Freitag, 9. November 2012

Wer ist, wo ist, was ist Buddha?



[…]
Ueda übersetzte den Anfang des Gesprochenen. Die Frage des Meisters, ob ich nicht Angst habe, den Gott der Christen zu verlieren, beantwortete ich mit Nein. Dann winkte der Meister ab, die weitere Übersetzung dauerte zu lange. Er ergriff die Klingel neben sich und klingelte. Wir standen auf und verbeugten uns ehrerbietig, und ich war ohne Widerstand, ergriffen von dem Geist, der mich angerührt hatte. Wir verließen rückwärts gehend den Raum. Im Eingang dieselben Verbeugungen wie beim Eintreten.
Unterwegs begegneten wir im Gang dem nächsten. Wir gingen schweigend aneinander vorüber. Auf dem Rückweg verließ man den Tempelraum an seinem oberen Ende, man durchquerte ihn nicht noch einmal. Als wir in die Halle zurückkehrten, hatte die Pause begonnen. Wir gingen nach draußen, sehr still. Im Mondschein gab mir Ueda kurz den Wortlaut meiner Aufgabe in deutscher Sprache. Die Aufgabe lautete:
Ikamuru kore Hotoke. Soku shin soku Butse?
Wer ist, wo ist, was ist Buddha? Damit kehrte ich in die Halle zurück und begann zu meditieren.
Am nächsten Morgen brachte mir Ueda die schriftliche Übersetzung von dem, was der Meister gesagt hatte, und meine Aufgabe. Ich gebe die Übersetzung wörtlich wieder:
«Wenn ein Meister gefragt wurde: ‹Wer ist, wo ist, was ist Buddha?›, antwortete er ohne weiteres: ‹Kokoro.› Das ist der Geist, das Gemüt, der Wille zusammen, das ist, so wie er ist, Buddha.
Diese Bedeutung sollst du mit deinem eigenen Kokoro zeigen.
Wenn du eine Antwort darauf weißt, mußt du zum Meister kommen. Aber du darfst auf die Antwort nicht für immer warten. Man muß danach streben, als wenn man Eisen essen müßte.
«Kokoro» (Herz – Gemüt – Geist)
Zen-Kalligraphie von Meister Ohtsu-Roshi
In der vorbereitenden Atemübung das Rückgrat kerzengerade halten, senkrecht sitzen, die Herzgrube zurückziehen, den Unterleib nach vorne schieben, einatmen, tief und voll, in die ganze Bauchtiefe, beim Ausatmen den Bauch von innen her etwas vordrücken. Zunächst den Atem zählen, Sammlung. Wenn du sie erreicht hast, fängst du an, deine Zen-Aufgabe zu meditieren. Aber nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Bauch.
Du sollst zunächst den Gott des Christentums beiseite lassen, auf die lange Bank schieben (in Japan: auf das Wandbrett legen). Sitzen üben!
Aber übrigens hat es den Meister interessiert, daß du, die du eigentlich Christin bist, so fleißig Zen üben willst. Aus einer Kritik zum Christentum heraus oder aus einer Angst vor dem Leben? Der Meister erwartet keine Antwort auf diese Frage.
Sitzen ist eine Methode, also darfst du nicht davon gefesselt werden. Das Ziel ist, die große Befreiung zu erleben und als ein freier Mensch zu wandeln. Frei leben heißt das Leben und den Tod durchbrechen, diese zwei Dualitäten.
Wir kennen weder das ‹Woher› des Lebens, noch das ‹Wohin› des Todes, wir kennen weder ‹vor› der Geburt noch ‹nach› dem Tod. Daß unser Leben in diese finstere Unkenntnis geworfen ist, das macht unser Leben tief angstvoll und fest gefesselt. Wir müssen aus dieser Unkenntnis, dieser Finsternis herauskommen. Dies ist der große Ernst. She je jidan. Deswegen üben wir Zen.»

