Donnerstag, 13. Juni 2013

Die Seele als Maschine, der Therapeut als Klempner: Das AOK - Behandlungsprogramm Depression und Burn - out

Burn-out ist in aller Munde. Und wenn etwas in aller Munde ist, dann gibt es das natürlich auch. Vor einigen Jahren haben die Psychotherapeuten versucht, den Begriff »Hysterie« durch »histrionisch« zu ersetzen, weil der Hysterie-Begriff negative Assoziationen wecke. Dazu der bekannten Psychiater Stavros Mentzos:

Hysterie stammt aus dem griechischen Wort hystera (= Gebärmutter). In der Antike glaubte man vielfach, dass die hysterischen Symptome mit einer Austrocknung der Gebärmutter in Zusammenhang stehen. Aber auch unabhängig davon brachte man bis zum 18. Jahrhundert das Hysterische (was man nur bei den Frauen zu erkennen glaubte) mit der Gebärmutter in Zusammenhang. In der naturwissenschaftlichen Medizin des 19. Jahrhunderts wurden solche Vorstellungen obsolet, man glaubte nun zu wissen, die Hysterie sei eine neurologische Erkrankung. Erst um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde in der Psychoanalyse durch die psychogenetischen Studien Freuds die Dynamik des Leidens entdeckt. Die Termini »Hysterie« oder »hysterische Neurose« waren noch bis in die 1960er Jahre nicht nur innerhalb der Psychoanalyse, sondern auch in vielen psychiatrischen Lehrbüchern eine gelegentlich benutzte diagnostische Kategorie, obwohl der Terminus »hysterisch« oft durch »psychogen« ersetzt wurde und obwohl schon nach dem Ersten Weltkrieg die »Hysterie« bei den Psychiatern zunehmend in Misskredit geraten war (vgl. Mentzos, 1980/2004), und zwar deswegen, weil inzwischen Hysterie auch bei Männern häufiger zu beobachten war (etwa als »Zitterer-Syndrom« bei den Soldaten) – eine für die Männer unangenehme Feststellung.


Das Wort stammt ursprünglich aus dem griechischen oistros, was eigentlich »Brunst« bedeutet. Aus dem griechischen oistros ist schon vor längerer Zeit das Wort »Östrogen« abgeleitet worden. Der Versuch also, das Hysterische vom Weiblichen (hystera = Gebärmutter) abzukoppeln – dies war einer der Gründe der Umbenennung –, ist misslungen. In dem Bemühen, von der Gebärmutter wegzukommen, geriet man zu den weiblichen Hormonen! Diese terminologische Panne ist offenbar in der internationalen Literatur noch nicht bemerkt worden.
Stavros Mentzos, Lehrbuch der Psychodynamik, S. 164, Fußnote



Es geht hier nicht um Hysterie, sondern um Sprache, deren Verwendung und Funktion. Man hat den Hysterie-Begriff abzuschaffen versucht, weil er unangenehme Assoziationen weckt. An diesem Begriff läßt sich sehr gut festmachen, wie der erst einmal gutgemeinte Versuch der Begriffs-Vermeidung zum Rohrkrepierer wird.

Wer eine Depression hat, kriegt bestimmte Dinge nicht mehr auf die Reihe und ist psychisch erkrankt. Umgangssprachlich hat der psychisch Erkrankte einen an der Waffel. Das ist doppelt kränkend, da zur psychischen Erkrankung die gesellschaftliche Stigmatisierung hinzukommt. Wenn der Depressive aber vorher malocht hat wie ein Blöder oder gemobbt worden ist oder vom Arbeitgeber behandelt und dann weggeworfen wurde wie ein Putzlappen, dann ist das nicht mehr so schlimm, weil dann entweder gesellschaftlich akzeptierte Persönlichkeitsanteile (wie blöde arbeiten) oder gesellschaftlich gemeinsam als moralisch verwerflich empfundene Vorgänge (Ausbeutung) am Ausbruch einer psychischen Störung beteiligt sind. 

Das Ersetzen des Begriffs »Depression« durch »Burn-Out« impliziert einen gesellschaftlich akzeptierten Auslöser für die psychische Erkrankung der Depression. (Jede Neurose hat einen Auslöser!) Es ist also gesellschaftlich weniger stigmatisierend, unter einem Burn-Out zu leiden als unter einer Depression. Über Depressionen, Eßstörungen, Zwangsstörungen, Borderline-Störungen (jede Menge Störungen – wieder so ein stigmatisierender Begriff) berichtet die Bild-Zeitung – es sei denn es handelt sich um bekannte Fußballer oder Skispringer – nicht. (Wer sich intensiver für den Burn-out-Begriff interessiert, sollte nach »burn out gibt es nicht« googeln.)

Je häufiger aber in den Zeitungen über psychische Erkrankungen berichtet wird, desto größer ist die Gefahr, daß über die Versorgungssituation der psychisch Erkrankten berichtet wird. Und dann kommen Fakten auf den Tisch wie die Wartezeiten auf eine Behandlung, das Einkommen oder das Durchschnittsalter deutscher Psychotherapeuten. Alles Dinge, die geneigt sind, die verzweifelten Versuche der Standortsicherung Deutschland durch Deckelung der Kosten im Gesundheitswesen infrage zu stellen.

Aus diesem Grund ist Vorwärtsverteidigung angesagt. Vor wenigen Wochen gab es einen Vorschlag der Techniker Krankenkasse, die Zahl der Kurzzeitpsychotherapie-Stunden von 25 auf 15 Stunden zu verringern. Damit hätte sich auf einen Schlag die Zahl der gesamtgesellschaftlich zur Verfügung stehenden Kurzzeitpsychotherapie-Stunden um 40 Prozent erhöht. (Ich bin gespannt, wie sich der TK-Vorschlag entwickeln wird.) Ein anderer Versuch der Mängel-Verwaltung ist das durch die AOK aufgelegte »Behandlungsprogramm Depression und Burn-out«.

Die in diesem Programm ausgelobte »Stabilisierungspauschale« besagt, dass der innerhalb dieses Vertrags behandelnde Psychotherapeut dann 50 Euro zusätzlich bekommt, wenn er die Behandlung innerhalb von maximal zehn Behandlungseinheiten (incl. der Erst- und Vorgespräche) abschließt und am Ende dieser Ultrakurzzeitbehandlung der davor wegen Depressionen krankgeschriebene Patient in den folgenden sechs Monate mit dieser Diagnose nicht erneut arbeitsunfähig sowie nicht erneut psychotherapeutisch behandelt wird.

