Montag, 4. Mai 2015

Lou Reeds Schwester – Familie in Not

Merrill Reed Weiner, die jüngere Schwester von Lou Reed, hat einen Essay über ihren 2013 verstorbenen Bruder geschrieben, in dem sie sich mit Gerüchten über Reeds Kindheit und die angeblich homophoben Neigungen ihrer Eltern auseinandergesetzt hat.
mehr:
Klarstellung: Lou Reed sollte einst nicht mit Elektroschocks von seinen homosexuellen Neigungen "geheilt" werden (Rolling Stone, 16.04.2015)

- A Family in Peril: Lou Reed’s Sister Sets the Record Straight About His Childhood (Merrill Reed Weiner, Medium)

Sonntag, 3. Mai 2015

Parentalisierung – Ein Versprechen über den Tod hinaus

Fast zweieinhalb Jahre lang lebt ein 50-jähriger Mann aus Gronau in einer Wohnung neben der Leiche seiner Mutter. Offenbar hatte der Sohn eine Bitte seiner Mutter, sie nicht allein zu lassen, auch über ihren Tod hinaus wörtlich genommen.
mehr:
- Makabre Entdeckung in Gronau – Sohn lebt mit toter Mutter im Haus (n-tv, 02.05.2015)

Samstag, 2. Mai 2015

Charlotte Joko Beck, Die überlagernde Struktur durchschauen

Die überlagernde Struktur durchschauen


Lassen Sie mich über unser Leben wie über ein Haus sprechen. Ein Haus, in dem wir leben in einem ganz gewöhnlichen Leben. Es gibt stürmische Tage und schöne Tage; manchmal muß das Haus wieder neu gestrichen werden. Alle Ereignisse, die in dem Haus, unter den Menschen, die dort wohnen, geschehen, nehmen ihren Lauf. Wir sind einmal krank, einmal gesund; einmal glücklich, einmal unglücklich; für die meisten von uns ist es so. Wir leben unser Leben, wir leben in einem Haus oder in einer Wohnung, und die Dinge geschehen, so wie sie geschehen. Doch – und hier wird das Üben zu etwas Wichtigem – besitzen wir dieses Haus und leben dennoch eingesperrt in einem anderen Haus. Wir haben dieses schöne Haus, doch es ist überlagert und umgeben von einem an deren Haus, in dem wir eigentlich leben. Es ist, als nähmen wir eine Erdbeere und tauchten sie in flüssige Schokolade. Wir haben zwar noch die Erdbeere, aber sie ist überzogen.
Unser Leben, wie wir es leben (das Haus), ist vollkommen in Ordnung. Das meinen wir meistens nicht, aber es ist in Wirklichkeit nichts an unserem Leben auszusetzen. Es ist einfach so, wie es ist. Doch über unserem Haus bauen wir noch eines. Und wenn wir nicht genau achtgegeben haben, kann diese überlagernde Struktur sehr dick und sehr dunkel sein. Das Haus, in dem wir leben, wird uns dann düster und eingeengt vorkommen, da wir es mit etwas Schwerem belastet haben. Diese schwere Schicht kann etwas Undurchdringliches, Erschreckendes, Deprimierendes ausstrahlen. Der größte Fehler, den wir in unserem Leben und bei unserem Üben machen können, ist, zu glauben, daß das Haus, in dem wir wohnen – unser Leben wie es ist mit all seinen Problemen, all seinen Höhen und Tiefen –, irgendwie nicht in Ordnung wäre. Und weil wir das glauben, machen wir so viel Aufhebens. Den größten Teil unseres Lebens haben wir dar auf hingearbeitet, diese überlagernde Struktur zu schaffen.
Beim zen-Übungsweg geht es vor allem darum, zu erkennen, daß wir das getan haben, und es geht darum zu sehen, wie diese überlagernde Struktur eigentlich beschaffen ist, wie sie wirkt, woraus sie besteht und was wir da mit tun oder nicht tun sollen. Meistens denken wir: »Es ist etwas Unangenehmes, ich muß es loswerden.« Nein, ich glaube nicht, daß das so geht. Im Grunde hat diese überlagernde Struktur, die unser Leben verdunkelt, gar keine Wirklichkeit. Sie ist aus dem Mißbrauch unserer Gedankenkräfte entstanden. Es geht gar nicht darum, sie loszuwerden, denn sie hat keine eigene Realität; es geht darum, sie ihrem Wesen nach zu erkennen. Und wenn wir das erkennen, wird diese Schicht plötzlich klarer, verliert ihre Schwere und Düsternis, wir können durch sie hindurchsehen. Erleuchtung, also mehr Licht, mehr Klarheit, ereignet sich beim Üben. Wir werden also nicht eine Struktur abschaffen, sondern sie durchschauen als die Illusion, die sie ist, und indem wir ihr wahres Wesen erkennen, kann sie sich nicht mehr so stark über unser Leben ausbreiten. Zugleich sehen wir genauer, was sich in unserem Alltagsleben abspielt. Es ist, als müßten wir einmal einen ganzen Kreislauf vollenden. Unser Leben ist immer richtig, so wie es ist. Es gibt nichts daran auszusetzen. Selbst wenn wir die größten Probleme haben, ist es noch unser Leben. Doch da wir uns weigern, das Leben so anzunehmen, wie es ist, da wir die angenehmen Dinge vorziehen, picken wir uns immer etwas aus dem Leben heraus. Anders gesagt: Wir haben gar. nicht die Absicht, mit dem Leben zurechtzukommen, wie es ist, wenn es uns gerade nicht paßt.
Jeder von Ihnen, der hier sitzt, kennt bestimmte Ereignisse in seinem Leben, die er einfach nicht akzeptieren will: »Das kann nicht sein! Das darf nicht sein!« Beispielsweise, als ich ein junges Mädchen war, war es für mich auf keinen Fall in Ordnung, an einem Samstagabend keine Verabredung zu haben. Ich deutelte an dieser unangenehmen Tatsache herum: »Irgend etwas stimmt nicht. Vielleicht sollte ich mir eine andere Frisur machen oder meine Nägel in einer anderen Farbe lackieren. Ich sollte ... Ich müßte ... Ich bräuchte ... « Das ist freilich ein lächerliches Beispiel. Doch auch bei den größten Tragödien in unserem Leben machen wir das gleiche. Da wir so wenig bereit sind, das Leben anzunehmen, wie es ist, fügen wir immer irgend etwas hinzu. Niemand von uns hier ist da von frei. Wirklich niemand. Solange wir leben, werden wir zumindest immer eine dünne Schicht haben, die den wesentlichen Kern unseres Lebens überlagert. Doch wie dick diese Schicht ist, das genau ist die Frage.