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Ich bin nicht aus einer Kritik am Christentum zum Zen gekommen. Diese Auseinandersetzung (wenn ich eine allmähliche, dann immer schneller und ausschließlicher sich vollziehende Ablösung und Entfernung so nennen darf) war schon in früheren Jahren, lange vor dem Krieg 1939 vor sich gegangen. Obwohl ich noch in die Generation gehöre, in der die Erziehung in vollem Umfang religionsgebunden war – jeder Schultag begann mit einer Andacht, am Sonntag ging die Gemeinde auf dem Land in die Kirche, die Bibel wurde in vielen Häusern regelmäßig gelesen, und das «Wort Gottes» wurde der Jugend bei der Konfirmation als unantastbare Wahrheit, als Erhebung im Alltag, als Trost- und Kraftquelle ftir Zeiten der Anfechtung und Not, als Wegweiser in ein ewiges Leben mit auf den Lebensweg gegeben –, blieb mir ein Glaubenkönnen im Kern versagt. Das Dogma blieb mir fremd.
Dieser Prozeß der Ablösung, zuerst von kindlichen Vorstellungen, dann bewußter und kritischer von den Glaubensinhalten, ging in Schichten, oft mit Schmerzen und innerem Erschrecken vor sich und hat sich erst im Zen vollzogen.
Was mir blieb und worin ich verblieb, war eine tief in mir wurzelnde Ehrfurcht vor dem Leben, vor einer übergeordneten Kraft im Weltgeschehen.
Das eigentliche Kriterium für meine Unfähigkeit zu glauben war der Zweite Weltkrieg. In den ungezählten Nächten und Tagen, in denen wir in Kellern und Bunkern saßen, die Sirenen heulten, die Bomben fielen, der Boden schwankend unter der Wucht der Explosionen, habe ich mich wieder und wieder gefragt: Was ist jetzt in dir an Glauben, was kannst du noch glauben, woran hältst du dich? Es sind vielleicht die letzten Minuten deines Lebens – was geht in dir vor? Und immer war es dasselbe: Nerven, bis zum Zerreißen gespannt, nackte Angst, die das Herz hämmern ließ, die nach außen unter der Decke einer stoischen Ergebenheit in das Unabwendbare zugedeckt wurde. Auflehnung gegen die Sinnlosigkeit des Krieges, Auflehnung gegen einen Tod, dem ich mich ausgeliefert fühlte ohne eine Beziehung, als Nur-Objekt. Gedanken an die, die ich liebte. Aber auch die Liebe wurde überdeckt von der furchtbaren Spannung der Kreatur in mir. Wo war Glaube? Und sei es nur der Glaube an eine Kraft, die den Tod in ein inneres Schicksal verwandelt? Wo war die Gewißheit des Glaubens, die den Menschen über seinen Tod hinaus zu heben vermag? Ich konnte mich nicht belügen, ich hatte keinen Raum in mir für ein Schicksal, ich war nur Kreatur.
Es war eine harte Erkenntnis. Eine Erkenntnis, die mich hart machte gegen einen gefühlsbetonten Glauben, gegen den Anspruch des Absoluten und Alleinseligmachenden in den christlichen Bekenntnissen.
Aber etwas Kostbares, im Sinne des Lebens Positives, wurde aus Angst und Katastrophen heraus geboren. Das Leben wurde wieder einfach. Das Erleben unmittelbar. Nach den Angriffen schien die Sonne wie am ersten Schöpfungstage, Erde und Himmel waren wie neu geschaffen. Luft, Licht, Wasser waren wieder Elemente des Lebens, von einer vorher nie gekannten, nie begriffenen Köstlichkeit. Das Leben war die Wirklichkeit, in der der Mensch sich wieder in seine Qualität als Mensch eingesetzt fühlte.
Am Anfang des Krieges hatten mir Freunde ein kleines Buch zugeschickt: D. T. Suzuki, Die große Befreiung. Ich las es, und es ergriff mich über den Verstand hinweg. Ich las es wieder, wie man eine Hymne an das Leben liest, den Sinn ahnend und von ihm geführt, ohne die Sprache in ihrem Inhalt zu verstehen. Dieses Buch wurde mir in der Zerstörung der Welt ein Stück fruchtbarer Erde, einer Erde, über der Stille war.
Später stieß ich auf Herrigels Zen in der Kunst des Bogenschießens.
Dieses von einem Europäer über Zen geschriebene Buch, von einem europäischen Standort aus Zen erfahrend, begriff ich konkreter.
Ich verstand sofort eins: Hier ging es um eine Wirklichkeit in einer Totalität, die ich nur erahnen konnte, hier hatte nur das Gültigkeit, was realisiert wurde. Hier war die Einheit von Denken und Leben, von Leben und Denken, die ich suchte. Hier war eine Freiheit, die alle Gebundenheit aufhob, hier waren die Antworten auf das Leben und auf das Sterben.
Alle Philosophie, soweit ich mit den großen Fragen der Philosophie in ein Verhältnis zu kommen versucht hatte, hatte mir den Weg in diese Freiheit nicht öffnen können. Die Gedanken der Philosophie standen vor mir – in einem abstrakten Raum des Denkens, für den meine Denkkraft nicht ausreichend war. Ich suchte eine Antwort auf die Fragen des Lebens, meines Lebens, die aus meiner totalen Existenz heraus gegeben wurden, die meinen Geist, mein Gemüt, meinen Willen gleichermaßen angingen.
In dieser Zeit griff der Tod in mein Leben ein. Mein ältester Bruder starb. Ich stand vor einem Totenantlitz, über dem Reinheit lag, Größe, der Abglanz eines Offenbar-geworden-Seins einer anderen Dimension, die uns Lebende in ehrfürchtige Entfernung rückte. Vor der Hoheit dieser Verwandlung mußte alle Traurigkeit verstummen, der Maßstab der eigenen Trauer entwertete sich vor der Erhöhung durch den Tod. Aber die Frage ließ mich nicht mehr los:
Was ist der Tod? Wohin führt er uns? Was wird er mir bedeuten? Wie soll ich mich auf ihn vorbereiten?
Ich hatte nicht lange Zeit, der Frage nachzugehen. Wieder stand ich vor dem Totenantlitz eines Menschen, mit dem ich aufs innigste verbunden war. Ich sah in ein vom Kampfbeschädigtes, zerwühltes und zerrissenes Gesicht, in dem das jähe Entsetzen, die Qual des Sterbens eingegraben war. Der Tote war einem Mord zum Opfer gefallen. In meine trostlose aufgewühlte Verzweiflung hinein stellten sich jetzt wie Felsblöcke die Fragen: Was hat es mit dem Tod auf sich? Bleibt er derselbe, auch wenn das Sterben ein anderes ist? Was ist der Tod?
Ich faßte jetzt zum erstenmal den Plan, nach Japan zu gehen, um einen Eingang in das Zen zu suchen. Aber bevor die Verbindungen, die ich aufnahm, mir die Wege nach Japan öffneten, sollten weitere zwei Jahre vergehen. Ich versuchte, mein inneres Gleichgewicht in einer neuen Arbeitsgemeinschaft mit einem jüngeren, hochbegabten Arzt wiederzufinden. Der viel Jüngere erlitt einen Herzinfarkt. In drei Tagen und Nächten kämpfte ich mit Freunden um sein Leben. Wieder erlebte ich den Tod. Diesmal stand ich daneben, als er kam. Er ergriff einen Erfahrenen, der wissend und bewußt seinen Todeskampf und ohne ein Wort der Klage seine große Todesangst bestand. Er starb, wie er gelebt hatte, ein wissenschaftlich Denkender, der bis zur letzten Minute seine Anweisungen gab, um dem Tod überlegen zu bleiben. Jetzt griff ich endgültig die Fäden auf, die nach Japan führten und in das Zen. Im Inneren gleichgültig, skeptisch, sachlich, ohne jede Bereitschaft zu glauben, kam ich zum Zen.
Wer ist, wo ist, was ist Buddha?