Dieses ganze AOK-Behandlungsprogramm sagt viel über die Sichtweise und die Kompetenz der AOK-Bosse aus: Eine Maschine hat eine Störung, und der Spezialist dreht an einigen Schräubchen oder Rädchen, und wenn er das gekonnt und schnell auf die Reihe kriegt, erhält er 50 Euro. (Übrigens gibt’s das Programm und das Geld nur für arbeitende AOK-Mitglieder, also zum Beispiel nicht für HARTZ-IV-Empfänger.) Das Programm beinhaltet, daß die Psychotherapeuten ein wenig mehr arbeiten (drei Stunden in der Woche zusätzlich) und dann ein signifikanter Teil der Patienten nach zehn Wochen wieder zu arbeiten imstande ist. Ich erspare sowohl mir auch dem Leser eine genauere Darlegung, wie nach Meinung der AOK-Oberen die Seele funktioniert und was wir Psychotherapeuten tun. (Ich habe zum Beispiel einen Patienten mit »Burn-out«, der drei Jahre lang von seinem Vorgesetzten gemobbt wurde, bis er in die Knie ging. Dieser Patient konnte nach 20 Stunden Therapie etwas mit dem Begriff »Gefühle« anfangen.)

Wir sind in unserem real existierenden Raubtierkapitalismus mit seinen Rettungsschirmen, der Globalisierung, der Dauerarbeitslosigkeit, der Alternativlosigkeit und der Flickschusterei im Gesundheitswesen nach der Privatisierungswelle jetzt bei der Mechanisierung der Psychotherapie angekommen. Vor wenigen Jahren hat einer meiner Standesvertreter in der Kassenärztlichen Bundesvereinigung Psychotherapie mit Nahrungsergänzungsmitteln wie Vitamin-Präparaten verglichen. Jetzt glaubt die Chef-Etage der größten deutschen Krankenkasse, es wäre möglich, einen an einer Depression Erkrankten binnen zehn Stunden wieder zurecht zu therapieren, damit er weiter arbeiten kann. Da frage ich mich, was die Leute denn glauben, was ich den ganzen Tag hier tue: dumm rum labern, bis bei dem, der einen an der Waffel hat, endlich der Groschen fällt? Diese weitverbreitete Ignoranz und Dummheit empfinde ich als extrem ärgerlich.


Ein Leserbrief des Kollegen Daiger aus Oldenburg im Deutschen Ärzteblatt:

Leserbrief zum Thema: „Schnelle Hilfen. Neue Wege bei der Behandlung von Depressions- und Burnout-Patienten“ – Niedersächsisches Ärzteblatt, April 2013, S. 35-37

Ich habe an der Präsenzschulung des AOK-Behandlungsprogramms „Depression und Burnout“ am 24.05.2013 in Oldenburg teilgenommen. Obwohl der Vertrag zwischen KVN und AOKN mit Unterstützung des Deutschen Hausärzteverbandes - Landesverbände Niedersachsen und Braunschweig – sowie dem Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN) angesichts der Zunahme von psychischen Erkrankungen sowie langer Wartezeiten bei Nervenärzten und Psychotherapeuten sicherlich sinnvoll ist, ist der Vertrag aus meiner Sicht unbefriedigend. Ich möchte einige Kritikpunkte äußern.

1.) Der Vertrag wird von keinem einzigen ärztlichen oder psychologischer Psychotherapeutenverband unterstützt (VPK, BVVP, BDP, DPtV).

2.) Nur AOK-Patienten, die eine Arbeit haben, werden berücksichtigt. AOK-Patienten, die Hartz IV beziehen, werden nicht berücksichtigt und werden im Sinne einer Zwei-Klassen-Medizin benachteiligt.

3.) Ärgerlich ist, dass das Honorar an Erfolge geknüpft ist. Die Stabilisierungspauschale von 50.- € wird nur ausbezahlt, wenn nach maximal 10 Sitzungen Arbeitsfähigkeit besteht, der Patient 6 Monate gesund sowie arbeitsfähig bleibt und keine Richtlinientherapie beantragt ist bzw. durchgeführt wird. (Kein Rechtsanwalt verliert seinen Honoraranspruch, wenn er einen Prozess verliert.) Bei Patienten mit z.B. einer schweren depressiven Episode ohne/mit psychotische/n Symptome/n (F32.2/F32.3) oder einer rezidivierenden depressiven Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne/mit psychotische/n Symptome/n (F33.2/F33.3) sind sicherlich 10 Sitzungen nicht ausreichend, um die Arbeitsfähigkeit wieder herzustellen. 

4.) Ärzten und Psychotherapeuten wird zusätzliche Büroarbeit aufgebürdet (KVN-Terminmanagementstelle mit Zusteuerung innerhalb von 14 Tagen, Patientenfragebogen PHQ-9, verschiedene Module, Eingabe- und Dokumentationsmasken im KVN-Portal, Datenerfassung innerhalb einer Woche, Unterscheidung, ob eine Sitzung vor oder nach 18 Uhr stattfindet usw.)

5.) Herr Barjenbruch äußert im Nds. Ärzteblatt (April 2013, S. 36), dass die teilnehmenden Fachärzte und Psychotherapeuten sich bereit erklären werden, Überstunden zu leisten. Ich frage mich, welche Behandler, die sowieso schon Überstunden machen, noch mehr Überstunden machen werden. Herr Barjenbruch äußert sich leider nicht dazu, was passiert, wenn die Behandler infolge der Überstunden selbst ein Burnout bekommen.

6.) Die Dokumentation im KVN-Portal (Webanwendung) ist zwar transparent und vermeidet Doppel- und Mehrfachuntersuchungen, ist aber unter Gesichtspunkten des Datenschutzes kritisch zu hinterfragen. Was ist, wenn ein AOK-Patient nicht möchte, dass seine Daten in Bezug auf sein Burnout oder seine depressive Erkrankung im Internet zu finden sind? Darf er dann an dem AOK-Behandlungsprogramm nicht teilnehmen? Es wäre sicherlich klüger gewesen, wenn die KVN mehr Nervenärzte und Psychotherapeuten zulassen würde, anstatt so einen Vertrag mit der AOKN abzuschließen. Sie trägt damit zur Zerstückelung der nervenärztlichen und psychotherapeutischen Versorgung bei. Bei ähnlichen Verträgen mit z.B. BARMER, DAK, TK usw. würde die Zerstückelung weiter zunehmen.


