Mittwoch, 7. November 2012

Das Ribosom als Proteinfabrik

Der Körper benötigt Proteine. Diese werden in »Zellfabriken« (genannt »Ribosomen«) hergestellt.
Dazu werden in einem ersten Schritt Teile eines DNA-Stranges in eine Blaupause »umgeschrieben«.
Dies wird »Transskription« genannt.

Kreidezeit 21: Transkription {2:16}


biotechgermany 
Am 07.01.2011 veröffentlicht 
In dieser Folge der Kreidezeit erklären wir den ersten Schritt der Proteinbiosynthese, d.h. wie bei der Transkription die Information der DNA in mRNA umgeschrieben wird. 
Mehr Kreidezeiten unter www.kreidezeit.tv
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Wie in obigem Video zu sehen, ist die Blaupause ist kein Doppel- sondern ein Einfachstrang; sie wandert als »Produktionsanweisung« bzw. Produktions-Information zum Ribosom, welches die Blaupause in eine Kette von Aminosäuren »übersetzt«.

Kreidezeit 22: Translation {2:07}


biotechgermany
Am 07.01.2011 veröffentlicht 
In dieser Folge der Kreidezeit erklären wir den zweiten Schritt der Proteinbiosynthese, d.h. wie bei der Translation die Information der mRNA genutzt wird um ein Protein zu synthetisieren. Mehr Kreidezeiten gibt's unter www.kreidezeit.tv
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Die Zelle - Schulfilm Biologie {5:47 – Start bei 0:44}


Schulfilme im Netz 
Am 12.09.2012 veröffentlicht 
https://www.schulfilme.com 
Jedes Lebewesen besteht aus mikroskopisch kleinen Zellen. Zellen sind winzige, voneinander getrennte Einheiten. Man unterscheidet zwei große Gruppen von Zellen: die Protocyten ohne Zellkern und die Eucyten mit Zellkern. Menschen sowie die meisten Tiere und Pflanzen sind so genannte Vielzeller. Sie bestehen aus Milliarden von Zellen mit Zellkern. Unter diesen gibt es viele verschiedene Typen, die jeweils auf eine bestimmt Aufgabe spezialisiert sind. Die Zellen eines Typs schließen sich zu Verbänden zusammen. So einen Verband nennt man Gewebe. Wenn mehrere Gewebe für eine spezielle Aufgabe zuständig sind, bilden sie zusammen ein Organ. Alle Zellen sind mit einer gelartigen Substanz gefüllt, dem so genannten Cytoplasma. Pflanzenzellen unterscheiden sich von tierischen Zellen dadurch, dass sie zusätzliche Organellen besitzen, zum Beispiel die Chloroplasten.In diesen findet die Fotosynthese statt.
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Es gibt lebende und nicht-lebende Infektionserreger
Zu den nicht lebenden Infektionserregern zählen
  • Prionen (Proteinpartikel)
  • Viroide (reine RNA-Stücke, für Menschen ungefährlich)
  • Virusoide (DNA- oder RNA-Moleküle, sie benötigen andere Viren für ihre Replikation) und
  • Viren (eigenständige infektiöse Einheiten)

Die Viren 
  • bestehen aus einer Kapsel, die eine Nukleinsäure enthält (manche haben drumherum noch eine Membran)
  • haben weder eine Zellstruktur (kein Organellen) noch einen Stoffwechsel und
  • benötigen für ihre Vermehrung Wirtszellen
  • sie sind 0,03 bis 0,3 Mikrometer groß (1 Mikrometer = 1 Tausendstel Millimeter)
Basiskurs Mikrobiologie: Viren (Aufbau & Struktur) {39:29 – Start bei 8:12}
mednachhilfe 
Am 07.11.2012 veröffentlicht 
http://www.mednachhilfe.blogspot.com
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Freitag, 2. November 2012

Hugo Enomiya-Lasalle – Anforderungen

Moralische soziale und charakterliche Anforderungen 

 Es wird bisweilen behauptet, im Zen spreche man kaum von Moral oder Liebe im Sinne von sozialer Tätigkeit für Arme und Kranke und andere leidende Menschen, während das doch im Christentum für sehr wichtig gehalten wird. Zum letzteren möchte ich Meister Yamada Mumon erwähnen, der jetzt alt und gebrechlich ist und zurückgezogen lebt. Er ist oder war einer der bedeutendsten Meister der Gegenwart in Japan. Als er noch rüstig war, ging er jährlich im Herbst nach Neu Guinea und blieb dort einige Wochen, um die Bevölkerung, die unter der japanischen Besatzung während des Krieges schwer gelitten hat, mit Japan zu versöhnen. Das ist nur ein Beispiel. Daß Zenmeister kein Verständnis für soziale Probleme hätten, ist nicht richtig. 


Zen of Yamada Mumon Roshi [6:25]

Hochgeladen am 06.04.2011
Jolly old Zen Master, Yamada Mumon Roshi shares his wisdom and views. This clip is from an old document - The Long Search -, perhaps from the 1970's, done and narrated by Ronald Eyre. Film was shot at the Rinzai Zen Buddhist monastery of Shofukuji, Kobe, Japan.
    