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Mit dieser Aufgabe stand ich vor dem Tor zum Zen. Gab es ein Tor darin? Ich begriff, daß alles, was ich bisher über Zen gelesen hatte, mir das Wesentliche nicht hatte erschließen können. Ich fand keinen Zugang zu der Aufgabe, mehr noch, ich wich vor ihr zurück.
Wer ist Buddha? Hatte mir Buddha jemals mehr bedeutet als Christus? Ich sah in Buddha wie in Christus und Mohammed die großen Führer der Menschheit, die Wegweiser und Wegbereiter in die Menschwerdung des Menschen, ich verehrte in ihnen den vollkommenen Ausdruck des Menschlichen, ohne aber an ihre göttliche Sendung im Sinne einer göttlichen Inkarnation glauben zu können. Was war gemeint mit dieser Aufgabe? Sollte ich in ihr Christus mit Buddha ablösen? Ich war zum Zen gekommen, um Zen zu studieren. In vollem Ernst, mit bestem Wollen, aber in der kritischen Haltung eines Prüfenden, der gewillt ist, sowohl Inhalte und Werte der unbekannten Disziplin wie auch die eigenen Erfahrungen einer nüchternen Prüfung zu unterziehen. Es war die Einstellung eines Europäers zu einem neuen Wissensgebiet.
Ich gab diese Einstellung schon in der Anfangszeit meiner Einführung in das Zen auf. Aus den ersten Erfahrungen des Übens heraus hatte ich begriffen, daß es im Zen nur ein Entweder-Oder geben kann, einen totalen Einsatz ohne Vorbehalte und Rückhalte. Wer sich zu diesem Einsatz nicht bereit erklärt, übt nicht Zen, sondern macht ein psychologisches Experiment. Das aber ist eine blasse Torheit, gemessen an Zen.
Diese Einsicht gab mir Mut. Ich wandte mich mit ausschließlichem Bemühen meiner Aufgabe zu, alle Gedanken darüber fallenlassend. Es gelang mir, still zu sein. Nach einiger Zeit des Übens versank auch die Aufgabe. Plötzlich, wie wenn mich ein Blitz getroffen hätte, stand die Frage in mir da: Wer bin ich? Ich glaubte, dieses sei die Antwort. Noch niemals bisher war ich im Üben in diesem Bereich des Versunkenseins angekommen, ich hatte eine Berührung gehabt mit einer Tiefe in mir, die mich auf eine unerklärliche Weise glücklich machte. Ich bat Ueda, mit mir zum Sanzen zu gehen. Der Meister hörte meine Antwort. Er begriff sofort, daß diese Aufgabe meinem damaligen Zustand nicht entsprach. Er gab mir eine neue Aufgabe. Sie lautete:
«Wie kannst du den Glockenklang, indem er läutet, zum Stillstand bringen? Wörtlich: bis die klingende Glocke zum Stillstand gebracht ist, nur sitzen, auf daß alles andere als der Glockenklang abstirbt.» Ueda sagte: «Wenn du die Lösung gefunden hast, sollst du wieder zum Meister kommen. Aber wenigstens einmal bis zum Ende dieser Übungszeit. »
Die neue Aufgabe brachte mich in einen Aufruhr, der wie ein Taifun in mir wütete. Mein Intellekt rannte, bildlich gesprochen, mit dem Kopf gegen die Wand der Aufgabe an, besessen, eigenmächtig und gleichermaßen tief ohnmächtig. Ich stand in mir in einer Finsternis ohnegleichen, in der ich hilflos umherzuirren begann. In meiner Verzweiflung fing ich an zu spekulieren. Was ist eine Glocke? Materie. Was ist Klang? Schwingung der Materie. Kann ich den Klang im Klingen zum Stillstand bringen, wenn ich die Materie zerschlage? Ich geriet in eine Bedrängnis, die mich wie ein Schraubstock umklammert hielt, ich wußte nicht mehr ein noch aus. Bis ich mich mit einer Willensanstrengung, die mir den Schweiß aus den Poren trieb, von allen diesen intellektuellen Überlegungen frei machte. Ich saß und horchte nur noch in mich hinein, tief erschöpft. Ich versuchte, die Glocke in mir zu hören. Wieder spannte ich meinen Willen bis zum äußersten an, sie wirklich zu hören. Mit allem Willen, den ich aufzubringen vermochte, unterdrückte ich die Gedankenfetzen, die durch mein Gehirn schossen, die Gefühle, die mich wie krächzende Raben verhöhnten, meine Empfindungen, Unruhe, Widerstand, Aufruhr. Endlich wurde ich still. Ich glaubte, nach Stunden harten Bemühens, den Glockenklang in mir zu hören, und dann versank auch dieses Hören. Ich ging wieder zum Sanzen. Ueda sagte laut vor dem Meister meine Aufgabe, ich antwortete sofort darauf: «Mein Ich hörte nicht mehr, da war die Glocke still.»
Der Meister sagte mit großer Strenge:
«Komme nicht mit Erklärungen, bringe mir den Zustand, in dem du nichts mehr hörst. Werde eins mit dem Glockenklang. »
Die Antwort des Meisters traf wie ein Schwerthieb genau in die Nahtstelle. Ich fühlte mich aus einem Im-Kreis-Herumirren erlöst, aus einem intellektuellen Kerker befreit. Die Antwort hatte mir die Tür geöffnet in die Dimension, aus der heraus die Aufgabe gestellt worden war und in die hinein die Aufgabe mich führen sollte. Zu beiden mußte ich mich neu zurückfinden, zum Hören und zum Nicht-mehr-Hören.
Hatte ich jemals den Klang einer Glocke wirklich gehört? Unmittelbar, mit der Offenheit meines Wesens? Einer Offenheit, in der es weder Vorstellungen noch Gefühle, weder Verstand noch Wissen gab, sondern nur Realität? Hatte ich den Klang einer Glocke so gehört, daß ich mit dem Klang eins werden konnte? War nicht zu viel in mir davorgestellt? Konnte ich die Gewichte, an denen ich trug, von mir abschütteln, konnte ich aus den Abstraktionen des Verstandes herausfinden in die Offenheit des Lebens, in eine Leere, in der jede Lebensäußerung zu einem schöpferischen Impuls wird?
Wie konnte ich diesen Weg finden? Im Sitzen und wieder Sitzen? Ich betrat die erste Stufe auf diesem Weg. Die Glocke hören wollen, welcher Irrtum! Sich öffnen, an nichts mehr festhalten, zur Glocke werden, mit der Glocke eins werden?
Unsagbar zögernd dämmerte in mir ein Begreifen herauf, was es mit diesem Einswerden auf sich hat. Die Totalität des Lebens. Eine Totalität, die nur im Einswerden mit dem Ursprung in sich selber Wirklichkeit werden kann. Darum gibt es für den Zen-Übenden nur eine Richtung, ein Ziel in seinem innersten, konzentrierten Bemühen: die unbewegte Mitte, den Ursprung.
Er ist das Licht, auf das der Übende zugeht. Mag er sich noch so tief verbergen in einer Tiefe, die unauslotbar, unergründlich und unerreichbar sich auftut – die Gewißheit dieses Ursprungs in sich selber als das Wesen und Wesentliche seiner Existenz und der Existenz alles Lebens zwingt den Übenden, durch alle Zweifel und Verzweiflung hindurch an seinem harten Bemühen festzuhalten. Sein Ich, das Bewußtsein seines eigenen Ich wird substanzlos auf diesem Weg. Die inneren Kämpfe und Auseinandersetzungen mit dem eigenen Ichbewußtsein, mit seiner intellektuellen Vormachtstellung im Lebensgefühl, mit seinen Ansprüchen an das Individuum, seine Auflehnungen und Widerstände gegen einen Einschmelzungsprozeß, werden in der Zen-Schulung von vornherein an die Peripherie des inneren Geschehens gerückt.
In der äußersten Konzentration auf die Mitte bleiben die Stimmen des Ichgefühls gleichermaßen ohne Resonanz, sie werden gehört und nicht mehr gehört, ohne Bejahung und ohne Ablehnung, bis sie in sich selber zerfallen. Sie sind die Wolken, die über den Himmel ziehen und die Sonne verdunkeln, aber die Existenz der Sonne niemals berühren können. Wie sollte ich als Europäerin diesen ungeheuerlichen Verzicht leisten können? Konnte ich diesen Schritt, die Aufgabe meines Ichs, tun, ohne damit den europäischen Boden meiner Herkunft zu verleugnen, ohne meine Wurzeln aus dem europäischen geistigen Boden zu lösen?
War ich nicht wie jeder im Westen Beheimatete im Denken und im Leben tief verwurzelt in dem Bewußtsein von der Einmaligkeit meiner individuellen Existenz? War nicht mein Ich der Ausdruck dieser Einmaligkeit? Galt nicht im Westen als höchster Ausdruck der individuellen Entwicklung die Persönlichkeit?
Ich wußte, ich stand vor einem Kampf mit mir selber, der an die Wurzeln meiner Existenz rührte. Würde ich ihn bestehen? Der Meister hatte gefordert: «Bringe mir den Zustand, in dem du nichts mehr hörst. Werde eins mit dem Glockenklang. » Ueda-san sagte mir auf meine Frage, was es mit einem solchen Zustand auf sich habe: «Wir haben im Japanischen ein Wort: Tai-toku. Tai heißt Körper, und toku heißt greifen und gleichzeitig das Gegriffene bereithalten im Leib.»
Die uralte Weisheit des Ostens eröffnete sich vor mir in dieser Erklärung. Körper und Geist sind für den östlichen Menschen eine konkrete Einheit. Im Osten ist der Mensch in seiner Gestalt, wie alles Geschaffene, eine Einheit von Materie und Geist-Bewußtsein. Das eine ist untrennbar vom andern. In Materie und Geist als Einheit manifestiert sich das Leben schlechthin. Eine Trennung in Körper und Geist ist für den Osten eine Abstraktion des Verstandes.
Zum erstenmal, seit ich Zen übte, geriet ich jetzt in eine Auseinandersetzung mit der christlichen Weltanschauung. Nach der christlichen Lehre ist der Mensch von Geburt an hineingestellt in den Kampf zwischen Gut und Böse, in den Gegensatz des Tierhaft-Triebhaften seines Fleisches und der höheren Vernunft seines Menschentums. Einen Gegensatz, den Paulus so ausdrückt: «Das Gute, das ich tun will, das tue ich nicht, aber das Böse, das ich nicht tun will, das tue ich.»
Aus diesem steten Kampf erwächst das Schuldgefühl des Christen, seine Entzweiung mit dem Leben, seine Verstrickung in Schuld und Sühne. Auch ich fühlte mich darin gebunden. Über den Koan brachen die ersten Strahlen eines übergöttlichen Weltgedankens in mich ein, in die Welt der Gegensätze in mir, in den Kampf um Gut und Böse.
Der Gedanke einer Einheit von Materie und Geist, zum erstenmal aus dem Raum des abstrakten Denkens hineingenommen in den Erfahrungsbereich meiner inneren Welt, tat sich mit ungeheurer Weite vor mir auf. Die Welt des persönlichen Gottes, des Vater-Kind-Begriffes im christlichen Glauben, brach jetzt endgültig in mir zusammen. Ich stand vor dem Nichts – und ich fürchtete mich sehr.
Fragen kamen und blieben ohne Antwort:
Wenn der Mensch unverletzbar bleibt in seinem Ursprung, was ist dann Sünde? Was ist Schuld? Wie können wir richten, über Gut und Böse entscheiden? Was berechtigt uns, ethische Forderungen aufzustellen? Warum leben wir, wenn dieses Leben über nichts entscheidet, wenn wir sind, wie wir sind, und aus diesem Leben wieder hinausgehen, wie wir sind?
Ich legte diese Fragen still auf das Wandbrett und übte Sitzen.
Eine Periode kam, in der ich michjeden Intellekts beraubt fühlte, in der ich jede Fähigkeit zu denken verloren hatte.