Der Ausschuß für Berufsordnung und Berufsethik der Niedersächsischen Psychotherapeutenkammer hat den AOK-Vertrag scharf kritisiert. Die ausführliche Stellungnahme findet sich hier.

Eine Gesellschaft, die die menschliche Seele dermaßen geringschätzt, ist krank.

siehe aber auch:
- Es ist nicht alles burnout (Reinhard Lütjen, FH Kiel, 2012)

Sonntag, 2. Juni 2013

BDSM und Co. Fesselspiele im Bett machen glücklich und gesund

Manche mögen sich fragen, was das für Menschen sind, die Handschellen, Knebel und Peitsche beim Sex benutzen. Niederländische Wissenschaftler fanden nun eine Antwort auf die Frage: Es sind gesunde und glückliche Menschen!

(Niederlande). Viele Menschen sehen die BDSM-Sexualpraktiken negativ. Oft begleitet von Begriffen wie "pervers", "abartig" oder "gestört". Diese negative Einstellung richtet sich nicht nur gegen die BDSM-Sexualpraktiken, sondern oftmals auch gegen die Menschen, die diese ausleben. Wie eine repräsentative Studie aus den Niederlanden nun zeigt, sind es aber gerade die BDSMler, die glücklicher und gesünder sind, als Menschen die normalen Blümchensex haben.

Der weit umfassende Begriff BDSM setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der englischen Bezeichnung "Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism" zusammen. Grob beschrieben bezeichnet BDSM Sexualpraktiken die mit Dominanz und Unterwerfung, spielerischer Bestrafung sowie Lustschmerz und/oder Fesselspielen. BDSM ist zudem in allen Teilen der Welt verbreitet und in allen Gesellschaftsschichten beleibt. Einer amerikanischen Studie nach stehen fünf bis 25 Prozent der Bevölkerung auf diese Sexualpraktik. Auch das deutsche Nachrichtenportal Bild.de hat aktuelle eine Umfrage zur Einstellung gegenüber BDSM-Sexualpraktiken geschaltet. Hier zeichnet sich sogar eine deutlich höhere Vorliebe für BDSM ab, als es die amerikanische Studie tut.

Psychologe Dr. Andreas Wismeijer von der Tilburg-Universität unterzog Probanden unterschiedliche psychologische Tests und kam zu dem Entschluss, dass Menschen die im Schlafzimmer BDSM-Praktiken ausleben, mental stabiler, gesünder und in ihrer Beziehung glücklicher sind als Menschen, die "normalen Sex" bevorzugen.

mehr:
- BDSM und Co.: Fesselspiele im Bett machen glücklich und gesund (Forschung und Wissen, 02.06.2013)

siehe auch:
- Das Spiel von Dominanz und Unterwerfung (Melanie Büttner, Sven Stockrahm, ZON, 17.09.2018 – mit Linkliste)
Kink 101: Safety (Blue Sybil, Hyperian Source, 25.07.2018)
- 4 Mythen über BDSM – Wissenschaft klärt auf! (09.02.2018)
- BDSM – Fakten und alles was über Bondage wissen musst (Franziska Schulte, SChlafzimmer.de, Januar 2018)
Große Sex-Studie zeigt, was ganz durchschnittliche Menschen im Bett mögen (Vice, 14.12.2017)
Eine radikalfeministische Perspektive auf BDSM (Manu Schon, Die StörenFriedas, 19.02.2017)
Die dunkle Seite meiner Sexualität – BDSM und ich: Geschichte einer Aussteigerin (Gastbeitrag, Die StörenFriedas, 10.02.2017)
- Madison Young (Wikipedia)
- Madison Young (engl. Wikipedia)

Für den psychoanalytischen Sexualforscher Wolfgang Berner sind etwa traumatische Kindheitserfahrungen für die sadistischen Triebe verantwortlich. Insbesondere trage ein spielerisch-aggressives Necken (»Teasing«) durch die Mutter zur Entstehung von sexuellem Sadismus bei.
[BDSM: Wie Sadomaso-Fans ticken (Theodor Schaarschnitt, Spektrum, undatiert, wahrscheinlich Februar 2017)]


aktualisiert am 10.10.2018

Donnerstag, 28. Februar 2013

Vorteile durch Krankheit – Der sekundäre Krankheitsgewinn

Sich dem Thema Krankheit zu nähern, ist schwierig, erst recht, wenn es um etwaige Vorteile durch Krankheit geht. Der Kranke sollte nicht zusätzlich noch gescholten werden. Mit einer Krankheitsdiagnose und den Folgen umzugehen, ist schon schwierig genug und erfordert einiges an Selbstregulation. Grund genug, sich mit dem Thema auf einfühlsame Weise, sachlich und vorurteilsfrei zu befassen.

Psychologen fassen diese Vorteile durch Krankheit unter dem Begriff “sekundärer Krankheitsgewinn” zusammen. Und dieser ist nützlich – für den Kranken selbst aber auch für das soziale Umfeld.

Nutzen des sekundären Krankheitsgewinns
Um die Vorteile durch Krankheit einmal zu verdeutlichen, nehme man sich das Beispiel eines Schnupfens oder einer Grippe. Im Normalfall bewirken diese eine Anteilnahme des sozialen Umfeldes, gegebenenfalls etwas Ruhe, eine liebevolle Geste oder einen heißen Tee. Nähert man sich schwerwiegenderen Erkrankungen, so werden diese Zuwendungen, gestützt auf Anteilnahme (sog. Empathie) und Hilfsbereitschaft, vermutlich größer ausfallen – Vorteile durch Krankheit, die durchaus ihren Nutzen haben.

Der Kranke erfährt Unterstützung und Stärkung, kann sich aussprechen und im Alltag Hilfe holen und sich so auf den eigentlichen Heilungsprozess konzentrieren – damit er möglichst schnell wieder ein gesundes Mitglied der sozialen Gruppe werden kann. Darüber hinaus schweißen Fürsorge und Empathie die Gruppe zusammen. So gesehen, also überaus nützliche Vorteile durch Krankheit.

Dass der Krankheitsverlauf selbst in direktem Zusammenhang mit empathischen Bemühungen aus dem Umfeld stehen kann, zeigt eine wissenschaftliche Studie.