Beim zen-Üben geht es nicht um einen besonderen Ort oder um einen besonderen Frieden oder um irgend etwas anderes, als einfach unser Leben zu leben, wie es ist. Das ist das Schwierigste für die meisten Menschen: daß gerade meine Schwierigkeiten in diesem Augenblick die Vollkommenheit sind. »Was soll das heißen? Sie sind die Vollkommenheit? Ich werde üben und werde sie dann loswerden!« Nein, wir müssen sie nicht loswerden, sondern wir müssen ihr wahres Wesen erkennen. Die Schicht, die sich darübergelagert hat, wird dünner (oder scheint dünner); sie wird immer durchsichtiger, und manchmal bekommt sie sogar hier und da Löcher. Manchmal. Ich möchte Sie nun bitten, für sich selbst herauszufinden, was in Ihrem Leben jetzt gerade so ist, daß Sie es nicht annehmen wollen. Es könnten Schwierigkeiten mit Ihrem Partner sein, Arbeitslosigkeit, Enttäuschung über ein nicht erreichtes Ziel. Selbst wenn das, was geschieht, Sie mit Angst und Kummer erfüllt, ist es gut. Es ist sehr schwer, das zu begreifen. Es bedarf schon sehr intensiven Übens, um in unsere gewöhnliche Sicht, das Leben zu betrachten, auch nur eine Bresche zu schlagen. Es ist schwer, einzusehen, daß wir die Unannehmlichkeiten nicht loswerden müssen. Die Unannehmlichkeiten sind gut, wie sie sind. Wir müssen Sie ja nicht mögen, aber wir sollten Sie annehmen.
Der erste Schritt auf dem Übungsweg besteht darin, zu erkennen, daß wir diese überlagernde Struktur geschaffen haben. Und beim za-zen (vor allem beim Benennen unserer Gedanken) beginnen wir zu erfahren, daß wir unser Leben fast nie so leben, wie es ist. Unser Leben verliert sich in egozentrischen Gedanken, und diese sind die Substanz dieser überlagernden Struktur. (Wir gehen davon aus, daß wir diese Struktur durchschauen wollen. Aber manche Menschen wollen das einfach nicht. Und auch das ist in Ordnung. Nicht jeder sollte sich auf zen einlassen. Das ist sehr fordernd, es ist desillusionierend. Es kann uns anfangs abschreckend erscheinen. Doch das ist nur die eine Seite. Die andere Seite ist, daß das Leben durch diesen Übungsweg unbeschreiblich erfüllender wird. Beide Seiten gehören zusammen.) So bekommen wir durch das Üben vor allem eine zunächst noch dunkle Ahnung von dem, womit wir unser Leben überdeckt haben; der zweite Schritt besteht sodann darin, mit dem Üben zu beginnen. Befreiung ist es, diese unwirkliche, überlagernde Struktur, die wir geschaffen haben, wirklich zu durchschauen. Ohne sie entfaltet sich das Leben, wie es sich entfaltet, ohne Hindernisse. Hat das einen Sinn? Es klingt recht merkwürdig, nicht wahr?
Laßt uns erkennen, daß gerade unsere Ideale diese überlagernde Struktur sind. Wenn wir darin befangen sind, wie wir sein zu müssen glauben oder wie wir glauben, die anderen müßten sein, können wir das Leben, wie es ist, kaum wirklich schätzen. Das Üben muß unsere falschen Ideale erschüttern. Und damit sagen wir etwas, was für die meisten nicht im geringsten akzeptabel ist. Sehen Sie sich doch jetzt Ihr Üben an und fragen Sie sich, ob
Sie das überhaupt wollen. Nachdem man eine Weile gesessen hat, kommen doch Gedanken auf, wie: »Ich will es nicht! Ich will es auf keinen Fall!« Aber auch das gehört zum Übungsweg.
Diese von uns geschaffene Struktur zu sehen, ist ein sehr subtiler Vorgang, der viel von uns fordert. Das Geheimnis liegt darin, daß wir diese unwirkliche Struktur viel mehr schätzen als unser wirkliches Leben. Es gibt Menschen, die sich lieber das Leben genommen haben, als ihre überlagernde Struktur zu zerstören. Lieber geben sie ihr physisches Leben auf als ihre Bindung an ihre Träume. Und das ist nicht einmal selten. Doch ob wir Selbstmord begehen oder nicht, wenn unsere Bindung an unsere Träume und Illusionen nicht hinterfragt wird und unberührt bleibt, töten wir uns selbst, da uns das wahre Leben fast völlig entgeht. Wir werden erstickt von den Idealvorstellungen darüber, wie wir zu sein hätten und wie wir glauben, daß die anderen zu sein hätten. Es ist eine Katastrophe. Und daß wir diese Katastrophe nicht sehen, liegt daran, daß unsere Träume sehr angenehm und sehr verführerisch sein können. Gewöhnlich glauben wir, eine Katastrophe sei ein Ereignis wie der Untergang der Titanic. Doch wenn wir in unseren illusionären Idealen und Phantasievorstellungen versinken, so ist das die Katastrophe, so angenehm sie auch scheinen mögen. Wir gehen damit unter.
Noch etwas anderes. Ich sprach mit meiner Tochter über einen Mann, der unmögliche Dinge tat, und murmelte: »Er sollte sich bewußter sein über das, was er tut.« Sie lachte und sagte: »Mama, wenn du unbewußt bist, was ist dann das Wesen des Unbewußten? Unbewußt zu sein.« Und sie hatte recht. Unbewußt zu sein bedeutet, daß man nicht sehen kann, was man tut. Eines der Probleme beim Üben ist also, daß wir alle bis zu einem gewissen Grad unbewußt und dadurch gar nicht bereit sind, bewußter zu werden. Wie überwinden wir das? Das ist zum Teil meine Aufgabe, aber zum großen Teil Ihre. Ich erinnere mich an einen langjährigen Schüler, der vor einigen Jahren eine wunderbare Rede über das Geben und über das Mitgefühl gehalten hatte. Einen Tag danach beobachtete ich ihn, als er sich mit einer Gruppe von Menschen versammelt hatte, um den Meister zu sehen. Er drängte sich beinahe rücksichtslos nach vorne durch - und war sich seiner Egozentrik völlig unbewußt. Solange wir nicht erkennen, was wir tun, werden wir weiter so handeln. Also ist es eine Aufgabe zum Üben, die Fähigkeit zu sehen zu steigern.
Für manche von uns bedeutet Disziplin, sich zu etwas zu zwingen. Doch Disziplin heißt einfach, soviel Licht wie möglich auf unser Üben zu werfen, damit wir ein wenig mehr sehen. Disziplin kann eine bestimmte Form haben wie im zenda, oder sie kann ungeregelt sein wie in unserem täglichen Leben. Disziplinierte Schüler sind jene, die in ihren alltäglichen Tätigkeiten immer versuchen, Möglichkeiten zu finden, wie sie sich selbst wachrütteln können.
Die Frage ist immer die gleiche: Was sehen wir in diesem Augenblick, und was sehen wir nicht? Wenn wir richtig üben, werden wir eines Tages etwas sehen, was wir nie zuvor gesehen haben. Dann können wir damit arbeiten. Üben heißt, diesen subtilen Druck von morgens bis abends auszuüben. Wenn uns das gelingt, wird sich die überlagernde Struktur lichten, und wir werden unser Leben unverhüllter sehen, wie es ist.
Ich spreche hier von den großen Linien des Übens; solche Gedanken dazu mögen vielleicht manches überbetonen und anderes ein wenig übergehen. Das ist unvermeidlich. Fragen können helfen zu klären, was ich meine.

