Freitag, 9. März 2018

Die Theorie der Psychoanalyse

Zwei Eigenschaften der Theorie von Sigmund Freud machen es schwer, sie in diesem Rahmen verständlich zusammenzufassen:
Sie ist erstens sehr umfangreich. Man kann kaum Teile weglassen, ohne daß dadurch nicht andere Teile unverständlich werden. Alles hängt mehr oder weniger stark miteinander zusammen.
Und zweitens ist sie sehr komplex. Man kann auch "abstrakt" oder "kontraintuitiv" sagen. Sie erklärt menschliches Verhalten mit Begriffen, die mit unserer alltäglichen Erfahrung sehr wenig zu tun haben. Das ist freilich nichts Schlechtes. Ähnlich versuchte ja auch der Behaviorimus, eine eigene Sprache zur Erklärung menschlichen Verhaltens zu finden, die der übermächtigen Alltagssprache möglichst fernliegt. So werden wir bei der Theorie von Hull (im nächsten Abschnitt) sehen, daß diese kaum weniger umfangreich geraten ist als Freuds - wenn auch wenigstens nicht so komplex.

Wie gehen wir also vor? Um einen ersten Eindruck zu bekommen, schauen wir uns einen Gliederungsversuch der psychoanalytischen Theorie von D. Rapaport an. Er gibt sie anhand von acht Grundannahmen (Axiomen) wieder:

1. Das Objekt der Psychoanalyse ist Verhalten. Sie zeichnet sich durch die Annahme einer psychologischen Determiniertheit von allem Verhalten aus, d.h. alles Verhalten ist motiviert, nichts passiert zufällig. Freud braucht für diesen Determinismus die Annahme von unbewußten Prozessen (s. Axiom 5).
2. Jedes Verhalten ist unteilbar, ist also mehrfach determiniert, nicht einfach nur Verhalten einer Instanz.
3. Kein Verhalten ist isoliert. Alles Verhalten ist Teil der unteilbaren Persönlickeit.
4. Alles Verhalten ist Teil einer genetischen Reihe.
5. Die entscheidenden Determinanten des Verhaltens sind unbewußt.
6. Alles Verhalten ist letzten Endes triebbestimmt.
7. Alles Verhalten führt seelische Energie ab und wird durch seelische Energie reguliert.
8. Alles Verhalten hat strukturelle Determinanten, ist durch Konflikte bestimmt.

So weit ein erster Überblick, der natürlich nicht zu tieferem Verständnis führen kann. Fangen wir also irgendwo an. Am besten bei den Trieben (vgl. Axiom 6), denn diese sind es ja, die für die Motivationspsychologie von besonderem Interesse sind.

mehr:
- Die Theorie von Freud (Psychologie Uni Heidelberg)