Empathie und Krankheitsverlauf
Del Canale et al. (2012) untersuchten bei Patienten, die an Diabetes Mellitus erkrankt waren, inwiefern ihr Krankheitsverlauf mit dem Empathiegrad des behandelnden Arztes korrelierte. Sie fanden heraus, dass Patienten von Ärzten mit höheren Empathie-Scores weniger akute metabolische Komplikationen hatten, verglichen mit Patienten, deren Ärzte geringere Empathie-Scores aufwiesen.

Einfühlungsvermögen und Ernst genommen werden scheinen sich also durchaus auf das Befinden der Erkrankten direkt auszuwirken und nützliche Vorteile durch Krankheit zu sein. Aber sind sie auch grenzenlos? Die Antwort ist: nicht unbedingt.
mehr:
siehe auch:
- Sekundärer Krankheitsgewinn (Hebert Mück, dr-mueck.de, undatiert)
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Donnerstag, 21. Februar 2013

Erleuchtung

Milarepa hatte überall nach Erleuchtung gesucht, aber nirgends eine Antwort gefunden, bis er eines Tages einen alten Mann langsam einen Bergpfad hinabsteigen sah, der einen schweren Sack auf der Schulter trug. 
 Milarepa wusste augenblicklich, dass dieser alte Mann das Geheimnis kannte, nach dem er so viele Jahre verzweifelt gesucht hatte. 
 "Alter, sage mir bitte, was du weißt. Was ist Erleuchtung?" 
Der alte Mann sah ihn lächelnd an, dann ließ er seine schwere Last von der Schulter gleiten und richtete sich auf. 
"Ja, ich sehe!" rief Milarepa. "Meinen ewigen Dank! Aber bitte erlaube mir noch eine Frage: Was kommt nach der Erleuchtung?" 
 Abermals lächelte der alte Mann, bückte sich und hob seinen schweren Sack wieder auf. Er legte ihn sich auf die Schulter, rückte die Last zurecht und ging seines Weges.

gefunden bei Zen-Kreis München
Stationen der Erleuchung von Sebastian Gronbach bei Mystica.tv

Montag, 4. Februar 2013

Meditation 2005

Zu dem Post übers Meditieren von Ende Dezember des letzten Jahres ist mir zufällig ein Artikel aus der FAZ aus dem Jahr 2005 in die Hände gefallen. Viel passiert!?





Meditation
Wundersames Meditieren
Von Martina Lenzen-Schulte


06. Juni 2005 Wer zweimal zwanzig Minuten am Tag meditiert, scheint fein heraus zu sein. Er verringert sein Risiko, einem Herz-Kreislauf-Leiden zu erliegen, um 30 Prozent, an Krebs zu sterben, um 49 Prozent und die Sterberate überhaupt um 23 Prozent – gemessen an anderen Maßnahmen. Mit derart hoffnungsvollen Aussagen wartete unlängst eine Veröffentlichung aus den Vereinigten Staaten auf, die über einschlägige Presseagenturen Verbreitung fand. 



Die heilsame Wirkung wurde einer speziellen Entspannungstechnik nachgesagt, der Transzendentalen Meditation. Sie leitet sich von alten indischen Yoga-Traditionen ab und soll in einen Bewußtseinszustand versetzen, der den von Schlafen, Wachen und Träumen übersteigt und schlicht der „Vierte Zustand” oder der „Zustand des reinen Bewußtseins” genannt wird. Neben den vielfältigen beruhigenden Effekten wird dieser Meditation vor allem eine blutdrucksenkende Wirkung zugesprochen. Dies gilt in der jetzt vorgelegten Analyse als Haupterklärung für den spektakulären lebensverlängernden Einfluß.

Lebensverlängernde Wirkung nicht bewiesen

Wer im Verlauf einer herkömmlichen Blutdruckbehandlung mühevoll um eine Änderung krankmachender Lebensstile – zuwenig Bewegung und zuviel Gewicht – oder um eine optimale Einstellung der Medikamente ringt, dürfte neidvoll auf eine derart leicht erzielbare Erfolgsbilanz schauen. Daß die Arbeit in einer renommierten Fachzeitschrift veröffentlicht wurde, dem „American Journal of Cardiology” (Bd.95, S.1060), und prestigeträchtige Einrichtungen wie die Harvard Medical School beteiligt sind, weist auf Seriosität hin. Wer indes genauer nachfragt, wird immer skeptischer. Augenfällig ist schon beim ersten Lesen, daß die werbewirksam verbreitete Verringerung der Krebstodesrate von fast 50 Prozent einem statistischen Härtetest nicht standhält. Es könnte sich um einen Zufallsbefund handeln, was auch gar nicht abgestritten wird.

Schon die Frage, gegenüber welcher Vergleichsgruppe denn die besseren Überlebensraten erzielt wurden, führt in weitere methodische Untiefen. Zwei alte Studien – eine an 77 weißen Amerikanern aus einem Altersheim in der Gegend von Boston, eine zweite an 125 schwarzen Amerikanern aus Kalifornien – wurden hier miteinander verrechnet. Die Transzendentale Meditation wurde dabei jeweils unterschiedlichen Verfahren gegenübergestellt, etwa mentaler Relaxation, progressiver Muskelrelaxation, einer Unterweisung in gesundheitsförderndem Verhalten sowie herkömmlicher, zum Teil auch medikamentöser Behandlung. Unklar bleibt, über wie viele Jahre die Probanden die Meditation und die anderen Maßnahmen überhaupt durchhielten.

Verschweigen von Nebenwirkungen

Als Mißachtung üblicher Qualitätsstandards muß die Tatsache bewertet werden, daß bei einer der beiden Studien die Gruppe der meditierenden Patienten ein statistisch ins Gewicht fallendes niedrigeres Durchschnittsalter aufwies als die anderen Vergleichsgruppen, dies aber nicht erwähnt wird. Denn allein in dieser Unterstudie zeigten sich die Überlebensvorteile. Schon ein wissenschaftlicher Laie würde erwarten, daß in einer von vorneherein jüngeren Gruppe bis zum Endpunkt der Untersuchung mehr Probanden überleben als von den älteren, zum Vergleich herangezogenen Kontrollpersonen. In der zweiten der beiden vermischten Studien hat die Transzendentale Meditation sogar einen deutlich lebensverkürzenden Effekt, wenn man sie mit einer herkömmlichen Behandlung vergleicht.

