Donnerstag, 19. März 2015

Stille

Wir haben in unserer heutigen Welt wenig Erfahrung mit der Stille, und unsere Kultur als Ganze scheint nur immer kompliziertere Töne und Klänge zu schätzen. Dennoch ist unsere Sitzpraxis still, und Retreats bringen eine sehr tiefgehende Stille mit sich. Erleuchtung ist auch die Große Stille genannt worden. In dieser Hinsicht widerspricht die buddhistische Praxis unserer Kultur. Sie widerspricht jeder Kultur.
Die meisten von uns schätzen bestimmte Arten von Stille. Wir sind alle schon einmal in einem Raum gewesen, in dem die Klimaanlage eingeschaltet war oder ein Kühlschrank brummte, und wenn das Gerät dann plötzlich abgeschaltet hat, haben wir erleichtert aufgeatmet. Eltern von Kleinkindern sprechen von der köstlichen (und häufig kurzlebigen) Stille am Ende des Tages, wenn die Kinder end-lich im Bett sind, der Fernseher ausgeschaltet und das Haus still ist. Einige von uns machen Urlaub an ruhigen Orten, und selbst in unserem Haus schätzen wir Momente, an denen wir allein in einen Raum gehen und ein Buch lesen oder einen Brief schreiben können.
Die Stille, von der ich spreche, ist tiefer als irgendeiner dieser Momente, und manchmal – wenn auch nicht aus schließlich – wird sie in tiefen Zuständen der Meditation erreicht. Sie reicht bis zu der tiefsten Stille, die Menschen in der Lage sind zu erleben.
Ich habe vor mehreren Jahren begonnen, mich für dieses Thema zu interessieren. Ein Grund dafür war, daß ich eine Reihe von Schülern hatte, die in ihrer Meditationspraxis ziemlich weit gekommen waren. Sie hatten die Schwelle einer profunden Stille erreicht, dann jedoch eine tiefe Angst erlebt und sich zurückgezogen. Mit dem Ziel, den Schülern größtmögliche Fortschritte zu ermöglichen, hatte ich mich gefragt, wie ich mit dem umgehen sollte, was sie zurückhielt.
Etwa zur selben Zeit sah ich einen Artikel in einer Zeitschrift, in dem es um die Erforschung der Ozeane ging. Dort hieß es, sie seien das letzte unerforschte Gebiet, das uns noch bliebe. Ich konnte nicht umhin zu denken, daß der Autor ein unerforschtes Gebiet ausgelassen hatte: das menschliche Bewußtsein.
Wir haben natürlich bestimmte Teile des Geistes erforscht und komplizierte Analysen dieser Berei-che durchgeführt. Aber es gibt immer noch riesige Bereiche, die in all den Jahrtausenden, die es nun Menschen gibt, unberührt geblieben sind. Einige wenige mutige Individuen sind dorthin vorgedrungen und zurückgekommen, um uns davon zu berichten, was sie gesehen haben. Aber die meisten Men-schen wissen nicht einmal, daß diese Orte existieren. Meditierende sind Psychonauten, um Robert Thurmans Ausdruck zu verwenden. Wir sind Forschende in dem faszinierendsten Bereich überhaupt. […]

