Sonntag, 13. November 2011

Patienten und Psychotherapeuten auf dem Prüfstand – Wie kommt es überhaupt dazu?

Die Psychotherapie muss in einer organmedizinisch ausgerichteten Gesundheitsversorgung ihren Platz stets in besonderer Weise erkämpfen und behaupten. Erstmals 1966 gelang es aufgrund der wegweisenden Arbeiten von Dührssen und Jorswieck die Wirtschaftlichkeit und Nützlichkeit psychotherapeutischer Behandlung nachzuweisen. Daraufhin wurde Psychotherapie als Kassenleistung in Deutschland eingeführt. Behandler waren zunächst nur ärztliche Psychotherapeuten und dann auch wegen verstärkter Bedarfsnachfrage – mit Hilfe ärztlicher Delegation – entsprechend qualifizierte Psychologen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten.
Gleich zu Beginn wurden als Regelwerk die „Psychotherapierichtlinien“ entwickelt, nach denen Psychotherapie nur auf Antrag und eine Langzeittherapie nur nach Einschalten eines Gutachters und einer anschließenden Genehmigung durch die Krankenkasse durchgeführt werden konnte. Bis heute verfasst jeder Psychotherapeut über seine Patienten einen ausführlichen anonymisierten Bericht an einen psychotherapeutischen Gutachter, indem er die Problematik und Symptomatik des jeweiligen Patienten, seine Krankheitsgenese, die verhaltenspsychologischen oder psychodynamischen Bedingtheiten der Erkrankung sowie den Behandlungsplan und die Prognose ausführlich auf 3 bis 5 Seiten darlegt.

Zunächst galten als hier zugelassene Psychotherapieverfahren nur die „tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie“ und die „analytische Psychotherapie“, später kam dann die „Verhaltenstherapie“ dazu. Die beantragten Therapien werden jeweils nur für bestimmte Sitzungskontingente genehmigt, beispielsweise für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie bis zur 25. Sitzung, dann bis zur 50. und 80., in Ausnahmefällen bis zur 100. Sitzung – jeder Verlängerungsschritt erfordert ein erneutes Gutachterverfahren. Bei der analytischen Psychotherapie liegt die maximale Obergrenze bei 300 Std., wobei eine solche Therapie dann bei 2 oder 3 Wochenstunden mehrere Jahre dauern kann. Damit war und ist die Psychotherapie eine der wenigen medizinischen Maßnahmen, die schon vorab einer Wirtschaftlichkeitsprüfung unterzogen wird.

Da die Behandlungskapazitäten einschließlich der im Delegationsverfahren tätigen Psychotherapeuten aber bei weitem nicht ausreichten, entstand außerhalb des KV- Systems daneben die so genannte „Erstattungs-Psychotherapie“, die die Kassen zusätzlich und meist sogar besser bezahlte, als die Psychotherapie im Delegationsverfahren und die sich aufgrund des wachsenden Bedarfs immer mehr ausweitete. Dieser Missstand wurde dann durch das Psychotherapeutengesetz 1999 beseitigt, durch das entsprechend qualifizierte Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten voll zugelassene Behandler und Mitglieder der kassenärztlichen Vereinigungen werden konnten.
Obwohl schon zu Zeiten der Delegationspsychotherapie die Psychotherapeuten – unter Vorreiterrolle des bvvp – in den KVen vor Gericht für angemessene Honorare kämpfen mussten und letztlich vor dem Bundessozialgericht gewannen, ging der Streit um das Geld in den KVen nach der Integration erst richtig los: Die zwangsweise in das System integrierten Erstattungsbehandler brachten aufgrund politischer Vorgaben leider zu wenig Geld mit. (Auch hier hat der bvvp früh gewarnt, wurde aber nicht gehört.) Das ist u.a. ein Grund, warum die Psychotherapeuten bis heute noch immer keine angemessene Stundenhonorierung in der GKV erreichen konnten, die es z.B. einem durchschnittlich ausgelasteten Psychotherapeuten ermöglicht, ungefähr so viel zu verdienen, wie ein durchschnittlich ausgelasteter Organmediziner.