 Nun zu dem Vorwurf, daß im Zen nicht oder kaum von Moral gesprochen wird. Tatsache ist – und das weiß jeder Zenmeister – daß ein Mensch, der sich nicht bemüht, ein sittenreines Leben zu führen, sich umsonst um die Erleuchtung bemüht. Solchen Leuten kommt es überhaupt nicht in den Sinn, zu einem strengen Zenkurs zu gehen. Das ist ihnen viel zu lästig mit all den Strapazen, die man da mit auf sich nimmt. Außer den Zenmönchen selbst sind die Teilnehmer ausgenommen die Jugendlichen, die noch studieren, meistens Menschen, die einen weltlichen Beruf haben, wie Ärzte, Erzieher, Künstler, Beamte u. a. Sie machen immer die Erfahrung, daß ihnen diese Art der Meditation für ihre Berufstätigkeit von Nutzen ist, zusätzlich zu vielen anderen guten Wirkungen. So tragen die Zenmeister indirekt auch bei zu der Lösung der vielen Probleme, die in der Welt heute anstehen. Das Zen ist auch nicht asozial, weil während der Kurse beständig Stillschweigen vorgeschrieben ist. Das kommt beim Abschluß eines Zenkursus spontan zum Ausdruck durch die ungezwungene Fröhlichkeit der Teilnehmer. Darum wird auch immer wieder der Wunsch ausgesprochen, an längeren Kursen teilnehmen zu können. Zu unserer Zenhalle bei Tokyo kommen nicht nur Christen, sondern auch solche, die nicht christlich sind, seien es gläubige Buddhisten oder solche, die bewußt gar keinen religiösen Glauben haben oder sich dessen wenigstens nicht bewußt sind. Wir versuchen, niemanden dahingehend zu beeinflussen, daß er Christ wird und natürlich auch nicht, daß er Buddhist wird, sondern versuchen, jedem auf seinem Wege weiter zu helfen. Oder wie es Graf Dürckheim ausgedrückt hat: jedem zu helfen, daß er den nächsten Schritt richtig macht. 

Karlfried Graf Dürckheim - "Der Weg ist das Ziel" (Gespräch) [1:23:30]

Veröffentlicht am 12.11.2013
Gespräch aus der Reihe "Zeugen des Jahrhunderts" (1985). Mit Karl Schnelting. 
Zu Beginn und bei 14:02 fehlen leider einige Minuten.
Ein Portrait von Karlfried Graf Dürckheim ("Die Tür zum inneren Geheimnis", 1998, 45 Min) findet sich hier: http://www.youtube.com/watch?v=yy5qmb...
Siehe auch die Karlfried Graf Dürckheim-Playlist: https://www.youtube.com/playlist?list...
 Es dürfte aus dem Gesagten einleuchten, daß Zen einem Christen helfen kann, zu einem tieferen christlichen Gebet zu kommen. Es ist eine Tatsache, daß heute auch bei Christen, die es sein wollen und auch sind, die gegenständliche Meditation nicht mehr ankommt. Das ist typisch für unsere Zeit, wo das rationale oder begriffliche Denken im Bereich des Religiösen nicht mehr die Bedeutung hat, wie es am Anfang dieses Jahrhunderts bei gläubigen Christen noch der Fall war, und wie ich es selbst noch erfahren habe. Das gilt wenigstens für den westlichen Menschen. Was den östlichen Menschen betrifft, so wie ich ihn in vielen Jahren in Japan und auch in etwa in Korea kennengelernt habe, ist diese Art der gegenständlichen Meditation, wie wir sie zugleich mit dem Christentum vermittelt haben, niemals recht angekommen, wenn man Meditation als Gebet versteht, wohl aber im Sinne von besserem Verständnis des christlichen Evangeliums. Als typisches Beispiel möge das Folgende dienen. Ich hatte vor etlichen Jahren Gelegenheit in einem Noviziat von koreanischen Schwestern mit 45 Novizinnen einen Tag in der Weise des Zen zu meditieren. In der Aussprache danach sah die Reaktion so aus: Bisher haben wir in der täglichen Meditation einen Schrifttext vorgelegt bekommen, um damit zu meditieren. Dieses Mal hatten wir zum ersten Mal das Gefühl, daß wir während der Meditation beteten. 


Im koreanischen Gewand während der Zen-Exerzitien
in Korea, 1970
 Auch auf den Philippinen, die Jahrhunderte hindurch unter westlichem Einfluß gestanden haben, nicht nur politisch, sondern auch religiös wie auch in den Meditationsweisen, scheinen die einheimischen Christen ihre Identität im Religiösen wiedergefunden zu haben. Es ist ganz erstaunlich, wie viele von ihnen bei richtiger Führung in der Zen-Meditation die Erleuchtung erfahren. Es ist wahr, daß das Wort Zen vielen Menschen auch in Europa bekannt ist und auch von außen her in etwa verstanden wird, wozu auch die Sendungen im Fernsehen beitragen, in denen verhältnismäßig oft zen-buddhistische Mönche zeigen, wie sie still in der Meditation sitzen. Aber dadurch allein kann man diese Dinge nicht von innen verstehen. In unseren Zenkursen in Shinmeikutsu geben wir immer wieder von neuem die obigen Erklärungen und stellen fest, daß die Meditierenden sie besser verstehen, und so oft sie dieselben hören, besser verstehen sie auszuführen. Es sind eben Dinge, die man tun muß, um sie zu verstehen. Und: wenn man wissen will was Zen ist, muß man es praktizieren.


Erleuchtung ist nur der Anfang 


 Im Zen wird Satori geprüft, es müssen ganz bestimmte Fragen beantwortet werden. Allein der Eindruck, daß einer die Erleuchtung hat, genügt nicht. Damit jemand Zen-Meister wird, müssen noch etwa 400 bis 500 Kōan gelöst werden, einer nach dem andern, damit die Erleuchtung wirklich integriert wird. Das ist eine notwendige Voraussetzung. Doch es geht auch anders. 


 Theoretisch kann jeder Mensch zur Erleuchtung kommen, aber das setzt natürlich Verschiedenes voraus. Erleuchtung kann auch ganz plötzlich kommen, ohne daß man etwas von Zen weiß, bei irgend einer Gelegenheit und unabhängig vom Alter, und die Leute wissen in so einem Fall nicht, was es ist und wie sie damit umgehen sollen, aber sie möchten es gerne wiederhaben. Wenn sie dann zum Zen kommen und von Erleuchtung hören, fragen sie nach der Erleuchtung und sagen, so etwas habe ich schon einmal erfahren. 