aus Lies Groening, Die lautlose Stimme der einen Hand, Zen-Erfahrungen in einem japanischen Kloster

Mittwoch, 7. November 2012

Das Ribosom als Proteinfabrik

Der Körper benötigt Proteine. Diese werden in »Zellfabriken« (genannt »Ribosomen«) hergestellt.
Dazu werden in einem ersten Schritt Teile eines DNA-Stranges in eine Blaupause »umgeschrieben«.
Dies wird »Transskription« genannt.

Kreidezeit 21: Transkription {2:16}


biotechgermany 
Am 07.01.2011 veröffentlicht 
In dieser Folge der Kreidezeit erklären wir den ersten Schritt der Proteinbiosynthese, d.h. wie bei der Transkription die Information der DNA in mRNA umgeschrieben wird. 
Mehr Kreidezeiten unter www.kreidezeit.tv
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Wie in obigem Video zu sehen, ist die Blaupause ist kein Doppel- sondern ein Einfachstrang; sie wandert als »Produktionsanweisung« bzw. Produktions-Information zum Ribosom, welches die Blaupause in eine Kette von Aminosäuren »übersetzt«.

Kreidezeit 22: Translation {2:07}


biotechgermany
Am 07.01.2011 veröffentlicht 
In dieser Folge der Kreidezeit erklären wir den zweiten Schritt der Proteinbiosynthese, d.h. wie bei der Translation die Information der mRNA genutzt wird um ein Protein zu synthetisieren. Mehr Kreidezeiten gibt's unter www.kreidezeit.tv
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Die Zelle - Schulfilm Biologie {5:47 – Start bei 0:44}


Schulfilme im Netz 
Am 12.09.2012 veröffentlicht 
https://www.schulfilme.com 
Jedes Lebewesen besteht aus mikroskopisch kleinen Zellen. Zellen sind winzige, voneinander getrennte Einheiten. Man unterscheidet zwei große Gruppen von Zellen: die Protocyten ohne Zellkern und die Eucyten mit Zellkern. Menschen sowie die meisten Tiere und Pflanzen sind so genannte Vielzeller. Sie bestehen aus Milliarden von Zellen mit Zellkern. Unter diesen gibt es viele verschiedene Typen, die jeweils auf eine bestimmt Aufgabe spezialisiert sind. Die Zellen eines Typs schließen sich zu Verbänden zusammen. So einen Verband nennt man Gewebe. Wenn mehrere Gewebe für eine spezielle Aufgabe zuständig sind, bilden sie zusammen ein Organ. Alle Zellen sind mit einer gelartigen Substanz gefüllt, dem so genannten Cytoplasma. Pflanzenzellen unterscheiden sich von tierischen Zellen dadurch, dass sie zusätzliche Organellen besitzen, zum Beispiel die Chloroplasten.In diesen findet die Fotosynthese statt.
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Es gibt lebende und nicht-lebende Infektionserreger
Zu den nicht lebenden Infektionserregern zählen
  • Prionen (Proteinpartikel)
  • Viroide (reine RNA-Stücke, für Menschen ungefährlich)
  • Virusoide (DNA- oder RNA-Moleküle, sie benötigen andere Viren für ihre Replikation) und
  • Viren (eigenständige infektiöse Einheiten)

Die Viren 
  • bestehen aus einer Kapsel, die eine Nukleinsäure enthält (manche haben drumherum noch eine Membran)
  • haben weder eine Zellstruktur (kein Organellen) noch einen Stoffwechsel und
  • benötigen für ihre Vermehrung Wirtszellen
  • sie sind 0,03 bis 0,3 Mikrometer groß (1 Mikrometer = 1 Tausendstel Millimeter)
Basiskurs Mikrobiologie: Viren (Aufbau & Struktur) {39:29 – Start bei 8:12}
mednachhilfe 
Am 07.11.2012 veröffentlicht 
http://www.mednachhilfe.blogspot.com
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Freitag, 2. November 2012

Hugo Enomiya-Lasalle – Anforderungen

Moralische soziale und charakterliche Anforderungen 

 Es wird bisweilen behauptet, im Zen spreche man kaum von Moral oder Liebe im Sinne von sozialer Tätigkeit für Arme und Kranke und andere leidende Menschen, während das doch im Christentum für sehr wichtig gehalten wird. Zum letzteren möchte ich Meister Yamada Mumon erwähnen, der jetzt alt und gebrechlich ist und zurückgezogen lebt. Er ist oder war einer der bedeutendsten Meister der Gegenwart in Japan. Als er noch rüstig war, ging er jährlich im Herbst nach Neu Guinea und blieb dort einige Wochen, um die Bevölkerung, die unter der japanischen Besatzung während des Krieges schwer gelitten hat, mit Japan zu versöhnen. Das ist nur ein Beispiel. Daß Zenmeister kein Verständnis für soziale Probleme hätten, ist nicht richtig. 


Zen of Yamada Mumon Roshi [6:25]

Hochgeladen am 06.04.2011
Jolly old Zen Master, Yamada Mumon Roshi shares his wisdom and views. This clip is from an old document - The Long Search -, perhaps from the 1970's, done and narrated by Ronald Eyre. Film was shot at the Rinzai Zen Buddhist monastery of Shofukuji, Kobe, Japan.
    
 Nun zu dem Vorwurf, daß im Zen nicht oder kaum von Moral gesprochen wird. Tatsache ist – und das weiß jeder Zenmeister – daß ein Mensch, der sich nicht bemüht, ein sittenreines Leben zu führen, sich umsonst um die Erleuchtung bemüht. Solchen Leuten kommt es überhaupt nicht in den Sinn, zu einem strengen Zenkurs zu gehen. Das ist ihnen viel zu lästig mit all den Strapazen, die man da mit auf sich nimmt. Außer den Zenmönchen selbst sind die Teilnehmer ausgenommen die Jugendlichen, die noch studieren, meistens Menschen, die einen weltlichen Beruf haben, wie Ärzte, Erzieher, Künstler, Beamte u. a. Sie machen immer die Erfahrung, daß ihnen diese Art der Meditation für ihre Berufstätigkeit von Nutzen ist, zusätzlich zu vielen anderen guten Wirkungen. So tragen die Zenmeister indirekt auch bei zu der Lösung der vielen Probleme, die in der Welt heute anstehen. Das Zen ist auch nicht asozial, weil während der Kurse beständig Stillschweigen vorgeschrieben ist. Das kommt beim Abschluß eines Zenkursus spontan zum Ausdruck durch die ungezwungene Fröhlichkeit der Teilnehmer. Darum wird auch immer wieder der Wunsch ausgesprochen, an längeren Kursen teilnehmen zu können. Zu unserer Zenhalle bei Tokyo kommen nicht nur Christen, sondern auch solche, die nicht christlich sind, seien es gläubige Buddhisten oder solche, die bewußt gar keinen religiösen Glauben haben oder sich dessen wenigstens nicht bewußt sind. Wir versuchen, niemanden dahingehend zu beeinflussen, daß er Christ wird und natürlich auch nicht, daß er Buddhist wird, sondern versuchen, jedem auf seinem Wege weiter zu helfen. Oder wie es Graf Dürckheim ausgedrückt hat: jedem zu helfen, daß er den nächsten Schritt richtig macht. 