Auch heute noch blühen Vorstellungen und Vorurteile gegenüber Psychotherapeuten, ihre Patienten seien gar nicht richtig krank, und die Behandler würden ihr Geld mit letztlich nicht notwendigen Gesprächen leicht verdienen. Und dazu passend verbreiten Funktionäre der anderen Arztgruppen im KV-System die Mär, dass die Psychotherapeuten ihnen Geld wegnähmen.

Auch Krankenkassen wünschen sich regelhaft mehr Kontrolle über das, was in der psychotherapeutischen Versorgung passiert und vermuten, dass v.a. an der Langzeittherapie gespart werden könne. Sie beklagen weiter z.T. angebliche regionale Überversorgung, würden gern die Versorgung umlenken zu mehr Kurzzeitbehandlung auf Kosten von Langzeittherapien und sehen das Gutachterverfahren als uneffektiv an, weil doch die allermeisten Therapieanträge von den Gutachtern befürwortet würden. Dabei wird jedoch stets ausgeblendet, dass Behandlungsindikation und Bericht an den Gutachter von hoch qualifizierten Psychotherapeuten erstellt werden, so dass gerade das Gutachterverfahren für Qualität sorgt, indem unzureichend begründbare Anträge gar nicht erst gestellt werden.

Diese Zweifel am Nutzen und der Wirtschaftlichkeit der Psychotherapie und am Sinn des Gutachterverfahrens sind der Hintergrund des auf unserem bvvp-Symposium zu diskutierenden „TK-Modellprojekts“. Die Techniker Krankenkasse (TK) wollte mit diesem Modell prüfen, ob sich nicht bessere Methoden finden lassen, die Nützlichkeit und Notwendigkeit von Psychotherapie bzw. ihrer Fortsetzung zu prüfen. Die kaum verheimlichte Erwartung der TK war, dass sich mit computergestütztem Qualitätsmonitoring Therapien verkürzen oder sogar verhindern lassen, weil das Gutachterverfahren weder evidenzbasiert noch objektiv, dafür aber teuer, umständlich und insgesamt völlig überholt sei. Genau dieser Nachweis ist aber nicht gelungen. Darüber hinaus wurde aber schlagend bewiesen, dass mit Psychotherapie psychisch schwer kranke Patienten behandelt und geheilt werden können und dass die Psychotherapie-Anwendung ökonomisch sehr sinnvoll ist.
Quelle: bvvp: Dr. F.R. Deister, 15.08.11

Dienstag, 4. Oktober 2011

Nachtrag zur MinD-Akademie 2011

Ich bitte noch um ein wenig Geduld.
Ich muß die Präsentation auf meinem Computer aktualisieren.
Mit den Copyrights der Videos mache ich mir Sorgen. Deshalb werde ich sie nur verlinken.
Der Download geschieht am besten über Safari:
Unter »Fenster« ruft man sich »Aktivität« auf.
In dem Fenster suche man sich die größte Datei auf (meist wohl um die 10 MB).
Man klickt drauf, Befehlstaste-C, ruft dann das Download-Fenster auf (auch unter »Fenster«), klickt drauf, dann Befehl-V. Funktioniert auch, wenn der Film noch nicht vollständig geladen wurde.
Nach dem Ende des Downloads im Download-Fenster Rechtsklick auf die Datei: im Finder anzeigen.

Dann sieht man eine flv-Datei. Die läßt sich dann in ein praktikableres Format konvertieren. (Ich mache das mit Flip4Mac und QuickTime Pro 7)

Hier die Links zu den Videos:
- Höhlengleichnis von Ottfried Fischer


Ausschnitt aus »Der Name der Rose«


Stephen Hawking in »Raumschiff Enterprise«


Text aus dem Buch von Anette Meyhöfer und, das Freud-Video aus meiner Präsentation ist das zweitunterste.
In diesem Post finden sich auch die beiden Videos von Alan Parsons »Freudiana«:
- Der kleine Hans, die Geschichte eines 5jährigen mit einer Pferdephobie und
- I am a Mirror

Die Texte von Wolfgang Scherf finden sich hier rechts unter »Links«: Psychotherapie auf einem Blatt.
(Übrigens: die Aufsätze von Manfred Spitzer sind ebenfalls sehr interessant und kostenlos downloadbar)

Das lustige Tischtennis-Video:



Die Videos zu Ich-Konstruktion finden sich hier

Und zum Schluß: Dieter Thomas (Scheibenwischer 1986)