 Sie erzählen, wie das gewesen ist, und diese Erleuchtung wird nun konkret geprüft: Man gibt ein ganz bestimmtes Kōan, d. h. eine paradoxe, rätselhafte Begebenheit aus dem Leben der früheren Zen-Meister und -Schüler, ein besonders schwieriges, meist das Koan »Mu«. Damit üben die Betreffenden dann einige Zeit lang, indem sie beständig das Wort »Mu« wiederholen und versuchen, überhaupt nichts zu denken, nicht zu überlegen, was das ist, sondern nur mit dem »Mu« eins zu werden. Das heißt also: keine Erwartung haben, nicht an Erleuchtung denken. Man empfiehlt den Leuten auch, das zu Hause zu üben und sich bei jeder Arbeit so auf die Tätigkeit zu konzentrieren, daß sie mit ihr eins werden - das bedeutet, ohne Egoismus dabei zu sein.



Koan Mu, eine Kaligraphie von
Yamada K
ōun Rōshi, Kamakura


 Das berüchtigte Ego, das sogenannte kleine Ich, steht den meisten im Weg, wirklich eins zu werden. Damit wird die Arbeit nicht schlechter, sondern besser. Bei manchen Tätigkeiten kann man auch das »Mu« einsetzen. Es kann dann vier oder fünf Jahre dauern, auch mehr, bis es zur Erleuchtung kommt. Jetzt muß der Mensch die damit verbundene Erfahrung integrieren, und das heißt: Er muß ein anderer Mensch werden, ein vollkommener, aufrichtiger Mensch im besten Sinne des Wortes. Das heißt nicht, diese oder jene Religion zu haben, sondern daß er ehrlich ist und sich selbstlos für die Menschen einsetzt. Im letzten Stadium, wenn er ganz umgewandelt ist, vergißt er die Erleuchtung und arbeitet selbstlos für die Menschen. 

 Erleuchtung ist ein Innewerden von der Wirklichkeit, dem Absoluten, und das verliert der Mensch auch nicht – aber die Umwandlung geschieht nicht allein durch die Erleuchtung, dazu braucht man das ganze Leben. Die Erleuchtung ist nur der Anfang! Wichtig ist, daß der Betreffende an sich arbeitet. Zuerst muß er sehen, was sein Hauptfehler, sein Haupthindernis ist, und dagegen muß er am meisten angehen. Bevor man an die Erleuchtung denkt, muß man sich bemühen, ein richtiger, guter Mensch zu werden, ehrlich, aufrichtig, mitleidig, selbstlos und treu – dann kann man die Erleuchtung anstreben. 


 Ein Mensch kann das Bewußtsein haben, daß er das Letzte erfahren hat, und das bleibt. Es wieder zu erfahren ist nicht so leicht, und das ist auch nicht die Hauptsache. Die erste Erfahrung zu vertiefen und zu integrieren ist wichtiger. Universalgültig ist die Selbstlosigkeit. Jedes kleine Ich, das rumtanzt und alles bestimmt, muß weg. Selbstlosigkeit hat es immer gegeben, in allen Religionen, aber diese zu leben, ist das Schwerste. Die Berührung mit dem Absoluten weckt sie, und dann muß man an sich arbeiten, sich auf den so markierten Weg begeben.

aus Hugo M. Enomiya-Lassalle, Mein Weg zum Zen


Einfuehrung in ZEN Meditation P Enomiya Lassalle SJ Teil 1 [13:07]
Veröffentlicht am 04.10.2012
Einführung in ZEN Meditation von Pater Enomiya Lassalle SJ aus dem Jahr 1985

Mittwoch, 31. Oktober 2012

Die weiße Maus

Der siebte, der letzte Tag. Die Tradition schreibt vor, daß Rohatsu mit einer Party endet. Rupert hatte keine Vorbereitungen für die Party getroffen, deshalb nahm ich an, daß wir außerhalb feiern würden. Ich freute mich auf das letzte Läuten der Glocke. Es würde langsam verklingen, wir würden noch eine Minute auf unseren Sitzen verharren und darauf warten, daß der Jikki die Halle verließe. Dann würden wir, zum letztenmal, antreten und ordentlich hinausgehen. Aber draußen wären wir frei, frei, zu lachen und zu scherzen und uns auf die Schultern zu klopfen. Und dann würden wir irgendwo anders sein, um zu essen und zu trinken. 

 Die letzte Periode kam, und ich tat mein Bestes, um sie nicht zu vergeuden. Die plötzliche Stimme des Jikki schreckte mich auf. 


 »Heute abend wird es keine Party geben«, sagte Rupert. »Peter will, daß wir das Schweigen bis morgen früh fortsetzen. Wir werden alle um neun Uhr am Grab des alten Meisters erwartet. Danach gibt es ein gemeinsames Frühstück.« 


 Er hustete. Ich wartete auf den Rest der Botschaft, aber das Schweigen lastete wieder auf dem Zendo. Edgar, mein Nachbar, blies durch seinen Schnurrbart. 


 ›Mahlzeit‹, dachte ich. ›Keine Party. Schrecklich.‹ 


 Doch als die Woge der Enttäuschung vorüber war, grinste ich. Keine Party. Na und? Die Party war mir eigentlich egal. Es gab andere schöne Dinge, an die man denken konnte. Rohatsu war vorbei, und ich konnte gemütlich Kaffee trinken, schönen starken Kaffee mit einem Schuß Büchsenmilch. Und hinterher unter meine Decken tauchen. Und am nächsten Morgen lange schlafen. Ich brauchte nicht vor acht Uhr aufzustehen. Und nach dem Frühstück würde ich einen Spaziergang im Wald oder am Strand machen. Ich könnte mir die Schwertschwänze ansehen und die Eichelhäher füttern. Und ich hatte ein gutes Gewissen. Ich hatte mein Bestes getan, natürlich hätte es besser sein können, aber trotzdem, diesmal hatte ich mich wirklich bemüht. 


 Ich schätzte, daß uns noch fünf Minuten blieben, und verstärkte wieder meine Konzentration. 