Karlfried Graf Dürckheim - "Der Weg ist das Ziel" (Gespräch) [1:23:30]

Veröffentlicht am 12.11.2013
Gespräch aus der Reihe "Zeugen des Jahrhunderts" (1985). Mit Karl Schnelting. 
Zu Beginn und bei 14:02 fehlen leider einige Minuten.
Ein Portrait von Karlfried Graf Dürckheim ("Die Tür zum inneren Geheimnis", 1998, 45 Min) findet sich hier: http://www.youtube.com/watch?v=yy5qmb...
Siehe auch die Karlfried Graf Dürckheim-Playlist: https://www.youtube.com/playlist?list...
 Es dürfte aus dem Gesagten einleuchten, daß Zen einem Christen helfen kann, zu einem tieferen christlichen Gebet zu kommen. Es ist eine Tatsache, daß heute auch bei Christen, die es sein wollen und auch sind, die gegenständliche Meditation nicht mehr ankommt. Das ist typisch für unsere Zeit, wo das rationale oder begriffliche Denken im Bereich des Religiösen nicht mehr die Bedeutung hat, wie es am Anfang dieses Jahrhunderts bei gläubigen Christen noch der Fall war, und wie ich es selbst noch erfahren habe. Das gilt wenigstens für den westlichen Menschen. Was den östlichen Menschen betrifft, so wie ich ihn in vielen Jahren in Japan und auch in etwa in Korea kennengelernt habe, ist diese Art der gegenständlichen Meditation, wie wir sie zugleich mit dem Christentum vermittelt haben, niemals recht angekommen, wenn man Meditation als Gebet versteht, wohl aber im Sinne von besserem Verständnis des christlichen Evangeliums. Als typisches Beispiel möge das Folgende dienen. Ich hatte vor etlichen Jahren Gelegenheit in einem Noviziat von koreanischen Schwestern mit 45 Novizinnen einen Tag in der Weise des Zen zu meditieren. In der Aussprache danach sah die Reaktion so aus: Bisher haben wir in der täglichen Meditation einen Schrifttext vorgelegt bekommen, um damit zu meditieren. Dieses Mal hatten wir zum ersten Mal das Gefühl, daß wir während der Meditation beteten. 


Im koreanischen Gewand während der Zen-Exerzitien
in Korea, 1970
 Auch auf den Philippinen, die Jahrhunderte hindurch unter westlichem Einfluß gestanden haben, nicht nur politisch, sondern auch religiös wie auch in den Meditationsweisen, scheinen die einheimischen Christen ihre Identität im Religiösen wiedergefunden zu haben. Es ist ganz erstaunlich, wie viele von ihnen bei richtiger Führung in der Zen-Meditation die Erleuchtung erfahren. Es ist wahr, daß das Wort Zen vielen Menschen auch in Europa bekannt ist und auch von außen her in etwa verstanden wird, wozu auch die Sendungen im Fernsehen beitragen, in denen verhältnismäßig oft zen-buddhistische Mönche zeigen, wie sie still in der Meditation sitzen. Aber dadurch allein kann man diese Dinge nicht von innen verstehen. In unseren Zenkursen in Shinmeikutsu geben wir immer wieder von neuem die obigen Erklärungen und stellen fest, daß die Meditierenden sie besser verstehen, und so oft sie dieselben hören, besser verstehen sie auszuführen. Es sind eben Dinge, die man tun muß, um sie zu verstehen. Und: wenn man wissen will was Zen ist, muß man es praktizieren.


Erleuchtung ist nur der Anfang 


 Im Zen wird Satori geprüft, es müssen ganz bestimmte Fragen beantwortet werden. Allein der Eindruck, daß einer die Erleuchtung hat, genügt nicht. Damit jemand Zen-Meister wird, müssen noch etwa 400 bis 500 Kōan gelöst werden, einer nach dem andern, damit die Erleuchtung wirklich integriert wird. Das ist eine notwendige Voraussetzung. Doch es geht auch anders. 


 Theoretisch kann jeder Mensch zur Erleuchtung kommen, aber das setzt natürlich Verschiedenes voraus. Erleuchtung kann auch ganz plötzlich kommen, ohne daß man etwas von Zen weiß, bei irgend einer Gelegenheit und unabhängig vom Alter, und die Leute wissen in so einem Fall nicht, was es ist und wie sie damit umgehen sollen, aber sie möchten es gerne wiederhaben. Wenn sie dann zum Zen kommen und von Erleuchtung hören, fragen sie nach der Erleuchtung und sagen, so etwas habe ich schon einmal erfahren. 


 Sie erzählen, wie das gewesen ist, und diese Erleuchtung wird nun konkret geprüft: Man gibt ein ganz bestimmtes Kōan, d. h. eine paradoxe, rätselhafte Begebenheit aus dem Leben der früheren Zen-Meister und -Schüler, ein besonders schwieriges, meist das Koan »Mu«. Damit üben die Betreffenden dann einige Zeit lang, indem sie beständig das Wort »Mu« wiederholen und versuchen, überhaupt nichts zu denken, nicht zu überlegen, was das ist, sondern nur mit dem »Mu« eins zu werden. Das heißt also: keine Erwartung haben, nicht an Erleuchtung denken. Man empfiehlt den Leuten auch, das zu Hause zu üben und sich bei jeder Arbeit so auf die Tätigkeit zu konzentrieren, daß sie mit ihr eins werden - das bedeutet, ohne Egoismus dabei zu sein.



Koan Mu, eine Kaligraphie von
Yamada K
ōun Rōshi, Kamakura


 Das berüchtigte Ego, das sogenannte kleine Ich, steht den meisten im Weg, wirklich eins zu werden. Damit wird die Arbeit nicht schlechter, sondern besser. Bei manchen Tätigkeiten kann man auch das »Mu« einsetzen. Es kann dann vier oder fünf Jahre dauern, auch mehr, bis es zur Erleuchtung kommt. Jetzt muß der Mensch die damit verbundene Erfahrung integrieren, und das heißt: Er muß ein anderer Mensch werden, ein vollkommener, aufrichtiger Mensch im besten Sinne des Wortes. Das heißt nicht, diese oder jene Religion zu haben, sondern daß er ehrlich ist und sich selbstlos für die Menschen einsetzt. Im letzten Stadium, wenn er ganz umgewandelt ist, vergißt er die Erleuchtung und arbeitet selbstlos für die Menschen. 

 Erleuchtung ist ein Innewerden von der Wirklichkeit, dem Absoluten, und das verliert der Mensch auch nicht – aber die Umwandlung geschieht nicht allein durch die Erleuchtung, dazu braucht man das ganze Leben. Die Erleuchtung ist nur der Anfang! Wichtig ist, daß der Betreffende an sich arbeitet. Zuerst muß er sehen, was sein Hauptfehler, sein Haupthindernis ist, und dagegen muß er am meisten angehen. Bevor man an die Erleuchtung denkt, muß man sich bemühen, ein richtiger, guter Mensch zu werden, ehrlich, aufrichtig, mitleidig, selbstlos und treu – dann kann man die Erleuchtung anstreben. 