SCHÜLER: Es sind zwei Seelen von mir hier, und die kommen ganz durcheinander, wenn Sie Dinge sagen wie diese. Ein Teil von mir hat viele Ideale ...

JOKO: Ja, und gerade die wollen wir ja zerstören.

SCHÜLER: Wollen Sie damit sagen, daß ich mich nicht sozial engagieren sollte?

JOKO: Nein, natürlich will ich das nicht sagen.

SCHÜLER: Aber das ist doch ein Ideal.

JOKO: Nein, nein, nein ... das ist kein Ideal, das tun Sie einfach. Aber Sie sollten alle idealistischen Gedanken, die Sie dem, was Sie tun, hinzufügen, erkennen. Wenn jemand vor unserem Haus vor Hunger stirbt, fragen wir uns bestimmt nicht, was wir da tun sollen. Wir holen schnell etwas zu essen. Doch dann fällt uns vielleicht ein, wie lieb wir sind, daß wir so etwas tun. Das ist das, was wir hinzufügen. Das ist die überlagernde Struktur. Hier steht die Tat an sich und dort die überlagernde Struktur. Vor allem sollten wir etwas tun. Wenn wir die überlagernde Struktur überflüssig machen wollen, ist es am wirksamsten, all den Unsinn, den wir immer tun, weiterzutun, doch ihn mit soviel Bewußtsein wie nur irgend möglich zu tun. Dann erkennen wir mehr.

SCHÜLER: Nun, das ist eine Hälfte von mir. Die andere Hälfte ist arbeitslos und deprimiert und nicht satt, und dann hängen da noch einige andere Menschen von mir ab. Und ich höre, daß Sie sagen, ich sollte meinen Hunger und meine Arbeitslosigkeit schätzen und vielleicht gar nicht nach einer Stelle suchen?

JOKO: Nein, nein, keinesfalls! Wenn Sie keine Stelle haben, dann tun Sie alles, um eine zu bekommen. Oder wenn Sie krank sind, dann bemühen Sie sich nach Kräften, wieder gesund zu werden. Doch was Sie diesen grundlegenden Handlungen hinzufügen, das ist überlagernde Struktur. Es könnte so klingen: »Was bin ich für ein armes Wesen. Niemand wird mir je wieder eine Stelle geben!« Das ist die überlagernde Struktur. Keine Stelle zu haben, bedeutet, nach allen Möglichkeiten auf dem zugänglichen Markt nach einer neuen Stelle zu suchen, und, wenn notwendig, eine zusätzliche Ausbildung zu machen, um bessere Möglichkeiten zu haben. Doch was fügen wir den grundlegenden Fakten einer Situation nicht alles hinzu?

SCHÜLER: Ich habe über das Leben meiner Eltern und meine Beziehung zu ihnen nachgedacht. In bestimmten Bereichen scheinen sie sehr schwach zu sein, und auch ich habe damit Probleme. Die Psychologen sagen, die ersten fünf Lebensjahre seien von so großer Bedeutung, daß sie die Basis unseres Lebens bilden. Könnten Sie dazu etwas sagen?

JOKO: Nun, es gibt da einen absoluten Standpunkt und einen relativen Standpunkt. Vom relativen Standpunkt aus haben wir eine Geschichte. Jedem von uns ist viel widerfahren, und wir sind das, was wir sind, zumindest teilweise aufgrund dieser Geschichte. Doch in einem anderen Sinne haben wir keine Geschichte. Beim Üben des zen geht es darum, unseren Wunsch zu durchschauen, uns an unsere Geschichte zu klammern und Gründe (Gedanken) zu suchen, warum wir so sind, wie wir sind, anstatt mit der Wirklichkeit dessen zu arbeiten, was wir sind. Es gibt viele verschiedene Arten von Therapien. Doch jede Therapie, die einen dazu bringt, zu glauben, das eigene Leben sei schrecklich, weil einem jemand etwas angetan habe, ist zumindest unvollständig, denn hat nicht jeder von uns ähnliches erlebt? Doch in unserer Verantwortung liegt es immer, hier und jetzt die Wirklichkeit unseres Lebens, wie es ist, zu erleben. Und schließlich sollen wir dazu kommen, niemanden mehr verantwortlich zu machen. Wenn wir irgend jemanden verantwortlich machen, sind wir schon in die Falle gegangen. Dessen können wir sicher sein.

SCHÜLER: Woher wissen Sie das?

JOKO: Woher weiß ich was?

SCHÜLER: Woher wissen Sie all das?

JOKO: Ich möchte nicht behaupten, daß ich es weiß ... ich glaube, es wird einfach nach Jahren des za-zen offensichtlich. Ich erwarte auch nicht, daß Sie mir glauben. Ich möchte von niemandem hier, daß er glaubt, was ich sage, sondern ich möchte, daß Sie mit Ihrer eigenen Erfahrung arbeiten. Und dann sollten Sie selbst herausfinden, was für Sie wahr ist. Doch wollten Sie etwas Bestimmtes, von dem, was ich sagte, in Frage stellen?

SCHÜLER: Vielleicht stelle ich meine Bereitschaft, Ihnen zu glauben, in Frage.