 Das vertraute Rascheln von Peters seidenem Kimono holte meine Aufmerksamkeit wieder in die Halle zurück. Er hatte Rohatsu eröffnet, nun würde er die Woche beschließen. Ich lauschte, zweifellos würde er die richtigen Worte wählen. Er hatte den Altar erreicht und wandte sich uns zu. »Ich möchte euch die Geschichte von der kleinen weißen Maus erzählen.« Eine Woge des Glücks durchströmte mich. Die weiße Maus. Hätte er einen besseren Titel aussuchen können? Das kleine Tierchen mit seinem langen Schwanz, das in einem Glaskasten wohnt und Tunnel durch das Sägemehl gräbt, um als Höhepunkt seiner Aktivitäten in einem aus einer Zigarrenkiste gezimmerten Rad zu laufen. In dem Moment, in dem Peter die Worte die weiße Maus aussprach, wußte ich, daß meine Zweifel an der Lehre und an der allgemeinen Ausbildung, an der ich teilgenommen hatte, gegenstandslos waren. Ich lebte schließlich doch in der Welt Han-Shans und seines Freundes Shih-te, der verrückten kleinen Burschen, die vor tausend Jahren auf ihrem Kalten Berg herumliefen. Ich hatte getan, was ich hatte tun müssen, als ich nach Japan gegangen war. 


 Blitzschnell zogen eine Reihe weit zurückliegender Szenen an meinem Auge vorbei, die ersten Anzeichen der Befreiung, die ich an diesem Abenteuer schließlich finden würde. Ich erinnerte mich, wie ich schon als ganz kleines Kind gewußt hatte, daß die Aufregung, die Ängste und die Sorgen der Erwachsenen in meiner unmittelbaren Umgebung keine wirkliche Grundlage besaßen. Ich erkannte es blitzartig, aber es gelang den anderen immer, mich davon zu überzeugen, daß ich unrecht hatte, und dann fühlte ich mich wieder schuldig oder ängstlich - oder beides. 


 Die menschliche Natur hat keine wirkliche Verbindung mit den Gefühlen Schuld oder Angst - sie ist frei. Und ich wußte auch, daß diese Entdeckung nichts mit irgendeiner spezifischen Religion, nicht einmal mit dem Lächeln der Buddhastatue, zu tun hatte. Buddha entdeckte, was lange vor ihm bekannt gewesen war. Die auf sein Erlebnis gegründete Religion hatte mit dem plötzlichen Befreiungsblitz, den ich an jenem Abend im Zendo verspürte, nicht das Geringste zu tun. Ich begriff jetzt, warum der Meister im Tempel von Kioto sich geweigert hatte, mich zum Buddhisten zu machen. Wer sich fanatisch an irgendeinen Glauben bindet, versperrt sich den Weg nach draußen. Ich erinnerte mich, daß der alte Lehrer, in den mehr als zwanzig Jahren seines Meister-Daseins, es immer abgelehnt hatte, die Wörter Buddhismus oder Zen zu gebrauchen. Er hatte immer überrascht gelächelt, wenn ein SchüleI Buddha zitierte, um etwas zu beweisen.  


 »Eine kleine weiße Maus«, wiederholte Peter. 

 »In Japan ist eine weiße Maus ein gutes Omen. Wenn man eine weiße Maus sieht, kann man mit ein bißchen Glück rechnen. Sie ist ein Zeichen für Gesundheit, viel Geld, Erfolg. 

 Eines Tages nahmen ein Vater und sein Sohn in ihrem kleinen Haus ihren Abendreis zu sich. 

 ›Vater«, sagte der Sohn, ›sieh dich jetzt nicht plötzlich um, hinter dir läuft ein kleiner Gast, jemand, der uns Glück bringen wird.‹ Der Vater blickte vorsichtig über seine Schulter. Er sah eine kleine weiße Maus.

 Vater und Sohn lächelten. Still beobachteten sie die Maus, die auf den Reisstrohmatten hin und her lief. Aber dann schüttelte sich die Maus und wurde mit dieser Bewegung zu einer gewöhnlichen grauen Maus. Eine graue Maus, die zufällig in die Mehlbüchse gefallen war.«



 » Seid nicht wie die kleine weiße Maus. Es ist eine harte Woche gewesen. Eine schwierige Übung. Wenn ihr euch jetzt schüttelt, werdet ihr so grau sein wie am Anfang von Rohatsu. Paßt auf und bleibt weiß. Eines Tages werdet ihr vielleicht wirklich weiß sein.«

 Er verbeugte sich und verließ den Zendo. Rupert läutete seine Glocke zum letztenmal.




 Vielleicht hast du jetzt Satori erfahren. Die große Erfahrung, von der die Zen-Bücher sprechen. 

 Ist es wichtig, was genau du erfahren hast? 


 Natürlich nicht. 


 Nichts ist wichtig. 


 Auch Satori ist nicht wichtig. 


 Vergiß das Wort. 


 Lebe, als ob du es nie gehört hättest.

aus Janwillem van de Wetering, Ein Blick ins Nichts

Dienstag, 30. Oktober 2012

Sein Wohlbefinden steigern

GEFÜHLE – Zufriedenheit lässt sich trainieren. Nur wie? 

 180 Männer und Frauen in der Schweiz trainierten Charakterstärken. Damit steigerten sie ihr Wohlbefinden, so eine Studie der Universität Zürich. Die Teilnehmer waren heiterer und häufiger positiver Stimmung. „Die Teilnehmer waren Menschen, die sagten: ‚Mein Leben ist eigentlich ganz ok, ich möchte aber wissen, wie es noch besser werden kann’“, sagt Rene Proyer, Psychologe an der Universität Zürich. 

 Die Männer und Frauen trainierten Dankbarkeit, Optimismus, Humor, Neugier, Enthusiasmus, Sinn für das Schöne, Kreativität, Freundlichkeit, Liebe zum Lernen und Weitsicht. Dahinter steht die Annahme, dass Menschen, die solche Charakterstärken einsetzen, mehr Positive Gefühle erleben. Sie sehen mehr Sinn im Leben, haben bessere Beziehungen und Handlungsoptionen, so die Studiel1autoren. 