Zum Schluß nochmals vielen Dank, daß ich an der Veranstaltung teilnehmen, viele interessante Menschen kennenlernen und intensive Gespräche führen durfte. Wir werden uns nicht das letztemal gesehen haben…

Dienstag, 20. September 2011

Madams are from Mars

Unterschiede zwischen Mann und Frau sind immer wieder Gegenstand seriöser Untersuchungen und ihrer populärwissenschaftlichen Aufbereitung. „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“, lautet ein bekannter Buchtitel. In Südafrika hat ein Humorist daraus eine Variante entwickelt: „Madams are from Mars, Maids are from Venus“.

Die folgenden beiden Geschichten illustrieren die kleinen Unterschiede zwischen Mann und Frau, die eben einen kleinen Unterschied machen.



Zwei Frauen treffen sich: „Wie geht es Dir? Wie läuft's denn so?“


Die erste klagt: „Oh Gott, nicht gut. Gestern habe ich eingekauft und meinem Mann ein tolles Essen gekocht. Den Tisch dekoriert. Er war völlig abwesend und hat fast nichts mit mir geredet. Dann sind wir in’s Bett. Wir haben miteinander geschlafen. War eigentlich ganz gut. Nur … direkt danach ist er eingeschlafen, und ich bin noch stundenlang wach gelegen und habe still vor mich hingeweint.“


Die zweite Frau: "Oh, schade. Ich hatte einen tollen Tag gestern. Ich habe mich vertrödelt und kam nicht zum Einkaufen. Wir hatten nichts im Kühlschrank. Mein Mann kam heim und hat mich zum Essen eingeladen. Wir waren in einem wunderbaren Restaurant. Dann sind wir Hand in Hand heimgelaufen und haben den ganzen Weg geredet. Kurz nach Mitternacht kamen wir an, und ich sollte kurz draußen warten. Als ich die Wohnung betrat, brannten überall Kerzen, und wir haben noch lange im Bett geredet. Es war ein wunderbarer Tag.“


Zur selben Zeit in der Männer-Sauna: „Wie geht’s Dir? Wie läuft es denn so?“


Der erste Mann: „Ich hatte gestern einen wunderbaren Tag. Es kam ein Großauftrag rein. Als ich nach Hause kam, hatte meine Frau ein tolles Essen gekocht. Während des Essens hatte ich eine großartige Idee, wie ich den Großauftrag manage. Dann sind wir in’s Bett und hatten tollen Sex miteinander. Ich habe super geschlafen und heute bin ich einfach gut drauf.“


Der zweite Mann: „Da hast Du Glück. Ich hatte einen grauenhaften Tag. Ich kam nach einem anstrengenden Arbeitstag heim. Meine Frau hatte keine Zeit einzukaufen, und es gab nichts Vernünftiges zu essen im Haus. Da habe ich sie in das neue Restaurant eingeladen, von dem jetzt alle reden. Super Essen, aber leider hatte ich zu wenig Geld dabei, und die Kreditkarten hatte ich alle in der Firma im Jackett stecken. Das Essen konnte ich gerade noch bezahlen, aber für’s Taxi hat es nicht mehr gereicht. So sind wir zu Fuß nach Hause. lm Gespräch habe ich gemerkt, dass wir erst nach Mitternacht da sein werden – und nach Mitternacht wird der 1.10. sein. In diesem Streit mit den E-Werken hatte ich vergessen, diese Kaution zu zahlen und die Androhung war: Kein Strom nach 30.9. ab Mitternacht. Meine Frau war eh schon ärgerlich, dass ich mich mit dem E-Werk anlegen muss und hatte mich gefragt, ob ich das geregelt hätte. In einer Notlüge sagte ich ,ja’. Ich gehe alleine in’s Haus und stelle fest, dass die ihre Drohung tatsächlich wahrgemacht haben – kein Strom. So habe ich überall Kerzen angezündet. Dann habe ich mit meiner Frau geredet und geredet, bis sie schließlich in Schlaf gefallen ist. Einen Ehekrach wegen dieser bescheuerten E-Werke-Geschichte hätte ich nicht auch noch verkraftet. Es war ein furchtbarer Tag.“


Und hier nun die zweite Geschichte; es geht dabei um zwei Tagebücher über denselben Samstagabend:

Ihr Tagebuch: „Am Samstagabend hat er sich echt komisch verhalten. Wir wollten noch auf ein Bier ausgehen. Ich war den ganzen Tag mit meinen Freundinnen beim Einkaufen und kam deswegen zu spät. Womöglich war er deswegen sauer. Irgendwie kamen wir gar nicht miteinander in’s Gespräch, so dass ich vorgeschlagen habe, dass wir woanders hingehen, wo man sich besser unterhalten kann. Er war zwar einverstanden, aber blieb so schweigsam und abwesend. Ich fragte, was los ist, aber er meinte nur ‚nichts’. Dann fragte ich, ob ich ihn vielleicht verärgert habe. Er sagte, dass es nichts mit mir zu tun hat, und dass ich mir keine Sorgen machen soll. Auf der Heimfahrt habe ich ihm dann gesagt, dass ich ihn liebe, aber er fuhr einfach weiter. Ich versteh ihn einfach nicht, warum hat er nicht einfach gesagt ‚Ich liebe Dich auch’. Als wir nach Hause kamen, fühlte ich, dass ich ihn verloren hatte, dass er nichts mehr mit mir zu tun haben wollte. Er saß nur da und schaute fern – er schien weit weg und irgendwie abwesend. Schließlich bin ich dann in’s Bett gegangen. Er kam zehn Minuten später nach, und zu meiner Überraschung hat er auf meine Liebkosungen reagiert und wir haben uns geliebt. Aber irgendwie hatte ich immer noch das Gefühl, dass er abgelenkt und mit seinen Gedanken weit weg ist. Das alles wurde mir zu viel, so dass ich beschlossen habe, offen mit ihm über die Situation zu reden, aber da war er bereits eingeschlafen. Ich habe mich in den Schlaf geweint. Ich weiß nicht mehr weiter. Ich bin fast sicher, dass er eine andere hat. Mein Leben hat keinen Sinn mehr.


Sein Tagebuch: „Heute hat Schalke verloren, aber wir hatten prima Sex.“

aus dem M.E.G.A.Phon 44/2011

Hier gibt’s noch mehr Witze vom Milton Erikson-Institut, Hamburg


Montag, 12. September 2011

Selbstkontrolle und Lebenserfolg

Zusammenhang zwischen Selbstkontrolle in der Kindheit und
dem Einkommen im Alter von 32 Jahren (nach Daten aus 11,
S. 2696). Wiederum blieb dieser Zusammenhang auch dann
hoch signifikant bestehen (p < 0,002), wenn man den IQ und
die wirtschaftlichen Verhältnisse (SES) herausrechnete.
Je geringer die Selbstkontrolle in der Kindheit, desto größer die Chance, als Erwachsener einmal straffällig geworden zu sein. Interessant ist, dass sogar die Selbstkontrolle im Kindergartenalter (festgestellt durch einen Beobachter während der Testungen im Alter von drei und fünf Jahren) bereits Effekte auf Gesundheit, Wohlstand und Kriminalität im Erwachsenenalter zeigen, dass die festgestellten Zusammenhänge also über sehr lange Zeiträume wichtig sind. Man konnte anhand der Daten sogar Hinweise darauf gewinnen, dass eine Verbesserung der Selbstkontrolle von der Kindheit ins junge Erwachsenenalter (wie man sie bei einem Teil der Teilnehmer beobachten konnte) einen positiven Effekt auf Gesundheit, Wohlstand und Kriminalität hat.
Damit ist auch klar: Wenn man in frühen Jahren, in Kindergarten und Grundschule, die Selbstkontrolle trainieren könnte, hätte dies deutliche Auswirkungen auf den gesamten Verlauf des weiteren Lebens gerade derjenigen Menschen, die in dieser Hinsicht Probleme haben. Und eines kommt hinzu: Da man in den Daten eine lineare Beziehung zwischen dem Ausmaß an Selbstkontrolle und praktisch allen gemessenen Größen findet, schadet ein solches Training niemandem. Jeder profitiert, denn auch das Kind mit guter Selbstkontrolle kann durch Training noch besser werden und damit Gesundheit, Bildung und Wohlstand für sich als erwachsenem Menschen weiter verbessern und das Risiko von Dummheiten in der Jugend oder gar von Kriminalität im Erwachsenenalter aktiv verkleinern. Wer wollte das nicht?
[…]
Lassen wir im Hinblick auf die Bedeutsamkeit der vorgestellten Tatsachen abschließend die Autoren (11, S. 2698, Übersetzung durch den Autor) selbst zu Wort kommen: „Zwei in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten geborene Kohorten stützen die Annahme, dass das individuelle Ausmaß der Selbstkontrolle einen bedeutsamen Einflussfaktor für Gesundheit, Wohlstand und öffentliche Sicherheit darstellt, der zudem durch entsprechende politische Rahmenbedingungen gefördert werden kann. Die Tatsache, dass es bei vielen Teilnehmern der Dunedin-Studie mit geringer Selbstkontrolle ungeplante Babys gab, die jetzt in Haushalten mit nur einem Elternteil und geringem Einkommen aufwachsen, zeigt, dass sich die geringe Selbstkontrolle einer Generation ungünstig auf die Chancen der nächsten Generation auswirkt. In der jüngeren Geschichte verzeich- nen wir eine deutliche Zunahme der menschlichen Lebenszeit, die jedem Menschen mehr planerische Aufmerksamkeit in Bezug auf die eigene Gesundheit und finanzielle Absicherung abverlangt, um langfristig Behinderung und Armut im Alter vorzubeugen. In der jüngeren Geschichte verzeichnen wir auch eine markante Steigerung der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln, Berufen mit wenig körperlicher Anstrengung, und schädlichen Suchtstoffen, der Einfachheit von Ehescheidungen, der Selbstverantwortung bei der finanziellen Alterssicherung sowie der Anzahl der Menschen in Gefängnissen. All diese historischen Veränderungen steigern die Bedeutung der Selbstkontrolle für ein modernes Leben, nicht nur für ein gutes Leben, sondern sogar für das Überleben.“