In diesen beiden Bereichen ist unsere westliche Kultur – im Vergleich zu anderen heutigen Kultu-ren, und insbesondere im Vergleich zu Kulturen der Vergangenheit – reich. Wir besitzen mehr Dinge und haben mehr Dinge zu tun, wir gebrauchen Gedanken und Sprache in vielfältigerer Weise, als es zu irgendeiner Zeit in der menschlichen Geschichte der Fall war. Wir sind mehr als reich. Wir leben in außerordentlicher Fülle.
Innerlich jedoch sind wir verarmt. Unsere Kehle ist ausgedörrt und unser spiritueller Körper abge-magert. Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, warum wir so viele äußere Dinge haben. Wir ver-wenden sie, um einen Hunger zu stillen, der nie aufzuhören scheint. Er scheint unstillbar zu sein.
Stille ist kein vollkommen geeigneter Begriff für das, was ich zu beschreiben versuche. Es gibt kei-nen vollkommenen Begriff dafür. Ich benutze gewissermaßen Worte für etwas, das genau das Gegen-teil des Sprechens ist (auch wenn es ebenso richtig ist, zu sagen, daß alles Sprechen daraus hervor-geht). Andere Lehrer und andere Kulturen haben Worte wie Nichts oder Leere dafür benutzt, aber auch diese Begriffe haben ihre Nachteile. Stille, so wie ich den Begriff verwende, ist eine Dimension der Existenz. Man kann in ihr leben. Sie ist das, worum es beim spirituellen Leben eigentlich geht. Sie ist ganz wörtlich unauslotbarer, grenzenloser Raum, der von einer unermeßlich weiten Stille durchdrungen ist. Sie ist in gewisser Wei-se in uns – dort suchen wir sie –, auch wenn an irgendeinem Punkt in unserer Erforschung Begriffe wie innen und außen, all die räumlichen Begriffe, die ich gezwungen bin zu benutzen, überhaupt nichts bedeuten.
Die gesamte Geschichte der menschlichen Zivilisation zusammengenommen – Sprache, Kultur, Denken, Wirtschaft – ist relativ unbedeutend, verglichen mit dem, was hinter ihr steht. Stille ist eine Dimension der Existenz, und für einige Menschen – die es wahrscheinlich zu allen Zeit der Geschichte gegeben hat – war sie die Hauptdimension. Diese Menschen waren die außergewöhnlichsten Men-schenwesen. Sie haben gelernt, die Welt der Stille zu bewohnen und aus ihr heraus in die Welt des Handelns hinauszugehen.
Die erste Hilfe, die ich in dieser Richtung erhielt, stammte von meinem ersten buddhistischen Leh-rer, dem Ehrwürdigen Seung Sahn. Er war aus Korea in die Vereinigten Staaten gekommen und schien nur zehn bis fünfzehn englische Sätze zu sprechen, als er hier ankam. Aber er war im Gebrauch jener Sätze außerordentlich geschickt, ein Meister der dharmischen Klangbytes. Nach seiner Ankunft in Amerika reparierte er zunächst Waschmaschinen für Waschsalons, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und er schien mit nur zwei Sätzen auszukommen. „Das kaputt? Ich repariere.“ Aber schon nach kurzer Zeit hatte er einen Ruf als Zen-Meister, und an Freitagabenden kamen bis zu hundert Menschen, von denen viele einen Universitätsabschluß hatten, um ihn Vorträge mit jenen fünfzehn Sätzen halten zu hören.
In der Tradition, in der ich jetzt lehre, sind die Einzelgespräche recht informell, aber in seiner Zen-Tradition waren sie sehr formell, und jedesmal, wenn ich zu ihm kam, antwortete er, unabhängig von dem, was ich sagte, immer in derselben Weise. „Zuviel Denken!“ Er läutete die Glocke, und ich mußte gehen. Es war außerordentlich demütigend. Eines Tages hatte ich schließlich ein stilles Sitzen – wenn man uns nur genug Zeit gibt, dann erlebt jeder von uns Momente der Stille –, und ich kam zu ihm, um ihm aufgeregt von dieser Neuigkeit zu berichten. Während der ganzen Sitzung, so erzählte ich ihm, hatte ich nur einige wenige schwache Gedanken gehabt. Er sah mich völlig ungläubig an. „Was ist verkehrt am Denken?“ sagte er.
Er ließ mich wissen, daß nicht das Denken das Problem darstellt. Es ist unser Mißbrauch des Den-kens und unsere Abhängigkeit davon.
Der Weg in die Stille ist mit Hindernissen gepflastert. Das Haupthindernis ist Verblendung bezie-hungsweise Nichtwissen. Wir erleben Stille nicht, weil wir nicht wissen, daß sie existiert. Und auch wenn ich die Schwierigkeiten betone, ist es wichtig zu verstehen, daß Stille ein Zustand ist, der allen Menschen zugänglich ist. Sie ist nicht nur für die Einsiedler bestimmt, die hoch oben im Himâ1aya in Höhlen leben. Sie steht jedem zur Verfügung.
Der erste Teil der Reise besteht in der Übung des Atembewußtseins. Wenn Anfänger sich hinsetzen, um der Atmung zu folgen, dann nehmen sie typischerweise ungeheuer viel Lärm wahr, der ziemlich weit von der exquisiten Stille entfernt zu sein scheint, von der ich hier spreche. Die Tibeter haben für diese Phase der Praxis einen Ausdruck: "den kaskadenartig herabstürzenden Geist erreichen". Das klingt nicht gerade nach einer besonderen Errungenschaft. Sie nehmen wahr, daß sich Ihr Geist wie ein kaskadenartig herabstürzender Wasserfall verhält; er macht Lärm und fließt die ganze Zeit über.
Tatsache ist jedoch, das jedermanns Geist so beschaffen ist, nur wissen die meisten Menschen das nicht. Das zu sehen ist ein äußerst wichtiger Schritt. Unsere Welt wird sehr wahrscheinlich von Menschen regiert, denen nicht bewußt ist, daß ihr Geist wie ein Großstadtbahnhof unmittelbar nach Büroschluß ist. Ist es da etwa ein Wunder, daß sich unsere Welt in dem Zustand befindet, in dem sie sich nun einmal befinden?
Wir wundern uns nicht mehr über den Zustand, in dem sich die Welt befindet, sobald wir einmal unseren kaskadenartig herabstürzenden Geist gesehen haben und uns bewußt wird, wer in unserer Welt das Sagen hat. Wir müssen jedoch unserem Geist gegenüber nicht ungeduldig sein. Ungeduld hilft ohnehin nicht. Wenn Sie eine Weile still sitzen und ver suchen, mit Ihrer Aufmerksamkeit bei der Ein und Ausat mung zu bleiben, dann wird sich der Geist schließlich beru higen, und Sie werden Momente erleben, in denen der Atem seidig und weich ist und Sie einfach bei ihm bleiben können. Vielleicht nehmen Sie auch die Stille in der Pause zwischen den Atemzügen wahr. Das ist ein erster Geschmack der Stille, und vielleicht finden Sie sogar eine gewisse Erfrischung darin. Es ist eine Begegnung mit einer sehr reinen Art von Energie. Es wird noch so viel mehr kommen. Aber solche frühen kurzen Begeg nungen geben Ihnen das Vertrauen, weiterzumachen. Und im Umgang mit der Stille ist ein gewisses Maß an Vertrauen außerordentlich wichtig.
Wir können noch viel tiefere Arten von Stille erfahren, aber nicht, indem wir danach streben, sie zu erreichen. Sobald Sie einmal mit Hilfe der Samatha-Praxis eine gewisse Ruhe erreicht haben, ge-schieht der Weg in die Stille dadurch, daß Sie sich mit Ihrem Lärm anfreunden und ihn wirklich ken-nenlernen. Der größte Krachmacher ist Ihr Ego, Ihre Neigung, sich an Dinge als Ich oder Mein zu hef-ten. Das Ego weiß, daß es in der Welt der Stille nichts zu suchen hat, denn die Stille gehört nieman-dem. Da gibt es nichts, was es sich aneignen könnte. Die Stille ist dort, wo das Ego nicht ist.
Daher ist eine viel bessere Herangehensweise an tiefe Stille – wenn Sie bereit dafür sind – das nichtwählende Gewahrsein. Ein gewisses Maß an Stille ist durch Konzentration zu erreichen, aber es entsteht eine andere Qualität von Stille durch das Begreifen, das keine Stille schafft, sondern diejenige entdeckt, die bereits vorhanden ist. Eine solche Stille werden Sie wahrscheinlich eher während eines langen Retreats entdecken, wenn Ihr Geist eine längere Phase der Verlangsamung erlebt hat.