JOKO: Ich will ja gar nicht, daß Sie mir glauben! Ich möchte, daß Sie üben. Wir sind beinahe wie Wissenschaftler, die mit ihrem eigenen Leben arbeiten. Wenn wir gut beobachten, finden wir selbst heraus, ob das Experiment funktioniert oder nicht. Wenn wir mit unserem Leben übend umgehen und sich die überlagernde Struktur langsam auflöst, dann werden wir es für uns selbst herausfinden. Manche Religionen sagen einfach: »Glaube.« Doch bei dem, war wir hier tun, hat der Glaube nichts zu suchen. Ich möchte nicht, daß irgend jemand mir glaubt. Es wird Ihnen nicht schlecht bekommen, wenn Sie üben. Nichts von dem, was ich Ihnen rate, kann Ihnen schaden.

SCHÜLER: Meine Frage ist mit der vorhergehenden vermischt. Es scheint mir, daß wir, um so zu üben, viel Vertrauen und Glauben in uns selbst haben müssen. So kommt es mir jedenfalls vor.

JOKO: Nun, dann nennen Sie es Glauben oder Selbstvertrauen, wenn Sie wollen. Ich glaube nicht, daß Sie hier wären, wenn Sie nicht das Gefühl hätten, daß das Üben Ihnen gut täte. Das hat natürlich in gewissem Sinn mit Glauben zu tun.

SCHÜLER: Meiner Meinung nach ist es wichtig zu wissen, was ich in der Kindheit erlebt habe ...

JOKO: Ich habe ja auch nicht gesagt, daß das nicht in einem gewissen Maß nützlich sein kann. Doch Ihr Erleben in diesem Augenblick umfaßt Ihr ganzes Dasein einschließlich der Vergangenheit, und es hängt alles davon ab, ob Sie wissen, wie Sie das erleben, wie Sie es wirklich erfahren können. Sehen Sie, wir sprechen ja viel darüber, was es bedeutet, die eigene Erfahrung zu sein. Doch das zu tun, ist nicht einfach, und es gelingt uns auch nur sehr selten. Es ist leicht, darüber Reden zu halten, wie es ist, wenn man erlebt, was wirklich ist, doch es ist schwierig, es zu tun, und deshalb versuchen wir dem gerne aus dem Weg zu gehen. Doch wenn wir richtig üben, wird sich unser Leben – die Vergangenheit wie die Gegenwart – von selbst lösen. Ganz allmählich.

SCHÜLER: Welchen Raum nehmen Gebet und Affirmationen beim zen-Übungsweg ein?

JOKO: Gebet und za-zen sind das gleiche. Es gibt da gar keinen Unterschied. Affirmationen würde ich eher vermeiden, da eine Affirmation wie beispielsweise: »Ich bin vollkommen gesund« zwar vorübergehend ein Gefühl des Wohlbefindens erzeugen kann, doch nicht der gegenwärtigen Realität Rechnung trägt, die vielleicht darin besteht, daß ich krank bin.

SCHÜLER: Was ist mit all den bösen Mächten, die uns umgeben und die immer stärker zu werden scheinen?

JOKO: Ich glaube nicht, daß uns böse Mächte umgeben. Ich glaube, daß böse Dinge getan werden, aber das ist etwas anderes. Wenn jemand einem Kind etwas antut, werden Sie ihn natürlich davon abhalten; doch den Betreffenden zu verdammen, ist zweifelhaft und selbst etwas Ungutes. Wir sollten gegen schlechte Handlungen kämpfen, aber nicht gegen Menschen. Denn sonst sind wir nur noch damit beschäftigt, jeden zu verurteilen und zu verdammen, einschließlich uns selbst.

SCHÜLER: Mit demselben Recht kann man dann aber auch niemanden gut nennen.

JOKO: Richtig. Im Grunde sind wir in zen-Begriffen nichts, Nicht-Etwas ... wir tun einfach das, was wir tun. Doch wenn wir die Unwirklichkeit der überlagernden Struktur erkennen, neigen wir dazu, Gutes zu tun. Wenn es keine Trennung mehr zwischen uns selbst und anderen gibt, tun wir ganz von selbst Gutes. Unserer Natur entspricht es im Grunde, Gutes zu tun.

SCHÜLER: Darin besteht unser Handeln.

JOKO: Ja, es geschieht ganz natürlich. Wenn wir nicht durch egozentrische Gedanken des Neides, der Wut und der Unwissenheit von den anderen getrennt sind, werden wir Gutes tun. Wir müssen uns nicht einmal dazu zwingen. Es ist unser natürlicher Zustand.



aus: Charlotte Joko Beck, Zen im Alltag


Freitag, 1. Mai 2015

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung, eine Link- und Videosammlung

Borderline Persönlichkeitsstörung (Wikipedia)
Borderline Persönlichkeitsstörung (Allgemeine Hospitalgesellschaft)
Die Borderline-Störung (Borderlinezone.org)
Was ist Borderline? (Borderline-Mütter)
Die unsichtbare gebrochene Seele (Inge Ansahl, Der Westen, 26.08.2016)
Neue Therapieform bei Borderline – Den Gefühle zugucken (SWR2, 25.02.2014)
Theoretische Modelle zur Erklärung der Borderline-Störung in Inszenierungen des Unmöglichen (Auszug auf Kultur-Fibel.de)
Wut oder Angst – welcher Affekt ist bei Borderline-Störungen der zentrale? (Birger Dulz, Persönlichkeitsstörungen, Schattauer-Verlag, 3/1999, gefunden bei Gesellschaft zur Erforschung von Persönlichkeitsstörungen, Publikationsliste – empfohlen!)


MBT Treatment - Prof. Peter Fonagy | "What works for Borderline Personality Disorder?" {0:50}

Veröffentlicht am 23.03.2014
כנס בינלאומי בנושא ""מה עובד בטיפול בהפרעת אישיות גבולית?" 
07-09/02/2014

טיפול בגישת המנטליזציה (MBT) - פרופ' פיטר פונגי

פרופ' פונגי מדגים על הבמה את מודל הטיפול מבוסס מנטליזציה (MBT) - בהשתתפות השחקנית אסתי זקהיים

ראיון עם פרופ' פונגי בעיתון "הארץ" - http://www.haaretz.co.il/magazine/the...

לסקירת הרצאות הכנס, הכנסו לקישור הזה - http://multimedia.huji.ac.il/%D7%A1%D...

תוכנית הכנס - http://multimedia.huji.ac.il/10334-ps...