 Auf die positive Seite des Lebens wechseln 

 Die Frauen und Männer trafen sich 14-täglich, bekamen eine Stärke vorgestellt und übten sie in der Gruppe. „Als es um Dankbarkeit ging, mussten sie sich zum Beispiel mit ihrem Sitznachbarn darüber austauschen, wie sie in eineibestimmten Situation Dankbarkeit erlebt hatten“, sagt Proyer. Als Hausaufgabe sollten die Teilnehmer einem Menschen einen Dankbarkeitsbrief schreiben, ihm diesen vorlesen und die Reaktion beobachten. 

 Um Neugier zu fördern, schlugen die Forscher verschiedene Aktivitäten vor, etwa, sich über die Küche eines anderen Landes zu informieren und ein Gericht nachzukochen. „Die Leute sollten etwas Neues kennenlernen und beobachten, ob es ihnen Spaß macht“, sagt Proyer. Die Männer und Frauen mit dem Stärketraining fühlten sich anschließend besser, waren heiterer. Wer auf Dauer freundlicher mit Nachbarn oder Kollegen umgeht, der bekomme eher positive Rückmeldungen und fühle sich besser, sagt Psychologe Proyer. 


 „Sie werden durch so ein Training nicht plötzlich von einem unglücklichen Menschen zu einem glücklichen“, sagt Prof. Michael Eid, Psychologe an der Freien Universität Berlin. Aber es gebe Effekte. Es sei möglich, durch solches Training das Wohlbefinden zu steigern.



aus der Beilage der Welt am Sonntag vom 28.10.2012



Montag, 29. Oktober 2012

Narzißmus



Die Angst vor der Liebe

Europa verdankt den Griechen viele Mythen. So den von Narziss, dem jungen Mann, der sich erst verlieben konnte, als er im Wasser sein Spiegelbild sah. Narziss war so von sich einge­nommen, dass er alle zurückwies, die seine Zuneigung wünschten. Als eine Nymphe daher die Götter anrief, er möge niemals glücklich sein, erhörte sie die Rachegöttin Nemesis und strafte Narziss mit eiern Fluch der Selbstliebe.

Heute ist unsere Gesellschaft narzisstisch, diagnostiziert der Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz („Die narzisstische Gesellschaft, Ein Psychogramm“, Verlag Beck, 2012): Sie lenkt sich ab mit Konsum, giert nach Bewunderung und will eigenes Unglück nicht sehen.

Von einer narzisstischen Störung sprechen wir Psychotherapeuten, wenn sich bei einem Menschen Streben nach Großartigkeit mit Überempfindlichkeit gegenüber Kritik, Selbst­bezogenheit und Mangel an Einfühlung in andere paart.

Bekommt ein Kind nicht die Anerkennung, die es braucht, kann es keinen gesunden Narzissmus, kein Selbstwertgefühl entwickeln. Narzissten, meint Buchautor Maaz, haben Liebesmangel erlebt und wollen an ihn nicht erinnert werden. Daher sperren sie sich zu fühlen und haben Angst vor der Liebe. Sie wähnen sich großartig, größer, als sie sind, oder auch klein und minderwertig.

Um ihr schwaches Selbstwertgefühl zu stärken, streben Narzissten nach Perfektion. Sie versuchen, andere Menschen dazu zu bringen, sie zu bewundern, und durch Erfolg, Schönheit, Macht die lebensnotwendige Aufmerksamkeit zu erlangen. Gelingt ihnen dies, bringen sie es leicht zu großer Anerkennung, während die innere Leere bleibt. US-Popstar Michael Jackson ist ein tragisches Beispiel.
Beschäftigt mit sich selbst, sieht der Narzisst die Mängel der anderen, nicht die eigenen. Er entwertet andere Menschen und wertet sich selbst auf. Er kritisiert, aber darf nicht kritisiert werden. „Die Kränkbarkeit ist die Achillesferse der narzisstischen Störung“, schreibt Maaz. An Politikern beobachtet er, dass sie Kränkungen abwehren, indem sie alles, was sie tun, zum Erfolg erklären und andere Parteien abwerten.

Den frühen Mangel des Narzissten können heilsame Beziehungen ausgleichen, zum Beispiel wenn,eine aufopfernde Frau ihren narzisstischen Mann erträgt. Zur Therapie kommt dieser nur, wenn er von seinem Gefühl von Grandiosität in eine Depression kippt oder wenn er leidet, weil andere sich ihm entziehen.

Ein Narzisst hat es äußerst schwer, ehrlich zu sich selbst sein. Denn dazu muss er seiner Wut und seinem Schmerz begegnen. Und Milde und Einfühlung gegenüber sich und anderen Menschen lernen.

Prof. Ulfried Geuter in der Beilage zur Welt am Sonntag vom 28.10.2012
(auch hier zu finden:
- Narziss oder die Angst vor der Liebe, Gesund-Magazin, 24.10.2012) 
siehe auch:

(3sat) delta vom 10.01.08: Narzissmus im Alltag [5:13]


Veröffentlicht am 03.03.2012


Narcissistic Personality Disorder: A Portrait [12:07]

Hochgeladen am 12.09.2011
Clinical psychologist Joseph Burgo uses film clips to illustrate the prominent symptoms of narcissistic personality disorder. Burgo is the author of THE NARCISSIST YOU KNOW: DEFENDING YOURSELF AGAINST EXTREME NARCISSISTS IN AN ALL-ABOUT-ME AGE.

Copyright Disclaimer Under Section 107 of the Copyright Act 1976, allowance is made for "fair use" for purposes such as criticism, comment, news reporting, teaching, scholarship, and research. Fair use is a use permitted by copyright statute that might otherwise be infringing. Non-profit, educational or personal use tips the balance in favor of fair use."

http://www.afterpsychotherapy.com/nar...