Zitat aus: Evans GW, English K. The environment of poverty: Multiple stressor exposure, psychophysiological stress and socioemotional adjustment. Child Dev 2002; 73: 1238–48.

aus dem neusten Editorial von Manfred Spitzer in der September-Ausgabe der Zeitschrift Nervenheilkunde

Mittwoch, 7. September 2011

60 Jahre Beate-Uhse-Versand – Als Deutschland mit der Post kam

Dildos hießen erotische Vollprothesen, Kondome gab's zum Wiederverwenden: In der Nachkriegszeit sorgte Beate Uhse mit Aufklärungsbroschüren und Sextoys dafür, dass in deutschen Schlafzimmern die Post abging.

Sorgenvoll blickt die junge Frau mit der welligen Kurzhaarfrisur in die Kamera. Ihr Blick offenbart eine Mischung aus Zweifel, Nachdenklichkeit und Unschuld. Unter dem ovalen Gesicht mit den vollen Lippen prangt jener Fünf-Wort-Satz, der über die junge Bundesrepublik hinwegfegen sollte wie ein Donnerschlag: "Stimmt in unserer Ehe alles?" stand da in geschwungener Schulmädchen-Schreibschrift.

Die ehrliche Antwort lautete: Nein.

In den Schlafgemächern deutscher Paare der fünfziger Jahre führten vielerorts Scham, Unwissenheit und Prüderie das Regiment. Statt Lust regierte der Frust, vereitelten Missverständnisse, ungewollte Schwangerschaften und Impotenz die Liebesfreuden. All das zehrte an den Nerven der ohnehin schon gebeutelten Nachkriegsgeneration und bedrohte die bürgerlichste aller Institutionen: die Ehe. Und genau deshalb kam der erste, von Beate Uhse auf 1952 datierte Katalog mit der sorgenvoll blickenden Dame auf dem Cover so prächtig an.

"In Millionen-Auflagen an Anschriften aus Telefonbüchern verschickt - bundesweit. Sehr erfolgreich", lautet die Notiz auf dem gelben Merkzettel, mit dem die 30 Seiten starke, handtellergroße Broschüre versehen ist. Die krakelige Handschrift stammt von Beate Uhse höchstpersönlich. Fein säuberlich hat die Grande Dame der deutschen Erotikindustrie die Anfänge ihres Erfolgs selbst dokumentiert. Ihr Archiv, verpackt in dicken, grauen Leitz-Ordnern, lagert heute im Keller der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Von gewagten Sextoys und Gleitcremes mit Geschmack findet sich in den frühen Sortimenten allerdings noch keine Spur.

