reis. In Ordnung?»
Für mich hörte sich das sehr gut an. Im Kloster aßen wir gekochten Kohl und eine scharfe Mischung aus einer Menge Gerste und ein wenig Reis. Schlichte Kost. Das hier klang für mich wie ein Festmahl, aber ich hatte während der letzten paar Tage ebenfalls gut gegessen, gebackene Nudeln und delikate Pickles in den Restaurants am Rande der Straße und sogar ein bißchen Brot, das ich mir im Ofen des Bauern aufgebacken hatte.
Das Haus war sehr sauber und leer. Die einzigen Gegenstände waren für den unmittelbaren Gebrauch bestimmt. Eine dünne Matratze, Kleider, Küchenutensilien, Gartenwerkzeuge. «Meine Werkstatt ist draußen», sagte er. «Ich repariere hauptsächlich Lastwagen und kleine Traktoren. Die Bauern bringen sie zu mir. »
«Verdienen Sie sich damit Ihren Lebensunterhalt?» fragte ich.
Er schüttelte den Kopf. «Nein. Ich berechne nichts. Sie bezahlen nur die Ersatzteile. Ich habe meine Pension.» Er zeigte auf das nicht vorhandene Bein. «Auf Okinawa verloren. In den Staaten haben sie das nicht vergessen und schicken mir jeden Monat einen Scheck.»
Er hatte zwei große Flaschen Bier geöffnet, und wir hoben die Gläser und tranken. Ich bedankte mich bei ihm für die Mahlzeit.
«Ist schon in Ordnung. Sie können über Nacht bleiben. Ich werde Ihr Motorrad dann morgen früh reparieren. Jetzt ist es schon zu spät. Wieso sind Sie in Japan?»
Ich erzählte ihm von meinem Aufenthalt in dem Kloster. Ich war schon ein Jahr dort, sagte ich ihm, und würde noch ein weiteres Jahr bleiben, vielleicht auch länger.
«Warum sind Sie dort?» fragte er.
«Um die Erleuchtung zu finden.»
Er lachte, schlug sich auf den Schenkel und wischte sich Tränen aus den Augen. Er lachte sehr lange. Vielleicht eine ganze Minute. Schließlich hörte er auf.
«Tut mir leid», sagte er.
Ich war gekränkt, allerdings nicht zu sehr. Ich war es gewohnt, ausgelacht zu werden. Die Mönche kamen in den Garten und sahen, wie ich an einen Baum pißte, und lagen sich dann hilflos in den Armen, während ich weiter pinkelte. «Genau wie ein Pferd», sagten sie dann und begannen wieder zu lachen. Auch in anderer Hinsicht amüsierte ich sie. Sie konnten einfach nicht verstehen, daß mir meine Beine weh taten, wenn ich in der Meditationshalle sitzen mußte, und sie lächelten, wenn ich dann herumhumpelte, mit einem gelähmten Bein wegen mangelnder Durchblutung.
Wir tranken mehr Bier und gingen auf die Veranda hinaus.
Das Haus war auf einem niedrigen Hügel errichtet worden, und wir hatten einen guten Ausblick über das Land. Ich sah Kiefernwäldchen und die Dächer strohgedeckter Gehöfte, eine vierstöckige Pagode, die auf dem benachbarten Hügel thronte. Die Geräusche von Holzrasseln und einer Glocke wehten zu uns herüber.
«Das ist der alte Mann», sagte mein Gastgeber. «Er lebt dort oben ganz allein. Abends meditiert er immer für eine Stunde, und er gibt immer die richtigen Signale. Einmal Rasseln und viermal Klingeln, wenn er beginnt, einmal Klingeln und zweimal Rasseln, wenn er aufhört. »
«Genau wie im Kloster», sagte ich.
«Ja. Der alte Mann hat denselben Glauben.»
«Glauben?» fragte ich.
«Wie immer Sie es nennen wollen», sagte er langsam. «Ich habe der Sache einfach nur einen Namen gegeben. Es hat keinenNamen.»
«Kennen Sie den alten Mann?» fragte ich.
«Er ist mein Lehrer. »
Er ging ins Haus und kam mit sechs Flaschen wieder zurück.
Es waren große Flaschen, und ich bereitete mich vor, betrunken zu werden. Es machte mir nichts aus, betrunken zu werden, aber es konnte nichts schaden, darauf vorbereitet zu sein.
