Sonntag, 8. Mai 2011

Vor 155 Jahren: Sigmund Freud wird geboren

The Alan Parsons Project - Far Away From Home {3:11} Text

linkhoochoon3
Am 25.07.2009 veröffentlicht
Alan Parsons Project - Far Away From Home
Freudiana is the brain child of songwriter and musician Eric Woolfson who hit upon the idea of researching the life and works of Sigmund Freud with a view to their musical potential. Fully aware that doing justice to the genius of such magnitude would involve the highest degree of commitment and application, Woolfson set out to retrace Freud's footsteps and explore his realms in what turned out to be also a voyage of self-discovery. What resulted was not only the story of Freud and his work but perhaps more an image of the composer seen through a Freudian mirror.
Literary sources included Freud's classic cases whose real identities he concealed by using names such as Dora and Little Hans (songs on the album). In addition, Freud's writings on his discovery of the 'unconscious', his well known theories and his masterpiece, 'The Interpretation of Dreams', all served as springboard for musical ideas. Eric Woolfson has worked, together with his 'project' partner Alan Parsons and conductor Andrew Powell, for three years on recording Freudiana. Eric Woolfson has written 17 songs and Alan Parsons the instrumental 'Beyond The Pleasure Principle'.
Lead vocalists on the album are: Eric Woolfson (on the fantastic title song Freudiana, Dora and Let Yourself Go), Leo Sayer, Graham Dye, The Flying Pickets (on 'Far Away From Home': amazing), Marti Webb (on the beautiful 'Don't Let The Moment Pass'), Eric Stewart (on 'Upper Me'), John Miles (on 'There But For The Grace Of God'), the golden voice of Chris Rainbow (on the mini song 'Destiny') and several others.
If you listen to Freudiana, you understand that this album is about psychoanalysis. Consequently not all songs are easy accessible. But that is what makes Freudiana brilliant. Woolfson has developed the concept of Freudiana further into a musical (in the German language), that was staged in the early 1990's in Vienna ('Theater an der Wien').
In short, Freudiana is a beautiful and interesting masterpiece of in particular Eric Woolfson. Highly recommended it to all who really appreciate music.    
 


Sigmund Freud (1856-1939), wäre am 6. Mai 155 Jahre alt geworden.

Aus diesem Anlaß ein kurzer Ausschnitt aus dem Buch von Annette Meyhöfer:

Der Essay von 1927 aber war mehr als nur die lange drängende Aufarbeitung und Bündelung seiner Ideen, war mehr als eine Religionskritik. Die Zukunft einer Illusion war Freuds Glaubensbekenntnis. Und noch einmal ein Versuch, sich selbst – und vielleicht ein paar anderen – Mut zu machen in düsterer Zeit. Er hielt es, wieder einmal, für sein schlechtestes Buch, die Arbeit eines alten Mannes.

[…] Für ihn bedeutet Kultur schlichtweg all das, worin sich das menschliche Leben über seine animalischen Bedingungen erhebt, also das Wissen und Können, das sich der Mensch erworben hat, die Natur zu beherrschen und ihr Güter zur Befriedigung seiner Bedürfnisse abzugewinnen, und dazu die Einrichtungen, welche die Verteilung dieser Güter und die gesellschaftlichen Beziehungen regeln. Aber die Kultur, auf die der einzelne so sehr angewiesen ist, verlange ihm schwere Opfer ab; obwohl sie ihm notwendig ist, bleibe er daher virtuell stets ihr Feind. Während in der Beherrschung der Natur ständig Fortschritte gemacht wurden, war eine ähnliche Entwicklung in der Regelung der zwischenmenschlichen Angelegenheiten kaum zu erwarten, so daß nicht einmal das bisher Erreichte verteidigenswert scheint. An das «Goldene Zeitalter» einer gerechten Verteilung von Gütern, einer Aufhebung von Zwang und Triebunterdrückung mag Freud nicht glauben wenngleich er versichert, daß es ihm fernliegt, «das große Kulturexperiment zu beurteilen, das gegenwärtig in dem weiten Land zwischen Europa und Asien angestellt wird». Nein, dazu fehle ihm die Sachkenntnis und die Fähigkeit, über dessen Ausführbarkeit zu entscheiden, «die Zweckmäßigkeit der angewandten Methoden zu überprüfen oder die Weite der unvermeidlichen Kluft zwischen Absicht und Durchführung zu messen». Der «unpolitische» Freud war der Ansicht, daß der Zwang zur Kulturarbeit die «Beherrschung der Masse durch eine Minderheit» erforderte, «denn die Massen sind träge und uneinsichtig, sie lieben den Triebverzicht nicht».

Freud on God {1:18}
Am 25.12.2007 veröffentlicht
MakeCakeNotWar
4 Freud quotes about God with voice over


Er war jedoch alles andere als ein Reaktionär. Wo waren jene vorbildlichen Individuen, jene «Personen von überlegener Einsicht (…), die sich zur Beherrschung ihrer eigenen Triebwünsche aufgeschwungen haben», wo waren die Führer, die nicht der Verführung der Macht erlagen? Bei allen Menschen waren destruktive, antisoziale und antikulturelle Tendenzen vorhanden, damit mußte man rechnen, das war eine Tatsache. Menschen waren mit den mannigfaltigsten Triebanlagen ausgestattet, durch früheste Kindheitserlebnisse geformt. Sie zum Besseren zu erziehen, hieß ihnen neuen Zwang aufzuerlegen. Doch bestreitet Freud nicht, daß es seit jenen prähistorischen Tagen einen Fortschritt gegeben hat: Der äußere Zwang wurde zum Über-Ich verinnerlicht. Aber auch die unendlich vielen, die vor Mord oder Inzest zurückschreckten, versagten sich doch nicht, wenn sie dabei nur straffrei davonkamen, die Befriedigung ihrer Habgier, ihrer Aggressionslust, ihrer sexuellen Begierden auf Kosten anderer. Und hat eine Kultur die Unterdrückung der anderen, der Mehrheit zur Voraussetzung, «und dies ist bei allen gegenwärtigen Kulturen der Fall», wie sollte man da die Feindseligkeit der Armen und Unterdrückten nicht verstehen?

Nur wäre der Mensch ohne die diktatorische Macht der Zivilisation hilflos der Natur preisgegeben, die längst nicht bezwungen war. Spotteten doch die Elemente allem Zwang, die Erde, die bebte, das Wasser, das im Aufruhr alles überflutete, der Sturm, die Krankheiten und «endlich das schmerzliche Rätsel des Todes, gegen den bisher kein Kräutlein gefunden wurde und wahrscheinlich keines gefunden werden wird». Das Leben ist schwer zu ertragen, für die Menschheit im ganzen wie für den einzelnen. So hat man sich aus dem Verlangen nach Trost, dem Bedürfnis, die eigene Hilflosigkeit und die Unvollkommenheiten der Kultur erträglich zu machen, einen «Schatz von Vorstellungen» geschaffen, aufgehäuft aus dem Material der Erinnerungen, der eigenen und der der Menschheitsgeschichte. So ist die Idee in die Welt gekommen, das Leben diene einem höheren Zweck. Aber die religiösen Vorstellungen, die aus ihren primitiven Anfängen, der Sehnsucht nach dem schützenden Vater, sich zu Lehrsätzen und Dogmen entwickelt hatten, beruhten nicht auf Erfahrung, nicht auf Denkleistungen. Sie waren Illusionen, «Erfüllungen der ältesten, dringendsten Wünsche der Menschheit», und «das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke dieser Wünsche». Sie beschwichtigten die Angst vor den Gefahren des Lebens, sie erfüllten das Verlangen nach einer Gerechtigkeit, die auf Erden nicht zu finden sei. Sie versprachen die Einlösung von Wünschen über den Tod hinaus.