Die Symptomatik besteht weniger In klar umschriebenen und vom Patienten benennbaren Symptomen, sondern mehr in vagen Gefühlen innerer Leere, Depression, Sinnlosigkeit und in einer starken Kränkbarkeit und Schamanfälligkeit, also in schweren Selbstwertstörungen. Zur Unterscheidung von ähnlichen Klagen bei klassischen Neurosen bedarf es jedoch des Studiums der spezifischen Übertragungsunterschiede und der anders gelagerten Gegenübertragungsgefühle, die im Analytiker hervorgerufen werden. Leitseil der Diagnose ist also weniger die deskriptive Symptomatik, sondern die Beziehungsfähigkeit des Patienten.

Kohut sieht diese Störung in einem primären Defekt der Selbstentwicklung, der in eine Fixierung an das archaische Größen-Selbst des Kindes bzw. in eine Fixierung an die archaisch idealisierte Eltern- Imago (s. Kap. C. 1d) mündet. Diese blockierten, nach Kohut aber an sich normalen Entwicklungsstadien des primitiven Narzißmus werden entweder verdrängt (horizontale Spaltung) oder durch Verleugnung vom Real-Selbst abgetrennt (vertikale Spaltung). Größenphantasien können dann neben tiefen Minderwertigkeitsgefühlen als scheinbar getrennte Persönlichkeitsanteile nebeneinander bestehen bleiben, zwar bewußt, aber ohne Einsicht in deren Widersprüchlichkeit, sukzessiv erlebt, aber jedesmal mit Absolutheitscharakter. Um sich vor dem Umschlag der Größenphantasie in das Gefühl innerer Leere defensiv zu schützen, bedarf der narzißtisch Gestörte in seinem ständigen Nachholbedarf nach Spiegelung, Widerhall und narzißtischer Zufuhr ständig bewundernder Außenobjekte zur Hebung seines Selbstwertgefühls, deren er sich genau so »egozentrisch« bedient, wie hierzu oft suchtartig ein Gehabe von Pseudovitalität, sexuellem Agieren in Form von Promiskuität und Perversion oder der Gebrauch von Drogen eingesetzt wird, was jedoch nur kurzzeitig die Depression und Apathie zu lindern vermag. Weniger defensiv als kompensatorisch können besondere Begabungen und Fähigkeiten in wissenschaftlicher oder künstlerischer Kreativität und Produktivität entwickelt und eingesetzt werden, die eine sozial akzeptable Verarbeitung ermöglichen, der aber – da es sich um Kompensationen handelt – oft die dauerhafte Freude und echte Befriedigung abgeht. Kohut unterscheidet narzißtische Persönlichkeitsstörungen von narzißtischen Verhaltensstörungen: bei ersteren geschieht das defensive Verdecken mehr autoplastisch durch Phantasien (Hypochondrie, Depression, Überempfindlichkeit gegen Mißachtung), bei letzteren mehr alloplastisch durch promiskuöses und sadistisches Verhalten, Perversion, Straffälligkeit oder Sucht.

Kernberg sieht diese Struktur ebenfalls in einer Störung des Selbstwertgefühls begründet, die auf einem pathologischen Größen-Selbst beruht. In Abhebung von Kohut sieht er jedoch darin nicht einfach eine persistierende normale, aber blockierte Entwicklungsstufe des Kindes, sondern ein komplexes pathologisches Verschmelzungsprodukt zwischen Anteilen des Real-Selbst, des Ideal-Selbst und der Idealobjekte, das unter dem Einfluß dominierender, kalter, narzißtischer und zugleich überfürsorglicher Mütter entstanden ist, die oft ein begabtes Kind zu ihrem Eigenbesitz hochstilisiert haben, ohne es als Eigenwesen wirklich zu lieben. Das Gefühl, im Grunde ungeliebt zu sein, wird daher vom Kind abgewehrt durch die Überzeugung, etwas Besonderes zu sein mit der entsprechenden Sucht nach Größe und Bewunderung durch andere bei gleichzeitiger verächtlicher Entwertungstendenz anderen gegenüber. Im Grunde muß das Größen-Selbst vor allem die frühkindlichen Wut- und Neidgefühle in Schach halten, erfüllt also eine Abwehrfunktion gegen die Gefühle der Ohnmacht. Kernberg sieht also den pathologischen Narzißmus durchaus in Zusammenhang mit Triebfaktoren, als Abwehr gegen oral-aggressive Impulse und als ein durch Triebimpulse, z. B. unneutralisierte Aggression verformtes Phänomen (Fehlentwicklung), das nicht einfach dem kindlichen Narzißmus entspricht und nur anachronistischen Charakter hat (Entwicklungs-Blockade).

Daraus resultieren die beträchtlichen Störungen in den Objektbeziehungen: solche Menschen haben wenig Empathiefähigkeit für die Gefühle anderer, sind weitgehend liebesunfähig, mißtrauisch gegen Abhängigkeiten und im Verhalten oft ausbeuterisch und parasitär. Zu den von ihnen idealisierten Menschen besteht keine wirkliche Objektbeziehung: da diese nur als Erweiterung des Selbst erlebt und daher narzißtisch geliebt werden, also nur insoweit wichtig sind, als sie der Selbstliebe dienen, werden sie bei Enttäuschung fallen gelassen »wie eine heiße Kartoffel«. Die innere Formel solcher Menschen charakterisiert Kernberg so: »Ich brauche ja gar nicht zu fürchten, abgelehnt zu werden, weil ich meinem Idealbild so entspreche, wie ich es müßte, um von der Idealperson, an deren Liebe mir liegt, überhaupt geliebt werden zu können. Nein, diese ideale Person und mein eigenes Ideal und mein wirkliches Selbst sind ein und dasselbe; ich bin selbst mein Ideal, und damit bin ich viel besser als diese Idealperson, die mich hätte lieben sollen, und brauche niemanden.«