Das sind nur einige der allfälligen Ungereimtheiten, die dazu führen, daß die Veröffentlichung in eine Reihe mit anderen Untersuchungen zur Transzendentalen Meditation gestellt werden muß: der postulierte Vorteil ist keinesfalls bewiesen. Peter Canter und Edzard Ernst, die an der Universität von Exeter in England alternative Heilverfahren auf ihren Nutzen überprüfen, haben das in einer umfangreichen Analyse aller verfügbaren Studien zur Transzendentalen Meditation Ende des vergangenen Jahres im „Journal of Hypertension” (Bd.22, S.2049) unmißverständlich zum Ausdruck gebracht. Sie verwiesen außerdem darauf, daß in den Arbeiten jegliche Hinweise auf ungünstige Nebenwirkungen der Meditation fehlen. Man weiß indes, daß schon bestehende psychische Labilitäten durch meditative Techniken verschlimmert werden können, etwa Depressionen, Ängste oder suizidale Gedanken.

Schulmedizinisch nicht vertretbar

Die Forscher aus Exeter rügten vor allen Dingen, daß die Studien von Personen vorgenommen worden waren, an deren Unabhängigkeit und Unvoreingenommenheit man zweifeln müsse. Ihre Mitgliedschaft und Nähe zu den kommerziellen Zentren Transzendentaler Meditation, in denen das Verfahren gegen Entgelt gelehrt wird, lege das jedenfalls nahe. Das brachte ihnen wiederum von den Verteidigern der Meditationstechniken den Vorwurf ein, das Institut in Exeter sei eine indirekt von der Pharmaindustrie bezahlte Einrichtung.

Die stichhaltige Widerlegung der methodischen Mängel dieser Studien steht allerdings immer noch aus. Wenn mithin eindeutige Beweise für die blutdrucksenkende Wirkung der Meditation fehlen, so sollte man bei der werbewirksamen Wiedergabe solcher Meldungen an die gefährliche Suggestivwirkung denken, die von den Berichten ausgeht. Allzu leicht könnten sich Patienten mit Bluthochdruck von der zweifellos attraktiven Vorstellung verführen lassen, die psychische Entspannung im Fernsehsessel würde ihr Leben ebenso verlängern wie die körperliche Anspannung durch Sport und Bewegung.

Der Wunsch von Vertretern alternativer Heilverfahren, ihren vermeintlichen oder tatsächlichen Erfolgen über eine Veröffentlichung in renommierten medizinischen Zeitschriften die gebührende Reputation zu verschaffen, ist verständlich und unübersehbar. Man wirbt einerseits damit, eine unkonventionelle, natürliche Alternative zur Schulmedizin zu sein, will anderseits aber auf deren allseits geschätztes Gütesiegel wissenschaftlicher Evidenz nicht verzichten. Daß der Passierschein in ein Qualitätsblatt offenbar so leicht zu bekommen ist, ist das eigentlich Beunruhigende. Bislang ist die Annahme, daß in den besten medizinischen Fachzeitschriften nur einwandfreie Nachrichten zu finden seien, noch ein erlernter Reflex. Er funktioniert bald nicht mehr, wenn die Versuchsgruppe – die Leserschaft – nicht weiterhin mit den richtigen Reizen stimuliert wird.

Text: F.A.Z., 07.06.2005, Nr. 129 / Seite 40
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

Dienstag, 29. Januar 2013

Kann Meditation gefährlich sein?



Dämonen aus der Stille

Meditation kann die Gesundheit fördern. Doch über mögliche Risiken und Nebenwirkungen ist bislang wenig bekannt.

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Von Andrea Teupke

E
ine Freundin hatte ihr den Kurs empfohlen: »Christliche Kontemplation«, zehn Tage lang meditieren und schweigen. Die Wirkung des Sitzens in der Stille war »unglaublich intensv« erinnert sich Karen Förster (Name von der Redaktion geändert): Schon nach wenigen Tagen des Übens empfand sie tiefe Glücksgefühle, nahm wahr, wie Lebensenergie sie durchströmte, fühlte sich gehalten und geborgen. Diese Energie trug sie auch nach dem Kurs durch den Alltag: »Ein halbes Jahr lang war ich total glücklich«, sagt die Fünfzigjährige, »ich hatte das Gefühl, etwas gefunden zu haben, das mir vorher verschlossen war.«
Doch die Reise in die Stille endete nicht im Paradies. Beim Sitzen auf dem Meditationskissen begegneten ihr auch düstere und furchteinflößende Visionen. Zunehmend wurde sie überschwemmt von gewalttätigen Bildern, die sich immer schwerer abschütteln ließen. Nach einem halben Jahr, in dem Karen Förster regelmäßig übte, blieben die Glücksgefühle ganz aus. Stattdessen spürte sie eine starke innere Unruhe, auch im Alltag überfielen sie unrealistische Ängste. Durch das Meditieren seien »Kästen aufgegangen, die vorher gut verschnürt waren«, sagt Karen Förster. Rückblickend stellt sie fest: »Ich bin in eine richtig depressive Stimmung geraten.«

Die positiven Wirkungen werden intensiv beforscht. Kann Meditation schaden? Kann sie Gesunde krank und Kranke kränker machen? Ulrich Ott, Psychologe am Bender Institute of Neuroimaging der Universität Gießen, stellte diese Frage auf dem Kongress »Wissenschaft und Meditation«, zu dem die Identity Foundation und die Oberberg Stiftung kürzlich nach Berlin eingeladen hatten.
Vor mehr als 420 Teilnehmern stellten dort Mediziner, Psychologen und Hirnforscher aktuelle Ergebnisse aus der Meditationsforschung vor. Während die positiven Auswirkungen des Mentaltrainings mittlerweile intensiv beforscht werden, gibt es zu den Risiken und Ne.benwirkungen kaum Studien. Die Forschungslage sei dünn, sagt Ott – obwohl das Interesse an Meditation, Yoga und Entspannung stetig wächst.
Nicht immer ist es die Sehnsucht nach Transzendenz oder religiöser Erfahrung, die Menschen dazu veranlasst, eine Meditationstechnik zu erlernen; häufig sind die Gründe sehr viel profaner, etwa der Wunsch nach Entspannung oder mehr Gelassenheit im Alltag. Doch auch psychisch belastete Menschen wenden sich zunehmend der Meditation zu, weil sie sich von ihr Hilfe erhoffen.
Genährt wird diese Hoffnung auch durch die vielen guten Nachrichten der Wissenschaftler. So stellte in Berlin unter anderem Richard Davidson, einer der führenden amerikanischen Forscher auf diesem Gebiet eine ganze Reihe positiver Auswirkungen vor: Meditieren kann den Blutdruck senken, es führt dazu, dass Entzündungen schneller heilen, es stärkt das Immunsystem, es kann Depressionen vorbeugen und die Stress- Resilienz stärken – Meditation vermag anscheinend in vielen Fällen, Kranke gesund und Gesunde noch gesünder zu machen.
Allheilmittel Meditation? Vor einem allzu naiven Vertrauen warnt Hans Förstl, Direktor der Münchner Klinikfür Psychiatrie und Psychotherapie rechts der Isar. Schließlich hätten manche Wahrnehmungsveränderungen während einer Meditation durchaus Ähnlichkeiten mit den Symptomen einer Psychose, berichtete er in einem launigen Vortrag, der bei den Kongress-Teilnehmern teilweise Gelächter, teilweise Empörung auslöste. In den 1970er-Jahren, als die Transzendentale Meditation aufkam, seien regelmäßig Menschen in der Psychiatrie gelandet bei denen das Mantramurmeln psychotische Zustände ausgelöst hatte.