Eric Woolfson - Little Hans (Graham Dye) {3:15}
Am 11.11.2011 veröffentlicht
AartOfHorus
Terrible playbacking !

Freud sah sie nicht als Irrtümer oder Täuschungen an, all diese Vorstellungen waren aus menschlichen Begehrlichkeiten entstanden. Manche waren den Wahnideen nahe, doch nicht wie diese unbedingt im Widerspruch mit der Realität, allein, mit dem Verstand weder zu beweisen noch zu widerlegen. Man konnte an sie glauben oder nicht, nur sollte man sich nicht darüber hinwegtäuschen, daß man die Wege des korrekten Denkens verließ: «Die Unwissenheit ist die Unwissenheit.» Gerade in Fragen der Religion machten sich die Menschen «aller möglichen Unaufrichtigkeiten und intellektuellen Unarten schuldig». Natürlich wußte Freud, daß seine Polemik gegen die Religion wohlfeil war. Vorüber waren die Zeiten, da solche Äußerungen «eine gute Beschleunigung der Gelegenheit» waren, «eigene Erfahrungen über das jenseitige Leben zu machen». Er würde nicht einmal verfolgt, nicht verbannt werden wie ein Voltaire. Allenfalls würde sein Buch in eine Sprache nicht übersetzt, in einem Land nicht verbreitet werden, natürlich gerade in einem solchen, «das sich des Hochstands seiner Kultur sicher fühlte». Andere wiederum könnten ihm, der doch stets die Übermacht der Triebe betont hatte, seine skandalöse Inkonsequenz vorwerfen, wenn er die Menschheit ihrer «kostbaren Wunschbefriedigung» beraubte, um sie dafür mit karger intellektueller Kost abzuspeisen. Hatte der Mensch nicht «andere imperative Bedürfnisse, die nie durch die kühle Wissenschaft befriedigt werden können»? Seine kategorische Antwort war nein. Denn darum allein ging es ihm, um das «psychologische Ideal, den Primat des Intellekts».

Sigmund Freud - Die Erfindung der Psychoanalyse 1/2     {57:09}
Am 12.01.2013 veröffentlicht
Geist und Psyche
Dokumentation (F 1997)
Teil 1: Die Anfänge 1885-1914 http://youtu.be/Q6fsbGKhS-k
Teil 2: Der Durchbruch 1914-1960 http://youtu.be/4tbwTW82h34
Der erste Teil hält drei wesentliche Etappen der Entstehung der Psychoanalyse fest: Zunächst die Behandlung der weiblichen Hysterie am Ende des 19. Jahrhunderts, dann die Herausbildung eines ersten Kreises von Anhängern und Schülern von Freud in Wien, die die menschliche Persönlichkeit verstehen und von ihren Zwängen befreien wollen, indem sie die Bedeutung von Träumen, Sexualität und Unbewusstem erforschen, und schließlich die Gründung einer internationalen Bewegung mit dem Ziel, diese moderne Lehre und die neuen Behandlungsmethoden für psychische Leiden in der ganzen Welt zu verbreiten. Der Film befasst sich mit den Ärzten, die die Entdeckungen Freuds ermöglicht haben (z. B. Josef Breuer und Wilhelm Fließ) und zeichnet das Porträt der an Hysterie leidenden Frauen (insbesondere Anna O.). Freud, Wissenschaftler und Abenteurer zugleich, schöpfte seine Ideen aus Darwins Theorie und verglich sich mit Christoph Kolumbus. Um ihn scharte sich eine Gruppe Gleichgesinnter (Psychologische Mittwochsgesellschaft), zumeist Wiener Juden, die sich wie er mit der Idee des Todes und des Untergangs ihrer Gesellschaft, des Habsburger Reichs, auseinander setzten. Weitere treue, aber auch weniger überzeugte Anhänger aus anderen Teilen Europas folgten, darunter Sándor Ferenczi (Budapest), Karl Abraham (Berlin), Ernest Jones (London) und Carl Gustav Jung (Zürich). Doch mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs brach die Welt dieser Vordenker zusammen (Frankreich 1997).

Wer nun gar behaupten sollte, seine Schöpfung, die Psychoanalyse, sei eben doch eine Weltanschauung oder wolle eine solche bilden: Nein, nochmals nein! Es handelte sich um «eine Forschungsmethode, ein parteiloses Instrument, wie die Infinitesimalrechnung». Wieviel leichter hatten es doch die Physiker und Mathematiker, die auf sicherem Grund standen! Er hingegen schwebte in der Luft, geistiges Geschehen war so schwer meßbar. So brauchte ihn der Wahrheitswert der Religion wohl kaum zu scheren, schließlich bedienten sich gerade deren Verteidiger seiner Erkenntnisse über das Seelenleben, um die affektive Bedeutung ihres Hätschelkindes herauszustreichen. Aber, tant pis für die Religion, wenn die Psychoanalyse nun doch noch ein Argument gegen sie fände! Das war schon der Mühe wert, all die Begründungen ihrer Fürsprecher, all die Thesen und Dogmen noch einmal auf den Prüfstein zu legen. Hatte die Religion die Menschen sittlicher gemacht? Nein, immer ließen sich Vorschriften veräußerlichen, Absichten vereiteln – wenn Gott allein stark und gut war, konnte der Mensch schwach und sündig sein. Gewiß hatte es zuzeiten geholfen, daß man das Verbot zu morden als Gottes Gebot mit besonderer Feierlichkeit umkleidete. Aber inzwischen hatte man den Heiligenschein von einigen wenigen großen Verboten auf Gesetze und Verordnungen ausgedehnt, denen er schlecht zu Gesicht stand. Wäre es nicht menschlicher, ganz auf ihn zu verzichten, die soziale Notwendigkeit der Kulturvorschriften erkennbar zu machen? Doch wenn, so der advocatus Dei, die religiösen Vorstellungen nicht nur Wunscherfüllungen wären, sondern auch historische Reminiszenzen enthielten? Nein, das waren nur Kinderneurosen, verdrängte Triebansprüche, ähnlich denen in der Vorgeschichte der Menschheit. So war die ganze Religion eine Art allgemeine Zwangsneurose, der gläubigen Menschheit die Wahrheit zu entstellen. So wie man dem Kind vom Storch erzählt.

Sigmund Freud - Die Erfindung der Psychoanalyse 2/2     {56:48}
Am 12.01.2013 veröffentlicht
Geist und Psyche
Dokumentation (F 1997)
Teil 1: Die Anfänge 1885-1914 http://youtu.be/Q6fsbGKhS-k
Teil 2: Der Durchbruch 1914-1960 http://youtu.be/4tbwTW82h34
Der zweite Teil schildert die Umwälzungen auf dem Gebiet der Psychoanalyse nach dem ersten Weltkrieg und der Niederlage der Mittelmächte. Die Theorie gewann außerhalb von Wien Anhänger und eroberte die großen demokratischen Länder. Doch schon bald mussten sämtliche in Kontinentaleuropa angesiedelten Psychoanalytiker vor Nationalsozialismus und Faschismus in die USA und nach Großbritannien fliehen. Die besondere Lage in Frankreich wird anhand der Vorreiterrolle von Marie Bonaparte und den Surrealisten veranschaulicht. Der Film zeigt, wie die psychoanalytische Lehre in Deutschland systematisch ausgelöscht wurde: Die Werke Freuds wurden verbrannt, seine Lehre wurde zur verhassten "jüdischen Wissenschaft" erklärt. Auf Anraten von Jones ließen sich einige mittelmäßige Psychoanalytiker auf eine Kollaboration mit dem Regime ein, um, wie sie sagten, die psychoanalytische Lehre "zu retten". Den Mittelpunkt des Films bildet Freuds Leben: seine Arbeit, seine Schriften, die Strapazen seiner Krankheit, das Londoner Exil, die Entwicklung seiner Ideen und nicht zuletzt die Beziehungen zu seiner Familie, insbesondere zu seiner Tochter Anna, die nach einer Analyse mit ihrem Vater selbst zu einer führenden Vertreterin der Freudschen Lehre wurde. Die erste Psychoanalytiker-Generation zeichnete sich trotz heftiger Kontroversen durch große Loyalität gegenüber den Theorien des Meisters aus; gleichwohl entfernte sich die zweite, in Berlin ausgebildete Generation von der ursprünglichen Lehre Freuds. Das galt insbesondere für Melanie Klein, die Rivalin Anna Freuds und ab 1925 Hauptvertreterin der sogenannten englischen Schule der Psychoanalyse. Sie, die eigentliche Begründerin der Kinder-Psychoanalyse, konzentrierte die psychoanalytische Diagnostik auf das Studium des Ursprungs von Psychosen und der Beziehung zwischen Mutter und Säugling. Schließlich beschäftigt sich der Film mit der Entwicklung der Psychoanalyse nach Freuds Tod, mit Zweifeln und Illusionen und der Wirkung pharmakologischer Behandlungen. Einen bedeutenden Auftrieb erhielt die Freudsche Lehre jedoch durch Anhänger, die den Gründervater nie kennengelernt haben, wie Jacques Lacan und Donald Woods Winnicott (Frankreich 1997).