Also:
1. Es gibt ein Unbewußtes
Der Leser wird besser verstehen, welche besondere Bedeutung die frühe Kindheit für die Psychoanalyse hat, wenn wir auf den Grundpfeiler der psychoanalytischen Lehre, auf das Unbewußte und seine spezifische Dynamik verweisen; denn ein Hauptcharakter des Unbewußten ist die Beziehung zum Infantilen – das Unbewußte ist das Infantile (Freud, VII, 401). Mit der Entdeckung des Unbewußten hat Freud die Vorstellung, die sich die Philosophie und klassische Psychologie vom psychischen Geschehen machten, grundlegend revolutioniert. Die große Bedeutung dieser Entdeckung – die nicht ein Postulat, sondern das Ergebnis von systematischen Beobachtungen darstellt – wird erst verständlich, wenn wir uns in Erinnerung rufen, daß bis zu seiner Zeit »bewußt« und »psychisch« identisch waren (Freud, XIV, 57), man das Bewußtsein für das wesentliche Regulationssystem hielt, welches, in der Kindheit nur unvollständig ausgebildet, im Laufe der Jugendjahre seine Reife erlangt und die Grundlage für alles seelische Erleben darstellt. Neben dieser formalen Organisation existiert ein Gefühlsleben, welches seine eigenen Gesetze hat und von den Prinzipien der Bedürfnisse und Leidenschaften beherrscht ist. Mit der Freudschen Erkenntnis kam es zu einer Umkehrung der herkömmlichen Denkkategorien und dadurch zu einer tief gehenden Verunsicherung des Menschen. Freud konnte zeigen, daß das Unbewußte die Basis allen seelischen Erlebens ist. Das grundsätzliche Infragestellen der Macht des Verstandes und des Bewußtseins und die Existenz des Unbewußten bedeutet für den Menschen eine schwer erträgliche Verunsicherung, nämlich nicht Herr im eigenen Hause zu sein, seine Gefühle und Phantasien letztlich nicht mit der Kraft des Verstandes beherrschen zu können.
[aus: Jochen Stork, Die seelische Entwicklung des Kleinkindes aus psychoanalytischer Sicht; in: Dieter Eicke (Hrsg.), Tiefenpsychologie, Bd. 2, Beltz Verlag, Weinheim und Basel 1982, S. 131ff. – Hervorhebungen von mir]
2. »In« diesem Unbewußten »arbeiten« drei Instanzen (von Freud in seinem ersten topischen Modell »Systeme« genannt, s.u.)
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Die Unterscheidung zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten ist grundlegend für die Psychoanalyse. Der deskriptive Begriff des Unbewussten hat zwei Bedeutungen. Er bezieht sich einerseits auf Vorstellungen, die aktuell nicht im Bewusstsein sind, die aber jederzeit bewusst werden können. Er bezieht sich außerdem auf Vorstellungen, die durch eine Kraft daran gehindert werden, bewusst zu werden, durch den Widerstand des Ichs. Freud nennt die erste Art des Unbewussten das Vorbewusste. Nur die zweite Art des Unbewussten, das nicht nur deskriptiv, sondern auch dynamisch Unbewusste, ist das Unbewusste im Sinne der Psychoanalyse.
Die Verdrängung und damit die Neurose vollzieht sich keineswegs, wie Freud zunächst angenommen hatte, im Verhältnis zwischen einem verdrängenden Bewusstsein und einem verdrängten Unbewussten. Die verdrängende Instanz ist vielmehr das Ich, und für dieses Ich gilt, dass es in wesentlichen Teilen unbewusst ist. Vom Ich geht der Widerstand gegen die Aufhebung der Verdrängung aus, und dieser Widerstand ist dem Ich weitgehend unbewusst. Demnach gibt es neben dem Vorbewussten und dem Verdrängten noch eine dritte Art des Unbewussten. Damit scheidet die Möglichkeit aus, die Opposition von Bewusstem und Unbewusstem zur Unterscheidung der verschiedenen Bereiche des Seelenlebens zu verwenden. Zur Verarbeitung dieser Einsicht entwirft Freud eine neue Konzeption des psychischen Apparats.
[Das Ich und das Es, Bewusstsein und Unbewusstes (Teil I), Wikipedia, abgerufen am 06.5.2018] 
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Freuds Zeichnung im Buch
"Das Ich und das Es" von 1923.
Freud nimmt an, dass der psychische Apparat aus verschiedenen Teilen besteht – „Instanzen“ oder „Systemen“ –, und er erklärt die Beziehungen zwischen den Teilen des Apparats mit Hilfe eines räumlichen Modells, einer Topik (vom griechischen Wort topos für: „Ort“). In Das Ich und das Es illustriert er diese Topik mit Hilfe einer Zeichnung. Ein anderes Raummodell des Psychischen hatte Freud bereits 1900 in der Traumdeutung vorgelegt; das in Das Ich und das Es entwickelte Strukturmodell wird deshalb häufig als zweite Topik bezeichnet.
Das psychische Individuum ist ein Es, dem ein Ich oberflächlich aufsitzt. Den Begriff des Es übernimmt Freud ausdrücklich von Georg Groddeck[1]; das substantivierte Personalpronomen soll bei Groddeck darauf verweisen, dass wir von unbekannten, unbeherrschbaren Mächten „gelebt“ werden. Für Freud ist das Es ein „quantitativ-qualitativ Anderes im seelischen Ablauf“ (S. 291), es ist unbewusst, in ihm herrscht uneingeschränkt das Lustprinzip. Zum Es gehören die Empfindungen und Gefühle, die von den Trieben ausgehen; es ist der Stammsitz der Triebenergie, darunter der Libido; alle Ich-Libido ist sekundär. Vom Es gehen die Objektbesetzungen aus. Da die Triebe miteinander im Konflikt liegen, ist das Es der Ort widerstreitender Empfindungen, Gefühle und Objektbesetzungen. Das Es ist auch der Ort des Verdrängten (in der Zeichnung „Vdgt“), also von Vorstellungen, die durch den Widerstand des Ichs daran gehindert werden, bewusst zu werden.
[Das Ich und das Es, Das Ich und das Es (Teil II), Wikipedia, abgerufen am 06.05.2018] 
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Der psychische Apparat nach Freuds zweitem Modell
Das Strukturmodell der Psyche, auch Drei-Instanzen-Modell genannt, ist ein von Sigmund Freud beschriebenes Modell der Psyche des Menschen. Danach besteht sie aus drei Instanzen mit unterschiedlichen Funktionen: dem Es, dem Ich und dem Über-Ich.
Freud arbeitete dieses topische Modell erstmals 1923 in seiner Schrift Das Ich und das Es aus. Das Modell wird auch als zweite Topik oder zweites topisches Modellbezeichnet.
Zur genaueren Beschreibung mit Schwerpunkt auf Entwicklung dieses Instanzenmodells siehe Das Ich und das Es.
[Strukturmodell der Psyche, Wikipedia, abgerufen am 06.03.218]
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Erstes topisches Modell:drei SystemeZweites topisches Modell:
drei Instanzen
- System Unbewußt (Ubw)
- System Vorbewußt (Vbw)
- System Bewußt (Bw)
- Es
- Ich
- Über-Ich
[aus: Die Theorie von Freud (Psychologie Uni Heidelberg)]