In den fünfziger Jahren präsentierte sich das Sex-Imperium als bieder-bodenständiges Aufklärungsinstitut, dem einzig an der Erhaltung des deutschen Eheglücks gelegen war, mit der treuen Gattin Beate Uhse als respektablem Aushängeschild. Die Zielgruppen der als "Orgas-Muse", "Sexpertin" oder "Liebesdienerin der Nation" gefeierten Geschäftsfrau waren zu Beginn ihres Unternehmens nicht etwa Hedonisten und Sexabenteurer, sondern die Trümmerfrauen.

mehr:
- Als Deutschland mit der Post kam (Katja Iken, SPON, 07.09.2011)
- Beate Uhse (Wikipedia)
- Erotik auf Deutsch: Die Beate-Uhse-Story (Hamburger Abendblatt, Bilderstrecke)

siehe auch:
- Beate Uhse: Über eine Heldin der Emanzipation (Milena, amazed, Post, 09.10.2016)
- Der Mythos Beate Uhse. (Elizabeth D. Heinemann, WerkstattGeschichte 40, Klartext Verlag, 2005)
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Wer war eigentlich Beate Uhse? | Galileo Lunch Break {6:00}

Galileo
Am ttt veröffentlicht 
Sie hat den Sex in Deutschland revolutioniert - und bekommt dafür sogar das Bundesverdienstkreuz! Wie sah ihr Leben aus?
►Galileo Lunch Break Videos: http://bit.ly/LunchBreakGalileo
►Hintergrundberichte auf Galileo: http://www.galileo.tv/
►FUNDA HAT EINEN KANAL: https://www.youtube.com/user/FundaVanroy
►Alle Videos findest du auf http://www.sat1.de/tv/galileo/video
►Galileo auf YouTube abonnieren: http://www.youtube.com/subscription_c...
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Donnerstag, 11. August 2011

Antidepressiva bei Demenzkranken – Nicht besser als Placebo

Wenn Demenzkranke an einer Depression leiden, sollte man nicht gleich zum Rezeptblock greifen: Sertralin und Mirtazapin – ein SSRI und ein NaSSA, zwei bei Demenz kranken häufig eingesetzte Substanzklassen – waren in einer britischen Studie nicht wirksamer als eine Placebotherapie.

107 Patienten erhielten Sertralin (im Mittel 70 mg), 108 Patienten Mirtazapin (24 mg) und 111 Patienten Placebo. Die Depression hatte sich nach 13 Wochen am stärksten in der Placebogruppe gebessert (-5,6 Punkte vs. Sertralin -3,9 und Mirtazapin -5,0). Die Unterschiede waren nicht signifikant. Nach 39 Wochen bestand unverändert eine Besserung gegenüber dem Ausgangsniveau (-4,8, -4,0, -5,0). Allerdings traten unter den Verumtherapien signifikant häufiger Nebenwirkungen auf (Placebo 26%, Sertralin 43%, Mirtazapin 44%).

Die Studienautoren fordern, den Einsatz von Antidepressiva zur First-line-Therapie der Depression bei Demenzkranken zu überdenken. Ob auch andere Substanzklassen wie SSNRI einen Effekt hätten, sei unklar.

Banerjee S et al. Lancet 2011;378:403-411
aus MMW-Fortschr. Med. Nr. 32-34/2011

Donnerstag, 21. Juli 2011

Männer sind anders depressiv

Männer gehen anders mit ihren Depressionen um als Frauen. Sie betreiben zum Beispiel Sport, exzessiven Alkohol- oder Tabakkonsum oder berufliches Überengagement. Dazu kommen häufig ein allgemeiner Negativismus gepaart mit Versagensängsten und eine ausgeprägte Selbstkritik. Die meisten männlichen Depressionen bleiben unerkannt und unbehandelt. Deswegen sind Kontakte mit der Polizei wahrscheinlicher als mit einem Therapeuten. Fehldiagnosen in Richtung Alkoholabhängigkeit sind ebenso häufig.
Quelle: Chrisoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie
aus: der niedergelassene arzt 7/2011