Doch, noch einmal, wie konnte gerade die Psychoanalyse, die den Menschen als von seinen Leidenschaften und Trieben gelenkt fand, an die Macht des Intellekts appellieren? War nicht das große historische Experiment schon einmal gescheitert, die Anbetung der Vernunft in der Französischen Revolution? Man brauchte wohl nicht besonders neugierig zu sein, wie das russische Experiment ausging. Aber es gab ja kein anderes Mittel, die Triebe zu beherrschen, als die Intelligenz. Was konnte man von Menschen erwarten, die unter Denkverboten standen, narkotisiert waren durch die Religion, schon von früher Kindheit an, da ihre sexuelle Natur betäubt und geleugnet werden mußte? Daher plädiert der Determinist Freud für die «Erziehung zur Realität», zu Nüchternheit und Verantwortlichkeit: «Der Mensch kann nicht ewig Kind bleiben.» Vielleicht würde dann die Kultur keinen mehr erdrücken, vielleicht dürfte man dann ohne Bedauern «mit einem unserer Unglaubensgenossen», mit Heinrich Heine, sagen:

Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.  (aus: Deutschland – ein Wintermärchen, Strophe 10)

The Alan Parsons Project - Freudiana {3:22}
Am 15.09.2007 veröffentlicht
RionaaM
El videoclip de la canción Freudiana, del disco Freudiana, el último que hizo junto con Eric Woolfson. Una hermosa cancion cantada por Eric Woolfson.

Aber was hatte Freud statt der Illusionen zu bieten? Nur seinen traurigen Gott Logos, der, viel weniger mächtig als seine Vorgänger, von den großen Wünschen – «Menschenliebe und Einschränkung des Leidens» vermutlich nur einen kleinen Teil verwirklichen könnte, soweit die Natur, die «Ananke» es gestattete. Und das auch nur «sehr allmählich, erst in unabsehbarer Zukunft und für neue Menschenkinder». Denn «eine Entschädigung für uns, die wir schwer am Leben leiden, verspricht er nicht».

Die Macht des Unbewussten / Teil 1  [43:40]
Veröffentlicht am 17.04.2014
Über 90 Prozent von allem, was wir täglich machen, erledigt unser Gehirn quasi ohne uns. Unbewusst, oft ohne es überhaupt zu merken. Die zweiteilige Dokumentation "Die Macht des Unbewussten" wirft einen Blick auf diesen "inneren Autopiloten?, am Beispiel von Martha und Jake: zwei Menschen, die sich zufällig über den Weg laufen. Und die - wie wir alle - von unbewussten Mustern im Kopf gesteuert werden, angefangen beim Zähneputzen am Morgen, bei der Auswahl der Anziehsachen, der Art, Auto zu fahren bis hin zu möglicherweise der wichtigsten Entscheidung unseres Lebens: der Frage, in wen wir uns verlieben.

Wie tickt der Mensch wirklich? "Die Magie des Unbewussten" begleitet Neurowissenschaftler in aller Welt bei ihren zum Teil verblüffend unterhaltsamen Experimenten: Allan Snyder lässt an der Universität Sydney im Dienst der Hirnforschung Streichhölzer legen. John Bargh in Yale beweist, dass die Stühle, auf denen wir sitzen, unbewusst unseren Verhandlungsstil bestimmen. Henrik Ehrrson in Stockholm bringt Testpersonen dazu, ihren Körper zu verlassen. Walter Mischel stellt in Stanford die Willenskraft von Vierjährigen mit Mäusespeck auf die Probe. In Phoenix, Arizona, erforscht das Wissenschaftlerpaar Susana Martinez-Conde und Stephen Macknik die Neurologie von Zaubertricks. Und in Berlin weist John Dylan Haynes nach, dass unser Gehirn bis zu sieben Sekunden vor uns Entscheidungen fällt. Nicht nur Allan Snyder ist heute überzeugt: "Bewusstsein ist nur eine PR-Aktion Ihres Gehirns, damit Sie denken, Sie hätten auch noch was zu sagen."

Mit Surf-Kameramann Mickey Smith begibt sich "Die Magie des Unbewussten" in der meterhohen Brandung vor Irlands Westküste auf die Suche nach der Macht menschlicher Intuition. Mit dem Gentleman-Dieb Apollo Robbins erliegt der Zuschauer auf dem Strip in Las Vegas der Magie des Unbewussten und erfährt, wie geschickt der Zauberkünstler die Aufmerksamkeit argloser Passanten manipuliert und ihnen wertvolle Dinge vom Körper stiehlt. Sie können gar nicht anders. "Die Magie des Unbewussten" lässt durch Mitmachspiele und spielerische Tests jeden Zuschauer am eigenen Leib erfahren: Unser Gehirn ist es, das uns ständig austrickst.

Aufwändige 3D-Animationen geben ungeahnte Einblicke tief in die Köpfe von Martha und Jake. Sie zeigen: Der Verstand ist schnell überfordert, wenn es darum geht, uns sicher durch den Alltag zu navigieren. Es ist erstaunlich, wie wenig Einfluss er auf unsere Entscheidungen hat.

Für die Autoren Francesca D?Amicis, Petra Höfer und Freddie Röckenhaus ist "Die Magie des Unbewussten" die zweite Fernsehreihe über die Magie des menschlichen Gehirns - nach "Expedition ins Gehirn", die für den Deutschen Fernsehpreis sowie den angesehenen Grimmepreis nominiert wurde.

Die Macht des Unbewussten / Teil 2  [43:34]
Veröffentlicht am 18.04.2014
Wie tickt der Mensch wirklich? "Die Magie des Unbewussten" begleitet Neurowissenschaftler in aller Welt bei ihren zum Teil verblüffend unterhaltsamen Experimenten: Allan Snyder lässt an der Universität Sydney im Dienst der Hirnforschung Streichhölzer legen. John Bargh in Yale beweist, dass die Stühle, auf denen wir sitzen, unbewusst unseren Verhandlungsstil bestimmen. Henrik Ehrrson in Stockholm bringt Testpersonen dazu, ihren Körper zu verlassen. Walter Mischel stellt in Stanford die Willenskraft von Vierjährigen mit Mäusespeck auf die Probe. In Phoenix, Arizona, erforscht das Wissenschaftlerpaar Susana Martinez-Conde und Stephen Macknik die Neurologie von Zaubertricks. Und in Berlin weist John Dylan Haynes nach, dass unser Gehirn bis zu sieben Sekunden vor uns Entscheidungen fällt. Nicht nur Allan Snyder ist heute überzeugt: "Bewusstsein ist nur eine PR-Aktion Ihres Gehirns, damit Sie denken, Sie hätten auch noch was zu sagen."