הגופים שמארגני את הכנס:
בית הספר לפסיכותרפיה של מכון מגיד: http://magid.huji.ac.il/%D7%A4%D7%A1%...
המרכז למנטליזציה בישראל: http://www.mentalization.co.il/
NEA
How BPD Forms in a Child [5:14]

Hochgeladen am 22.05.2009
Tami Green explains a possible theory on how Borderline Personality Disorder forms in children.

www.tamigreenlifecoach.com

What It Feels Like To Have Borderline Personality Disorder [7:12]

Veröffentlicht am 03.06.2012
Borderline Personality Disorder is different for everyone, this is simply how it feels to be me.

4 Rules for you and for a relationship with a child or partner with BPD [7:12]

Hochgeladen am 03.08.2010
A relationship skills for partners and parents of children with Borderline Personality Disorder (BPD). How to view BPD and make your life easier in relation to a person with BPD.

Do Borderlines Play Mind Games? [9:56]

Hochgeladen am 26.06.2010
Author, Life Coach, Counsellor, BPD and Mental Health Coach, A.J. Mahari, who herself recovered from BPD in 1995 and who is now and has been, in the past also, in the non borderline role and understanding of BPD, speaks to the question - do people with Borderline Personality Disorder play mind games? 

So many assume that everything a person with Borderline Personality Disorder does is basically all manipulation. Mental Health challenges such as Borderline Personality are very much relational challenges. It is important for bpd loved ones to set boundaries and for those with Borderline Personality Disorder to gain more awareness about how others perceive or experience them. It is equally important to continue to work at understanding Borderline Personality Disorder. Understanding the difference between the person with Borderline Personality Disorder and their behavior. That does not mean condoning or accepting abusive or inappropriate behavior but it does mean being mindful on both sides of Borderline Personality Disorder as to what is being experienced and why.
aktualisiert am 04.02.2016

Sonntag, 19. April 2015

Freiheit bedeutet Kontrolle

Kann man mithilfe dieser Süßigkeiten Aussagen über Karrierechancen und Lebensglück machen? Ja, sagt der Psychologe Walter Mischel  der das berühmte Marshmallow-Experiment erfunden hat.

Eine kleine Gasse im Herzen von Paris. Rechts lugen die Türme von Notre-Dame über die Dächer, links wölbt sich die Kuppel des Pantheons, in dem Frankreichs Nationalhelden liegen. Dazwischen wohnt ein Mann, der das Denken darüber, was zu Erfolg führt, maßgeblich verändert hat. Und der nebenbei dem Krümelmonster aus der "Sesamstraße" beibrachte, zu essen wie ein Gourmet. Der österreichische Psychologe Walter Mischel, der in Paris und New York lebt.

mehr:
- Marshmallow-Test (Kolja Ruzio, Interview, ZEIT Wissen 02/2015) 

Marshmallow Test mit Kindern! [3:44]

Hochgeladen am 16.09.2009
Marshmallow Test mit Kindern!

siehe auch:
Marshmallow-Test (Lexikon online)
Anlage und Umwelt – Marshmallow-Test in der Kritik (Daniel Rettig, Alltagsforschung, 16.10.2012)
- Impulskontrolle: der Marshmallow‑Test (Post, 18.12.2012)

Verhaltensforschung – Warum der Marshmallow-Test die Karriere voraussagt (Florian Rinke, RP Online, 10.11.2014)
- Nirwana im Kernspin (Post, 13.06.2015)

Dienstag, 24. März 2015

Reines Beobachten

Was ist Reines Beobachten? 
Reines Beobachten ist das klare, unabgelenkte Beobachten dessen, was im Augenblick der jeweils gegenwärtigen Erfahrung (einer äußeren oder inneren) wirklich vor sich geht. Es ist die unmittelbare Anschauung der eigenen körperlichen und geistigen Daseinsvorgänge, soweit sie in den Spiegel unserer Aufmerksamkeit fallen. Dieses Beobachten gilt als «rein», weil sich der Beobachter dem Objekt gegenüber rein aufnehmend verhält, ohne mit dem Gefühl, dem Willen oder Denken bewertend Stellung zu nehmen und ohne durch Handeln auf das Objekt einzuwirken. Es sind die «reinen Tatsachen», die hier zu Wort kommen sollen. Wenn sich nun aber an ein anfänglich reines Registrieren dieser Tatsachen aus alter Gewohnheit doch wieder gleich Bewertungen und andere Reaktionen anschließen, so sollen dann eben diese Reaktionen selber sofort wieder zum Gegenstand Reinen Beobachtens gemacht werden. Eine so gewonnene innere Freiheit dem Objekt gegenüber wird durch Einübung allmählich zu einer vertrauten Geisteshaltung, die leicht verfügbar ist, wenn sie benötigt wird.
Es braucht wohl kaum besonders bemerkt zu werden, dass dieses Reine Beobachten nicht etwa für alle Lebenssituationen empfohlen werden soll, und gewiss nicht für solche, die Entscheidungen in Wort und Tat sowie planendes Handeln erfordern. Hier ist der Platz für die Wissensklarheit. Doch gerade in Situationen, die einen aktiven Response verlangen, kann das Reine Beobachten eine wichtige vorbereitende Funktion erfüllen die den Entscheidungen eine größere Verlässlichkeit und den Handlungen eine größere Erfolgsaussicht verleiht. Das Reine Beobachten wird hier empfohlen als eine methodische Übung in dafür bestimmten kürzeren oder längeren Perioden der Freizeit; sowie zur Anwendung in jenen auch im geschäftigen Alltag möglichen Momenten, in denen man für eine Weile, und sei es nur für eine Minute, vom Getriebe zurücktritt oder auch vor wichtigen Entscheidungen einige Minuten der Besinnung einfügt.

(* 21. Juli 1901 in Hanau; † 19. Oktober 1994 in Forest Hermitage, Kandy) wurde als Siegmund Feniger in Hanau geboren und war 57 Jahre lang buddhistischer Mönch in der Theravada-Tradition.)
mehr:
- Satipathâna – III. Achtsamkeit und Wissensklarheit – A) Die Übung des Reinen Beobachtens (Tipitaka (Drei-Korb), der Pali Kanon des Theravāda-Buddhismus) 