Über »die dunkle Nacht der Seele« ist wenig bekannt. »Limitierte Experimentalpsychosen mögen für aufgeregte und erschöpfte Menschen mit Befindlichkeitsstörungen ergötzlich sein«, sagt der Psychiater, geradezu gefährlich könne Meditation bei schwerwiegenden Erkrankungen sein, wo es darum gehe, »einen tragfähigen Kontakt mit der Lebenswirklichkeit herzustellen und nicht davor zu fliehen«.
Woran es liegt dass Meditation vielen hilft und manchen unangenehme Erfahrungen beschert ist bisher kaum geklärt. Ulrich Ott einer der führenden Meditationsforscher Deutschlands, sieht hier »erheblichen Forschungsbedarf«. Bisher seien lediglich Einzelfälle beschrieben worden, systematische Studien fehlten völlig.
Einen ersten Schritt hat die amerikanische Forscherin Willoughby Britton getan. Für das »Dark Night Project« hat sie führende amerikanische Meditationslehrer verschiedener Richtungen nach ihren Erfahrungen befragt. Die ersten Ergebnisse dieser Untersuchung geben zu denken:
Symptome wie Schlaflosigkeit, Angst Gefühlsschwankungen bis hin zum Wiederauftauchen traumatischer Erlebnisse wurden genannt. Berichtet wurde von Veränderungen der Wahrnehmung, vom Verlust des Selbstgefühls, aber auch von beruflichen und sozialen Beeinträchtigungen. Offensichtlich kann die Arbeit am Bewusstsein Geister wecken, die man nicht so leicht wieder los wird: Die Symptome könnten jahrelang anhalten und die Betroffenen beeinträchtigen, sagt Ott, der nun in Gießen ein ähnliches Forschungsprojekt für Deutschland anstoßen will.
Unangenehme Erfahrungen auf dem Meditationsweg können ein Warnsignal sein, sich lieber einer anderen spirituellen Praxis zuzuwenden – sie können aber auch Symptom einer notwendigen persönlichen Krise sein. Die Unterscheidung im Einzelfall ist unter Umständen schwierig. Umso wichtiger wäre deshalb eine fundierte Ausbildung der Meditationslehrerinnen und -lehrer. Derzeit kann sich jeder auf dem Markt tummeln und entsprechende Kurse anbieten. Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen fordert deshalb dringend in diesem Bereich Qualitätsmanagement Ausbildungsordnungen und vor allem Supervision.
Immerhin: Manche Anbieter werden sich mittlerweile ihrer Verantwortung bewusst. So hat etwa der Dachverband Freie Gesundheitsberufe Qualitätsrichtlinien entwickelt die nun in den einzelnen Mitgliedsverbänden implementiert werden. »Es reicht nicht dass man einfach mal ein tolles Buch gelesen hat«, sagt Ulrike Reiche vom Vorstand des Dachverbandes. Die Berufsordnung ihres Verbandes sieht unter anderem regelmäßige Supervision und Weiterbildung vor. Reiche ist Kundalini- Yogalehrerin und setzt sich seit Jahren für einen intensiven Austausch zwischen Meditationslehrern auf der einen und Psychotherapeuten und Psychiatern auf der anderen Seite ein. »Man muss wissen, was man tut und was man lieber lässt«, sagt Reiche, die selbst schon Klienten an Psychotherapeuten vermittelt hat.
Karen Förster war lange ratlos, an wen sie sich wenden sollte. Ihr Meditationslehrer empfahl lediglich, weiterzuüben: Sie solle da »hindurchgehen« und »das Leiden zulassen und anschauen«. Auf die Idee, ihr eine Psychotherapie zu empfehlen, kam er nicht – und sie selbst zunächst auch nicht. »Ich hatte keine Hoffnung, dass mir mit diesem Zeug jemand helfen kann«, sagt sie heute, es war »als würde ich in einer Parallelwelt leben«.
Für solche Fälle wäre eine Vernetzung ideal, wie sie in Einzelfällen bereits stattfindet. So berichtet Ulrich Ott von einem Zen – Lehrer, der bei mehrwöchigen Kursen mit einem meditationserfahrenen Psychiater zusammenarbeitet um bei auftauchenden Schwierigkeiten besser eingreifen und beraten zu können.
»In meinem Fall hätte eine solche Vernetzung den Prozess erleichtern und abkürzen können«, sagt Karen Förster. Die furchterregenden Bilder verfolgen sie nicht mehr, dank einer Psychotherapie. Sie meditiert schon länger nicht mehr: »Das schweigende Sitzen in der Gruppe tut mir nicht gut«, sagt sie. Trotzdem will sie die Erfahrung mit der Meditation nicht missen. »Das hat für mich alles Sinn gemacht« und das Vertrauen, »dass mich etwas stützt und trägt«, hat sie heute noch.

aus Publik-Forum 24/2012

Dienstag, 18. Dezember 2012

Impulskontrolle versus unhinterfragte Interpretationskonstrukte: der Marshmallow‑Test