Mit Surf-Kameramann Mickey Smith begibt sich "Die Magie des Unbewussten" in der meterhohen Brandung vor Irlands Westküste auf die Suche nach der Macht menschlicher Intuition. Mit dem Gentleman-Dieb Apollo Robbins erliegt der Zuschauer auf dem Strip in Las Vegas der Magie des Unbewussten und erfährt, wie geschickt der Zauberkünstler die Aufmerksamkeit argloser Passanten manipuliert und ihnen wertvolle Dinge vom Körper stiehlt. Sie können gar nicht anders. "Die Magie des Unbewussten" lässt durch Mitmachspiele und spielerische Tests jeden Zuschauer am eigenen Leib erfahren: Unser Gehirn ist es, das uns ständig austrickst.

Aufwändige 3D-Animationen geben ungeahnte Einblicke tief in die Köpfe von Martha und Jake. Sie zeigen: Der Verstand ist schnell überfordert, wenn es darum geht, uns sicher durch den Alltag zu navigieren. Es ist erstaunlich, wie wenig Einfluss er auf unsere Entscheidungen hat.

Für die Autoren Francesca D?Amicis, Petra Höfer und Freddie Röckenhaus ist "Die Magie des Unbewussten" die zweite Fernsehreihe über die Magie des menschlichen Gehirns - nach "Expedition ins Gehirn", die für den Deutschen Fernsehpreis sowie den angesehenen Grimmepreis nominiert wurde.


Eindringlich beschwört Freud den alten aufklärerischen Glauben an die Wissenschaft und damit an die Möglichkeit, durch sie etwas über die Realität der Welt zu erfahren, «wodurch wir unsere Macht steigern und wonach wir unser Leben einrichten können». Mochte er noch so oft betont haben, wie kraftlos der Intellekt im Vergleich zum Triebleben sei: «Aber es ist doch etwas Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör verschafft hat.» Am Ende, «nach unzählig oft wiederholten Abweisungen», würde man sie verstehen, das wollte er gern glauben. Vielleicht war auch die Wissenschaft eine Illusion, doch hatte sie nicht durch ihre großen und bedeutsamen Erfolge den Beweis erbracht, daß sie keine ist? Er war nicht blind gegen ihre Bedingungen und Bedingtheiten. Gerade die Subjektivität allen Denkens, die Beschränkung der Wissenschaft, die Endlichkeit ihrer Resultate gibt ihm Hoffnung auf ihre pragmatische Kraft, ihren Sieg über alle Ideologien: «Nein, unsere Wissenschaft ist keine Illusion. Eine Illusion aber wäre es zu glauben, daß wir anderswoher bekommen könnten, was sie uns nicht geben kann.»

Er war der alte Skeptiker geblieben, der sich in einer immer mehr sich verdunkelnden Welt den Optimismus der Verzweiflung leistete. Oskar Pfister konnte ihm ruhig nachloben, sein wissenschaftlicher Religionsersatz sei «im Wesentlichen der Aufklärungsgedanke des 18. Jahrhunderts in stolzer moderner Auffrischung». Sein «écrasez l'infame» mochte nicht viel bedeuten, gewiß, aber seine leise Stimme erhob sich auch gegen all jene, Ideologen und Politker, die sich nur zu gerne der Religion oder dessen, was sie daraus machten – als Instrumentarium, als Propagandamittel und Hetzwerkzeug bedienten und die ihre gläubigen Anhänger fanden, zahlreicher denn je, triebhafter, mörderischer. Keiner von all denen würde diese Stimme hören. Vermutlich hatte Pfister sogar recht, daß die Menschen, denen die Psychoanalyse «diese ausgeplünderte Welt» als höchste Erkenntnis vorführte, daß diese «armen Leute sich lieber in die Klause ihrer Krankheit flüchteten, als in diese schauerliche Eiswüste zögen». Aber als der Freund in seiner Entgegnung, Die Illusion einer Zukunft, ihn seines unberechtigten Optimismus, seines Aberglaubens an die Macht des Wissens zu überführen suchte, entgegnete Freud nur, wie zum Teufel Pfister es denn anstelle, alles, was man in der Welt erlebte und zu erwarten hatte, mit dem Postulat einer sittlichen Weltordnung zusammenzubringen?

Die Wissenschaft, die Analyse war ihm, wie in den Jahren des Großen Krieges, ein Trost, die einzige Rettungsmöglichkeit gegen die eigenen, ewigen Schmerzen, gegen das allgemeine Krebsgeschwür der Demagogie und des Massenwahns. Das hatte Pfister wiederum sehr genau verstanden, Freud war eben «in der Nähe pathologischer Religionsformen» aufgewachsen, die er für Religion ansah. Sein Mentor wollte sich nicht, jedenfalls nicht direkt über Parteien und Prälaten äußern, nicht über Ideologen und Pseudowissenschaftler. Nur eine Andeutung macht er in seinem Aufsatz: «Als Illusion kann man die Behauptung gewisser Nationalisten bezeichnen, die Indogermanen seien die einzige kulturfähige Menschenrasse.» Gegenüber Arnold Zweig wurde er Ende 1927 direkter: «In der Frage des Antisemitismus habe ich wenig Lust, Erklärungen zu suchen, verspüre ich eine starke Neigung, mich meinen Affekten zu überlassen, und fühle mich in der ganz unwissenschaftlichen Einstellung bestärkt, daß die Menschen so durchschnittlich und im großen ganzen doch elendes Gesindel sind.» (Brief vom 2.12.1927)
[Annette Meyhöfer, Eine Wissenschaft des Träumens, Albrecht Knaus Verlag, München 2006, S. 674f.]

Alan Parsons-I am a mirror- [4:00] Text
Hochgeladen am 14.11.2009
Brano dell'album Freudiana-I am a mirror(io sono uno specchio)


[…]



Freud heute…
In diesen Tagen hat die katholische Kirche wieder Schwierigkeiten mit der Homosexualität:

Schwule und Kirche: Kann denn Liebe Sünde sein? (derwesten.de vom 13.04.2010)
zu den Ausführungen des Essener Bischofs Franz-Josef Overbeck in der ARD-Talkshow Anne Will

"Ich darf nicht länger schweigen" (fr-online.de vom 23.04.2010)
die Reaktion des Lehrers und Publizisten David Berger auf Overbecks Äußerungen

Meisner entzieht schwulem Pädagogen Lehrerlaubnis (spiegel online vom 05.05.2011)
Der Kölner Erzbischof Kardinal Joachim Meisner hat dem Religionslehrer und Publizisten David Berger die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen. 

Auch in der evangelischen Kirche wird diskutiert

Was heißt hier widernatürlich? (Zeit Online vom 20.01.2011)
Vorige Woche veröffentlichten acht Altbischöfe einen Bannbrief gegen die Homo-Ehe im evangelischen Pfarrhaus. Jetzt verteidigen acht liberale Theologen das Recht auf freie Wahl des Lebenspartners: Diese Freiheit muss auch für Pfarrer gelten! 