Im Gegensatz zu Borderline-Störungen, deren Selbst für eine stabile Übertragung nicht ausreicht, können narzißtische Störungen meist mit Psychoanalyse behandelt werden, da sie ein integriertes, wenn auch pathologisches Größen-Selbst ausgebildet haben. Kohut hat typische Übertragungsformen dieser Patienten beschrieben (narzißtische Übertragungen). Der Analytiker wird nicht wie bei den klassischen Neurosen als eigenständiges Gegenüber erlebt, sondern entweder über lange Zeit idealisiert (idealisierende Übertragung) oder als unabgegrenzter Teil des eigenen Selbst (Verschmelzungs- Übertragung), zumindest als wortlos seelenverwandt (Zwillings-Übertragung) oder als die gute Mutter der Kindheit (Spiegel-Übertragung) erlebt, jedoch als Eigenpersönlichkeit kaum wahrgenommen. Auch Kernberg betont die grundsätzliche Analysierbarkeit, sofern es sich nicht um eine narzißtische Persönlichkeit mit manifestem Borderline-Niveau handelt, für die dann eine modifizierte analytische Therapie in Kombination mit stützenden Verfahren notwendig wird.


aus Elhardt, Siegfried; Tiefenpsychologie, Eine Einführung, Urban Taschenbücher, 
10. Aufl., 1986

siehe auch:


- 12. Narzissmus und Störungen des Selbst (aus: Jens León Tiedemann, Die intersubjektive Natur der Scham, Dissertationen Online, FU Berlin, 04.07.2007, PDF)
- Grundpositionen narzisstischer Theorie- und Therapiekonzepte (Axel Krefting, SAP-Zeitung Nr. 8, Februar 2004, veröffentlich bei Psychoanalyse Salzburg, PDF)
- Heinz Kohut’s Narzissmustheorie (Judith Valk, Werkblatt – Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik, 3/4/5-1985, PDF)
- Grandiosität, Größen-Selbst, das grandiose Selbst-Objekt und die narzisstische Wut (Willy Breyvogel, Universität Duisburg-Essen, Vorlesung vom 26.01.2004)
- Ichhaftigkeit und Narzißmus (Margit Fally, ÖAGP-Informationen 8. Jg. (1999),2/99, PDF)

aktualisiert am 28.12.2015

Sonntag, 28. Oktober 2012

Die Sache mit der Überraschung 

Falls Sie planen, Ihre Frau mit einer Reise zu überraschen, sollten Sie sich das noch einmal gut überlegen. Zwar erwarten Frauen Spontaneität von Männern, aber die hört spätestens beim Urlaub auf. Eine neue Studie von British Airways hat ergeben: Die meisten britischen Frauen hassen solche Überraschungs-Trips – und das gilt wohl auch für Kontinentaleuropäerinnen. Die typische weibliche Reisende braucht demnach mindestens sieben Tage und elf Stunden Vorbereitungszeit für eine Reise – damit sie auch Zeit hat, dreimal einkaufen gehen zu können. 

Noch schlimmer: wenn der Mann auf die Idee kommt, heimlich für die Frau zu packen, damit die Überraschung perfekt ist. Das kann einfach nicht gut gehen. Denn, so die Studie, eine Frau braucht durchschnittlich neun komplette Reise-Outfits. Und eine Menge Schuhe. Aber das müssen Männer ja auch nicht verstehen.


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Eine Reise ist wie eine Ehe:
Die sicherste Art zu scheitern ist zu glauben, man habe sie im Griff.
 John Steinbeck, US-Schriftsteller (1902-1968) 

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Jeder zehnte deutsche Passagier hat auf Flügen einen Glücksbringer dabei. Das ergab eine Umfrage des Helsinki-Airports. Kann ja nicht schaden.
Welt am Sonntag vom 28.10.2012

Ich frage mich, wie dieser Artikel aufgenommen werden würde, wenn man die Geschlechter vertauscht hätte…

Freitag, 19. Oktober 2012

Der überspannte Bogen

Sie müssen in die Tiefe gehen! [0:36]

Veröffentlicht am 18.03.2012
Zen Meister Kenran Umeji und Karlfried Graf Dürckheim
Der Zen Meister tadelt Dürckheim wegen oberflächlichem Geschwätz.


Es war an einem heißen Sommertag in Tokio, und ich erwartete Meister Kenran Umeji, meinen Lehrer im Bogenschießen. Einige Wochen hatte ich für mich allein geübt und freute mich darauf, dem Meister zu zeigen, daß ich meine Lektion gelernt hatte. Ich war gespannt, welche Überraschung die heutige Stunde bringen würde; denn jedesmal hatte es, wenn der Meister kam, eine Überraschung gegeben.

Das Erlernen einer japanischen Kunst – handle es sich nun um das Bogenschießen oder das Schwertfechten, das Blumenstecken oder Malen, das Schreiben der Schriftzeichen oder die Kunst des Tees – ist voller Seltsamkeiten für Schüler aus dem Westen. Wer zum Beispiel beim Bogenschießen meint, es käme aufs Treffen an, ist in einem Irrtum befangen. Worauf soll es denn sonst ankommen? Nun – darüber sollte ich heute wiederum sehr eindringlich belehrt werden.

Der Meister erschien zur verabredeten Stunde – ein kurzes Gespräch bei einer Tasse Tee, und dann ging es in den Garten, wo die Scheibe stand. Mit dieser Scheibe war die erste Überraschung verknüpft, die ich gleich zu Beginn mit dem Bogenschießen erfahren hatte: Es war ein Strohbündel von etwa 80 cm Durchmesser, in Augenhöhe auf ein Holzgestell gelegt, und man kann sich vorstellen, daß ich nicht wenig verwundert war, als ich hörte, daß der Schüler im Bogenschießen erst einmal drei Jahre an dieser Scheibe zu Üben hat und zwar auf eine Entfernung von drei Metern! Drei Jahre auf drei Meter Entfernung auf ein Strohbündel von 80 cm Durchmesser schießen? Wird das nicht langweilig? Nein, im Gegenteil! Es wird, je mehr man in den Sinn der Übung eindringt, von Tag zu Tag aufregender; denn es kommt gar nicht aufs Treffen an – sondern auf die innere Haltung und durch sie auf das Voranschreiten auf dem inneren Weg.