Sie sitzen mit dem Atem und erlauben allem, zu kommen und zu gehen – Gedanken, Gefühlen, Klängen, Empfindungen, geistigen und physischen Zuständen. Zunächst wird Ihre Aufmerksamkeit zwangsläufig Vorlieben aufweisen; Sie werden sie auf dieses oder jenes richten. Aber mit der Zeit wird jene Neigung wegfallen; ja, sogar der Atem wird nicht mehr besonders hervorgehoben, und Sie werden alles, was ist, auf eine vollkommen absichtslose Weise wahrnehmen. Sie werden mit ungeteilter Präsenz in einem Zustand vollkommener Empfänglichkeit sitzen. Sie sind nicht für oder gegen etwas von dem, was aufsteigt; Sie nehmen dem gegenüber einfach eine freundliche, interessierte und annehmende Haltung ein.
Wenn der Geist die Erlaubnis hat, auf diese Weise frei umherzustreifen, dann wird er schließlich seiner selbst müde. Schließlich sagt er ja doch immer und immer wieder dieselben Dinge. Er wird all des Lärms müde und beginnt, sich zu setzen. Wenn er das tut, dann stehen Sie an der Schwelle zur un-ermeßlich weiten Welt der Stille. Manchmal kommen bei Retreats Meditierende, die gerade in das Konzept des nichtwählenden Ge-wahrseins eingeführt worden sind, zu den Einzelgesprächen und sagen: "Es passiert nichts." Wir sind so sehr daran gewöhnt, daß Dinge in unserem Leben passieren, daß wir den Wert dieses "nichts" nicht kennen. Dieser erste Schritt in das Reich der Stille ist jedoch äußerst wertvoll. Es ist dann kein Be-dürfnis vorhanden, irgend etwas anderes zu tun, als einfach dabeizubleiben.
Es stimmt, daß wir an der Schwelle zur Stille häufig Angst erfahren. Es ist das Ego, das Angst hat. In der allumfassenden Aufmerksamkeit, die man dem nichtwählenden Gewahrsein widmet, steht das Ego nicht im Mittelpunkt, wo es hinzu gehören glaubt, und es beginnt sich zu fragen, wie es wohl in der Stille sein wird, wo es überhaupt nicht mehr dasein wird. Diese Angst ähnelt der Angst vor dem Tode, denn das Ein treten in die Stille ist ein vorläufiger Tod für das Ego. Die Große Stille wäre sein dauerhafter Tod. Es ist ganz natürlich, daß es davor Angst hat.
Wenn diese Angst hochkommt, muß sie kein Hindernis darstellen. Sie ist einfach nur ein weiterer Aspekt des Lärms. Ihre Begegnung mit jener Angst ist sehr wertvoll, und die Geschicktheit, die hier erforderlich ist, besteht einfach darin, dabeizubleiben. Mit der Zeit wird sie – wie jede andere Er scheinung – vergehen. Wenn sie es tut, dann bleibt Stille übrig.
In meiner eigenen Praxis und Lehrtätigkeit habe ich bemerkt, daß das Erreichen von Stille irgend-wie mit der Fähigkeit verbunden ist, mit Einsamkeit umzugehen und den Tod akzeptieren zu lernen. Insbesondere für das Ego sind diese beiden Dinge eng miteinander verbunden. Wir haben Angst davor, allein zu sein, und wir haben Angst vor dem Sterben; also erschaffen wir uns mit Hilfe unserer Gedanken Gesellschaft, und die hält uns davon ab, in die Stille zu gelangen.
Daher ist es für jemanden, der sich auf einem kontemplativen Weg befindet, hilfreich, eine Zeitlang mit dem Todesbewußtsein zu praktizieren. Abgesehen von dem Wert, den diese Praxis bereits für sich genommen besitzt, hilft sie uns, in das Reich der Stille einzutreten, das wir fürchten, weil es – wie der Tod – unbekannt ist. Tatsächlich ist dieses Reich jedoch ganz wunderbar; es ist eine immense Erleichterung, aber der Geist weiß das nicht. Wenn sich ein Meditierender dazu bereit fühlt, dann könnte es auch hilfreich sein, sich in eine längere private Klausur zu begeben, wo man tiefgreifende Einsamkeit erfährt. Sobald wir uns einmal mit unserer Einsamkeit angefreundet haben, wird uns Stille sehr viel leichter zugänglich sein.
In diesem Zusammenhang ist es vielleicht angebracht, daß ich eine recht persönliche Geschichte erzähle. Mein Vater ist vor kurzem nach langer Krankheit gestorben. Wir haben uns mein ganzes Le-ben lang nahegestanden, und ich mußte sehr viel Trauerarbeit leisten. Manchmal dachte ich, das ginge recht gut, zu anderen Zeiten ging es nicht so gut. Ich bin ein Mensch wie jeder andere und stelle in Bezug auf die Tendenz, zu leugnen, zu verdrängen, zu intellektualisieren und vor Dingen wegzulaufen, keine Ausnahme dar.
Ich habe seine Asche nach Newburyport in Massachusetts gebracht, wo ich häufig eigene Retreats durchführe, und habe sie über den Parker-Fluß in den Atlantischen Ozean (den er liebte) gestreut. An-schließend bin ich in das Haus gegangen, wo ich meine Retreats durchführe. Ich hatte bereits sehr viel mit meiner Trauer gesessen, aber auf einer anderen Ebene hatte ich anscheinend noch nicht einmal damit begonnen, denn an jenem Tag erlebte ich mehr Trauer, als mir menschenmöglich erschien.
Es hatte in meinem Trauerprozeß zuvor Elemente von Selbstmitleid sowie auch Elemente von Mit-leid für meinen Vater gegeben. Meine Ichbezogenheit war da und erlaubte es der Trauer nicht, voll-ständig aufzublühen. Aber jetzt war eine direkte Erfahrung von Trauer da, ohne jegliches Zurückhal-ten – ich drang über längere Zeit direkt in sie ein und erlebte wirkliche Nähe mit ihr. Schließlich endete die Trauer. Jenseits davon lag eine unglaubliche Stille. Ich habe an jenem Tag sehr viel über die Art und Weise gelernt, wie uns Elemente des Ich davon abhalten, vollständig zu fühlen, und darüber, was uns möglich ist, wenn wir sie loslassen. Ein anderer Ausdruck für eine solche Stille ist absolute Präsenz, die nur möglich ist, wenn das Ich vollkommen abwesend ist.
Meditierende fragen häufig, was sie tun sollen, wenn sie zur Stille gelangen. Typischerweise haben wir verschiedene Pläne. Manchmal haben wir im wesentlichen immer noch Angst vor der Stille; wir möchten einen flüchtigen Einblick in sie erhaschen und ihr dann wieder entkommen. Zu anderen Zei-ten sitzen wir voller Erwartung in der Stille und warten darauf, daß etwas passiert. Wir sehen die Stille als Tür zu etwas anderem an. Sie ist eine Tür zum Unbedingten, aber wenn wir versuchen, diese Tür zu benutzen, um dorthin zu gelangen, dann bleibt sie verschlossen.
[…]
Wenn wir zu sehr danach trachten, daß etwas Besonderes passiert, dann wird die Stille zusammen-brechen. Wir können sie auch dadurch zum Verschwinden bringen, daß wir sie zu einer persönlichen Erfahrung machen - sie benennen, sie abwägen, sie bewerten, sie mit anderen Erfahrungen verglei-chen, die wir gemacht haben, und uns fragen, was wir unseren Freunden über sie erzählen sollen oder wie wir sie in einem Gedicht zum Ausdruck bringen können. Wir sollten uns ihr statt dessen einfach überlassen. Erlauben Sie es ihr, dazusein. Das klingt so, als ob sie einfach Leere wäre, eine Pause vom wirklichen Leben, aber hier versagt die Sprache. Stille ist viel mehr als das.
Wir können nicht nach diesem Zustand verlangen. Wir alle werden lernen, frei zu sein, und der einzige Weg, das zu tun, besteht darin, zu sehen, auf welche Weise wir uns selbst versklaven. Gele-gentlich haben wir große Einsichten, aber häufiger sind es nur kleine. Momente der Sorge um uns selbst sind zu Momenten der Freiheit geworden, wenn wir in sie hinein, und durch sie hindurchsehen.