Freud on Freud [2:08]

Hochgeladen am 28.12.2007
Sigmund Freud Psychology Personality

[…]

Manchmal schien er, der seit so vielen Jahren unter der Todesandrohung lebte, seltsam gleichgültig gegen das Schicksal seiner Nächsten, schien die «Kruste von Unempfindlichkeit» ihn vollkommen überzogen zu haben. Oder glaubte er wirklich, daß es noch eine Rettung für sie in diesem Land geben konnte? Die Zeichen waren schwer zu deuten, selbst für den Mann, der die großen Illusionen der Menschheit zerstört hatte. Er war, trotz seiner dem widersprechenden Bulletins, alles andere als resigniert, er kannte nicht die falsche Versöhnlichkeit des Alters, das hatte Arnold Zweig richtig gesehen. Er war zornig und wütend, aber er nahm sich, der so oft ungeduldig war mit seinem Patientengesindel, der sooft als intolerant beschrieben-wurde, die Zeit, einer verzweifelten Frau aus Amerika ausführlich zu antworten. Ihr Sohn sei homosexuell, das sei doch kein Laster, schrieb er ihr, keine Erniedrigung, keine Krankheit. Große Männer, die Größten, Plato, Michelangelo, Leonardo, seien homosexuell gewesen. Es sei vielmehr eine Ungerechtigkeit, Homosexualität als Verbrechen zu verfolgen, eine Grausamkeit. Eine Analyse könne die sexuelle Orientierung ihres Sohnes kaum ändern, sie könne ihm nur, wenn er unglücklich, innerlich zerrissen oder gehemmt sei, Harmonie, Seelenfrieden, Leistungsfähigkeit wiedergeben. Allerdings müsse der junge Mann schon nach Wien kommen, wenn er von ihm behandelt werden wolle. Er habe nicht die Absicht wegzugehen. Die Frau schickte den Brief später anonym an Alfred Kinsey, «den Brief eines großen, guten Mannes», dem sie dankbar war. Freud war ganz einfach, ohne jede Altersmilde, der geblieben, der er - fast - immer war, ein Mann, der kühl und distanziert wirkte, dem jedoch nichts zu klein, zu gewöhnlich oder gar unrein war.

aus Meyhöfer, Eine Wissenschaft des Träumens, 
zur Zeit – auch gebunden – sehr preiswert erhältlich

Freudiana - Don't Let The Moment Pass [3:40] Text

Hochgeladen am 27.09.2007
Video amb el tema Don't Let The Moment Pass de l'àlbum Freudiana amb imatges de Sigmund Freud, Eric Woolfson i Alan Parsons


Songtexte sind hier zu finden.
siehe auch:
- Der Seelenforscher (Deutschlandradio Kultur, 23.09.2014)
- Sigmund Freud: War er ein guter Vater? (Elisabeth von Thadden, ZON, 27.05.2010)
- Festhalten an Freud (Klaus Heinrich, Lettre International 78, Herbst 2007)
- 150 Jahre Sigmund Freud – Auf der Suche nach dem gelobten Land (Birgit Lahann, Stern, 07.05.2006)


zuletzt aktualisiert am 02.04.2017


Sonntag, 1. Mai 2011

Der wandernde Schmerz

Ist Krankheit eine Sprache? Der Schriftsteller Tim Parks und der Naturphilosoph Klaus Michael Meyer-Abich versuchen zu verstehen, was wehe Körper uns sagen.

[…] Zug um Zug taucht der leidende, dauerreflektierende Skeptiker so in eine Sphäre, die ihm bis vor Kurzem noch verdächtiger war als alle Schneidelust der Chirurgen: Shiatsu, Yoga, schließlich Vipassana-Meditation – bei einem ehemaligen CIA-Agenten, der sich vor Jahrzehnten der östlichen Weisheit verschrieben hatte. Wäre Tim Parks nicht gegen jegliche Metaphysik, Mythologie und Mystik geimpft, nicht so selbstironisch, humorvoll und belesen – man folgte ihm nicht so bereitwillig auf seinem »Weg zur Heilung«. Er führt von der Panik, die ihn angesichts der Zumutung packt, ausgerechnet die wachsten Stunden des Tages flach zu liegen und auf die Sprache seiner Organe zu achten, immer tiefer in die Arbeit der wortlosen Konzentration auf seine körperlichen Empfindungen: die »Felsbrocken im Bauch«, das »Koboldfeuer in den Muskeln«, den Atem auf der Haut. Die Aufmerksamkeit rutscht immer wieder ab, als wolle er »in Ballettschuhen eine Eiswand erklimmen«. Aber schließlich macht Parks Bekanntschaft mit dem, was ihm unbemerkt selbstverständlich war: »Die Verspannung war permanent und überall vorhanden. Ich putzte mir die Zähne wie wild, so als wollte ich sie abschleifen. Ich zog meine Socken mit solcher Heftigkeit an, als wollte ich die Zehen ganz hindurchstoßen. Ich band mir die Schuhe zu, als wollte ich die Schnürsenkel zerreißen. Meine Hände umklammerten das Lenkrad, als wollte ich es zerbrechen.« Die Erkenntnis dämmert: Es geht nicht um einen Krampf im Becken, Tim Parks ist der Krampf. Indem dieser Krampf sich lockert, weitet sich der Blick: vom Symptom im Unterleib auf die Inspektion der abendländischen Aktivitätskultur. […]

mehr bei ZEIT Online

Samstag, 30. April 2011

Steigt die Erwartung, sinkt der Schmerz

Opioide: Topwirkung dank Placebo

Selbst bei so potenten Schmerzmitteln wie Opioiden scheint ein Placeboeffekt im Spiel zu sein. In einer Studie hatten Forscher 22 gesunde Probanden mehrfach durch Hitze für einige Sekunden einem Schmerz ausgesetzt, der auf einer Skala von 0 bis 100 im Schnitt mit 70 bewertet wurde. Während des Versuchs erhielten die Probanden ein starkes Opioic iv.. Rechneten sie anfangs noch nicht mit der Verabreichung des Mittels, sank die Schmerzintensität durch die Behandlug auf etwa 60 von 100 Punkten. Wurde ihnen im nächsten Durchgang die Injektion im Voraus mitgeteilt, verdoppelte sich der schmerzlindernde Effekt. Die Schmerzintensität sank auf unter 50. Ganz anders verlief der Versuch, wenn den Probanden in der dritten Variante gesagt wurde, dass sie nun keine Therapie mehr erhielten und es gleich stärker schmerzen könnte. Trotz identischer Opioiddosierung stiegen die Schmerzen wieder auf den Ausgangswert an. 
Bingel U et al, Sci Transl Med 2011, 3:70ra14
aus: CME 4/11

Freitag, 29. April 2011

Müde Richter kennen keine Gnade

Nach der reinen Rechtslehre sollten sich Gerichte nur an Fakten und Gesetzen orientieren. Doch die Experten meinen, dass Richtersprüche auch von psychologischen, politischen und sozialen Faktoren beeinflusst werden.

Wissenschaftler der Ben Gurion University in Beer Sheva (Israel) analysierten 1112 Richterentscheidungen – zum größten Teil über Bewährungsanträge von Strafgefangenen. Sie prüften dabei, ob die Tageszeit bzw. die zwei Essenspausen einen Einfluss auf die Gewährung der Anträge hatten. Der Arbeitstag der Richter wurde durch zwei Essenspausen – eine rund halbstündige Frühstückspause und eine nahezu einstündige Mittagspause – in drei Abschnitte unterteilt.

Die Anzahl der positiven Entscheidungen für den Antrag nahm von rund 65% am Anfang kontinuierlich bis auf fast Null am Ende ab. Nach jeder Pause stieg die Zahl der positiven Richtersprüche wieder auf fast 65%, um danach wieder abzufallen.

S. Danzinger et al.
(Korrespondenz: J. Levav, Columbia Business School, Columbia University, NewYork, NY 10027, USA;
E-mail: jl2351@columbia.edu) PNAS
2011 Published ahead of print April 11, 2011,
doi:10.1073/pnas 1018033108

aus: MMW-Fortschr. Med. Nr.17/2011

Donnerstag, 14. April 2011

Partnerschaft: Teamwork oder Feindschaft

Mit dem Partner glücklich sein – ohne ihn zu ändern, wie geht das?