 Ein Mensch kann das Bewußtsein haben, daß er das Letzte erfahren hat, und das bleibt. Es wieder zu erfahren ist nicht so leicht, und das ist auch nicht die Hauptsache. Die erste Erfahrung zu vertiefen und zu integrieren ist wichtiger. Universalgültig ist die Selbstlosigkeit. Jedes kleine Ich, das rumtanzt und alles bestimmt, muß weg. Selbstlosigkeit hat es immer gegeben, in allen Religionen, aber diese zu leben, ist das Schwerste. Die Berührung mit dem Absoluten weckt sie, und dann muß man an sich arbeiten, sich auf den so markierten Weg begeben.

aus Hugo M. Enomiya-Lassalle, Mein Weg zum Zen


Einfuehrung in ZEN Meditation P Enomiya Lassalle SJ Teil 1 [13:07]
Veröffentlicht am 04.10.2012
Einführung in ZEN Meditation von Pater Enomiya Lassalle SJ aus dem Jahr 1985

Mittwoch, 31. Oktober 2012

Die weiße Maus

Der siebte, der letzte Tag. Die Tradition schreibt vor, daß Rohatsu mit einer Party endet. Rupert hatte keine Vorbereitungen für die Party getroffen, deshalb nahm ich an, daß wir außerhalb feiern würden. Ich freute mich auf das letzte Läuten der Glocke. Es würde langsam verklingen, wir würden noch eine Minute auf unseren Sitzen verharren und darauf warten, daß der Jikki die Halle verließe. Dann würden wir, zum letztenmal, antreten und ordentlich hinausgehen. Aber draußen wären wir frei, frei, zu lachen und zu scherzen und uns auf die Schultern zu klopfen. Und dann würden wir irgendwo anders sein, um zu essen und zu trinken. 

 Die letzte Periode kam, und ich tat mein Bestes, um sie nicht zu vergeuden. Die plötzliche Stimme des Jikki schreckte mich auf. 


 »Heute abend wird es keine Party geben«, sagte Rupert. »Peter will, daß wir das Schweigen bis morgen früh fortsetzen. Wir werden alle um neun Uhr am Grab des alten Meisters erwartet. Danach gibt es ein gemeinsames Frühstück.« 


 Er hustete. Ich wartete auf den Rest der Botschaft, aber das Schweigen lastete wieder auf dem Zendo. Edgar, mein Nachbar, blies durch seinen Schnurrbart. 


 ›Mahlzeit‹, dachte ich. ›Keine Party. Schrecklich.‹ 


 Doch als die Woge der Enttäuschung vorüber war, grinste ich. Keine Party. Na und? Die Party war mir eigentlich egal. Es gab andere schöne Dinge, an die man denken konnte. Rohatsu war vorbei, und ich konnte gemütlich Kaffee trinken, schönen starken Kaffee mit einem Schuß Büchsenmilch. Und hinterher unter meine Decken tauchen. Und am nächsten Morgen lange schlafen. Ich brauchte nicht vor acht Uhr aufzustehen. Und nach dem Frühstück würde ich einen Spaziergang im Wald oder am Strand machen. Ich könnte mir die Schwertschwänze ansehen und die Eichelhäher füttern. Und ich hatte ein gutes Gewissen. Ich hatte mein Bestes getan, natürlich hätte es besser sein können, aber trotzdem, diesmal hatte ich mich wirklich bemüht. 


 Ich schätzte, daß uns noch fünf Minuten blieben, und verstärkte wieder meine Konzentration. 


 Das vertraute Rascheln von Peters seidenem Kimono holte meine Aufmerksamkeit wieder in die Halle zurück. Er hatte Rohatsu eröffnet, nun würde er die Woche beschließen. Ich lauschte, zweifellos würde er die richtigen Worte wählen. Er hatte den Altar erreicht und wandte sich uns zu. »Ich möchte euch die Geschichte von der kleinen weißen Maus erzählen.« Eine Woge des Glücks durchströmte mich. Die weiße Maus. Hätte er einen besseren Titel aussuchen können? Das kleine Tierchen mit seinem langen Schwanz, das in einem Glaskasten wohnt und Tunnel durch das Sägemehl gräbt, um als Höhepunkt seiner Aktivitäten in einem aus einer Zigarrenkiste gezimmerten Rad zu laufen. In dem Moment, in dem Peter die Worte die weiße Maus aussprach, wußte ich, daß meine Zweifel an der Lehre und an der allgemeinen Ausbildung, an der ich teilgenommen hatte, gegenstandslos waren. Ich lebte schließlich doch in der Welt Han-Shans und seines Freundes Shih-te, der verrückten kleinen Burschen, die vor tausend Jahren auf ihrem Kalten Berg herumliefen. Ich hatte getan, was ich hatte tun müssen, als ich nach Japan gegangen war. 


 Blitzschnell zogen eine Reihe weit zurückliegender Szenen an meinem Auge vorbei, die ersten Anzeichen der Befreiung, die ich an diesem Abenteuer schließlich finden würde. Ich erinnerte mich, wie ich schon als ganz kleines Kind gewußt hatte, daß die Aufregung, die Ängste und die Sorgen der Erwachsenen in meiner unmittelbaren Umgebung keine wirkliche Grundlage besaßen. Ich erkannte es blitzartig, aber es gelang den anderen immer, mich davon zu überzeugen, daß ich unrecht hatte, und dann fühlte ich mich wieder schuldig oder ängstlich - oder beides. 


 Die menschliche Natur hat keine wirkliche Verbindung mit den Gefühlen Schuld oder Angst - sie ist frei. Und ich wußte auch, daß diese Entdeckung nichts mit irgendeiner spezifischen Religion, nicht einmal mit dem Lächeln der Buddhastatue, zu tun hatte. Buddha entdeckte, was lange vor ihm bekannt gewesen war. Die auf sein Erlebnis gegründete Religion hatte mit dem plötzlichen Befreiungsblitz, den ich an jenem Abend im Zendo verspürte, nicht das Geringste zu tun. Ich begriff jetzt, warum der Meister im Tempel von Kioto sich geweigert hatte, mich zum Buddhisten zu machen. Wer sich fanatisch an irgendeinen Glauben bindet, versperrt sich den Weg nach draußen. Ich erinnerte mich, daß der alte Lehrer, in den mehr als zwanzig Jahren seines Meister-Daseins, es immer abgelehnt hatte, die Wörter Buddhismus oder Zen zu gebrauchen. Er hatte immer überrascht gelächelt, wenn ein SchüleI Buddha zitierte, um etwas zu beweisen.  


 »Eine kleine weiße Maus«, wiederholte Peter. 

 »In Japan ist eine weiße Maus ein gutes Omen. Wenn man eine weiße Maus sieht, kann man mit ein bißchen Glück rechnen. Sie ist ein Zeichen für Gesundheit, viel Geld, Erfolg. 

 Eines Tages nahmen ein Vater und sein Sohn in ihrem kleinen Haus ihren Abendreis zu sich. 

 ›Vater«, sagte der Sohn, ›sieh dich jetzt nicht plötzlich um, hinter dir läuft ein kleiner Gast, jemand, der uns Glück bringen wird.‹ Der Vater blickte vorsichtig über seine Schulter. Er sah eine kleine weiße Maus.

 Vater und Sohn lächelten. Still beobachteten sie die Maus, die auf den Reisstrohmatten hin und her lief. Aber dann schüttelte sich die Maus und wurde mit dieser Bewegung zu einer gewöhnlichen grauen Maus. Eine graue Maus, die zufällig in die Mehlbüchse gefallen war.«



 » Seid nicht wie die kleine weiße Maus. Es ist eine harte Woche gewesen. Eine schwierige Übung. Wenn ihr euch jetzt schüttelt, werdet ihr so grau sein wie am Anfang von Rohatsu. Paßt auf und bleibt weiß. Eines Tages werdet ihr vielleicht wirklich weiß sein.«

 Er verbeugte sich und verließ den Zendo. Rupert läutete seine Glocke zum letztenmal.