Stellen Sie sich vor, Sie sind vier Jahre alt, und jemand macht Ihnen den folgenden Vorschlag: Wenn du wartest, bis ich eine Besorgung erledigt habe, bekommst du zwei Bonbons. Wenn du nicht so lange warten kannst, bekommst du nur einen, aber den bekommst du sofort. Das ist sicherlich eine Herausforderung, die das Herz eines jeden Vierjährigen auf eine harte Probe stellt, ein Mikrokosmos des ewigen Kampfes zwischen Impuls und Zurückhaltung, Es und Ich, Begehren und Selbstbeherrschung, Gratifikation und Aufschub. Aus der Entscheidung des Kindes kann man einiges entnehmen; sie gibt raschen Aufschluß nicht gerade über seinen Charakter, aber doch über den Weg, den dieses Kind vermutlich im Leben nehmen wird.
Wohl keine psychologische Fähigkeit ist grundlegender als die, einem Impuls zu widerstehen; sie ist die Wurzel jeglicher emotionalen Selbstbeherrschung, da alle Emotionen ihrem Wesen nach in den einen oder anderen Handlungsimpuls münden. Die Grundbedeutung von »Emotion« ist, wie Sie sich erinnern werden, »bewegen«. Die Fähigkeit, diesem Handlungsimpuls zu widerstehen, den Ansatz einer Bewegung zu unterdrücken, wird auf der Ebene der Hirnfunktion höchstwahrscheinlich in eine präfrontale Hemmung limbischer Signale umgesetzt, die zur motorischen Rinde gelangt sind; diese Deutung ist aber einstweilen bloße Spekulation.
Eine bemerkenswerte Studie, bei der Vierjährige vor die Marshmallow‑Probe gestellt wurden, zeigt jedenfalls, wie grundlegend die Fähigkeit ist, die Emotionen zu zügeln und so den Impuls hinauszuschieben. Die Studie wurde in den sechziger Jahren von dem Psychologen Walter Mischel in einer überwiegend von Kindern von Professoren, graduierten Studenten und Universitätsangestellten besuchten Vorschule auf dem Universitätscampus von Stanford begonnen und bis zu dem Zeitpunkt fortgesetzt, als diese die Highschool beendeten.
Einige der Vierjährigen konnten die ihnen sicherlich endlos erscheinenden 15 bis 20 Minuten bis zur Rückkehr des Experimentators abwarten. Um sich in ihrem Kampf zu stärken, hielten sie sich die Augen zu, damit sie nicht auf die Versuchung starren mußten, oder sie legten den Kopf auf die Arme, führten Selbstgespräche, sangen, spielten mit Händen und Füßen oder versuchten gar, sich schlafen zu legen. Diese tapferen Vorschüler erhielten die aus zwei Marshmallows bestehende Belohnung. Andere jedoch, die impulsiver waren, schnappten sich den einen Bonbon, fast durchweg innerhalb von Sekunden, nachdem der Experimentator das Zimmer zu seiner »Besorgung« verlassen hatte.
Was der Umgang mit dieser impulsiven Situation an diagnostischer Kraft besaß, wurde rund zwölf bis vierzehn Jahre später deutlich, als man dieselben Kinder nunmehr als jugendliche untersuchte. Zwischen denen, die sich den Bonbon geschnappt hatten, und den anderen, die die Gratifikation aufgeschoben hatten, zeigte sich ein auffälliger emotionaler und sozialer Unterschied. Diejenigen, die mit vier der Versuchung widerstanden hatten, zeigten jetzt als jugendliche größere soziale Kompetenz: sie waren durchsetzungsfähig, selbstbewußt und besser in der Lage, mit den Frustrationen des Lebens fertig zu werden. Sie neigten unter Streß weniger dazu, zusammenzubrechen, starr zu werden oder zu regredieren oder nervös und fahrig zu werden, wenn sie unter Druck gesetzt wurden; Herausforderungen nahmen sie bereitwillig an und stellten sich ihnen, und selbst bei Schwierigkeiten gaben sie nicht auf, sie waren selbstsicher und zuversichtlich, vertrauenswürdig und verläßlich; sie ergriffen die Initiative und stürzten sich in Projekte. Und sie waren über ein Jahrzehnt später noch immer in der Lage, eine Gratifikation aufzuschieben, um ihr Ziel weiterzuverfolgen.
Das runde Drittel der Untersuchten, die nach dem Marshmallow gegriffen hatten, zeigte dagegen eine Tendenz, diese Vorzüge in geringerem Maße zu besitzen, und das psychologische Bild war problematischer. Bei ihnen beobachtete man eher das Gegenteil: sie schreckten vor sozialen Kontakten zurück, waren störrisch und unschlüssig; sie ließen sich von Frustrationen leicht umwerfen, hielten sich für »schlecht« und unwürdig; sie regredierten oder wurden von Streß gelähmt; sie waren argwöhnisch und ärgerten sich, daß sie »nicht genug« bekamen; sie neigten zu Eifersucht und Neid; auf Irritationen reagierten sie gereizt und provozierten dadurch Streitereien. Und sie waren nach all diesen Jahren noch immer unfähig, eine Gratifikation aufzuschieben.
Was sich früh in Ansätzen zeigt, entfaltet sich später im Leben zu einer weitgespannten sozialen und emotionalen Kompetenz. Die Fähigkeit, einem Impuls einen Aufschub aufzuerlegen, ist die Wurzel einer Fülle von Leistungen, angefangen vom Durchhalten einer Diät bis hin zum Anstreben eines medizinischen Doktorgrades. Manche Kinder hatten das Wesentliche schon mit vier begriffen: sie waren in der Lage, die Situation als eine zu deuten, in der Aufschub vorteilhaft war, ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken, statt auf die greifbare Versuchung zu starren, und sich abzulenken, dabei aber die nötige Ausdauer im Hinblick auf ihr Ziel, die beiden Marshmallows, aufrechtzuerhalten.
Noch überraschender war, daß die Kinder, die mit vier geduldig gewartet hatten, sich gegenüber denen, die ihrer Laune nachgegeben hatten, beim Abschluß der Highschool als weit bessere Schüler erwiesen. Nach dem Urteil ihrer Eltern besaßen sie größere intellektuelle Kompetenz: sie konnten ihre Ideen besser in Worte fassen, sie konnten besser logisch argumentieren und auf Argumente reagieren, konnten sich besser konzentrieren, besser Pläne machen und sie verwirklichen, und sie zeigten größeren Lerneifer. Das Erstaunlichste war: sie erreichten beim SAT‑Test entschieden höhere Punktzahlen. Im verbalen und im quantitativen (auch »mathematischen«) Test erreichte das Drittel der Kinder, die mit vier am eifrigsten nach dem Marshmallow gegriffen hatten, durchschnittlich 524 bzw. 528 Punkte; das Drittel, das am längsten gewartet hatte, kam im Mittel auf 610 bzw. 652 Punkte ‑ zusammengenommen eine Differenz von 210 Punkten.
Das Abschneiden der Kinder im Alter von vier Jahren bei diesem Test des Gratifikationsaufschubs ist als Vorhersagemaßstab für ihre künftigen SAT‑Ergebnisse doppelt so leistungsfähig wie ihr IQ mit vier (der IQ wird erst zu einem starken Vorhersagemaßstab für die SAT‑ Ergebnisse, nachdem die Kinder lesen gelernt haben).' Die Fähigkeit, eine Gratifikation aufzuschieben, trägt demnach ganz unabhängig vom IQ erheblich zur intellektuellen Leistungsfähigkeit bei. Von manchen wird, wie wir im Sechsten Teil sehen werden, die Ansicht vertreten, der IQ sei nicht zu beeinflussen und stelle daher eine unabänderliche Beschränkung der späteren Leistungsfähigkeit eines Kindes dar, doch spricht vieles dafür, daß emotionale Fähigkeiten wie die Impulskontrolle und das Verstehen dessen, was in einer sozialen Situation verlangt wird, tatsächlich erlernt werden können.
Was Walter Mischel, der die Untersuchung durchführte, mit der ziemlich ungeschickten Wendung »zielgerichteter selbstauferlegter Gratifikationsaufschub« bezeichnet, ist vielleicht der Kern der emotionalen Selbstregulierung: die Fähigkeit, dem Impuls zu widerstehen, um einem Ziel zu dienen, ob man nun ein Buch schreibt, eine algebraische Gleichung löst oder den Stanley Cup, die Meisterschaft der National Hockey League, zu erringen sucht. Sein Ergebnis unterstreicht die Bedeutung der emotionalen Intelligenz als einer Meta‑Fähigkeit, von der es abhängt, wie gut oder schlecht man seine sonstigen geistigen Fähigkeiten nutzen kann.