__________________
Von Martin Koschorke

Selig schaut sie ihn an. Er hat ihr gerade ein Schmuckstück um den Hals gelegt. Es steht ihr fantastisch. Es ist sein Geschenk. »Woher weißt du, dass genau das meine Lieblingsfarbe ist?«, fragt sie beglückt. Ihre Augen strahlen. Selig schaut er zurück. Seine Überraschung ist gelungen. Beide fühlen sich wie im siebten Himmel.
Ohne dass die frisch Verliebten es merken, haben sie soeben eine Vereinbarung getroffen: Sie haben sich darauf geeinigt, was sie unter Liebe verstehen. Liebe bedeutet jetzt und in Zukunft: Wir verstehen uns, wortlos. Wir lesen einander die Wünsche von den Augen ab. Gelingt dir das, so ist das Glück total und ich habe den Beweis, dass du mich liebst. Liebe bedeutet also: Wir erfüllen uns gegenseitig unsere Bedürfnisse, vielleicht sogar die geheimsten Sehnsüchte, ohne darüber auch nur ein Wort zu verlieren.



VERLIEBTE SIND WIE SÄUGLINGE

Eine bestimmte Zeit lang klappt das sogar. Deshalb wird das Stadium der ersten Verliebtheit oft als so beglückend erlebt. Deswegen sehnen sich viele in diese Zeit zurück.
Man kann sich jedoch nicht ein ganzes Leben lang wortlos verstehen, Warum das so ist? Überlegen Sie bitte: Wann in Ihrem Leben hat ein anderer Mensch Ihre Bedürfnisse und Wünsche befriedigt, ohne dass Sie sie geäußert haben? Als Sie Säugling waren. Wie lange hat diese Phase angedauert? Es stimmt: Zu Beginn einer Beziehung ist es oft nicht nötig, groß zu verhandeln. Auch Paare, die länger zusammen sind, verstehen sich meist ohne viele Worte. Nur: Wenn wir erwarten, dass unser Partner unsere Wünsche und Bedürfnisse erfüllt, ohne dass wir sie aussprechen, verhalten wir uns wie Säuglinge. Da ist der Schiffbruch der Beziehung nicht weit. Beweist sich wahre Liebe nämlich darin, dass ich dir deine Wünsche erfülle, ohne dass du sie benennst, dann liegt der Schluss nahe: Wenn ich dir nicht mehr alle ausgesprochenen und unausgesprochenen – Wünsche erfülle, ist keine Liebe mehr da.
Doch frisch Verliebte lassen sich durch derlei Sprüche nicht erschüttern. Sie haben ihre Erfahrungen mit dem Partner gemacht. Und Erfahrungen sind bekanntlich das, was uns am meisten überzeugt, vor allem, wenn sie so angenehm sind: Er müht sich um mich. Er wirbt um mich. Er möchte immer in meiner Nähe sein. Er lächelt mich an. Er redet mit mir. Er hört mir zu, wenn ich rede. Er ist zärtlich mit mir. Er hat Zeit für mich, und wenn wir nicht zusammen sind, schickt er mir per SMS die göttliche Botschaft: »Ich liebe dich so, wie du bist!«


ERFAHRUNGEN WERDEN ZU ERWARTUNGEN

Erfahrungen als Verliebte legen Spuren im Gehirn, besonders wenn sich diese Erfahrungen wiederholen. Ohne groß darüber nachzudenken, gehen wir davon aus: Es wird immer so weitergehen. Aus Erfahrungen mit dem Partner werden Erwartungen an den Partner. Was ich jetzt mit ihm erlebe, werde ich auch in Zukunft mit ihm erleben. Denn wie er oder sie sich heute zeigt, so ist sie oder er. Unter der Hand wird, ohne dass wir darüber reden, ohne dass uns das so recht bewusst wird, aus Erfahrungen und Erwartungen ein Anspruch an den Partner und sein Verhalten. An diesem Anspruch messen wir ihn, heute. An diesem Pakt werden wir ihn messen, auch in Zukunft.
Ich befriedige deine Bedürfnisse, du befriedigst meine Bedürfnisse. Du stehst mir jederzeit zur Verfügung. Du wirst mir auch in Zukunft jederzeit zur Verfügung stehen. Immer, wenn ich Zeit mit dir verbringen will, freust du dich darauf. Immer, wenn ich mit dir reden will, hörst du zu und willst auch mit mir reden. Immer, wenn ich nach Sex verlange, hast du genauso viel Lust darauf wie ich. Immer wenn ich meine Ruhe will, lässt du mich in Ruhe. Das alles hat ja problemlos geklappt, als wir verliebt waren. Es ist also kein Problem. So scheint es.


DIE SEELE FÜHRT BUCH

Mit dem Partnervertrag, den zwei Menschen »abschließen«, wenn sie ihr gemeinsames Leben starten, hängt noch etwas weiteres zusammen, worüber wir uns meistens nicht so richtig klar sind: Jeder der Partner eröffnet ein seelisches Konto. Dort wird Buch geführt. Jeder registriert genau, ob er im Zusammenleben mit dem anderen auf seine Kosten kommt. Hin und wieder wird Bilanz gezogen – es wird überschlagen: Erfüllen sich meine Erwartungen? Bekomme ich genug aus dieser Beziehung? Zu Beginn einer Partnerschaft ist das positive Konto in der Regel gut gefüllt. Es fällt nicht schwer, sich gegenseitig Bedürfnisse zu befriedigen und Wünsche zu erfüllen. Das Paar sagt sich nette Dinge, schenkt sich Wertschätzung und Zärtlichkeit, verbringt angenehme Zeit miteinander. Das alles schlägt positiv zu Buche.
Solange es uns mit dem anderen gut geht, nehmen wir nicht einmal zur Kenntnis, dass wir überhaupt solche Konten haben. Erst, wenn sich Mangel einstellt, wenn sich das positive Konto langsam, aber sicher leert, wenn sich zugleich auf dem Argerkonto immer mehr angesammelt hat, bilanzieren wit Abgerechnet wird in der Regel, wenn das Liebeskonto total leer und das negative Konto hoffnungslos überfüllt ist. Da stellen wir plötzlich fest: Rh komme nicht mehr auf meine Kosten.


ERWACHSENE PARTNERSCHAFT

Gib es einen Ausweg aus der Zwangsjacke: Ich muss dem anderen jederzeit zu Willen sein? Ja. Man nennt das »erwachsene Partnerschaft«. Erwachsen sein, was heißt das? Woran erkenne ich, dass jemand nicht bloß volljährig ist, sondern sich auch erwachsen verhält? Die einfachste Definition lautet: Ein Mensch ist erwachsen, wenn er für sich selber sorgen kann und das auch tut. Erwachsenes Verhalten in der Paarbeziehung wäre also: Ich selbst übernehme die Verantwortung für mich, ich sorge für mich. Ich bin in der Lage, mir darüber klar zu werden, was ich brauche, welche Wünsche, Bedürfnisse und Erwartungen ich habe. Auch mein Partner weiß, was ihm wichtig ist, welche Wünsche und Erwartungen er hat. Er kann sie angemessen mitteilen, ich kann das ebenfalls. Wenn sich unsere Wünsche treffen, ist es gut. Wenn der andere nicht bereit ist zu tun, was ich mir wünsche, dann bin ich weder gekränkt noch beleidigt oder enttäuscht. Vielmehr werde ich nun verhandeln. So, wie ich es normalerweise mit anderen Menschen auch tun würde.
Sie möchten mit Ihrem Partner reden. Sie möchten ihm etwas mitteilen, was Sie bewegt. Sie machen sich Sorgen wegen eines der Kinder. Was tun Sie? Drei Schritte haben sich bewährt: Zunächst erfragen Sie seine Bereitschaft: »Passt es dir, wenn wir jetzt (oder heute Abend) miteinander reden?« Als Nächstes benennen Sie Ihr Anliegen, einen konkreten Wunsch, fügen eine Begründung hinzu und schlagen eine zeitliche Begrenzung vor. Zum Beispiel: «Ich würde gerne mit dir über Ilona/Marc reden. Ich brauche deine Hilfe. Ich denke, das wird eine halbe Stunde dauern.« Drittens: Ist Ihr Partner nicht sofort bereit, vereinbaren Sie einen passenden Termin. Sie fragen: »Gut, ich merke, im Augenblick passt es dir nicht. Wann würde es dir passen?« Oder Ihr Partner macht einen Vorschlag: »Jetzt nicht, ich wollte noch Fritz anrufen. Können wir uns nach dem Abendessen für eine Stunde treffen?«
Gerade im Alltag passiert es häufig, dass Sie Ihren Partner und seine Bedürfnisse überfahren. Jeder ist so mit seinen Dingen beschäftigt, dass er oft gar nicht mitbekommt, was der andere vorhat. Außerdem sind die meisten Paare immer noch mehr von der Verliebtheitsideologie geprägt: »Du stehst mir selbstverständlich jederzeit fraglos zur Verfügung«, als in der Kunst geübt, auch im Alltag dem anderen und seinen Erwartungen Raum zu geben.