Dienstag, 10. März 2015

»Laßt euch nicht länger von den Hühnern beschämen.«

Als ich zum ersten Mal nach Thailand ging, um dort in den Waldklöstern zu üben, dachte ich, ich würde mich an einen ruhigen, idyllischen Ort begeben. Tatsächlich war es dort lauter als in den verkehrsreichsten Gegenden von Boston, hauptsächlich wegen der wilden Hühner. Sie sind sehr laut und machen fortwährend Radau. Dabei scheinen sie sich köstlich zu amüsieren.
Mein dortiger Lehrer, Ajahn Buddhadasa, mochte die Menschen aus dem Westen wirklich, aber es machte ihm auch Spaß, uns manchmal zu schelten. Er pflegte zu sagen:

„Schämt ihr euch nicht vor den Hühnern? Sie leiden nicht an Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen, noch bekommen sie Geschwüre. Sie sind frei von nervöser Anspannung und neurotischen Störungen. Menschen nehmen tonnenweise Medikamente zu sich, während die Hühner ohne sie auskommen. Und doch sind es die Hühner, die mit einem friedlichen Geist tief schlafen, Daß wir als Menschen geboren sind, gibt uns ein Recht darauf, neurotisch zu sein, aber ist das ein Segen oder ein Fluch? Bitte findet eine Methode im Dharma, wie die des Ânâpânasati, bevor es zu spät ist. Lebt glücklicher und laßt euch nicht länger von den Hühnern beschämen.“
Ajahn Buddhadasa, zit. nach Larry Rosenberg (in Mit jedem Atemzug, Arbor Verlag – Leseprobe)
Diese Freude kann nicht erzwungen werden; sie entsteht einfach, wenn die Bedingungen stimmen – so wie wenn eine Blume erblüht, wenn die entsprechenden Bedingungen gegeben sind. Zum Teil hat das mit der Tatsache zu tun, daß Sie Ihre Sorgen hinter sich gelassen haben, aber zu einem anderen Teil ist sie eine natürliche Eigenschaft eines gesammelten Geistes. Seinen Geist schnell und leicht sammeln zu können ist eine wundervolle Fähigkeit, die man üben kann.

Larry Rosenberg, Mit jedem Atemzug, Arbor Verlag
zum letzten Zitat siehe auch:

Du brauchst ihn nicht von weit her herbeizurufen; 
er kann es weniger erwarten als du, 
dass du ihm auftust. 
Es ist ein Zeitpunkt: 
Das Auftun und das Eingehen. 
Wo und wann Gott dich bereit findet, 
so muss er wirken und sich in dich ergiessen; 
in gleicher Weise, 
wie wenn die Luft klar und rein ist, 
die Sonne sich ergießen muss 
und sich nicht zurückhalten kann. 
Es wäre sicherlich ein sehr großer Mangel an Gott, 
würde er nicht große Werke in dir wirken 
und großes Gut in dich eingießen, 
wenn er dich so ledig und so frei findet. 
Es ist ein Augenblick: 
das Bereitsein und das Eingießen.

Sonntag, 8. März 2015

Das Fundament von Angstlosigkeit ist die Angst selbst.