Ich trete also an. Der Meister steht vor mir. Ich verbeuge mich, wie es die Sitte gebietet, erst vor dem Meister, dann, mit einer Linksbewegung, vor der Scheibe, nehme wieder Front zum Meister hin und vollziehe ruhig die ersten Bewegungen. In gelassenem Fluß muß eine Bewegung aus der anderen hervorgehen. Ich stelle den Bogen aufs linke Knie, nehme den einen der beiden gegen das rechte Knie gelehnten Pfeile auf, lege ihn auf die Sehne; die linke Hand hält ihn zugleich mit dem Bogen fest, und dann geht die rechte langsam in die Höhe, um – während der Atem voll ausfließt – wieder niederzukommen. Die Hand greift in die Sehne, und dann wird – langsam einatmend – endlich im Heben der Bogen allmählich gespannt. Das ist die entscheidende Bewegung, die so still und stetig geschehen muß, wie der Mond am abendlichen Himmel aufsteigt. Noch habe ich nicht die volle Höhe erreicht, bei der dann der im voll ausgespannten Bogen liegende Pfeil Ohr und Wange berührt – da durchfährt mich die Orgelstimme des Meisters: »Halt!« Erstaunt und etwas unmutig Über diese Unterbrechung im Augenblick höchster Sammlung lasse ich den Bogen herab. Der Meister nimmt ihn mir aus der Hand, schlägt die Sehne einmal um die Bogenspitze herum und reicht ihn mir lächelnd zurück. »Bitte, noch mal!« Ahnungslos beginne ich aufs neue. – Die gleiche Bewegungsfolge läuft ab. Doch als es zum Spannen kommt, ist meine Kunst schnell am Ende. Der Bogen hat die doppelte Spannung erhalten, und meine Kraft reicht nicht mehr aus. Die Arme beginnen zu zittern, ich schwanke ohne Halt hin und her, die mühsam gewonnene Form ist zerschlagen; – der Meister aber fängt an zu lachen! Verzweifelt bemühe ich mich noch einmal. Es ist aussichtslos. Nichts als ein klägliches Scheitern –

Ich mag wohl recht ärgerlich dreingeschaut haben, denn der Meister fragt mich: »Worüber sind Sie denn böse?« –

»Worüber? Sie fragen mich noch? Wochenlang habe ich geübt und in dem Augenblick, in dem es darauf ankommt, unterbrechen Sie mich, noch ehe ich geschossen!« Der Meister lacht noch einmal hell auf; dann wird er ernst und sagt etwa dieses: »Was wollen Sie eigentlich? Daß Sie die Form erreicht hatten, die zu erringen in diesen Wochen Ihre Aufgabe war, erkannte ich schon an der Weise, wie Sie mir die Haustür öffneten. Aber so ist das: Wenn der Mensch eine Form seiner selbst, seines Lebens, seines Wissens oder seines Werkes erreicht hat, um die er sich vielleicht lange bemühte, dann kann ihm nur ein Unglück geschehen: daß ihm das Schicksal erlaubt, im Erreichten stehenzubleiben und sich darin festzusetzen! Will das Schicksal ihm wohl, dann schlägt es ihm das Gewordene, ehe es sich verhärtet, wieder aus der Hand. Dieses in der Übung zu tun, ist Sache des wissenden Lehrers. Denn worauf kommt es denn an? Doch nicht aufs Treffen! Beim Bogenschießen, sowenig wie beim Erlernen irgendeiner anderen Kunst, geht es letzten Endes nicht um das, was herauskommt, sondern um das, was herein kommt! Herein, d. h. in den Menschen herein. Auch das Sich-Üben im Dienst an einer äußeren Leistung dient über sie hinaus dem Werden des inneren Menschen. Und was gefährdet dies innere Werden des Menschen vor allem?

Das Stehenbleiben im Gewordenen! Im Zunehmen bleiben muß der Mensch, im Zunehmen bleiben ohne Ende!«
Die Stimme des Meisters war ernst und eindringlich geworden – und in der Tat, dies Bogenschießen ist etwas ganz anderes als ein vergnüglicher Sport, in dem man miteinander im Treffen wetteifert. Es ist eine Lebensschule – oder, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen, eine existentielle Praxis.

Anfangs geht es natürlich stets darum, die äußere Technik zu lernen. Doch beherrscht man dann endlich die äußere Form, dann fängt die eigentliche Arbeit erst an, die unermüdliche Arbeit an sich selbst! Auch die Kunst des Bogenschießens ist dann wie jede andere Kunst nur eine Gelegenheit, in die Tiefe des eigenen Wesens zu dringen. Das aber gelingt nur auf dem harten Weg der Läuterung, d. h. der Befreiung vom eitlen und ehrgeizigen Ich, das gerade dadurch, daß es so sehr um das Gelingen der äußeren Leistung besorgt ist, die Vollkommenheit dieser Leistung gefährdet. Erst wenn dieses Ich Überwunden ist, kann die rechte Leistung gelingen. Dann aber gelingt sie nicht mehr auf Grund eines vom ehrgeizigen Willen gesteuerten Könnens, sondern auf Grund eines neuen inneren Seins. Die gelungene Leistung ist dann der Erfolg einer Verfassung, in der eine tiefere, man kann sagen übernatürliche Kraft frei wird, die nun gleichsam ohne unser Zutun die vollkommene Leistung vollbringt. Und diese Verfassung, nicht die Leistung als solche, ist der Sinn der Exerzitienpraxis des Zen. In seiner Verfassung bezeugt der Mensch, inwieweit er in seiner kleinmenschlichen Wirklichkeit durchlässig geworden ist für die Wirklichkeit eines größeren Lebens. Je nach der Reinheit seiner Verfassung kann dieses durch ihn hindurch offenbar werden in der Welt – unter anderem auch in einer vollkommenen Leistung.