KEINEN ÜBERFALL

Monica möchte mit ihrem Frank zusammen einen angenehmen Abend verbringen. Sie möchte ihren Partner nicht überfallen, sie weiß aus Erfahrung: Er reagiert dann unwillig. Sie weiß auch: Ich habe nicht das Recht, über die Zeit meines Partners zuverfügen, denn ich habe kein Recht, über meinen Partner zu verfügen. Darum, erstens, »klopft sie bei ihm an« und fragt, ob er bereit ist. Zweitens nennt sie ihren Wunsch und begründet ihr Anliegen. Das ist wichtig: Denn damit teilt sie etwas von sich mit, von ihren Gefühlen, von ihren Bedürfnissen. Ohne Begründung erlebt er ihr Anliegen eher als Forderung. Indem sie etwas von sich offenlegt, bekommt es den Charakter einer Bitte. Bitten haben mehr Chancen, gehört und erfüllt zu werden, als Forderungen. Drittens: Sie ist nicht gekränkt oder empört, wenn ihr Partner sagt: »Heute Abend nicht.« Sie weiß: Ich kann nicht erwarten, dass mein Partner meine Bedürfnisse genau dann erfüllt, wann ich das möchte. Aber ich kann erwarten, dass er meine Wünsche anhört. Daher fragt sie: »Wann würde es dir passen?« Und beide vereinbaren einen Termin. Sie kann auch fragen: »Warum passt es dir nicht?« (Bei dieser Frage kommt es allerdings sehr auf den Ton an.) Damit sie seine Gründe versteht und nicht den Eindruck bekommt, er wolle sich drücken und sei nicht an ihr interessiert. Sie möchte ihn nicht bedrängen, und er hat gelernt, ihr eine Antwort zu geben, selbst wenn ihm das bisweilen lästig ist. Denn wenn ich möchte, dass mein Partner mich nicht bedrängt, darf ich ihn auch nicht zappeln lassen.
Im Stadium erwachsener Partnerschaft erwarte ich nicht mehr selbstverständlich, dass mein Partner mir meine Bedürfnisse befriedigt, ohne dass ich sie benenne. Denn ich bin kein Säugling mehr, und mein Partner ist nicht meine Mama oder mein Papa. Mein Partner ist auch nicht meine Sklavin oder mein Sklave, der mir immer zur Verfügung zu sein hat, wenn ich ein Verlangen verspüre. Wenn Partner sich gegenseitig als Sklaven behandeln, ist es mit Liebe, Lust und Leidenschaft bald vorbei.
Dagegen hilft, den anderen und seine Wünsche ernst zu nehmen und erwachsen mit ihm zu verhandeln.


SEELISCHE TIEFKÜHLTRUHE

Frank etwa hat Lust auf Sex mit Monica. Er sagt: »Ich möchte mit dir schlafen.« Früher hat das automatisch funktioniert, inzwischen ist es nicht mehr so. Vielleicht hat sie nicht mehr so oft Lust oder ihr fehlt das nette Gespräch vorher, wer weiß. Vielleicht haben Männer und Frauen auch einfach unterschiedliche Bedürfnisse. Frauen sehnen sich häufig danach, dass Sex in einer Atmosphäre von Zärtlichkeit stattfindet. Für viele Männer ist Zärtlichkeit erst einmal ein körperliches Verlangen. Anders ausgedrückt: Frauen möchten gerne vor dem Sex mit dem Partner reden. Männer sind dazu eher nach dem Sex bereit – nur sind sie dann meist schon eingeschlafen.
Das Paar hat nun verschiedene Möglichkeiten, das Problem zu lösen. Etwa: Er setzt sich durch, sie gibt sich auf und wird dann seine Sklavin. Oder: Sie setzt ihre Machtmittel ein. Die sind auch nicht ohne: ein bisschen Verweigern, ein bisschen Rückzug, »es geht mir nicht so gut«, »ich habe eine kleine Migräne«. Das sind recht wirksame Machtmittel, die ihn ziemlich ohnmächtig (frustriert und wütend) machen können. Bei diesen »Problemlösungen« fühlen sich beide nicht wirklich wohl. Beide sammeln insgeheim Ärger und Groll in ihrer seelischen Tiefkühltruhe an.
Erwachsen sein wäre zu schauen: Wann geht es, unter welchen Bedingungen geht es, wie kann ich dir entgegenkommen und wie du mir? Wir können den anderen nicht zwingen, aber wir können ihn bitten. Und wenn wir um etwas bitten, ist es günstig, auch etwas anzubieten. »Bitten und bieten« heißt die Verhandlungsformel erwachsener Partnerschaft.