Donnerstag, 19. März 2015

Stille

Wir haben in unserer heutigen Welt wenig Erfahrung mit der Stille, und unsere Kultur als Ganze scheint nur immer kompliziertere Töne und Klänge zu schätzen. Dennoch ist unsere Sitzpraxis still, und Retreats bringen eine sehr tiefgehende Stille mit sich. Erleuchtung ist auch die Große Stille genannt worden. In dieser Hinsicht widerspricht die buddhistische Praxis unserer Kultur. Sie widerspricht jeder Kultur.
Die meisten von uns schätzen bestimmte Arten von Stille. Wir sind alle schon einmal in einem Raum gewesen, in dem die Klimaanlage eingeschaltet war oder ein Kühlschrank brummte, und wenn das Gerät dann plötzlich abgeschaltet hat, haben wir erleichtert aufgeatmet. Eltern von Kleinkindern sprechen von der köstlichen (und häufig kurzlebigen) Stille am Ende des Tages, wenn die Kinder end-lich im Bett sind, der Fernseher ausgeschaltet und das Haus still ist. Einige von uns machen Urlaub an ruhigen Orten, und selbst in unserem Haus schätzen wir Momente, an denen wir allein in einen Raum gehen und ein Buch lesen oder einen Brief schreiben können.
Die Stille, von der ich spreche, ist tiefer als irgendeiner dieser Momente, und manchmal – wenn auch nicht aus schließlich – wird sie in tiefen Zuständen der Meditation erreicht. Sie reicht bis zu der tiefsten Stille, die Menschen in der Lage sind zu erleben.
Ich habe vor mehreren Jahren begonnen, mich für dieses Thema zu interessieren. Ein Grund dafür war, daß ich eine Reihe von Schülern hatte, die in ihrer Meditationspraxis ziemlich weit gekommen waren. Sie hatten die Schwelle einer profunden Stille erreicht, dann jedoch eine tiefe Angst erlebt und sich zurückgezogen. Mit dem Ziel, den Schülern größtmögliche Fortschritte zu ermöglichen, hatte ich mich gefragt, wie ich mit dem umgehen sollte, was sie zurückhielt.
Etwa zur selben Zeit sah ich einen Artikel in einer Zeitschrift, in dem es um die Erforschung der Ozeane ging. Dort hieß es, sie seien das letzte unerforschte Gebiet, das uns noch bliebe. Ich konnte nicht umhin zu denken, daß der Autor ein unerforschtes Gebiet ausgelassen hatte: das menschliche Bewußtsein.
Wir haben natürlich bestimmte Teile des Geistes erforscht und komplizierte Analysen dieser Berei-che durchgeführt. Aber es gibt immer noch riesige Bereiche, die in all den Jahrtausenden, die es nun Menschen gibt, unberührt geblieben sind. Einige wenige mutige Individuen sind dorthin vorgedrungen und zurückgekommen, um uns davon zu berichten, was sie gesehen haben. Aber die meisten Men-schen wissen nicht einmal, daß diese Orte existieren. Meditierende sind Psychonauten, um Robert Thurmans Ausdruck zu verwenden. Wir sind Forschende in dem faszinierendsten Bereich überhaupt. […]