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Mit ihrem 1936 erschienenen Buch Das Ich und die Abwehrmechanismen schuf Anna Freud ein Grundlagenwerk auf dem Gebiet der Ich-Psychologie, das heute zur Standardliteratur der Psychoanalyse zählt. Es beschreibt zehn aus der psychoanalytischen Literatur bekannte AbwehrmechanismenVerdrängungRegressionReaktionsbildung, Isolierung, Ungeschehenmachen/Verleugnung, ProjektionIntrojektionWendung gegen die eigene Person, Verkehrung ins Gegenteil, Verschiebung des Triebziels (Sublimierung).
Anna Freud fügt diesen aus der eigenen Beobachtung und Praxis gewonnene komplexe Abwehrtypen hinzu, die als Mischformen gelten können: die Identifikation mit dem Aggressor (Introjektion und Projektion) sowie die altruistische Abtretung (Projektion und Identifizierung). Der Begriff altruistische Abtretung stammt von Edward Bibring.[12] Anna Freud schreibt hierzu: „Das schönste und ausführlichste Beispiel einer solchen altruistischen Abtretung an das geeignetere Objekt findet sich in dem Schauspiel Cyrano de Bergerac von Edmond Rostand.“[13]
Zitate aus Das Ich und die Abwehrmechanismen:
„Die Entstehung der psychoanalytischen Lehre aus der Neuroseforschung macht es verständlich, dass die analytische Beobachtung vor allem immer auf den inneren Kampf zwischen Trieb und Ich gerichtet war, dessen Folgezustände die neurotischen Symptome sind. Die Arbeit des kindlichen Ichs zur Unlustvermeidung in direkter Gegenwehr gegen die Eindrücke aus der Außenwelt gehört der Normalpsychologie an. Ihre Folgen sind vielleicht schwerwiegend für die Ich- und Charakter-Bildung, aber sie sind nicht pathogen. Wo immer wir diese Ich-Leistung in klinischen analytischen Arbeiten geschildert finden, erscheint sie deshalb nicht als das eigentliche Objekt der Untersuchung, sondern ist immer nur ein Nebenprodukt der Beobachtung.“[14]
„Aber auch dort in der infantilen Neurose, wo die Abwehr aus Realangst [d. h. Angst vor der Außenwelt] erfolgt war, hat die analytische Therapie sehr gute Aussicht auf Erfolg. Am einfachsten und unanalytischsten ist der Versuch des Analytikers, nach Rückgängigmachen des Abwehrvorgangs im Kind selbst, die Realität, nämlich die Erzieher des Kindes, so zu beeinflussen, dass weniger Realangst vorhanden ist.“[15]
[Anna Freud, Leistungen, Wikipedia, abgerufen am 06.03.2018]
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Zu den Abwehrmechanismen siehe:
- Abwehrmechanismen Tabellarische Übersicht (Gerald Mackenthun, direkter PDF-Download)
- Abwehrmechanismen (N. Grünherz, Weiterbildungsverbund Ruhrgebiet, 2013, PDF-Version einer Präsentation)
x siehe auch:
- Die Psychoanalyse – Eine Konflikttheorie (in: Peer Kutter, Thomas Müller, Psychoanalyse: eine Einführung in die Psychologie unbewusster Prozesse, Klett-Cotta, Stuttgart 2008, S. 17ff, Googlebooks)
- Die Psychoanalyse Sigmund Freuds (Arthur Brühlmeier, PDF-Version)
- Ichpsychologie (Ich-Psychologie, Ego Psychology) (Dunja Voos, Medizin im Text, 01.03.2014)

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