Die Meditationsmeister im alten Indien beschrieben die Angst oft mit folgendem Bild: Wir befinden uns in einem nur schwach beleuchteter Raum, wo wir ein Seil auf dem Boden liegen sehen, das wir für eine Schlange halten. Genauso ist es oft mit unserer Angst. Sie beginnt mit einer falschen Wahrnehmung, und dann führt ein ängstlicher Gedanke zum nächsten. Die Praxis beginnt damit, klar zu sehen: Ein Seil ist ein Seil, und eine Schlange ist eine Schlange. Wenn wirklich ein Schlange im Raum ist, dann wäre Furcht eine durchaus angebrachte Reaktion. Aber vielfach geht es bei unseren Ängsten um Seile, die wir nie genau angesehen haben, und wir verbringen unser Leben damit, sie kontrollieren zu wollen, vor ihnen wegzurennen, sie zu verbergen, zu verdrängen, komplizierte begriffliche Erklärungen auszutüfteln.
Unsere gewöhnliche Reaktion auf Angst besteht darin, daß wir ein Schlachtfeld erzeugen. Unsere Angst steht auf Kriegsfuß mit unserer großen Sehnsucht, frei von ihr zu sein, und der Schauplatz der Schlacht sind Geist und Körper, wo dieser Prozeß stattfindet. Während der Schlacht verknoten wir uns und kehren unser Inneres nach außen. Das Ziel der Praxis liegt darin, diesen Prozeß offenzulegen und zu sehen, daß all seine Elemente ein Teil von uns sind: die Angst, der Wunsch davon frei zu sein, der Geist und der Körper, die Achtsamkeit, die alles beobachtet, das bewußte Atmen, das die Achtsamkeit unterstützt. Wir sitzen mit all dem, und all das ist eins.
Wenn Sie ein starkes Gefühl der Angst betrachten, kann es sein, daß Sie zuerst vor allem sehen, auf welchen Wegen Sie vor ihr flüchten. Auch das kann etwas sehr Wertvolles sein. Sie sehen, wie Sie verdrängen, unterdrücken, erklären, wegrennen, phantasieren. Sie betrachten diese Dinge vielleicht wieder und immer wieder, bis der Geist schließlich - weil Sie nicht länger darauf hereinfallen - müde wird. Dann eines Tages, und das können Sie nicht erzwingen, entsteht Angst und trifft auf Achtsamkeit, wird eins mit ihr und kann dadurch in ihrer vollen Gestalt erblühen, so wie sie es schon immer wollte.
„Die Welt besteht aus vielen blühenden Blumen in einem blühendem Universum“, pflegte ein Zen-Meister zu sagen. Das klingt zuckersüß und sentimental, aber so hat er es nicht gemeint. Er zählte auch Angst, Zorn, Einsamkeit, Haß und Neid zu den blühenden Blumen. Das ist das, was alle Erscheinungen wollen, sie wollen die Erlaubnis haben, zu erscheinen und zu ihrer eigenen Zeit wieder zu verschwinden.
Wenn wir dieses Erblühen verhindern, indem wir die Angst ignorieren oder unterdrücken, dann bleibt sie und drückt uns nieder, weil so viel Energie darauf verwendet werden muß, sie fernzuhalten. Wenn wir sie aber erblühen lassen, dann kann sie leben und wieder verschwinden. Dann behalten wir all die Energie, die wir sonst für die Flucht oder den Kampf mit ihr verbraucht hätten. Uns bleibt auch die Energie der Angst selbst erhalten. Wir gewinnen sehr viel Energie, wenn wir die Dinge einfach geschehen lassen.
Das Fundament von Angstlosigkeit ist die Angst selbst.
Um furchtlos werden zu können, müssen Sie mitten in Ihrer Angst stehen. Wir sollten keiner Angstlosigkeit trauen, die dies nicht als Grundlage hat. Der Anfang der Angstlosigkeit ist, daß Sie Ihre Angst sehen und sie sich eingestehen. Geben Sie zu, daß Sie Angst haben, und haben Sie dann den enormen Mut – und die Demut –, diese Angst zu erforschen. Das kann ein langer Prozeß sein.
In unserer Übung gehen wir – wie in unserem Leben – oft von der Meinung aus, Meditation sollte aus einer stets warmen, erfüllenden Erfahrung bestehen. Ständig sollten Verzückung und Glückseligkeit in uns herrschen und ein warmer Glanz auf unserem spirituell und erfüllt anmutenden Gesicht liegen. Es ist ganz natürlich, daß wir uns diese Dinge wünschen, aber sie werden leicht zu einer Falle. Dann stolziert man umher, zeigt eine Fassade und leugnet tatsächlich seine wahren Gefühle.
Wenn Sie todunglücklich sind und wirklich bei ihrem Unglücklichsein sind, dann entspricht das mehr dem, worum es hier geht, als wenn Sie vor Glück strahlen und innerlich taub sind. Ersteres ist die echtere Praxis. Achtsamkeit führt nicht dazu, daß Sie unablässig glücklich sind. Wenn Sie Angst oder blankes Entsetzen erleben – und niemand möchte diese Gefühle erfahren –, dann empfinden Sie eine bestimmte Art der Befriedigung, wenn Sie wirklich dabeibleiben. Es ist nicht gerade das Gefühl, daß Sie damit etwas erreichen. Sie leben einfach nur Ihr Leben, so wie es jetzt gerade ist.
Das ist mit „die geistigen Aktivitäten zur Ruhe kommen lassen“ gemeint. Ein Gefühl, und sei es ein so starkes wie Angst, entsteht, und Sie bleiben bei dem Gefühl, indem Sie das Atembewußtsein zu Hilfe nehmen – Sie bleiben dabei, Sie bleiben dabei. Sie lassen es einfach sein. Bewußtes Atmen und die Achtsamkeit nehmen dem Gefühl seine Macht, so daß es Ihren Geist nicht mehr dazu bringen kann, hysterisch zu reagieren. Unsere Gefühle verlieren das Potential, uns in diese unweisen Geisteszustände hineinzuschleudern.

Die definitive Aussage Buddhas über die Gefühle ist: „Der Erleuchtete hat Freiheit gefunden und wurde von allem Anhaften befreit, indem er betrachtete, wie die Gefühle sich wirklich verhalten, daß sie kommen und gehen. Er erfuhr den Genuß, den sie bereiten, die Gefahr, die von ihnen ausgeht, und die Erlösung von ihnen.“
[aus: Larry Rosenberg, Mit jedem AtemzugArbor Verlag, Freiamt 2007, 2. Aufl. S. 114f.]
Zitat:
»Der Punkt, wo sich gewöhnlich das Konzept von Erfolg und Mißerfolg und damit etwas Zwanghaftes in die Übung einschleicht, liegt in der Aufgabe, beim Atem zu bleiben. Aus dieser Aufforderung machen wir ein Drama von Erfolg und Mißerfolg: Wir sind erfolgreich, wenn wir beim Atem bleiben können, wir versagen, wenn wir nicht dabei bleiben können. In Wahrheit besteht die Meditation in dem gesamten Ablauf: mit dem Atem sein, abschweifen, sehen, daß wir abgeschweift sind, sanft zum Atem zurückkehren. Es ist außerordentlich wichtig, daß wir zurückkommen, ohne uns selbst Vorwürfe zu machen, uns zu verurteilen oder ein Gefühl des Versagens aufkommen zu lassen. Wenn Sie während einer Sitzperiode innerhalb von fünf Minuten tausendmal zum Atem zurückkehren müssen, dann tun Sie es einfach. Das ist kein Problem, es sei denn, Sie machen eines daraus.«

"Wenn Dein Herz wandert oder leidet, bring es behutsam an seinen Platz zurück und versetze es sanft in die Gegenwart Deines Herrn. Und selbst, wenn Du in Deinem Leben nichts getan hast außer Dein Herz zurückzubringen und wieder in die Gegenwart unseres Gottes zu versetzen, obwohl es jedes mal wieder fortlief, nachdem Du es zurückgeholt hattest, dann hast Du Dein Leben wohl erfüllt."  (Franz von Sales)

Sonntag, 1. März 2015

Projektive Identifizierung

Manchmal löst ein anderer immer wieder dasselbe Gefühl in uns aus: Wir fühlen uns im Kontakt mit ihm hilflos, wütend, ohnmächtig oder schuldig. Kleine Kinder können uns “wütend machen”, wenn sie selbst wütend sind. Patienten in der Psychoanalyse, denen noch die Worte für Erlebtes und innere Nöte fehlen, “machen”, dass der Therapeut sich plötzlich so (traurig, neidisch, verzweifelt, stark) fühlt, wie sich selbst unbewusst fühlen. Wenn der andere “macht”, dass ich mich so fühle, wie er, dann spricht man von “Projektiver Identifizierung”. Der andere “legt” dann sein Gefühl, seine Eigenschaft oder Phantasie “in mich hinein”. (Text: © Dunja Voos, Bild: © Water-Joy, Pixelio)
mehr:
- Projektive Identifizierung (Dunja Voos, Medizin im Text)

“Andere Personen werden durch Manipulation dazu gebracht, sich so zu fühlen, wie man sich selbst fühlt.” (“Psychosomatische Medizin und Psychotherapie”, Kohlhammer 2004)

