Dienstag, 13. November 2018

Die Atmungs-Achtsamkeit

Die «Achtsamkeit auf Ein- und Ausatmung» ist, wie schon der Name sagt, eine Achtsamkeits-Übung und nicht eine Atem-Übung im Sinne einer Atemgymnastik, wie im hinduistischen Yoga (Prānayāma). In der buddhistischen Übung wird der Atem nicht reguliert oder «behandelt»: er wird weder zurückgehalten, noch absichtlich vertieft und auch keinem künstlichen Rhythmus unterworfen. Der Atem wird vielmehr in seinem natürlichen Fluß ruhig beobachtet, mit einer wohl festen und stetigen, aber doch leichten und gleichsam «schwingenden» Achtsamkeit, d. h. ohne Anstrengung oder Verkrampfung. Aus diesem regelmäßigen und ruhigen Beobachten allein wird sich selbsttätig ein größeres Gleichmaß und eine Vertiefung der Atmung ergeben. Aus der Beruhigung und Vertiefung des Atem-Rhythmus wird sich wiederum eine beträchtliche Beruhigung und Vertiefung des gesamten Lebens-Rhythmus ergeben. So ist die Atmungs-Achtsamkeit auch ein wertvoller Faktor körperlicher und geistiger Gesundheit.

Der Atem ist stets mit uns. Wir können und sollen uns ihm daher in jeder freien oder «leeren» Minute zuwenden, selbst wenn wir es nicht immer mit voller Aufmerksamkeit vermögen. Schon bei solch kurzer und gelegentlicher Hinwendung zum Atem wird sich ein wohltuendes Gefühl der Geborgenheit und Lebenssicherheit einstellen. Als förderlich wird man es auch empfinden, wenn man vor jeder kontinuierlichen Arbeit einige ruhige, tiefe Atemzüge einschaltet. Gewöhnt man sich daran, dies auch vor wichtigen Entscheidungen, verantwortungsvollen Außerungen oder einem erregten Gesprächspartner gegenüber zu tun, so wird man vor mancher Übereiltheit bewahrt bleiben. Durch die Atmungs-Achtsamkeit können wir uns leicht und unmerkbar für andere in uns selber zurückziehen, wenn wir störenden Eindrücken, törichtem Gespräch in größerer Gesellschaft und ähnlichem entgehen wollen. Dies sind nur einige wenige Beispiele für den Wert auch anfänglicher Atmungs-Achtsamkeit innerhalb des Alltags.

Die Atmungs-Achtsamkeit dient also zunächst der körperlichen und geistigen Beruhigung. Sie ist ferner ein einfaches Mittel anfänglicher Konzentration. Für eine fortgeschrittenere oder vollständige Sammlung des Geistes ist sie freilich ein nicht so einfaches, doch um so lohnenderes Objekt. Sie führt dann zu den höchsten meditativen Vertiefungen (jhāna). Von dieser Stufe sagt die buddhistische Überlieferung: «Die Atmungs-Achtsamkeit steht unter den verschiedenen Meditations-Objekten (kammaṭṭhāna) am ersten Platz. Sie war für alle Erleuchteten, Einzel-Erleuchteten und die heiligen Jünger des Buddha die Grundlage für die Ziel-Erreichung und für gegenwärtiges Wohlsein.» (Komm. zu Paisambhidā-Magga.)
Die Atmung steht an der Schwelle der willkürlichen und der automatischen Körperfunktionen und gibt daher eine gute Möglichkeit, den Wirkungskreis bewußter Körperkontrolle zu erweitern. Sie dient damit jenem Teilziel der Satipaṭṭhāna-Methode, das wir mit Novalis wie folgt formulieren können: «Der Mensch soll ein vollkommenes Selbstwerkzeug werden!»

Die Atmungs-Achtsamkeit dient ferner dem wirklichkeitsgemäßen Erfassen des Körpers in der Klarblick-Betrachtung (vipassanā). Wie im mythischen Denken der Atem mit dem Lebensprinzip selber gleichgesetzt wurde, so gilt nach buddhistischer Überlieferung die Atmung als der Hauptrepräsentant der Körperfunktionen (kāya-sakhāra = assāsa-passāsa). In der Flüchtigkeit der Atemzüge erfassen wir die Vergänglichkeit des Körpers; in der Abhängigkeit des Atems von bestimmten Körperorganen und andererseits der Abhängigkeit des lebenden Körpers von der Atmung erfassen wir die mannigfache Bedingtheit des Körpers; im schweren Atem oder der Atmungs-Störung erfassen wir die Leidhaftigkeit des Körpers; im Atem als einer Manifestation des Wind- oder Bewegungselementes erfassen wir die unper­sönliche Natur des Körpers. Insofern dient die Atmungs-Achtsamkeit der Erkenntnis des Körpers und der sich dadurch einstellenden Entfremdung von ihm.

aus: Nyanaponika, Geistestraining durch Achtsamkeit (Buddhistische Handbibliothek, Verlag Beyerlein & Steinschulte, S. 55ff.)

siehe auch:
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