DIE SPRACHE DES ANDEREN

Sich erwachsen verhalten ist natürlich etwas anstrengender als den Säugling zu spielen. Man muss selber aktiv werden. Man muss verhandeln. Zum Verhandeln muss man reden können. Da hapert es in unserer Kultur.
Lisa möchte ganz viel mit Hans reden. Er hält das nur fünf Minuten lang aus, dann ist es ihm genug. Das versteht sie nicht. Hans möchte gerne etwas mit ihr machen, Lisa will aber immer zuerst reden, stundenlang, wie ihm scheint. Das versteht er nicht.
Frauen neigen zu Beziehungsreden, Männer neigen zu Lösungsreden. Das heißt natürlich nicht, dass Frauen keine Lösungen finden können und Männer keine Beziehung brauchen. Nur werden Frauen in unserer Kultur von Kind an mehr darin trainiert, sich für Beziehung zu interessieren, und Männer eher darin, für Lösungen zu sorgen. Darum reagieren Frauen und Männer bisweilen sehr unterschiedlich. Wenn die Verliebtheit vorbei ist, wird es Zeit, die Sprache des Partners zu lernen. Missverständnisse entstehen oft, weil man die Sprache des anderen weder versteht noch spricht. Es ist so, als ob der eine sich nur auf Chinesisch ausdrücken kann und der andere nur auf Spanisch. Sie können die Ohren Ihres Partners jedoch nicht ändern. Was Sie dagegen tun können, ist Worte finden, die besser in die Ohren Ihres Partners passen.
Jana möchte Thomas am Abend mitteilen, was sie am Tag erlebt hat, wie es auf der Arbeit war, wie es ihr geht. Doch die Abendgespräche der beiden verlaufen immer nach demselben Muster. Jana erzählt, Thomas hört eine Weile zu, dann platzt es aus ihm heraus: »Mach doch das…« – und schon ist der schönste Streit da. Sie will nämlich überhaupt keine Lösungen von ihm. Sie will einfach nur etwas loswerden, bloß erzählen, wie blöd der Chef war, wie fies die Kollegin. Jana versteht Thomas nicht. Er soll bloß zuhören, weiter nichts. »Das ist doch ganz einfach!«, denkt sie.
»Das ist doch ganz einfach!« ist ein schrecklicher Satz in Paarbeziehungen. Was Jana nicht weiß: Was für sie seiber einfach ist, ist für Thomas noch lange nicht einfach. Thomas ist auch nicht imstande, das mitzuteilen, denn er weiß es selber nicht. So unterstellt Jana Thomas böse Absichten: Thomas tue es nicht, weil Thomas nicht wolle, keine Lust habe. Oder weil Thomas sie angeblich nicht mehr liebe.
Jana ist eine Frau. Wie viele andere Frauen braucht sie das Reden. Reden löst nicht immer Probleme. Aber Reden erleichtert. Und Reden schafft Kontakt. Frauen haben oft mehr Übung darin, unlösbare Situationen auszuhalten. Hat eines der Kinder Kummer oder bekommt einen Zahn und hat Schmerzen, dann ist das erst einmal nicht zu ändern. Vielleicht ist das Einzige, was die Mutter tun kann, trösten und gut zureden.
Männer sind im Allgemeinen anders gestrickt. Traditionell werden sie in unserer Gesellschaft so erzogen, dass sie nach Auswegen suchen. Sie leben häufig nach der Devise: »Männer haben keine Probleme, Männer lösen Probleme.« Das ist das Problem.
Thomas weiß genau, was sich Jana am sehnlichsten wünscht: Sie will nur reden, er soll nur zuhören. Seine Vorschläge mag sie nicht. Darum hält er sich zurück. Er hört zu: zwei Minuten, fünf Minuten acht Minuten. Während dieser ganzen – unerträglich langen – Zeit fallen ihm ständig Lösungen ein. Denn in seinem Inneren springt, während sie redet, automatisch eine Suchmaschine an, die nach praktischen Lösungen fahndet. Bloß reden und nicht zugleich überlegen, wie die Aufgabe angepackt werden könnte, ist für viele Männer fast unerträglich. Da sie aber spüren, dass die Partnerin keine Lösungsvorschläge will, sondern nur ihr Ohr, suchen viele Männer Beziehungsgespräche grundsätzlich zu vermeiden. Denn auf solche Gespräche sind sie nicht vorbereitet. Da fühlen sie sich unterlegen. Wer geht schon freiwillig in eine Situation hinein, in der er verlieren wird? Wer ist schon gerne ein »Loser«? Hier liegt eine Quelle endloser Missverständnisse. Weil die Paare es nicht verstehen: Es ist meist nicht böser Wille, wenn einer der Partner dem anderen einen oft genannten Wunsch nicht erfüllt. Was der eine vom anderen erwartet, ist für den, der es wünscht, leicht, für den anderen jedoch das Schwerste, was man von ihm verlangen kann.
Sie haben nun die Wahl: Entweder Sie beharren darauf, die Unterschiede zwischen Ihnen und Ihrem Partner nicht zur Kenntnis zu nehmen nach dem Prinzip: »Wenn er mich wirklich liebt, dann muss er so handeln, wie ich das erwarte. Er muss so sein wie ich!« Dann wird es immer wieder zu ärgerlichen Missverständnissen kommen. Oder Sie akzeptieren, dass Sie unterschiedlich sind und unterschiedlich reagieren. Sie haben verstanden: Mein Partner drückt seine Liebe anders aus als ich, mit anderen Worten oder auch ohne Worte. Dann können Sie ihn bitten: »Lerne, aus Liebe zu mir, dich auch in meiner Sprache auszudrücken, damit ich dich besser verstehe. Ich meinerseits will mir Mühe geben, deine Sprache zu lernen, auch wenn es mir schwerfällt.« Sie haben die Wahl.


ACHTZEHN SABOTAGE-TIPPS

Nun mag Ihnen, was ich erzählt habe, zwar vernünftig vorkommen, Sie haben aber trotzdem keine Lust dazu. Sie wollen lieber Ihren Partner provozieren oder Ihre Beziehung in die Luft jagen. Dazu gebe ich Ihnen hier zwanzig heiße Sabotage-Tipps. Wenn Sie nur ausreichend beharrlich sind, garantiere ich Ihnen hundert Prozent Erfolg.

1 Gib nie die Hoffnung auf, den anderen zu ändern.

2 Höre nie auf, den anderen von deiner Meinung zu überzeugen. Gib nie auf, sie oder ihn zu überreden. Das ist ein todsicheres Mittel, sich nicht zu nahe zu kommen.

3 Höre nicht hin, wenn der andere dir etwas sagen will,

4 Spare nicht mit Vorwürfen. Du hast ja genug davon.

5. Vermeide strikt, dem Partner etwas Nettes zu sagen.

6. Wenn dein Partner etwas Nettes sagt oder dir eine Gefälligkeit erweist – übersieh es geflissentlich. Sag niemals »Danke!«

7. Setze den anderen auf die Anklagebank, nimm ihn ins Kreuzverhör und gib die Hoffnung nicht auf, dass du Fehler findest. Fehler finden sich immer. Auch wenn du keine Fehler findest, lass nicht ab. Irgendwann wird der andere sich in Widersprüche verwickeln, und dann hast du ihn doch envischt.

8. Höre nicht auf, zu klagen und zu jammern. Du hast recht, es gibt immer etwas zu beklagen.

9. Jeden Tag eine Verletzung: Du kannst sicher sein, dass keine liebevolle Atmosphäre aufkommt.

10. Du hast immer recht, und der andere hat immer unrecht. Das ist ein sehr wichtiger Satz, Männer haben in der Regel weniger Probleme ihn zu beherzigen als Frauen. Aber auch Frauen sollten lernen: Lass dich auf keinen Fall vom Gegenteil überzeugen.

11. Weise Versöhnungsgesten zurück. Sonst könnte es ja sein, dass ihr euch wieder versteht.

12. Vergiss grundsätzlich den Geburtstag deiner Frau. Damit landest du mit Sicherheit einen Volltreffer, denn sie hat schon darauf gewartet.

13. Vergiss grundsätzlich euren Hochzeitstag. Lege Dienstreisen, Dienstessen oder Dienstbesprechungen nach Möglichkeit auf dieses Datum.

14. Wenn deine Frau Einkauf und Wäsche, Essen und Abwasch gemacht, die Wohnung geputzt und die Kinder versorgt hat, frage sie: »Was machst du eigentlich den ganzen Tag?!« Sie wird dir zutiefst dankbar sein.

15. Wenn sich dein Mann mit einer Flasche Bier vor dem Fernseher eingerichtet hat, weil er Fußball oder Formel 1 sehen will, nimm genau dann den Staubsauger zur Hand und flöte unschuldig: »Ich will nur mal schnell durchsaugen!«

16. Wenn dein Mann nervös vor dem Computer sitzt, weil das Programm abgestürzt ist, dann solltest du ihm vorschlagen, über eure Paarbeziehung zu reden.

17. Wenn du dich über deinen Mann geärgert hast, lass dich von den Kindern trösten. Erzähle ihnen ausführlich, wie unmöglich ihr Vater ist. Das wird er dir nicht so schnell vergessen.

18. Wenn ihr euch streitet, verwendet möglichst häufig das Wort »typisch!« Etwa: »Typisch Mann!«, »Typisch Frau!« Oder: »Typisch! Genau wie deine Mutter, dein Vater, deine Familie!« Der andere kann sagen, was er will. Er hat immer unrecht.

Martin Koschorke ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Er ist Eheberater, Familientherapeut, Soziologe, Theologe und freier Mitarbeiter am Evangelischer Zentralinstitut für Familienberatung in Berlin und Mitglied der Internationalen Kommission für Paar- und Familienbeziehungen des Weltfamilienverbandes sowie verschiedener Fachverbände. Er lebt derzeit in Frankreich.


Zum Weiterlesen:
Martin Koschorke: Wie Sie mit Ihrem Partner glücklich werden, ohne ihn zu ändern.
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aus Publik-Forum 7/2011