Samstag, 28. Februar 2015

Hass: »Die Deutschen sind keine Menschen«

Eine der wichtigsten Erklärungen für die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen darf nicht – etwa aus Gründen der „political correctness“ – unterdrückt werden: Zu erinnern ist an die unheilvolle Rolle von Ilja Ehrenburg, dem damaligen Chefpropagandisten der Roten Armee.
Ilja Ehrenburg war, wie die englische Autorin Catherine Merridale in ihrem Buch „Iwans Krieg. Die Rote Armee 1939–1945“ schreibt, „der Organisator von Stalins Propagandakrieg“. Ehrenburg schrieb allein rund 1500 Artikel an die Adresse der russischen Soldaten, meist in der Soldatenzeitung „Roter Stern“. Der Einfluss von Ehrenburgs Appellen auf die Stimmung und das Gefühl der russischen Soldaten kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Eine Soldatin aus dem Hauptquartier der 1. Weißrussischen Front bekundete: „Wir standen unter dem starken Einfluss von Ehrenburgs Appellen, und wir hatten viele Gründe für Vergeltung“ (Antony Beevor).
Nun dient jede Kriegspropaganda dazu, die eigenen Soldaten zum Kämpfen zu motivieren, ja anzustacheln – auf deutscher Seite war der Demagoge Joseph Goebbels dafür ein schlimmes Beispiel. Ich erinnere mich noch, damals ein Kind, wie Goebbels im Radio schrie: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Die Besonderheit der ehrenburgschen Kriegspropaganda, also seiner – wie er in seinen Erinnerungen selber schreibt – „richtigen Worte an die sowjetischen Soldaten“, liegt jedoch darin, dass die von ihm verfassten Artikel und Flugblätter von einem selbst für Kriegszeiten ungewöhnlichen Hass geprägt waren, und zwar – das ist wichtig – nicht nur von einem Hass auf die Nationalsozialisten („Faschisten“) und auf die deutschen Soldaten, was verständlich gewesen wäre, sondern auf „die Deutschen“, also auf alle Deutschen. Ehrenburgs Hass ging so weit, dass er den Deutschen (also nicht nur den Faschisten und den deutschen Soldaten) das Menschsein absprach. In der Soldatenzeitung „Krasnaja Swesda“ („Roter Stern“) lasen die russischen Soldaten Ehrenburgs Hass-tiraden: „Die Deutschen sind keine Menschen. Von jetzt ab ist das Wort ,Deutscher‘ für uns der allerschlimmste Fluch. Von jetzt ab bringt das Wort ,Deutscher‘ ein Gewehr zur Entladung. Wir werden nicht sprechen. Wir werden uns nicht aufregen. Wir werden töten. Wenn du nicht im Lauf eines Tages wenigstens einen Deutschen getötet hast, so ist es für dich ein verlorener Tag gewesen … Wenn du einen Deutschen getötet hast, so töte einen zweiten – für uns gibt es nichts Lustigeres als deutsche Leichen. Zähle nicht die Tage. Zähle nicht die Kilometer. Zähle nur eines: die von dir getöteten Deutschen“ (Alfred M. de Zayas).

mehr:
- »Die Deutschen sind keine Menschen« (Ingo von Münch, Preußische Allgemeine Zeitung, 09.04.2013)

Über das Ausmaß der sexuellen Übergriffe durch Soldaten der Roten Armee während ihres Vormarsches auf deutschem Territorium lässt sich nur spekulieren, da keine auch nur annähernd gesicherten Befunde dazu vorliegen.[32] Der Statistiker Gerhard Reichling schätzte, dass bis zu zwei Millionen deutsche Frauen und Mädchen während des Vormarsches bis Berlin von Männern der Roten Armee vergewaltigt worden seien, davon 1,4 Mio in den Vertreibungsgebieten Ostpreußen, Ostpommern, Ostbrandenburg und Schlesien, 500.000 in der sowjetischen Besatzungszone und 100.000 Frauen in Berlin. Bei 12 Prozent der vergewaltigten Frauen habe die erlittene sexuelle Gewalt zum Tod geführt.[33] Historiker wie Norman M. Naimark gehen von Zehntausenden, wahrscheinlicher sogar Hunderttausenden und möglicherweise bis zu zwei Millionen Opfern aus.[34] Catherine Merridale schätzt „Zehn-, höchstwahrscheinlich sogar Hunderttausende deutscher Frauen und Mädchen“ als Opfer.[35]
 (Wikipedia, Sowjetische Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg, Zivile Opfer, Vergewaltigungen)

Freitag, 27. Februar 2015

Eine lebenslange Suche – Die Geschichte einer Unwillkommenen

Ihr Leben lang suchte Ursula von Arx die Liebe ihrer Mutter – und den Namen ihres Vaters. Die Geschichte einer Unwillkommenen.
mehr:
- Die Dame in Schwarz (Erwin Koch (Protokoll), Süddeutsche Zeitung Magazin, 45/2014)
ie anfangen?
Mit dem Mann, der mich zeugte, Myran Meyer, und nie erfuhr, dass ich bin?
Mit der Frau, die mich gebar, Marianne von Arx?
Oder, gleichsam zum Trost, mit einer Phrase? – Das Leben ist kein Wunsch-konzert.

Sie liebten sich, Myran und Marianne, er Lehrer, sie Schneiderin, Anfang 1945.
Ja, ich denke, sie liebten sich.
Denn als ich, zehn Jahre nach Vaters Tod, im August 2012, seinen besten Freund fragte, ob er, Myran, der nie geheiratet hatte, ihm je von einer großen Liebe erzählt habe, gestand der Freund, einmal nur habe mein Vater, längst greis, von einer Frau gesprochen, einer Schneiderin aus Zug, begehrt und verloren, schön wie keine.
Und sonst?
Nichts.
Ich hoffe, sie liebten sich, Myran Meyer und Marianne von Arx, als sie mich machten.
Hier mein Geburtsschein –
Am zweiten November tausend neun hundert fünfundvierzig um elf Uhr fünfzehn Minuten ist geboren worden zu Zürich, In der Hub 34: von Arx, Ursula Verena, Tochter der von Arx, Maria Anna, geboren 7. Oktober 1922, von Kerns, Kanton Obwalden, wohnhaft in Zürich. Auszug aus dem Geburtsregister des Zivilstandskreises Zürich. Aus Band VI, Seite 11, Nr. 6477 des Jahres 1945.