 Vielleicht hast du jetzt Satori erfahren. Die große Erfahrung, von der die Zen-Bücher sprechen. 

 Ist es wichtig, was genau du erfahren hast? 


 Natürlich nicht. 


 Nichts ist wichtig. 


 Auch Satori ist nicht wichtig. 


 Vergiß das Wort. 


 Lebe, als ob du es nie gehört hättest.

aus Janwillem van de Wetering, Ein Blick ins Nichts

Dienstag, 30. Oktober 2012

Sein Wohlbefinden steigern

GEFÜHLE – Zufriedenheit lässt sich trainieren. Nur wie? 

 180 Männer und Frauen in der Schweiz trainierten Charakterstärken. Damit steigerten sie ihr Wohlbefinden, so eine Studie der Universität Zürich. Die Teilnehmer waren heiterer und häufiger positiver Stimmung. „Die Teilnehmer waren Menschen, die sagten: ‚Mein Leben ist eigentlich ganz ok, ich möchte aber wissen, wie es noch besser werden kann’“, sagt Rene Proyer, Psychologe an der Universität Zürich. 

 Die Männer und Frauen trainierten Dankbarkeit, Optimismus, Humor, Neugier, Enthusiasmus, Sinn für das Schöne, Kreativität, Freundlichkeit, Liebe zum Lernen und Weitsicht. Dahinter steht die Annahme, dass Menschen, die solche Charakterstärken einsetzen, mehr Positive Gefühle erleben. Sie sehen mehr Sinn im Leben, haben bessere Beziehungen und Handlungsoptionen, so die Studiel1autoren. 


 Auf die positive Seite des Lebens wechseln 

 Die Frauen und Männer trafen sich 14-täglich, bekamen eine Stärke vorgestellt und übten sie in der Gruppe. „Als es um Dankbarkeit ging, mussten sie sich zum Beispiel mit ihrem Sitznachbarn darüber austauschen, wie sie in eineibestimmten Situation Dankbarkeit erlebt hatten“, sagt Proyer. Als Hausaufgabe sollten die Teilnehmer einem Menschen einen Dankbarkeitsbrief schreiben, ihm diesen vorlesen und die Reaktion beobachten. 

 Um Neugier zu fördern, schlugen die Forscher verschiedene Aktivitäten vor, etwa, sich über die Küche eines anderen Landes zu informieren und ein Gericht nachzukochen. „Die Leute sollten etwas Neues kennenlernen und beobachten, ob es ihnen Spaß macht“, sagt Proyer. Die Männer und Frauen mit dem Stärketraining fühlten sich anschließend besser, waren heiterer. Wer auf Dauer freundlicher mit Nachbarn oder Kollegen umgeht, der bekomme eher positive Rückmeldungen und fühle sich besser, sagt Psychologe Proyer. 


 „Sie werden durch so ein Training nicht plötzlich von einem unglücklichen Menschen zu einem glücklichen“, sagt Prof. Michael Eid, Psychologe an der Freien Universität Berlin. Aber es gebe Effekte. Es sei möglich, durch solches Training das Wohlbefinden zu steigern.



aus der Beilage der Welt am Sonntag vom 28.10.2012



Montag, 29. Oktober 2012

Narzißmus



Die Angst vor der Liebe

Europa verdankt den Griechen viele Mythen. So den von Narziss, dem jungen Mann, der sich erst verlieben konnte, als er im Wasser sein Spiegelbild sah. Narziss war so von sich einge­nommen, dass er alle zurückwies, die seine Zuneigung wünschten. Als eine Nymphe daher die Götter anrief, er möge niemals glücklich sein, erhörte sie die Rachegöttin Nemesis und strafte Narziss mit eiern Fluch der Selbstliebe.

Heute ist unsere Gesellschaft narzisstisch, diagnostiziert der Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz („Die narzisstische Gesellschaft, Ein Psychogramm“, Verlag Beck, 2012): Sie lenkt sich ab mit Konsum, giert nach Bewunderung und will eigenes Unglück nicht sehen.

Von einer narzisstischen Störung sprechen wir Psychotherapeuten, wenn sich bei einem Menschen Streben nach Großartigkeit mit Überempfindlichkeit gegenüber Kritik, Selbst­bezogenheit und Mangel an Einfühlung in andere paart.

Bekommt ein Kind nicht die Anerkennung, die es braucht, kann es keinen gesunden Narzissmus, kein Selbstwertgefühl entwickeln. Narzissten, meint Buchautor Maaz, haben Liebesmangel erlebt und wollen an ihn nicht erinnert werden. Daher sperren sie sich zu fühlen und haben Angst vor der Liebe. Sie wähnen sich großartig, größer, als sie sind, oder auch klein und minderwertig.

Um ihr schwaches Selbstwertgefühl zu stärken, streben Narzissten nach Perfektion. Sie versuchen, andere Menschen dazu zu bringen, sie zu bewundern, und durch Erfolg, Schönheit, Macht die lebensnotwendige Aufmerksamkeit zu erlangen. Gelingt ihnen dies, bringen sie es leicht zu großer Anerkennung, während die innere Leere bleibt. US-Popstar Michael Jackson ist ein tragisches Beispiel.
Beschäftigt mit sich selbst, sieht der Narzisst die Mängel der anderen, nicht die eigenen. Er entwertet andere Menschen und wertet sich selbst auf. Er kritisiert, aber darf nicht kritisiert werden. „Die Kränkbarkeit ist die Achillesferse der narzisstischen Störung“, schreibt Maaz. An Politikern beobachtet er, dass sie Kränkungen abwehren, indem sie alles, was sie tun, zum Erfolg erklären und andere Parteien abwerten.

Den frühen Mangel des Narzissten können heilsame Beziehungen ausgleichen, zum Beispiel wenn,eine aufopfernde Frau ihren narzisstischen Mann erträgt. Zur Therapie kommt dieser nur, wenn er von seinem Gefühl von Grandiosität in eine Depression kippt oder wenn er leidet, weil andere sich ihm entziehen.

Ein Narzisst hat es äußerst schwer, ehrlich zu sich selbst sein. Denn dazu muss er seiner Wut und seinem Schmerz begegnen. Und Milde und Einfühlung gegenüber sich und anderen Menschen lernen.

Prof. Ulfried Geuter in der Beilage zur Welt am Sonntag vom 28.10.2012
(auch hier zu finden:
- Narziss oder die Angst vor der Liebe, Gesund-Magazin, 24.10.2012) 
siehe auch:

(3sat) delta vom 10.01.08: Narzissmus im Alltag [5:13]


Veröffentlicht am 03.03.2012


Narcissistic Personality Disorder: A Portrait [12:07]

Hochgeladen am 12.09.2011
Clinical psychologist Joseph Burgo uses film clips to illustrate the prominent symptoms of narcissistic personality disorder. Burgo is the author of THE NARCISSIST YOU KNOW: DEFENDING YOURSELF AGAINST EXTREME NARCISSISTS IN AN ALL-ABOUT-ME AGE.

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http://www.afterpsychotherapy.com/nar...


Die Symptomatik besteht weniger In klar umschriebenen und vom Patienten benennbaren Symptomen, sondern mehr in vagen Gefühlen innerer Leere, Depression, Sinnlosigkeit und in einer starken Kränkbarkeit und Schamanfälligkeit, also in schweren Selbstwertstörungen. Zur Unterscheidung von ähnlichen Klagen bei klassischen Neurosen bedarf es jedoch des Studiums der spezifischen Übertragungsunterschiede und der anders gelagerten Gegenübertragungsgefühle, die im Analytiker hervorgerufen werden. Leitseil der Diagnose ist also weniger die deskriptive Symptomatik, sondern die Beziehungsfähigkeit des Patienten.