«Und wie lange sind Sie nun schon hier?» fragte ich.
Er sprach einige Zeit mit mir. Er war mit den Marines hergekommen, und er hatte vier Tage gekämpft, als er sein Bein verlor und zurück auf ein Schiff gebracht wurde, später dann zurück in die Staaten. «Ich habe eine Menge Soldaten getötet, bevor ich das Bein verlor. Hundert vielleicht. Ich habe sie mit einem Maschinengewehr erschossen, sie kamen auf uns zugestürmt, und ich habe sie einfach immer weiter umgebracht. Dort lag ein ganzer Haufen Leichen, und sie sind über sie weggekrochen, und ich habe immer weiter geschossen.»
Ich murmelte irgend etwas. Ich war zu jung für den Krieg und wußte nicht, von was er da redete. Ich hatte einmal eine Ratte getötet, mit einem Schürhaken, und ihre Jungen hatte ich auch umgebracht. Die Ratte war in der Garage des Hauses meines Vaters gewesen. Ich hatte in letzter Zeit oft an die Ratte und ihre Jungen gedacht, wenn ich eigentlich meditieren sollte.
«Aber wieso sind Sie zurückgekommen?»
«Ich habe immer wieder von den toten japanischen Soldaten geträumt», sagte er, «und dann sah ich sie auch, wenn ich wach war. Ich sah, wie sie über ihre eigenen Leichen krochen, und ich schoß immer weiter auf sie. Ich bin zu einem Psychiater gegangen, doch das half auch nicht besonders viel. Nach einem Jahr Behandlung sah ich sie immer noch. Dann bin ich zurückgekommen. Ich bin eine Weile herumgezogen und habe mich schließlich hier niedergelassen. Vor zehn Jahren.»
«Es muß Ihnen hier gefallen.»
«Ja», sagte er, füllte mein Glas nach. «Heute repariere ich ihre Maschinen, das ist konstruktiver. »
«Und die toten Soldaten sehen Sie immer noch?»
«Manchmal. »
Die Sonne ging hinter der Pagode unter. Es war die Zeit des Abends, zu der alles plötzlich sehr exakt wird. Die Zweige der Bäume zeichneten sich scharf gegen den pastellfarbenen Himmel ab, und die Pagode sah aus, als wäre sie aus der Wolke geschnitten worden, die unmittelbar hinter ihr saß und deren Ränder in einem dunklen Orange loderten.
Ich zeigte auf den Tempel.
«Und er lebt dort? Ihr Lehrer?»
«Ja. Er ist ein Priester.»
«Ein Meister? Ein Zen – Meister?»
Er zuckte mit den Achseln. «Ich weiß nicht, was Zen bedeutet, und ich habe ihn nie gefragt, ob er ein Meister ist. Er ist schon sehr alt. Achtzig, glaube ich. Ich habe ihn im Dorf kennengelernt, ich war damals ungefähr ein Jahr oder so hier, und ich lernte gerade die Sprache. Es geht schnell, wenn man nichts anderes hört. Sie sind der erste gaijin, den ich seit Jahren getroffen habe, die Touristenbusse kommen nicht bis hierher. »
«Was hat er gesagt?»
«Er sagte mir, ich sollte kommen und ihn besuchen. Was ich auch getan habe, noch am selben Nachmittag. Er lehrte mich, daß ich mich zur Meditation hinsetzen sollte, und er sagte, daß ich jeden Tag zwei Stunden so verbringen sollte. Ich mußte um zwei Uhr nachts aufstehen und um vier aufhören. Dann mußte ich zu ihm kommen.»
«Er hat Ihnen befohlen, das zu tun?»
Er neigte seinen Kopf, und sein Schädel glänzte. «Ja. Er wußte, warum ich hergekommen war. Seit damals bin ich fast jeden Tag zu ihm gegangen. Morgen nicht, deswegen kann ich heute abend auch trinken. Ich trinke gern, aber ich kann nicht zu ihm gehen, wenn ich eine Fahne und Kopfschmerzen habe.»
«Haben Sie es jemals versucht?»
«Nein.»
«Hat er Ihnen ein koan gestellt?»