Mittwoch, 25. Februar 2015

Das posttraumatische Stress-Syndrom

Das posttraumatische Stress-Syndrom setzt den neuralen Sollwert für Alarm in gefährlicher Weise herab, so daß der Betroffene auf normale Lebensvorgänge in einer Weise reagiert, als wären es Notfälle. Daran, daß ein so übermächtiges Brandmal in der Erinnerung zurückbleibt, scheint die im zweiten Kapitel besprochene »Entgleisungs«-schaltung beteiligt zu sein. Je brutaler, schockierender und grauenvoller die Ereignisse, welche die Entgleisung des Mandelkerns auslösen, desto unauslöschlicher ist die Erinnerung. Die neurale Grundlage dieser Erinnerungen besteht anscheinend in einer umfassenden Veränderung in der Chemie des Gehirns, in Gang gesetzt durch einen einzigen Fall von überwältigendem Grauen. Zwar beruhen die PTSD-Befunde in der Regel auf der Wirkung eines einzigen Erlebnisses, doch können ähnliche Folgen auf Grausamkeiten zurückgehen, die über eine Spanne von mehreren Jahren erlitten wurden, wie im Falle von Kindern, die sexuell, physisch oder emotional mißhandelt werden.


Am eingehendsten erforscht man diese Gehirnveränderungen am National Center for Post-TraumaticStress Disorder, einem Netz von Forschungsstätten in den Krankenhäusern der Veterans Administration, wo es unter den Veteranen von Vietnam und anderen Kriegen viele gibt, die an PTSD leiden; unsere Erkenntnisse über PTSD beruhen überwiegend auf Studien an Veteranen. Sie lassen sich aber auch auf Kinder wie die von der Cleveland School übertragen, die schwere emotionale Traumata erlitten haben.

»Wer Opfer eines verheerenden Traumas geworden ist, ist biologisch nicht mehr derselbe wie vorher«, erklärte mir Dr. Dennis Charney. Charney, ein Yale-Psychiater, ist Direktor der klinischen Neurowissenschaft am National Center. »Ob es der endlose Schrecken des Gefechts war, ob Folterung oder wiederholte Mißhandlung in der Kindheit oder ein einmaliges Erlebnis wie etwa, daß man in einem Hurrikan gefangensaß oder bei einem Autounfall beinahe gestorben wäre, spielt keine Rolle. Jeder unkontrollierbare Stress kann dieselbe biologische Wirkung haben.«

Das entscheidende Wort ist »unkontrollierbar«. Wenn man in einer Katastrophensituation etwas tun, eine gewisse, noch so geringe Kontrolle ausüben kann, geht es einem emotional weit besser, als wenn man völlig hilflos ist. Es liegt an der Hilflosigkeit, wenn man sich von einem Ereignis subjektiv überwältigt fühlt. Dr. John Krystal, Direktor des Laboratoriums für klinische Psychopharmakologie am National Center, erklärte mir: »Angenommen, jemand wird mit einem Messer angegriffen, weiß sich aber zu verteidigen und tut etwas, während ein anderer in derselben Situation denkt: ›jetzt ist es aus mit mir‹. Der Hilflose ist hinterher anfälliger für PTSD. Man hat das Gefühl, daß das eigene Leben in Gefahr ist und man nichts tun kann, um ihr zu entrinnen – in diesem Moment setzt die Veränderung des Gehirns ein.«

Daß PTSD vor allem durch Hilflosigkeit ausgelöst wird, wurde in Laborversuchen mit Ratten gezeigt. Zwei Ratten sitzen in getrennten Käfigen und erhalten schwache, für Ratten aber sehr belastende Elektroschocks von gleicher Stärke. Nur in einem Käfig befindet sich ein Hebel; wird er von der Ratte gedrückt, hört der Schock für beide Ratten auf. Tage- und wochenlang erhalten beide genau die gleiche Menge an Schocks. Doch die Ratte, die sie ausschalten kann, kommt ohne bleibende Zeichen von Stress durch. Nur bei der hilflosen treten die stressbedingten Gehirnveränderungen auf. Für ein Kind, das auf einem Schulhof beschossen wird und ansehen muß, wie seine Kameraden bluten und sterben, oder für einen Lehrer, der das miterlebt und das Blutbad nicht stoppen kann, war diese Hilflosigkeit sicher mit Händen zu greifen.

aus Goleman, Emotionale Intelligenz, dtv, 1997, S. 256ff.
siehe auch:
-  Posttraumatische Belastungsstörungen: Mit komplexer komorbider Symptomatik (Sonnenmoser, Deutsches Ärzteblatt, PP3, Oktober 2004) 
- 35 Jahre Vietnam: Vom Umgang mit dem Trauma (Neumeister, Czermak, Springer-Medizin.at, 21.12.2009); daraus:
A. Neumeister, C. Czermak,  Vereinfachtes neurobiologisches Modell der Informationsverarbeitung bei der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). [Quelle: 35 Jahre Vietnam: Vom Umgang mit dem Trauma, Springer Medizin]
Die Information über ein traumatisches Ereignis gelangt, wie jede sensorische Information primär zum Thalamus. Von dort wird sie über eine direkte, schnelle Verbindung an limbische Strukturen, wie den Mandelkern weitergeleitet. Dies ermöglicht schnelle vegetative und hormonelle Reaktionen („Stressantwort“). Ein weiterer Verarbeitungsweg führt zum präfrontalen Kortex, wo eine differenziertere kognitive Verarbeitung möglich ist. Der präfrontale Kortex kann nun bei Bedarf die Aktivität des Mandelkerns und damit die Stressantwort hemmen, zum Beispiel wenn die Natur eines Ereignisses als ungefährlich eingestuft wird. Man nimmt an, dass im Rahmen der Symptomatik einer PTBS diese hemmende Funktion beeinträchtigt ist (gelber Blitz), sodass die Erfahrung Trauma-assoziierter Reize zu schnellen und überschießenden Stressreaktionen führen kann. Weiters kommt es zu einer Veränderung im physiologischen Zusammenwirken zwischen Mandelkern und Hippocampus (gelber Blitz) und damit zu Beeinträchtigungen in den Gedächtnisfunktionen.
Quelle: Research: Causes of ME / CFS / FIBROMYALGIA / MCS (The Gupta Programme)
- Epigenetik: Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Gene (Post, 28.02.2016)
- Simulierte Angstreaktion – Kontext wichtig (Post, 25.05.2001)
- Post Traumatic Stress Disorder: What Happens in the Brain? (Howard, Crandall, Washington Academy of Sciences, 2007, PDF)
-  Posttraumatic stress disorder: a theoretical model of the hyperarousal subtype (Weston, Frontiers in Psychiatry, 04.04.2014) 
- Impacts of child abuse on physiology of brain (Adults surviving child abuse, Datum und Verfasser unbekannt)
- PTSD, the Hippocampus, and the Amygdala – How Trauma Changes the Brain (Ruth Buczynski, National Institute for the Clinical Application of Behavioral Medicine, Datum unbekannt)
- 21.3.4 Das neurobiologische Paradigma (in: Boll-Blatt, Kohrs, Praxis der psychodynamischen Psychotherapie, Grundlagen – Modelle – Konzepte, Schattauer, 2014, S. 391 f., GoogleBooks)


