Dienstag, 19. Juli 2016

Empörungsmanagement: Kindergarten des Grauens

Skandal Was Bewegtbilder an Aufklärung fabrizieren können: In Frankfurt ist erstmals in Deutschland die Doku „Salafistes“ zu sehen
Der Skandal ist medial betrachtet auch nur Routine. Eine Übung, die immer wieder absolviert werden muss, eine Kategorie, die der Empörung sagt, wo sie ansetzen kann, ein Begriff für eine etwas hochtourigere Kritik an gewissem Fehlverhalten. Das Skandalöse am Skandal hat es darüber mitunter schwer, gebührend wahrgenommen zu werden.

Das lässt sich etwa an all den Videos zeigen, die seit dem Zusammenschlagen von Rodney King 1992 weiße Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA dokumentieren. Eines der jüngsten Beispiele war der Film, den Lavish Reynolds kürzlich auf Facebook streamte und der in vieler Hinsicht als skandalös diskutiert werden kann – dass in ihm Reynolds’ Mann, von Schüssen eines Polizisten vor dem Fenster getroffen, verblutet, dass die Tochter der beiden auf der Rückbank sitzt, oder vielleicht doch am ehesten: dass es als günstige Entscheidung in der völlig übertriebenen Situation erscheinen muss, zum Schutz vor Repression durch die Staatsgewalt zur Kamera zu greifen, statt nach medizinischer Hilfe zu rufen beziehungsweise nicht erst von einem Gesetzeshüter umgebracht zu werden wegen nichts.

Routiniert am Skandal, den solche Bilder dokumentieren, ist, dass sie nicht einer idealistischen journalistischen Logik entsprechend zur sofortigen Beendigung des Skandalösen führen (Entwaffnung der USA, Deeskalation der Polizisten), sondern lediglich neuen Stoff in den besinnungslos laufenden Nachrichtenstrom eines ausdifferenzierten Medienbusiness einspeisen.

mehr:
- Kindergarten des Grauens (Matthias Dell, der Freitag, 21.07.2016)

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