aus Daniel Goleman, Emotionale Intelligenz, Kap. Die übergeordnete Fähigkeit, S. 109 ff



siehe auch:
- What Does the Marshmallow Test Actually Test? (Drake Bennett, Bloomberg Bussiness, 17.10.2012)
A new study (PDF), however, suggests that we may be taking, at best, an incomplete lesson from Mischel’s work. Celeste Kidd, a cognitive science graduate student at the University of Rochester, is the lead author on the paper. When she was younger, Kidd spent some time working in shelters for homeless families. She began to wonder how growing up in such a setting, full of change and uncertainty, might shape the way kids responded to the sort of situation Mischel’s study presented. “Working there gave me some strong intuitions about what kids who were in that situation would do, given the marshmallow task,” she says. “I’m fairly sure those kids would eat the marshmallow right away.” Not because they were weak-willed, but because very little in their upbringing had given them much reason to believe that adults would do what they said they would. What was missing from Mischel’s famous experiment, Kidd argues, was trust. After this, the kids were given the marshmallow test. The results were dramatic: Nine out of the 14 kids in the reliable condition held out 15 minutes for a second marshmallow, while only one of the 14 in the unreliable condition did. If kids were unsure they were going to get a second marshmallow, they didn’t bother to wait.

As it turns out, Mischel himself has looked at the role trust and confidence play in a person’s ability to delay gratification. Reached while traveling in Europe and asked about the new study, he responded with an e-mail linking to three of his early papers. One of them, from 1961, looked at whether coming from a fatherless household affected a child’s willingness to wait for a reward.
mein Kommentar:
Nach der Lektüre des zweiten Artikels war ich entsetzt: Die Wissenschaftler hatten als selbstvertsändlich vorausgesetzt, was nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden darf (und ich bin ihnen in den Jahren, in denen ich diesen Artikel kenne, kritiklos gefolgt): Das Vertrauen in die elterliche Autorität.
Das sofortige Verspeisen eines Marshmellows wird im ersten Artikel als fehlende Impulskontrolle interpretiert. Und diese Interpretation bedeutet eine erneute Traumatisierung des schon durch die fehlende Verläßlichkeit der Eltern traumatisierten Kindes: Das Kind wird für die fehlende elterliche Verläßlichkeit durch die Zuschreibung mangelnder Impulskontrolle »bestraft«: Der Mangel der Eltern wird zum Mangel des Kindes…
Rather than being engaged in a desperate struggle against their own appetites, the young subjects of her study were carefully calculating the likelihood that they would actually get a second marshmallow. Her work suggests that getting kids to be better at waiting—in the lab and in life—is a matter of persuading them that there’s something worth waiting for.
Auf diese Weise konstruieren Interpretationen Realität: »Dir fehlt einfach nur Disziplin!« – Vorsicht vor Interpretationen von außen! Anscheinend hat keiner der untersuchenden Wissenschaftler sich in die getesteten Kinder hineinversetzen können/wollen. Empathiemangel kann furchtbare Folgen haben!
Der Schizophrene ist ein Mensch ohne Hoffnung. Ich habe niemals einen Schizophrenen gekannt, der sagen konnte, daß er geliebt wurde, als ein Mensch, von Gott dem Vater oder von der Mutter Gottes oder von einem anderen Menschen. Er ist entweder Gott oder der Teufel oder in der Hölle gottentfremdet. Wenn jemand sagt, er sei ein unwirklicher Mensch oder er sei tot, mit aller Wahrhaftigkeit in radikaler Form die nackte Wahrheit seiner Existenz, wie er sie erfährt, ausdrückend, ist das – Verrücktheit. Was wird von uns gefordert? Ihn zu verstehen? Der innerste Kern der Erfahrung des Schizophrenen von sich selbst muß für uns unbegreiflich bleiben. Solange wir gesund sind und er verrückt ist, wird das so bleiben. Aber Verständnis als ein Bemühen, ihn zu erreichen und zu fassen, während wir in unserer eigenen Welt bleiben und ihn mit unseren eigenen Kategorien beurteilen, wodurch er unvermeidlich zu kurz kommt, das ist es nicht, was der Schizophrene wünscht oder nötig hat. Wir müssen die ganze Zeit seine Eigenheit und Verschiedenartigkeit, sein Getrenntsein, seine Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit erkennen. (Ronald D. Laing, Das geteilte Selbst, 1960, dt. 1972)