übererregte Amygdala bei einem PTSD-Patienten im Kernspin
(Quelle: PTSD & Our Reptilian Brain: Reid Lyon’s Neurological Research,
Loana Hoylman, The VVA Veteran Online, September/October 2013)
Zitat aus dem Hoylman-Artikel:
The amygdala is a tiny part of the brain that registers and communicates fear, as well as reward and other basic survival needs. We have two amygdalae: left and right. They perform a primary role in processing memory and emotional reactions. Our senses of sight, hearing, taste, smell, and touch feed information into the amygdalae, as well as other structures.

The more emotionally arousing the experience, the more the amygdala is activated, and the more firmly the memory will be seated. Because sensory information is being fed into the amygdala and the rest of the limbic system, all kinds of information is being registered.

If you heard a certain sound right before you had a car wreck, the next time you hear that sound your brain will trigger a defensive response. This effect can be lessened over time by long-term potentiation, a complex system of fostering re-formation of signaling between neurons.

Then there is the hypothalamus, a structure deep in the brain that helps the body regulate basic functions essential for survival. It controls body temperature, hunger, and thirst. Amazingly, its neurochemistry plays important roles in parenting and attachment behaviors, sexual behavior and satisfaction, sleep, anger, and aggressive behavior. It regulates the functioning of the pulse, blood pressure, breathing, and arousal in response to emotional circumstances. It releases stress hormones—such as cortisol—to alert us to instant danger and the need for survival. The hypothalamus is always working to get you back to balance, returning your brain and the rest of your body to homeostasis; that is, it tries to regulate your internal systems to keep you stable and settled.
Amygdala [Quelle: Zâmbetul și Amygdala (nucleul amygdalian), 30.9.2014]

Amygdala - Emotionen und Experimente [11:58]

Veröffentlicht am 13.10.2013

Manfred Spitzer: Entscheidungen im Ausnahmezustand -- Was unser Gehirn kann und was nicht [50:19]

Veröffentlicht am 16.07.2014
Überlastung mit Informationen, Dauerstress, Multitasking? Dies sind nur drei Stichworte, die heute unseren ganz normalen Alltag beschreiben. Sind wir dem überhaupt gewachsen? Was kann unser Gehirn leisten und was kann es nicht leisten? Ausgehend von neuen
Erkenntnissen aus der Grundlagenforschung zu menschlicher Kommunikation, zu Stress und zur Informationsverarbeitung im Gehirn wird den praktischen Konsequenzen aus diesen Einsichten für die Alltagspraxis nachgegangen -- mit zum Teil sehr überraschenden Ergebnissen: Menschen sind einerseits weitaus
besser als ihr Ruf, können andererseits jedoch in mancherlei Hinsicht deutlich weniger als ökonomische Entscheidungsträger annehmen.

Planet Wissen - Wie Meditation das Gehirn umbaut [58:22]

Veröffentlicht am 16.02.2015
02.01.15

Oft sind unsere Gedanken nicht bei dem, was wir gerade tun - oder wir hängen in Gedankenspiralen fest, können nicht abschalten, selbst wenn wir wollen. Meditation hilft, gelassener zu werden, den Geist zu beruhigen und im Hier und Jetzt zu leben - sogar anhaltend! Denn regelmäßiges Meditieren verändert das Gehirn, hat die Psychologin und Hirnforscherin Dr. Britta Hölzel herausgefunden. So lassen sich Stress, Depressionen, Angststörungen und sogar Schmerzen besser bewältigen und Menschen werden empathischer. Dr. Britta Hölzel "Meditation hilft uns, ein glücklicheres und erfüllteres Leben zu führen", davon ist die Psychologin Dr. Britta Hölzel überzeugt. Auf einer Indienreise nach dem Abitur entdeckt sie Yoga und Meditation für sich; seitdem lässt das Thema sie nicht mehr los. Sie meditiert täglich und untersucht als Wissenschaftlerin, wie Meditation auf das menschliche Gehirn wirkt. Ihr Ziel: Meditation aus der Räucherstäbchen- und Esoterikecke holen und die positiven Effekte durch handfeste Beweise wissenschaftlich belegen. Britta Hölzel lebt in München und hat dort ein "Zentrum für Achtsamkeit" initiiert.

Link-Tipps

Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion MBSR ist ein wissenschaftlich erforschtes Programm zur Stressbewältigung, das in den 1970er Jahren von dem Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn entwickelt wurde. Die Abkürzung steht für Mindfulness-Based Stress Reduction, zu deutsch: Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion. Die Seite des MBSR-MBCT-Verbandes informiert über das Konzept und bietet die Möglichkeit, nach Kursen und qualifizierten Lehrenden zu suchen.  http://www.mbsr-verband.de
Achtsamkeit in der Schule Vera Kaltwasser ist Lehrerin an einem Gymnasium in Frankfurt und Trainerin für QiGong und Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR). Sie hat ein Konzept entwickelt, mit dem Achtsamkeitsübungen in den normalen Schulalltag integriert werden können. Infos dazu und weiterführende Links gibt es auf ihrer Homepage.  http://www.vera-kaltwasser.de
Achtsamkeit in München Das Zentrum für Achtsamkeit ist ein Netzwerk von anerkannten Achtsamkeits- Kursleitern und bietet in München und Umgebung Kurse zur Kultivierung von Achtsamkeit und Mitgefühl im Alltag an.  http://www.center-for-mindfulness.de

Literatur

Dr. Britta Hölzel
Die große Achtsamkeitsbox
5W-Verlag 2012
ASIN: 3942177153

Dr. Britta Hölzel
Achtsam schwanger, angstfrei entbinden
5W-Verlag, Oktober 2014

Vera Kaltwasser
Achtsamkeit in der Schule. Stille-Inseln im Unterricht: Entspannung und Konzentration
Beltz-Verlag 2013
ISBN: 978-3407626318

Dr. Ulrike Anderssen-Reuster
Achtsamkeit. Das Praxisbuch für mehr Gelassenheit
Trias-Verlag 2013
ISBN: 978-3-8304-6651-2


zuletzt aktualisiert am 01.06.2016