In diesen beiden Bereichen ist unsere westliche Kultur – im Vergleich zu anderen heutigen Kultu-ren, und insbesondere im Vergleich zu Kulturen der Vergangenheit – reich. Wir besitzen mehr Dinge und haben mehr Dinge zu tun, wir gebrauchen Gedanken und Sprache in vielfältigerer Weise, als es zu irgendeiner Zeit in der menschlichen Geschichte der Fall war. Wir sind mehr als reich. Wir leben in außerordentlicher Fülle.
Innerlich jedoch sind wir verarmt. Unsere Kehle ist ausgedörrt und unser spiritueller Körper abge-magert. Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, warum wir so viele äußere Dinge haben. Wir ver-wenden sie, um einen Hunger zu stillen, der nie aufzuhören scheint. Er scheint unstillbar zu sein.
Stille ist kein vollkommen geeigneter Begriff für das, was ich zu beschreiben versuche. Es gibt kei-nen vollkommenen Begriff dafür. Ich benutze gewissermaßen Worte für etwas, das genau das Gegen-teil des Sprechens ist (auch wenn es ebenso richtig ist, zu sagen, daß alles Sprechen daraus hervor-geht). Andere Lehrer und andere Kulturen haben Worte wie Nichts oder Leere dafür benutzt, aber auch diese Begriffe haben ihre Nachteile. Stille, so wie ich den Begriff verwende, ist eine Dimension der Existenz. Man kann in ihr leben. Sie ist das, worum es beim spirituellen Leben eigentlich geht. Sie ist ganz wörtlich unauslotbarer, grenzenloser Raum, der von einer unermeßlich weiten Stille durchdrungen ist. Sie ist in gewisser Wei-se in uns – dort suchen wir sie –, auch wenn an irgendeinem Punkt in unserer Erforschung Begriffe wie innen und außen, all die räumlichen Begriffe, die ich gezwungen bin zu benutzen, überhaupt nichts bedeuten.
Die gesamte Geschichte der menschlichen Zivilisation zusammengenommen – Sprache, Kultur, Denken, Wirtschaft – ist relativ unbedeutend, verglichen mit dem, was hinter ihr steht. Stille ist eine Dimension der Existenz, und für einige Menschen – die es wahrscheinlich zu allen Zeit der Geschichte gegeben hat – war sie die Hauptdimension. Diese Menschen waren die außergewöhnlichsten Men-schenwesen. Sie haben gelernt, die Welt der Stille zu bewohnen und aus ihr heraus in die Welt des Handelns hinauszugehen.
Die erste Hilfe, die ich in dieser Richtung erhielt, stammte von meinem ersten buddhistischen Leh-rer, dem Ehrwürdigen Seung Sahn. Er war aus Korea in die Vereinigten Staaten gekommen und schien nur zehn bis fünfzehn englische Sätze zu sprechen, als er hier ankam. Aber er war im Gebrauch jener Sätze außerordentlich geschickt, ein Meister der dharmischen Klangbytes. Nach seiner Ankunft in Amerika reparierte er zunächst Waschmaschinen für Waschsalons, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und er schien mit nur zwei Sätzen auszukommen. „Das kaputt? Ich repariere.“ Aber schon nach kurzer Zeit hatte er einen Ruf als Zen-Meister, und an Freitagabenden kamen bis zu hundert Menschen, von denen viele einen Universitätsabschluß hatten, um ihn Vorträge mit jenen fünfzehn Sätzen halten zu hören.
In der Tradition, in der ich jetzt lehre, sind die Einzelgespräche recht informell, aber in seiner Zen-Tradition waren sie sehr formell, und jedesmal, wenn ich zu ihm kam, antwortete er, unabhängig von dem, was ich sagte, immer in derselben Weise. „Zuviel Denken!“ Er läutete die Glocke, und ich mußte gehen. Es war außerordentlich demütigend. Eines Tages hatte ich schließlich ein stilles Sitzen – wenn man uns nur genug Zeit gibt, dann erlebt jeder von uns Momente der Stille –, und ich kam zu ihm, um ihm aufgeregt von dieser Neuigkeit zu berichten. Während der ganzen Sitzung, so erzählte ich ihm, hatte ich nur einige wenige schwache Gedanken gehabt. Er sah mich völlig ungläubig an. „Was ist verkehrt am Denken?“ sagte er.
Er ließ mich wissen, daß nicht das Denken das Problem darstellt. Es ist unser Mißbrauch des Den-kens und unsere Abhängigkeit davon.
Der Weg in die Stille ist mit Hindernissen gepflastert. Das Haupthindernis ist Verblendung bezie-hungsweise Nichtwissen. Wir erleben Stille nicht, weil wir nicht wissen, daß sie existiert. Und auch wenn ich die Schwierigkeiten betone, ist es wichtig zu verstehen, daß Stille ein Zustand ist, der allen Menschen zugänglich ist. Sie ist nicht nur für die Einsiedler bestimmt, die hoch oben im Himâ1aya in Höhlen leben. Sie steht jedem zur Verfügung.
Der erste Teil der Reise besteht in der Übung des Atembewußtseins. Wenn Anfänger sich hinsetzen, um der Atmung zu folgen, dann nehmen sie typischerweise ungeheuer viel Lärm wahr, der ziemlich weit von der exquisiten Stille entfernt zu sein scheint, von der ich hier spreche. Die Tibeter haben für diese Phase der Praxis einen Ausdruck: "den kaskadenartig herabstürzenden Geist erreichen". Das klingt nicht gerade nach einer besonderen Errungenschaft. Sie nehmen wahr, daß sich Ihr Geist wie ein kaskadenartig herabstürzender Wasserfall verhält; er macht Lärm und fließt die ganze Zeit über.
Tatsache ist jedoch, das jedermanns Geist so beschaffen ist, nur wissen die meisten Menschen das nicht. Das zu sehen ist ein äußerst wichtiger Schritt. Unsere Welt wird sehr wahrscheinlich von Menschen regiert, denen nicht bewußt ist, daß ihr Geist wie ein Großstadtbahnhof unmittelbar nach Büroschluß ist. Ist es da etwa ein Wunder, daß sich unsere Welt in dem Zustand befindet, in dem sie sich nun einmal befinden?
Wir wundern uns nicht mehr über den Zustand, in dem sich die Welt befindet, sobald wir einmal unseren kaskadenartig herabstürzenden Geist gesehen haben und uns bewußt wird, wer in unserer Welt das Sagen hat. Wir müssen jedoch unserem Geist gegenüber nicht ungeduldig sein. Ungeduld hilft ohnehin nicht. Wenn Sie eine Weile still sitzen und ver suchen, mit Ihrer Aufmerksamkeit bei der Ein und Ausat mung zu bleiben, dann wird sich der Geist schließlich beru higen, und Sie werden Momente erleben, in denen der Atem seidig und weich ist und Sie einfach bei ihm bleiben können. Vielleicht nehmen Sie auch die Stille in der Pause zwischen den Atemzügen wahr. Das ist ein erster Geschmack der Stille, und vielleicht finden Sie sogar eine gewisse Erfrischung darin. Es ist eine Begegnung mit einer sehr reinen Art von Energie. Es wird noch so viel mehr kommen. Aber solche frühen kurzen Begeg nungen geben Ihnen das Vertrauen, weiterzumachen. Und im Umgang mit der Stille ist ein gewisses Maß an Vertrauen außerordentlich wichtig.
Wir können noch viel tiefere Arten von Stille erfahren, aber nicht, indem wir danach streben, sie zu erreichen. Sobald Sie einmal mit Hilfe der Samatha-Praxis eine gewisse Ruhe erreicht haben, ge-schieht der Weg in die Stille dadurch, daß Sie sich mit Ihrem Lärm anfreunden und ihn wirklich ken-nenlernen. Der größte Krachmacher ist Ihr Ego, Ihre Neigung, sich an Dinge als Ich oder Mein zu hef-ten. Das Ego weiß, daß es in der Welt der Stille nichts zu suchen hat, denn die Stille gehört nieman-dem. Da gibt es nichts, was es sich aneignen könnte. Die Stille ist dort, wo das Ego nicht ist.
Daher ist eine viel bessere Herangehensweise an tiefe Stille – wenn Sie bereit dafür sind – das nichtwählende Gewahrsein. Ein gewisses Maß an Stille ist durch Konzentration zu erreichen, aber es entsteht eine andere Qualität von Stille durch das Begreifen, das keine Stille schafft, sondern diejenige entdeckt, die bereits vorhanden ist. Eine solche Stille werden Sie wahrscheinlich eher während eines langen Retreats entdecken, wenn Ihr Geist eine längere Phase der Verlangsamung erlebt hat.