Kohut sieht diese Störung in einem primären Defekt der Selbstentwicklung, der in eine Fixierung an das archaische Größen-Selbst des Kindes bzw. in eine Fixierung an die archaisch idealisierte Eltern- Imago (s. Kap. C. 1d) mündet. Diese blockierten, nach Kohut aber an sich normalen Entwicklungsstadien des primitiven Narzißmus werden entweder verdrängt (horizontale Spaltung) oder durch Verleugnung vom Real-Selbst abgetrennt (vertikale Spaltung). Größenphantasien können dann neben tiefen Minderwertigkeitsgefühlen als scheinbar getrennte Persönlichkeitsanteile nebeneinander bestehen bleiben, zwar bewußt, aber ohne Einsicht in deren Widersprüchlichkeit, sukzessiv erlebt, aber jedesmal mit Absolutheitscharakter. Um sich vor dem Umschlag der Größenphantasie in das Gefühl innerer Leere defensiv zu schützen, bedarf der narzißtisch Gestörte in seinem ständigen Nachholbedarf nach Spiegelung, Widerhall und narzißtischer Zufuhr ständig bewundernder Außenobjekte zur Hebung seines Selbstwertgefühls, deren er sich genau so »egozentrisch« bedient, wie hierzu oft suchtartig ein Gehabe von Pseudovitalität, sexuellem Agieren in Form von Promiskuität und Perversion oder der Gebrauch von Drogen eingesetzt wird, was jedoch nur kurzzeitig die Depression und Apathie zu lindern vermag. Weniger defensiv als kompensatorisch können besondere Begabungen und Fähigkeiten in wissenschaftlicher oder künstlerischer Kreativität und Produktivität entwickelt und eingesetzt werden, die eine sozial akzeptable Verarbeitung ermöglichen, der aber – da es sich um Kompensationen handelt – oft die dauerhafte Freude und echte Befriedigung abgeht. Kohut unterscheidet narzißtische Persönlichkeitsstörungen von narzißtischen Verhaltensstörungen: bei ersteren geschieht das defensive Verdecken mehr autoplastisch durch Phantasien (Hypochondrie, Depression, Überempfindlichkeit gegen Mißachtung), bei letzteren mehr alloplastisch durch promiskuöses und sadistisches Verhalten, Perversion, Straffälligkeit oder Sucht.

Kernberg sieht diese Struktur ebenfalls in einer Störung des Selbstwertgefühls begründet, die auf einem pathologischen Größen-Selbst beruht. In Abhebung von Kohut sieht er jedoch darin nicht einfach eine persistierende normale, aber blockierte Entwicklungsstufe des Kindes, sondern ein komplexes pathologisches Verschmelzungsprodukt zwischen Anteilen des Real-Selbst, des Ideal-Selbst und der Idealobjekte, das unter dem Einfluß dominierender, kalter, narzißtischer und zugleich überfürsorglicher Mütter entstanden ist, die oft ein begabtes Kind zu ihrem Eigenbesitz hochstilisiert haben, ohne es als Eigenwesen wirklich zu lieben. Das Gefühl, im Grunde ungeliebt zu sein, wird daher vom Kind abgewehrt durch die Überzeugung, etwas Besonderes zu sein mit der entsprechenden Sucht nach Größe und Bewunderung durch andere bei gleichzeitiger verächtlicher Entwertungstendenz anderen gegenüber. Im Grunde muß das Größen-Selbst vor allem die frühkindlichen Wut- und Neidgefühle in Schach halten, erfüllt also eine Abwehrfunktion gegen die Gefühle der Ohnmacht. Kernberg sieht also den pathologischen Narzißmus durchaus in Zusammenhang mit Triebfaktoren, als Abwehr gegen oral-aggressive Impulse und als ein durch Triebimpulse, z. B. unneutralisierte Aggression verformtes Phänomen (Fehlentwicklung), das nicht einfach dem kindlichen Narzißmus entspricht und nur anachronistischen Charakter hat (Entwicklungs-Blockade).

Daraus resultieren die beträchtlichen Störungen in den Objektbeziehungen: solche Menschen haben wenig Empathiefähigkeit für die Gefühle anderer, sind weitgehend liebesunfähig, mißtrauisch gegen Abhängigkeiten und im Verhalten oft ausbeuterisch und parasitär. Zu den von ihnen idealisierten Menschen besteht keine wirkliche Objektbeziehung: da diese nur als Erweiterung des Selbst erlebt und daher narzißtisch geliebt werden, also nur insoweit wichtig sind, als sie der Selbstliebe dienen, werden sie bei Enttäuschung fallen gelassen »wie eine heiße Kartoffel«. Die innere Formel solcher Menschen charakterisiert Kernberg so: »Ich brauche ja gar nicht zu fürchten, abgelehnt zu werden, weil ich meinem Idealbild so entspreche, wie ich es müßte, um von der Idealperson, an deren Liebe mir liegt, überhaupt geliebt werden zu können. Nein, diese ideale Person und mein eigenes Ideal und mein wirkliches Selbst sind ein und dasselbe; ich bin selbst mein Ideal, und damit bin ich viel besser als diese Idealperson, die mich hätte lieben sollen, und brauche niemanden.«

Im Gegensatz zu Borderline-Störungen, deren Selbst für eine stabile Übertragung nicht ausreicht, können narzißtische Störungen meist mit Psychoanalyse behandelt werden, da sie ein integriertes, wenn auch pathologisches Größen-Selbst ausgebildet haben. Kohut hat typische Übertragungsformen dieser Patienten beschrieben (narzißtische Übertragungen). Der Analytiker wird nicht wie bei den klassischen Neurosen als eigenständiges Gegenüber erlebt, sondern entweder über lange Zeit idealisiert (idealisierende Übertragung) oder als unabgegrenzter Teil des eigenen Selbst (Verschmelzungs- Übertragung), zumindest als wortlos seelenverwandt (Zwillings-Übertragung) oder als die gute Mutter der Kindheit (Spiegel-Übertragung) erlebt, jedoch als Eigenpersönlichkeit kaum wahrgenommen. Auch Kernberg betont die grundsätzliche Analysierbarkeit, sofern es sich nicht um eine narzißtische Persönlichkeit mit manifestem Borderline-Niveau handelt, für die dann eine modifizierte analytische Therapie in Kombination mit stützenden Verfahren notwendig wird.


aus Elhardt, Siegfried; Tiefenpsychologie, Eine Einführung, Urban Taschenbücher, 
10. Aufl., 1986

siehe auch:


- 12. Narzissmus und Störungen des Selbst (aus: Jens León Tiedemann, Die intersubjektive Natur der Scham, Dissertationen Online, FU Berlin, 04.07.2007, PDF)
- Grundpositionen narzisstischer Theorie- und Therapiekonzepte (Axel Krefting, SAP-Zeitung Nr. 8, Februar 2004, veröffentlich bei Psychoanalyse Salzburg, PDF)
- Heinz Kohut’s Narzissmustheorie (Judith Valk, Werkblatt – Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik, 3/4/5-1985, PDF)
- Grandiosität, Größen-Selbst, das grandiose Selbst-Objekt und die narzisstische Wut (Willy Breyvogel, Universität Duisburg-Essen, Vorlesung vom 26.01.2004)
- Ichhaftigkeit und Narzißmus (Margit Fally, ÖAGP-Informationen 8. Jg. (1999),2/99, PDF)

aktualisiert am 28.12.2015