Er nickte, aber ich fragte ihn nicht, wie das koan gelautet hatte. Es gehört sich nicht, über koans zu sprechen. Das hatte mir mein eigener Lehrer gesagt. Im Kloster sah ich ihn jeden Morgen und jeden Abend. Auch ich hatte ein koan erhalten, doch ich hatte es nicht verstanden. Ich verstand nicht mal, worin die Frage eigentlich bestehen sollte, und niemand wollte es mir erklären. Ich mußte es selbst herausfinden.
Ich wollte ihn fragen, ob er eine Antwort auf sein koan gefunden hatte, aber ich dachte, ich sollte besser nicht.
«Ich habe mein koan nicht gelöst», sagte er eine kleine Weile später, «aber ich bin fast jeden Tag zu ihm gegangen. Normalerweise schläft er, wenn ich mich vor ihm verbeuge, er ist alt und nicht bei bester Gesundheit. Früher habe ich ihn immer geweckt, und dann hat er mich angesehen und gesagt: ‹Was, was ?›, und er hat seine Glocke geläutet. Wenn er seine Glocke läutet, muß ich gehen. Heute wecke ich ihn nicht mehr. Ich gehe einfach nur hinein, verbeuge mich, warte eine Minute und gehe wieder. »
«Scheiße», sagte ich.
«Entschuldigung ?»
«Scheiße», sagte ich.
Er lachte. «Ja, das klingt ganz schön dumm, häh? Aber nicht für mich. Er ist da, wenn ich ihn besuchen gehe, das reicht. Ich verlange nicht mehr allzu viel. Ich repariere Maschinen, und die Bauern bringen mir Gemüse und Reis und manchmal etwas Fleisch. Ich kann mein eigenes Holz hacken, und ich besitze ein motorisiertes Dreirad, mit dem ich einen Kubikmeter Holz transportieren kann, also kann ich losfahren und es mir selbst besorgen. Manchmal brauche ich nicht mal meinen Scheck. Ich habe vergangenes Jahr für die Reparatur der Pagode bezahlt. Nur für das Material. Die Arbeit ist von den Leuten hier aus der Gegend gemacht worden. »
«Hat Ihr Lehrer noch andere Schüler?»
«Nein, nur mich. Er ist im Ruhestand. Ganz in der Nähe gibt es ein Kloster mit einem jüngeren Lehrer. Er hat ein halbes Dutzend Laien-Schüler; ich habe ihn kennengelernt, aber er ist nichts für mich. Ich bin jetzt der Sohn des alten Mannes.»
«Aber er schläft doch», sagte ich und trank noch etwas Bier.
Ich würde vorsichtig sein müssen, das Haus begann bereits zu schwanken, und ich mußte immer noch meinen Schlafsack vom Motorrad holen. Er gestikulierte, wischte meinen Einwand beiseite.
«In San Francisco hatte meine Mutter eine kleine Miniatur-Pagode», sagte er, verzögerte seine Worte dabei ein wenig. «Sie war aus Elfenbein und hatte vier Etagen, genau wie die dort drüben. In der ersten Etage befand sich eine winzige Tür. Ich machte diese Tür immer auf und linste hinein, doch dahinter war nichts. Das machte mich immer ganz traurig. Die Pagode war so schön, sie hatte eine Turmspitze, die auf den Himmel zeigte, und kleine, schmale Veranden, die sie umgaben. Sie zeigte irgendwohin, aber sie war leer. Diese Pagode dort drüben ist nicht leer. »
«Aber er schläft doch», sagte ich störrisch. «Er weiß doch gar nicht, daß Sie gekommen sind, um ihn zu sehen. Sie haben zwei Stunden gesessen und meditiert, und irgend etwas ist in Ihnen geschehen. Sie sind gekommen, um ihm davon zu erzählen, aber er weiß es nicht.»
«Schweigen ist eine gute Antwort», sagte mein Gastgeber. Ich setzte mein Glas ab. Es waren immer noch einige Flaschen da, doch ich hatte genug. Ich holte meinen Schlafsack. Als ich wieder zurückkam, hatte er aufgeräumt und gab mir ein hartes kleines Kissen. «Wie kommen Sie übrigens dorthin?» fragte ich, bevor ich einschlief.
«Ich gehe zu Fuß.»
«Der Weg ist steil, es muß eine halbe Meile oder sogar noch mehr sein. Und Sie haben nur ein Bein.»
Eine Hand kam unter seiner wattierten Decke heraus und berührte meine Schulter.
Er lachte leise.


aus Janwillem van de Wetering, Das Koan und andere Zen-Geschichten, rororo