Sie sitzen mit dem Atem und erlauben allem, zu kommen und zu gehen – Gedanken, Gefühlen, Klängen, Empfindungen, geistigen und physischen Zuständen. Zunächst wird Ihre Aufmerksamkeit zwangsläufig Vorlieben aufweisen; Sie werden sie auf dieses oder jenes richten. Aber mit der Zeit wird jene Neigung wegfallen; ja, sogar der Atem wird nicht mehr besonders hervorgehoben, und Sie werden alles, was ist, auf eine vollkommen absichtslose Weise wahrnehmen. Sie werden mit ungeteilter Präsenz in einem Zustand vollkommener Empfänglichkeit sitzen. Sie sind nicht für oder gegen etwas von dem, was aufsteigt; Sie nehmen dem gegenüber einfach eine freundliche, interessierte und annehmende Haltung ein.
Wenn der Geist die Erlaubnis hat, auf diese Weise frei umherzustreifen, dann wird er schließlich seiner selbst müde. Schließlich sagt er ja doch immer und immer wieder dieselben Dinge. Er wird all des Lärms müde und beginnt, sich zu setzen. Wenn er das tut, dann stehen Sie an der Schwelle zur un-ermeßlich weiten Welt der Stille. Manchmal kommen bei Retreats Meditierende, die gerade in das Konzept des nichtwählenden Ge-wahrseins eingeführt worden sind, zu den Einzelgesprächen und sagen: "Es passiert nichts." Wir sind so sehr daran gewöhnt, daß Dinge in unserem Leben passieren, daß wir den Wert dieses "nichts" nicht kennen. Dieser erste Schritt in das Reich der Stille ist jedoch äußerst wertvoll. Es ist dann kein Be-dürfnis vorhanden, irgend etwas anderes zu tun, als einfach dabeizubleiben.
Es stimmt, daß wir an der Schwelle zur Stille häufig Angst erfahren. Es ist das Ego, das Angst hat. In der allumfassenden Aufmerksamkeit, die man dem nichtwählenden Gewahrsein widmet, steht das Ego nicht im Mittelpunkt, wo es hinzu gehören glaubt, und es beginnt sich zu fragen, wie es wohl in der Stille sein wird, wo es überhaupt nicht mehr dasein wird. Diese Angst ähnelt der Angst vor dem Tode, denn das Ein treten in die Stille ist ein vorläufiger Tod für das Ego. Die Große Stille wäre sein dauerhafter Tod. Es ist ganz natürlich, daß es davor Angst hat.
Wenn diese Angst hochkommt, muß sie kein Hindernis darstellen. Sie ist einfach nur ein weiterer Aspekt des Lärms. Ihre Begegnung mit jener Angst ist sehr wertvoll, und die Geschicktheit, die hier erforderlich ist, besteht einfach darin, dabeizubleiben. Mit der Zeit wird sie – wie jede andere Er scheinung – vergehen. Wenn sie es tut, dann bleibt Stille übrig.
In meiner eigenen Praxis und Lehrtätigkeit habe ich bemerkt, daß das Erreichen von Stille irgend-wie mit der Fähigkeit verbunden ist, mit Einsamkeit umzugehen und den Tod akzeptieren zu lernen. Insbesondere für das Ego sind diese beiden Dinge eng miteinander verbunden. Wir haben Angst davor, allein zu sein, und wir haben Angst vor dem Sterben; also erschaffen wir uns mit Hilfe unserer Gedanken Gesellschaft, und die hält uns davon ab, in die Stille zu gelangen.
Daher ist es für jemanden, der sich auf einem kontemplativen Weg befindet, hilfreich, eine Zeitlang mit dem Todesbewußtsein zu praktizieren. Abgesehen von dem Wert, den diese Praxis bereits für sich genommen besitzt, hilft sie uns, in das Reich der Stille einzutreten, das wir fürchten, weil es – wie der Tod – unbekannt ist. Tatsächlich ist dieses Reich jedoch ganz wunderbar; es ist eine immense Erleichterung, aber der Geist weiß das nicht. Wenn sich ein Meditierender dazu bereit fühlt, dann könnte es auch hilfreich sein, sich in eine längere private Klausur zu begeben, wo man tiefgreifende Einsamkeit erfährt. Sobald wir uns einmal mit unserer Einsamkeit angefreundet haben, wird uns Stille sehr viel leichter zugänglich sein.
In diesem Zusammenhang ist es vielleicht angebracht, daß ich eine recht persönliche Geschichte erzähle. Mein Vater ist vor kurzem nach langer Krankheit gestorben. Wir haben uns mein ganzes Le-ben lang nahegestanden, und ich mußte sehr viel Trauerarbeit leisten. Manchmal dachte ich, das ginge recht gut, zu anderen Zeiten ging es nicht so gut. Ich bin ein Mensch wie jeder andere und stelle in Bezug auf die Tendenz, zu leugnen, zu verdrängen, zu intellektualisieren und vor Dingen wegzulaufen, keine Ausnahme dar.
Ich habe seine Asche nach Newburyport in Massachusetts gebracht, wo ich häufig eigene Retreats durchführe, und habe sie über den Parker-Fluß in den Atlantischen Ozean (den er liebte) gestreut. An-schließend bin ich in das Haus gegangen, wo ich meine Retreats durchführe. Ich hatte bereits sehr viel mit meiner Trauer gesessen, aber auf einer anderen Ebene hatte ich anscheinend noch nicht einmal damit begonnen, denn an jenem Tag erlebte ich mehr Trauer, als mir menschenmöglich erschien.
Es hatte in meinem Trauerprozeß zuvor Elemente von Selbstmitleid sowie auch Elemente von Mit-leid für meinen Vater gegeben. Meine Ichbezogenheit war da und erlaubte es der Trauer nicht, voll-ständig aufzublühen. Aber jetzt war eine direkte Erfahrung von Trauer da, ohne jegliches Zurückhal-ten – ich drang über längere Zeit direkt in sie ein und erlebte wirkliche Nähe mit ihr. Schließlich endete die Trauer. Jenseits davon lag eine unglaubliche Stille. Ich habe an jenem Tag sehr viel über die Art und Weise gelernt, wie uns Elemente des Ich davon abhalten, vollständig zu fühlen, und darüber, was uns möglich ist, wenn wir sie loslassen. Ein anderer Ausdruck für eine solche Stille ist absolute Präsenz, die nur möglich ist, wenn das Ich vollkommen abwesend ist.
Meditierende fragen häufig, was sie tun sollen, wenn sie zur Stille gelangen. Typischerweise haben wir verschiedene Pläne. Manchmal haben wir im wesentlichen immer noch Angst vor der Stille; wir möchten einen flüchtigen Einblick in sie erhaschen und ihr dann wieder entkommen. Zu anderen Zei-ten sitzen wir voller Erwartung in der Stille und warten darauf, daß etwas passiert. Wir sehen die Stille als Tür zu etwas anderem an. Sie ist eine Tür zum Unbedingten, aber wenn wir versuchen, diese Tür zu benutzen, um dorthin zu gelangen, dann bleibt sie verschlossen.
[…]
Wenn wir zu sehr danach trachten, daß etwas Besonderes passiert, dann wird die Stille zusammen-brechen. Wir können sie auch dadurch zum Verschwinden bringen, daß wir sie zu einer persönlichen Erfahrung machen - sie benennen, sie abwägen, sie bewerten, sie mit anderen Erfahrungen verglei-chen, die wir gemacht haben, und uns fragen, was wir unseren Freunden über sie erzählen sollen oder wie wir sie in einem Gedicht zum Ausdruck bringen können. Wir sollten uns ihr statt dessen einfach überlassen. Erlauben Sie es ihr, dazusein. Das klingt so, als ob sie einfach Leere wäre, eine Pause vom wirklichen Leben, aber hier versagt die Sprache. Stille ist viel mehr als das.
Wir können nicht nach diesem Zustand verlangen. Wir alle werden lernen, frei zu sein, und der einzige Weg, das zu tun, besteht darin, zu sehen, auf welche Weise wir uns selbst versklaven. Gele-gentlich haben wir große Einsichten, aber häufiger sind es nur kleine. Momente der Sorge um uns selbst sind zu Momenten der Freiheit geworden, wenn wir in sie hinein, und durch sie hindurchsehen.